Yalla, Feminismus! - Reyhan Sahin - ebook

Yalla, Feminismus! ebook

Reyhan Sahin

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Opis

»Wie geht Selbstermächtigung? Lady Bitch Ray macht’s vor.« Dr. Svenja Flaßpöhler Reyhan Sahin – besser bekannt als Lady Bitch Ray – verkörpert eine ebenso einzigartige wie aufregende Position im feministischen Diskurs: Als promovierte Linguistin, provokante Rapperin und alevitische Muslimin spricht sie über weibliche Sexualität, den Islam und Antirassismus wie keine andere. Denn sie kennt sich mit Diskriminierung aus: als Frau im wissenschaftlichen Universitätsbetrieb, als türkisch-muslimische Alevitin, als Rapperin in der männlich dominierten Hip Hop-Szene. Sie steht für einen neuen Feminismus, der sich der eindimensionalen Fixierung auf die weiße westliche Frau entgegenstellt und sich für Selbstermächtigung und Entscheidungsfreiheit für alle Menschen einsetzt. In einer Sprache, in der sich Ghettoslang und wissenschaftliche Analyse unverschämt nahekommen, zeigt sie, wo in Sachen Gleichberechtigung die großen Diskrepanzen liegen. Lady Bitch Ray engagiert sich für Frauensolidarität, bricht mit Sex-Tabus und macht deutlich, dass sich Kopftuch, Modebewusstsein und Feminismus keineswegs ausschließen. »Durch mein früh ausgeprägtes Selbstbewusstsein und meine Stärke tat ich automatisch emanzipierte und feministische Dinge, indem ich mich wehrte und selbstbestimmt meinen eigenen Weg ging. Ich kam sozusagen über die Praxis zum Feminismus, nicht über die Theorie. Die las ich mir viel später an. Ich musste mich sozusagen aus Betroffenheit emanzipieren.«

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YALLA, FEMINISMUS!

REYHANŞAHINAKA DR. BITCHRAY

Tropen Sachbuch

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

© 2019 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Zero-Media.net, München unter Verwendung eines Fotos von © Carlos Fernandez Laser, Hamburg

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN978-3-608-50427-9

E-Book: ISBN 978-3-608-19197-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Glossar

Die Spitze der Klitoris

I. 

Ceci n’est pas une féministe

Von Lady Bitch Ray zu »Bitchsm«

Yalla, Feminismus!

Feministische Intersektionalität

Antimuslimischer Rassismus

II. Hip-Hop, du Hurensohn (aber damit meine ich nicht deine Mutter!)

Überdach Schwanz: Strukturelle Penispeitschkultur

Hip-Hop’sches Stockholm-Syndrom

Lyrisches-Ich-Schizophrenie

Heilige-Hure-Dich(t)otomie

Bitchstorm, Dickpics

und

Rape Culture

The »good« Boys: versteckter Sexismus

Hip-Hop-Feminismus

Hip-Hop-Feminismus straight outta Almanya!

Bad Girls: von Bitch zur Queen Oruspuhhh

Sexpress yourself: Doo Wop (That Thing)

Sexpussytivismus & feministischer Pornorap

Nuttin’ but a she thing: German Female Rap

#RapMeToo: Can’t trust it

Yalla, Feminismus-Deutschrap-Manifesto

III. Die deutsche Kopftuchsaga:

A little bit of

Kopftuchsplaining

Ya habibi Hijab: Islamischer Feminismus & Emanzipation im Islam

Babas Hijab – im islamischen Patriarchat

Muslim Habits: Habitus Hijabisistaz

Kopftuchstyle-Diversität:

Das

Kopftuch gibt’s nicht!

Hijab Couture & Muslim

Riot

Grrrlz: Welches Kopftuch ist Punk?

Islamischer Feminismus: Gender Jihad unterm Hijab

Feministische Kopftuchexegese im Koran

Das Kopftuch sagt: »Yalla, halt’s Maul! Jetzt spreche ich!«

Kopftuch-Whitewashing

Special Muslim Grrrl: Alevitin

Yalla, Baby-Kopftuch-Riots

IV. Die Fuckademia: Der cis Schwanz aus Elfenbein

Fuckademische Zustände

Professoren-Harems

Heiratsmarkt: Fuckademia

Ausgrenzung, Rassismus & Stigma

Tokenisierung &

Educated

Kanax

Dr.in Aschenputtel

Die leise Diskriminierung

Stigma & Fick’dım-Blaming

Stabstelle »Gleichstellung«:

911 is a joke!

Und schon wieder: Solidarität

#Geschichten

Schlussworte

Anhang

Anmerkungen

Bibliografie

Für Ç.

Glossar

ABAYA, TÜRK. ABAYE Lange weite (meist dunkle) einteilige Gewänder, die von gläubigen Musliminnen in der Regel mit großen, schulterbedeckenden Kopftüchern getragen werden. Es gibt sie auch in verzierten und taillierten Varianten.

ALEVITENTUM, TÜRK. ALEVILIK, ALEVIT*INNEN Im muslimischen Kontext entstandene, vom Sufismus und islamischer Mystik geprägte Glaubensrichtung in der Türkei, siehe Abschnitt »Special Muslim Grrrl« im Buch.

ANATOLIEN, TÜRK. VON ANA DOLU (VOLLER MÜTTER) Östliche, ländliche Gebiete der Türkei, wird manchmal auch synonym für die gesamte Türkei benutzt.

ANA, DEDE Geistliche Führer*innen des Alevitentums. Gemäß der alevitischen Glaubenslehre, die an die eigene Abstammung vom Propheten Mohammed und dem Imam Ali glaubt, sind diese prädestiniert, das Alevitentum zu lehren.

BLACK, INDIGENOUS AND PEOPLE OF COLOUR (kurz: BIPoC) bezeichnet die Erfahrungen Schwarzer und indigener Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

BUYRUK (GEBOT) Ist nach dem Koran das Glaubens- und Verhaltensregeln beinhaltende Grundlagenbuch des Alevitentums, eine Offenbarung des Imam Cafer-i Sadık, des 6. der für die Alevit*innen bedeutsamen 12 Imame.

CIS GENDER, CIS FRAUEN, CIS MÄNNER Cis bezeichnet im Gegensatz zu trans Geschlechteridentitäten, die mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen.

CEM Religiöse Zeremonien bei Alevit*innen mit Gebetsritualen, gerichtlicher Gemeinschaftsverordnung und religiös konnotierter Musik.

FEATURE Ein gemeinsam produzierter Song von zwei (oder mehreren) Musiker*innen.

FEMALESEXSPEECH/SEXTALK In diesem Buch gemeint als: Das Sprechen von Frauen über Sex.

FRAU Hab ich zum Genderausgleich neben »man« benutzt.

FUCKADEMIA Wissenschaftsbetrieb. Von mir aufgrund von hierarchischen, alten weißen, cis-männlichen und Frauen ausgrenzungsfördernden Strukturen und Machtverhältnissen der Hochschulbetriebe so genannt.

GENDER JIHAD Das Bestreben um Geschlechtergleichberechtigung im muslimischen Kontext.

GENDER GAP Mit der Benutzung des Gendersterns (*) möchte ich alle Geschlechter, Frauen, non-binäre, intersexuelle, transsexuelle, queere Menschen mit einbeziehen. Wohl wissend, dass ich in dem Sinne privilegiert bin, mich als cis Frau sozialisiert zu haben.

HADITHE (ARAB. AHADITH), AUCH HADITH-SAMMLUNGEN Mündlich überlieferte Berichte, die detaillierte Auskunft über die islamische Lebensführung sowie die Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed geben. Vielen Muslim*innen dienen sie als wichtige Quellen neben dem Koran.

HACI BEKTAŞ VELI Muslimischer Sufi, oder: Mystiker, dessen Schriften die alevitische Glaubenslehre beeinflusst haben und von vielen Alevit*innen verehrt werden. Er lebte im 13. Jahrhundert in Anatolien.

HIP-HOP-SLANG Aus dem US-amerikanischen Englisch stammende Wörter und Bezeichnungen, die im Kontext der Hip-Hop-Musikkultur entstanden und in verschiedene Sprachen übergegangen sind.

*INNEN, IN*NEN Ich setze den Genderstern in diesem Buch abwechselnd vor *innen oder zwischen in*nen, weil ich damit nicht nur alle Frauen, trans- und intersexuelle Menschen einbeziehen, sondern parallel dazu auch vom generischen Femininum statt nur vom Maskulinum ausgehen will, schließlich geht’s schon genug um cis Schwänze in Wort und Schrift.

INTERSEKTIONALITÄT Der gesamte Bereich der Mehrfachdiskriminierung, bei dem sich Rassismus und Sexismus als Diskriminierungsformen überschneiden.

ISLAMISCH, MUSLIMISCH Benutze ich beides synonym, ohne eine politische Unterscheidung zu machen.

KANAKE, KANAKIN Ursprünglich von der Kanak-Attak-Bewegung propagierte, positiv umgedeutete Selbstbezeichnung von Nachkommen türkischer, griechischer, italienischer etc. (Gast-)Arbeiter*innen in Deutschland. Heutzutage wird der Begriff von vielen (Post-)Migrant*innen und People of Color im positiven Sinne verwendet.

LGBTQI*S Sammelabkürzung für Lesben, Gays, Bisexuelle, Transsexuelle, Queers, Intersexuelle.

LOOKISMUS, LOOKISTISCH Diskriminierung aufgrund des Aussehens einer Person.

MUSLIMA Hier benutzt als Synonym für Muslimin.

PEOPLE OF COLOR (kurz: PoC, Singular: Person of Color) Politische (Selbst-)Bezeichnung für Menschen, die nicht weiß sind und einen gemeinsamen Erfahrungshorizont in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft aufweisen. Dies können Schwarze Menschen, oder auch Menschen mit türkischem, kurdischem oder arabischen Migrationsbackground sein.

POPFEMINISMUS Die Vermittlung feministischer Inhalte durch popkulturelle Formen, wie etwa Musik, Tanz, Performance, Theater.

QUEER Positiv umgedeuteter, herrschaftskritischer – oftmals auch als Selbstbezeichnung genutzter – Begriff für sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten, die von der vorgegebenen Norm abweichen. Queer wird auch als Oberkategorie für alle sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten benutzt.

RAP-GAME Die Rap-Szene (wobei es nicht die Rap-Szene gibt) wird oft auch als »Rap-Game« bezeichnet.

RAPE CULTURE Gesellschaften und Milieus, in denen sexuelle Gewalt und Vergewaltigung verbreitet sind und geduldet werden.

SCHWARZ wird bewusst großgeschrieben und bezeichnet eine gesellschaftspolitische Kategorie; ebenso ist es die politisch korrekte Bezeichnung für Schwarze Menschen.

SEXPOSITIVISMUS Positive Haltung zur Sexualität und zum Sexualtrieb, der Einsatz für Menschen unabhängig von ihrer biologischen, sozialen oder psychologischen Geschlechtszugehörigkeit und sexuellen Orientierung (auch Asexualität und Zwischenformen).

SLUTSHAMING Abwertung und/oder Diskriminierung von Frauen und Mädchen aufgrund ihrer sexuellen Aktivität, sexualisierten Verhaltensweise oder äußerlichen Aufmachung (zum Beispiel Bekleidung), die als (vermeintlich) »schlampig« empfunden wird, weil sie von der heterosexuellen Norm abweicht.

TAKIYE (ARABISCH AUCH: TAQIYA) Eine defensive Strategie im Islam, die eigene religiöse Identität zu leugnen, um in einem gefahrverbergenden Umfeld nicht aufzufallen. (Schiit*innen und) Alevit*innen praktizierten jahrhundertelang takiye, um damit als religiöse Minderheit Verfolgung und Ausgrenzung zu entgehen.

TOKENISIERUNG/TOKENISMUS Instrumentalisierung einer Person aus einer Minderheitengruppe als Vorzeigesubjekt für (zum Beispiel) Diversität.

VICTIMBLAMING Beschuldigung und Rügen des Opfers bei einem Übergriff (der sexuellen Gewalt), der in der Regel mit Täter*innen-Opfer-Umkehr einhergeht.

WEISS Politisch korrekte Bezeichnung für weiße Menschen (zur Kategorie des Weißseins: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, hrsg. von Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt).

WHITEWASHING Insbesondere in der Filmindustrie vorkommende Strategie, Hauptrollen mit überwiegend weißen Schauspieler*innen zu besetzen, obwohl Drehbuchort oder das ethnische und gesellschaftliche Umfeld der Filmgeschichte eigentlich mit nicht-weißen Schauspieler*innen besetzt werden müssten. In diesem Buch bezeichne ich die Strategie weißer Feministin*nen, sich den Kopftuchdiskurs für eigene Zwecke anzueignen, so.

WOMAN OF COLOR (WOC) Schwarze, nicht-weiße Frauen (mit Migrationsbiografien), die vom alltäglichen, strukturellen und institutionellen Rassismus betroffen sind.

Die Spitze der Klitoris

Warum gerade jetzt noch ein Buch über Feminismus? Wahrscheinlich wird jeder Mensch, der ein neues Buch zu diesem Thema schreibt, sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, warum sie/er/es dies tut. Wo es doch schon eine Reihe von feministischen Büchern gibt. Allerdings stammen diese in den letzten Jahren überwiegend von weißen cis (gender) Frauen ohne Migrationsbiografie, also weitgehend jenen, die nichts mit etwa muslimischen oder People-of-Color-Lebenswelten am Hut haben und mit der Geschlechtsidentität, die ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde, d’accord sind. Von Frauen oder queeren Menschen mit Migrationsbackground oder Women of Color gibt es bisher so gut wie keine populären Bücher zu Feminismus in Deutschland. Und das, obwohl gerade Themen wie muslimische Lebenswelten, der Islam, Rassismus oder die Schwarze Pop- und Hip-Hop-Kultur unser tagtägliches Leben in Deutschland mitbestimmen und wichtige Fragen aufwerfen. Der Begriff »Intersektionalität« existiert zwar in der Bedeutung der Mehrfachdiskriminierung seit mehreren Jahren in den zeitgenössischen (gender-)feministischen, universitären und aktivistischen Debatten in Deutschland – doch reell kommt dieser Bereich des Zusammenspiels von Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus in unseren gesellschaftlichen Debatten zu kurz.

Feminismus hat mittlerweile Popularität erlangt, ja. Und ist im Mainstream, bei der Mehrheitsgesellschaft angekommen. T-Shirts mit feministischen Sprüchen schmücken schon seit Langem die Kleiderstangen von H & M oder Mango, Beyoncé und Rihanna kokettieren mit weiblicher Selbstbestimmung, und Kopftuch-Emojis zieren als Zeichen feministischer Diversität unseren Alltag. Auch wenn der größere Teil unserer Gesellschaft kein Interesse an feministischen Themen zeigt und ein anderer Teil sich in sozialen Netzwerken mit Händen und Füßen dagegen wehrt, weiß allmählich auch die Mehrheit der Nicht-Feminist*innen, was Gender Pay Gap oder Mansplaining bedeuten. Doch welche Frauen sind es, die sich an vorderster Front als Feministinnen zeigen (dürfen)? Was bedeutet die Salonfähigkeit des Feminismus konkret für feministische Debatten und Allianzen? Inwieweit lässt die Debatte noch Kritik zu? Gibt es vielleicht Lücken, die mittels Kritik allmählich geschlossen werden können? Bringen nicht gerade das In-Werden und die Kommerzialisierung von Feminismus auch Nachteile für feministische Diskurse mit sich? Ist es nicht an der Zeit, dass wir diese Oberfläche, die wir nun im feministischen Sinne angerissen haben, auch tiefgründiger abhandeln?

2007, als ich zu Gast bei Menschen bei Maischberger war und über die Sexualmoral Deutschlands diskutiert wurde, sah die Welt noch anders aus. Feminismus war eine marginalisierte Nische und von den meisten aufgrund des damals bereits kursierenden Images der »männerhassenden, schlecht gekleideten Lesbe« verpönt. Da passte es nicht ins Bild, dass eine Rapperin – auch noch mit türkischem Background – namens Lady Bitch Ray in einer übersexualisierten Sprache positiv und öffentlich über ihre Sexualität sprach. Und mit der Nutzung von Vulgärausdrücken für Genitalien auf die Gender-Unterschiede bei der Erziehung von Mädchen (im Gegensatz zu Jungs) hinwies. Sie musste von der Mehrheitsgesellschaft erstmal wieder in ihre »strengtürkischen« Schranken verwiesen werden, denn das, was sie da tat, »durfte sie als Türkin ja gar nicht!«. »Was klagen Sie an, die Freiheit der Frau war doch schon da?!« hielt mir die Schauspielerin Michaela May, die mit bürgerlichem Namen Gertraud Elisabeth Berta Franziska Mittermayr heißt, in der Sendung entgegen. Getreu dem Motto: Was wollen Sie? Wir haben uns doch schon in den 1968ern emanzipiert. Dass aber mit der sexuellen Befreiung etwa die muslimische Frau von westdeutschen Frauen erneut in eine Rolle der Bedürftigkeit nach Befreiung vonseiten weißdeutscher Frauen gedrängt wurde, sagte damals niemand. Auch nicht, dass dieses Streitgespräch zwischen Frau May und mir den Wendepunkt zwischen dem Feminismus der zweiten und jenem jüngeren, intersektional ausgerichteten der dritten Welle markierte. Dass ich den Beginn einer neuen Generation von Feministin*nen sichtbar machte, die bald selbstermächtigend auf ihre Rechte als Frauen, als Queers sowie als Women of Color pochen, Genderlinguistik betreiben, feministische Magazine gründen und sich durch Hashtag-Bewegungen politisch gegen Sexismus und Rassismus einmischen würde. »Und, Frau May?«, möchte ich sie heute fragen: »Wie war das nochmal mit der Befreiung der Frau von damals?«

Als »armes Provokationswürstchen im goldenen Glitzerdarm« wurde ich stattdessen einen Tag nach dieser Sendung von dem FAZ-Journalisten Peer Schader in seinem Artikel vorgestellt. Wie die Maischberger-Redaktion überhaupt darauf käme, so eine Provokateurin in ihre Talkrunde zu lassen? Wolfgang Büschers hypothetische Aussage, dass Songtexte von Skandal-Rappern, denen er mich zuordnete, vernachlässigte Jugendliche negativ beeinflussten, zitierte er hingegen als starke Stimme in der Runde. Schader hatte null Interesse daran, meine Texte vielleicht als feministische Antwort auf ebensolche Texte oder als Emanzipationsvorlage für junge Mädchen zu betrachten. Auch eine kritische Position gegenüber dem christlich evangelikalen Kinder- und Jugendhilfswerks Die Arche bezüglich des Umgangs mit den Themen Sexualmoral, sexueller Missbrauch, Schwangerschaft und Homosexualität bei der Arbeit mit sozial vernachlässigten Kindern schienen für den FAZ-Journalisten nicht von Interesse zu sein. Dieser sexistisch-lookistische Artikel von Herrn Schader befindet sich übrigens immer noch im Netz.[1]

Im Stil von Schaders Text – Slutshaming, die Diffamierung eines von der Norm abweichenden Sexualverhaltens von Frauen oder in meinem Fall aufgrund meiner sexualisierten Sprache und Kunst – ging die damalige Rezeption von mir, Lady Bitch Ray, dann weiter. Knowhow über Hip-Hop-Feminismus? – Fehlanzeige. Wissen über Geusenwörter in Riot-Grrrl-Manier? – Nix da. Politische Auseinandersetzung mit meiner Person statt blinder Skandalisierung? – Pustekuchen! Jedes Mal musste ich meine Reclaiming-Absichten bei meiner Selbstbezeichnung von vorne erklären. Was ich erntete, waren neben anhaltender Echauffierung und Reduktion meiner Person auf das Sexuelle Fremdzuschreibungen und Zensur; anscheinend war feministische Aufklärung nicht das Ziel der Journalist*innen jener Tage. Auch in der deutschen Rap-Szene reagierte man auf mich als wäre ich ein Alien: eine Frau, die andere Rapper herausfordernd über ihre eigene Sexualität rappte und ihre Selbstbestimmung und Respekt einforderte – das gab’s bis 2006 im Deutschrap nicht. Heutzutage gibt es einige Rapperinnen mehr, die über Sexualität und emanzipatorische Themen rappen, aber auch da gibt es Unterschiede, auf die ich in diesem Buch eingehe. Umso glücklicher war ich – der vaginalen Göttin der Gerechtigkeit sei Dank – als einige Jahre später weitere junge Frauen und queere Menschen meiner Spur folgten und Feminismus immer voguer und voguer wurde. Durch meine sexpositive, die Körperlichkeit bejahende Haltung wurden weitere Frauen in den Medien sichtbar, sei es die Buchautorin Charlotte Roche oder ihr folgenden Sexromane von weiblichen Autorinnen, die dasselbe emanzipatorische Muster wie mein Sex-Rap bedienten. Oder das feministische Missy Magazin aus Berlin, das 2008 gegründet wurde und Feminismus und Popkultur behandelt. Ebenso das Buch Wir Alphamädchen von 2009, in dem für die Notwendigkeit eines Updates von alten Feminismen durch neue feministische Debatten mit zeitgerechteren Themen wie etwa dem positiven Zugang zur Sexualität, neuer Kritik an Frauenbildern in den Medien oder neuen Möglichkeiten für Frauen zwischen Beruf und Familie plädiert wird. All dies bestärkte meinen neuen feministischen Weg. Auch wenn ich solche Bücher als wichtige Werke unserer feministischen Ära betrachte, hundertprozentig identifizieren konnte ich mich als Arbeiterkind mit türkischem Background, als muslimische Alevitin, als Hip-Hop-Fan und feministische Rapperin mit ihnen nicht. Denn diese und andere populärwissenschaftliche Bücher gingen in keiner Weise auf den Bereich der Intersektionalität, auf den Islam, das Alevit*innentum und/oder die Lebenswelt der türkischen, kurdischen oder arabischen Frau und/oder LGBTQI*s, geschweige denn auf den Bereich des islamischen Feminismus oder die Hip-Hop-Kultur ein. Um hierüber mehr zu erfahren, musste ich auf wissenschaftliche Literatur zurückgreifen, wo dann wiederum der Aspekt des Empowerments ebenso wie der Bezug auf Deutschland fehlte. Diese Aspekte habe ich mir dann durch eine gute Mischung aus Popkultur, Hip-Hop, Wissenschaft, meinen Lebenserfahrungen und meinen eigenen feministischen Überlegungen selbst erarbeitet.

Seit meinem Auftritt bei Maischberger im Jahr 2007 hat sich vieles verändert. Eine junge Generation von Frauen, die sich zu neuen und alten feministischen Themenbereichen und Ansprüchen äußert, wird zunehmend sichtbar. Mittlerweile gibt es eine ebenso beschauliche wie beachtliche Szene feministischer Akteur*innen in Deutschland, wobei es wieder einmal überwiegend weiße Frauen sind, die wichtige Posten als Feministinnen besetzen. Dennoch werden Feminist*innen im Allgemeinen nicht mehr als Nischenvertreter*innen in eine Ecke gedrängt, sondern sind im gesellschaftlichen Mainstream angekommen und erheben ihre Stimmen. Hierzu hat natürlich auch der Kapitalismus, die Globalisierung und die Kommerzialisierung beigetragen, denn wie wir alle wissen, muss vieles erstmal in den USA in werden, bevor es zu uns rüberschwappen und angenommen werden kann. So war es auch mit dem Feminismus. Dass Frauen über Sexualität sprechen, ist heute normaler, das offene, teilweise vulgäre Sprechen über Sexualität von Frauen in Light-Version ist mittlerweile fast zum feministischen Grundton geworden. Diese Form von Female Sexspeech werde ich später unter die Lupe nehmen.

2017 führte ich in einer Reihe des SPIEGEL-Magazins ein Gespräch über Feminismus mit Heide Pfarr.[2] Als die Frage aufkam, wie weit wir denn seien mit feministischen Forderungen und was noch getan werden müsse, antwortete ich seufzend: »Wir befinden uns erst an der Spitze der Klitoris!«. Damit meinte ich, dass der Großteil der Probleme noch unter der Oberfläche lag, dass man sich beim Feminismus, wenn man ihn metaphorisch als menschlichen Körper betrachtet, vom Zeh bis zur Vulva oder zum Penis hinarbeiten muss. Die Spitze der Klitoris ist dabei nicht das Ziel, sondern der Anfang. Ich dachte hierbei an die zweite Welle der Frauenbewegung, in der auch Heide Pfarr sozialisiert wurde, ich dachte an den ganzen Bereich der Intersektionalität, ich dachte an die einseitigen Debatten zum Kopftuch und den Umgang mit »dem Islam«, ich dachte an den Hip-Hop-Feminismus, der in Deutschland jahrzehntelang öffentlich so gut wie unsichtbar war. Ich dachte an die Zustände für Frauen und queere Personen im cis-männlich hierarchischen und weiß dominierten Wissenschaftsbetrieb. Ich dachte an so vieles, was mich dazu bewegte, dieses Buch zu schreiben. Also schrieb ich es.

Drei Bereiche, die mich bei meiner eigenen Emanzipation und meinen Gedanken zum Feminismus beeinflusst haben, behandle ich hauptsächlich in diesem Buch: Feminismus und Hip-Hop und insbesondere (Deutsch-)Rap, Islam und Feminismus inklusive des Bedeutungsbereichs des Kopftuchs in Deutschland, sowie den Status Quo von Frauen im Wissenschaftsbetrieb – der Fuckademia. Dieses Buch kann feministische Lücken nicht komplett schließen. Aber ich will meine Erfahrungen auf diesen Feldern mit den Leserin*nen teilen, auch weil einige feministische Debatten in Sackgassen geführt haben, für deren Lösung neue Konzepte nötig sind. Denn nur so können sich feministische Debatten weiter- und fortentwickeln: indem neue, oder vorher angerissene Themen durch einzelne kritische Inputs, Dialoge oder den Austausch der jeweiligen Akteur*innen vertieft werden. Politische Bewegungen brauchen, nachdem sie (wieder neu) entstanden sind, genau diese Komponenten und die nötige Zeit.

Dieses Buch soll Frauen, queere, transidente, transgender sowie inter- und asexuelle Personen, behinderten Menschen, People of Color sowie andere Marginalisierte motivieren, sich mehr einzumischen, Diskurse mit Inputs voranzubringen und an queerfeministischen Debatten teilzuhaben. Es soll sie auch motivieren, miteinander zu streiten. Lasst uns nicht nur ein Stück des Feminismus-Kuchens sein, lasst uns viele bunte, eigene Cupcakes backen und miteinander austauschen! Ich persönlich will endlich alles sein, was ich will, und das haben, wovon ich träume. Lange Zeit war dies leider nicht möglich. Um Salt’N’Pepa fast wortwörtlich zu zitieren: It’s nuttin’ but a F-Thang, Baby!

I want to be the girl with the most cake

I love him so much it just turns to hate

I fake it so real, I am beyond fake

And someday, you will ache like I ache

Courtney Love – Doll Parts, 1994

Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray, im Juli 2019. One Love.

I.Ceci n’est pas une féministe

Ich selbst habe mich nie als »Feministin« bezeichnet. Ehrlich gesagt wusste ich lange Zeit auch nicht, dass ich eine bin. Ich wurde auch selten gefragt, ob ich eine sei. Manchmal wurde einfach davon ausgegangen, dass ich eine war, manchmal auch nicht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in der dritten Klasse als 9-Jährige zum Fasching ging – als »Nutte«. Ihr habt richtig gelesen N.U.T.T.E.! – dieses Wort, mit schwarzem Edding auf kleine Zettel geschrieben, tackerte ich mir auf meine pinkfarbenen Pumps. Ein Jahr zuvor war ich nämlich als Punkerin gegangen, in zerrissenen Jeans und schwarzer Perlonstrumpfhose mit tausenden Laufmaschen, Neon-Top dazu und ganz viel Schmuck: großen Ohrringen, vielen Ketten und Sicherheitsnadeln überall dran. Ich war ein Riot Grrrl, bevor es die Bewegung überhaupt gab. Damit habe ich anscheinend meine Wut und meinen Widerstand gegen die Umstände ausgedrückt, in denen ich lebte, und das als Kind – war ich schon damals Feministin? Vor zwei Jahren kam die Frage am Ende einer feministischen Podiumsdiskussion einmal auf. »Nein, ich bin eher eine Bitch«, antwortete ich. Doch danach habe ich mich auch mit dieser Antwort nicht wohl gefühlt. Ich find’s lächerlich, die eigene Identität als Feministin hervorzuheben statt die Zeit dafür zu nutzen, über feministische Inhalte zu diskutieren, die seit Langem anstehen. Und bestätigt hat mir diese Haltung meine Beobachtung Anfang dieses Jahres bei einer Lesung, bei der eine Horde älterer Feminist*innen der Zweite-Welle-Generation sich in der Abschluss-Diskussionsrunde einzeln vorstellten. »Ich heiße Soundso, ich bin Dingsbums von Beruf und bin seit dreißig Jahren Feministin!«, ging das hintereinander weg. Wie stolz das klang, aber irgendwie auch überflüssig, wie ich fand, und aufdringlich in diesem Kontext. Mir fiel irgendwann auf, dass es überwiegend weiße Frauen sind, die das Selbstbewusstsein haben, sich als Feministin zu labeln, vielleicht gehört das zu den weißen Privilegien, die Selbstverständlichkeit und den Mut zu besitzen, sich so zu nennen, von Frauen mit Migrationsbackground hört man das (leider) seltener. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, das bei meiner persönlichen Vorstellung sagen zu müssen. Bei sowas bin ich echt bescheiden. Andere können das gerne von sich behaupten, wenn sie sich gut damit fühlen, aber ich selbst? No way! Ich muss das niemandem aufzwingen, ob oder dass ich Feministin bin, lieber beschäftige ich mich in dieser Zeit mit den eigentlichen queerfeministischen Inhalten.

Vielleicht hängt meine Vermeidung des Feminismuslabels aber auch mit dem musikalischen Genre zusammen, mit dessen Hilfe ich mich im feministischen Sinne sozialisiert habe. Subversiver Feminismus via expliziten Sex-Rap. Zur damaligen Zeit war es nicht üblich, feministische Inhalte als solche explizit zu markieren oder sich das F-Wort auf die Stirn zu schreiben. Ja, es gab so gut wie keinen (queer-)feministischen Rap in Deutschland als ich 2002 anfing, meine Songs zu veröffentlichen! Man, oder besser gesagt frau, machte feministische Kunst ganz selbstverständlich subversiv und gab damit im besten Fall explizite queerfeministische Denkanstöße. Wahrscheinlich wären sonst einige glatt abgehauen und es hätte mich die Möglichkeit gekostet, Musik zu machen. Ich hatte schließlich genügend Hater*innen mit dieser Form von Musik. So wie es sich heute noch als schwierig erweist für Women of Color, insbesondere muslimische, die im Hip-Hop konsequent feministisch aktiv sind. Auch an der Uni hat man mir zu Anfang meiner Studienzeit schnell dazu geraten, die »Finger von Feminismus als Forschungsdisziplin« zu lassen, da ich »sonst nicht ernst genommen« werde. Dabei – fiel mir danach irgendwann auf – wurde frau das ohne F-Wort auch nicht!

Ich will mich immer noch nicht Feministin nennen, auch wenn es eine der Prämissen unseres neuen Feminismus wurde, uns endlich wieder zu trauen, sich so zu bezeichnen. Ich fühle mich irgendwie nicht dazugehörig zu dieser weißen älteren wie jüngeren Feminismus-Benenn-Mafia. Vielleicht auch deshalb, weil mich der inflationäre Gebrauch der Selbstbezeichnung »Feministin« nervt. Das Label kann sich fast jede*r geben, zum Beispiel weiße bürgerliche Frauen, die auf den Feminismus-Zug aufspringen, weil es grad so trendy und so »leicht« für sie ist, Feminismus zu betreiben, oder »starke Frauen«, die in Männerdomänen als einzige Frau sichtbar sind und zur Feministin erkoren werden, obwohl sie gar keine feministischen Ansichten pflegen. Oder aber rechtspopulistische und rechte Frauen, die sich ebenso als Feminist*innen betrachten. Auch in islamistischen Kontexten neigt man dazu, den Begriff als inhaltslose Worthülse zu gebrauchen. Inwieweit ist beispielsweise eine sogenannte Puffmutter, welche als Zuhälterin für osteuropäische Sexarbeiter*innen agiert, Feminist*in, wenn sie männlich-dominante Hierarchien bestärkend diese Frauen auf dieselbe Weise wie ein männlicher Zuhälter behandelt (nämlich schlecht)? Und inwieweit ist die kapitalistische, künstlich produzierte Maschinerie von Popmusiker*innen, die als Feminist*innen inszeniert werden, als tatsächlicher Feminismus zu betrachten? Natürlich kann ich verstehen, wenn diese Selbstbezeichnung die jeweilige Person in ihrem Selbst-Empowerment bestärkt – zumindest hat’s dann seinen Ermächtigungszweck erfüllt.

Ich komme mir eher vor wie eine feministische Insel im gesamtdeutschen feministischen Diskurs. Wie eine, die sehr früh Themen wie queerfeministischen Hip-Hop, Islam und Gender angestoßen hat und später keinen Anschluss an die Nachfolgerin*nen bekam. Oder unsichtbar gemacht wurde. Vielleicht ist das der Grund. Ich bin aber nicht die Einzige, die auf das Feminismuslabel verzichten will, auch wenn ich es bei anderen respektieren kann. Auch viele Schwarze Feminist*innen bezeichnen sich nicht als Feministin, sondern nennen sich unter anderem Womanistin. Oder muslimische Feminist*innen, die das Wort aus vielerlei Gründen meiden. Deshalb habe ich eine bessere Begriffsidee für mich gefunden: Ich bin Undercover-Feministin. Und zum Undercovertum gehört es eben, sich selbst nicht ständig als Feministin zu outen.

Von Lady Bitch Ray zu »Bitchsm«

Mit zwölf habe ich begonnen, Musik zu hören. Mein älterer Bruder war Graffitisprayer, ein sogenannter Writer, der immer Kassetten und später CDs mit nach Hause brachte – von Ice-T, Public Enemy oder Eazy-E. Die hörte ich eifrig mit, schließlich schliefen wir zu dritt in einem Kinderzimmer und keiner konnte dem Ghettoblaster entkommen. Mir gefiel der aggressive gespittete Rap, mit dem ich meine Wut ausdrücken konnte, denn ich hatte eine Wut in mir, die ich damals noch nicht steuern konnte. Ich fing an, diesen Sound zu lieben. Deshalb nannten wir unseren Hamster nach dem Rapper Ice-T. Cora E. war damals die einzige sichtbare Frau im Deutschrap. Mich faszinierte als Kind, wie eine Frau ins Mic spittete. Das wollte ich auch! Nie hatte ich eine Faszination für Boygroups entwickelt, die fand ich schon immer uncool. New Kids On The Block, Backstreet Boys, Take That, sie begleiteten mich zwar durch meine Jugend, aber während sie heute wegen ihres Kultstatus gefeiert werden, waren es damals einfach nur langweilige, weißgespülte, fucking Boygroups, die die coolen Street Kids nicht hörten. Sie füllten die Seiten der Bravo oder damaligen Popcorn und wurden von fast allen jungen Mädchen unterwürfig angeschwärmt. Ich fand das schlimm. Ich wusste schon sehr früh, dass ich nicht wegen eines Mannes und seines Aussehens kreischend in Ohnmacht fallen würde, dass es viel wichtiger ist, als Frau selbst etwas zu schaffen und darauf stolz zu sein. Mein Vater hat immer gesagt, dass ich als Frau mindestens das Doppelte leisten muss wie Männer und dass Bildung sehr wichtig für Frauen ist, damit sie unabhängig werden. Heutzutage bin ich froh, dass ich so war! Woher ich in diesem Alter meine kluge Einsicht hatte, weiß ich nicht. Sicherlich nicht aus Magazinen oder aus dem Fernsehen.

Die Schwarzen US-amerikanischen Rapperinnen waren es, die mein Interesse für Emanzipation in meinen jungen Jahren weckten. MCLyte, Lil’ Kim, Foxy Brown, Missy Elliott oder Lauryn Hill – sie empowerten mich, das Mic in die Hand zu nehmen und die Missstände der türkischen, muslimisch sozialisierten Frau kundzutun. Erst während meiner Promotionsphase entdeckte ich die Schriften von islamischen beziehungsweise muslimischen Feminist*innen. Mit ihnen fühlte ich mich neben dem US-amerikanischen Black Female Rap im feministischen Sinne zuhause. Denn diese muslimischen Feminist*innen sprechen genau die unterschiedlichen Patriarchate, Sexismen und Rassismen an, von denen ich und andere muslimisch sozialisierte Frauen und LGBTQI*s betroffen sind.

2006 wurde ich mit meiner Musik über Nacht berühmt. Über das soziale Netzwerk Myspace, das es damals gab, eine Internetplattform für Musiker*innen. Rap gemacht habe ich aber schon länger, seit 1994. Damals hörten fast nur »Kanaken«, also die Kinder von Arbeitsmigrant*innen, Hip-Hop und R & B. Weiße Deutsche hörten eher weiße Musik, Boybands, Grunge, Heavy Metal oder Rock. Guns N’ Roses zum Beispiel, das war whity-Rock pur. Schwarzen Rap oder Soul, den wir hörten, haben sie eher belächelt, aber keiner traute sich etwas zu sagen, weil’s sonst Ärger von uns gab. US-amerikanischer Rap wurde von der Mehrheit der Weißdeutschen viel später gehört, eher seit den Hits von Snoop Dogg und Dr. Dre. In meiner Schulklasse fingen weißdeutsche Jungs erst mit der Musik des afrodeutschen Rappers Nana an, Rap zu hören. Aber Nana war tatsächlich eher Eurodance-Popmusik und kein echter Rap. Auch dafür lachte ich viele dieser Jungs aus.

Als ich mit dem Rappen begann, nannte ich mich »Lady Ray«. »Ray« ist seit meiner Schulzeit mein Spitzname, abgeleitet und verkürzt von meinem Vornamen »Reyhan«. Und »Lady« davor wegen folgender Vorgeschichte: 1995 nahm ich mit einem französischsprachigem Rap, den ich zuvor mithilfe des Französisch-Schulwörterbuchs geschrieben hatte, bei einer sogenannten Hip-Hop-Jam teil. Ich liebte damals französischsprachigen Rap von MC Solaar, Ménélik und Soon E MC. Meine französischen Schulwörterbuch-Sex-Rapsongs hat zwar niemand verstanden, aber alle fanden ihren Klang »so wunderbar«. Einmal war ich auf einem Black-Music-Konzert. Der Moderator, der die Acts ankündigte, war schon angetrunken, weshalb er mich wiederholt nach meinem Künstlernamen fragte. »Wie heißt du?«, sagte er und hielt das Mikro weg, damit nicht alle die Frage mitbekamen. »Mademoiselle Ray!«, sagte ich in sein Ohr. »What?!«, schrie er, »Mademoiselle Ray«, »Say it again, say it again …«. Er versuchte, das »Mademoiselle« halblallend zusammenzubrechen. Ich merkte, dass er’s nicht packen würde. Ich musste schnell etwas Leichteres sagen, da der Auftrittsmoment nahte. »Lady Ray!«, rief ich ihm unter Druck zu und er kündigte mich an. So war der Name Lady Ray geboren – für ein paar Jahre zumindest.

Zwei Jahre später hatte ich einen Auftritt in einem Freizeitheim in Bremen-Tenever, dort, wo Ferris MC geboren ist. Männliche Jugendliche tummelten sich vor der Bühne. Es hatte sich schon herumgesprochen, dass ich Türkin bin und unanständige Raptexte über Sex schrieb. Die Blicke der Jugendlichen durchbohrten mich, als ich zum Hintereingang der Bühne lief, ich fühlte mich, als wäre ich ein nackter Alien. Breite Klamotten, Baggyjeans, bauchfreies Top und dicke Goldklunker, meine Vorbilder waren T-Boz von TLC und MC Lyte – sowas gab’s damals sonst nur in den Rap-Videos auf MTV. Und eben bei mir, Lady Ray. Als ich auf die Bühne ging, hörte ich schon einige Flüstern: »Bitch«, »Schlampe«, »voll die Nutte«, schallte es leise aus verschiedenen Richtungen. Ich atmete tief ein und legte los. Der erste Song bouncte und die Herren wippten mit starrenden Blicken zu meinem Beat. Als ich losrappte, merkte ich, dass es ihnen gefiel. Nach drei Songs, als die Stimmung im positiven Sinne angeheizt war, stellte ich mich ganz vorne an den Rand der Bühne und kniete mich hin. Ich konnte manchen der Typen direkt in die teilweise ängstlichen Augen sehen. Ich sagte: »Ihr nennt mich also ›Schlampe‹? ›Hure‹, ›Bitch‹?« Ich machte eine Pause und ging auf der Bühne wütend auf und ab. Das Publikum wich sichtbar einen Meter nach hinten. – »Jaaa, das stimmt. Ich bin eine Bitch! Bitch Lady Ray, Lady mo-ther-fu-cking Bitch Ray!« Die drei Wörter dröhnten melodisch auf den Beat. Die Augen wurden noch größer. »Habt ihr mich verstanden?!«, fragte ich. Einige Köpfe nickten zustimmend, als hätte ihnen ihre Mutter gerade gesagt, dass sie heute auf keinen Fall zu spät nach Hause kommen dürfen, weil es sonst kein Abendessen gibt. Seit dem Tag nenne ich mich Lady Bitch Ray. Mir war damals nicht bewusst, dass die US-amerikanische Rapperin Roxanne Shanté den »Bitch«-Begriff zehn Jahre zuvor als Selbstbezeichnung auf einer Bühne in Philadelphia bereits für sich genutzt hat, doch dazu später mehr.

Mit meinen Songs »HengztArztOrgie« und »Ich hasse dich!« wurde ich berühmt. Dass das, womit ich seitdem in den sozialen Netzwerken stündlich überhäuft werde, ein Shitstorm war, eingebettet in übelsten Hatespeech, lernte ich erst zehn Jahre später. 2007 diskutierte ich bei Menschen bei Maischberger über Pornorap, 2008 schenkte ich Oliver Pocher bei der Sendung Schmidt & Pocher ein Döschen echtes Votzensekret von mir, 2011 diskutierte ich mit Alice Schwarzer über ihre einseitige Sicht auf das Kopftuch (auch wenn ich mich von ihr nicht verstanden gefühlt habe). Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment im Juni 2009, als ich vor dem Psychiater in der Klinik stand, in die ich wegen akuter Depression und Angst-Panik-Attacken, die mich im August 2008 überfielen, gegangen war. Er sagte zu mir: »Sie müssen sich das gut überlegen, Frau Şahin: entweder Sie entscheiden sich für Ihre Gesundheit – dann müssen Sie hier genau einen Cut machen und an Ihrer Heilung arbeiten, denn mittelschwere Depressionen sind kein Kinderspiel! Oder Sie machen weiter und fallen irgendwann tot um, weil Sie sich nicht um sich selbst gekümmert haben, Sie haben die Wahl.« Ich kümmerte mich von da an um mich und machte einen Break mit allem anderen. Da meine Musik vom Mainstream überwiegend fehlinterpretiert wurde, fühlte ich mich gezwungen, 2012 das Werk Bitchsm zu veröffentlichen. In diesem Buch erkläre ich, wie die Kunstform von Lady Bitch Ray als sexpositiver Weiblichkeitsentwurf verstanden werden kann, gehe auf die Emanzipation der muslimischen Frau ein, gebe Sextipps und empowere Frauen, trans-, intersexuelle und queere Menschen für eine selbstbestimmtere Sexualität. Da Bitchsm Jahre vor der weltweiten #MeToo-Bewegung erschien, wurde es von deutschen Medien weitgehend ignoriert. Also begann ich, meine Gedanken zum Feminismus in Form von Vorträgen zu verbreiten. Und widmete mich der Wissenschaft.

And every time that I see him, he’s always a-beggin’And all the other girls that he’s always tryin’ to leggin’Every time that I see him, he says a rhymeBut compared to me, they’re weak compared to mine

Roxanne Shanté, Roxanne’s Revenge, 1995

Schon als Jugendliche wurde mir Emanzipationspotential zugesprochen. Auf dem Gymnasium damals (ich war zwar sehr wild, habe aber immer zugesehen, dass ich fleißig und gut war in der Schule, und bis zur siebten Klasse war ich mit meiner deutschtürkischen Freundin sogar Klassenbeste) sagte meine Englischlehrerin zu mir: »Das machen Sie schon, Sie sind doch so ’ne Emanze!« Sie lächelte verschmitzt dabei, so dass ich glaubte, sie meinte es gut. Dennoch schlug ich das Wort zuhause im Wörterbuch nach und überlegte. Say what?! Was bedeutet das genau … eine »Emanze«?! Durch mein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und meine Stärke tat ich automatisch Dinge, die heute als emanzipiert gelten. Aufgewachsen zwischen zwei Brüdern lernte ich früh, mich zu wehren und beim Raufen auch mal zurückzuschlagen, denn wenn frau in solchen Momenten nichts tut, kassiert sie direkt einen Gong mit! Aber ich lernte auch zu schlichten, wenn sie sich wiedermal ohne Grund stritten. Als Teenager ging ich selbstbestimmt meinen eigenen Weg, ich fing an, Rap zu hören, ich kleidete mich anders, ich wollte einfach nicht so sein wie die anderen. Ich wollte nicht als »Türkenkind« ausgegrenzt werden. Auf türkischen Hochzeiten fiel ich durch mein Äußeres auf, ich wartete die ganze Hochzeit lang auf die englischsprachigen Hip-Hop-Einlagen, um meine Rap-Tanzstyles vorzuführen. Ich rauchte nicht, weil die anderen Mädchen rauchten. Ich merkte, dass ich mich wehren musste, weil ich anders war. Ich kam sozusagen über die Praxis zum Feminismus, nicht über die Theorie. Die las ich mir viel, viel später, am Ende meines Studiums, etwas an. Durch mein strenggläubiges, muslimisch-alevitisches Elternhaus von Geistlichen wurde ich streng erzogen und begann mit zwölf Jahren, gegen alles zu rebellieren; gegen meine Eltern und das Nicht-akzeptiert-werden in der deutschen Gesellschaft. Zunächst einmal durch ausgefallene Kleidung – ich trug große, goldene Kreolen, zerrissene breite Jeans, Kapuzen-T-Shirts und malte mir die Lippen blau –, später in der Pubertät auch durch meinen Musikgeschmack – ich hörte Schwarzen US-amerikanischen und französischsprachigen Rap, zuvor hatte ich Graffiti gesprüht, was mir aber zu »leise« war. Ich wollte gehört werden, also begann ich, selbst über mein Leben zu rappen, da war ich fünfzehn. Ich musste mich sozusagen aus Betroffenheit mit Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen, nicht, weil ich irgendwie eigenständiges Interesse oder »Spaß« an Feminismus hatte, wie kann man auch Spaß an sowas Anstrengendem haben, sorry.

Yalla, Feminismus!

Das Wort yalla ist ein arabisches Lehnwort des Türkischen und bedeutet, ähnlich wie das Wort haydi, so was wie: »los!, auf geht’s!« oder »steh auf!«. Den Titel des Buches könnte man also mit »Los, Feminismus!« oder »Haydi, Feminismus!« übersetzen. Passt gut zu meinen Absichten des Empowerments, sich für queerfeministische Themen wie Geschlechtergleichberechtigung und gegen Sexismus und Rassismus stark zu machen, und zwar auch für marginalisierte Menschen, die anders sind und in keine Schubladen passen. Menschen, die sich vielleicht innerhalb zeitgenössischer, (queer-)feministischer Debatten nicht wiederfinden oder nicht von aktuellen Diskursen angesprochen fühlen, da die thematisierten Bereiche so gar nichts mit ihrer Lebenswelt zu tun haben. Zum Beispiel kurdische, alevitische oder muslimisch sozialisierte Frauen und LGBTQI*s. Oder die Generation unserer Mütter, die vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren nach Deutschland einwanderten, wie meine Mutter, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen: Sie kam eine Woche nach ihrer Heirat mit meinem Vater nach Deutschland. Täglich allein zu Hause, während mein Vater zum Arbeiten in die Schiffswerft ging. Täglich mit zwei kleinen Kindern – meinem Bruder und mir – und später noch einem Nachzügler die Haus- und Kinderarbeit aka Carework verrichten. Erst als wir in den Kindergarten kamen, hatte sie die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Ich erinnere mich noch an die melodramatische anatolische Musik von Aşık Veysel, einem blinden, alevitischen Saz-Spieler und Dichtersänger aus Sivas, die meine Mutter mit einem kleinen Kassettenrecorder in der Küche beim Abwasch abspielte. Manchmal weinte sie, und ich weinte mit, weil mich ihre Traurigkeit als Kind natürlich auch traurig machte. Gewiss trägt meine Muttergeneration einen erheblichen Teil an Mitverantwortung dafür, patriarchal-traditionelle Erziehungsmuster aus den türkischen Communitys – um diese als Beispiel zu nehmen – übernommen und an uns Kinder weitergegeben zu haben. Fakt ist aber, dass diese Frauen in Deutschland immer noch unsichtbar sind mit ihrer bis dato unbezahlt verrichteten Care- und Pflegearbeit in ihren Familien, dass viele von ihnen auch aufgrund ihres fehlenden Bildungszugangs mehrere niedrigschwellige Berufe ausüben, wie etwa Putzarbeiten in Krankenhäusern, Arztpraxen oder in der Altenpflege. Diese Frauen bekommen feministische Debatten nicht mit, denn unsere feministischen Debatten sind eher elitär, Zugang zu ihnen haben überwiegend weißdeutsche Menschen oder jene mit Bildungssozialisation und bestimmtem Einkommen, auch in Zeiten des feministischen Mainstreams. Wie kann sich frau da überhaupt emanzipieren? Deshalb erzähle und übersetze ich meiner Mutter öfter feministische Themen, die mich gerade beschäftigen oder im Moment besprochen werden, wie etwa §219a über Schwangerschaftsabbrüche oder Prostitution, und sie hat intuitiv manchmal eine im emanzipatorischen Sinne Frauen bestärkende Haltung parat.

Yalla wird im Türkischen aber auch im Sinne von »ach, hör doch auf!«, »hau ab!« oder »verpiss dich!« gebraucht. Es soll hier auch dafür stehen, Dinge ironisch zu hinterfragen, nicht alle Feminismus-Labels für bare Münze zu nehmen und sich mal zu trauen, Dinge kritisch anzusprechen, die einen stören. Damit sich die Diskussionen weiterentwickeln, Lücken geschlossen und Unsichtbares sichtbar gemacht werden kann. Du bist nicht nur dann feministisch, wenn du sichtbar bist und darüber sprichst, du kannst auch aus einem ganz anderen Engagement heraus feministisch oder emanzipiert sein. Und Feminismus ist nicht rein, er kann auch widersprüchliche, antifeministische Züge haben, schließlich sind wir alle ständig in einem Prozess, wir können durch Input, neue feministische Ideen und Diskurse lernen und uns weiterentwickeln. Wir werden nicht als Feministin*nen geboren. Zustände des Feminismus können einen wütend machen, Fake-Feminismen zum Beispiel, die auf den ersten Blick Feminismus inszenieren, aber tatsächlich eher kapitalistische Zwecke verfolgen. Oder diese neue Angepasstheit jüngster feministischer Bewegungen, die wieder einen bürgerlichen Salonfeminismus verbreiten, der überwiegend weiß und aalglatt ist und eher angenehme Themen verfolgt, statt sich den unangenehmen, hässlichen Seiten des Feminist*innen-Daseins zu widmen. Denn Feminist*in zu sein und für die eigene Emanzipation, Selbstbestimmung, für Geschlechtergleichheit und gegen Rassismus einzustehen, kann ein sehr schmerzhafter, ermüdender Prozess sein. Es ist ermüdend, sich in verschiedenen Gemeinschaften dem Schwanz-Patriarchat zu stellen. Feminismus braucht nicht schöngeredet zu werden, das Patriarchat schläft nicht.

Teil am Feminismus zu haben ist aber auch nicht einfach, insbesondere für Migrantin*nen der zweiten und dritten Generation, oder für muslimisch sozialisierte Frauen oder People of Color im Allgemeinen ist es schwieriger als für Deutsche mit Migrationsdefizit. Denn Feministin mit Migrationsbiografie zu sein bedeutet, mindestens im doppelten Sinne gegen patriarchalische Strukturen anzugehen, einmal die der Mehrheitsgesellschaft und dann die in ihren eigenen Communitys. Für türkische, kurdische und/oder islamische Feminist*innen kommen noch die ganzen Vorurteile und Fremdzuschreibungen zum »Türkinnen-Sein«, dem Islam und Rassismen dazu.

Feministische Intersektionalität

In den letzten zehn Jahren fiel das Wort Intersektionalität ziemlich häufig im feministischen Diskurs. Als gängigste Erklärung dafür taucht Mehrfachdiskriminierung auf, welche der Überschneidung von Schnittstellen entspricht, durch die Menschen in mehrfacher Hinsicht diskriminiert sein können, zum Beispiel als Schwarze Frau gleichzeitig von Rassismus und Sexismus betroffen zu sein. Fangen wir aber mal vorne an, denn das Thema der Intersektionalität ist alles andere als eindimensional. Intersektionalität gewinnt dann an Bedeutung, wenn nicht nur das Geschlecht einer Person beim Thema Unterdrückung und/oder Geschlechterungleichheit eine Rolle spielt, sondern auch race. Oder zusätzlich noch die klassenspezifische Zugehörigkeit, was Triple-Oppression oder Dreifachunterdrückung genannt wird. Außerdem können weitere Faktoren wie etwa Körper, Alter, Gesundheit, Kultur, sozialer Status oder Religion bei der Mehrfachdiskriminierung eine Rolle spielen. Die Frage, ob eher race oder Geschlecht Unterdrückung ausmachen, gehört zu den zentralen und entscheidenden Themen, die bisher die Befreiungskämpfe bezüglich Geschlechterungleichheit mitbestimmt haben. Der Einbezug mehrfach marginalisierter Frauen und LGBTQI*s und insbesondere ihre Erfahrungen, so etwa innerhalb der Schwarzen Frauenbewegung, der lateinamerikanischen, muslimischen oder kurdischen Frauenbewegungen sind beim Thema Intersektionalität unabdingbar. Helma Lutz hat mehr als vierzehn Kategorien intersektioneller Diskriminierungsformen bestimmt, wozu sie unter anderem Besitz, gesellschaftlichen Entwicklungsstand und Gesundheit zählt. Judith Butler kritisiert, dass solche personenbezogenen Kategorien niemals vollständig sein können.

Geprägt wurde der Begriff im Jahr 1989 von der Schwarzen Rechtswissenschaftlerin und Aktivistin Kimberlé Williams Crenshaw, welche die US-amerikanische Rechtsordnung dafür kritisierte, dass sie durch die Kombination der Erfahrungen weißer Frauen und Schwarzer Männer auf die Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Frauen schlussfolgerte. In ihrem Artikel »Why intersectionality can’t wait« verweist sie auf die de facto noch bestehende Diskriminierung und in Vergessenheit geratene Benachteiligung von Mädchen und Women of Color – trotz Nutzung des Begriffs der Intersektionalität seit über drei Jahrzehnten. Die grundlegende Bedeutung dieses Begriffs sei falsch verstanden worden, so ihre Erklärung. Ihr Verständnis intersektioneller Diskriminierungsformen verdeutlicht sie anhand der Klage gegen General Motors von Emma DeGraffenreid und anderen Schwarzen Frauen wegen Diskriminierung im Jahre 1976. Der Konzern hätte bestimmte Vorstellungen bezüglich der Arbeitseinteilung für Schwarze und weiße Arbeitskräfte, so dass am Ende spezifische schwere Arbeiten, die von dem Konzern für Schwarze Menschen vorgesehen sind, von Schwarzen Männern, und andere für Frauen vorgesehene Arbeiten von weißen Frauen ausgeführt würden. Schwarze Frauen würden hierbei letztendlich außen vor bleiben. Beispielsweise stünden Sekretärinnen-Jobs, die bei General Motors eher an Frauen vergeben würden, nur weißen Frauen zu, schwere Arbeiten im untersten Stockwerk waren hingegen nur Schwarzen Männern vorbehalten. Schwarze Frauen hätten darum, weil sie weder weiß und weiblich noch Schwarz und männlich seien, keine Chance auf einen Job. Sprich, obwohl in jenem Konzern Schwarze Menschen und Frauen berücksichtigt wurden, fände Diskriminierung statt. Dennoch wurde die damalige Klage vom Gerichtshof abgewiesen, da die spezifischen Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Frauen nicht beweisbar waren und durch das Raster fielen.[3] Crenshaw berichtet, dass sie sich schon während ihrer Studienzeit gewünscht hatte, den damals unsichtbaren Bereich der Intersektionalität in das US-amerikanische Antidiskriminierungsgesetz zu integrieren. Rassistische und genderspezifische Diskriminierung sei nicht nur im Bereich der Arbeit wichtig, sondern grundsätzlich relevant für den feministischen und antirassistischen Diskurs. Sie wolle mit diesem Begriff nicht nur die Zugänge aufzeigen, durch die rassistische und geschlechterspezifische Unterdrückung durchlebt werden können, sondern eine neue Form ergründen, auf eine analytische und sensible Art über Identität und ihren Zusammenhang mit Macht nachzudenken. Außerdem hebt Crenshaw hervor, dass ihr Gebrauch des Wortes Intersektionalität zwar ursprünglich aufgrund der Diskriminierungsformen Schwarzer Frauen entstanden ist, jedoch für andere marginalisierte Gruppen, die auf ihre Marginalisierung und Unsichtbarkeit aufmerksam machen wollen, genauso gelten könne. So etwa für People of Color im Generellen, LGBTQI