Werner Klein – Geheimagent in eigener Sache - Wolf A. Weber - ebook

Werner Klein – Geheimagent in eigener Sache ebook

Wolf A. Weber

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Opis

Wolf landet nach 1945 und der Flucht aus Schlesien im sächsischen Torgau, wo er elternlos ­bei seiner Tante unterkommt. Hier wächst er vor dem Hintergrund der Entwicklung der DDR auf und muss schon in seiner Jugend die Einschränkungen in der Lebensgestaltung erfahren. Die Wirtschaft ist schlecht bestellt und seine Aufenthalte im Westen lassen ihn von einem freiheitlichen Leben in Wohlstand träumen. Er plant die Flucht, doch dann wird die Mauer gebaut und der Eiserne Vorhang zugezogen. Er gerät unter Beobachtung. Sein Wunsch zu studieren und eine berufliche Existenz aufzubauen wird erstickt. Inzwischen mit Familie und Verantwortung, muss er einen Weg in der DDR finden. Er wird Stasi-Mitarbeiter und beginnt, heimlich ein Buch zu schreiben. Doch lange bleibt das nicht geheim.

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Liczba stron: 1074




Inhaltsverzeichnis

Impressum

Warum dieses Buch?

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Vorwort

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2017 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-95840-474-8

ISBN e-book: 978-3-95840-475-5

Lektorat: Ulrike Pinaud

Umschlagfoto: Marsia16 | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Warum dieses Buch?

Mit dem Gedanken, ein Buch über mein bisheriges Leben zu schreiben, beschäftigte ich mich schon seit längerer Zeit. Obwohl ich damals, als diese Gedanken aufkamen, noch kein alter Mann war, hatte ich in den knapp vierzig Lebensjahren, die ich nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen war in der ehemaligen DDR zu leben, doch schon einige ereignisreiche Zeiten erlebt, die zu einem großen Teil im direkten Zusammenhang mit der politischen Entwicklung und deren Auswirkung auf das Leben der Menschen in OST und WEST standen. Ich hatte dadurch Höhen und Tiefen in meinem Leben bewältigen müssen, die anderen Menschen oft erspart geblieben sind.

Darum sagte ich mir in solchen Momenten der Rückbesinnung sehr oft:,Man müsste es einfach mal aufschreiben.’

Ermutigende Denkanstöße dazu bekam ich auch immer wieder von meinen Zuhörern, wenn ich, als Referent einer parteinahen Stiftung für politische Bildung, Vorträge zur allgemeinen Lage der Deutschlandpolitik in den Jahren vordem Berliner Mauerfall im November 1989 gehalten habe, in denen ich selbstverständlich viele meiner nichtalltäglichen Erlebnisse aus meinem Leben habe einfließen lassen. Damals war es meine Absicht, diesen Zuhörern den Unterschied zwischen einer Diktatur des Proletariats und einer parlamentarischen Demokratie anhand von selbsterlebten Beispielen zu erläutern und sie zum Nachdenken anzuregen, zum Nachdenken darüber, dass es nicht ihr persönlicher Verdienst war, hier in Freiheit leben zu können, während die „ANDERENDEUTSCHEN“ hinter dem Eisernen Vorhang zu Staatsfeinden mit all den Folgen deklariert wurden, die entstanden, wenn sie mit friedlichen Mitteln für sich privat die Freiheit einforderten, die in der Bundesrepublik Grundrecht der Bürger und somit verbriefte Selbstverständlichkeit ist. Die Reaktionen zeigten mir, dass ich mich in den Vorträgen auf einem Wissensfeld bewegte, welches ein hohes Nachholpotenzial hat. Diese Leute, meine Zuhörer, waren zum Teil gar nicht informiert, was an Unrecht im anderen Teil Deutschlands täglich praktiziert wurde oder, wenn sie überhaupt informiert waren, dann meist nur im Sinne der offiziellen Medieninformationspolitik, wobei diese auf beiden Seiten, im Osten und im Westen oft nur die ideologische Tagespolitik widerspiegelte, nicht aber das Leid der unmittelbar Betroffenen.

„DAS müssen sie unbedingt aufschreiben und in einem Buch der Öffentlichkeit zugänglich machen!“, wurde mir immer wieder geraten.

„Und schreiben sie es so auf, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Benennen sie die Dinge beim Namen; es ist wichtig, damit es auch jeder versteht!“, gab man mir als Empfehlung mit auf den Weg.

Leider war es so, wie vorher bei anderen Dingen. Ich konnte mich einfach nicht aufraffen, es zu tun.

1943 in Schlesien geboren, habe ich als elternlos heranwachsendes Kleinkind die Nachkriegsjahre mit all ihren Facetten schon unmittelbar und recht bewusst miterlebt.

Als Schüler war ich „Junger Pionier“ mit Halstuch und gleichzeitig Mitglied einer Straßengang, die kriegerisch ausgerüstet und bis an die Zähne bewaffnet, die Gegend unsicher machte. Ich ging sonntags lustlos in die Kirche, um mein Taschengeld zu bekommen, habe dafür aber voller Freude als 1. Sopran im wiedererstandenen Torgauer Johann-Walter-Knabenchor in gerade diesen Kirchen Kantaten von Johann Sebastian Bach gesungen. Meine Lehrer und Mitschüler kannten mich als „Musterschüler“ und Flegel, als zuverlässigen Kameraden oder absoluten „Verweigerer“.

Ich wurde als Jugendlicher FDJ-Funktionär und Offizierskader der Nationalen Volksarmee der DDR. Zur selben Zeit hörten wir RIAS Berlin (Rundfunk im Amerikanischen Sektor), lasen Westschmöker und träumten vom Urlaub unter Palmen am Mittelmeer. Als junger Mann drückte ich erneut die Schulbank und wurde nach den bestandenen Prüfungen an der Ingenieurschule für ein Direktstudium immatrikuliert, welches ich aber wegen anderer politischer Notwendigkeiten nicht antreten durfte. Von meinen Mitbürgern als Stadtverordneter gewählt, habe ich in einer kommunalen Kommission als Schiedsmann Recht gesprochen. Jahrelang stand ich als Laienmusiker auf den Bühnen meiner Umgebung im Rampenlicht. Ich war als Wehrpflichtiger Soldat bei der Volkspolizei, bekam wegen Wehrkraftzersetzung Arrest und Auszeichnungen für gute militärische Leistungen. In meinem Beruf wurde ich als „Aktivist beim Aufbau des Sozialismus“ ausgezeichnet, war ein vorbildlicher, von allen geschätzter Arbeitsgruppenleiter, wurde aber wegen meiner Offenheit zu aktuellen politischen Themen ständig von den Parteifunktionären und staatlichen Organen im Auge behalten und somit im persönlichen, beruflichen Aufstieg der Karriereleiter mehr als nur behindert.

Mit zunehmendem Alter bin ich aus Überzeugung „Ausreisekandidat“ und damit zum Staatsfeind geworden und, um die Öffentlichkeit vor meinem negativen Einfluss zu schützen, von den Oberen später in meinem beruflichen Werdegang bis zum ständigen Nachtschichtheizer degradiert worden.

Ich habe erfolglose, abenteuerliche Fluchtversuche unternommen und dafür KZ-ähnliche Zustände in DDR-Arbeitslagern kennengelernt. Diese, meine Erlebnisse, habe ich später in einem Buchmanuskript mutig und ungeschönt zu Papier gebracht, um auf die Staatsorgane der DDR politischen Druck auszuüben. Für die Veröffentlichung des Buches habe ich bundesdeutsche Helfer angeworben und wurde somit Agent, Landesverräter, staatsfeindlicher Hetzer und Verbrecher im Sinne der DDR-Rechtssprechung.

Von den mir Wohlgesonnenen wurde ich meines offenen Charakters wegen gelobt, geachtet und gefördert, von meinen Widersachern gefürchtet, gehasst, oft verleumdet. Man hat mich gebraucht, benutzt, diskriminiert, diffamiert, gejagt, gefangengenommen, jahrelang inhaftiert und versucht, mich als Spitzel und Spion zu missbrauchen.

Ich habe meine Fehler gemacht und bin nicht frei von Tadel. So habe ich an mir gearbeitet und versucht, aus diesen Fehlern zu lernen. Geformt hat mich DAS LEBEN. MEIN LEBEN.

Aber selbst in den schwersten Stunden meines Lebens habe ich optimistisch immer nach vorn geschaut, meine Zuversicht und selbst mein Lachen und den Humor nie ganz verloren.

Und ich habe ALLES, was mir in meinem Leben bisher widerfahren ist, abgesehen von leichten Blessuren in meiner Seele, unbeschadet überstanden.

Nach meiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1983 hatte ich ganz andere Sorgen und Ambitionen, als über meine umfangreichen Erfahrungen im Umgang mit dem Staat DDR, ein Buch zu schreiben. Mir genügte es vorerst, Vorträge, im Rahmen einer ehrenamtlichen Mitarbeit bei der CDU nahen Konrad-Adenauer-Stiftung vor einem erlesenen Publikum zu diesen, mein Leben betreffenden Themen zu halten. In diesem Zusammenhang konnte ich mit Erstaunen feststellen, wie lückenhaft das allgemeine Wissen über die Hintergründe der Deutschen Teilung nach 1945 verbreitet und wie gering das Interesse waren, sich mit den Problemen von siebzehn Millionen Deutschen hinter dem Eisernen Vorhang auseinanderzusetzen. Erst durch diese hautnahe Aufklärung, die Erklärungen über das WARUM zur Deutschen Teilung, konnte ich eine Verbesserung der Akzeptanz und der Anteilnahme beobachten.

Heute, nach über fünfundzwanzig Jahren Deutsche Wiedervereinigung ist die Bilanz der politischen Bildung noch erschreckender. Nur ein kleiner Teil der nach dem Berliner Mauerfall 1989 geborenen, jungen Menschen in OST und WEST hat das notwendige Hintergrundwissen, um die politisch geprägten Lebensumstände und die daraus resultierenden Beweggründe für unser damaliges Handeln einordnen und verstehen zu können. Für sie sind Demokratie und die damit durch unsere Verfassung verbundenen Rechte eines jeden Bürgers eine absolute Selbstverständlichkeit. Europa hat keine trennenden Grenzen mehr und bezahlt wird in den meisten dieser Staaten mit einer Einheitswährung, dem Euro.

Auch die Älteren in OST und WEST können oder wollen sich kaum noch daran erinnern wie es damals war, als man das, was heute für alle Deutschen selbstverständlich ist, der Wille und die Forderung nach uneingeschränkter Bewegungsfreiheit in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt, in der damaligen DDR eine strafbare Handlung war. Tausende wurden dafür mit beruflicher Ausgrenzung, mit Zuchthaus bestraft oder bezahlten, wenn es ganz schlimm kam, ihren Freiheitsdrang im Kugelhagel der Grenzwächter, in den Minenfeldern oder durch an den Grenzzäunen installierte Selbstschussanlagen mit dem Leben.

Um dagegen, gegen das Vergessen und Nichtverstehen, einen kleinen Beitrag zu leisten, habe ich mich entschlossen, dieses Buch zu schreiben.

Dabei habe ich mich oft genug selbst gefragt: „Lohnt sich dieser Aufwand? Wirst du genügend Gleichgesinnte finden, die dich in deinem Vorhaben aktiv unterstützen werden?“

Es gab immer wieder ein ABER, welches das Wollen hinausgezögert hat.

Was mich bisher am meisten behindert hat, war mein Glaube.

Ich glaubte, wir leben in einer digitalisierten Informationsgesellschaft mit Mobiltelefon, Computer und Internet.

Mit Fernsehprogrammen so zahlreich, dass die Stunden eines Monats nicht ausreichen würden, wollte man sich alles anschauen, was an einem Tag an wirklichen Informationen und ausgesuchtem Schwachsinn angeboten wird.

Dazu kommt noch die unüberschaubare Fülle an Tagespresse, Zeitschriften, Illustrierten und anderer Kram, für den man Papier und Druckerschwärze vergeudet.

Wer sollte da wohl noch die Zeit und Muße haben, ein Buch zu lesen?

Und dann nicht nur schlechthin ein Buch. Nein, ausgerechnet ein Buch, in dem kein Prominenter, sondern ein völlig unbekannter Mensch, ein absoluter Niemand den Weg seines Lebens und den Kampf um seine persönliche Freiheit beschreibt.

Daran habe ich immer wieder gedacht. Vielleicht waren es für mich gerade diese gewichtigen Bedenken, damit meine eigene Inaktivität, Trägheit, Faulheit, Bequemlichkeit oder wie man es auch sonst noch bezeichnen könnte, zu rechtfertigen.

Von diesem Denken habe ich mich erst befreien müssen.

Oft sind in ruhigen, besinnlichen Stunden oder schlaflosen Nächten die Erinnerungen an viele Ereignisse in meinem Leben klar und deutlich wie in einem Spielfilm vorübergezogen. Und, obwohl Jahre oder Jahrzehnte zurückliegend, waren Orte und Personen vor meinem geistigen Auge greifbar nahe.

Nach dem Zusammenbruch der DDR standen mir plötzlich, neben meinen eigenen Erinnerungen, die umfangreichen STASI-Unterlagen zur Verfügung, die mir Einblicke inBereiche meines Lebens gewährten, wie ich sie so in Art und Umfang nicht einmal erahnen konnte. Für mich vorher schier unlösbare Rätsel wurden gelöst und gaben Zusammenhänge frei, welche die Zielsetzung meiner damaligen Gegner gut erkennen ließen.

Nun, in der vielleicht letzten geistig-aktiven Phase meines Lebens, veränderte sich somit zunehmend meine Motivation. Plötzlich standen ganz neue Betrachtungsweisen im Mittelpunkt. Zusammenfassend ausgedrückt: Wenn jetzt nicht, wann dann ?

Dabei war es so, dass ich mich schon als Kind für Biografien habe begeistern können. Je detaillierter und ausführlicher sie geschrieben waren, desto lieber habe ich sie gelesen.

Nur so erfuhr ich etwas über Kaiser, Könige, Feldherren, Forscher, Musiker, Dichter und Denker, also, den Großen der Zeitgeschichte. Mich interessierten ihre persönlichen, vom Zeitgeist geprägten Höhen und Tiefen, ihre Schicksale, ihre Leistungen für die Menschheit oder ihre Untaten, derer sie sich schuldig gemacht hatten. Woher hätte ich das Wissen darum nehmen sollen, wenn sich keiner gefunden hätte, es mal umfassend aufzuschreiben?

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich auch Leuten zugehört, die nicht zu den Großen und Berühmtheiten dieser Welt gehörten, wenn sie aus ihrem Leben von Alltäglichkeiten, von Krieg, Vertreibung, Krankheit und Tod berichtet haben.

Leider waren es in der Mehrzahl die Geschichten fremder Leute.

Heute wäre es mir lieber, meine nahen Verwandten hätten mir mehr aus ihrem Leben erzählt. Jetzt, wo es dafür bereits zu spät ist, könnte ich ihnen „Löcher in den Bauch“ fragen. Schade, denn dieser „Schatz“ ging für immer verloren.

Mein Sohn hatte sich bereits mit zwölf Jahren für die Erforschung seiner Ahnen begeistern können. Im Laufe der Jahre hat er, mit viel Fleiß und Ausdauer, alle Möglichkeiten genutzt, um Dinge über seine Vorfahren in Erfahrung zu bringen, die man schon verloren glaubte. Seine Freizeit und den größten Teil seines Taschengeldes hat er dafür uneigennützig geopfert. Der Lohn für seine Mühen waren seine vorzeigbaren Ergebnisse. Von ihm habe ich erst lernen müssen, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Viele Jahre meines Lebens habe ich unfreiwillig in der ehemaligen DDR, die es nun schon fünfundzwanzig Jahre nicht mehr gibt, leben müssen. Ich habe dort eine Entwicklung mit vielen persönlichen Aufstiegen und Abstürzen durchgemacht und Erfahrungen gesammelt, wie sie ganz sicher kein Einzelfall waren und doch sooo nicht allzu vielen widerfahren sind. Diese Erfahrungen haben mir anschaulich den Unterschied zwischen einer Diktatur und einer rechtsstaatlichen Demokratie aufgezeigt. Sie haben mir meine persönlichen Schwächen, aber auch meine Stärken bewusst gemacht. Sie haben mich geprägt und mich jahrelang einen Kampf gegen die Mächtigen dieser Zeit führen lassen, von denen ein großer Teil dieser heute noch lebenden einst Mächtigen, gar nicht mehr wahrhaben will, dass WIR ihre Opfer waren und SIE damals zum Kreise der Täter gehörten.

Ohne ein Politiker, ein Hellseher oder ein besonders gebildeter Mensch zu sein, habe ich in einem Buch, welches ich bereits Ende der 70er Jahre geschrieben habe, politische Fakten eingebracht, die damals selbst für Experten der Weltpolitik illusorisch waren und heute geschichtliche Realität sind. Ich habe den Untergang der DDR und den des Sozialismus vorhergesagt, weil man eine allumfassend diktierte Politik am Volk vorbei betrieben hat und ich habe als treibende Kraft für das Scheitern des Sozialismus/Kommunismus speziell in der damaligen DDR, den Wiedervereinigungswillen der DDR-Bevölkerung benannt. Das zu äußern war zur damaligen Zeit ein Verbrechen und wurde, wie in meinem Fall, mit hohen Zuchthausstrafen geahndet. Die Verantwortlichen hätten sich meine Warnungen zu Herzen nehmen sollen, denn auch ich war ein Bestandteil dieses Volkes mit diesem auf Realismus und nicht auf Sozialismus basierendem Gedankengut und habe daraus, ab einer bestimmten Zeit, auch keinen Hehl mehr gemacht. Jeder konnte es von mir hören, was ich zum Thema „Deutsche Teilung“ dachte.

Darum ist es jetzt auch eines meiner vorrangigen Anliegen, diese Zeiten nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen. Mögen diese Täter aus der Vergangenheit gelernt haben und WIR ALLE dafür Sorge tragen, dass diese Zeiten endgültig der Geschichte angehören und so für UNS DEUTSCHE und unsere nachfolgenden Generationen wirklich nie wiederkehren werden.

Bei der Abhandlung historischer Ereignisse berufe ich mich auf einen Fundus, den ich mir aus Büchern mit zeitgeschichtlichen Inhalten, Zeitschriften, Rundfunk, Fernsehen und so weiter angenommen habe. Es sind also keine eigenen Recherchen. Desgleichen gilt für bestimmte Aussagen von Personen der Zeitgeschichte. Es handelt sich hierbei meist um Zitate und Formulierungen, die einen allgemeinen Bekanntheitsgrad haben und von mir oft nur dem Sinn folgend wiedergegeben wurden. Allgemeine Einschätzungen geben meine eigene Meinung zu bestimmten Erscheinungsformen der Abläufe in diesem Buch wieder. Auch bei den Personen, die hier in diesem Buch erwähnt werden, handelt es sich um Begegnungen auf meinem Lebensweg. Es ist und war nie meine Absicht, ihre Persönlichkeitsrechte im Zusammenhang mit dieser Veröffentlichung zu verletzen, darum wurden sie auch nicht detailliert benannt.

Ich werde in meinen Schilderungen der Wahrheit folgen und mich bemühen, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Die Beurteilung, ob es richtig war, ein derartiges Buch zu schreiben, überlasse ich dann gern IHNEN, dem Leser meiner umfangreichen Erinnerungen.

Einen ganz persönlichen Dank möchte ich dem NOVUM-Verlag und seinen Mitarbeitern aussprechen, die mich bei meinem Vorhaben, dieses Buch zu veröffentlichen, mit Fach-und Sachverstand begleitet und unterstützt haben.

Ein besonderer Dank gebührt meiner Lektorin, Frau Ulrike Pinaud, deren Fachkompetenz mir, dem Neuling auf dem Buchmarkt, eine große Hilfe war.

Kapitel 1

Ereignisse, die man nie vergisst

DER TAG, eingeteilt in viele kleine Segmente unserer Zeitrechnung, ist angereichert mit unzähligen Ereignissen. Und jeder dieser Tage, 365 Mal im Jahr, hat seine spezielle Vergangenheit, dem diese Ereignisse im Nachhinein zugeordnet werden können.

So ist, neben Weihnachten, Ostern, Nationalfeiertag u. v. a. m., zum Beispiel der erste Juni in jedem Jahr für Millionen Kinder auf der ganzen Welt ein ganz besonderer Tag. Es ist der WELTKINDERTAG.

Auf unzähligen politischen Veranstaltungen in vielen Ländern, wird auf die existenziellen Rechte der Kinder, auf die unvorstellbaren Missstände im Umgang mit ihnen, Hunger, allgemeines Elend, Bildungsnotstand, Kinderarbeit, die sogar noch in der heutigen Zeit in vielen Regionen dieser Erde existierende Versklavung von Kindern verwiesen.

Es ist somit in jedem Jahr ein denkwürdiger, ein wichtiger Tag. Aber nicht NUR für die Kinder, sondern für uns alle. Wir werden bei der Gelegenheit wieder einmal an die Menschenrechte erinnert, die wahrlich ein wertvolles Gut darstellen und gerade, weil dieses Gut nicht allen Menschen zugänglich ist, überall auf der Welt oft genug angemahnt werden sollten.

Der erste Juni im Jahre 1983 war darum ein so richtig schöner Tag, an dem auch die Kinder in der DDR schulfrei hatten und bei bestem Frühsommerwetter überall in der Republik IHREN Ehrentag unbekümmert und voller Freude bei Sport und Spiel würdig feiern konnten.

An diesem Tag gab es aber noch viele andere Ereignisse, die in den Köpfen derer, die sie selbst miterlebt haben, für immer unvergessen bleiben werden.

So näherten sich dem DDR-Grenzübergang HERLESHAUSEN gegen fünfzehn Uhr auf der DDR-Autobahn A 4 aus Richtung Eisenach kommend, zwei vollbesetzte, unauffällig lackierte West-Luxusreisebusse mit ziemlich hoher Geschwindigkeit. Je näher sie dem Kontrollposten kamen, um so mehr stieg unter den Passagieren die innere Anspannung, denn jeder von ihnen wusste, was das, was hier gerade geschah, zu bedeuten hatte. Hellwach beobachteten sie ihre Umgebung. Sie sahen die sich nähernden Grenzsicherungsanlagen, die Beobachtungstürme, auf denen DDR-Grenzsoldaten mit schussbereitgeladenen Maschinenpistolen standen und mit Ferngläsern die Gegend absuchten und warteten voller Ungeduld auf das, was nun gleich passieren sollte.

Der Fahrer des vorausfahrenden Busses, ein Mann vielleicht fünfzig Jahre alt, seriös gekleidet, leicht ergrautes, lichtes Haar, saß ganz ruhig am Steuer. Ihm war von dem bevorstehenden, nichtalltäglichen Ereignis nichts anzumerken. Er blickte konzentriert nach vorn auf die Fahrbahn und schien alles voll im Griff zu haben.

Von Weitem sah man bereits die Schlange der wartenden Fahrzeuge, die nach der Abfertigung durch die DDR-Grenzorgane ihren Weg in den Westen fortsetzen wollten. Und, obwohl kaum einer von ihnen etwas Unangenehmes zu befürchten hatte, was man bei Grenzkontrollen nie ganz ausschließen konnte, schlugen die Herzen bei so manchem, der DIESE spezielle DEUTSCH-DEUTSCHE Prozedur schon mal mitgemacht hatte, mit einem Gefühl des Unbehagens immer etwas schneller.

Der Busfahrer dagegen war die Ruhe selbst. Er nahm gefühlvoll den Fuß vom Gaspedal, um die Geschwindigkeit etwas zu verringern und ließ das große Fahrzeug ungebremst auf die Sperranlagen zurollen. Nach wenigen Hundert Metern näherte sich der Bus in gemäßigtem Tempo einer Ausweichspur, die aber weithin sichtbar durch das Licht einer roten Ampel für den Verkehr nicht freigegeben war. Unbeirrt kam der Bus näher und näher. Immer noch rot. Als er nur noch etwa hundert Meter von der Abzweigung entfernt war, schaltet die Ampel auf die Farbe grün.

Der Busfahrer bewegte nun mit zwei Fingern das große Lenkrad nach rechts, steuerte das Fahrzeug mit mäßiger Geschwindigkeit auf diese separate Spur des Grenzkontrollpunktes und fuhr ohne Halt am gefürchteten Kontrollgebäude vorbei, bis die extra angelegte Fahrspur nach etwa dreihundert Metern am Ende wieder auf dem ganz normalen Autobahnstreifen mündete.

Die Leute in der Schlange wartender Fahrzeuge hielten den Atem an und glaubten ihren Augen nicht zu trauen. Zwei vollbesetzte Reisebusse jagten ohnezu halten und ohne Abwehrreaktion der Grenzposten durch die gefürchteten Grenzanlagen der DDR in Richtung Westgrenze davon.

So etwas Außergewöhnliches hatten sie bisher noch nicht gesehen oder gar hautnah miterlebt. Darum war das für alle ein unfassbares Ereignis.

Während der Fahrer des Busses immer noch ohne ein Anzeichen von Nervosität nach vorn auf die Fahrbahn schaute und aufmerksam den Verkehr beobachtete, hatte er das am Armaturenbrett befestigte Standmikrofon zu sich herangezogen und machte eine kurze Ansage:

„Meine lieben Freunde. Wir haben das Schlimmste bereits überstanden, aber wir sind noch nicht da. Habt noch ein wenig Geduld. Schaut euch ein letztes Mal diese Grenzsicherungsanlagen an, denn diese werden euch nicht mehr aufhalten können und in wenigen Augenblicken für euchfür immer der Vergangenheit angehören.

Jetzt beginnt der Countdown!

Uns fehlen bis in die Bundesrepublik noch … dreihundert Meter …, noch zweihundert Meter …, noch hundert Meter und jetzt“, dabei machte er eine kleine Kunstpause, um die Spannung noch zu erhöhen, „jetzt haben wir es geschafft! Ab hier befinden wir uns in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Typen da drüben sind wir für alle Zeiten los! Jetzt seid ihr wirklich in der Freiheit angekommen und ich beglückwünsche euch dazu als Erster. Auch wünsche ich euch für euer weiteres Leben alles Gute. Nutzt diese Freiheit, macht etwas daraus. Bedanken möchte ich mich bei euch für eure Disziplin und eure Geduld!“

Er hatte diese wenigen Sätze so gesprochen, als ginge es um eine Rundfunkreportage, deren Inhalt ein weltbewegendes Ereignis war. Seine Ansprache war so professionell vorgetragen, dass man davon ausgehen konnte, dass er sie nicht zum ersten Mal gehalten hatte.

Was sich dann in dem Bus für Szenen abspielten, lässt sich im Nachhinein nur ganz schwer beschreiben. Der Sturm der Begeisterung kannte keine Grenzen. Die Lautstärke mit der diese Begeisterung zum Ausdruck gebracht wurde, konnte nur noch durch Tontechnik bei Open-Air-Konzerten übertroffen werden.

Es wurde nicht gerufen, es wurde geschrieen.

HURRA – WIR HABEN ES GESCHAFFT!!WIR SIND FREI!!Bundesrepublik WIR grüßen dich und danken dir für unsere Freiheit!!!

„SO EIN TAG, SO WUNDERSCHÖN WIE HEUTE …“, wurde angestimmt und lautstark gesungen.

Die Leute fielen sich in die Arme und es gab kaum einen, dem nicht Ströme von Tränen aus den Augen über die Wangen liefen. Freudentränen über die neugewonnene Freiheit.

Jeder der hier Anwesenden hatte Grund zur Freude. Menschliche Tragödien und Schicksale, die zu ertragen ihnen bis zu diesem Augenblick wie Rollen in einem Theaterstück von anderen vorgeschrieben worden waren, lagen nun hinter ihnen. Jede dieser Rollen und das damit verbundene Schicksal hatte seine eigene Geschichte. Hinter jedem von ihnen lag eine Zeit des persönlichen Leids, egal wie lang diese Zeit oder die Intensität des persönlichen Leidens im Einzelfall auch gewesen sein mochte. Sie hatten sich ihre Freude ehrlich verdient und keiner nahm Anstoß an dem Geschrei oder dem Getue, was unter anderen Umständen alles andere, als das Verhalten wohlerzogener, normaler Menschen war.

***

Vom Menschenhandel der Neuzeit

Der Bus war wenige Stunden vorher in Karl-Marx-Stadt, was heute wieder Chemnitz heißt, vom Hof des dortigen STASI-Gefängnisses abgefahren und seine Insassen waren ausnahmslos ehemalige politisch verfolgte DDR-Häftlinge, die von der Bundesrepublik freigekauft worden waren. Bis kurz vor dem Grenzübergang gehörten noch ein paar STASI-Leute in Zivil dazu, die darüber zu wachen hatten, dass die sozialistischen Tugenden, vorrangig Ordnung und Disziplin, bis zur letzten Minute gewährleistet waren. Sie hatten sich im Bus so verteilt, dass sie alles unter Kontrolle hatten und im Bedarfsfall sofort hätten aktiv werden können. Es waren schweigsame Begleiter. Keiner von ihnen sprach während der Fahrt, die immerhin einige Stunden dauerte, auch nur ein Wort. Mit WEM hätten sie auch reden sollen? Sie bewachten schließlich Staatsfeinde auf ihrer letzten Fahrt auf dem Territorium der DDR. Selbst wenn sie es gewollt hätten, WORÜBER hätten sie mit diesen „Verrätern am Sozialismus“ reden sollen? Dem Konvoi, welcher aus zwei Reisebussen und einem goldfarbenen Mercedes-Benz als Führungsfahrzeug bestand, folgte ein BARKAS-Kleinbus, ein zeitgemäßes Fahrzeug aus DDR-Produktion, welcher dann unmittelbar vor der Grenze dieses STASI-Begleitkommando aufnahm und zurück zu seiner Basis nach Karl-Marx-Stadt brachte. Auch das Führungsfahrzeug, der besagte Mercedes-Benz hatte in dem Ritual des absurden innerdeutschen Handelsgeschäftes seine Bedeutung.

In ihm saß der in Ostberlin ansässige DDR-Anwalt Dr. Wolfgang Vogel. Er war das Verbindungsglied zwischen dem VERKÄUFER und dem KÄUFER und seine Hauptaufgabe bei dieser Fahrt bestand wohl darin, dafür Sorge zu tragen, dass die WARE dem EMPFÄNGER vollständig und in gutem Zustand ausgeliefert wurde.

Bevor der Bus, der im Innenhof des Gefängnisses, von hohen Mauern gut getarnt, auf seine Passagiere gewartet hatte, auf die Reise ging, hielt Dr. Vogel vor den Insassen des Busses eine kleine Ansprache. Er appellierte unter anderem an die Anständigkeit derer, die es nun endlich hierher geschafft hatten, dafür Sorge zu tragen, dass sie sich mit ihrem Wissen um die Sache des Freikaufs in der Öffentlichkeit bitte zurückhalten sollten. Schließlich wären seine Bemühungen darauf gerichtet, noch recht vielen Gleichgesinnten die Möglichkeit der Ausreise aus der DDR auf diesem Wege zu ermöglichen. Man sollte sich genau überlegen, WAS man WEM zu seiner Vergangenheit in der DDR sagt. Wobei das absolute SCHWEIGEN oder NICHTSSAGEN zum persönlichen Sachverhalt selbst natürlich die beste Lösung wäre, Schaden abzuwenden.

Wer Dr. Vogel wirklich war und wie weit seine Kompetenzen reichten, konnte zu der Zeit kein Außenstehender richtig beurteilen. Eines konnte man ihm aber nicht absprechen: Er war ein sehr höflicher, korrekter, fleißiger Mann, bei dem man wirklich den Eindruck hatte, dass er es auch so gemeint hatte, wie er es sagte. Kurz vor der Grenze stoppte auch er seinen Wagen und konnte sich augenscheinlich davon überzeugen, dass die zwei Busse ohne Stoppund etwaiger Behinderungen die Staatsgrenze der DDR in Richtung Westen passiert hatten.

Die Machthaber der damaligen DDR hatten nach dem Berliner Mauerbau 1961 eine Möglichkeit gefunden, ihre unliebsamen Staatsbürger, denen der Fluchtgedanke noch nicht abhanden gekommen bzw. durch die politischen Verhältnisse nach dem Mauerbau, verbunden mit der totalen Abriegelung zum Westen erst geweckt worden war, durch ein ausgefeiltes, perfektioniertes System in eine Handelsware umzuwandeln und diese dann gegen dringend benötigte Devisen, limitiert, kontrolliert und streng geheim an die Bundesrepublik zu verkaufen.

Dem vorausgegangen waren Aktionen des Austausches inhaftierter Spione zwischen den USA und der Sowjetunion., also eine Art „Trainingseinheit mit Generalprobe“, wobei am Anfang die DDR nur eine Statistenrolle inne hatte und die Regie in den Händen der beteiligten Alliierten lag.

Erinnert sei in dem Zusammenhang an den U2-Spionageflug-Piloten Gary Francis Powers, der von den Russen, ausgerechnet am 1. Mai 1960, dem „Kampftag der Werktätigen“, mit einer Rakete vom Himmel über dem Ural geholt wurde und dann in einem Schauprozess zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Sein Widerpart war der russische Top-Spion Rudolf Iwanowitsch Abel, der ein sehr fähiger Mann des russischenGeheimdienstes KGB war und es verstanden hatte, unerkannt viele Jahre in den USA ein Agentennetz aufzubauen, um für die Sowjetunion zu spionieren. Nur durch den Verrat eines Überläufers ging er der amerikanischen Abwehr 1957 nach neun Jahren aktiver Spionage ins Netz und wurde darauf zu einer hohen Freiheitsstrafe von dreißig Jahren verurteilt.

Jeder der beiden Seiten wollte auf irgendeine Weise SEINEN Mann wiederhaben und somit wurden auch beide Seiten in dieser Absicht aktiv. Am 10. Februar 1962 begegneten sich diese beiden Männer, die sogenannten „Opfer des Kalten Krieges“, im Ergebnis dieser Aktivitäten das erste, aber auch das letzte Mal auf ihrem langen, entbehrungsreichen Weg in die Freiheit auf der Glienicker Brücke in Potsdam, der damaligen Grenze zwischen Westberlin und der „Sowjetzone“ (ab Oktober 1949 DDR-Grenze). Augenzeugen berichteten dann, dass dies, was die interessierte Weltöffentlichkeit als spektakuläres Ereignis zur Kenntnis nahm, wie eine Inszenierung in einem James-Bond-Film ablief und später wirklich den Stoff für eine russische Verfilmung lieferte.

UND dies war der erste richtig große Fall, bei dem der besagte DDR-Rechtsanwalt Dr. Vogel, damals noch recht jung und unerfahren, aber mit Ehrgeiz und dem Willen zur Loyalität ausgestattet, für beide Seiten als wichtiges Verbindungsglied tätig wurde.

Von dieser Zeit an war Dr. Vogel immer wieder mal in einer ähnlichen Geheimaktion unterwegs und die Erfahrungen, die er dabei machte, wirkten sich nachhaltig auf sein eigenes Leben und das Leben von Tausenden politisch Inhaftierten, nicht NUR in der DDR, aus. Seine Kanzlei, die auch eine Außenstelle in West-Berlin unterhielt, war oft die letzte erfolgversprechende Anlaufstelle für Hilfesuchende in Sachen Ausreise oder Familienzusammenführung. Somit war es in dieser Zeit des Kalten Krieges zwischen OST und WEST für alle Beteiligten gut, dass es diesen Mann gab, obwohl auch seine Initiativen in jeder Richtung immer erst von „ganz oben“ abgesegnet werden mussten.

Nach der Wiedervereinigung wurde dann der Sonderstatus, den Dr. Vogel in der DDR inne hatte, etwas genauer unter die Lupe genommen, was dazu führte, dass man mit Hilfe von STASI-Unterlagen und anderen Dokumenten allumfassend recherchierte und sogar Bücher auf den Markt brachte, die sich mit seiner Person und seinem Tun befassten. Dabei stellte sich dann heraus, dass er selbst ein inoffizieller Mitarbeiter des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) war und alle seine Aktivitäten über seinen Führungsoffizier Minister Mielke zur Kenntnis gebracht wurden. Auch einige Gerichtsprozesse gegen die Modalitäten seiner Mitwirkung bei Ausreiseverfahren wurden geführt. So soll er Ausreisewillige damit unter Druck gesetzt haben, ihre Immobilien unter Wert zu verkaufen oder gar zu verschenken, um damit eine Übersiedlung in die Bundesrepublik zu ermöglichen oder zu beschleunigen. Wenn es dann wirklich dazu kam, gingen diese Immobilien in den Besitz von SED-Leuten oder MfS-Mitarbeitern über, was ganz bestimmt nicht im Interesse der ehemaligen Eigentümer liegen konnte.

So etwas hatte es in Deutschland schon einmal gegeben. Unter den Nazis, im Dritten Reich, lief es mit dem Vermögen der Juden am Anfang so ähnlich ab. Um eine legale Ausreise aus Deutschland zu bekommen, mussten sie ALLES zurücklassen. Der Staat erklärte sich zum rechtmäßigen Eigentümer und verteilte die „Beute“ kostengünstig an seine Gefolgsleute. Später kürzte man das Verfahren dahingehend ab, dass man diese Leute zusammentrieb, in Viehwaggons nach Auschwitz verfrachtete und an der Rampe in Birkenau dann entschieden wurde, ob die „Endlösung“ infrage kam, was für die Betroffenen „Tod in der Gaskammer“ bedeutete oder das Arbeitslager. Wir alle kennen die Geschichte des Holocaustes.

Nun hatten wir in einigen Punkten fast eine Parallele. Im Ergebnis der Ermittlungen gegen Dr. Wolfgang Vogel, wurde dieser sogar zwei Mal inhaftiert und brauchte nun, obwohl selbst promovierter Jurist, für sich selbst einen Rechtsbeistand.

Wegen Erpressung, Meineid und Falschbeurkundung wurde er zu zwei Jahren auf Bewährung und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Selbst die Richter am Bundesgerichtshof, die sich mit diesem unrühmlichen Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte befassen mussten, konnten im Berufungsverfahren des Rechtsanwaltes Dr. Wolfgang Vogel den Straftatbestand der Erpressung zwar streichen, aber die anderen Vorwürfe entkräften konnten sie auch nicht.

Zu seinem Glück hatte er prominente Freunde in OST und WEST, die auch in dieser für ihn schweren Zeit zu ihm hielten und sich für ihn einsetzten. Aber, wie man sieht, auch er hatte Verfehlungen begangen, die nun nach rechtsstaatlichen Normen zu strafrechtlichen Konsequenzen führten. Die Zeiten der DDR-Anarchie waren vorbei. Der neue Wind wehte plötzlich aus einer anderen Richtung.

Als Außenstehender konnte man sich von dem, was nach dem Mauerbau 1961 hinter den Kulissen ablief, überhaupt kein richtiges Bild machen. Die Absurditäten, die sich hinter diesem Menschenhandel der Neuzeit verbargen, hatten sich ganz andere Leute ausgedacht und zu verantworten. Bei den meisten von ihnen haben sich bis heute kein Ankläger, kein Richter und auch kein Vollstrecker gefunden. Er, der Rechtsanwalt Vogel war dagegen, wie viele andere auch, nur ein Erfüllungsgehilfe seiner Zeit. Ein ganz kleines Rädchen im Getriebe der Weltgeschichte, für den Einzelnen, den Betroffenen, oft aber ein sehr wichtiges Rädchen. Wenn gar nichts mehr gehen wollte, dann waren sein Talent, seine Verbindungen, sein Sachverstand, seine Geduld, seine Hartnäckigkeit, sein persönlicher Ergeiz, sein Mitgefühl mit den Betroffenen immer gefragt.

UND … in den meisten Fällen gab es ein für ALLE Seiten befriedigendes Ergebnis. Das war allein SEIN Verdienst und jeder Nutznießer seiner Aktivitäten sollte sich dessen immer bewusst sein, unabhängig davon, wie die juristische Seite zu bewerten ist.

DENN … vor dem 13. August 1961 war es für die DDR-Regierung das blanke Chaos. Abertausende Flüchtlinge verließen Monat für Monat ihre Heimat, um dem stalinistisch geführten Regime zu entkommen. Die Grenzen zu Westberlin waren offen und die damalige ZONENGRENZEwar löchrig wie ein Schweizer Käse. Wer wirklich weg wollte, hatte absolut keine Probleme, es auch umzusetzen. Die schlimmste Erfahrung für die DDR-Führung bestand damals wohl darin: Es wurden täglich mehr, welche die Nase von den Vorteilen des Kommunismus nach über zehn Jahren DDR gestrichen voll hatten und massenweise Gebrauch davon machten, über die offenen Grenzen ihre eigenen Wege zu gehen. Allein im Juli 1961, dem letzten Monat vor der Grenzschließung, wurden in den Aufnahmelagern etwa 30.000 Flüchtlinge registriert, die Einwohnerzahl einer respektablen Kleinstadt.

In Absprache mit den Führern der damaligen Sowjetunion zog man am 13. August 1961 die Notbremse, um den schleichenden Exodus ein Ende zu bereiten und baute die Berliner Mauer, geschichtlich gesehen, die notwendige Verzweiflungstat eines vom Volk ungeliebten Regimes.

Rückblick in die Zeit nach 1945 – ein Neuanfang in ganz Deutschland

Um diese Zusammenhänge verstehen zu können, sollte man einmal nach den Ursachen für die Flucht der Menschen und dem Bau der Mauer fragen.

Historisch gesehen saßen am Neuanfang nach dem verlorenen Krieg 1945 ALLE Deutschenim gleichen Boot. Wohin man auch schaute, überall, von der Küste im Norden bis zu den Alpen im Süden das gleiche Bild: Städte mit ihren Industriebetrieben und der dazugehörigen Infrastruktur von den Bombern der Alliierten oder durch Kampfhandlungen der Bodentruppen rigoros in Schutt und Asche gelegt. Dazu kamen Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten von Ostpreußen, Schlesien, Pommern, aus dem Sudetenland und so weiter. Keine Region war verschont geblieben. Jeder der Überlebenden des Krieges kämpfte nun auf seine Weise wiederum um das nackte Überleben.

Durch das Potsdamer Abkommen im August 1945, kam es dann zur Aufteilung Deutschlands in die vier Besatzungszonen, was bereits die ersten richtungsweisenden Unterschiede der Umstände begründete, unter denen die Menschen zum Wiederaufbau verpflichtet wurden.

Jeder der Besatzungsmächte hatte seine eigenen Vorstellungen und ganz am Anfang standen ganz sicher zum größten Teil pragmatische Zielvorgaben. Dazu gehörten die Versorgung der Menschen mit Lebensmittel, mit Wohnraum, mit Heizmaterial, der Wiederaufbau des Transport-, des Gesundheits- und des Schulwesens und andere wichtige Dinge.

Das waren in dieser Zeit zwingende Notwendigkeiten, um das Überleben der Bevölkerung zu sichern und kaum einer der Verantwortlichen, in welcher Position auch immer, sah darin einen von OBEN ausgeübten Zwang.

Hitler und die Nationalsozialisten hatten wahrlich genug Schaden am eigenen Land und am eigenen Volk angerichtet und nun galt es, die Chancen für einen absoluten Neubeginn zu nutzen.

Die nach 1933 verbotenen Parteien konnten sich wieder etablierten und hatten in begrenztem Umfang schon bald ein gewisses Mitspracherecht.

In den Westzonen fanden diese Leute von SPD und etwas später der CDU bei den Militärregierungen offene Ohren und auch Unterstützung in der Umsetzung von demokratiefördernden Maßnahmen.

Wenn auch nicht alles so gut lief, wie man es vielleicht gern gewollt hätte, so suchte man wenigsten den Konsens mit dem ALLESeiten leben konnten.

Ganz anders die Voraussetzungen in der Sowjetzone.

Josef Stalin, der mit uneingeschränkter Machtbefugnis an der Spitze der Sowjetunion stand, war ein genauso grausamer Diktator wie es auch Hitler war. So hatte er ebenfalls ohne Skrupel und Gnade Millionen Soldaten und Zivilisten im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie es die Sowjets nannten, regelrecht verheizt. Selbst seine eigenen in deutsche Gefangenschaft geratenen Soldaten waren für ihn Verräter am Vaterland und so scheute er sich nicht davor, unliebsame „Querdenker“, zu denen auch diese Kriegsgefangenen und ehemalige enge, verdienstvolle Vertraute des Diktators gehörten, gnadenlos verfolgen und im Extremfall durch Todesurteile aus dem Wege räumen zu lassen. Da dies seit der Machtübernahme der Bolschewiki noch während des Ersten Weltkrieges in Russland bereits in ähnlicher Form praktiziert worden war und dazu ein unüberschaubares Heer von willfährigen Helfershelfern bereitstand, war es kein Wunder, dass diese Methoden sofort nach Übernahme der Besatzungsmacht in der Ostzone auch dort Einzug hielten.

Politische Willkür und eine allumfassende Propaganda, ergänzt durch einen unvergleichbaren Personenkult um den „Großen Führer“ Stalin, führten dazu, dass die Menschen in der Ostzone unter der gleichen Angst um Leib und Leben existieren mussten, wie zuvor unter den Nazis. Die Exzesse dieser NS-Zeit hatten sie überstanden und geglaubt, dass es keine Steigerung mehr gäbe. Nun erlebten sie wieder ähnlich Zustände und sollten damit auch noch zu Höchstleistungen beim Wiederaufbau motiviert werden.

DAS konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Am Anfang waren es nur die Russen, die sagten, wo es lang ging. Bald kamen die „Heimkehrer“ aus Moskau, die deutschen kommunistischen Führer unter der Leitung von Walter Ulbricht und anderen. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war die Zwangsvereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten zur SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Später wurden auch noch kleine Parteien wie CDU-Ost, Liberale, Bauernpartei und so weiter zugelassen, aber diese hatten mehrheitlich eine Alibifunktion und dienten in der Hauptsache als kontrollierbares Sammelbecken für Unentschlossene und Konservative. Den Führungsanspruch hatte stets die SED und ihr Politbüro mit handverlesenen Mitgliedern.

Jeder von uns weiß, dass darunter auch rechtschaffende, ehrliche Leute waren und deren Vorsätze durchaus ehrenwert zu beurteilen sind. Diese Leute hatten aber schon nach kurzer Zeit kein Mitspracherecht mehr oder wurden, wenn sie sich nicht anpassen konnten, zwangsweise aus ihren Positionen entfernt und durch linientreue Kader ersetzt.

In diesem Zusammenhang sollte einer dieser ehrlichen Leute, Erich Apel, erwähnt werden. Er war ein technisch versierter Fachmann, der es in der NS-Zeit an der Seite von Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Pennemünde zu Wissen der besonderen Art gebracht hatte. Das wussten auch die Russen und machten ihn später, als kriegsgefangenen Spezialisten für Raketentechnik, in der Sowjetunion zum Leiter ihrer eigenen Raketenversuchsanstalt. 1952 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Parteimitglied der SED und bald darauf schon in einige hohe Ämter und Positionen berufen. Diesem Mann traute man es zu, die DDR-Wirtschaft aus ihrem Tal der Tränen herauszuhelfen. Er wurde der Vorsitzende der staatlichen Plankommission und führte in dieser Position mit Ulbricht gemeinsam Verhandlungen mit Vertretern der Sowjetunion, wobei es um die weitere Wirtschaftspolitik der DDR gegenüber der Sowjetunion ging. In diesem Zusammenhang soll es zu heftigen, kontroversen Auseinandersetzungen gekommen sein, weil die linientreuen Funktionäre der DDR keineswegs Herren im eigenen Haus sein sollten, sondern, nach dem Willen der Sowjetführer, nur weiterhin „Erfüllungsgehilfen“ der russischen Besatzungsmacht.

Kurz vor Unterzeichnung des ausgehandelten Wirtschaftsabkommens erschoss sich Erich Apel Anfang Dezember 1965 mit seiner Dienstwaffe in seinem Arbeitszimmer im Haus der Ministerien in Berlin.

Er bekam ein Staatsbegräbnis und einen Ehrenplatz in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin–Friedrichsfelde. Über seinen Freitod konnte nur spekuliert werden. Den wahren Grund dafür kannte wohl nur er allein.

ALLES, jede noch so kleine Initiative mussten sich die DDR-Führer von Anbeginn von Moskau absegnen lassen und Gnade dem, wenn „Väterchen Stalin“ oder seine zahlreichen Nachfolger NJET (russisch für Nein) sagten.

Man hatte gute Ideen und den Willen, sie zum Nutzen aller auch umzusetzen. In den meisten Fällen scheiterte man dann aber an dem Veto der Sowjetführer im Moskauer Kreml.

So kopierten sie, um nicht persönlich in Ungnade zu fallen, das ganze Staatsgefüge der Russen in der Ostzone und später der DDR, und übernahmen dabei alle Fehler und Fehlentscheidungen gleich mit. Selbst den Personenkult um Walter Ulbricht, später um Erich Honecker und die Selbstherrlichkeit, die sie immer und überall in den Vordergrund stellten, haben sie bis zu ihrem Untergang im Jahr 1989 nach Moskauer Vorbild gepflegt, egal wer nach Stalins Tod dort gerade an der Macht war.

Eines der größten Hindernisse beim Wiederaufbau einer funktionierenden Volkswirtschaft nach dem Krieg war, neben der Bevormundung durch die Sowjetunion, die allumfassende Umstrukturierung der noch vorhandenen mittelständischen und Kleinindustrie, die sich in privater Hand befand. Die in der damaligen Ostzone verbliebene Großindustrie hatte man bereits verstaatlicht. Nun wurde durch Enteignungen im Laufe der Zeit auch diese funktionsfähige Wirtschaftskraft in volkseigene Betriebe umgewandelt und somit der kommunistischen Planwirtschaft unterstellt. Auf einen einfachen Nenner gebracht hieß das oft: ineffektive Produktion am Bedarf vorbei oder durch Subventionen, in Missachtung betriebswirtschaftlicher Faktoren, ein staatlich verordneter Selbstbetrug. Vorbild dafür war wiederum die Sowjetunion, in der man schon nach der Machtübernahme der Bolschewiki durch Lenin, das Privateigentum an Produktionsmitteln in Russland weitgehendes abgeschafft hatte.

Um dies alles finanzieren zu können, brauchte man Kredite. Diese kamen, obwohl es absolut widersprüchlich zur kommunistischen Staatsdoktrin war, zu einem großen Teil von westdeutschen Großbanken, was dann zwangsläufig dazu führte, dass ein großer Teil der weltmarktfähigen Waren aus der DDR-Produktion zu „Schleuderpreisen“ in den Westen exportiert werden mussten, um Zinsen und Tilgungen bedienen zu können.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den letzten von westdeutscher Seite gewährten großen Milliardenkredit von 1983, der ausgerechnet vom Erzfeind der DDR, dem damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, eingefädelt und von Kanzler Kohl abgesegnet wurde. Parlament und Politiker aller Parteien waren dazu sehr unterschiedlicher Meinung, weil sie wussten, dass ohne die Gelder aus der Bundesrepublik die DDR zu dieser Zeit schon bankrott gewesen wäre. Kurios und ungewohnt war außerdem, dass dieser Kredit an keine Zweckbestimmung gebunden war, man also mit dem Geld machen konnte, was man wollte. Wie man heute weiß, haben gewisse Leute auf beiden Seiten in neutralen Hinterzimmern ihre Abmachungen getroffen. Am offiziellen Umgangston, der bis dahin vom Klassenkampf geprägt war, konnte man erkennen, dass diese Spezialisten ihr Handwerk verstanden und sich an die vereinbarten Spielregeln hielten.

Einer von ihnen war der DDR-Chefdevisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, ein Oberst des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, der ein sehr fähiger, qualifizierter Kaufmann und Politkader der DDR war. Von ganz OBEN mit den notwendigen Vollmachten ausgestattet, konnte sich dieser Mann so frei in der Welt bewegen, als gäbe es den Eisernen Vorhang mit Berliner Mauer, Minenfeldern und Schießbefehlen gar nicht.

Sein persönliches Imperium, welches er leitete, nannte sich KoKo, die Abkürzung für „Kommerzielle Koordinierung“ beim DDR-Ministerium für Außenhandel. Ein absolut geheimer Bereich, der für den Handel mit dem kapitalistischen Ausland zuständig war. Wobei „Bereich“ wohl nicht die korrekte Bezeichnung widerspiegelte. Es war eine ganz spezielle Firma, die mit Kunst und Antiquitäten und sonstigen Gegenständen, dazu zählten auch Waffen aus DDR-Produktion, handelte. Dabei war ihnen jedes Mittel recht, um an die benötigte Handelsware zu kommen, um sie beim Klassenfeind in konvertierbare Münze umzusetzen. Die Geschäftsmodalitäten waren so absurd, oft auch im höchsten Grade kriminell, dass sie täglich ausreichenden Stoff für Gangstergeschichten hätten liefern können.

Nach der Wende 1989 kam man auch ihm, dem Chef der KoKo, dem Genossen Oberst Schalck-Golodkowski und seinen unlauteren Machenschaften auf die Schliche. Und das Erstaunliche an diesem Vorgang: Es war die NOCH existierende DDR-Justiz,die auf ihn Jagd machte und ihm daraus einen Strick drehen wollte. Dank seiner guten Verbindungen zum Westen, wurde auch er, vom „Selbsterhaltungstrieb“ angetrieben, spontan zu einem „politisch verfolgten DDR-Flüchtling“, so, wie es zu dieser Zeit auch seinem ehemaligen obersten Chef, Erich Honecker, ergangen ist. Schalck-Golodkowski wählte aber nicht Moskau als Reiseziel wie sein ehemaliger Boss Honecker, sondern Bayern.

Am Anfang, nach der Wiedervereinigung, schien es, als hätte man ganz andere Probleme zu lösen, als sich mit dem Vorleben ehemaliger Wirtschaftsfunktionäre der DDR auseinanderzusetzen. Später fanden sich auch in diesem Fall Ankläger und Richter, die ihn zu Haftstrafen, allerdings zur Bewährung ausgesetzt, verurteilten. Somit entging er peinlichen Befragungen, zum Beispiel über den Verbleib des SED Parteivermögens oder anderer Devisenreserven auf ausländischen Konten und konnte das Leben an seinem Altersruhesitz in Bayern bis zu seinem Tode ohne finanzielle Sorgen in vollen Zügen genießen.

Doch nun wieder zurück zum Thema: DDR-Wirtschaft.

Unter diesen allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen und bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen hatte dann, der Logik folgend, die ohnehin angespannte Versorgung der eigenen Bevölkerung zu leiden, welche die wahren Zusammenhänge für die ständige Misere aus ideologischen Gründen aber nicht erfahren durfte. Es war für alle unmittelbar Beteiligten an der Spitze der DDR ein richtiger Teufelskreis, dem sie nicht entrinnen konnten, weil sie ihre eigene Machtlosigkeit ohne Chance auf einen vernünftigen Gegenkurs immer wieder erkennen mussten. So gab es unter ihnen nicht wenige, welche die „Karre“ einfach so laufen ließen und jeden wirtschaftlich überlebten Tag als ein kleines Wunder empfanden.

DENN … in diesen oft chaotischen Zeiten hat es immer wieder mal Beschlüsse und Direktiven der Staatsführung gegeben, die Ausdruck der Hilflosigkeit und darum dem Charakter der Schildbürgerstreiche sehr ähnlich waren. So musste zum Beispiel das Braunkohlenkombinat seinen Beitrag zur „Konsumgüterproduktion“ leisten, in dem es Plüschbären als Kinderspielzeug herstellen musste. Oder eine große Werft, die Hochseefrachtschiffe baute, musste zusätzlich Gartenmöbel oder elektrische Haushaltsgeräte (Bügeleisen und so weiter) produzieren. Kaum einer der Großbetriebe blieb von solchen spontanen Rettungsaktionen verschont.

Parallelen zur staatlich verordneten Entwicklung der Industrie gab es auch in der DDR-Landwirtschaft. Bis kurz nach dem Mauerbau 1961 hatte man die Kollektivierung der Landwirtschaft so gut wie abgeschlossen. Nur ganz wenige Bauern hatten sich in die LPG Typ 1 retten können. Das waren meist kleine landwirtschaftliche Betriebe, die ihr Vieh noch in eigenen Ställen versorgten und nur die Ackerflächen kollektiv bewirtschafteten. Weil es in manchen Orten so wenige von diesen Kleinbetrieben gab und ihre Eingliederung in die „GROSSE LPG“nicht lohnenswert war, blieben diese Bauern fast noch selbständig. Die meisten Bauern, auf deren Betriebe die Staatsführung nicht verzichten wollte, hatten ihren Widerstand aber bald aufgegeben, weil der staatliche Druck für die Menschen, die einst selbständige Landwirte waren, einfach zu hoch war. Sie wurden nun Mitglieder einer LPG, also einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft des Typs 3, hatten alle betrieblichen Vermögenswerte, wie zum Beispiel Maschinen, Gebäude, Äcker und Viehbestände als Inventarbeitrag an die Genossenschaft abzutreten. Bei denen, wo dies nicht reichte, wurden auch noch die Sparguthaben von der Bank abgehoben und in die „Kasse der Allgemeinheit“ eingezahlt. Als Ersatz bekamen sie als eingetragene Genossenschaftsmitglieder nur noch eingeschränkte Mitbestimmungsrechte, weil die Vorgaben zur Umsetzung der neuen Betriebsstrukturen von staatlicher Seite angeordnet und von den Vorständen umgesetzt werden mussten.

Mit Recht fühlten sich viele Bauern regelrecht enteignet und zu gemeinen Landarbeitern degradiert. Dafür waren sie aber jetzt auch noch bei ihren zukünftigen Einkünften von den wirtschaftlichen Erfolgen ihrer Betriebsleitung abhängig. Es gab zu der Zeit nicht wenige LPGs, die nun wiederum vom Staat subventioniert werden mussten. Die Mitglieder hätten sonst eines Tages den Hungertod sterben müssen, weil die einzelnen Einkommen der Mitglieder in sogenannten „Einheiten“ errechnet wurden, die wiederum vom gesamten Betriebsergebnis abhängig waren und nicht von der erbrachten Leistung des Mitarbeiters. Oft schrieben solche LPG-Betriebe aus den unterschiedlichsten, teilweise unverschuldeten Gründen nur rote Zahlen. Bei diesen Zuständen, war es kein Wunder, dass sehr viele DDR-Bauern vor dem Mauerbau 1961 auf der Flucht in den Westen waren, um dieser Zwangsenteignung zu entgehen und dort auf einen Neustart in eine freiheitliche Existenz hofften.

Alle Schichten der klardenkenden DDR-Bevölkerung, ob alt oder jung, hohe Wirtschaftsfunktionäre, Betriebsdirektoren, Abteilungsleiter, Ärzte, Hochschullehrer, Künstler, Handwerker, Gewerbetreibende erkannten die Problematik schon frühzeitig, waren aber nicht in der Lage, eigenständige Entscheidungen zu treffen, um an der allgemeinen Misere etwas zu verändern. Um in ihren Positionen selbst zu überleben, resignierten sie oft oder sie ergaben sich willenlos ihrem Schicksal. Vor dem Mauerbau hatten sie noch eine Alternative und die hieß: Abwanderung in den Westen, was auch von sehr vielen Fachleuten genutzt wurde, weil sie dort dringend gebraucht wurden und darum herzlich willkommen waren. Nach dem Mauerbau hieß die Parole: „Schnauze halten und sich anpassen!“

Wenn das immense wirtschaftliche Potenzial, welches durch die hohen Reparationsleistungen an die Sowjetunion mit etwa 500.000 Besatzungssoldaten in der DDR, durch den aufgeblasenen Parteiapparat, durch Volksarmee, STASI, Grenzschutz, Polizei und andere unproduktive Institutionen gebunden war, effektiver zum Einsatz gekommen wäre, hätte die DDR im internationalen Maßstab eine gute Position einnehmen können. Wir sehen heute, wie ein ehemaliges diktatorisch-kommunistisch regiertes China zur wirtschaftlichen Weltmacht aufsteigt, wenn man die Menschen zwar kontrolliert, aber trotzdem in Eigeninitiative gewähren lässt. Unter Mao Zedong und seinen Gehilfen war das eine Unmöglichkeit.

Dabei sollte man aber nicht unerwähnt lassen, dass es wirkliche, vorzeigbare Erfolge und Ergebnisse, gemessen an dem Lebensstandart der anderen Ostblockstaaten, in den vierzig Jahren DDR gegeben hat.

Diese resultierten aber eher aus den uns Deutschen in aller Welt nachgesagten positiven Eigenschaften und weniger aus dem Fach- und Sachverstand der politischen Führer der DDR. Unter sozialkapitalistischen Verhältnissen, wie sie nach 1945 noch vorzufinden waren und mit einer eigenständigen Wirtschaftspolitik ohne ständige Bevormundung durch die Sowjetunion, hätte man sicher größere wirtschaftliche Erfolge und damit einen ähnlich hohen Lebensstandard wie in der Bundesrepublik verbuchen können. An dem Fleiß der Menschen, an ihrem Einfallsreichtum und dem ehrlichen Willen, das Bestes zu geben, hat es nicht gefehlt.

Obwohl der erste Mann im DDR-Staat, Walter Ulbricht, den Ruf eines eisenharten Stalinisten hatte, kamen ihm im hohen Alter auch Bedenken, ob dieser spezielle Weg, den Westen wirtschaftlich zu überholen, wohl geeignet sei, das Ziel zu erreichen. Seine Genossen in Moskau hörten schon das Gras wachsen, als er versuchte, Verbesserungsvorschläge zu machen.

Das war dann die Sternstunde für seinen Kronprinzen Erich Honecker. Kurze Zeit danach wurde dieser, mit dem Wohlwollen Moskaus, zum Generalsekretär und Staatsoberhaupt gekürt, während man den altgedienten Ulbricht bis zu seinem Tode pietätlos ins Abseits stellte.

***

Was geschah nun aber nach dem Mauerbau in der DDR?

Nach dem Mauerbau in Berlin und der Abriegelung der Außengrenze zur Bundesrepublik konnten die Machthaber in Ostberlin mit ihrer Bevölkerung so umspringen, wie sie es gerade wollten. Die gefahrlosen Fluchtmöglichkeiten waren nicht mehr vorhanden und wer es trotzdem wagte, der setzte dabei nicht nur seine persönliche Freiheit aufs Spiel, sondern auch sein Leben. Der STASI– Minister Erich Mielke hat es mal so interpretiert als er sagte: „ Die Aufgabe der Grenzsoldaten besteht nicht darin, auf einen Flüchtling 70 Schuss Munition in die Luft, zu ballern’, sondern darin, dafür zu sorgen, dass er das Territorium der DDR nicht verlässt, egal in welchem Zustand.“

Man hatte durch ständige Erweiterung der Grenzanlagen, Verbesserung der Sichtverhältnisse, wobei man rücksichtslos ALLES, was im Wege stand beseitigte, die Grenze so dicht gemacht, dass kein Hase oder Reh zur anderen Seite gelangen konnte. Dazu kamen ständig technische Neuerungen zum Einsatz, die oft sehr gefährlich waren und der betriebene Aufwand stand in keinem ökonomischen Verhältnis zum angestrebten Nutzen. Dazu gehörte, dass man heimtückische Minen vergrub, die Mensch und Tier die Beine abrissen, wenn sie explodierten und an den Grenzzäunen zeitweilig Selbstschussanlagen installierte, die auf die Opfer ebenfalls eine fatale Wirkung hatten.

Offiziell nannten sie es den „antifaschistischen Schutzwall“, der die DDR und ihre Bürger vor den „heimtückischen Angriffen der Imperialisten aus dem Westen“ schützen sollte, wie man den Bau fast täglich in den Massenmedien Presse, Rundfunk, Fernsehen zu rechtfertigen versuchte. Dabei wusste jeder nur zu genau, wozu dieses “Bollwerk des Sozialismus“ gebaut wurde. Nämlich, um den Fluchtwillen der eigenen Bevölkerung zu brechen. Es gab zu viele Menschen, die ihr NEIN zum Arbeiter- und Bauernstaat schon millionenfach (man spricht von 2,7 Mill.) zum Ausdruck gebracht hatten, indem sie einfach in den Westengingen und alles zurückließen, was ihnen bis dahin wichtig und wertvoll war: ihre Heimat, ihr Zuhause, ihre Existenzen, ihre Familienangehörigen, Eltern, Geschwister, Freunde. Es war ihnen egal, sie wollten nur weg.

Der Mauerbau und die absolute Grenzschließung zur Bundesrepublik waren also nur das nach Außen sichtbare physische Bollwerk. Nun kam verstärkt auch noch der ideologische Druck auf die Bevölkerung hinzu. Alle Medien, wie Presse, Rundfunk, Fernsehen der DDR wurden auf eine antikapitalistische und prokommunistische Propaganda ausgerichtet. Die Agitatoren, besonders geschulte Parteikader der SED, waren ständig aktiv, das Volk von der Richtigkeit der totalen Abriegelung vom Westen zu überzeugen.

Sie hatten aber am Anfang damit ein großes Problem und das waren die WEST-Medien: Rundfunk und Fernsehen, welche vom überwiegenden Teil der DDR-Bevölkerung gut empfangen werden konnten. Beim Fernsehen war es noch relativ einfach, dem entgegenzuwirken. Man schickte unter Aufsicht der STASI und anderer Sicherheitsorgane die Feuerwehren mit ihren Drehleitern los und sägte den Leuten auf den Dächern einfach die Fernsehantennen ab, die zu den Westsendern ausgerichtet waren. Beim Rundfunk war das nicht ganz so einfach. Dort mussten regionale Störsender den UKW-Rundfunk so überlagern, dass es wirklich keinen Sinn mehr machte, diese Sender zu hören.

Neben diesem ganzen Aufwand gab es aber noch etwas, was für die „Andersdenkenden“ viel gefährlicher war. Es wurde ein allumfassendes Spitzelnetz aufgebaut, was dazu führte, dass bald keiner mehr dem anderen vertrauen konnte. War man seit 1945 schon recht vorsichtig und zurückhaltend bei der Äußerung eigener Meinungen, so konnte man nun, wo alle Fluchtmöglichkeiten verbaut waren, in Teufelsküche kommen, wenn man von einem dieser angesetzten Spitzel der STASI verraten wurde.

Für einen sehr großen Teil der Menschen in der DDR waren diese ersten Jahre nach dem Mauerbau eine ganz schlimme Zeit, an die man sich erst langsam gewöhnen musste. Besonders schlimm war es für die Menschen, die in unmittelbarer Grenznähe zum Westen lebten und diesem Leben wurden nun zusätzlich noch bürokratische Hürden in den Weg des Alltages gelegt. Sperrbezirke wurden eingerichtet, die nur von den Personen betreten werden konnten, die eine Sondergenehmigung dazu hatten. Kontakte zu Verwandten, Freunden und so weiter, die man früher gepflegt hatte, waren oft gar nicht mehr möglich oder nur über Umwege außerhalb der Sperrzonen. Bürgern, denen nach Meinung von STASI-Spitzeln oder anderer Behörden keine Staatstreue zur DDR eingeräumt wurde, konnte das Aufenthaltsrecht in ihren Heimatorten entzogen werden. Sie mussten sich eine neue Bleibe suchen. Wer sich dagegen wehrte, hatte absolut keine Chance und konnte unter Umständen auch noch dafür inhaftiert werden, weil man sich den „Anordnungen der staatlichen Organe“ widersetzt hatte. In einigen Fällen siedelte man ganze Orte um und die Ortschaften wurden danach dem Erdboden gleich gemacht.

Dies alles geschah gegen den Willen des Volkes, eines Volkes, das man zwar Jahre zuvor schon entmündigt hatte, welches aber bei offenen Grenzen immer noch die Möglichkeit hatte, seinen Unmut durch Flucht kundzutun, was bis zum August 1961 auch millionenfach geschah.

Präsident John F. Kennedy hat es Ende Juni 1963 bei seinem Besuch in Berlin sehr treffend zum Ausdruck gebracht, indem er sinngemäß sagte, dass auch „die westliche Demokratie nicht perfekt und vollkommen sei“, man aber darum keine Mauer bauen müsse, weil man Furcht davor habe, dass diesen Ländern die Menschen davonlaufen würden.

Ideologen beurteilen ihr eigenes Handeln nie aus dem Blickwinkel ihres Kontrahenten, deshalb war das, was für den einen der augenscheinliche Ausdruck des Versagens war, für den anderen der „antifaschistische Schutzwall“!

Obwohl sich hier zwei ideologische Erzfeinde gegenüber standen, ist der Kontakt zwischen den Regierungen der beiden deutschen Staaten aus den unterschiedlichsten Gründen nie abgerissen. Zu den Hauptgründen zählten dabei vorrangig wirtschaftliche Probleme, die für beide Seiten zwingend gelöst werden mussten. Egal, wer im Westen oder Osten gerade das Sagen hatte und an der Macht war, der Kontakt riss nie ab. Obwohl man sich bei jeder Gelegenheit lautstark öffentlich diffamierte, die Kontakte durften einfach nicht abreißen, weil jeder ernstzunehmende Politiker wusste, dass man voneinander abhängig war. Schließlich lebten beidseitig des Eisernen Vorhangs Menschen, deutsche Menschen, Menschen eines Volkes und wer Wahlen gewinnen wollte, hatte darauf zu achten, dass er sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnte.

Die Spitzenleute in der Staatsführung, wie Adenauer als erster deutscher Bundeskanzler im Westen oder auf der DDR-Seite Walter Ulbricht begegneten sich zwar nicht persönlich, dafür aber verbal bei jeder Gelegenheit wieHundund Katze. So sprach und verhandelte man, da es bis in die 70er Jahre keine gegenseitige, offizielle, völkerrechtliche Anerkennung gab, aus der Notwendigkeit heraus über Unterhändler und Mittelsleute und fand auch zu manch schwierigen Problemen für beide Seiten gangbare, annehmbare Lösungen zum Nutzen der Menschen in OST und WEST.

Dazu gehörten, neben dem lebensnotwendigen innerdeutschen Handel, der humanistische Aspekt, wie Familienzusammenführung, Besuchreisemöglichkeiten in beide Richtungen und das nach dem Mauerbau anhängige Problem des Gefangenenaustausches, Agenten, Spione und so weiter, sowie später der Freikauf von politischen Häftlingen aus der DDR. Wie wir heute wissen, lief das bereits seit 1962, damals noch in Einzelfällen und begrenztem Umfang. Es endete erst 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer und dem endgültigen Zusammenbruch der DDR. Über 30.000 Häftlinge sind über diesen „besonderen Weg“ in die Freiheit gelangt. Die damit verbundenen Kosten für die Bundesrepublik waren immens. Aber auch der Gewinn, da es sich in der Regel um qualifizierte Fachkräfte handelte, die bei ihrem Neuanfang im Westen mit viel Fleiß und Energie ihren Beitrag zur Steigerung des allgemeinen Wirtschaftswachstums leisteten.

Jeder der unmittelbar Betroffenen war froh, zu den Auserlesenen zu gehören und kaum einer von ihnen wird zu der Zeit geahnt haben, welche politische Perversion sich hinter diesem innerdeutschen Menschenhandel verbarg.

Unsere Ausreise an diesem besonderen Tag

Auch ich befand mich am 1. Juni 1983 im ersten Reisebus.

Meine Frau saß neben mir. Wir hielten uns in diesem Augenblick, als der Bus die Grenze überquert hatte, festumschlungen und heulten vor Freude genauso intensiv, wie die vielen Anderen auch.

Nur wer in seinem Leben einmal Ähnliches erlebt hat, kann nachvollziehen, wie wir uns ALLE, die wir hier im Bus saßen, in diesen Augenblicken gefühlt haben. Welche Emotionen in uns waren und welche verwirrten Gedanken in unseren berauschten Köpfen kreisten.

Man hatte uns gerade auf eigenen Wunsch wie Sklaven von DEUTSCHLAND OST nach DEUTSCHLAND WEST verkauft. Der VERKÄUFER, die DDR hatte keine Skrupel, uns vorher noch den Status von Verbrechern anzuhaften, in dem man uns, allein dafür, das Land auf legalem Wege verlassen zu wollen, zu hohen Haftstrafen verurteilte und in ihre Zuchthäuser gesteckt hatte, während der KÄUFER,die Bundesrepublik Deutschland uns mit sofortiger Wirkung in die Freiheit entließ und uns damit Möglichkeiten eröffnete, von denen wir bisher nur geträumt und für die wir hart gekämpft und gelitten hatten.

Kaum einer wird hier in diesem Reisebus bewusst erkannt haben, wie eng FREUD und LEID miteinander verknüpft sein konnten. Was GEBEN und NEHMEN für ungeahnte Auswirkungen auf jeden von uns hatte.

Als die überlebenden deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges nach Jahren der Unfreiheit in Amerika, England, Frankreich oder Russland endlich nach Hause fahren durften, waren sie freudig, sehnsüchtig erwartete Heimkehrer und die meisten von ihnen hatten ein Ziel. Wenn es das, nach all den durch Bomben und Kampfhandlungen angerichteten Zerstörungen und der Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten noch gab, war dieses Ziel ihre Familien, ihre Heimat, ihr Zuhause.

WIR hatten soeben in diesen wenigen Minuten all das, was für uns bisher wichtig war, unsere Heimat, unser Zuhause, unsere Familien, unsere Freunde, das gesamte Hab und Gut für immer zurücklassen müssen und kaum einer von uns wusste zu diesem Zeitpunkt konkret, was ihn hinter dem Eisernen Vorhang erwarten würde. Und doch waren wir davon überzeugt, dies alles gegen etwas sehr Wertvolles eingetauscht zu haben … ein zukünftiges Leben in persönlicher Freiheit. WIR wollten frei sein von ständiger Bevormundung, frei sein von ständiger Meinungsmanipulation, frei sein von ständigen Ängsten vor staatlicher Willkür. WIR wollten die Geschicke unseres Lebens selber entscheiden und somit der alleinige „Schmied unseres persönlichen Glückes“ sein.

Die Kleidung, die wir am Leib trugen und einen Identitätsnachweis mit Lichtbild hatte man uns zugebilligt. Dazu die Entlassungsurkunde aus der Staatsbürgerschaft der DDR. In Einzelfällen einen kleinen Stoffbeutel mit ein paar dürftigen Habseligkeiten oder wichtigen Dokumenten, Zeugnissen, Urkunden über Geburt oder Heirat. Das war unser Preis für die Freiheit. Da es ab hier kein Zurück mehr gab, hieß das für jeden von uns: NEUANFANG am absoluten NULLPUNKT.

WIR haben es so gewollt. Haben für diese Freiheit gekämpft und gelitten. Jetzt war nicht der Moment zurückzuschauen und sich Gedanken über das FÜR und WIDER der ganzen Aktion zu machen. Jetzt hatte ein ganz neuer Abschnitt in unserem Leben begonnen und es galt nach vorn zu schauen, in die Hände zu spucken und das anzupacken, nach dem wir uns hinter den Zuchthausmauern der DDR gesehnt hatten.

Später, vielleicht nach JAHREN ODER NIE würde man Gelegenheit haben, diese persönliche Vergangenheit aufzuarbeiten oder Bilanz zu ziehen, ob sich dieser Aufwand wirklich gelohnt hat.

ICH habe es versucht, diese Zeit in meinem Inneren zu verarbeiten. Ganz gelungen ist es mir bisher nicht.

Die Zeit vor der Ausreise

Wie war ich überhaupt in diesen Bus gekommen?

Schließlich waren die Fahrgäste ausnahmslos aus DDR-Gefängnissen freigekaufte, politische Häftlinge, für die der bundesdeutsche Steuerzahler ein ganz stattliches Sümmchen hingeblättert hatte.

Wer die Anderen im Einzelnen waren, weiß ich natürlich nicht. Wir hatten uns bisher nie gesehen und waren erst in dem Bus zu dieser Fahrgemeinschaft geworden. Ich habe davon gehört, dass sich kompetente Leute, im Auftrag der Bundesregierung, mit der Auswahl der Freizukaufenden beschäftigten und von sogenannten “Kuckuckseiern“, also Leuten, die absolut nicht in dieses humanitäre Konzept des Westens passten, hat man danach kaum etwas in Erfahrung gebracht. Meine Frau und ich gehörten jedenfalls zu diesen Auserwählten und wir sind bis zum heutigen Tag all denen dankbar, die sich damals erfolgreich um unsere Freiheit bemüht haben.

ICH war ein von den DDR-Gerichten zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilter Agent einer ausländischen Macht. Ich hatte an den Westen „nicht der Geheimhaltung unterliegende Nachrichten“ geliefert und über die tatsächlichen Zustände der damaligen DDR ein Buch geschrieben, was mir zusätzlich noch den Straftatbestand der “Staatsfeindlichen Hetze“ eingebracht hatte. Ich hatte die damaligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR ungeschönt dargestellt und das Manuskript in den Westen verbracht, damit sich die Menschen auf der anderen Seite unseres Vaterlandes einen ungefähren Überblick verschaffen konnten, unter welchen Bedingungen WIR, “die anderen Deutschen“ im realexistierenden Sozialismus leben mussten.

Somit war ich ein Verbrecher der schlimmsten Art und konnte froh sein, noch einmal mit sooo wenigen Jahren Zuchthaus für meine Untaten davon gekommen zu sein.

Das Verbrechen meiner Frau, die all diese “schlimmen Sachen“ nicht getan hatte, bestand darin, dass sie das persönliche Pech hatte, zu dieser Zeit mit mir, diesem Agenten, verheiratet gewesen zu sein. Durch diesen Umstand und ihr Wissen um meine strafbaren Handlungen, wurde sie zu meiner Komplizin und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Dabei hatte sie etwas Glück. Wäre es nach dem Willen des Staatsanwaltes gegangen, hätte sie dafür drei Jahre bekommen.

Eines meiner Verbrechen als Agent gegen die DDR-Interessen bestand darin, dass ich mich schon rechtzeitig ausgerechnet mit diesen Behörden der Bundesrepublik Deutschland rechtswidrig in Verbindung gesetzt hatte, die dann für den Freikauf politischer Häftlinge zuständig waren. Dies war damals das Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen. Man hatte es extra zu dem Zweck gegründet, um bilaterale Fragen jeglicher Art zu klären. Später kam dann noch die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ostberlin dazu, die so eine Art Botschaft war, obwohl sie gerade deshalb so nicht benannt wurde. Sie diente der DDR-Führung als ein unmittelbarer Beweis der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik als eigenständiger Staat auf deutschem Boden.