111 Gründe, Fortuna Düsseldorf zu lieben - Niko Hinz - ebook

111 Gründe, Fortuna Düsseldorf zu lieben ebook

Niko Hinz

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Opis

Klar, es ist leicht, Fortuna Düsseldorf zu lieben, wenn einen die Gnade der frühen Geburt ereilte. Deutscher Meister 1933, DFB-Pokalsiege in den Siebzigern, Europapokalfinale 1979. Fortuna war ein Verein in Glanz und Gloria. Doch warum liebt jemand Fortuna, der erst 1985 geboren wurde? Einen Klub, der von der Bundesliga in die Viertklassigkeit abstürzte und viele Jahre lang nichts als Schmach bereithielt. Einen Verein, der in Wuppertal 0:6 verlor und eine Woche später beim MSV Duisburg II mit 0:3. Der das Selbstverständnis jedes Landeshauptstadtbewohners Woche für Woche mit Füßen trat. Die Antwort: Gerade deshalb. Fortuna gehörte seit Anbeginn zu den großen Vereinen in Deutschland, hat aber in der Vergangenheit auch gezeigt, dass Erfolge nicht alles sind im Fußball. Fußball ist auch, Niederlagen mit erhobenem Haupt zu ertragen. Fußball mit Fortuna ist, stolz zu sein, auch wenn es keinen Grund dazu gibt. Oder um es mit den 'Toten Hosen' zu sagen: 'Ihr könnt uns schlagen, so oft und so hoch ihr wollt, es wird trotzdem nie geschehen, dass auch nur einer von uns mit euch tauschen will.' Fortuna ist Lebenseinstellung: Arrogant und demütig zugleich. Jeder, der das begriffen und richtig gespürt hat, muss diesen Verein einfach lieben.

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Niko Hinz und Jens Wangenheim

111 GRÜNDE, FORTUNA DÜSSELDORF ZU LIEBEN

Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt

WIR SIND DER ZWÖLFTE MANN,FUSSBALL IST UNSERE LIEBE!

VORWORT

FORTUNA – ERFOLGE SIND NICHT ALLES

Klar, es ist leicht, Fortuna Düsseldorf zu lieben, wenn einen die Gnade der frühen Geburt ereilte. Deutscher Meister 1933, DFB-Pokalsiege 1979 und 1980, Europapokalfinale 1979. Fortuna war ein Verein mit Glanz und Gloria. Doch warum liebt jemand Fortuna, der erst 1985 geboren wurde?

Einen Klub, der von der Bundesliga in die Viertklassigkeit abstürzte und viele Jahre lang nichts als Schmach für seine Anhänger bereithielt. Einen Verein, der in Wuppertal 0:6 verlor und eine Woche später beim MSV Duisburg II mit 0:3. Der das Selbstverständnis jedes Landeshauptstadtbewohners Woche für Woche mit Füßen trat.

Die Antwort: Gerade deshalb. Fortuna gehörte seit Anbeginn zu den großen Vereinen in Deutschland, hat aber in der Vergangenheit auch gezeigt, dass Erfolge nicht alles sind im Fußball. Fußball ist auch, Niederlagen mit erhobenem Haupt zu ertragen. Fußball mit Fortuna ist, stolz zu sein, auch wenn es keinen Grund dazu gibt.

Fortuna ist Lebenseinstellung: arrogant und demütig zugleich. Jeder, der das begriffen und einmal richtig gespürt hat, muss diesen Verein einfach lieben.

Um unsere Liebe auszudrücken, haben wir ein Buch geschrieben. Es soll emotional sein und amüsant, aufregend und überzeugend. Es soll Fortuna-Fans zeigen, warum sie welche sind – und Menschen, die noch keine Fortuna-Fans sind, sollen rausfinden, warum sie welche werden sollten.

Niko Hinz & Jens Wangenheim

1. KAPITEL

FUSSBALLKULTUR

DAS LEBENSGEFÜHL FORTUNA DÜSSELDORF

1. GRUND

Weil uns keiner mag und es uns egal ist

Es gibt da diesen wunderschönen Fangesang, den Fortunas Fans so gerne intonieren, wenn aus dem gegnerischen Fanblock mal wieder Hass herüberweht: »Keiner mag uns; Keiner mag uns; Keiner mag uns, scheißegal; Wir sind Düsseldorf; Super Düsseldorf; Keiner mag uns, scheißegal!« Warum dieser Gesang schön ist? Weil er stimmt und weil es uns wirklich egal ist. Dadurch, dass Fortuna in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur durch die Bundesligastadien in Nordrhein-Westfalen getingelt ist, sondern in letzter Zeit auch oft genug in Essen, Wuppertal oder Duisburg zu Gast war (ja, die waren auch mal alle in der Bundesliga, aber schon lange nicht mehr gemeinsam mit F95), sind wir wirklich überall eher verhasst.

Rivalität lebt sich ja am besten, wenn man möglichst häufig in derselben Liga spielt und aufeinandertrifft. Welche Rivalität sollten heute noch Wuppertal und Dortmund oder Essen und Köln pflegen? Aber Fortuna – die mag wirklich niemand, die hat um sich herum nur Rivalen. Überall halten sie uns mindestens für arrogant (na gut, »Kniet nieder, ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast!« zeugt jetzt auch nicht zwingend von geringem Selbstvertrauen).

Besonders in Duisburg gönnen sie uns nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln, was – man kann es nur erahnen – wohl mit einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Landeshauptstadt zusammenhängt, den die Duisburger qua Geburt mit auf den Weg bekommen und größtenteils auch zeit ihres Lebens nicht mehr wegbekommen. »Dummdorfer«, »Dödeldorfer«, »das Dorf an der Düssel«, wahnsinnig originelle Wortspiele – nicht nur aus Duisburg – prasseln auf uns ein. Mann, macht uns das betroffen.

Viele auswärtige Fans glauben, Düsseldorf wäre Kö und Mode und Pelzmäntel und Schickimicki, was man natürlich nur glauben kann, wenn man von Düsseldorf nur die Kö kennt und noch nie in einem der netteren Stadtteile war. Aber lass die das doch glauben, wenn es ihnen hilft, ihre eigene Unzufriedenheit (die womöglich daher rührt, dass sie keine Düsseldorfer sind) zu vergessen. Das können wir doch ab, und die Süffisanteren unter uns freuen sich doch sogar darüber, so viel Gefühl in anderen auszulösen.

Der größte Erfolg der letzten Jahre ist übrigens nicht, dass sie uns in ganz NRW nicht mögen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Nein, das Schönste ist, dass uns auch im Rest von Deutschland wieder einige Vereine gepflegt hassen. Klingt jetzt blöd, wer wird schon gern gehasst. Aber man wird ja nur nicht gemocht, wenn die anderen auch Gründe haben, einen nicht zu mögen. Und die kriegt man nur im direkten sportlichen Vergleich und nicht, wenn man in Liga 4 rumdümpelt und kaum wahrgenommen wird. Die Nicht-Liebe der Frankfurter oder Herthaner ist doch nichts anderes als die große Angst, gegen uns zu verlieren. Wir haben die Angst nicht, denn uns kann nach den dunklen Jahren keine Niederlage mehr nachhaltig schocken. Aber die anderen: Denen schlottern die Beine, seit wir wieder da sind.

»Hass« klingt jetzt natürlich immer hart und viele werden sagen, der hat im Sport nichts zu suchen. Von mir aus darf man diese Gefühle auch gerne abschwächen und einfach Antipathie nennen. Wichtig ist, dass man sie versteht. Und da kann man gut über das Gegenteil argumentieren. Das Gegenteil wäre Freundschaft. Fan-Freundschaft! Ja, was soll das denn? Freundschaft ist im wahren Leben etwas Tolles, aber ich gehe doch nicht zum Fußball, um mich mit den Fans anderer Vereine anzufreunden.

Gemeinsam Bier trinken und quatschen, klar. Aber Freundschaft? Nein, die starken Gefühle beim Sport leben doch gerade von der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und der darüber erzeugten ganz klaren Abgrenzung gegenüber Andersdenkenden. Ich darf bei Spielen anderer Vereine natürlich auch für andere Klubs sein, damit es spannender ist. Aber mein Verein sollte, nein muss, über allem anderen stehen. Wer das nicht fühlt, ist noch beim falschen Verein und sollte einen anderen suchen. Man muss nicht hassen als Fußballfan. Aber den Hass anderer genießen zu können, das ist schon ein vorteilhaftes Talent.

2. GRUND

Weil Fortuna auf Klatschpappen und »Danke«-»Bitte«-Spielchen verzichtet

Die Eventisierung der Bundesliga ist in vollem Gange – die Stadien sind wahre Schlachthöfe der Urigkeit, alles wird vermarktet, inzwischen gibt man den Zuschauern schon Klatschpappen in die Hand, damit sie nicht mehr selbst applaudieren müssen. Inklusive Sponsorenaufdruck, versteht sich. In vielen Stadien ist das Publikum bereits im Dämmerzustand, erwacht nur noch, wenn es ein Tor zu feiern gibt und der Stadionsprecher dann 27 Mal den Torschützen vorliest und danach gemeinsam mit den Fans den Spielstand brüllt. Beispiel: Spielstand 5:3. Stadionsprecher: »Schalke«. Fans: »Füüüünf«. Sprecher: »Hannover«. Fans: »Nuuuull« (Sinn?). Gefolgt vom obligatorischen »Danke« (Stadionsprecher) und »Bitte« (Fans).

Es mag kleinkariert sein, aber für viele Hüter der Fankultur ist gerade diese sinnlose Bespaßung nach Rummelplatz-Art das Böse. Nicht zu Unrecht. An Fortuna ist diese Entwicklung zum Glück so gut wie vorbeigegangen. Aus zweierlei Gründen: Zum einen war Fortuna viert- und drittklassig, als die Bundesligazuschauer peu à peu an diese familienfreundliche Kirmesatmosphäre gewöhnt wurden. Zum anderen gibt es in Düsseldorf eine aktive Fanszene und etwas untypische Verantwortliche, die sich gemeinsam gegen diese Entwicklungen verwehren.

Die Stadionsprecher sagen, sie würden eher ihren Job hinschmeißen, als einmal das »Danke«-»Bitte«-Spielchen zu spielen. Der Stadion-DJ spielt lieber Punkrock und Düsseldorfer Liedgut als jene Right-Said-Fred-Chartmucke, mit der man in anderen Stadien beschallt wird. Wenn Klatschpappen auf den Sitzen lägen, könnte man davon ausgehen, dass die Fans sie vor dem Spiel einsammeln und draußen vor das Stadion werfen würden. Das ist schön.

Als kürzlich Mainz 05 in Düsseldorf gastierte, beklagten sich die Gästefans, dass vor dem Spiel ziemliche Ruhe im Stadion herrsche, es werde kaum gesungen. Wer einmal in Mainz war, weiß, was fehlte: In Mainz gibt es einen Animateur von Stadionsprecher, der den Zuschauern vor dem Spiel einheizt, in einer Lautstärke, dass einem fast die Ohren wegfliegen. Kurz vor dem Spiel wird dann Liedgut (von Karneval bis You’ll Never Walk Alone) so dezibelkräftig aufgelegt, dass es keinen Unterschied macht, ob die Fans mitsingen oder nicht, man kann sie sowieso nicht hören.

Einziger Lichtblick in Mainz: Als Fortuna dort spielte, gab es auf den Tribünen keine Klatschpappen. Als ich dies anschließend in meinem Blog lobend erwähnte, antworteten mir einige Fachkundige: Purer Zufall. Bei 50 Prozent der Spiele würden diese Quälgeister aus Pappe, die man sonst beispielsweise aus Fürth oder München kennt, auch in Mainz verteilt.

Wir lieben den Verein dafür, dass er sich manchem Trend verwehrt. Natürlich muss auch Fortuna sich gewissen Gesetzen der Bundesliga beugen. In Sachen Stimmung vertraut man aber immer noch seinen Fans.

3. GRUND

Weil Fortuna die besten Bewegtbild-Chronisten im Profifußball hat

Als Fortuna Düsseldorf am 11. Juni 1933 ausgerechnet in Köln zum ersten und bislang einzigen Mal zum Deutschen Fußballmeister gekrönt wurde, waren Handys mit Videofunktion noch eher unterrepräsentiert. Ein einziges Dokument der Zeitgeschichte existiert von diesem glorreichen Tag – eine schwarz-weiß-krisselige Aufnahme des WDR, die in launiger Schnitttechnik und ohne Kommentar die Höhepunkte zusammenfasste. Die wahren Emotionen dieses größten Erfolges der Vereinsgeschichte werden nicht so richtig fühlbar. Dabei gäbe es für viele Fans nichts Erhabeneres, als diesen Tag nacherleben zu können.

80 Jahre später sieht das ganz anders aus. Jedes Spiel der Bundesliga läuft in voller Länge, selbst Jahre später finden sich noch Ausschnitte auf einschlägigen Videoportalen. Fortunas Fanszene geht allerdings noch darüber hinaus und leistet sich eigene audiovisuelle Chefchronisten, die die jüngere Historie des Klubs nicht nur sicht- und hörbar machen. Nein, mit ihren Bildern wird alles noch einmal lebendig, dem Zuschauer kommt es vor, als wäre er noch einmal beim Spiel.

Gemeint sind die Jungs von Fortuna-Videos. Mit ihren DVD-Dokumentationen Aufstieg 2009 – alles andere ist nur Gänsehaut,Auswärts in Liga Zwei – unterwegs mit Fortuna Düsseldorf, NRW inFlammen (Best of 2010/11) und Aufstieg 2012 – Normal aufsteigenkann jeder haben sie ein Denkmal geschaffen, das sicher auch noch in 80 Jahren Fortuna-Fans faszinieren wird. Ihr Fokus liegt dabei nicht auf den Spielszenen – die kann man sich auch woanders anschauen. Im Scheinwerferlicht stehen vielmehr die Fans. Während der Spiele den Fanblock zu filmen, ist besser als jedes Tragikomödien-Drehbuch. Hier sind alle Emotionen: Anspannung, Trauer, Jubel, Fassungslosigkeit, Hoffnung. Die Bilder von fortuna-videos.de sind ein Kondensat der Gefühlswelt von 90 Minuten Fußball.

Das vielleicht größte Monument ist allerdings die Dokumentation Nie mehr Oberliga – 2 Jahre in der Viertklassigkeit mit Fortuna Düsseldorf. Darin erzählen Fortuna-Videos-Gründer Mathias Brühl und seine Mitstreiter in Spielszenen und Interviews die Geschichte von der großen Wiederauferstehung der Fortuna. Es waren nicht viele Fans, die damals den Gang in die Oberliga mit dem Klub angetreten haben. Für alle, die damals zu Hause blieben, gibt es mit dieser DVD die Chance, Verpasstes doch noch zu erleben.

Wer Vereinsliebe verstehen will – auch als Fan eines anderen Vereins –, sollte diesen Film schauen. Er zeigt primär verrückte Charaktere, die die Bundesliga gewohnt waren und plötzlich in der 4. Liga entdeckten, was der Kern des Fußballs ist. Der Kern des Fußballs – auf diese Formel lässt sich das Werk von Fortuna-Videos eigentlich komprimieren. Ihre Kameras erfassen, was den Fußball wirklich ausmacht. Nicht auszudenken, was diese Jungs für einen Film geschaffen hätten, wären sie 1933 schon dabei gewesen. Oder zumindest 1979 beim Europapokalfinale in Basel.

4. GRUND

Weil Fortuna innerhalb von sechs Jahren aus 2.000 Mitgliedern über 20.000 gemacht hat

Als Fortuna sich vor sechs Jahren so langsam wieder aufrappelte und zumindest ansatzweise zu ahnen war, dass die Reise bald wieder Richtung Profifußball gehen könnte, betrug die Habenseite bei den Mitgliedern 2.000. Verglichen mit den zigtausend Mitgliedern, die schon damals bei den Bayern, in Dortmund oder Köln zu verzeichnen waren, ist diese Zahl dermaßen lächerlich, dass man jedem Einzelnen von ihnen heute danken müsste, dass er sich überhaupt getraut hat, dem Verein derart seine Anhängerschaft auszudrücken – wobei zu den Mitgliedern natürlich auch die aktiven Sportler des Vereins zählen, die mit der Ersten Mannschaft womöglich gar nicht viel am Hut haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Noch vor wenigen Jahren war es extrem unsexy, Mitglied bei Fortuna zu sein oder eine Dauerkarte zu haben. Dann kam der Boom und auch eine gewisse Knappheit bei der Eintrittskartenvergabe, und plötzlich explodierten in Düsseldorf die Zahlen. Innerhalb kürzester Zeit hat Fortuna ihre Mitgliederzahl mindestens verzehnfacht – aktuell (Stand Mai 2013) spricht man mancherorts sogar von 24.000 bis 26.000 zahlenden Mitgliedern – 20.000 sind es aber mindestens.1 Hinzu kommen über 30.000 Dauerkarten. Man muss sich schon ganz schön am Kopf kratzen, wenn man verstehen will, was hier in den vergangenen Jahren abgegangen ist.

Plötzlich tauchten überall in Düsseldorf Fortuna-Flaggen auf, im Schulunterricht trauten sich die F95-Sympathisanten wieder mit Vereinstrikot in die Turnhalle und in vielen noch so kleinen Lotto-Toto-Läden gibt es mittlerweile einen kleinen Fortuna-Verkaufsbereich. Das gab es, solange ich lebe, noch nie in Düsseldorf. Möglicherweise sah die Stadt zu Zeiten der großen Titel mal ähnlich aus, doch wenn man Ältere fragt oder auch nur mal die Zuschauerzahlen von damals anschaut, kann man ahnen, dass Düsseldorf zum ersten Mal so richtig rot-weiß ist.

Das ist aufregend. Früher gab es häufig nur ein müdes, mitleidiges Lächeln von anderen Düsseldorfern, wenn man mit dem Schal in der Straßenbahn zum Spiel fuhr oder wenn man im privaten Gespräch erzählte, dass man zur Fortuna gehe. Fragte man, ob jemand mitkommen wolle, erntete man meist die Antwort: »Fortuna? Ach, bleib mir mit denen weg.« Und jetzt balgt sich die halbe Stadt um Karten für die Spiele (auch wenn das in Liga 2 wieder etwas weniger geworden ist) und Fortuna ist plötzlich hip, sexy, in.

Aufregend ist es vor allem deshalb, weil nicht nur viele Menschen zur Fortuna zurückfinden, die früher glühende Anhänger waren und dann vor allem durch die miesepetrige Zeit der Abstiege vertrieben wurden. Nein, auch eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen, die mit Viertligafußball nichts anfangen konnten und deshalb erst mal ein Dortmund-, Bayern- oder Gladbachjersey überzogen, kommen nun mit Fortuna in Kontakt und sind begeistert, dass es in der eigenen Stadt auch einen Verein gibt, dessen Team nicht ganz übel kickt.

The sky is the limit. Die große Frage ist, wo und wann dieser Boom aufhören wird. Ist nun bei rund 25.000 Mitgliedern die natürliche Grenze in Düsseldorf erreicht – zumal der Abstieg erst einmal die Euphorie ein bisschen bremsen wird? Oder was passiert, wenn Fortuna eines Tages mal wieder in den Europapokal einzieht und die Kartenschlacht von Neuem beginnt? Eigentlich ist alles jenseits der 25.000 absolut illusorisch, doch die Steigerungsrate der vergangenen Jahre war mindestens genauso illusorisch, und trotzdem ist es passiert. Die wichtigste Aufgabe wird sein, dass der Verein mitwächst – dass sich die Organisation anpasst, um aus dem Aufschwung auch nachhaltig Kapital zu schlagen. Düsseldorf ist bereit. Fortuna hoffentlich bald auch.

5. GRUND

Weil es bei Fortuna freiwillige Geisterspiele gibt

Wir sind Fortuna, wir können alles. Auch ein freiwilliges Geisterspiel der besonderen Art. Ein frostiger Abend im November 2004. Es ist kühl, aber trocken. Man versammelt sich auf der Sitzplatztribüne des Paul-Janes-Stadions am Flinger Broich, um 19.30 Uhr geht’s los. Es beginnt gut. Erste »Fortuna, Fortuna!«-Sprechchöre können gehört werden. Gesänge wie Unsere Heimat, unsere Liebe … und Wir sind alles Düsseldorfer … zeugen von der Zufriedenheit der Zuschauer. So kann es gerne weitergehen.

Aber nun scheint es eng zu werden. Man zittert mit, man leidet, es gibt umstrittene Entscheidungen. »Ohne Schiri habt ihr keine Chance!«, wird trotzig gerufen. Fast erwartet man, gleich eine Durchsage über Stadion-Lautsprecher zu vernehmen: »Schiedsrichter XY wird nach dem Spiel unverzüglich zu den Überresten seines Autos gebeten.« Vereinzelt können Pfiffe gehört werden. Ohoh, das wird eng. Not schweißt zusammen, selbst ansonsten eher ruhige Stadionbesucher, selbst die Diplomaten unter den Fans sind nicht mehr zurückzuhalten, recken den Vereinsschal in die Höhe und singen: You’ll Never Walk Alone. Jede Stimme zählt. Fahnen werden geschwenkt, Transparente hochgehalten. Eine Humba wird aus dem Stegreif auf die Tribüne gezaubert, alle, alle machen mit. Jetzt nur nicht die Mannschaft im Stich lassen!

Und dank dieser fabelhaften Unterstützung klappt es schließlich auch. Es ist besser, jetzt zu gehen und Ihr könnt nach Hause fahren als freundlicher Denkanstoß für den Gegner deuten darauf hin, dass alles den Verlauf genommen hat, den der Fortuna-Fan am liebsten mag. Es ist mal wieder gut gegangen.

Ein schönes Spiel. Wenn denn ein Spiel gewesen wäre. Aber es waren nur Fans im Stadion, kein Spieler irrte auf dem Rasen umher, kein Schiri übersah diese glasklare Abseitsstellung, die man noch von der Tribüne hatte erkennen können, und kein Stürmer versuchte, mit trockenem 16-Meter-Schuss die Kleingartenanlage hinter der Nordtribüne zu treffen.

Es handelte sich um Filmaufnahmen des Schauspielers Lars Pape für seinen ersten Dokumentarfilm als Regisseur. Und da Pape bekennender Fortuna-Fan ist, versammelten sich nach seinem Aufruf Hunderte Fortuna-Fans im leeren Stadion und zelebrierten ein Spiel der paradoxen Art. Die Kamera lief jede Minute mit, der Regisseur verwendete die Aufnahmen in seiner Fußball-Doku Warum halb vier?, die 2005 zunächst im Kino lief und anschließend auf DVD erschien.

Übrigens: Das Ergebnis jenes Abends, als im Paul-Janes-Stadion ganz viel passierte, obwohl eigentlich gar nix los war, wurde von allen Beteiligten nahezu gleich gesehen: »Hauptsache, nicht verloren!«

Ein Gastbeitrag von Carsten Koslowski

6. GRUND

Weil die Fortuna-Fans die Aktion 25.000+ auf die Beine stellten

Ein Tapeziertisch vor den Bilker Arcaden, der Himmel ist wolkenverhangen Anfang April 2009, es droht zu regnen. An dem Tisch stehen ein paar Gestalten und verteilen Flyer. Sie werben für das kommende Heimspiel der Fortuna gegen Tabellenführer Union Berlin – es ist Aufstiegskampf. Sehen will den aber – verglichen mit heute – kaum jemand. Das ehrgeizige Ziel der Flyerverteiler: 25.000 Zuschauer bei ebenjenem Heimspiel. Vermutlich müssen sie mit ihrer Aktion sechs- bis siebentausend Leute ins Stadion locken, die unter normalen Umständen nicht kommen würden, um ihr Ziel zu erreichen.

Die Resonanz auf der Straße ist eher traurig: Viele Passanten winken ab, wollen mit der Fortuna nichts zu tun haben, empfinden es fast schon als Zumutung, überhaupt die Worte »am Wochenende mal wieder zur Fortuna gehen!?« hören zu müssen. Einige wenige lassen sich entschuldigen, wünschen aber immerhin viel Glück für das Spiel und das Rennen um den Aufstieg. Und ganz, ganz wenige bleiben sogar stehen und informieren sich über den Termin und wo es denn Karten dafür gebe. Am schönsten ist es, als eine sechsköpfige Gruppe junger Mädchen ganz aufgeregt fragt, ob wir auch die Karten verkaufen oder wo sie welche bekämen – sie wollten unbedingt mal zu Fortuna gehen. Ein Lichtblick zwischen viel Schatten.

Der Tapeziertisch steht in den folgenden Tagen auch in der Altstadt und auf der Schadowstraße. Flyer werden in allen Stadtteilen von fleißigen Distributoren in Friseurläden und Büdchen verteilt und in jeden Briefkasten gesteckt, auf dem das Schild »Keine Werbung« fehlt. Das Organisationskomitee sammelt Spenden, um neben den Flyern auch große Plakate zu finanzieren, die später am Bahnhof oder am Flughafen hängen und virtuell beispielsweise am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee über den Bildschirm flimmern.

Die Düsseldorfer Medien ziehen mit, auch der Verein präsentiert die Aktion. Wenn schon die Düsseldorfer nicht an Fortuna glauben – dann glauben die Fortunen wenigstens an die Düsseldorfer. Nach gut sechs Wochen steht der Spieltag vor der Tür, und am Vorverkauf ist abzusehen, dass es eng wird. Die Aktion ist zwar bereits ein Erfolg, denn rund 23.000 Karten gingen lange nicht mehr vor einem Spieltag über den Ladentisch, doch ob die 25.000 wirklich erreicht werden, hängt nun auch davon ab, wie erfolgreich die Fans im Freundes- und Familienkreis kurzfristig Zuschauer akquirieren können. Die Organisatoren und Helfer sind aufgeregt.

Doch dann folgt ein Desaster. Damit ist nicht das Ergebnis des Spiels (0:1) gemeint. Nein, die Polizei Düsseldorf kesselt an der Gaststätte Kastanie mehr als hundert Fans ein, damit sie – laut Angaben der Polizei – nicht mit einem Trupp gewaltbereiter Union-Fans zusammentreffen, die vom Freiligrathplatz zum Stadion eskortiert werden. Komischerweise setzt die Polizei diese Aktion (die auch eine kleine Pfeffersprayübung enthält), die sich vor allem gegen Mitglieder der aktiven Fanszene, aber auch gegen Kinder, Frauen und Ältere richtet, auch noch fort, als die Unioner längst im Stadion sind, und auch, als das Spiel längst läuft. Am Ende werden die meisten der Eingekesselten vom Spiel überhaupt nichts gesehen haben, erst Minuten vor dem Abpfiff gelingt ihnen über einen Hinterausgang die Flucht. Als der Kessel plötzlich leer ist, löst die Polizei ihre Blockade auf, viel zu spät.

Im Stadion herrscht eine merkwürdige Stimmung. Aus Solidarität mit den Eingekesselten haben die Ultras ihren Support weitestgehend eingestellt – zu Recht! Ein eigentlich wunderschöner Tag wird so getrübt. Der einzige erhabene Moment ist jener, an dem die Zuschauerzahl auf der Anzeigetafel erscheint. 27.345! Das Ziel ist locker erreicht, ein neuer Rekord für die neue 3. Liga aufgestellt. Niemand konnte ahnen, dass nur wenige Wochen später zum Aufstiegsfinale gegen Bremen II über 50.000 Menschen in die Arena strömen würden. Doch das ist der Aufstiegseuphorie geschuldet. Die Aktion 25.000+ und ihr Erfolg hingegen waren allein der Begeisterungsfähigkeit und der Akquise aller damaligen Fortuna-Fans zuzurechnen. Noch nicht einmal fünf Jahre ist es her, dass man in Düsseldorf um jeden einzelnen Stadionbesucher kämpfen musste und dabei viel Hohn und Spott ertragen musste. Schön, dass diese Zeiten vorbei sind.

7. GRUND

Weil Fortuna Künstler zu Höchstleistungen inspiriert

Woran denkt man als Fortuna-Fan beim Wort »Monkey« zuerst? Vermutlich an die ehemalige Strandbar »Monkey’s Island« im Düsseldorfer Medienhafen. Und natürlich auch an das Trikotsponsoring durch ebenjene Bar, deren Besitzer der ehemalige Fortuna-Präsident Helge Achenbach war. Von 1998 bis 2001 übte Achenbach das Amt des Präsidenten aus, bevor er von Michael Steffes-Holländer abgelöst wurde. Der Affe (Monkey’s Island) löste in der Saison 2003/2004 den Totenkopf (Die Toten Hosen) als Sponsorenaufdruck auf den Düsseldorfer Fußballleibchen ab. Doch zurück zum Affen beziehungsweise zum »Monkey«. Woran könnte der geneigte Fortuna-Fan denn nun noch denken, wenn es um den »Monkey« geht? Ganz klar, an den DüsselMonkey, den Jens Wangenheim für dieses Buch zum Interview getroffen hat. Eines von über 3000 registrierten Mitgliedern im »95er Forum«.

Wodurch er sich von den anderen, mehr als 3000 Mitgliedern unterscheidet? Durch seine originellen, witzigen und kunstvollen Zeichnungen, die er Woche für Woche zu jedem neuen Fortuna-Spiel anfertigt und im Forum präsentiert. Seine erste Zeichnung entstand in der Anfangsphase der Saison 2010/2011. Genauer gesagt zum DFB-Pokal-Zweitrundenspiel gegen 1860 München.

»Eigentlich hab ich das in der Mittagspause in der Firma gezeichnet und dann ganz beiläufig meinem Arbeitskollegen, der ebenfalls Fortuna-Düsseldorf-Fan ist, gezeigt.« Dieser war von dem Erstlingswerk so begeistert, dass er den »Monkey« sofort dazu antrieb, seine Zeichnung im Forum hochzuladen und der Online-Gemeinde der Fortuna zu präsentieren. »Er meinte, ich soll’s mal im Forum posten. Ich hab eigentlich an eine einmalige Sache gedacht und mich auf herbe Kritik seitens der Fans eingestellt. Aber genau das Gegenteil geschah. Die wollten mehr … und da hatte ich den Salat.« Es dauerte keine zehn Minuten, bis der Erste Fortuna vorschlug, Aufkleber von seiner Zeichnung zu drucken.

Wenn man sich seine knapp 70 Zeichnungen so anschaut, dann fragt man sich unweigerlich auch, was das eigentlich für ein Typ ist, dieser DüsselMonkey. Wirklich viel möchte er nicht über sich preisgeben. Doch ich bleibe hartnäckig und will wissen, wie er zur Fortuna kam, oder die Fortuna zu ihm. »Ich bin in Meerbusch Osterrath aufgewachsen. Dass das halbe Dorf da mit dem Fortuna-Virus infiziert ist, ist ja schon immer so gewesen. Von unserem Haus aus konnte man die Flutlichtanlagen der alten Schüssel, des Rheinstadions, sehen. Außerdem habe ich meine Ausbildung in Düsseldorf gemacht und war mit meinen Kollegen damals fast jeden Freitag in der Altstadt. Das geht ja auch nicht spurlos an einem vorüber«, sagt er, begleitet von einem Zwinkern. »Ich bin halt einfach mit Düsseldorf und der Fortuna aufgewachsen.«

Die sportliche Talfahrt sowie die Gründung einer kleinen Familie sorgten dann eine Zeit lang dafür, dass DüsselMonkey weniger oft ins Stadion ging. Klar, man muss halt Prioritäten setzen … »Aber die Fortuna hab ich stets beobachtet, und immer auf ein Comeback gehofft«, schiebt er hinterher. »Mit einem Kumpel habe ich damals einen Deal abgeschlossen.« Die beiden saßen in der Altstadtkneipe »Zille«, als sie sich gegenseitig schworen: »Steigt die Fortuna wieder in die 2. Liga auf, dann besorgen wir uns ein neues Trikot und gehen wieder zu den Spielen, egal was die Frau sagt.« DüsselMonkey hat sich das Trikot mit der Nummer 17 geholt. Mit seinem Lumpi-Trikot war er fortan wieder regelmäßig live dabei. Begeistert erzählt er mir auch davon, einmal ein Spiel aus Block 42 verfolgt zu haben. »Zwei Reihen hinter den Trommlern – und abends hatte ich keine Stimme mehr. Mann war das geil …«

Doch zurück zu seinen Bildern. Die sehen alle so gut aus, dass ich wissen möchte, wo er so gut zeichnen gelernt hat. Er mache das beruflich, sagt er. Aber dann hauptsächlich am Computer und eher im Bereich Maschinenbau als zur Belustigung anderer. Oft sind seine Zeichnungen durchaus provokant den gegnerischen Vereinen gegenüber. Deshalb gab es auch schon mal ein paar böse Nachrichten bei Facebook, sagt DüsselMonkey. Ein Gladbach-Fan fand es beispielsweise weniger witzig, den bergischen Löwen auf einem Fohlen reiten zu sehen. »Der wollte mich vermöbeln und hat sich tierisch aufgeregt. Aber so ist das halt im Internet.«

Es gab aber natürlich auch eine Menge positiver Reaktionen, wenn auch logischerweise vorwiegend aus dem Fortuna-Lager. Viele Fans schreiben ihn im Forum oder bei Facebook an und fragen, ob sie seine Zeichnungen weiter verlinken und posten dürfen. »Fortunen haben halt Anstand«, lacht er. »Im Forum wollte man sogar Geld für mich sammeln und mir ein Grafiktablet schenken, damit ich die Fortuna-Zeichnungen direkt am Computer anfertigen kann.« Zum Schluss möchte ich noch wissen, welche seine persönlichen Lieblingszeichnungen sind. »Nach der netten Facebook-Nachricht von dem Gladbach-Fan auf jeden Fall die mit dem Löwen, der das Fohlen reitet«, sagt er sofort, ohne zu überlegen. Ansonsten gefallen ihm auch das Bild mit der Seeschlacht vom Spiel gegen Mainz 05 und das Rotzlöffel-Bild mit Sascha Rösler sehr gut.

Man muss nicht jede Woche im Stadion sein, um als echter Fan zu gelten. Es sind auch Leute wie DüsselMonkey, die den Verein Fortuna Düsseldorf so liebenswert machen.

8. GRUND

Weil wir nicht die Ersten waren, die beim Aufstieg den Platz stürmten – aber die Wirkungsvollsten

Diese Berichterstattung war schon extrem schwer zu ertragen. Nach dem Platzsturm einiger(!) Düsseldorfer Fans beim Relegations-Rückspiel gegen Hertha BSC im Mai 2012 wurde von einigen deutschen Fernsehmenschen ein »bürgerkriegsähnlicher« Zustand ausgerufen. »Chaoten«, »Vandalen«, »Kriminelle« – kein Terminus war gefährlich genug, um dieses Ereignis zu beschreiben. Was war passiert? 1 ½ Minuten vor dem wirklichen Schlusspfiff waren Fortuna-Fans auf den Rasen gelaufen, um den Aufstieg zu feiern. Zwei, drei Minuten vorher hatten sie sich am Spielfeldrand versammelt. Nicht ganz die feine englische Art, allerdings auch kein Grund, den Untergang des Abendlandes zu verkünden.

Dennoch wurde eine mediale Welle losgetreten, die den Eindruck vermittelte, deutsche Stadien seien Kriegsgebiete, nichts könne gefährlicher sein, als ein Fußballspiel zu besuchen. Maischberger sprach von den Ultras als »Taliban«, Kerner fackelte im Fernsehstudio eine Puppe ab, um zu zeigen, wie gefährlich Bengalen sind, wenn man sie nur zwei oder auch 200 Sekunden an eine Jacke hält. Dabei hätte es all den Sensationsheischern, die die Düsseldorfer für die Schlimmsten aller Schlimmen hielten, gutgetan, einfach ein wenig in die Historie zu schauen.

Besonders schöne Bilder gibt es vom EM-Triumph der Deutschen 1972 im Finale zu Brüssel gegen die UdSSR. Da standen die Fans schon Minuten vor dem Abpfiff halb im Feld, stürmten dieses ziemlich ankündigungslos, und da Deutschland schon 3:0 führte, wurde auch gar nicht erst nachgefragt, ob der Schiedsrichter schon abgepfiffen hatte. Übrigens bei einem Spiel des DFB, dessen Mitarbeiter 40 Jahre später das Verhalten der Fortuna-Fans schwer geißelten.

Es gibt Dutzende Beispiele für Platzstürme in der älteren und jüngeren Vergangenheit. Auch war der Platzsturm in Düsseldorf nicht der erste, der sich schon vor Abpfiff des Spiels zutrug. Schon aus den 20er-Jahren sind solche Emotionsexzesse überliefert. Bisher sprach dabei aber niemand von Kreaturen, die man am besten per Eilverfahren ins Gefängnis steckte. Doch der Platzsturm von Düsseldorf, dem ein relativ pyromanisch-asoziales Verhalten der Hertha-Fans und ein pyromanisch-übliches Verhalten der Düsseldorfer Fans vorausgegangen war – er ging in die Historie ein als »Fußball-Schande von Düsseldorf« (www.bild.de), als Kern allen Übels auf der Welt, als Gefährdung des intergalaktischen Friedens.

Es bleibt einem als Düsseldorfer wohl nur übrig, darüber zu schmunzeln. Und sich der Tatsache zu erfreuen, dass dieser – insgesamt eher ärgerliche, weil sinnfreie – Zu-früh-Platzsturm im Gedächtnis der Menschen haften bleiben wird. Es gäbe schönere Assoziationen mit Fortuna, beispielsweise könnten endlich mal alle rund sieben Milliarden Erdenbewohner feststellen, dass Fortuna der liebenswerteste Verein der Welt ist. Aber gut, immerhin sind wir dadurch wieder ein Stück bekannter geworden.

Ach so, einen haben wir noch, als speziellen Gruß an Michael P., der inzwischen in Berlin seine Brötchen verdient: 1989 stieg Fortuna Düsseldorf durch ein 4:1 gegen den SV Meppen in die Bundesliga auf, inklusive Platzsturm versteht sich. Mittendrin: Nachwuchsstürmer Michael Preetz. Der Mann, der selbst heute vor Halbangst kaum atmen kann, hat damals relativ entspannt diesen Platzsturm überlebt. Er hätte also wissen können, was und wer da kommt. Er zog es allerdings vor, so zu tun, als wären die Platzstürmer bis auf die Zähne bewaffnet direkt auf ihn zugerannt. Gut, dass die Hertha-Fans beim letzten Aufstieg so brav geblieben sind.

9. GRUND

Weil das Paul-Janes-Stadion der industrieromantischste Ort auf Erden ist

Der Moment, als ich mich endgültig in diesen Ausblick verliebte, trug sich am 28. April 2006 zu. Das Spiel zwischen Fortuna und Hertha BSC II war um 19.30 angepfiffen worden. Um kurz nach neun ging langsam die Sonne über der Haupttribüne des Paul-Janes-Stadions unter. Ich hatte schon Dutzende Male auf der Osttribüne gegenüber gestanden, viele Fortuna-Spiele dort gesehen. Ich hatte schon oft auf die hinter der Tribüne aufragenden Schornsteine der Müllverbrennungsanlage geschaut, doch jetzt packte mich diese Szenerie irgendwie.

Das Fußballspiel direkt vor mir, dahinter die gebannt dreinschauenden Fans, und wiederum dahinter die Umrisse der Fabrik vor einem wilden Himmel aus Sonnenuntergang und dem langsam verbleichenden Tageslicht. Den Moment perfektionierte in der 83. Minute Fortuna-Stürmer Ivan Pusic. Er erlief einen Pass, ignorierte Hertha-Tormann Kevin Stuhr Ellegaard und netzte zum 1:0 ein. Es folgte ein unangemessen großer Jubel, denn eigentlich war dieses Spiel völlig unwichtig, kurz vor Saisonende stand Fortuna im oberen Niemandsland der Tabelle.

Das Paul-Janes-Stadion ist keine Schönheit, es ist nicht besonders gemütlich, die Anfahrtswege und die Parkmöglichkeiten sind ähnlich unvollkommen wie die Einlasssituation. Und trotzdem gibt es fast nichts Größeres, als dort hinzugehen. Alles an diesem Ort riecht nach stolzer Vergangenheit. Insbesondere die Erzählungen der Älteren, die hier in den 60ern noch auf rasenbefleckten Tribünenhängen standen, sind besonders. Und die Vorstellung, dass in dieser 1930 erbauten Anlage 1950 einmal 36.000 Zuschauer einem Fußballspiel beiwohnten.

Zur letzten Blütezeit des PJS, als die Fortuna in der Viertklassigkeit kickte, war man einigermaßen zufrieden, wenn ein Zehntel von 36.000 kamen. Heute verlaufen sich mit viel Glück noch mal 2.000 Menschen zu einem Spiel der Zweiten Mannschaft dorthin. Aber immer wenn ich da bin, ergreift mich wieder dieses Gefühl, dass dies seit mehr als 80 Jahren die Urstätte unseres Vereins ist. Dieser rustikale Charme, der sich irgendwo zwischen Bezirkssportanlage und großer Fußballwelt bewegt: urig-bezaubernd.

Eigentlich ist dieser Beitrag auch ein wenig ein Plädoyer dafür, dort einfach mal wieder hinzugehen. Zwote, A-Jugend, irgendein Juniorenspiel. Hier ist der Fußball ehrlich, das Umfeld familiär (inklusive leckerer Wurst und kurzer Bierbuden-Ansteh-Zeiten, weil die Jungs genau wissen, was sie da beim Zapfen tun), die Aura bedeutender Spieler und großer Fußballerlegenden ist in jedem Eckchen der zugegeben bröckelnden Anlage spürbar.

Ach so, zurück zur Industrieromantik. Manch einer wird sagen, die Zechen im Ruhrgebiet oder die Tagebaustätten im Osten kommen weit vor diesem x-beliebigen Stadion. Aber auch Flingern war ein Arbeiterstadtteil und ist es teilweise noch heute. Die Müllverbrennungsanlage, eine sehr moderne übrigens, wirkt wie ein Relikt aus einer Zeit, als hier tatsächlich noch malocht wurde. Es ist schön, diese Nähe zu den Ursprüngen zu haben. Und trotzdem modernen Fußball zu sehen. An dieser Stelle darf kurz einmal heimlich gelacht werden.

Die Sicht von der Osttribüne hinüber zu den Müllverbrennungstürmen über der antik anmutenden Haupttribüne kann übrigens jederzeit genossen werden, der Weg bis zum Zaun der Osttribüne ist zugänglich. Diese Information nur für den Fall, dass jemand dort mal einen Sonnenuntergang miterleben möchte.

10. GRUND

Weil wir Dietmar Hopp gezeigt haben, dass es sich lohnt, Fortuna Düsseldorf wieder in die Bundesliga zu holen

Die Fortuna-Fans waren durchaus erzürnt, als Dietmar Hopp im Jahre 2008 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview gab. Er sprach darin über Fußball und Marktwirtschaft und all die hehren Pläne, die er mit seiner TSG Hoffenheim verfolgen wollte, diesem tollen Verein aus dem Kraichgau. Nicht nur, dass er von diesen Plänen in der Folgezeit so gut wie keinen einzigen umsetzen konnte – mit einem bestimmten Satz machte er sich auch nachhaltig unbeliebt in Düsseldorf und Umgebung.

»Klar, wir hatten eine Anschubfinanzierung, aber die haben grundsätzlich nicht weniger als wir. Noch mal: Das ganze Gerede von Traditionen verstehe ich nicht. Sehr viele Traditionsvereine sind längst verschwunden, oder wollen wir jetzt Fortuna Düsseldorf zurück in die Bundesliga holen? Das ist Marktwirtschaft. Auch im Sport, vor allem im Fußball.«3

Danke, Dietmar! Als wären nicht schon genug Abgesänge auf die Fortuna in jenen Zeiten produziert worden, kam noch mal eine zusätzliche Motivationsspritze aus dem traditionsgeschüttelten Hoffenheim nach Düsseldorf. In diesem Buch wird an anderer Stelle noch über Tradition geschrieben werden. Für den Moment wollen wir aber doch kurz die Freude auskosten, dass es gerade einmal rund fünf Jahre nach dieser marktwirtschaftlichen Belehrung des Mäzens der Nation schon wieder ein Comeback der Fortuna in der Bundesliga gab.

Auch mit Spielen gegen Hoffenheim, denen Herr Hopp leider fernblieb und die die Fortuna noch leiderer beide wenig erfolgreich gestalten konnte. Am Ende blieb dieses Geschwür am Bodensatz des deutschen Fußballs sogar aufgrund unserer Unfähigkeit noch in der Liga. Dennoch ist die »längst verschwundene« Fortuna wieder auf der Landkarte des deutschen Oberhaus-Fußballs aufgetaucht, und möglicherweise ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis Paul Jäger in einem Interview fragt: »Oder wollen wir jetzt die TSG Hoffenheim zurück in die Bundesliga holen?«

Ach komm, wieso soll in so einem guten Fanbuch nicht auch ein wenig Hoffenheimschelte vorkommen, zumal der TSG leider kein Buch dieser Reihe gewidmet ist. Also befassen wir uns an dieser Stelle noch mal kurz mit der Ankündigung von Dietmar H., sein Klub solle keine Legionärsansammlung werden, sondern vor allem gefüttert durch das gute eigene Ausbildungsprogramm – ein Klub aus dem Kraichgau für den Kraichgau quasi.

Es lohnt sich, diese Ankündigung mal einem genaueren Reality-Check zu unterziehen, denn wenn man dies tut, stellt man fest, dass die Zahl jener Spieler, die aus der eigenen Jugend in den Profibereich der TSG gewechselt sind, bei exakt null liegt. Zero. Keiner. Gar niemand. Zumindest niemand, der es auch nur ansatzweise zum Stammspieler im Legionärssammelsurium der Hoffenheimer geschafft hätte. Kein einziger.

Kein Klub bringt jedes Jahr zehn neue Eigengewächse in der Ersten Mannschaft unter. Aber ab und zu fällt schon mal einer rein und gerade, wenn man zunächst ankündigt, man werde quasi eine Kraichgau-Dynastie begründen und dann später vertröstet, man habe diesbezüglich ein paar Startschwierigkeiten gehabt, jetzt werde man aber bald ernten, dann ist das schon irgendwie peinlich. Fast so peinlich wie dieser Satz aus dem Interview mit der FAZ.

11. GRUND

Weil wir aus Otto Rehhagels »Halbangst« einen Klassiker der Filmgeschichte machten

Die finale Pointe des Relegationsrückspiels 2012 lieferte Otto Rehhagel bei der Befragung durch den DFB-Kontrollausschuss. Auf die Frage, ob er denn Angst empfunden hätte, als die Düsseldorfer Fans immer näher an ihn heranrückten und schließlich den Platz stürmten, antwortete der Altinternationale sinngemäß: Nun ja, Angst nicht direkt. Eher so Halbangst.

Poet Otto. »Halbangst«, ein genialer Terminus, irgendwo zwischen keine Angst und der Angst im Essener Kohlekeller von 1943. Grund genug für ein paar künstlerisch sehr begabte Düsseldorfer, diese Terminologie zu ihrem Markenzeichen zu machen und unter diesem Namen kleine Filmchen zu drehen, die sich mit den kleinen Feindschaften der Fortuna mit anderen Traditionsvereinen auseinandersetzen. Die Liebe zum Verein in Sieben-Minuten-Clips sozusagen.

Alles begann in der Lieblingskneipe – oder wie die Filmer selbst sagen: »auf der Terrasse unseres verlängerten Wohnzimmers«. Dort langweilte die Gruppe gerade ein EM-Spiel, als man sich noch einmal verbal an das Nachspiel des Duells Fortuna gegen Hertha erinnerte. »Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass es eine geile Retourkutsche geben müsste«, entsinnt sich ein »Halbangst«-Mitglied. Gesagt, getan. Heraus kam ein aberwitziges Filmchen, bei dem sieben harmlos anmutende Düsseldorfer Rentner zwei Hertha-Fans in die Flucht schlugen. Was professionell aussah, war eher einer Laune der Improvisation entsprungen. »Die Szenen haben wir uns während des Drehs ausgedacht«, dazu kam ein Lied, das halb auf dem Papier, halb im Tonstudio entstand.

Der Erfolg von Halbangst 1 war überwältigend und stachelte die Truppe an, einen Schritt weiterzugehen. Für Halbangst 2 nahmen die Filmemacher die Fehde zwischen Eintracht Frankfurts Sympathieträger Armin Veh und »Rotzlöffel« Sascha Rösler auf die Schippe. Und wie! Das Haus vom Veh, bei dem eine düsseldorfweit bekannte soziale Einrichtung zufälligerweise immer wieder während des Refrains ins Bild gerückt wurde, verbreitete sich viralst – sogar Armin Veh musste dazu auf einer Pressekonferenz Stellung nehmen und tat dies ungewohnt selbstironisch, indem er sogar Lob nach Düsseldorf schickte.

»Wir wollten das Ganze mit mehr Geschichte und kuriosen Dingen anreichern als beim ersten Mal«, sagten die Urheber. Man kann es schlecht beschreiben, wie viele kleine versteckte Anspielungen in diesem Video zu finden sind – aber die »Strichääää« oder auch die Sascha-Rösler-Masken haben nachhaltig Eindruck in der Anhängerschaft hinterlassen.

Es schien ganz so, als sei dieses Meisterwerk nicht mehr zu toppen. Doch kürzlich brachte »Halbangst« ein drittes Video heraus: Jetzt simmer hier, eine Parodie des BAP-Songs Verdamp lang her. Dazu reisten die »Halbangst«-Rentner auf verschiedensten Wegen in die verbotene Stadt – per Taxi, per Schlauchboot auf dem Rhein, oder auch per Flugzeug. Eigens für die Filmemacher wurde ein Schalter am Düsseldorfer Flughafen geöffnet und ein Jet auf dem Rollfeld bereitgestellt. Überragend! In Köln angekommen, versammelten sich rund 120 Fortunen auf der Domplatte, die meisten Teilnehmer dieses Flashmobs wussten jedoch gar nicht, was sie dort erwarten würde. Zuerst empfing sie Georg Koch im grünen Hulk-Kostüm als Stillsteh-Statue vor dem Dom. Und dann wurden sie Teil eines Fangesangkonzertes – mitten auf der Domplatte. Noch überragender!

»Wir haben die Latte mit Halbangst 2 sehr hochgelegt, aber wir haben sie bei Halbangst 3 trotzdem nicht gerissen«, sagen die Macher bescheiden. Doch die Resonanz gibt ihnen recht. Zahlreiche Zeitungen griffen das Video auf, bei YouTube wurde es wie seine zwei Vorgänger ein – im Rahmen der Möglichkeiten – Clickburner.

Die große Frage ist: Wie lang geht das noch mit »Halbangst«? »Wir warten natürlich immer auf den richtigen Anlass, der muss schon stimmen«, sagt die Gruppe. »Aber solange 99,9 Prozent der Zuschauer das Ganze gut finden und 0,1 Prozent Amöben aus Berlin, Frankfurt und Köln den YouTube-Kanal besudeln, lohnt sich der Aufwand immer wieder, zumal wir beim Drehen aus dem Lachen kaum herauskommen.«

12. GRUND

Weil es doch auch gar keine Alternativen für einen Düsseldorfer gibt

Ja klar, überall gibt es ein paar Versprengte, die werden Bayern- oder Dortmund-Fans. Insbesondere in meiner Generation fielen einige der schwarz-gelben Euphorie Mitte der 90er zum Opfer, was noch heute den schönen Fangesang »Dortmund-Fans sind alle unter 12« rechtfertigt, den man leider nur noch sehr selten hört. Aber wenn wir diese verirrten Gemüter jetzt mal beiseite lassen, die es in jeder Region Deutschlands gibt – was soll man in Düsseldorf auch anderes werden als Fortune?