Wir steigern das Bruttosozialglück - Annette Jensen - ebook

Wir steigern das Bruttosozialglück ebook

Annette Jensen

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Opis

Immer mehr Menschen teilen das Gefühl, dass eine auf Wachstum und Größe, auf Beschleunigung und auf Konsumorientierung gegründete Gesellschaft nicht zukunftsfähig ist; dass nicht nur das Bruttosozialprodukt zählen soll, sondern auch das Bruttosozialglück: Wir sind auf der Suche nach Alternativen, nach Vorbildern. Annette Jensen hat sich auf die Suche gemacht und hat viele beeindruckende Menschen getroffen und erstaunliche Entdeckungen gemacht: die Wir-Bank in Basel, bei der auf Schulden keine Zinsen fällig werden und Guthaben Gebühren kosten, die burgenländische Kleinstadt Güssing, die Strom und Wärme klimaneutral erzeugt und seitdem einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung nimmt, oder der brandenburgische Karlshof, der seine tonnenschwere Kartoffelernte einfach verschenkt, und viele andere mehr. Annette Jensen zeigt auf, wie wir von "unten" als Bürger, Verbraucher, Produzenten Veränderungen anstoßen können, die wir von "oben" vielleicht auch gar nicht erwarten sollten.

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Annette Jensen

Wir steigern das Bruttosozialglück

Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben

Impressum

©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.deUmschlaggestaltung: P.S.Petry & Schwamb, FreiburgUmschlagmotiv: © Michael Röder– Fotolia.comAutorinnenfoto: © Rolf SchultenDieses Werk wurde vermittelt durch Aenne Glienke | Agentur für Autoren und Verlage, www. AenneGlienkeAgentur.de

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN (Buch): 978-3-451-30404-0ISBN (E-Book): 978-3-451-33847-2

Inhaltsübersicht

„Wir fangen einfach schon mal an“

1 Energie – David gegen Goliath

Gut Holz in Güssing

Geld aus dem leeren Stadtsäckel schöpfen

Weihnachten und Ostern an einem Tag

Der Durchmarsch der Kleinen

Die Macht der Dinosaurier

Zukunftsplan auf einem Bierdeckel

Kleine Beurteilungshilfe: Biomasse als Energieträger

Ein Bombenplatz für Sonne, Wind und Mist

Betriebsausflüge zum Berg der Möglichkeiten

Student kauft Riesenwindrad

Unterhalb des Radarschirms der Großkonzerne entsteht ein Gesetz

Die Idee eines Aacheners geht um die Welt

100 Prozent unabhängig – und zwar schnell

Wer desinteressiert ist, den bestraft das Leben

Erst ignorieren, dann bekämpfen

Eine Brücke in die Sackgasse

Stromkonzerne wollen Nordafrikas Wüsten und die Nordsee erobern

Viele Kleine gegen die großen Vier

Das kluge Netz

Sonne und Wind speichern

Die Rebellen aus dem Schwarzwald

Sparen als Volkssport

Fürs Wohnen bezahlt werden

Plusenergiehäuser: Belächelt, bekämpft – und irgendwann Standard

Häuser zu Kraftwerken!

Die Reichsten bauen den größten Schrott

Klimaneutrales Vier-Sterne-Hotel

2 Verkehr – Weitsichtige auf kurzen Wegen

Ein Schuhfabrikant bezahlt mit Eiern

Butter auf Weltreise

Tante Emma kehrt zurück

Immer größer – und immer weiter weg

Die Bahn wird abgehängt

Bohmtes Bürger erobern ihren Ort zurück

Von Blechkisten befreites Wohnen

Ein Deckel für den Güterverkehr

Mit Vollgas in die Sackgasse

Das Ende des Öls

Neue Straßen auf Sand gebaut

Verkehr heizt das Treibhaus Erde an

Die Zukunft liegt um die Ecke

3 Produktion – Der Ursprung der Alltagsgegenstände

Neustart

Gras statt Erdöl

Computermaus aus Wiese

Riesige Vielfalt aus nur einer Quelle

Chemiefabrik mit angeschlossener Bibliothek

Macht durch Manipulation auf der Mikroebene

Ein grüner Unternehmer wird blau

Edelpilze auf Kaffeesatz

Vom Knochen zum Smartphone: Der Preis billiger Hightech

Ohne Rohstoffe kein Hightec

Schneller Schrott ist gut fürs Geschäft

Ein Schrottliebhaber in Neukölln

Software, die jeder kostenlos nutzen darf

Alle nehmen sich, was sie brauchen

Minifabriken für jedermann

4 Landwirtschaft – Anders ackern

Geheimnisvoller Urwaldboden

Die besondere Wertstoffsammelstelle

Die heutige Landwirtschaft fördert den Hunger

„Weiter so ist keine rationale Option“

Paradies mit enormen Erträgen

Nestlé, Aldi und Lidl diktieren die Preise

Rechtschaffen und lustvoll das Tagwerk vollbringen

Vielfalt statt Masse auf dem Buschberghof

Eine außergewöhnliche Aktiengesellschaft

Rein in die Kartoffeln, raus aus dem Kapitalismus

Einfalt auf den Äckern

Der Hüter der Kerbelrübe

Arme Schweine

Monotonie in den Ställen

Konzerne wollen schon wieder eine „grüne Revolution“

Artgerechte Pflanzenhaltung am Bodensee

5 Banken – Das Geld im Dorf lassen

Hertha füttert die Heuschrecken

Alle reden vom Schrumpfen der Banken

Die nächste Blase wächst schon

Bankgeschäft rund um den Kirchturm

Raiffeisen organisierte die ersten ländlichen Genossenschaftsbanken

Mit der Arbeitslosigkeit kam der Neuanfang

Wachstumsspirale führt in den Abgrund

Verteidigung der Provinz

Das Wunder von Wörgl

Immer mehr Unternehmer akzeptieren Sterntaler

Eine Währung, die nur im Buche steht

Ein moderner Tauschring

Vorbild Japan

In Österreich mischt der Staat eifrig mit

Krisengewinnler in Vorarlberg

Die GLS-Bank setzt auf Sinn statt auf Rendite

Viele Wege führen in die Zukunft

Der Machbarkeitswahn am Ende

Grüne Versuchsballons

Die Macht der Etablierten

Intelligente Schwärme greifen schwere Tanker an

Viele wollen wieder ein ganzes Leben

An den politischen Weichen schrauben

Dank

Anmerkungen

|4|Für Johanna, Benno und Sophie

|9|„Wir fangen einfach schon mal an“

Ja– Probleme hat die Menschheit mehr als genug: Klimawandel, fast eine Milliarde Hungernde, wachsende Atommüllberge, ein rasend schneller Verlust der biologischen Vielfalt, ein übermächtiger Finanzsektor und noch ein paar Megakrisen mehr. Dagegen zu sein ist einfach. Dagegen anzukommen, scheint unmöglich.

Selbst etwas aufzubauen, das überschaubar, verantwortbar und sinnvoll ist, haben sich Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen vorgenommen – und einfach damit angefangen. Anders als in den 1970er und 1980er Jahren, als grün-alternative und autonome Kreise annahmen, solche Projekte könnten allein auf ihrem Mist wachsen, sind es heute Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen: Da findet sich ebenso ein CSU-Ortsvorsteher wie eine antikapitalistische Hofkommune, der Chef eines Luxushotels wie eine theosophische Bäuerin, der Ingenieur einer städtischen Bauverwaltung wie die Dorfgemeinschaft, die einen Großkonzern rausschmeißt und ihre Stromerzeugung selbst in die Hand nimmt. Genau so vielfältig sind auch die Lebenswege der Protagonisten: Manche sind schon immer gegen den Mainstream geschwommen, andere haben eine steile Karriere abgebrochen und wieder andere sind einfach in ihre neue Aufgabe hineingeschlittert. Niemand von ihnen nimmt für sich in Anspruch, Vorbild oder Vertreter eines allgemeingültigen Modells zu sein. Auch trifft man nirgends auf erhobene Zeigefinger, und die leidige Verzichtsdebatte spielt hier ebenfalls keine Rolle. Vielmehr geht es diesen Menschen darum, ihre selbst gewählte Sache nach bestem Wissen und Gewissen zu tun, ihr „Ding“ zu machen; und häufig sind auch Solidarität und gemeinsamer Spaß zentral.

Vielleicht steckt gerade in der Vielfalt der Ansätze und Akteure eine enorme Sprengkraft. Denn was da nebeneinander entstanden ist, ist nicht Ausdruck einer jahrelangen Debatte über den richtigen Weg. Vielmehr zeigen alle diese Menschen, dass Alternativen nicht nur theoretisch denkbar, sondern machbar |10|sind – und darüber hinaus oft sogar ausgesprochen lustvoll und beglückend.

Dagegen nehmen Politiker aller Couleur noch immer an, dass Wirtschaftswachstum der zentrale Schlüssel zur Zufriedenheit der Bürger ist. Der Maßstab in diesem System ist das Bruttoinlandsprodukt. Das nimmt zu, sobald jemand einem anderen eine Rechnung schreibt und der bezahlt. Was über den Ladentisch geht oder welche Dienstleistung abgerechnet wird, ist völlig egal: Auch Sondermüll, Krücken und die Planung einer Bauruine steigern das Bruttoinlandsprodukt. Nicht die Bedürfnisse der Menschen stehen im Zentrum, sondern ein möglichst kostenintensiver Aktionismus.

Darüber hinaus ist das Bruttoinlandsprodukt blind dafür, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Als Wohlstandsindikator für einen fortschrittlichen, seine Bürger ernst nehmenden Staat ist es somit denkbar ungeeignet. Sollte es weiterhin der zentrale volkswirtschaftliche Indikator bleiben, nützt das vor allem denen, deren persönlicher Vorteil auf diese Weise in der Öffentlichkeit als positiv für die Allgemeinheit dasteht.

Auch hier gibt es ein Gegenbeispiel – und das liegt ebenfalls weit außerhalb des allgemeinen Blickfelds: Im armen Himalaja-Staat Bhutan gilt das Glück der knapp 700.000Bürger als Staatsziel; seit kurzem gibt es sogar ein entsprechendes Ministerium. Das befragt die Einwohner intensiv nach ihren Wünschen und Befindlichkeiten. Die Themen dabei reichen vom psychischen Wohlergehen über Gesundheit und Bildung bis hin zum Gemeinschaftsleben, der Zufriedenheit mit Lebensmitteln und der Wohnsituation sowie der kulturellen und ökologischen Vielfalt. In dieser Perspektive wissen die Bürger selbst, was am besten für sie ist. Nach Abwägung der unterschiedlichen Interessen sollen daraus politische Entscheidungen abgeleitet werden, die dem Allgemeinwohl am besten dienen.1

Genau in diesem Sinne bemühen sich auch bei uns schon Menschen, das Bruttosozialglück zu steigern. Von ihnen soll in diesem Buch die Rede sein.

|11|1

Energie– David gegen Goliath

|12|Gut Holz in Güssing

Bürgermeister Peter Vadasz beginnt ein Gespräch über seine Stadt gerne mit dem Hinweis, wie überaus klimafreundlich Güssing sei. Strom, Wärme und demnächst vielleicht auch ein Teil des Benzins – hier wird alles aus heimischem Holz hergestellt und damit CO2-neutral. Und wenn sich in den vergangenen zehn Jahren nicht so viele neue Betriebe angesiedelt hätten, dann wäre Güssing in puncto Elektrizität schon längst autonom. Jährlich 15.000Neugierige lockt das Energiekonzept in die Kleinstadt im süd-östlichsten Zipfel Österreichs. Um den Ansturm zu bewältigen, musste sogar ein neues Hotel gebaut werden.

Doch am Anfang war es keineswegs der Wunsch, das Klima zu schützen, der die Güssinger antrieb, sondern rein wirtschaftliches Kalkül. Der Ort an der ungarischen Grenze war in einem jämmerlichen Zustand, als 1989 der eiserne Vorhang fiel. Die Region galt als extrem strukturschwach, nicht einmal ans Bahn- und Gasnetz waren die Ortschaften im südlichen Burgenland angeschlossen. Eine Nudelfabrik mit etwa 100Jobs war damals der einzige Betrieb, der überregional überhaupt von Bedeutung war. Bei den kommunalen Einnahmen landete Güssing regelmäßig auf einem der allerletzten Plätze; 70Prozent der Erwerbstätigen pendelten nach Graz oder Wien und kehrten meist nur zum Wochenende heim. Auch die Bauern kamen kaum über die Runden: Ihre Flurstücke waren aufgrund der Tradition, das Land beim Vererben immer weiter zu teilen, extrem klein und die Hälfte der Flächen war zudem bewaldet.

Geld aus dem leeren Stadtsäckel schöpfen

Auch Reinhard Koch verdiente sein Geld lange Zeit als Ingenieur in der österreichischen Hauptstadt – doch wie die meisten Güssinger hing der frühere Basketballnationalspieler an seiner Heimat und wollte am liebsten dorthin zurückkehren. Als der Zweimetermann bei einem seiner häufigen Besuche den damaligen |13|Bürgermeister auf der Straße traf und der ihm spontan die Aufsicht über die städtische Kläranlage antrug, zögerte er nicht lange, obwohl ihm die Aufgabe weder interessant noch ausfüllend erschien. Doch die Stelle hatte einen enormen Vorteil: Sie ließ ihm genug Zeit, sich grundsätzliche Gedanken zu machen.

Als Erstes erarbeitete er ein Stromsparprogramm für die Straßenbeleuchtung. Der Gemeinderat segnete das ab – und kein Bürger protestierte. „Die meisten haben die Veränderung wohl gar nicht bemerkt“, mutmaßt Koch. Außerdem beantragte er ein Computersystem für die Kläranlage, damit die Sauerstoffpumpen nur dann laufen, wenn es nötig ist – eine Investition, die sich innerhalb weniger Monate amortisierte. Die Abgeordneten registrierten das mit Genugtuung, und als Reinhard Koch ihnen dann wenig später vorrechnete, dass sie beim Heizen von Schulen und Amtsstuben das knappe Geld der Gemeinde gleichsam aus dem Fenster warfen, waren sie bereit, einen Kredit für Wärmedämmung und neue Heizungen aufzunehmen. Sieben Jahre später hatte Güssing das Darlehen abgestottert – und weil sich die Energierechnung halbiert hatte, profitiert der Ort seither Jahr für Jahr von seinen damaligen Ausgaben.

Doch für Koch war das erst der Anfang. 36Millionen Euro gaben die Leute im Bezirk Güssing früher pro Jahr aus, um Öl und Benzin einzukaufen, hat er einmal ausgerechnet – Geld, das auf Nimmerwiedersehen das Burgendland verließ und die Kassen großer Konzerne irgendwo anders füllte. „Alle sagen immer, wir sind eine arme Gegend – aber wir lassen unsere eigenen Ressourcen einfach verrotten“, argumentierte der Ingenieur und verwies auf den Holzreichtum der Region. Er schlug vor, ein Fernheizwerk zu bauen und das mit Durchforstungsholz zu betreiben. Viele Bürger waren skeptisch, und jetzt zögerten auch die Gemeindevertreter – schließlich genossen Ölheizungen damals noch immer den Ruf des Modernen bei der ländlichen Bevölkerung. Vor allem die älteren Leute erinnerten sich gut daran, wie mühsam es früher war, die Wohnstube mit selbstgehackten Scheiten warm zu kriegen. Heizen mit Holz galt als Arme-Leute-Methode. Auch die Öllieferanten und Installateure von Heizkesseln |14|versuchten, Stimmung gegen Kochs neueste Pläne zu machen und verteilten Flugblätter. Dagegen fürchteten die Politiker vor allem, eine zentrale Anlage sei schwer beherrschbar – schließlich gab es so etwas in dieser Größenordnung in Österreich noch nicht. Koch hatte zwar keine Bedenken, nachdem er in Schweden und Dänemark mehrere derartige Heizwerke gesehen hatte. Doch der ruhige Mann verstand schnell, dass er mit Druck nicht weiterkommen würde. So schlug er vor, das Ganze in zwei Dörfern erst einmal auszuprobieren.

„Wie ein Wanderprediger“ zog er in den Monaten danach in Urbersdorf von Küchentisch zu Küchentisch – schließlich macht eine Fernwärmeversorgung nur dann Sinn, wenn möglichst viele Häuser in einer Straße angeschlossen sind. „Ohne Not hätte sich hier nie was getan“, ist er noch heute überzeugt. „Aber die Leute haben nach und nach verstanden, dass sie jetzt etwas zu Geld machen können, was sie vorher weggeworfen haben.“ Zum Beispiel Ernst Kedl, der neben einer Gaststätte auch noch eine kleine Landwirtschaft betreibt und sieben Hektar Wald besitzt. Auch er gehörte zunächst zu den Skeptikern. Doch heute liefert er wie andere Urbersdorfer abgebrochene Äste, zu eng stehende Jungbäume, Rinden und Sägespäne an die Genossenschaft und bekommt dafür Geld – und Wärme. „Früher haben wir hier den Wald nicht so geputzt wie heute“, sagt er und grinst.

Nachdem am Anfang nur 28Haushalte in Urbersdorf mitmachten, sind es inzwischen 50.Sowohl der störungsfreie Betrieb als auch die steigenden Ölpreise überzeugten immer mehr Bürger, zu wechseln. Die Leitungen waren so gebaut worden, dass sich die zunächst Unentschiedenen anschließen lassen konnten, ohne dass deswegen jedes Mal die ganze Straße aufgerissen werden musste. Kraftwerk und Kessel sind am Dorfrand in einem Haus mit Satteldach untergebracht; wer nicht danach sucht, wird das Gebäude kaum entdecken.

Das gute Beispiel überzeugte: Kurz danach wurde ein 35Kilometer langes Fernwärmenetz in Güssing selbst verlegt. Fast 85Prozent der Haushalte und so gut wie alle öffentlichen Gebäude werden inzwischen damit geheizt.

|15|Weihnachten und Ostern an einem Tag

Der Beitritt Österreichs zur EU 1995 machte das hintere Burgenland zum „Ziel 1Fördergebiet“ – und Güssing wusste das zu nutzen. Während Bürgermeister Peter Vadasz seine Verbindungen zu einigen Ministerialen spielen ließ, setzte Koch als Nächstes eine eigene Stromerzeugung auf die Tagesordnung. Wieder sollte Holz dafür die Energiequelle sein, und wieder stand Kochs Vorbild in Dänemark. Dass in der Holzvergasungsanlage allerdings erhebliche Mengen Teer und Stickstoff als Abfälle entstanden, störte den Ingenieur aus Güssing erheblich. Doch weil es auf dem Markt keine bessere Technik gab, hatte er den Vertrag für die Anlage bereits unterschriftsreif in seinem Büro liegen. Da kam ihm ein Zufall zu Hilfe. Der Biomasseverband hatte sich entschieden, seine Jahrestagung in Güssing abzuhalten. Koch war stark mit der Organisation beschäftigt und konnte sich deshalb nicht alle Vorträge anhören. Erst am Abend fiel ihm das Redemanuskript des Wiener Professors Hermann Hofbauer in die Hände, in dem er von der „Erzeugung eines Synthesegases aus biogenen Roh- und Reststoffen mittels Wasserdampfvergasung“ berichtete. Professor Hofbauer hatte eine winzige Versuchsanlage in seinem Labor aufgebaut und gab an, dass bei seiner Methode nur geringe Mengen Stickstoff und Teer anfielen. „Das war wie Weihnachten und Ostern gleichzeitig“, beschreibt Koch sein Gefühl. Auch Hofbauer war begeistert, als er gleich am nächsten Tag einen Anruf aus Güssing bekam und plötzlich die Chance sah, seine Idee im größeren Maßstab umzusetzen. Nach einer Weile war dann klar: Österreich und die EU würden das Pilotprojekt fördern – aber nur dann, wenn gleichzeitig ein Forschungszentrum in Güssing entstünde, das sein Know-how an Interessierte weitergibt. Und so wurde das Europäische Zentrum für Erneuerbare Energien ausgerechnet an einem Ort errichtet, der damals an der äußersten Peripherie der EU lag.

Inzwischen experimentieren Koch und Hofbauer an einem Treibstoff aus Holz, Stroh, Hausabfällen und Klärschlamm; etwa ein Barrel am Tag fließt bereits. Im Jahr 2009 gelang ihnen der |16|Durchbruch bei der Entwicklung eines Erdgasersatzes aus Holz. „Natürlich ist es toll, wenn Minister oder EU-Kommissare hier vorbeikommen und wir sind auch sehr stolz“, sagt Reinhard Koch, und das klingt fast pflichtschuldig. Der Alltag aber sei nun mal Arbeit und da müsse man auf dem Boden bleiben. Auch die Avancen großer Konzerne wischt er zur Seite: „Die können mir ja nichts anderes bieten als Geld. Natürlich braucht man genug zum Leben, aber doch nicht mehr“, sagt der 50-Jährige, dessen Schreibtisch in einem schlichten, in alle Richtungen offenen Durchgangszimmer steht. Viel wichtiger als persönlicher Reichtum ist ihm die Dezentralisierung des Energiesystems in Güssing und anderswo – denn Energiezentren sind Machtzentren, und genau dagegen will er sein Provinzstädtchen immunisieren. Auch Bürgermeister Peter Vadasz hat den großen Energieversorgern einen Korb gegeben, die sich gerne in Güssing eingekauft hätten. Nur so nämlich können die Gemeindevertreter die Preise zumindest teilweise selbst bestimmen und standortsuchenden Betrieben günstige Angebote machen.

60Firmen haben sich seit Mitte der 90er Jahre in Güssing neu angesiedelt, ein riesiges Gewerbegebiet ist entstanden. „Ich frag die Unternehmen, wie viel Arbeitsplätze sie bringen – und je mehr es sind, desto günstiger kriegen die die Energie“, so Vadasz. Den Anfang machten zwei große Parkettfirmen, die auf ganzjährige Wärmelieferungen angewiesen sind, dann folgten ein Werk, das aus Holunder Lebensmittelfarbe erzeugt, und schließlich Österreichs erste und bislang einzige Produktionsstätte für Photovoltaikzellen mit immerhin 140Arbeitsplätzen. Güssings Steuereinnahmen haben sich seit Anfang der 90er Jahre verfünffacht, 1500 neue Jobs sind entstanden. Der zentrale Platz ist jetzt schön gestaltet, die Kanalisation repariert und auch neue Sportstätten konnten eingeweiht werden. Die Abwanderung ist zwar noch nicht gestoppt, hat sich aber deutlich verlangsamt.

|17|Der Durchmarsch der Kleinen

Nicht nur die Güssinger zeigen den großen Energiekonzernen eine Nase. Weil es erneuerbare Energiequellen überall gibt, lassen sie sich auch überall nutzen, ohne dass dafür ein Millionen- oder gar Milliardeninvestor gebraucht wird. Die Anlagen sind im Vergleich zu Großkraftwerken billig, dezentral und kleinteilig, technisch einfach zu beherrschen und ungefährlich. Vor allem in der Provinz sind die Voraussetzungen sehr gut, weil es dort natürliche Abfälle wie Gülle, Mist und Grasschnitt gibt und auch genügend Platz für Windräder. Ausgerechnet die ländlichen Regionen, die mit der zunehmenden Industrialisierung immer weiter an wirtschaftlicher Bedeutung verloren hatten, haben als Erste die Chance, vom Energieverbraucher zum Selbstversorger und schließlich sogar zum Energielieferanten zu werden. Entsprechend bleibt das Geld für Strom und Wärme vor Ort und fließt nicht in die Konzernzentralen in den Großstädten oder nach Saudi-Arabien.

Doch auch in dicht besiedelten Gebieten findet die Energiewende schon längst statt. Die Stadt München beteiligt sich an Geothermie-Anlagen und Windparks mit dem erklärten Ziel, ab 2025 nur noch „grünen“ Strom zu nutzen. Im kleinen Wasserburg am Inn mit seinem historischen Ensemble arbeiten Denkmalschutz, Stadtverwaltung und engagierte Bürger eng zusammen und überlegen, wo überall Photovoltaikanlagen integriert werden können. Eine kostenlose Energieberatung hilft, die energetische Sanierung von Privathäusern auf den Weg zu bringen – schließlich hat sich der 12.000-Einwohner-Ort ehrgeizige Klimaschutzziele gesetzt, die nur zum geringen Teil durch den Bau von Erneuerbaren Energien erreichbar sind. Eine Projektgruppe beschäftigt sich mit Heizungspumpen, eine andere mit Beleuchtung, die dritte mit Lebensmitteln und Lebensstilen, berichtet Moderatorin Frauke Liesenborghs. Seit kurzem gibt es in Wasserburg nicht nur einen interkulturellen Garten, sondern auch gemeinsame Kochabende mit regionalen Produkten.

Vielerorts schließen sich auch Gruppen zusammen, sammeln Geld und installieren eine Photovoltaikanlage auf einem Feuerwehrhaus |18|oder einem anderen langfristig gepachteten Dach. Geradezu einen Boom erlebte in diesem Bereich die Unternehmensform Genossenschaft: Ohne Probleme können ständig neue Mitglieder hinzukommen, und sobald wieder genug Geld in der Kasse ist, kann die nächste Anlage in Angriff genommen werden. Weil außerdem jedes Mitglied unabhängig vom finanziellen Beitrag eine Stimme hat, ist die Genossenschaft eine urdemokratische Angelegenheit. Anfang 2009 gab es deutschlandweit 41Solargenossenschaften2, ein Jahr später registrierte der vielfache „Genossenschaftsgeburtshelfer“ Burghard Flieger schon rund 150.3

Die Macht des Schwarms

Die meisten Energiegenossenschaften sind lokal oder regional aufgestellt. Einen Überblick gibt die Seite

www.energiegenossenschaften-gruenden.de

Aber es existieren auch Unternehmen mit einem deutschlandweiten Horizont wie die Frauen-Genossenschaft Windfang.

www.windfang.net

Die Energiegenossenschaft fairPla.net agiert sogar weltweit: Ihre bisher 740Mitglieder stammen nicht nur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch aus Argentinien, Afghanistan, Südafrika oder Südkorea. Menschen aus elf Nationen auf vier Kontinenten haben sich zu einer Klimaschutzgemeinschaft zusammengeschlossen. Sie investieren ebenso in Photovoltaikanlagen auf Schuldächern im westfälischen Münster wie in Biomasseanlagen in Indien. In Deutschland ist man mit 250Euro bei FairPla.net dabei, Mitglieder aus anderen Weltgegenden bekommen Sonderkonditionen.

www.fairpla.net

|19|Inzwischen gibt es auch eine Ausbildung für angehende Gründer von Energiegenossenschaften: In mehrtägigen Seminarblöcken und zwischendurch im Internet lernen sie innerhalb von vier Monaten, wie man ein solches Gemeinschaftsunternehmen organisiert.

www.energiegenossenschaften-gruenden.de

Die Macht der Dinosaurier

So treten im ganzen Land Wärme und Strom erzeugende Bürger an gegen die wirtschaftlich mächtigsten und politisch einflussreichsten Branchen des 20.Jahrhunderts.

Da ist zum einen die internationale Mineralölindustrie. Der mit Abstand größte Konzern ist die staatliche Aramco aus Saudi-Arabien, die zusammen mit der iranischen NIOC über etwa ein Drittel der Ölreserven verfügt. Die umsatzstärksten Privatfirmen sind Exxon Mobil aus den USA und die britischen Firmen BP und Shell. Sie können weitgehend unbehelligt schalten und walten, wie die Öffentlichkeit nach der Explosion der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon im April 2010 im Golf von Mexiko einmal mehr erfahren musste: Die staatlichen Aufseher hatten die entscheidenden Bauteile nie kontrolliert und sich allein auf die Angaben der Industrie verlassen. Obwohl eine Untersuchungskommission Anfang 2011 eindeutig feststellte, dass ein solcher Unfall aufgrund der üblichen Praktiken in der Ölbranche jederzeit wieder passieren könnte, erlaubte die US-Regierung fast zeitgleich die Aufnahme von 13 vor der Havarie der Deepwater Horizon genehmigten Bohrungen und verlangte keine erneuten Zulassungsverfahren. Auch in der Nordsee sind katastrophale Tiefbohr-Unfälle keineswegs ausgeschlossen, wie ein Bericht des britischen Parlaments warnt.4

Beim Strom teilen sich in Deutschland vier Großkonzerne 80Prozent des Marktes: RWE, Eon, Vattenfall und EnBW.Grundlage ihrer traditionellen Machtposition ist das über mehr als |20|sechs Jahrzehnte geltende Energiewirtschaftsgesetz aus der NS-Zeit. Das sah bis 1998Gebietsmonopole für die Gas- und Elektrizitätsversorgung vor, um „volkswirtschaftlich schädliche Auswirkungen des Wettbewerbs zu verhindern“ und eine billige und sichere Energieversorgung zu garantieren. Doch tatsächlich führte genau diese Konstruktion zu völlig überteuerten Strukturen auf Kosten von Kunden und Umwelt: Die Konzerne bauten einen überdimensionierten Atom- und Kohlekraftwerkspark und leiteten den dort erzeugten Strom durch das von ihnen kontrollierte Hochspannungsnetz. Kosten spielten dank mangelnder Konkurrenz keine Rolle und wurden auf die Kundschaft oder, wie im Falle des Atommülls, auf den Staat abgewälzt.

Zugleich wurde die Konkurrenz nach und nach zum Aufgeben gezwungen: Gab es nach dem Krieg in Westdeutschland noch 15.000Stromproduzenten, waren es in den 1950er Jahren nur noch 3500 und Mitte der 1980er Jahre nicht einmal mehr 680.5 Lokale Spitzenpolitiker wurden nicht nur durch üppig dotierte Aufsichtsratsmandate in zahlreichen Tochterunternehmen der Stromfirmen bei Laune gehalten, sondern auch durch die Konzessionszahlungen für die Stromleitungen auf ihrem Gebiet, die in die Gemeindekassen flossen.

Angestoßen durch die EU wurde der Strommarkt in Deutschland 1998 liberalisiert. Viele Ökonomen erwarteten, dass nun auch die letzten selbstständigen Stadtwerke von der Landkarte verschwinden würden: Alles was klein war und womöglich auch noch von der öffentlichen Hand betrieben wurde, galt als unrentabel und damit als Übernahmekandidat. Tatsächlich verkauften reihenweise Gemeinden ihre Stadtwerke. Doch schnell merkten die Bürger, dass bei einem kommerziellen Betreiber die Preise steigen. Zugleich mussten die Abgeordneten einsehen, dass sie bei vielen Versorgungsfragen nun keinen Einblick, geschweige denn Einfluss mehr hatten. Dagegen führten beispielsweise die Münchner oder Bochumer Stadtwerke vor, dass auch Unternehmen, die zu hundert Prozent der öffentlichen Hand gehören, sehr effektiv arbeiten und der Kommune Millioneneinnahmen bescheren können.

|21|So hat sich der Trend inzwischen umgekehrt: Viele Kommunen gründen wieder Stadtwerke. Außerdem wollen sie die gegenwärtig reihenweise auslaufenden Konzessionsverträge für die Leitungen nun lieber an einen regionalen Versorger vergeben als erneut an einen Großkonzern. Dabei sind die Bürger inzwischen häufig Antreiber und manchmal sogar Lehrmeister. Eine in Freiburg ansässige Genossenschaft will sich selbst an Stadtwerken beteiligen und macht dabei zur Bedingung, dass die sich vollständig unabhängig machen von Kohle- und Atomstrom. Schon 30Millionen Euro hat „Energie in Bürgerhand“ auf einem Treuhandkonto. Zusammen mit einem holländischen kommunalen Stromnetzbetreiber und den Schönauer Stromrebellen bieten sie Kommunen außerdem ein „Rundum-Unterstützungspaket“ an, das von der Stromakquise über den Netzbetrieb bis hin zur Bürgerbeteiligung reicht.

Parallel sind auch energieerzeugende Bürger längst zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor geworden. Allein für Solaranlagen haben Privatleute in Deutschland sechs Milliarden Euro im Jahr 2010 investiert – mehr als die vier großen Stromkonzerne zusammen für den Neu- oder Ausbau ihrer Kraftwerke.6 Summa summarum gehören RWE, Eon, Vattenfall und EnBW bei den Erneuerbaren nur sieben Prozent der installierten Leistung.7 Und auch wenn BP viel Geld für Werbung investiert, um sich als Vorreiter der erneuerbaren Energien darzustellen, so machen die doch tatsächlich weniger als 0,1Prozent seiner Gas- und Ölproduktion aus.8 Die Kraft dieser Entwicklung kommt also eindeutig von unten – von den vielen kleinen Produzenten. Sie haben dafür gesorgt, dass 2010 auf den Import von Erdöl, Gas und Kohle im Wert von 7,4Milliarden Euro verzichtet werden konnte9. Und sobald wieder eine 60-Quadratmeter-Solaranlage auf einem Dach installiert wird, kann damit eine weitere Tonne klimaschädlicher Steinkohle eingespart werden.10

Es gibt inzwischen viele Geschichten über Menschen zu erzählen, die die Energiewende vorantreiben– und die sind so unterschiedlich wie die Leute und Regionen, in denen sie stattfinden.

|22|Zukunftsplan auf einem Bierdeckel

Während in Güssing ein für die Kläranlage zuständiger Ingenieur die Entwicklung maßgeblich vorantrieb, brachte im ersten deutschen Bioenergiedorf Jühnde ein wissenschaftlicher Vortrag der Universität Göttingen den entscheidenden Impuls.

Manfred Menke erinnert sich genau an die Stunde, die sein Leben umkrempelte. Der Bürgermeister hatte eingeladen; irgendwelche Professoren wollten eine Idee vorstellen.„Ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht über unsere Energieversorgung – die erschien mir völlig sicher und selbstverständlich“, berichtet der Autobahnpolizist. „Und dann haben die Leute uns an dem Abend den Schleier von den Augen weggezogen.“ Plötzlich fanden es alle im Saal völlig absurd, dass Erdöl aus Saudi-Arabien nach Jühnde gebracht wurde, wo es doch im Dorf selbst genügend Material gibt, das den gleichen Zweck erfüllen kann. Manfred Menke und eine ganze Reihe anderer Dörfler waren sofort von der Idee einer autarken Energieversorgung angefixt. Der Bürgermeister charterte einen Bus und gemeinsam schaute man sich Holzhackschnitzelkraftwerke und Biogasanlagen an, schnüffelte die Umgebungsluft und lauschte auf die Geräusche, die deren Reaktoren von sich gaben. Alles bestens, lautete das einhellige Urteil. Und kurz danach war klar: Entweder engagierten sich jetzt einige Leute richtig – oder man lässt die Sache auf sich beruhen.

Auf Bierdeckeln fixierten mehrere Jühnder spontan ihren Willen, sich gemeinsam in die Arbeit zu stürzen. Kurz darauf standen die Deutsche Bank und potenzielle Investoren auf der Matte, die anboten, die Anlage komplett zu bauen. „Aber wir wollten das selbst in der Hand behalten“, berichtet Altbürgermeister August Brandenburg. Arbeitsgruppen wurden eingerichtet und plötzlich entdeckte das Dorf, wie viel Kompetenz es in den eigenen Reihen hat. Neben Handwerkern, Landwirten und Leuten mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen waren das auch Strippenzieher in der Politik sowie Wissenschaftler und Akademiker, die tagsüber nach Göttingen pendeln.

|23|Seit 2005 steht auf dem Hügel über dem romantischen Ortskern ein riesiger grüner Blechkessel mit grauem Kuppeldach, in dem ständig eine braune Pampe blubbert, wie man durch ein Bullauge sehen kann. Stündlich wird eine Ladung Silage aus Gras, ganzen Mais- und Getreidepflanzen sowie Gülle hineingepumpt und die Masse ab und zu umgequirlt. Betriebsleiter Jörn Weitemeier hat die Mischung genau im Blick: „Der Fermenter darf nicht überfüttert werden und nicht verhungern“, erklärt er eifrig. Früher war er Bauer, dann musste er sein Geld als Zahntechniker verdienen, bis er dank des neuen Biokraftwerks endlich wieder einen Job in seinem Heimatdorf Jühnde gefunden hat. Mit Hilfe mehrerer Computer achtet er nun darauf, dass sich die Bakterien in der luftdicht abgeschlossenen, körperwarmen Suppe wohl fühlen. Das Methan, das sie produzieren, wandert durch ein Rohr in einen containergroßen Kasten, der Strom und Wärme produziert. Das kleine Blockheizkraftwerk sorgt zusammen mit einem Holzhackschnitzelofen dafür, dass das 760Einwohner zählende Dorf auf den Import von 300.000Liter Erdöl verzichten kann.

Drei Viertel der Haushalte haben ihre alte Heizung und die Tanks rausgeschmissen und nutzen den freien Kellerraum nun wahlweise als Wellnessoase, Vorratskammer oder Gästezimmer. Die Kosten für die einen halben Meter breite Abnahmestation, durch die das 80Grad heiße Wasser in die Häuser kommt, haben sich dank des zwischenzeitlich hohen Ölpreises schon drei Jahre nach Start des Projekts amortisiert. Seither erspart die Gemeinschaftsanlage jedem angeschlossenen Haushalt im Jahr mehrere hundert Euro Heizkosten.

5,4Millionen Euro hat die Jühnder Energiegenossenschaft investiert – etwa ein Viertel waren Fördergelder für das Pilotprojekt, den Rest haben die Mitglieder aufgebracht. Das sind nicht nur knapp 150Wärmekunden, sondern auch mehrere Bauern, die zusammen etwa ein Drittel von Jühndes Ackerflächen mit Pflanzen für den Gasreaktor bestellen.11 Einer von ihnen ist Reinhard von Werder. Er nennt gleich mehrere Vorteile für seinen Hof: Durch die Direktvermarktung und den langfristig vereinbarten Preis ist er unabhängiger von den Höhen und Tiefen des Weltmarkts. |24|Außerdem benötigt er weniger Pestizide als früher, weil die Biogasanlage auch Unkraut schluckt und viele Pflanzen vor der Reife geerntet werden können, so dass Pilzbefall kaum ein Problem ist. Weil die Erntesaison länger dauert, kann von Werder seine Maschinen außerdem besser auslasten. Darüber hinaus bekommt er die von ihm gelieferten Nährstoffe als Güllesubstrat zurück und kann sie als Dünger nutzen – ein Kreislauf eben. Und noch ein weiterer Vorteil fällt dem Landwirt ein: „Im Dorf ist es interessanter geworden und man kennt sich jetzt besser. Anderswo reden die Leute übers Wetter, bei uns über die gemeinsame Anlage.“

Kleine Beurteilungshilfe: Biomasse als Energieträger

Alles, was lebt, ist – profan gesprochen – Biomasse. Wenn Pflanzen wachsen, binden sie klimaschädliches CO2 aus der Luft – wenn sie verrotten oder verbrannt werden, entweicht das CO2 zurück in die Atmosphäre. Ein Nullsummenspiel fürs Klima also.

Bis vor kurzem waren es fast ausschließlich Menschen in Entwicklungsländern, die Biomasse zur Energieerzeugung nutzten. Sie verwenden vor allem Holz und Dung, um zu kochen und zu heizen. 89Prozent der globalen Bioenergienutzung entfällt noch heute auf diesen traditionellen Einsatz.12

Seit Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes landen jedoch auch in Deutschland wachsende Mengen Gülle, Holzreste und Grasschnitt sowie Mais und Getreide in Bioreaktoren. Um daraus Strom und Wärme zu erzeugen, werden sie entweder verbrannt, vergast oder vergoren.

Zugleich entwickelt die Sprit- und Autoindustrie zunehmendes Interesse an Biomasse – zum einen um Erdöl zu ersetzen, zum anderen, weil es dafür massive politische Unterstützung gibt. So verschwinden bereits heute 10Prozent der weltweiten Maisernte als Ethanol in Benzintanks, in den USA sind es sogar 30Prozent.13 Außerdem werden große Mengen Sonnenblumen-, Soja, Raps- und Palmöl zu Diesel verarbeitet. Nur etwa 40Prozent des |25|in Deutschland hergestellten Biodiesels basieren dabei auf heimischen Gewächsen, die übrigen Rohstoffe werden importiert.14

Bei der sogenannten zweiten Treibstoffgeneration können nicht nur die Früchte, sondern ganze Pflanzen, aber auch Stroh oder alte Apfelsinenkisten eingesetzt werden. Damit experimentiert man nicht nur im österreichischen Güssing, sondern zum Beispiel auch im sächsischen Freiberg. Getrieben wird die Entwicklung von der Politik: EU und USA haben nicht nur entsprechende Förderprogramme aufgelegt und steuerliche Anreize verabschiedet, sondern verpflichten die Treibstoffindustrie auch, gewisse Mengen an Biomassesprit beizumischen. Dass Autoindustrie und Mineralölwirtschaft daran kein Interesse haben, demonstrierten sie bei der Einführung der neuen Benzinsorte E10, die zehn Prozent Ethanol enthält. Durch unzureichende und widersprüchliche Informationen verwirrten sie im Frühjahr 2011 die Verbraucher und schürten deren Angst vor Motorschäden, so dass die lieber weiter den teureren Sprit ohne Beimischung tankten.

Die Nutzung von Durchforstungsholz und Holzspänen aus Sägewerken erscheint dann als akzeptabel, wenn die Wälder gut bewirtschaftet und nicht ausgeräumt werden und in der nahen Umgebung liegen. Für Mist und Gülle existieren – außer in Maßen als Dünger – kaum andere Verwendungsmöglichkeiten. In der Regel erscheint ihr Einsatz zur Energieerzeugung deshalb ebenfalls als unproblematisch. Allerdings gibt es insbesondere in Ostdeutschland auch Beispiele, wo gigantische Schweineställe mit mehreren zehntausend Tieren gebaut werden sollen, die die Behörden nur im Doppelpack mit einer Biogasanlage genehmigen wollen. In diesen Fällen ermöglicht die Nutzung der Gülle überhaupt erst diese neue Dimension der Massentierhaltung. Erschwerend hinzu kommt noch, dass es dort gar nicht ausreichend Äcker gibt, wo die Reststoffe als Dünger eingesetzt werden könnten.15

Grundsätzlich problematischer ist der Einsatz von Nahrungs- und Futterpflanzen zur Energiegewinnung. Allerdings ist die Sache komplex und es lohnt deshalb, sie differenziert zu betrachten.

|26|Sowohl die EU als auch die USA subventionieren die Produktion ihrer Landwirte mit vielen Milliarden Euro und Dollar. In den Industrieländern werden bis heute viel mehr Grundnahrungsmittel erzeugt, als die hier lebenden Menschen essen. Jahrzehntelang wurden die Überschüsse zu niedrigen Preisen auf den Weltmarkt gekippt. Gegen diese billige Konkurrenz hatten die Kleinbauern in den Entwicklungsländern keine Chance– Millionen von ihnen mussten aufgeben. Ein erheblicher Teil der heute Hungernden sind Opfer genau dieser Entwicklung.

In den Jahren 2007 und 2008 explodierten dann die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt. Für Weizen mussten die Menschen plötzlich dreimal so viel bezahlen wie noch wenige Jahre zuvor, die Maispreise verdoppelten sich.16 In vielen Ländern kam es zu Brotaufständen, Mexiko erlebte eine Tortillakrise. Ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige Grund für die Verteuerung der Nahrungsmittel ist ihre zunehmende Verwendung als Energierohstoff. Verschärft wurde dieser Trend durch den Erdölpreis, der im Sommer 2008 auf einen bis dahin unerreichten Höhepunkt kletterte. Für viele Landwirte war es jetzt sehr lukrativ, ihre Ernte an die Treibstoffindustrie zu verkaufen. Sowohl Bauern in Industrie- als auch Entwicklungsländern haben davon profitiert – doch deutlich mehr Menschen gehörten zu den Verlierern.

Zwar halten es Experten für möglich, landwirtschaftliche Anbauflächen weltweit auszuweiten.17 Doch Vorsicht ist geboten. In Indonesien oder Brasilien wurden bereits Ökosysteme mit großer biologischer Vielfalt in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt und Wasservorräte geplündert.18 Zudem wirkt sich nicht nur das Abholzen von Wäldern negativ aufs Klima aus. Werden aus Grünland Äcker, geht oft ein Großteil des Humus verloren, der enorme Mengen CO2 im Boden bindet.19

Eine Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Energierohstoffproduktion ist unvermeidlich, wenn ein erheblicher Teil der heutigen Strom-, Wärme- und vor allem Treibstoffproduktion durch Biomasse gedeckt werden soll. Wollte man die auf Deutschlands Straßen herumfahrenden Autos nach heutiger Technik |27|mit Biosprit versorgen,würde es nicht einmal ausreichen,wenn man auf der Gesamtfläche von Deutschland plus den Beneluxstaaten ausschließlich Energiepflanzen anbauen würde.20

Darüber hinaus gilt es, noch einen weiteren Aspekt im Blick zu behalten: Mais und Raps werden in der Regel in riesigen Schlägen und oft viele Jahre hintereinander auf dem selben Acker angebaut. Diese Monotonie funktioniert auf Dauer nur, wenn ein Landwirt große Mengen Dünger einsetzt. Zwar können die Gärreste aus den Biogas-Anlagen einen Teil der Chemie ersetzen. Trotzdem kommen nach wie vor erhebliche Mengen Stickstoffdünger auf die Felder – und die verursachen extrem klimaschädliche Lachgasemissionen. Mehrere Studien kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass aus Mais und Raps erzeugte Bioenergie sogar klimaschädlicher ist als konventionell hergestellter Diesel.21 Außerdem sind Monokulturen ein Schlaraffenland für Schädlinge – weswegen ein so wirtschaftender Bauer gar nicht darum herumkommt, große Mengen an Pestiziden einzusetzen. Sogar der von der Weltgesundheitsorganisation als hochgiftig eingeschätzte Wirkstoff Tefluthrin darf in Deutschland weiter verwendet werden, wenn es gilt, den Maiswurzelbohrer zu bekämpfen. Dabei ließe sich die Gefahr einer Massenvermehrung dieses gefräßigen Käfers ebenso durch eine abwechslungsreichere Fruchtfolge bannen.22 Und schließlich gibt es auch Warnungen, dass beim Einsatz von „Biosprit“ neue Schadstoffbelastungen aus den Auspuffen quellen.23

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Problem ist äußerst komplex. Energie aus Biomasse zu gewinnen erscheint dann als sinnvoll, wenn dafür überwiegend Stoffe eingesetzt werden, die aus der nahen Umgebung stammen und sonst weggeworfen würden wie Gülle oder Holzabfälle. Besonders groß sind die Vorteile für die Umwelt, wenn sowohl Strom als auch Wärme genutzt werden.24 Ölpflanzen und Getreide zu verwenden ist dagegen nur dann akzeptabel, wenn das weder direkt noch indirekt mit der Lebensmittelversorgung konkurriert. Und schließlich sind auch Umweltbelastungen beim Anbau der Rohstoffe sowie ein größerer Transportaufwand kritisch zu beurteilen.

|28|Ein Bombenplatz für Sonne, Wind und Mist

Während in Güssing und Jühnde ausschließlich nachwachsende Rohstoffe aus der Umgebung zum Einsatz kommen, nutzt Morbach im Rhein-Hunsrück-Kreis eine Kombination aus Wind, Sonne, Holz, Grasschnitt und Gülle, um daraus Strom und Wärme herzustellen. Die Strommenge reicht bereits heute fast aus, um die 11.000Einwohner in den 19Dörfern zu versorgen. Allerdings saugt in Morbach allein eine Firma etwa doppelt so viel Elektrizität aus dem Netz wie alle privaten Haushalte zusammen; sie stellt einen Großteil der Plastik- und Papiertüten her, die an Deutschlands Supermarktkassen verkauft werden. Dennoch haben Morbachs Gemeindevertreter 2008 einstimmig beschlossen: Im Jahr 2020 wird ihre Kommune so viel Strom produzieren, dass auch sämtliche ortsansässige Betriebe versorgt werden können. Und danach will die Gemeinde Stromexporteur werden. Alles spricht dafür, dass das gelingt.

Denn wenn Morbach etwas hat, dann ist es Platz. Die Gemeinde dehnt sich über eine Fläche aus, die halb so groß ist wie Frankfurt am Main. Bis vor nicht allzu langer Zeit gab es hier ein streng bewachtes Gelände, das seit Mitte der 50erJahre kein Zivilist mehr betreten hatte: das wichtigste Munitionslager der USA in Mitteleuropa. 35.000Tonnen Bomben lagerten unter Aluminiumdächern, die nachts von Flutlichtanlagen beleuchtet wurden. Als die Amerikaner Mitte der 90er Jahre abzogen, hinterließen sie auf dem hügeligen Wald- und Wiesenstück von Splitterschutzwänden umgebene Betonflächen und fast 20Kilometer Asphaltstraßen. Was tun mit dem Gebiet, das so groß war wie 200Fußballplätze?, fragten sich die Gemeindevertreter. Nur eines wussten sie genau: Auf keinen Fall wollten und konnten sie auf die Pachteinnahmen aus dem Gelände verzichten.

Zuerst versuchten sie, Investoren für ein Feriendorf anzulocken – schließlich wucherten dort seltene Orchideen, und überhaupt war das Gelände landschaftlich sehr schön. Doch so sehr sie den Platz auch anpriesen, niemand interessierte sich ernsthaft für das abgelegene Terrain.

|29|Etwa in dieser Zeit erstellte die Uni Trier eine Karte über die Sonneneinstrahlung in der Region – und so erfuhren die Morbacher, dass sie in einer der sonnenreichsten und nebelärmsten Gegenden Deutschlands wohnen. Außerdem nahm der Bauamtsmitarbeiter Michael Grehl in diesen Tagen an einer Tagung über Biomasse teil und fand das alles sehr spannend. Und schließlich gab es damals noch einen dritten Impuls: Bei den Bauern in der Umgebung standen laufend Betreibergesellschaften von Windrädern auf den Höfen und besorgten sich dort Vorverträge – während viele ihrer Nachbarn gegen die Errichtung der hohen Türme vor ihren Haustüren protestierten; heftiger Streit in der Bevölkerung schien also vorprogrammiert.

Michael Grehl und seine Kollegen verhängten deshalb erst einmal einen Baustopp und brachten zugleich das Konversionsgelände als viel geeigneteren Standort für die Energieanlagen ins Gespräch.„Das mit dem Feriengelände hat sich ja mangels Investor sowieso erledigt“, argumentierte der Staatsdiener gegenüber den Abgeordneten. Mehrere Bürgerversammlungen wurden abgehalten und schließlich kamen die Morbacher zu dem Entschluss, den ehemaligen Bombenlagerplatz in einen Energiepark umzuwandeln. Zwar wären die Pachteinnahmen höher gewesen, wenn dort ausschließlich Windräder gebaut worden wären.„Aber wir wollten was Besonderes, nämlich die Vielfalt der erneuerbaren Energien darstellen“, so der Mann aus der kommunalen Bauabteilung. Schließlich mache es langfristig und im größeren Maßstab nur Sinn, alle erneuerbaren Quellen zu nutzen. Und so drehen sich in Morbach heute nicht nur 14Windräder mit jeweils zwei Megawatt Leistung. Auch 6000Quadratmeter Sonnenstrommodule, eine von 15Landwirten beschickte Biogasanlage sowie eine Holzpelletproduktion gibt es auf dem früheren Sperrgelände. Und weil sich in Morbach seit vielen Jahren Bürger in einem Hilfsverein für Mali engagieren, experimentiert man dort auch mit solarer Trinkwasseraufbereitung. Mehr als ein Dutzend dieser Anlagen wurden bereits in das westafrikanische Land geliefert.

|30|Betriebsausflüge zum Berg der Möglichkeiten