Wakolda - Lucia Puenzo - ebook

Wakolda ebook

lucía puenzo

0,0

Opis

Eine argentinische Familie im Citroën und ein alleinreisender Deutscher im Chevrolet geraten in der Einöde Patagoniens in ein Unwetter. Während der gemeinsam verbrachten Sturmnacht erregt die Kleinwüchsigkeit von Lilith, der 12- jährigen Tochter der Familie, die Aufmerksamkeit des Ausländers, der sich José nennt. Nach der Ankunft in Bariloche quartiert sich der Fremde bei der Familie als Untermieter ein und verspricht, das Mädchen zu behandeln. Als er dann sogar Liliths neugeborenen Zwillingsschwestern das Leben rettet, gewinnt er nach und nach das Vertrauen der Familie. Doch die seltsamen Skizzen in seinem Zimmer lassen keinen Zweifel zu: José und Josef Mengele, der KZArzt von Auschwitz, sind ein und dieselbe Person ... Lucía Puenzo greift in ihrem neuen Roman die Fakten und Mythen rund um den in ihrem Heimatland Argentinien untergetauchten Nazi-Verbrecher auf - es ist die distanzierte Annäherung an einen Besessenen. Anders als Lilith, die Mengele in kindlicher Faszination erliegt, weiß der Leser doch nur zu genau, mit welchem Scheusal sie es zu tun hat. Ein gewagtes, ambitioniertes Buch.

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Lucía PuenzoWAKOLDA

Lucía Puenzo

WAKOLDA

Roman

Aus dem argentinischen Spanischvon Rike Bolte

Die argentinische Originalausgabe erschien 2011 unterdem Titel Wakolda bei Emecé in Buenos Aires.

Dieses Werk wurde im Rahmen des SUR-Programmszur Förderung von Übersetzungen des Außenministeriumsder Republik Argentinien verlegt.

© 2011 Lucía Puenzo© 2012 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 BerlinAlle Rechte vorbehalten.Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN 978 3 8031 4114 9

Erster Teil

HERLITZKA

1

Eine Mixtur aus Natriumchlorid und Magnesiumnitrat, die mit unendlicher Geduld in zwei Augäpfel gespritzt wurde, sollte den Lauf der Wissenschaft an diesem Tag für immer verändern. Die Massensterilisationen, die Eingriffe an lebenden Menschen, die fehlgeschlagenen Versuche, mithilfe subkutaner Injektionen auf die Hautfarbe einzuwirken, ja selbst die Nacht, in der er glaubte, endlich sei es ihm geglückt, die Venen der Zwillinge zu verbinden, in der er glaubte, er habe siamesische Zwillinge erschaffen, bis die beiden dann wie gestrandete Fische nach Luft schnappten … All diese gescheiterten Projekte wären vergessen, wenn es ihm gelang, die Augenfarbe dieses Jungen zu verändern. Tausendmal hatte er sich vorgestellt, wie er den einen rumänischen Zwilling, bei dem die Tinte die linke Iris verfärbt hatte (die rechte war von einer allzu starken Dosis verätzt), auf Kongresspodien vorführte; die Sehnerven von allzu viel Chemie gelähmt, hing der Kleine in den Armen des Mannes, der ihm tausendundeine Spritze gesetzt hatte, um ihn dem Mittelmaß zu entreißen. Er stellte sich ihn mit geschorenem Kopf vor, damit die dunklen Haare sein künftiges arisches Äußeres nicht überdeckten. Doch noch bevor er begriff, dass das nur ein Traum war, wurden die Bilder aus diesem ersten Leben, in dem alles möglich war, von der Gewissheit in den Schatten gestellt, sein Sieg sei bloß der Anfang bevorstehender Transformationen (die ein ganzes Volk genetisch umformen sollten), auch wenn er bislang nichts als zerschundene Häute, Fälle von Gangrän und Amputationen vorzuweisen hatte. Nicht umsonst hatte man Millionen in ihn investiert. Der Reinerhaltung des Blutes und der Gene wegen. Darum nämlich ging es in diesem Krieg: um Rassenreinheit oder Rassenmischung.

Aufgeregt wie ein Kind, das einen weiteren Tag im Vergnügungspark verbringen darf, setzte er sich aufs Bett. Doch die karge Ausstattung des Zimmers holte ihn in seine jämmerliche Gegenwart zurück. Die immer schlaffer werdende Haut, die an Spannkraft verlierenden Muskeln waren die eines alten Mannes. Sein ganzes Leben war grau geworden, Tag und Nacht die immer gleiche Routine, bis zum Erbrechen, und dabei die heimliche Hoffnung, es würde irgendetwas passieren. Jemand würde ihm mitteilen, sie hätten die Suche nach ihm endlich aufgegeben. Er hatte sein Leben der Aufgabe gewidmet, die Welt von Ratten zu befreien, und nun verwandelte er sich selbst in eine, menschenscheu und feige, ganz am Rande dieser Welt.

Das kann noch nicht alles gewesen sein, dachte er.

Als er gewarnt wurde, man sei ihm auf den Fersen, zögerte er keinen Augenblick: Er fror die bakteriologischen Proben ein, die er in den letzten Monaten zu Organismen im Endstadium herangezüchtet hatte, verließ das Labor, fuhr zur Bank, leerte sein Konto und verließ die Stadt. Geldsorgen würden ihn jedenfalls nie plagen: Neben dem unerschöpflichen Familienvermögen gab es da noch die Zuwendungen seines ewigen Mentors Professor von Verschuer. Am Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem hatte dieser sich stets dafür eingesetzt, dass er die für seine Arbeit notwendige Unterstützung erhielt; dafür war er der Erste, der von den Ergebnissen seiner Experimente erfuhr. Und der Professor war nicht der einzige anonyme Gönner, der zu seinem Wohlstand beitrug. Viele glaubten noch an ihn und unterstützten ihn aus der Ferne, schickten Briefe, in denen sie ihn wie einen Messias anredeten.

An einer Tankstelle besorgte er sich Proviant und eine Karte von Argentinien, dann rief er seine Frau an. Er sagte ihr nicht, wohin er fahren würde. Er werde eine Weile fort sein, erklärte er nur, und sie solle sich ein paar Wochen bei einem befreundeten Ehepaar einquartieren. Ohne sie etwas erwidern zu lassen, legte er auf. Nach zehn Stunden Fahrt machte er bei einem außerhalb von Chacharramendi gelegenen Motel Halt – wobei man bei diesem Ort genau genommen nicht von innerhalb und außerhalb sprechen konnte. Chacharramendi endete genau dort, wo es begann. Er blieb auf seinem Zimmer, bis es Abend wurde. Dort holte er Wörterbuch und Heft heraus; obwohl sein Spanisch fließend war, lernte er jeden Tag weiter, im Selbststudium. Wie jeder Überlebende wusste er, dass er manche Spuren auf der Stelle verwischen musste. Sein Geist war weniger der eines Wissenschaftlers als der eines Soldaten, dem man von Anfang an militärische Disziplin eingeprügelt hatte. Kein Tag verging, an dem er nicht seine schriftlichen und mündlichen Übungen verrichtete.

»Ich bin Pharmazeut«, sagte er dreimal laut, um korrekte Aussprache bemüht. »In meiner Freizeit … gehe ich am liebsten mit meinem Sohn in die Oper.«

Das war eine Lüge. Er war es gewohnt, selbst dann auf der Hut zu sein, wenn er allein war. Er erinnerte sich nicht einmal mehr, wie sein Erstgeborener aussah. Auf dem einzigen Foto, das er von ihm besaß, war der Junge in einem Alter, in dem er gerade seine ersten Worte plapperte und von den Gräueltaten seines Vaters nicht das Geringste ahnte.

Gerade wollte er die nächste Frage beantworten, da schreckte ihn der Schrei eines Mädchens auf. Er schob die vergilbte Gardine beiseite. Auf dem Parkplatz spielten ein paar Mädchen. Zwei von ihnen schwangen ein Springseil, ließen es immer schneller kreisen und sangen etwas, das nach einem Mantra klang, mit solch hypnotischer Hingabe wiederholten sie den monotonen Reim. Alle waren sie dunkelhäutig und dunkelhaarig, kleine Mischlinge, bis auf eine, ein wahres Prachtexemplar (sie war blond, hatte helle Haut und Augen), wäre da nicht ihre Körpergröße gewesen: sichtlich zu klein für ihr Alter, aber mit Gliedmaßen, deren Proportionen für eine Zwergin zu normal waren und zu groß, als dass sie als Minderwüchsige durchgegangen wäre. Das Mädchen, das er dort unten immer schneller über das Seil springen sah, war eine Herausforderung für sein liebstes Forschungsfeld: die Zwergwüchsigkeit, verstanden als beispielhafte Form der Anomalie. Die Kleine hatte einige arische Gene in sich aufgenommen, doch nicht genug, um ihre tierischen Züge ganz verschwinden zu lassen. Laborratten, die bis auf einen nicht hinnehmbaren Makel perfekt waren, faszinierten ihn mehr als alles andere.

Als sich ihre Gegnerin geschlagen gab, rief das Mädchen, sie sollten noch weitermachen. Zu seinem Erstaunen passte ihre Stimme nicht zu ihrer Missbildung: Sie lag eine Oktave tiefer, als er gedacht hätte. Das Mädchen schien keine Angst davor zu haben, dass das Seil sie am Kopf oder an den Fersen treffen könnte.

Sie schien überhaupt vor nichts Angst zu haben.

Später dann sah er sie mit drei der dunkelhäutigen Mädchen auf dem Gehsteig sitzen und Payanas spielen. Genau genommen war sie es allein, die die kleinen, mit Reiskörnern gefüllten Säckchen mit einer Hand in die Luft warf, um sie dann mit derselben wieder aufzufangen; eine Payana nach der anderen landete darin. Er begann, Addio alla vita zu pfeifen, und nahm das Mädchen etwas genauer in Augenschein: Motorik und Reflexe schienen hervorragend, ja überdurchschnittlich gut ausgebildet. Jede ihrer Bewegungen zeugte von höchster Vitalität. Es war eindeutig: Die dunkelhäutigen Mädchen stammten aus dem Ort, die Blonde, die die anderen mit einem unbekannten Spiel in Bann hielt wie mit einer Zirkusnummer, war nicht von hier.

»Abendbrot, Lilith!«

»Ich hab keinen Hunger!«

»Ich hab nicht gefragt, ob du Hunger hast, ich hab gesagt, du sollst zum Abendbrot kommen!«

Ein etwa dreizehnjähriger Junge rief vom Moteleingang zu ihr hinüber. Er war genauso blond, gut gebaut und auf charmante Weise arrogant. Auch wenn die Maße dieses kleinen südamerikanischen Adonis perfekt waren, handelte es sich bei den zwei Kindern zweifellos um Geschwister. In diesem Augenblick hätte er einiges dafür gegeben zu wissen, wer die Eltern und Großeltern der beiden waren, dann hätte er den gesamten Stammbaum durchforsten können, um herauszufinden, ab welchem Punkt es mit der Rasse bergab gegangen war.

»Alles in Ordnung, mein Herr?«

Er drehte sich um. Der Motelbesitzer stand zigarrerauchend oben auf der Galerie und beobachtete ihn. Außer den zwei blonden Kindern schien sich alles in diesem Ort in Zeitlupe zu bewegen, benommen von der endlosen Weite der Wüste. Die Einheimischen, die ihre Stühle auf den Gehsteig hinausstellten, um ein paar Mate zu trinken, bevor die Dunkelheit sie in ihre Höhlen trieb, konnte er an diesem Abend an einer Hand abzählen.

»Wenn Sie etwas zu Abend essen möchten … Hier in der Nähe gibt es eine Gaststätte.«

»Wo denn?«

»Immer geradeaus. Zwei Häuserecken weiter … Ist nicht zu verfehlen.«

»Und die hat jetzt geöffnet?«

»Die hat immer auf.«

Aus dem Augenwinkel sah er das Mädchen auf sich zukommen, hüftschwenkend warf sie das Reissäckchen vor sich in die Luft, fing es wieder auf. Ihre Bewegungen waren anmutig wie die einer Tänzerin, als sei sie sich ihres Makels nicht bewusst. Von dieser Schamlosigkeit ging ein Zauber aus: Noch nie war ihm ein unvollkommener Körper derart unwiderstehlich erschienen. Sie lief direkt an ihm vorbei, hielt nicht inne, doch als sie kaum noch ein Meter trennte, wandte sie den Kopf zu ihm hin, blickte ihm in die Augen und streckte ihm die Zunge heraus.

Es ist der Mund, fuhr es ihm durch den Kopf.

Der Mund des Mädchens war besonders unproportioniert, die Lippen schienen jemand doppelt so Großem zu gehören, dazu Hasenzähne, alles feucht und warm. Der Flug einer Payana durchschnitt ihre Blickachsen, trennte sie voneinander. Er wollte den beiden Geschwistern nachgehen, doch eine weitere Frage hielt ihn auf:

»Wollen Sie morgen weiterfahren?«

Er bejahte, ohne den Blick von den zwei blonden Körpern zu wenden, die eben hinter einer schlecht beleuchteten Häuserzeile verschwanden. Ein Ideal und sein groteskes Zerrbild, von ein und demselben Leib geboren.

»Warten Sie lieber einen Tag ab. Hören Sie auf mich. Es gibt nämlich Regen.«

»Regen? … Hier?«

»Fragen Sie im Ort nach, wenn Sie mir nicht glauben.«

An diesem Abend sprach er jedoch mit niemandem mehr.

Als er eine Viertelstunde später an einem Tisch in der Ecke des Gasthauses saß und eine fad schmeckende Linsensuppe löffelte, hob er kaum den Blick. Zu seiner Enttäuschung war von den blonden Kindern nichts mehr zu sehen. Die Exemplare, die hier herumliefen, waren, gemessen an dem, was er in den letzten Monaten in Buenos Aires zu Gesicht bekommen hatte, von seiner Rasse am weitesten entfernt. Dabei drohte die Rassenmischung selbst in der argentinischen Hauptstadt einen Grad zu erreichen, der kaum mehr rückgängig zu machen war. Da konnte man noch so viel Rassenhygiene durchsetzen. Auf einem der vielen Feste, zu denen er eingeladen wurde, hatte er es dem General gegenüber selbst einmal ausgesprochen:

»Wollen Sie etwas für Ihr Land tun? Dann unterbinden Sie die Vermischung der Rassen.«

Alles hatte gelacht. Oft hielt man seine Ratschläge für Scherze. Doch er ließ sich nicht beirren. Den meisten fehlte eben der Mut. Gelobt sei der Glaube jener, die es wagen, das Antlitz der Erde zu erneuern, indem sie das Ideal verfolgen, dem sie anhängen, ging es ihm durch den Kopf, auch wenn er es nicht wagte, Drieu la Rochelle in Anwesenheit des Generals zu zitieren, der bereits sein Glas erhob, um die weiteren Gäste willkommen zu heißen. Die Zähne im Champagner versenkt, murmelte er leise: Mit dem Stolz der reifen Rassen nahmen wir in mächtigem Gehorsam den Schmerz hin, in unser Blut die Größe der Welt eindringen zu spüren. Seit Jahren kritzelte er seine Lieblingszitate an die Seitenränder seiner Notizhefte. An diesem Abend führten ihm die Gesichter um ihn herum vor Augen, dass die Schlacht in vielen Gegenden der Welt längst verloren war. Niemand erkannte, welchen Schaden die Rassenvermischung diesem Kontinent zufügte. Und dass Schäden an Erbgut, Genen und Stammesgeschichte kaum mehr zu vermeiden waren. Dass in den Schulen stets nur von Klasse, nicht aber von Rasse gesprochen wurde … und dass das zwei Paar Schuhe waren.

Noch vor acht lag er im Bett.

Der Gedanke, dass er die zwei blonden Kinder womöglich nie wiedersehen würde, hielt ihn wach. Er griff nach einem seiner Hefte und notierte die Maße ihrer Körper. Er kannte sie auswendig, zögerte keinen Augenblick. Ihren Knochenbau, die Größe ihrer inneren Organe und ihrer Kieferknochen, die Zusammensetzung ihres Blutes, alles hatte er genau vor Augen. Niemals aber würde er die beiden auf eiserne Pritschen betten können, um sie miteinander zu vergleichen. Dass er sie möglicherweise überhaupt nie wieder zu Gesicht bekommen sollte, war für ihn, der für gewöhnlich bekam, wonach er verlangte, eine unerträgliche Vorstellung. Seit fast zehn Jahren lebte er nun in diesem abgelegenen Winkel der Welt, und manchmal ertappte er sich sogar dabei, dass er auf Spanisch dachte. Mit nichts als dem, was er auf dem Leib trug, war er damals aus Genua gekommen, dazu ein kleiner Koffer, in dem er seinen wertvollsten Schatz verwahrt hatte: drei Notizhefte mit den Aufzeichnungen über die Experimente seiner letzten Forschungsjahre und ein paar gläserne Objektträger mit menschlichem Blut. Ein Zollbeamter hatte wissen wollen, was es damit auf sich hatte.

»Biologisches Dokumentationsmaterial«, hatte er auf Deutsch geantwortet.

»Worum geht es da?«

»Um Tierversuche.«

Man hatte ihn festgehalten, bis der Hafentierarzt eintraf, dem er bis ins Detail von seinen Versuchen an weiblichen Rindern berichtete und erläuterte, es sei ihm gelungen, diese auf Wunsch Zwillingskälber gebären zu lassen. Geflissentlich ließ er aus, dass man sich am Forschungsinstitut gewünscht hatte, Frauen sollten systematisch Zwillinge zur Welt bringen, damit die Verbreitung ihrer Rasse sich doppelt so schnell vollzöge. Ebenso wenig erwähnte er, dass er in einem Anfall von Optimismus geschworen hatte, er könne die Dauer von Schwangerschaften auf hundertfünfunddreißig Tage reduzieren. Sein mit Nachdruck vorgetragener Bericht überzeugte den Tierarzt schließlich davon, dass zwei identische Tiere ein ausgesuchtes Beobachtungsfeld für die Reproduktion bestimmter körperlicher Eigenschaften oder Fehlbildungen boten. Nach jahrelangen Vergleichsstudien an Kälbern, bei denen er stets eines als Kontrolltier benutzte, hatte er herausgefunden, welche Eigenschaften und Schwächen genetisch vererbt und welche davon durch die Umwelt begünstigt wurden. Argentinien war der ideale Ort, um seine Studien zu vertiefen; womöglich konnte er hier den Schlüssel zur Mehrlingsträchtigkeit finden und so zur schnelleren Vermehrung des Rindergeschlechts beitragen. Betäubt von seinem Informationsschwall, ließ ihn der kaum des Deutschen mächtige Tierarzt schließlich den Zoll passieren, ohne ihm die Arbeitsproben abzunehmen. Das Chaos am Hafen war zu groß, als dass man sich Sorgen um einen Arzt machen konnte, der mit einem vom Roten Kreuz ausgestellten Reisepass einreiste.

»Na, dann werden Sie hier bestimmt Ihren Spaß haben«, bemerkte ein deutschstämmiger Zollbeamter, der dem Gespräch gelauscht hatte, bevor er den Stempel in den Pass setzte. »Wegen der Rinder, meine ich.«

»Gibt’s denn hier viele?«

»Millionen.«

»Tatsächlich?«

»Und Sie können sie wirklich dazu bringen, dass sie zwei Kälber auf einmal gebären?«

»Alles ist möglich.«

»Dann könnten wir ja die ganze Welt ernähren.«

Er hatte gelächelt und sich seinen Weg durch die Menge der Neuankömmlinge gebahnt. Und dann hatte er, untergebracht in einem Hotel im Stadtteil Palermo, mit der gleichen vornehmen Diskretion, die seine alten Gefährten an den Tag legten, wenn sie vergaßen, ihn während der Gerichtsprozesse zu erwähnen, aufgehört, von seinem Leben zu sprechen. Wozu etwas erzählen, wo man ihn doch ohnehin für tot hielt? Er hatte versucht, sich in Nichts aufzulösen, niemals war er der Versuchung erlegen, in seiner Wachsamkeit nachzulassen. Und er war sogar so weit gegangen, jeden Kontakt zu seinem Sohn einzustellen. Das einzige Mal, dass sie sich gesehen hatten, bevor er sich nach Übersee absetzte, wies er sein engstes Umfeld, das den Besuch organisierte, an, man möge dem Kind erklären, es sei Onkel Fritz und nicht sein Vater, der ihn von der Schule abholen werde. Aus Argentinien schickte er ihm weder Briefe noch Telegramme. Sein Überleben hing von seiner Disziplin ab. Nach wenigen Monaten hatte er sich in einem Haus in Olivos eingerichtet, er bewohnte ein Zimmer zur Untermiete und ließ sich per Brief von der Mutter seines Sohnes scheiden, die sich geweigert hatte, ihm zu folgen. Sie war eine derjenigen Personen gewesen, die seine Erfolge als Gräueltaten bezeichnet hatten.

Von allem Ballast befreit, fand er, es gebe nun keinen Grund mehr zurückzukehren.

Kein anderes Land würde einen Mann wie ihn mit derart offenen Armen empfangen. In gerade einmal zwei Jahren hatte er sich in einem pharmazeutischen Unternehmen hochgearbeitet, sich ein zweistöckiges Haus in Vicente López gekauft und die Witwe seines Bruders geheiratet (so konnte er ein Millionenerbe verdoppeln), und er gönnte es sich sogar, seinen richtigen Namen im Telefonbuch eintragen zu lassen. Sich unter ein Chirurgenmesser zu legen und einen anderen Namen anzunehmen, wie es viele andere taten, war gar nicht nötig.

Doch die Illusion eines neuen Lebens währte nicht lange: Bei jeder Zusammenkunft unter Deutschen machte man ihn darauf aufmerksam, dass ihm die Häscher immer dichter auf den Fersen waren. Hundertmal hatte er sich gefragt, wie es nach der Niederlage weitergehen würde. Die Überlebenden waren an allen möglichen Enden der Welt untergetaucht und wurden wie Verbrecher verfolgt. Er spürte die Schlinge um seinen Hals, mit der so viele gehängt worden waren, so viele, die wie wilde Tiere gejagt, mitten in der Nacht verschleppt, auf der anderen Seite des Ozeans für schuldig erklärt und verurteilt worden waren, bevor man sie massakrierte. Das Schlimmste war, dass niemand die Stimme erhob, um sie zu verteidigen … Sie waren ganz allein.

Er würde so nicht enden, das schwor er sich.

2

Im Morgengrauen, nach den zwei hundert Armbeugen, mit denen er sich den Rest des Schlafmittels vom Abend davor austrieb, fuhr er zu einer Tankstelle gleich hinter der Wüstenstraße. Als er aufschaute, sah er das Mädchen vom Vortag aus einem mit Koffern vollgestopften Citroën herausklettern und auf den kleinen Laden zulaufen. Ohne dass sie es bemerkte, fiel ihr auf halber Strecke ihre Puppe hinunter (es war die naturgetreue Nachbildung eines sechs Monate alten weiblichen Säuglings) und landete kopfüber auf dem Asphalt. Er ging hinüber zu der Puppe, sein Schatten legte sich über ihren perfekten Körper: Der Mund war halb geöffnet, durch die mit beneidenswert ruhiger Hand gezogenen Lippen sah er eine winzige rosafarbene Zunge hervorlugen. Er bückte sich nach ihr, legte eine Hand in den Nacken, die andere um die linke Ferse, wie er es bei so vielen anderen lebendigen Puppen getan hatte. So untersuchte er ihre Vorder- und ihre Rückseite: Es handelte sich um ein Porzellangeschöpf, die Haut so fein geschliffen, dass sie sich samtig anfühlte wie die eines Neugeborenen. Sein Medizinerauge entdeckte ein paar Unvollkommenheiten, winzig kleine Makel, die belegten, dass die Puppe Handarbeit war (auch wenn man zweifellos eine importierte Puppe als Muster genommen hatte, eine, wie er sie in den Armen so vieler kleiner deutscher Mädchen aus der Oberschicht gesehen hatte). Dann vernahm er ein beinahe unhörbares . Er hielt sich die Puppe ans linke Ohr … Konnte das eine Uhr sein? Ja, tatsächlich, es war eine Uhr. Im Innern des Körpers versteckt, ganz fest und mitten in der Brust, saß sie und tickte. Der Effekt war verwirrend, die Puppe hatte also ein mechanisches Herz. Noch nie hatte er eine Porzellanpuppe mit solcher Aufmerksamkeit betrachtet: Es war ein Kunstwerk, das dem Leben allzu nahe kam.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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