Wenn Platzangst das Leben einengt - Hans Morschitzky - ebook

Wenn Platzangst das Leben einengt ebook

Hans Morschitzky

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Opis

"Ich fahre nicht mit dem Aufzug, da bekomme ich Platzangst!" – "Aufs Stadtfest komme ich nicht mit. Ich kippe dort bestimmt um!" Menschen mit einer Agoraphobie oder Klaustrophobie fürchten Situationen, in denen eine Flucht nur schwer möglich oder keine Hilfe zur Verfügung zu stehen scheint. Aus Angst, hilflos ausgeliefert zu sein, schränken viele Betroffene ihr Leben stark ein. Manche trauen sich nicht einmal mehr allein aus dem Haus. Der erfahrene Psychotherapeut Hans Morschitzky beschreibt anschaulich, was Platzangst ist, und erklärt die Hintergründe für ihre Entstehung. In einem verhaltenstherapeutischen 7-Schritte-Programm gibt er Betroffenen kompetent Hilfestellung, wie sie ihre Ängste bewältigen können.

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Hans Morschitzky

Wenn Platzangst das Leben einengt

Agoraphobie bewältigen

Patmos Verlag

Inhalt

Inhalt

Vorwort

Teil 1 Agoraphobie – was sie ist und wohin sie führt

Die Furcht vor draußen oder drinnen – eine phobische Angststörung

Von der Furcht zur Phobie

Agoraphobie – eine multiple Situationsphobie

Agoraphobie hat viele Gesichter

Zwei Grundformen von Agoraphobie: der Einfluss von Panikattacken

Agoraphobie mit Panikstörung

Agoraphobie ohne Panikstörung

Was eine Agoraphobie schlimmer macht – wenn falsche Strategien das Problem verschärfen

Sicherheitsstrategien statt Selbstvertrauen

Abhängigkeit von Vertrauenspersonen statt Autonomie

Agoraphobie als falscher Problemlösungsversuch

Was unterscheidet eine Agoraphobie von anderen psychischen Störungen?

Sozialphobie – Vermeidung aus Angst vor sozialer Kritik

Generalisierte Angststörung – Vermeidung wegen ständiger Sorgen über alles Mögliche

Zwangsstörung – Vermeidung aus Angst vor schuldhaftem Verhalten

Depressionen – Vermeidung aus Antriebs- und Lustlosigkeit

Posttraumatische Belastungsstörung – Vermeidung aus Angst vor Wiedererinnerung an ein Trauma

Körperliche Erkrankungen – Vermeidung aus Angst vor neuerlicher Krankheit

Welche Störungen treten häufig zusammen mit einer Agoraphobie auf?

Depression – wenn Antriebs- und Lustlosigkeit das Vermeidungsverhalten verstärken

Soziale Phobie – wenn Beurteilungsängste eine Agoraphobie verschlimmern

Generalisierte Angststörung – wenn ständige Sorgen das Leben immer mehr einengen

Posttraumatische Belastungsstörung – wenn ein Trauma zur Agoraphobie führt

Trennungsangststörung – wenn jede Reise Trennungsängste aktiviert

Persönlichkeitsstörung – wenn Probleme mit sich selbst den Aktionsradius einschränken

Somatoforme Störungen – wenn anhaltende körperliche Symptome ein Vermeidungsverhalten begünstigen

Schädlicher Gebrauch von Alkohol und Beruhigungsmitteln – wenn Reisen nur unter Substanzeinfluss möglich ist

Wie verbreitet ist Agoraphobie?

Teil 2 Agoraphobie – wie sie entsteht und immer mehr ausufert

Welche biologischen Ursachen sind bedeutsam?

Die Angst- und Kontrollzentren im Gehirn

Vier körperliche Reaktionsmöglichkeiten bei Bedrohung

Welche lebensgeschichtlichen Ursachen sind typisch?

Stress durch nachwirkende Sozialisationsbedingungen aus der Kindheit oder Jugendzeit

Stress durch traumatisierende Lebenserfahrungen

Stress in Partnerschaft und Familie

Stress im Beruf

Welche personenspezifischen Ursachen sind bekannt?

Zentrale Problembereiche von Menschen mit Agoraphobie

Das Bedürfnis nach Kontrolle als Hauptproblem bei Agoraphobie

Typische Auslöser und Verstärker einer Agoraphobie

Häufige Auslöser einer Agoraphobie

Häufige Verstärker einer Agoraphobie

Teil 3 Agoraphobie überwinden – ein Selbsthilfeprogramm in sieben Schritten

Schritt 1 Selbstdiagnostik: Erfassen und analysieren Sie Ihre Agoraphobie

Diagnostizieren Sie die Art Ihrer Agoraphobie

Analysieren Sie die Auslöser und Verstärker Ihrer Agoraphobie

Analysieren Sie die tieferen Ursachen Ihrer Agoraphobie

Erfassen Sie alle bisherigen Folgen Ihrer Agoraphobie

Schritt 2 Ziel- und Werteklärung: Planen Sie Ihr Leben jenseits von Ängsten und Körperbeschwerden

Entwickeln Sie aufgrund Ihrer Werte motivierende Ziele trotz Ihrer Agoraphobie

Entwickeln Sie motivierende Ziele jenseits Ihrer Agoraphobie

Erstellen Sie einen schrittweisen Plan zur Überwindung Ihrer Agoraphobie

Schritt 3 Absenkung der Grundanspannung: Verbessern Sie Ihr Allgemeinbefinden

Stressreduktion: Vermindern Sie psychosoziale Belastungssituationen

Psychisches Wohlbefinden: Finden Sie einen besseren Umgang mit Ihren Gefühlen

Körperliches Wohlbefinden: Fördern Sie Ihre körperliche Fitness

Entspannungstechniken: Finden Sie die passende Methode

Achtsamkeit: Nehmen Sie den Augenblick wahr ohne ängstliche Bewertung

Schritt 4 Mentales Training: Bereiten Sie sich auf agoraphobische Situationen vor wie Spitzensportler auf den Wettkampf

Stellen Sie sich mental allen gefürchteten Situationen

Nutzen Sie die Strategie des mentalen Kontrastierens

Nutzen Sie die bekannten Techniken des mentalen Trainings

Nutzen Sie die Bildschirmtechnik als mentale Konfrontationstherapie

Schritt 5 Verhaltensexperimente: Trainieren Sie den Umgang mit gefürchteten körperlichen und psychischen Symptomen außerhalb von agoraphobischen Situationen

Provozieren Sie bewusst die am meisten gefürchteten Symptome

Provozieren Sie Panikattacken in unterschiedlichen Situationen

Paradoxe Wirkung: das Geheimnis hinter Provokationsstrategien

Schritt 6 Konfrontationstherapie: Stellen Sie sich erfolgreich allen gefürchteten Orten und Situationen

Vier Formen von Konfrontationstherapie – nicht alles passt für jeden

Konfrontationstherapie nach dem klassischen Konzept: für viele Betroffene weiterhin ausreichend

Neuere Formen der Konfrontationstherapie: So erhöhen Sie Ihre Erfolgschancen

Optimierung der Konfrontationstherapie aus neurowissenschaftlicher Sicht

Schritt 7 Erfolgreich trotz verschiedener Probleme: Was Sie bei einer Konfrontationstherapie berücksichtigen sollten

So gehen Sie bei einer Mehrfacherkrankung vor

Wenn die Konfrontationstherapie keine Wirkung zeigt

Wenn erst nach einer erfolgreichen Konfrontationstherapie die wahren Probleme sichtbar werden

Schluss

Anmerkungen

Literatur

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Vorwort

Die Angst vor bestimmten Orten und Situationen kann den Aktions­radius und damit das ganze Leben in sehr belastender Weise einschränken. Viele Menschen haben Angst vor großen, weiten Plätzen, vor allem unter vielen Leuten, oder vor engen und geschlossenen Räumen, wie etwa einem Aufzug oder einer Saunakabine. Derart konkrete, situationsbezogene Ängste werden im Normalfall als Furcht und im krankheitswertigen Zustand als Phobie bezeichnet. Bis vor einiger Zeit war im allgemeinen Sprachgebrauch, aber auch bei Fachleuten völlig klar: Die Furcht vor weiten Plätzen ist eine Agoraphobie, die Furcht vor engen Räumen eine Klaustrophobie – und so finden Sie diese Unterscheidung oft auch noch in zahlreichen Büchern und Artikeln sowie im Internet.

In der modernen Diagnostik gilt dagegen der Fachausdruck Agoraphobie als Überbegriff für beides: für die Angst vor der Weite und für die Angst vor der Enge. In diesem Sinne werden die Bezeichnungen »Agoraphobie« und »Platzangst« auch im vorliegenden Buch als Überbegriff für beide Formen der krankheitswertigen Einschränkung des Aktionsradius verwendet und Hilfestellungen im Umgang damit angeboten.

Eine Agoraphobie besteht in der krankhaften Furcht vor bestimmten Orten oder Situationen, in denen eine Flucht nur schwer möglich erscheint oder keine Hilfe zur Verfügung steht. In agoraphobischen Situationen dominiert das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Eindruck, in der Falle zu sitzen, egal, ob es sich dabei um weite Plätze mit Tausenden von Menschen handelt wie bei einem Open-Air-Konzert oder um enge Räume, die man allein oder nur mit wenig anderen Menschen aufsucht, wie etwa bei einem Aufzug.

Die Angst vor der Angst, konkret in Form der Furcht vor einer Panik­attacke oder einzelnen unkontrollierbaren Symptomen – etwa Herzklopfen, Schwitzen, Atemnot, Schwindel, Ohnmachtsneigung, Übelkeit, Harn- oder Stuhldrang – bestimmt das ganze Leben. Alles dreht sich um das Bedürfnis nach verlässlicher Kontrolle. Das Vertrauen in den eigenen Körper sowie in unbekannte oder subjektiv unsichere Orte und Situationen ist erschüttert.

Hinter der Furcht vor äußeren Gegebenheiten steht die Angst vor sich selbst – vor den eigenen Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken. Was nicht sicher genug erscheint, wird vermieden oder nur mit diversen Tricks und Sicherheitsstrategien zu bewältigen versucht. Bei einem solchen Verhalten bleibt eine Agoraphobie – unabhängig von den Ursachen – vor allem auch deshalb weiterhin bestehen, weil durch ständige Flucht- und Vermeidungstendenzen positive Erfahrungen mit dem eigenen Körper und der Umwelt ausbleiben.

Eine ausgeprägte Agoraphobie mit oder ohne Panikstörung bewirkt unbehandelt, zumindest im Laufe von mehreren Jahren, eine zunehmende Einschränkung der Bewegungsfreiheit, eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität sowie der schulischen, beruflichen, sozialen und sonstigen Funktionsfähigkeit. Sie führt zu weiteren psychischen Störungen, vor allem zu Depressionen oder schädlichem Gebrauch von Alkohol oder Beruhigungsmitteln.

Eine Agoraphobie tritt bei etwa vier Prozent der Bevölkerung auf. Sie geht mit einem großen individuellen Leidensdruck einher, aber auch mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten in Form von Langzeitkrankenständen, Langzeitarbeitslosigkeit und Frühberentungen, vor allem, wenn die genannten Begleit- und Folgestörungen vorliegen.

Dieses Buch möchte Betroffenen und ihren Angehörigen helfen, die Symptomatik einer Agoraphobie besser zu verstehen, um sie im Anschluss daran leichter bewältigen zu können. Es kann aber auch Personen mit medizinischen, psychologischen, psychotherapeutischen, sozialen und pädagogischen Berufen bei einem besseren Umgang mit den Betroffenen unterstützen.

Als Klinischer Psychologe und Psychotherapeut in freier Praxis behandle ich in Linz, Österreich, seit mehr als 30 Jahren Menschen mit Agoraphobie mit und ohne Panikstörung, zusätzlich viele Jahre lang auch in stationär-psychiatrischem Kontext. Auf der Basis der Verhaltenstherapie vertrete ich ein integratives Behandlungskonzept, das neben der Behandlung der Symptome auch auf die Förderung der Persönlichkeit und die Bewältigung familiärer und beruflicher Stressfaktoren abzielt.

Es ist meine Hoffnung, dass dieses Buch bei leichter bis mittelschwerer Agoraphobie eine Psychotherapie unnötig macht und bei dringender Behandlungsbedürftigkeit die erforderliche Psychotherapie hilfreich unterstützt und möglicherweise verkürzt.

Teil 1 beschreibt die Symptomatik der Agoraphobie in allen mög­lichen Details und Folgen.

Teil 2 erläutert die tieferen Ursachen, typischen Auslöser und problemverschlimmernden Verstärker einer Agoraphobie.

Teil 3 bietet eine Anleitung zur erfolgreichen Selbstbehandlung für Betroffene, die aber auch Angehörigen zur Orientierung und bestmög­lichen Unterstützung dienen kann.

Ich bedanke mich bei Frau Dr. Christiane Neuen vom Patmos Verlag für die Einladung zu diesem Buch, für zahlreiche stilistische Verbesserungen, vor allem jedoch für ihre sehr engagierte Auseinandersetzung mit dem Inhalt und der daraus resultierenden Optimierung und besseren Verständlichkeit meiner Ausführungen.

Für einen Selbsthilfe-Ratgeber ist dieses Buch phasenweise sicherlich auf relativ hohem Niveau geschrieben. Mir ist es jedoch sehr wichtig, Betroffene und Angehörige von den neuesten theoretischen und therapeutischen Entwicklungen in Bezug auf Agoraphobie mit und ohne Panikstörung möglichst fundiert zu informieren – Entwicklungen, die noch nicht einmal allen Fachleuten bekannt sind.

Stellen Sie an sich selbst nicht den Anspruch, dass Sie alles gleich beim erstmaligen Lesen verstehen müssen. Nach einem ersten Überblick kann das spätere gründliche Durcharbeiten mehr bringen, als wenn Sie gleich zu Anfang schon bei einem bestimmten Thema oder Gedankengang hängen bleiben.

Nutzen Sie die Chance, durch die Überwindung Ihrer Agoraphobie mehr aus Ihrem Leben zu machen, als dies zuletzt möglich war, und lassen Sie nicht zu, dass Platzangst Ihr Leben auch in Zukunft weiterhin so einengt wie in der Vergangenheit.

Mit diesem Buch setze ich die langjährige Zusammenarbeit mit dem Patmos Verlag fort, aus der bisher bereits fünf Bücher entstanden sind, und zwar zu Angststörungen ganz allgemein sowie zu speziellen Ängsten, namentlich Versagensängsten, sozialen Ängsten und Krankheitsängsten, aber auch zu psychosomatischen Störungen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit geht weiter: Ein Ratgeber zur generalisierten Angststörung wird folgen.

Für Rückmeldungen zu diesem Buch bin ich Ihnen dankbar. Meine Kontaktdaten finden Sie auf meiner Homepage www.panikattacken.at.

Hans Morschitzky

Teil 1 Agoraphobie – was sie ist und wohin sie führt

Die Furcht vor draußen oder drinnen – eine phobische Angststörung

Von der Furcht zur Phobie

Unser Leben ist ständig Gefahren ausgesetzt, wie es Erich Kästner treffend formuliert hat: »Das Leben ist immer lebensgefährlich.« Angst und Furcht sind angeborene und personspezifisch geformte, normale körperliche und psychische Reaktionen auf Ereignisse, Situationen und Vorstellungen, die als bedrohlich, ungewiss oder unkontrollierbar erlebt werden.

Angst und Furcht aktivieren Körper und Geist – heutzutage in gleicher Weise wie bei unseren Vorfahren, die in früheren Jahrtausenden vielen realen Gefahren ausgesetzt waren und daher entsprechend rasch reagieren mussten. In der heutigen Zeit bestehen viele Bedrohungen nur mehr in unseren Köpfen, sodass unser Körper ständig überaktiviert und anhaltend verspannt ist.

Was unterscheidet Furcht von Angst und Panik?

Angst ist eine auf die Zukunft bezogene, unbestimmt-diffuse Bedrohungserwartung, wie sie sich krankheitswertig vor allem in der generalisierten Angststörung widerspiegelt. Es handelt sich dabei um ein allgemeines Bedrohungsgefühl, oft ohne konkrete Auslöser. Angst bezeichnet die gefühlsmäßige Befindlichkeit in Verbindung mit einer körperlichen Anspannung angesichts einer ungewissen Zukunft.

Sich-Sorgen ist die gedankliche Komponente der Angst, ausgelöst durch ständige »Was wäre, wenn …?«-Fragen. Die Besorgtheit gilt nicht der Gegenwart, sondern der Zukunft und was in ihr schlimmstenfalls geschehen könnte. Angst lebt von ständigem Nachdenken über Horror­szenarien und führt zu chronischer Verspannung, weil der Körper mangels konkreter Gefahr, vor der man z. B. weglaufen könnte, im Moment nichts unternehmen kann. Furcht dagegen ist wenig mit Nachdenken verbunden, weil sofortiges Handeln im Sinne einer Kampf-Flucht-Reaktion gefordert ist.

Furcht ist eine auf die Gegenwart bezogene, ganz konkrete Bedrohungserwartung, wie sie sich krankheitswertig in einer Vielzahl von Phobien äußert. Es handelt sich um eine gerichtete Angst und subjektive Bedrohung durch ganz bestimmte äußere Gefahren. Eine erhöhte Angstbereitschaft erleichtert die Auslösung von Furcht. Angst schlägt sofort in Furcht um und bewirkt eine plötzliche Aktivierung des Körpers, wenn eine vermeintliche Bedrohung in der Zukunft als unmittelbare Gefahr erlebt wird. Bei Furcht lassen die körperlichen Begleitreaktionen bald nach, wenn die subjektive Bedrohung vorüber ist, während die Anspannung bei Angst aufgrund der nach wie vor gegebenen potenziellen Gefährdung bestehen bleibt. Furcht wird zur Panik im Fall der vermeintlichen Bedrohung von Leib und Leben.

Panik ist eine intensive Furcht, wie sie krankheitswertig typisch ist für eine Panikstörung, die aus wiederholten Panikattacken und großer Angst davor besteht. Es handelt sich dabei um eine extreme Furcht vor dem eigenen Körper, ein Gefühl massiver körperlicher und/oder geistiger Überwältigung im Sinne eines totalen Kontrollverlusts, mit dem die Betroffenen nicht umgehen können.

Zusammenfassend noch einmal die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale: Die subjektive Bedrohung geht bei Angst von der Zukunft, bei Furcht von der aktuellen Umwelt und bei Panikattacken vom eigenen Körper aus.

Die drei Ebenen von Angst und Furcht

Normale und krankheitswertige Angst und Furcht zeigen sich auf dreifache Weise: im Körper, im Denken und im Verhalten. Diese drei Ebenen beeinflussen sich wechselseitig, sowohl positiv als auch negativ:

1. Körperliche Ebene

Angst und Furcht sind Stressreaktionen, die auf körperlicher Ebene durch das vegetative Nervensystem gesteuert werden. Dieses besteht aus dem sympathischen Nervensystem, das für Aktivität und Leistung zuständig ist, und dem parasympathischen Nervensystem, das für Erholung, Entspannung und Energieaufbau sorgt. Sobald das Gehirn eine akute Bedrohung wahrnimmt, egal, ob real oder nur vermeintlich, wird der Körper mithilfe der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin zur Sicherung des Überlebens in eine Kampf-Flucht-Reaktion versetzt, bald auch zusätzlich unterstützt durch das Dauerstresshormon Cortisol. Bei gesunden Menschen spricht man von einer Furchtreaktion, bei angstkranken Personen von einer Phobie.

Das Herz arbeitet schneller, der Blutdruck steigt an und die Atmung wird intensiver. Das Blut wird in Richtung der arbeitenden Muskulatur in Arme, Beine, Brust und Nacken umverteilt, um die Kampf-Flucht-Reaktion zu unterstützen. Alle im Moment nicht benötigten Körperfunktionen werden gehemmt: Speichelfluss, Verdauung, Ausscheidung, sexuelle Reaktion, sogar das Immunsystem. Der Körper beginnt im Sinne eines Überhitzungsschutzes zu schwitzen. Der Stoffwechsel wird beschleunigt, es werden vermehrt Zucker und Fettsäuren ausgeschüttet, während die Insulinproduktion gehemmt wird, um den Zuckerspiegel hoch zu halten. Sobald die Gefahr vorüber ist, setzen über das parasympathische Nervensystem die Erholung und der Energieaufbau ein.

2. Gedankliche (kognitive) Ebene

Bei Angst und Furcht richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf die reale oder vermeintliche Bedrohung. Unser Denken dreht sich um die Abwehr der objektiven oder subjektiven Gefährdung. Unsere spontanen Gedanken und tiefsitzenden Denkmuster veranlassen uns – bei krankheitswertiger Angst vorschnell – zur Wahrnehmung einer Bedrohung, sodass wir in der Folge davon auf der emotionalen Ebene Angst und Furcht und auf der körperlichen Ebene eine erhöhte Anspannung erleben. Die Angst machenden Muster der Wahrnehmung und des Denkens von Menschen mit einer Agoraphobie werden später noch ausführlich besprochen.

3. Verhaltensebene

Angst und Furcht drücken sich in bestimmten, beobachtbaren Verhaltensweisen aus, wie etwa Starrwerden vor Schreck, Zittern oder Beben, panikartigem oder unruhigem Verhalten, Flucht- und Vermeidungsreaktionen.

Was unterscheidet normale von krankheitswertiger Angst und Furcht?

Krankhafte Angst und Furcht im Sinne einer Angststörung

treten ohne reale Bedrohung auf,dauern auch nach der Beseitigung einer realen Gefahr an,treten unangemessen, zu stark und zu häufig auf,dauern zu lange an,gehen mit starken körperlichen Symptomen einher,sind mit belastenden Erwartungsängsten (»Angst vor der Angst«) verbunden,können hinsichtlich Auftreten und Dauer nicht kontrolliert werden,lassen sich auch durch bestimmte Erklärungs- und Bewältigungsstrategien nicht bedeutsam lindern,führen zu Flucht und Vermeidung von objektiv ungefährlichen Situationen,beeinträchtigen die allgemeine Lebensqualität und bewirken einen großen Leidenszustand,gefährden die Ausübung wichtiger Tätigkeiten in Beruf und Freizeit,schränken die schulische, berufliche, soziale und sonstige Funktionsfähigkeit erheblich ein.

Angst und Furcht, aber auch einzelne Panikattacken, wie sie bei jedem Gesunden auftreten können, machen erst dann krank, wenn man nicht mit ihnen umgehen kann. Panikattacken werden nur deshalb zu einer krankheitswertigen Störung, weil die Betroffenen die an sich harmlosen körperlichen Symptome als bedrohlich bewerten und falsche Problem­lösungsversuche entwickeln.

Welche Arten von Phobien gibt es?

Das internationale Diagnoseschema ICD-10 unterscheidet zwei große Gruppen von krankhaften Ängsten: Phobien und sonstige Angststörungen. Die sonstigen Angststörungen bestehen aus der Panikstörung und der generalisierten Angststörung. Die Phobien umfassen drei Arten: soziale Phobie, Agoraphobie und spezifische Phobien.

Eine soziale Phobie ist eine krankheitswertige Angst, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen, von diesen kritisiert und im schlimmsten Fall gar abgelehnt zu werden.

Die krankheitswertige Furcht vor bestimmten Orten und Umwelt­situationen wird im ICD-10 durch zwei verschiedene Diagnosekategorien erfasst: Agoraphobie und spezifische Phobien.

Eine Agoraphobie ist eine krankheitswertige Furcht und Vermeidung in Bezug auf mehrere, mindestens jedoch zwei bestimmte Orte bzw. Situationen.

Eine spezifische Phobie ist eine krankheitswertige Furcht und Vermeidung in Bezug auf eine einzelne, spezifische Situation, die trotz Einsicht in die relative Gefahrlosigkeit nicht überwindbar erscheint. Man unterscheidet fünfSubtypen:

Tier-Typ: Furcht vor bestimmten Tieren, wie etwa Hunden, Pferden, Schlangen, Mäusen, Ratten, Schnecken, Spinnen, Käfern, Bienen oder Wespen (ohne allergische Reaktionsneigung der Betroffenen). Entwicklungsgeschichtliche Komponenten (manche Tiere waren früher giftig oder gefährliche Krankheitsüberträger) sowie Ekel­gefühle vor bestimmten Tieren, wie etwa Spinnen oder Ratten, können dabei eine Rolle spielen.Umwelt- oder Naturgewalten-Typ: Furcht vor Höhen, Tiefen, Stürmen, Donner, Blitz, Wasser, Feuer, Dunkelheit. Oft wirkt dabei eine entwicklungsgeschichtliche Komponente nach, die durch rationale Überlegungen und positive Erfahrungen mit der realen Welt nicht kompensierbar erscheint.Blut-Spritzen-Verletzungs-Typ: Furcht vor Blut, medizinischen Behandlungen und Umwelteinwirkungen, die buchstäblich »unter die Haut« gehen. Drei Viertel der Betroffenen haben in Zusammenhang mit derartigen Erfahrungen schon einmal eine Ohnmacht erlitten und vermeiden derartige Situationen aus Angst vor einer neuerlichen Ohnmacht.Situativer Typ: Furcht vor Fahrstühlen, Tunneln, Flugzeugen oder anderen engen, geschlossenen Räumen, wie etwa einem MRT-Gerät bei einem Radiologen oder einer Bräunungsliege in einem Solarium. Diese spezifische Phobie wurde früher als Klaustrophobie bezeichnet.Anderer Typ: die Furcht vor Ersticken, Erbrechen (Emetophobie) oder lauten Geräuschen.

Bei den meisten spezifischen Phobien führt die Furcht zur Vermeidung bestimmter Orte oder Situationen. So vermeiden Hundephobiker Orte mit Hunden und Spritzenphobiker medizinische Behandlungseinrichtungen, ähnlich wie Menschen mit der Furcht vor Dunkelheit die Wohnung in der Nacht nicht verlassen.

Die Unterscheidung zwischen Agoraphobie als Angst vor weiten Plätzen und Klaustrophobie als Angst vor engen Räumen ist wie gesagt überholt. Man unterscheidet heute zwischen multiplen und singulären situativen Phobien. Viele Menschen haben mehr als eine situationsbezogene Phobie und somit eine Agoraphobie. Schließlich geht es immer wieder um das gleiche Thema: »in der Falle sitzen«, nicht jederzeit fliehen können, wenn man sich unwohl fühlen sollte, auch wenn man vom Verstand her weiß, dass man keiner realen Gefahr ausgesetzt ist. Wer jedoch tatsächlich nur eine einzige situationsbezogene Phobie hat, etwa Flugangst oder eine Fahrstuhlphobie, leidet unter einer spezifischen Phobie, situativer Typ.

Agoraphobie – eine multiple Situationsphobie

Das Erscheinungsbild der Agoraphobie wurde erstmals im Jahr 1871 vom Berliner Nervenarzt Carl F. O. Westphal beschrieben, und zwar als Folge von Panikattacken und damit einhergehenden Erwartungsängsten (»Angst vor der Angst«). Als eigenständige Krankheitskategorie wurde die Agoraphobie erstmals im internationalen Diagnoseschema ICD-10 definiert, das 1992 auf Englisch veröffentlicht wurde und in Deutschland seit dem Jahr 2000 und in Österreich seit 2001 verbindlich ist. Bis dahin unterschied man nur sehr grob zwei Arten von Angsterkrankungen: Angstneurosen und Phobien (ohne nähere Differenzierung).

In den USA wurde die Agoraphobie erstmals im Jahr 1980 im amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-III beschrieben, und zwar nicht als eigenständige Störung, sondern als »Panikstörung mit Agoraphobie«. Seit den 1970er-Jahren wurde in den USA aufgrund bestimmter Forschungsbefunde (fälschlich) angenommen, dass es sich bei spontanen Panikattacken um eine psychologisch nicht beeinflussbare Störung im Hirnstoffwechsel handle, ähnlich wie bei der damals sogenannten »endogenen« Depression. Als Beweis wurde angeführt: Ein bestimmtes Antidepressivum zeigte bei Panikattacken eine positive Wirkung, während diese bei phobischen Erwartungsängsten ausblieb. Die Agoraphobie galt aufgrund dieser Sichtweise als sekundäre Störung und die Panikstörung als primäre psychische Störung.

Erst im neuesten amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-5, das im Jahr 2013 erschienen ist, haben sich die Amerikaner der internationalen Auffassung angeschlossen, dass eine Agoraphobie eine eigenständige Störung ist und nicht einfach nur eine reine Folgestörung einer Panikstörung. Schließlich gibt es auch zahlreiche Menschen mit einer ausgeprägten Agoraphobie, die vorher niemals Panikattacken gehabt haben. Während das ICD-10 zwischen zwei Subgruppen von Agoraphobie unterscheidet (mit und ohne Panikstörung), ist dies im DSM-5 nicht der Fall. Wenn die Kriterien für eine Agoraphobie und eine Panikstörung gegeben sind, müssen nach dem DSM-5 daher beide Diagnosen vergeben werden.

Der Fachausdruck Agoraphobie (auf Deutsch »Platzangst«) enthält das altgriechische Wort »agora«, das wörtlich übersetzt »Marktplatz« heißt, aber auch jeden anderen öffentlichen Platz bezeichnet. Eine Agoraphobie ist demnach nicht nur eine krankheitswertige Furcht vor großen, weiten Plätzen, sondern auch vor anderen allgemein zugänglichen Orten, somit auch vor Autobahnen, einsamen Waldwegen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Räumlichkeiten wie Kirchen, Kinos, Geschäften oder Veranstaltungssälen, die von allen Menschen betreten werden können. Agoraphobie kann man als lebenseinschränkende Furcht vor draußen und drinnen bezeichnen.

Agoraphobie aus internationaler Sicht

Nach dem internationalen Diagnoseschema ICD-10 ist eine Agoraphobie definiert als deutliche und anhaltende Furcht vor oder Vermeidung von mindestens zwei von vier Situationen:

Menschenmengen,öffentliche Plätze,allein Reisen,Reisen, mit weiter Entfernung von zu Hause.

In diesen Situationen müssen mindestens einmal gleichzeitig mindestens zwei der folgenden Angstsymptome aufgetreten sein (davon eines der vegetativen Symptome 1.–4.):

Vegetative Symptome:

1. Herzrasen oder störendes Herzklopfen

2. Schweißausbrüche

3. fein- oder grobschlägiges Zittern

4. Mundtrockenheit

Symptome, die den Bereich von Brust und Oberbauch betreffen:

5. Atembeschwerden

6. Beklemmungsgefühl

7. Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust

8. Übelkeit oder sonstige Magenbeschwerden

Psychische Symptome:

9. Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit

10. Gefühl, die Objekte sind unwirklich (Derealisation), oder man fühlt sich selbst weit entfernt oder »nicht wirklich hier« (Depersonalisation)

11. Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder »auszuflippen«

12. Angst zu sterben (als Folge der als bedrohlich erlebten Symptome einer Panikattacke)

Allgemeine Symptome:

13. Hitzewallungen oder Kälteschauer

14. Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

Die angeführten körperlichen und psychischen Symptome treten gewöhnlich nur in den gefürchteten Situationen oder beim Gedanken daran auf. Die Symptome allein machen noch keine Agoraphobie aus, viele davon treten auch bei anderen psychischen Störungen auf.

Das entscheidende Merkmal einer Agoraphobie ist die Vermeidung von Situationen, in denen keine sofortige Fluchtmöglichkeit besteht, und zwar bei mindestens zwei umschriebenen Gelegenheiten, bei denen es darum geht, die eigene Wohnung zu verlassen, Geschäfte zu betreten, offene Plätze aufzusuchen, sich in Menschenmengen, öffentlichen Verkehrsmitteln und geschlossenen Räumen aufzuhalten oder weite Reisen anzutreten. Im schlimmsten Fall sind die Betroffenen ganz an ihr Haus gefesselt und können nicht einmal zusammen mit Vertrauenspersonen früher gerne ausgeübte Freizeitaktivitäten unternehmen.

Menschen mit einer Agoraphobie befinden sich in einem Dilemma: Aus Angst vor dem Verlust der Autonomie und der Handlungsfreiheit lassen sie sich auf zahlreiche, objektiv völlig ungefährliche Situationen überhaupt nicht ein und werden gerade dadurch erst recht unfrei und in ihren Lebensmöglichkeiten stark eingeschränkt. Vordergründig fürchten die Betroffenen das körperliche Unwohlsein in agoraphobischen Situationen, tatsächlich jedoch geht es oft um ihr psychisches Unwohlsein, das sie überkommt, wenn sie nicht jederzeit tun und lassen können, was sie möchten. Sie können vorübergehendes Ausgeliefertsein weder in der Realität noch in der Vorstellung tolerieren, was oft eng mit der Persönlichkeitsstruktur oder der Lebensgeschichte zusammenhängt.

Die Krankheitswertigkeit der Agoraphobie besteht in der deutlichen emotionalen Belastung, die sich durch das Vermeidungsverhalten oder die Angstsymptome ergibt, wobei die Betroffenen gleichzeitig die Einsicht haben, dass ihre Reaktionen übertrieben oder unvernünftig sind. Eine bestimmte Dauer der Agoraphobie als Kriterium der Krankheitswertigkeit wird im ICD-10 nicht festgelegt.

Man unterscheidet zwischen Agoraphobie ohne Panikstörung und Agoraphobie mit Panikstörung. Auf diese Weise wird der besondere Einfluss von Panikattacken berücksichtigt.

Agoraphobie aus amerikanischer Sicht

Das amerikanische psychiatrische Diagnoseschema DSM-5 definiert eine Agoraphobie etwas umfassender als eine ausgeprägte Furcht vor mindestens zwei von fünf Situationen:

Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel (z. B. Autos, Busse, Züge, Schiffe, Flugzeuge),Aufenthalt auf offenen Plätzen (z. B. Parkplätze, Marktplätze, Brücken),Aufenthalt in geschlossenen Räumen (z. B. Geschäfte, Theater, Kino),Stehen in einer Schlange oder Menschenmenge,Aufenthalt allein außer Haus.

Diese und ähnliche Situationen werden entweder gefürchtet oder vermieden, weil eine Flucht schwierig sein könnte, oder weil angesichts von Symptomen einer Panikattacke bzw. anderer beeinträchtigender oder peinlicher Symptome – bei älteren Personen etwa Hinfallen oder Inkontinenz – Hilfe nicht erreichbar sein könnte. Die gefürchteten Orte werden entweder aktiv vermieden oder können nur in Begleitung einer Vertrauensperson aufgesucht werden. Wenn Flucht nicht möglich erscheint, werden die betreffenden Situationen nur unter intensiver Furcht und Angst durchgestanden.

Die Furcht oder Angst geht weit über das tatsächlich gegebene Ausmaß einer eventuellen Gefahr hinaus, dauert laut DSM-5 mindestens sechs Monate lang an und verursacht einen bedeutsamen Leidenszustand oder erhebliche Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

Beide Diagnoseschemata definieren darüber hinaus, dass die Störung nicht durch organische Ursachen bedingt sein darf, aber auch nicht durch eine andere psychische Störung, wie etwa eine spezifische Phobie, eine soziale Phobie, eine Depression oder eine Zwangsstörung, besser erklärt werden kann. Eine Agoraphobie wurde in den USA früher als langfristige Folge einer Panikstörung betrachtet, was laut neueren Forschungsbefunden oft nicht der Fall ist.

Agoraphobie hat viele Gesichter

Eine Agoraphobie kann sehr vielgestaltig sein und sich auf völlig unterschiedliche Situationen, Körperreaktionen und Verhaltensweisen beziehen. Die wichtigsten Auslöser für agoraphobische Ängste sind die Entfernung von »sicheren« Orten und das Fehlen eines Fluchtwegs. Es besteht ein subjektives Gefühl der Einengung der Bewegungsfreiheit in Situationen, denen man nicht jederzeit entkommen kann, aber auch eine starke Angst, fremden Menschen ausgeliefert zu sein, weshalb man sich lieber auf bestimmte Vertrauenspersonen und ausgewählte Sicherheitsstrategien verlässt.

Die möglichen Fluchtwege bestimmen den Aktionsradius

Typischerweise werden – je nach Person unterschiedlich – folgende Situationen gefürchtet, vermieden, mit Unbehagen ertragen oder nur mithilfe von Vertrauenspersonen oder anderen »Krücken«, wie etwa Medikamenten oder Handy, aufgesucht:

Aufenthalt im Freien bei subjektiv unsicheren Bedingungen: überfüllte öffentliche Plätze oder Fußgängerzonen, Gebiete außerhalb der unmittelbaren Lebensumwelt, öffentliche Veranstaltungen, Verkehrsstaus, längere Tunnel, Autofahrten im Nebel oder in der Dunkelheit, längere Fahrradfahrten, Bootsfahrten, Brücken, Bergwandern, Waldspaziergänge, Waldläufe, Durchschwimmen eines kleinen Sees (als guter Schwimmer). Im Gegensatz zur landläufigen Meinung werden große Plätze ohne behindernde Menschenansammlung nur von jenen Personen gefürchtet, die wegen Schwindelgefühlen eine Möglichkeit zum Festhalten, wie etwa eine Mauer, benötigen.Berufliche oder private Reisen über einen bestimmten Radius hinaus (über die Orts-, Stadt-, Landkreis-, Landes- oder Staatsgrenzen hinaus), vor allem Reisen in anderssprachige Länder sowie in unbekannte Gegenden weit weg von zu Hause (im Falle von körperlichen Beschwerden könnten deutschsprachige Ärzte und vertrauenswürdige Krankenhäuser fehlen).Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, wie etwa Züge, Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen, Flugzeuge, Schiffe, Sessellifte, Aufzüge, Rolltreppen. Oft fällt auch das Mitfahren im Auto anderer Personen schwer, weil die sofortige Fluchtmöglichkeit fehlt und eine Abhängigkeit von anderen, nicht so vertrauenswürdigen Menschen besteht.Fahrten mit dem eigenen Auto ohne Begleitperson auf längeren Strecken, Fahrten auf der Autobahn, durch einen Tunnel oder im Stau. Das eigene Auto gibt Agoraphobikern, selbst wenn sie gute Autofahrer sind, oft nur dann Sicherheit, wenn wegen der Angst vor körperlichen Beschwerden eine Vertrauensperson im Auto anwesend ist.Aufenthalt in öffentlichen bzw. halb öffentlichen Räumen, vor allem wenn diese überfüllt oder aufgrund einer Veranstaltung vorübergehend geschlossen sind: Geschäfte, Supermärkte, Kirchen, Kinos, Museen, Theater, Konzertsäle, Banken, Amtsräume, Krankenhäuser, Wartezimmer bei Ärzten, Gaststätten, Cafés, Diskotheken, Kantinen, Hörsäle, öffentliche Toiletten, Friseursalons, Umkleidekabinen in Kleidergeschäften, Saunaräume, Hallenbäder, Schlange stehen in Geschäften oder bei Behörden, Arbeit in Großraumbüros, Besuch von Elternsprechtagen oder Elternabenden in der Schule, Teilnahme am Schulunterricht oder an der Vorlesung an der Universität, Besuch von Festen oder Feiern (z. B. Hochzeiten), Teilnahme an Sportveranstaltungen.Aufenthalt in engen, hohen, geschlossenen oder dunklen Räumen: Aufzüge, Räume ohne Fenster, geschlossene Toiletten oder Badezimmer, Kellerräume, Höhlen, unterirdische Gänge, Tunnelgänge, Bogengänge (Arkaden), Durchgänge und Passagen, Hochhausräume, Kirchtürme, Fernsehtürme, Aufenthalt allein in großen Räumen. Bei einer Liftphobie spricht die Angst vor dem Steckenbleiben oder Ersticken für eine Agoraphobie (zusammen mit anderen situationsspezifischen Phobien), die Angst vor den Blicken anderer für eine Sozialphobie und die Angst vor dem Abstürzen des Aufzugs für eine Höhenphobie.

Die Angst vor der Angst: vielfältige Erwartungsängste

Menschen mit einer Agoraphobie zeigen nicht nur Angst und Furcht in bestimmten Situationen, sondern schon längst vorher. In der Art der Erwartungsängste wird deutlich, was die Betroffenen weiterhin fürchten, auch wenn diese Ereignisse bei der nächsten Gelegenheit gar nicht eintreten. Es geht dabei um Themen, die durch die agoraphobischen Situationen nur aufgeworfen werden, jedoch durch eine erfolgreiche Konfrontation mit äußeren Situationen nicht gelöst werden können.

Die dominierenden Gefühle bei einer Agoraphobie stellen – abgesehen von der ständigen Angst und Furcht – absolute Hilflosigkeit und Schwäche dar. Die Betroffenen haben Angst davor, aus eigener Kraft subjektiv bedrohlichen Situationen nicht entkommen zu können. Konkret zeigt sich dies vor allem auch an ständigem Schwindel und Ohnmachtsgefühlen. Zu Boden gehen, mit oder ohne Ohnmacht, und aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen können, das ist das Letzte, das passieren dürfte! Das wäre das Ende: den anderen unterlegen sein, die auf einen herabschauen könnten, wie man hilflos auf dem Boden liegt, auf fremde Hilfe angewiesen.

Viele Menschen mit Agoraphobie können gefürchtete Situationen am ehesten spontan, ohne längere vorherige Planung aufsuchen. Wenn bestimmte Aktivitäten bereits tagelang feststehen, werden die Erwartungsängste oft derart groß, dass angesichts zunehmender vegetativer Beschwerden eine Bewältigung unmöglich erscheint. Das Grundproblem besteht dann darin, dass die Betroffenen Unsicherheit nicht ertragen können in Bezug auf Situationen, die erst in Tagen, Wochen oder gar Monaten aufzusuchen sind.

Ohne Vermeidungsmöglichkeit zwingt die Angst vor der Angst die Betroffenen dazu, zahlreiche Aktivitäten, wie etwa einen Ausflug oder einen Theaterbesuch, schon lange im Voraus detailliert zu planen. Gefahrvolle Vorstellungen, Grübeleien und Nervosität (Aufgeregtheit und körperliche Angespanntheit) bestimmen die Zeit bis zum geplanten Ereignis. Perfektionistische Bewältigungsstrategien stellen den Versuch dar, jede Form von Unsicherheit so weit wie möglich zu reduzieren.

Die Erwartungsangst ist viel schwerer zu bewältigen als das tatsächliche Ereignis, das durchaus als angenehm erlebt werden kann. Diese Erfahrung verhindert jedoch nicht, dass die Betroffenen vor der nächsten Situation wiederum beunruhigt und besorgt sind.

Am Beispiel einer Flugangst lässt sich sehr gut aufzeigen, worum es bei einer Agoraphobie wirklich geht, nämlich um die Bedrohung der wichtigsten Werte: um die Bedrohung von Leib und Leben und die Folgen für die Angehörigen, um das Sozialprestige, das es nicht erlaubt, im Flugzeug unangenehm aufzufallen, oder um das Gefühl des Ausgeliefertseins dem unbekannten Flugpersonal gegenüber und der Abhängigkeit von nicht persönlich überprüfbarer Funktionsfähigkeit des Flugzeugs. Flugangst bedeutet eine unausweichliche Konfrontation mit der Möglichkeit des Todes, obwohl Autofahren objektiv gesehen viel gefährlicher ist. Es ist den Betroffenen durchaus bewusst, dass sehr viel mehr Autounfälle als Flugzeugabstürze passieren. Als selteneres Ereignis wird Fliegen jedoch mehr gefürchtet, weil es die Betroffenen nicht als eine ähnliche Routinesache erleben wie das Autofahren.

Zwei Grundformen von Agoraphobie: der Einfluss von Panikattacken

Nach dem ICD-10 unterscheidet man zwischen Agoraphobie mit und ohne Panikstörung, was im Folgenden näher erläutert wird.

Agoraphobie mit Panikstörung

Eine Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10-Code F40.01) hat mit spontanen Panikattacken in objektiv ungefährlichen Situationen begonnen und/oder geht mit situationsspezifisch erwarteten Panikattacken einher. Eine einzige heftige Panikattacke kann ausreichen, dass ähnliche Situationen vermieden werden, um eine neuerliche traumatisierende Erfahrung zu verhindern.

Die erste Panikattacke erfolgt oft nicht in einer Stresssituation, sondern in einer belanglosen oder entspannenden Situation außer Haus, wie etwa bei einem Einkaufsbummel in der Stadt, einer Fahrt auf der Autobahn oder einem Essen im Restaurant, aber auch zu Hause abends beim Fernsehen oder während des Einschlafens. Dies hängt damit zusammen, dass Panikattacken häufig in Nach-Stress-Situationen auftreten, falls sie nicht durch akute Emotionen wie massiven Ärger oder plötzliche Verlustangst ausgelöst werden.

Was ist eine Panikattacke?

Eine Panikattacke ist definiert als eine einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen, die abrupt beginnt, innerhalb weniger Minuten einen Höhepunkt erreicht und mindestens vier der bereits genannten 14 Angstsymptome umfasst (davon muss eines aus der Gruppe der vegetativen Symptome 1.–4. stammen). Drei Symptombereiche stehen bei der Mehrzahl der Betroffenen im Mittelpunkt der Angst machenden Erfahrung, die Kontrolle über sich zu verlieren: Herz-Kreislauf-Symptome, Atembeschwerden und Schwindelgefühle.

Eine reine Panikstörung besteht aus wiederholten Panikattacken, die nicht auf spezifische Situationen oder Orte bezogen sind; sie treten spontan ohne sichtbare äußere Auslöser auf, das heißt, sie sind nicht vorhersehbar. Die Panikattacken stehen in keinem Zusammenhang mit besonderer Anstrengung, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Situationen.

Wenn Panikattacken nur in bestimmten Situationen auftreten und nur an diesen Orten erwartet und gefürchtet werden, besteht mangels spontaner Panikattacken keine reine Panikstörung, sondern eine Agoraphobie mit Panikstörung. Situationsspezifisch erwartete Panikattacken drücken die Stärke der jeweiligen Phobie aus (Agoraphobie, soziale Phobie oder spezifische Phobie).

Agoraphobiker mit Panikattacken haben zumindest die erste Panik­attacke als lebensbedrohliche Erfahrung in ihrem Gehirn gespeichert. Als solche wird sie auch immer wieder erinnert, ähnlich wie ein Trauma (z. B. durch Unfall, Überfall, Vergewaltigung), obwohl die Betroffenen durch oft mehrmalige ärztliche Untersuchungen und Versicherungen wissen, dass sie gesund sind und durch Panikattacken nicht sterben können.

Typische Fehlinterpretationen von Panikattacken als gefährlich

Menschen mit erlebten und daher gefürchteten Panikattacken neigen vor allem zu folgenden Fehlinterpretationen akut auftretender, medizinisch jedoch völlig unbedenklicher Symptome:

»Mein Herz rast und mein Blutdruck steigt – gleich bekomme ich einen Herzinfarkt.«»Ich spüre ein Beklemmungsgefühl im Brustkorb, und ich kann nicht richtig durchatmen – gleich werde ich hilflos ersticken.«»Meine Kehle schnürt sich zusammen – gleich bekomme ich keine Luft mehr.«»Ich spüre einen Druck im Kopf – gleich erleide ich einen Schlag­anfall.«»Ich fühle mich schwindlig – gleich falle ich um.«»Ich kann nicht mehr klar denken, meine Person und die ganze Umwelt wirken so verändert – gleich werde ich verrückt und in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert.«»Ich bin zum Zerreißen angespannt und kann mich bald nicht mehr kontrollieren – dann werde ich anderen Menschen oder vielleicht sogar mir selbst etwas Schlimmes antun.«

Bei manchen Betroffenen besteht keine Todesangst, sondern die Angst, durchzudrehen, unkontrolliert zu handeln oder unangenehm aufzufallen. Sie haben in Zusammenhang mit Panikattacken viel größere Angst um ihren Verstand als um ihre körperliche Unversehrtheit.

Auch wenn Agoraphobiker mit Panikattacken überzeugt sind, dass sie in einem Flugzeug nicht abstürzen und in einem Lift nicht ersticken werden, kann die Angst vor peinlicher Auffälligkeit im Falle einer Panikattacke oder einer panikähnlichen Symptomatik doch dazu führen, dass derartige Situationen so weit wie möglich vermieden werden.

Im Laufe der Zeit nimmt die Zahl der Panikattacken auch unbehandelt häufig ab, allerdings zugunsten einer ständigen Angst vor der Angst, die als Erwartungsangst bekannt ist. Die Betroffenen vermindern das Ausmaß ihrer Panikattacken zu dem Preis, dass sie bewusst und unbewusst alle Situationen vermeiden, die ihnen Angst, Furcht und Panik einflößen könnten. Daraus folgt: Je umfangreicher das Vermeidungsverhalten ist, desto ausgeprägter ist die Agoraphobie.

Eine sekundäre Agoraphobie mit Panikstörung kann auch nach einer schweren, lebensbedrohlichen Erkrankung auftreten, wie etwa nach einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer Lungenembolie. Die Betroffenen können dann entweder nicht allein zu Hause bleiben oder nicht ohne Begleitung das Haus verlassen. Dahinter steht die Angst vor derWiedererkrankung und nicht vor den medizinisch völlig harmlosen Panikattacken. Ehemals schwer Erkrankte können im ersten Moment oft nicht unterscheiden, ob es sich um organisch oder psychisch bedingte Symptome handelt. Dasselbe gilt auch für manche Diabetiker vom Typ 1, die nicht gut genug zwischen Unterzuckerung (Hypoglykämie) und einer beginnenden Panikattacke differenzieren können.

Agoraphobie ohne Panikstörung

Menschen mit Agoraphobie ohne Panikstörung (ICD-10-Code F40.00) fürchten und vermeiden neben bestimmten subjektiv unkontrollierbaren Situationen verschiedene Einzelsymptome des eigenen Körpers, vor allem Schwindel, Ohnmacht, Schwitzen, Zittern, Harn- oder Stuhldrang. Sie fürchten jedoch nicht nur den Kontrollverlust über eine ganz bestimmte Körperfunktion, sondern oft auch die damit verbundene Peinlichkeit, vor anderen Menschen hilflos dazuliegen oder durch Harn- oder Stuhlabgang vor der sozialen Umwelt unangenehm aufzufallen.

Personen, die ihren Aktionsradius einengen aus Angst vor Zittern, Schwitzen, Erröten, Harn- oder Stuhldrang, sind zwar laut Diagnosekriterien Agoraphobiker ohne Panikattacken, aber gleichzeitig oft auch Sozialphobiker. Herzphobiker ohne Panikattacken-Erfahrung entwickeln oft nur deswegen eine Agoraphobie, weil sie im Falle einer möglichen Erkrankung während einer Auslandsreise nicht fremden Ärzten und unbekannten Krankenhäusern ausgeliefert sein möchten. Sie sind daher letztlich auch Menschen mit Krankheitsängsten, nicht selten im Ausmaß einer hypochondrischen Störung.

Eine Agoraphobie ohne Panikstörung hängt nach meiner langjährigen psychotherapeutischen Erfahrung oft mit einer somatoformen Störung, einer hypochondrischen Störung oder einer sozialen Phobie zusammen, was sich nach Abklingen der Panikattacken nicht selten auch bei Agoraphobikern mit einer Panikstörung herausstellt.

Zahlreiche Betroffene leiden unter einer somatoformen Störung, das heißt unter verschiedenen körperlichen Symptomen, die zwar wie organisch bedingt ausschauen, jedoch medizinisch gesehen relativ harmlos sind. Es handelt sich um sogenannte »funktionelle«, nicht erheblich organisch bedingte körperliche Störungen, die früher als »psychogen« bezeichnet wurden. Der Zustand der Betroffenen lässt sich am besten folgendermaßen charakterisieren: »subjektiv sehr schlechtes Befinden bei objektiv unbedenklichen medizinischen Befunden«.

Ein Teil der Agoraphobiker ohne Panikattacken leidet erheblich unter den unangenehmen somatoformen Symptomen, wie etwa allgemeiner muskulärer Verspannung, ständigen Schwindelgefühlen, sensiblem Magen-Darm-Trakt, harmlosen Herz-Kreislauf-Beschwerden und Hautirritationen bis hin zu Schmerzen. Bei einer Dauer von mehr als zwei Jahren spricht man im Falle von multiplen Beschwerden von einer Somatisierungsstörung.

Eine einzelne vegetative Störung, wie etwa unangenehme Herzsensationen, ein Hyperventilationssyndrom, eine Reizblase oder ein Reizdarmsyndrom, gilt im ICD-10 als somatoforme autonome Funktionsstörung. Für viele Menschen mit einer Agoraphobie stellt vor allem eine ganz bestimmte Einzelsymptomatik den Grund des Vermeidungsverhaltens dar, nämlich ein somatoformer Schwindel