Vom Schiffsjungen zum Kapitän - Adolf Sievers - ebook

Vom Schiffsjungen zum Kapitän ebook

Adolf Sievers

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Opis

"Trotz der Gefahren des Seemannslebens - sein Vater starb auf hoher See - tauscht Adolf die vertraute Umgebung seiner Kindheit gegen die große, unbekannte Welt und heuert mit gerade einmal 14 Jahren auf der Brigg W. VON FREEDEN an. Schon bald muss er feststellen, dass der Seemannsberuf nicht nur schöne Seiten zu bieten hat. Der Autor erzählt u.a. von Moskitoplagen, todbringenden Krankheiten, verrückt gewordenen Besatzungsmitgliedern, Meutereien, lebensbedrohlichen Arbeitseinsätzen in Kriegsgebieten und riskanten Kap-Hoorn-Umsegelungen. Er genießt aber auch grenzenlose Gastfreundschaft, die wunderschöne Fauna und Flora ferner Kontinente, kulturelle Highlights am New Yorker Broadway und vergnügliche Momente als Mitglied einer Matrosenband. Sein kindlich unverstellter Blick auf seine erlebnisreichen Jahre auf See machen das Buch zu einem ganz besonderen Genuss."

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Adolf Sievers

Vom Schiffsjungen zum Kapitän

Adolf Sievers

Vom Schiffsjungen zum Kapitän

Ein Tagebuch aus der Windjammerzeit

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-7822-1015-7

e-ISBN 978-3-7822-1100-0

© 2010 by Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg

Ein Unternehmen der Tamm Media

Alle Rechte vorbehalten

Layout und Produktion: Nicole Marquardt

Illustrationen: Joanna Hegemann, Hamburg

Lektorat: Keren Bewersdorf

Korrektorat: Hans Albert

Druck und Bindung: fgb. freiburger graphische betriebe

Printed in Germany

Inhalt

Vorwort

Erste Segelschiffsreise

Zweite Segelschiffsreise

Dritte Segelschiffsreise

Vierte Segelschiffsreise

Fünfte und letzte Segelschiffsreise als Matrose

Meine Steuermanns-Schulzeit

Meine Dienstzeit in der Marine

Sechste Segelschiffsreise

Siebte und letzte Segelschiffsreise

Seemannsschule und Beginn meiner Dampferfahrzeit

Nachwort

Worterklärungen

Vorwort

Unser Großvater Adolf Sievers wurde am 25. Mai 1862 in Elsfleth/Weser als ältestes von vier Kindern geboren. Sein Vater Louis war als Kapitän auf einer Handelsreise in Pernambuco/Brasilien an Gelbfieber gestorben.

Trotz dieses für die Familie schweren Verlustes entschloss Adolf sich, auch den Seemannsberuf zu ergreifen.

Er begann 1877 als 14-jähriger Schiffsjunge auf einem Segelschiff seine seemännische Ausbildung.

Nach elf harten Jahren der erlebnisreichen und abenteuerlichen Fahrten über die Weltmeere erlangte er nach dem Besuch der Seemannsschule das Kapitänspatent.

Seine handschriftlichen Aufzeichnungen über die Segelschiffsreisen sind ein wertvolles Zeugnis der alten Windjammerzeiten.

Ursula Meiners

Helmut Hinterthür †

Erste Segelschiffsreise

als Schiffsjungeauf der Brigg W. VON FREEDEN

Rio de Janeiro–Port aux Paix

1877

Ostern 1877 war herangekommen, ich hatte meine Schulzeit beendet und wollte mich dem Seemannsberuf widmen. In größter Eile war man im Hause damit beschäftigt, meine Seeausrüstung fertig zu stellen, denn schon in der Woche nach Ostern sollte ich meinen Dienst auf der Brigg W. VON FREEDEN in London antreten. Vaters alte Seekiste wurde wieder in Stand gesetzt, wenn auch nur mangelhaft, wie ich später erfahren musste. Ein aus Bettdrell genähter großer Sack, gefüllt mit zwei Bund Stroh, war als Matratze gedacht, eine Wolldecke, mehrere Arbeitsanzüge, zwei Paar Schuhe und ein Paar Stiefel, die aber wie ein Sieb leckten, standen zur Verpackung bereit. Auf alles wurde Bedacht genommen, zuletzt kam der Nähkasten mit Nadeln und Schere, Zwirn, Stopfgarn, Spiegel und Kamm, Seife und auch Soda, denn ich musste mein Zeug selber waschen. Es fehlte bei der Abreise nichts, alles war in bester Ordnung für eine Reise von zwei Jahren, und meine Mutter, die ja als Seemannsfrau viele Male solche Ausrüstungen fertig gemacht hatte, verwendete hierauf besondere Sorgfalt, da ich als 14-jähriger Junge allein in die weite Welt ging und auf mich selbst angewiesen war.

Der Tag meiner Abreise rückte immer näher. Am Tag vorher ging ich zum Korrespondenz-Reeder, erhielt mein Reisegeld und 15 Mark, ein Monatsgehalt im Voraus. Freudig gab ich die 15 Mark meiner Mutter als erstes Geld, welches ich verdienen sollte, und auch sie freute sich, etwas entlastet zu werden, hatten wir doch vor vier Jahren unseren Vater verloren und somit auch den Verdiener. Am nächsten Morgen schon in der Frühe holte der alte Rathjen, der Seemannsgepäckträger, meine Seekiste und Strohsack, um sie zum Anleger zu bringen. Dann nahm ich von meiner Mutter und meinen Geschwistern Abschied und bestieg in Elsfleth den Dampfer PAUL FRIEDRICH AUGUST des Norddeutschen Lloyd, der mich nach Bremerhaven bringen sollte. Als der Dampfer unser Haus passierte, stand meine Mutter auf dem Deich vor der Tür und winkte lebhaft mit vielleicht bewegtem Herzen, denn hier stand sie auch bei Vaters letztem Abschied, leider auf Nimmerwiedersehen. Rasch ging es stromabwärts und bald war der Liener Deich, die Heimat meiner Jugend, meinen Blicken entschwunden. Die waren nun voraus gerichtet, mit dem Vergangenen konnte ich mich nicht mehr befassen. Ich dachte an eine abenteuerliche Zukunft, an das Land der Palmen mit den Indianern, an den Urwald mit den Affen, Papageien und Raubtieren, dann an große Weltstädte, an das Meer und die Stürme. Diese Bilder beschäftigten meine Phantasie unterwegs sehr, und nach mehrstündiger Fahrt stieg ich in Bremerhaven an Land, nahm bei meinem Onkel Wulf Quartier, der mich dann am nächsten Tage zum Dampfer SPERBER des Norddeutschen Lloyd brachte, mit dem ich nach London fahren sollte. Der Dampfer lag in der Schleuse seebereit und nahm hier noch eine Herde Schafe an Deck. Diese verursachten einen abscheulichen Geruch, besonders als sich dieser noch mit dem Maschinendunst mischte, und ich dachte, dass dieses Gemisch wohl die Seekrankheit fördern könnte. Mein Onkel, der noch an Land stand und den ich darauf aufmerksam machte, reichte mir aus seiner homöopathischen Apotheke fünf kleine Pillen und sagte: »Hier, mein Junge, nimmst du eine Pille von, wenn ihr den Feuerturm passiert habt, merkst du dann etwas, nimmst du die zweite Pille usw., sicher werden diese Pillen die Seekrankheit verhindern.«

Ich nahm Abschied von meinem Onkel, und wir verließen nun den Hafen. Bei ruhiger Fahrt hatten wir gegen Abend den Leuchtturm Hohe Weg und bald auch das WESER-FEUERSCHIFF erreicht, wo uns der Lotse verließ. Das Schiff fing jetzt langsam an sich zu bewegen. Schnell holte ich meine Pillen hervor, betrachtete die kleinen Sagokörner mit großem Misstrauen und dachte, wenn eine schon helfen soll, dann müssen fünf große Wirkung haben, verschluckte also alle auf einmal und war froh, nun gegen die Seekrankheit gesichert zu sein. An die Reling gelehnt beobachtete ich die untergehende Sonne, wie sie so feurig rot ins Meer tauchte in der Richtung, in der England liegen musste. Es war schon ziemlich dunkel, als ich das Deck verließ, und das Meer leuchtete. Unten in der Kajüte empfand ich das Schwanken des Schiffes im eingeschlossenen Raum bedeutend stärker und unangenehmer. Die Schraube ratterte fürchterlich und ungleichmäßig, denn wenn der Dampfer sich hinten hob und die Schraube blind schlug, verursachte dies ein Höllengerumpel, als wenn das Schiff aus allen Fugen springen wollte, und die Lampe zitterte und pendelte nach allen Richtungen. Bald kam der Steward und setzte die Schlingerleisten auf den Tisch, damit Teller und Schüsseln nicht herunterglitten, die Abendmahlzeit sollte beginnen. Trotz der Pillen im Leibe stellte sich bei mir Appetitlosigkeit ein und ich zog es vor, am Essen nicht teilzunehmen und meine Koje aufzusuchen. Ungewohnte Eindrücke stürmten auf mich ein, im Halbschlummer hörte ich auf die lebhafte Unterhaltung an der Tafel nebenan, halb englisch, halb deutsch, dazwischen das Gerumpel der Schraube, das Rauschen des Wassers gegen die Bordwand. Das schwere Stampfen des schlingernden Schiffes sowie das Pendeln des neben der Koje aufgehängten Zeuges machten mich fast schwindelig, und es dauerte nicht lange, da musste ich dem Neptun ein schreckliches Opfer bringen. Die Seekrankheit verstimmte mich sehr, verflogen waren alle schönen Träume der Zukunft. Ich dachte nur an die Heimat, an unser Haus, wie ruhig, still und friedlich dort jetzt doch alles sei, und schon jetzt kam mir der harte, raue Seemannsberuf zu Bewusstsein. Doch ein Zurück gab es nicht, ich musste aushalten, es war die tollste Nacht meines bisherigen Lebens. Langsam dämmerte der Morgen heran. Durch die Bullaugen meiner Kammer sah ich das Tageslicht schimmern, die Lampen waren erloschen. In der Kajüte wurde es wieder lebhafter, meine Kammerteilhaber waren aufgestanden und fragten spöttelnd, ob ich denn bei diesem schönen Wetter seekrank wäre. Ich dachte bei mir, wie wird es sein, wenn Sturm oder Orkan herrschen. Ich versuchte aufzustehen, krabbelte taumelnd an Deck, doch die Seekrankheit wurde nicht besser und ich begab mich wieder in die Koje. Das Schiff arbeitete ziemlich stark, und unter schweren Opfern, die ich Neptun bringen musste, verging auch dieser Tag, ein Sonntag, schleppend. In der Nacht, in welcher wir uns mehr der englischen Küste näherten, wurden die Bewegungen des Dampfers infolge der ruhigeren See geringer, und ich schlief so lange, bis ich vom Stoppen der Maschine aufwachte und merkte, dass die Schraube nicht mehr rumpelte. Ein Passagier in der Kajüte fragte einen mitfahrenden Neger, was denn los sei? – »The pilot came on board«, antwortete dieser. Leuchtend rot schien schon die aufgehende Sonne in meine Kammer. Ich schlief jedoch wieder ein und stand erst auf, als wir schon auf der Themse waren und Gravesend passiert hatten. Da mein Appetit sich wieder eingestellt hatte, nahm ich an der reich besetzten Frühstückstafel teil. Die Stewardess reichte mir eine Portion Kotelett und Kartoffeln und meinte wohlwollend, da ich so lange gefastet hätte, sollte ich durch diese Abschiedsmahlzeit den Sperber in guter Erinnerung behalten. Um acht Uhr morgens zum Frühstück schon Braten mit Kartoffeln war mir etwas ganz Neues. Aha, dachte ich, das ist eine von den Lichtseiten der christlichen Seefahrt und ließ es mir gut schmecken. Bald darauf ging ich mit neuem Lebensmut und gestärkt an Deck und ließ die fremden Eindrücke voll auf mich einwirken.

Mittlerweile waren wir London schon erheblich näher gekommen, der Verkehr wurde lebhafter, unzählige kleine Schlepper jagten auf und ab. Dann kamen uns große Dampfer entgegen oder fuhren mit uns, dazwischen kleine Segelfahrzeuge, die so beladen waren, dass das Wasser das Deck bespülte. Am meisten interessierten mich die großen eisernen, tief beladenen Segelschiffe, die Vollschiffe, von kleinen Dampfern seewärts geschleppt, und auf denen die Mannschaft mit Gesang die Anker aufsetzten. Andere kamen schwer beladen und von der Seereise sehr mitgenommen aus fremden Ländern, Gott weiß woher. Ich rannte von der einen Seite auf die andere, damit mir nichts verloren ging. So erreichten wir »Themsehaven«, wo wir am Pier anlegten, um die Schafe loszuwerden. Zu meinem großen Erstaunen ging das besser als ich dachte. Es wurde ein sogenannter Leithammel über den Landungssteg geschleppt und sogleich folgten die anderen Schafe nach, bis das Deck leer war, es nahm ungefähr eine Dreiviertelstunde Zeit in Anspruch. Weiter ging es nun in rascher Fahrt nach London hinauf. Immer gewaltiger wurde der Verkehr, kaum konnte sich unser Dampfer seinen Weg durch die vielen Schiffe hindurcharbeiten. Unendlich lange Reihen von Piers und Warenhäusern zogen sich am Ufer entlang. Kohlendampfer, in langen Reihen vertäut, wurden von »Jumpern« entlöscht. Vor Kohlenstaub und Dunst konnte man kaum eine Schiffslänge voraussehen. Endlich kamen wir langsam fahrend gegen zehn Uhr in die Nähe der London Docks und unser Schiff wurde an den Duc d’Alben befestigt. Nach der Zollabfertigung, bei der man hauptsächlich nach Tabak und Zigarren suchte, wurden meine Kiste und Matratze in ein Boot verladen – ich konnte auch selbst mit einsteigen, um den Dampfer zu verlassen. Da es gerade Niedrigwasser war, war die Landung in der Vorschleuse des London Docks sehr schwierig. Kisten und Sack wurden mittels eines Taues an der hohen Mauer hoch geholt und, da die W. VON FREEDEN ganz in der Nähe lag, konnte ich ohne weitere Schwierigkeiten bald an Bord gelangen.

Wie ich nun so mit meinem Kleidersack an Bord zog, kam ich mir vor wie Peter in der Fremde. Der Kapitän empfing mich und wies mir meine Kammer in der Kajüte an, die ich mit dem Steuermann de Boer teilen musste. Das Schiff machte auf Deck einen fürchterlichen, schmierigen Eindruck. Es hatte von Lagos eine Ladung Palmöl angebracht und das ganze Stauholz, mit Öl stark verdreckt, lag noch in größter Unordnung in großen Haufen umher. Auch in meiner Kammer sah es keineswegs einladend aus. Sie war dunkel und schmutzig, dazu der mir entgegenkommende sonderbare Schiffsgeruch, da wurde mir schon damals klar, dass zwischen Poesie und Wirklichkeit ein kleiner Unterschied bestand. Nachdem ich meinen Strohsack in die Koje gelegt und meiner Kiste das nötige Bettzeug entnommen hatte, wurde um zwölf Uhr Mittag gemacht. Der Koch, ein richtiger holländischer »Smerlapp«, der früher in Sumatra gegen die Wilden gekämpft hatte, trug in einer geputzten Messingterrine die ewige Schiffssuppe in die Kajüte, dazu Fleisch, Kohl und Kartoffeln. Wie der Kapitän und Steuermann fertig waren mit dem Essen, konnten der Koch und ich beginnen. Ich wollte mir nun einen reinen Teller holen, doch da kam ich aber schön an. »Nur um eben zu essen, kannst du dem Steuermann seinen Teller nehmen, sonst muss ich ja noch mehr Schüsseln aufwaschen!« – schrie der Suppenschmied mir entgegen. Natürlich machte ich ein sehr überraschtes Gesicht, entschloss mich aber zuletzt doch zum Essen. Mein Tischgenosse nahm des Kapitäns Teller, der stand auf Deck und war von der Katze reingeleckt. Der Koch füllte sich die Suppe schön hinein und aß mit großem Behagen und Appetit. »Pfui«, dachte ich, »das ist eine von den schlechten Seiten der christlichen Seefahrt, von der du noch nichts gehört hast, na, vielleicht Gewohnheit.«

Den Tag über waren meine Gedanken noch von den neuen Eindrücken vollständig in Anspruch genommen, als aber der Abend kam und die Arbeit ruhte, erinnerte ich mich wieder an meine Heimat. Ringsherum war es still, in der Abenddämmerung läuteten in der Ferne schwermütig die Glocken. In meiner Kammer brannte trüb die kleine Lampe, ich hörte nur die Katze und die Ratten im Spardeck sich lebhaft widersprechen, sonst war hier unten auch alles still wie das Grab. Aus Langeweile öffnete ich meine Kiste, hier lag noch alles so wie Mutter es sorgfältig eingepackt hatte. Meine Gedanken waren wieder zu Hause in der Kinderstube bei meiner Familie, und bald stellte sich das Heimweh ein, ich fing bitterlich an zu weinen. Traurig schlüpfte ich dann in mein dunkles Kojenloch hinein, zog die Gardinen zu und schlief ein. Nach einer Weile verspürte ich im Gesicht so etwas, als wenn jemand mit einer Feder darüberführe. Erschrocken fuhr ich mit der Hand über mein Gesicht und erfasste einen Rattenschwanz, doch leider war mir der nächtliche Gast wieder entschlüpft, ich hatte nicht fest genug zugepackt. Mein Gesicht tief unter die Decke verhüllend schlief ich bis zum anderen Morgen um fünf Uhr dreißig, um nun von dem Koch, der schon um vier Uhr aufstand, geweckt zu werden.

Angekleidet mit Arbeitshose und Bluse und die nie fehlenden Messer und Scheide umgeschnallt, betrat ich wohlgemut das Deck, um den ersten vollen Tag meines Berufes zu beginnen. Punkt sechs Uhr rief der Steuermann »Turn to!«. Die an Bord befindliche Mannschaft kam an Deck, sie sollte mit dem Segelanschlagen beginnen. Zuerst kam das Großbramsegel an die Reihe. Zum Aufheißen wurde eine Jolle nach oben gebracht. Hiermit heißte man das zusammengebundene Segel bis zur Bramrah, um es dann an dem Jeckstag der Rah zu befestigen. Da mir diese Arbeit neu war, bekam ich hierbei manche grobe Belehrung mit noch nie gehörten kräftigen Schimpfausdrücken und Püffen. Die Matrosen gingen nach oben, und von dort aus dem Mast wurden mir allerhand Schiffsausdrücke zugerufen, die ich aber gar nicht verstand. »Bramgeitaue und Gurten los!«, schrie wieder einer. Aufgeregt betastete ich an der Nagelbank entlang die vielen dicken und dünnen Taue, bis einer, der dies bemerkte, schrie: »Dat mit den blauen Lappen!« In der Hast warf ich nun die Jolle los, woran das Bramsegel hing. »Fest! Hol an.« »Du verdammter Gymnasiumsschleicher!«, wurde von allen Seiten geschrien, und auch der Steuermann kam herbeigelaufen, um mich die Schiffsmettwurst kosten zu lassen. Hier an Deck war ich also nicht zu gebrauchen, ich musste jetzt nach oben. Das Klettern in der Takelage hatte ich schon in der Heimat erlernt, schwindelig wurde ich nicht, und so ging ich gleich auf die Rahnock hinaus, um den Steckbändsel zu belegen. Nach einigen kräftigen Hieben mit dem Steckbändsel selbst hatte ich diese Arbeit bald begriffen. Das Segel wurde festgemacht, und an Deck wurde mir nun das laufende und stehende Gut (Tauwerk) erklärt, vor allen Dingen, wo sich der Platz an der Nagelbank für jedes Tau befand. Durch den Wegweiser im Want geschoren, von vorn beginnend, sind die Taue wie folgt geordnet: Fockgeitau, Fockbauchgurten, Focknockgurten, Fockreeftalje, Untermarsgeitaue, Untermarsgurten, Obermarsdurchholer, Obermarsgurten, Bramgeitau, Brambauchgurten, Bramnockgurten, Royalgeitaue, Royalgurten, Bramsegelschoten, Royalschoten, Focksegelfall, Klüverfall, Außenklüverfall, Jagerfall und Bram- und Royalfall. Auf verschiedenen Seiten verteilt, waren die Obermarssegelfalle, Klau- und Piekfall, Mittelstagsegelfall etc. die Brassen. Sowie das Schiff nun aber unter Segel ist, kommen noch die Fockschoten, Großschoten, Klüver- und Briggsegelschoten, Piekgeien, Bullen, Bullleinen etc. dazu. An diesem Vortrag hatte ich lange zu verdauen.

Nach sechs arbeitsreichen Tagen kam mein erster englischer Sonntag heran, still und langweilig. Die einzigen Personen, die man sah, waren Damen aus »Sailorshome«, die mir belehrende heilige Schriften überreichten. Ich nahm mir einen Schiffszwieback zum Frühstück und las die Bücher teilweise durch. Der Inhalt dieser Schriften war ebenso langweilig wie das Kauen des Schiffszwiebacks, deshalb brach ich kurzerhand damit ab und ging wieder zum Weltlichen über. Ich besah mir unseren großen Konkurrenten nebenan, eine schöne große Bark, die auch nach Rio de Janeiro und in zwei Tagen segeln sollte. Am Nachmittag ging ich mit dem Zimmermann an Land, um mir die Straßen von London anzusehen. Mit dem Omnibus fuhren wir bis Tower Bridge und wanderten zum Tower. Dieses finstere, schmutzige Kolossalgemäuer machte einen unheimlichen Eindruck. Wie viele Menschen waren hier eines gewaltsamen Todes gestorben! Wir kehrten dieser historischen Stätte bald den Rücken und kamen nach London Bridge, hier war schon mehr Leben. Obgleich es Sonntag war, konnte man hier vieles sehen und kaufen. Ein kleines Mädchen schrie immer hinter mir her: »Johnny, box matches, box matches, Johnny.« Ich kaufte mir eine solche Schachtel Wachszündhölzer, die mir ganz unbekannt waren. Sie zündeten, brannten und rochen gut. Dann waren schöne Apfelsinen zu haben, auch davon kaufte ich mir einige, die sehr billig waren. Da es mittlerweile sieben Uhr geworden war und die »Public Houses« geöffnet wurden, begaben wir uns nach »Highway«, dem Seemannsvergnügungsort. In einem »Bar Room«, wo eine rothaarige Irländerin uns Stout und Ale vorsetzte, erfrischten wir uns nach den Schlenderstunden und gelangten um neun Uhr wieder an Bord, wo ich auch bald in meine Koje kroch.

Am nächsten Morgen wurde mit dem Beladen des Schiffes fortgefahren. Die Ladung kam meistens aus tiefbeladenen »Lanchas«. Eisen, Zement, Schiefer, Steingut, Farben, Manufakturwaren in Kisten, Säcken und Ballen, auch Klaviere sowie Spielsachen. Alle diese Stückgüter wurden unten im Schiff fest verstaut. Gegen Ende der Woche war das Schiff seeklar. Zuletzt kam das Wasserboot, um unsere Tanks aufzufüllen, und dann wurden noch die Kohlen für die Küche übernommen.

Eines schönen Nachmittags, gegen Ende April, holten wir in den Vorhafen, um am nächsten Morgen seewärts geschleppt zu werden nach Gravesend. Schon früh am anderen Tag kam der Lotse an Bord. Als wir damit beschäftigt waren, die Befestigungstaue einzuholen, erschien auf der Kaimauer in einem komischen Aufzuge der noch fehlende Matrose. Die kleinen Mädchen vom »Highway« hatten ihn sehr ausgeplündert und dann auf die Straße entlassen. Jacke, Hose und die Schuhe fehlten. Das weiße Manschettenhemd hing lang unter der Weste herab, die Strümpfe waren über die Unterhose gezogen, der Schlapphut saß hinten auf dem Kopf. So glich der Mann einem »Scotch Highlander«, er sprang schnell an Deck und verschwand ins Logis.

»He has made a pierheadjump!«, lachten die Umherstehenden »Runner« und »Boardingmaster«. Der Dampfer schleppte uns nun auf den Strom, und langsam ging es seewärts, noch letzte Grüße mit den an Land stehenden Aussaugern der Seeleute wechselnd. Die Stimmung der Besatzung war gedrückt. Das so schöne Landleben hatte jetzt aufgehört, Arbeit und Entbehrungen aller Art stellten sich wieder ein und einige von uns würden Europa überhaupt nicht wiedersehen. Das gelbe Fieber hatte schon viele Opfer gefordert, auch Rio de Janeiro stand nicht im besten Ruf.

Als wir Gravesend passiert hatten, ankerten wir unterhalb der Stadt, um 50 t Pulver einzunehmen, und machten das Schiff seeklar. Der Kapitän, R. Meyer, der mit dem Lotsen an Land gefahren war, kehrte mit demselben am anderen Morgen gegen vier Uhr zurück, zusammen mit dem Dampfer. Wir gingen bald Anker auf, um weiter seewärts geschleppt zu werden. Es war ein schöner, lachender Frühlingsmorgen, der Wind mäßig östlich. In der Ferne hörte man das Schießen der Soldaten auf den Schießständen, in derselben Richtung bemerkte ich dicht am Ufer liegend ein wahres Seeungetüm, einen Raddampfer mit riesigen Radkästen, vielen Schornsteinen und Masten. Es war die GREAT EASTERN, welche dort ihr Alter in Ruhe beschloss. Nach einem letzten Blick über das liebliche Gelände verschwand bald das Land, man sah es nur verschwommen am Horizont. Wir näherten uns jetzt North Foreland, und da der Wind günstig war, setzten wir zunächst die Stagsegel. Bei auffrischender Brise wurde die See bewegter, und manchmal tanzte der Dampfer vor uns herum wie ein Korken auf den Wellen. Bei South Foreland angekommen, setzten wir die Rahsegel. Jetzt verließen uns der Lotse und Schlepper, noch viele »good bye« zu uns herübersendend, und mit vollen Segeln durchschnitt die W. VON FREEDEN die grünen mit Schaum bedeckten Fluten, dem fernen Ziel zustrebend.

Da wir die weißen Kalkfelsen von Dover in Sicht hatten, wurde der Kurs jetzt westlicher, das Schiff schlingerte gewaltig von einer Seite zur anderen. Die Stagsegel waren heruntergeholt, die Rahen waren vierkant gebrasst, wir segelten glatt vor dem Winde. »Acht Glasen!«, rief der Kapitän dem Mann am Ruder zu. Der Rudersmann kündete nun durch eine hell klingende Glocke das Mittag an, das vorn durch die große Glocke beantwortet wurde. Die Mannschaft begab sich zum Essen, der Kapitän übernahm die Wache und ich begab mich nach dem Heck, wo ich der auflaufenden, sich überschlagenden grünen See zuschaute, die brausend am Schiff vorbeilief, mittschiffs das Deck füllte und hier etwa lose Deckgegenstände von einer Seite zur anderen schleuderte. Durch die gewaltigen Bewegungen, besonders durch das Heben und Senken des Schiffes an den Enden, musste ich bald dem Neptun ein Opfer bringen, das durch die Erbsensuppe mit dem Speck nicht gemildert wurde. Wie der Kapitän nun bemerkte, dass das Schiff noch einen Teil dieses Opfers abbekam, rief er mir zu: »Junge, maak dat du an de Siet kummst und spee dor wieder. Achtern Liener Diek dor is’s wohl beter, wat?« – Ich dachte natürlich auch so, aber ich sagte nichts. Mit neun bis zehn Seemeilen Fahrt passierten wir Dover, Dungeness, Beachy Head, Start Point und als letztes Landzeichen winkten uns die Feuer von Lizard und Scilly Islands die letzten Abschiedsgrüße Europas.

Der Kurs wurde jetzt auf SW gesetzt. Da der Wind immer noch östlich, also günstig blieb, setzten wir die Stagsegel. Das Schiff lief jetzt ruhiger, jedoch nahmen Wind und Seegang zu, so dass wir die Bramsegel strichen. Meine Seekrankheit hatte sich etwas gelegt, und in der dunklen Nacht sah ich häufig der brausenden, leuchtenden, sich überschlagenden See zu. Besonders interessant war es, wenn Pottwale unser Schiff begleiteten. Man konnte deutlich ihre Bahn als einen leuchtenden Streifen in der See verfolgen. Mitunter kamen diese Tiere zum Luftholen an die Oberfläche, ein unheimlich schnarchendes Geräusch verursachend. Der Wind heulte in der Takelage, brausend durchschnitt das Schiff unter dem gewaltigen Druck der Segel die leuchtenden Fluten, auf dem Ausguck sang der Matrose nach einer schwermütigen Melodie »Heut Morgen um viere kam der Lotse an Bord, guten Morgen, ihr Matrosen, jetzt müssen wir fort.« usw. – und so bekam ich erst den richtigen Eindruck vom wirklichen Seemannsleben auf großer Fahrt. Stets sind mir gerade diese Eindrücke später als ideale Seefahrt immer wieder vor die Seele getreten, und oft habe ich das moderne Seeleben auf den großen Hoteldampfern mit diesen Segelschiffsidealen verglichen, musste aber doch den außerordentlichen Fortschritt mit Freude anerkennen.

Am Tage sah ich im Wasser allerlei Algen schwimmen, wovon eine Art meine besondere Aufmerksamkeit erregte, nämlich der spanische »Bei dem Winder« oder »Man of War«, eine schöne, rosa und blau gefärbte Schwimmblase mit langen Fäden, die mit der Breitseite immer gegen den Wind lag. Bald erreichten wir wärmere Breiten, und an einem Sonntag wurde es ganz windstill. Die lange Dünung bewegte das Schiff nur mäßig, die Sonne strahlte auf die unendliche blaue Flut, ich erfreute mich wieder an der großartigen Natur.

Nachdem ich meine Seekiste wieder geordnet hatte und die darin gefundenen Apfelsinen-Kuchen verzehrt hatte, war es Mittag geworden, es gab Sackkuchen mit Pflaumen und Salzfleisch, eine Göttermahlzeit für den Seemann.

Der Wind frischte jetzt auf, wir konnten wieder Kurs steuern, und bei guter Fahrt sichteten wir eines Morgens in der Dämmerung Madeira. Bei Sonnenaufgang segelten wir an der Ostküste der Insel vorbei. Die Sonne färbte die Spitzen der Berge purpurrot. Ich war sehr gespannt und neugierig, besah mir durch ein Fernglas die viel genannte schöne Insel in der Nähe. Nach einigen Tagen passierten wir die Insel Palma der Kanarischen Inseln, und damit war die Region des Nordost-Passats erreicht. Die schweren Segel wurden gegen alte, leichtere gewechselt, die Stimmung der Mannschaft hob sich wieder und gemächlich schlängelte die W. VON FREEDEN dem Äquator zu. Das indigoblaue Meer glänzte bei bewegter See im herrlichsten Sonnenschein. Wunderschön gefärbte Fische begleiteten unser Schiff. Hin und wieder flogen Scharen von Fliegenden Fischen über die See und verschwanden wieder nach kurzem Flug in der Silberflut, aufgeschreckt durch unser Schiff oder verfolgt von großen Fischen, wie Bonitos oder Seewolf. An einem Sonntag holten wir unser Fischzeug hervor und versuchten, die großen Fische durch weiße Lappen oder blanke Löffel anzulocken. Ein Mann setzte sich dann auf die Spitze des Klüverbaums, einen blanken Löffel am Bande in der See spielen lassend, während ein anderer mit einer Harpune am Stampfstock stand, bereit, die Fische zu harpunieren, sowie sich einer verlocken ließ nach dem Löffel zu schnappen, der einen Fliegenden Fisch vortäuschen sollte. Eines Tages wurde ein großer Schweinsfisch harpuniert. Wir zogen ihm die Speckhaut ab, brieten aus ihr Tran und verzehrten das Fleisch als schöne Beefsteaks, die uns großartig schmeckten. Bei der Ausweidung dieses großen Fisches aß der Segelmacher plötzlich die Galle, wir merkten sofort, dass er geistesgestört war. Nachher beim Segelnähen stach er sich tief in den Arm, beim Deckwaschen trank er einen halben »Admiral« voll Seewasser aus. Eines Abends saß der Segelmacher bei Öllampenbeleuchtung im Logis, las in der Bibel und betete fortwährend »Eli lama asabthami«, Herr erbarme Dich meiner! Als nun alles ruhig und die Deckwache auf ihrem Posten war, so gegen elf Uhr abends, stand der Kapitän hinten an der Reling, ich auf der anderen Seite. Plötzlich stieg von außenbords über die Reling in der Dunkelheit ein vollständig nackter Mensch, bekleidet nur mit einem ausgefransten Stück Segeltuch um die Hüfte, und packte den Kapitän an. Wir alle waren sehr erschrocken, riefen die schlafende Wache zu Hilfe, und mit großer Mühe gelang es uns, den nackten Mann zunächst in die Segelkoje zu sperren. Mit großer Gewalt tobte der Segelmacher, ein großer starker Mann, gegen das Kajütschott, das die Segelkoje von der Kajüte trennte. Bald gab die Wand nach, Uhr und Spiegel flogen von der Wand, und so wurden wir gezwungen, ihn zu fesseln. Die Hände wurden mittels eiserner Fesseln auf dem Rücken gefesselt, ein Tau vorne über die Luke gespannt und hier dran wurde nun der Mann in der Mitte der Luke am Tau befestigt, so dass er sich nur auf derselben ein wenig bewegen konnte. Da es warm war, ließen wir ihn hier sich austoben. Das Zeug hatte er mit den Zähnen wieder heruntergerissen, sogar hatte er sich den Nagel aus dem großen Zeh ausgerissen und trotz der starken Fesselung einen Schleifstein in seiner Nähe in Stücke zerlegt.

Ich hatte nun als Schiffsjunge die Fütterung vorzunehmen. Braune Bohnen waren sein Leibgericht, und so konnte ich ihm dies eine halbe Stunde lang mit dem Löffel einschaufeln. Er verlangte immer noch mehr, satt wurde er trotzdem nicht. Nach acht Tagen hatte sich der Segelmacher wieder so weit beruhigt, dass er entfesselt werden konnte. Doch die Ruhe dauerte nicht lange. Kurz darauf begab er sich eines Nachts in den Proviantraum vor dem Logis und warf Pökelfleisch und Sauerkohl durch ein Fenster in den Schlafraum der Mannschaft. Als diese nun die Wache ablöste, sah sie das Labskaus vor ihren Kojen, und noch immer kam neue Zufuhr durch das Schiebefenster. Der nackte Anstifter wurde schleunigst wieder gefesselt und angebunden bis zur Ankunft in Rio de Janeiro, wo das Krankenhaus ihn aufnahm.

Wir erreichten nun bald die Kalmen und somit den Äquator, der mir durch ein Fernrohr gezeigt wurde, indem man einen Faden quer vor das Glas spannte. Ich fiel aber auf den Leim nicht herein. Acht Tage trieben wir nun in einer vollständigen Windstille, so dass wir die Segel aufgeiten und einzogen.

Die Wasserspinnen schossen auf der Oberfläche des Wassers hin und her. Auch Haie ließen sich sehen, die stets von kleinen schwarz-gelb gestreiften Fischen, sogenannten Bootsmännchen, begleitet waren. Nach vielen Regenschauern und veränderlichen Winden setzte endlich der Südost-Passat ein, und wir konnten nun den letzten Abschnitt unserer Reise, scharf am Wind bei sechs bis acht Seemeilen Fahrt, ungehindert zurücklegen.

Am 52. Tag unserer Reise sichteten wir nachmittags an Steuerbord das sichere Wahrzeichen von Rio de Janeiro, den Zuckerhut, und kreuzten uns bis zum Abend in die Bucht unter das Fort Santa Cruz, wo es dann wieder windstill wurde. Hilflos trieben wir hier mit mehreren Schiffen umher. Die Lage wurde bald gefährlich, einem deutschen Dreimastschoner stießen wir mit unserem Bugspriet den Besanmast über Bord. Als wir mit großer Mühe davon frei waren, trieb ein großes amerikanisches Vollschiff auf uns zu. »Slip your anchor!«, schrie jemand zu uns herüber. – »We can’t slip our anchor!«, schrie unser Kapitän zurück. Sogleich ließ der Amerikaner seinen Anker fallen, doch die Kette riss und der Anker mit ca. 90 Faden Kette ging verloren. Merkwürdigerweise trieben wir nach innen, während der Amerikaner der See zu trieb. Gegen Mitternacht konnten wir auf der Außenreede von Rio de Janeiro ankern, machten die Segel fest und ein Mann übernahm die Wache.

Hier war ich nun in der schönsten Tropenlandschaft der Erde. Schon bei Annäherung zum Land in der Einfahrt war ich von der großartigen Naturschönheit ganz entzückt. Links der Zuckerhut in ziemlicher Entfernung, rechts ein üppiger Tropenwald mit den majestätischen Palmen, dazu ein starker balsamischer, mir fremder Geruch. Die Träume meiner Jugend waren erfüllt, hier sah ich sie verwirklicht. Am liebsten wäre ich gleich an Land gestiegen, doch das hatte noch lange Wege. Auf meiner Wache an Deck betrachtete ich die Umgebung durch das Glas so gut es möglich war. Die unzähligen Lichter, die von der südlichen Seite der dahinter liegenden Berge herüberfunkelten, verrieten eine große Stadt mit Leben und Verkehr. Bei Tagwerden gingen wir wieder Anker auf und segelten nach der Innenreede auf unseren Löschplatz. Viele Apfelsinen trieben bei unserem Schiff im Wasser. Begehrlich betrachtete ich sie, es war mir unerklärlich, dass so wertvolle Früchte, die bei uns damals zwei bis drei Groschen kosteten, hier wertlos herumtrieben. Zur Probe fischte ich einige davon aus dem Wasser. Sie sahen gar nicht übel aus, doch warf ich sie misstrauisch wieder fort. Viele Kanus fuhren vorüber mit zwei braunen Indianern bemannt, gerade so, wie ich es in den Büchern abgebildet gesehen hatte. Es fehlte den Indianern nur der Federschmuck, doch meine Fantasie dachte den hinzu.

Es wurde nun mit der Löschung der Ladung begonnen. Zunächst sollten wir das Pulver in Leichter löschen. Wir bauten an einem Nachmittag, als der Kapitän sich an Land befand, die 50 t Pulver unter der Großluke auf, um sie am nächsten Morgen schnell übergeben zu können. Als es dunkel wurde, schlossen wir die Luke und begaben uns zum Abendessen. Ich hatte die Wache an Deck und ging nach hinten. Plötzlich bemerkte ich aus der Heckluke Rauch aufsteigen und alarmierte sogleich die ganze Mannschaft. Jeder stürzte zur Großluke, die Luke wurde aufgerissen, und wir bemerkten in der Nähe des Pulvers Feuer in einem Haufen Stroh. Da keine Spritze zur Hand war, mussten einige von der Mannschaft, voran der Steuermann, auf Leben und Tod sich in den Höllenschlund begeben und die ihnen gereichten Eimer mit Wasser auf das Feuer gießen. Das Feuer hatte schon einige Pulverkisten erreicht, aber da dieselben noch eine innere Blechhülle hatten, konnte das Pulver nicht zünden. Wir dankten dem Schöpfer, dass wir das Feuer vom Pulver fernhalten konnten. Doch ein Teil der Ladung hatte dennoch gelitten, besonders waren die großen Porzellan-Crates vom Stroh entblößt und die Farbe in den Fässern war vom Wasser beschädigt. Nach dem Löschen des Feuers ließen wir die Luke offen und hielten scharf Wache. Wir saßen an dem Abend noch lange beisammen und besprachen unsere kritische Lage auf dem Pulverfass. Wie sich nachher herausstellte, war der Steuermann De Boer mit offenem Licht im Raum gewesen. Wahrscheinlich war ein Stück vom Docht ins Stroh gefallen, und das hatte Feuer gefangen. Nach Entladung des Pulvers verholten wir in den inneren Hafen, machten am Kai fest, und der Rest der Ladung wurde hier gelandet.

An einem Sonntag ging ich nun an Land. Die Straßen waren eng, die Häuser meistens nicht überdeckt. Auffallend war für mich die Verlesung des Kaffees in den weniger belebten Straßen, die von Negerweibern mit flachen Körben vor den Häusern verrichtet wurde. Die Straßen waren durchweg schmutzig und die Hitze fast unerträglich. Ich wanderte nunmehr in die Umgebung, großartig schön war es da. Doch den Wald konnte ich nicht erreichen und die schönen Palmen im botanischen Garten habe ich nicht gesehen. Müde gelangte ich am Abend wieder an Bord und freute mich, als ich den Abend ruhig verbringen konnte. Es wurde mir hier schon klar, dass die Abenteuerlust durch die furchtbare Hitze ganz außerordentlich gedämpft wurde und die großartigen Eindrücke nicht mit solcher Frische aufgenommen werden konnten wie im gemäßigten Klima. Es lagen von unserer Reederei Stindt noch mehrere Schiffe im Hafen: MINERVA, STEPHANIE und der ADOLF, dessen Kapitän Onkel Schnedes war. Ich besuchte Letzteren, doch war er kaum zu sprechen und ich nahm schnell wieder Abschied.

Da hier keine Fracht für unser Schiff nach Europa zu erhalten war, mussten wir nach St. Thomas, Westindien, segeln, um uns dort Ladung zu suchen. Eines Tages fuhren wir mit vollen Segeln in der herrlichen Bai von Rio de Janeiro spazieren, um weiter einwärts Ballast aufzunehmen. Da der Kapitän an Land war, übernahm der Steuermann die Führung. Hierbei gab es nun viel Lärm und Geschimpfe, natürlich bekamen wir Jungs das meiste davon ab, und das Tauende sauste mitunter empfindlich auf unsere Rücken herab. Weil die Manöver schnell und sicher zu erfolgen hatten, mussten wir laufen und springen wie die Affen.

Anfang Juli lichteten wir den Anker und segelten hinaus aufs Meer. Beim Ausgang der Bai unter Fort Santa Cruz wurde es plötzlich still. Da wir Gefahr liefen, auf die Felsen geworfen zu werden, setzten wir ein Boot aus und bugsierten, die Leine am Ende des Klüverbaums befestigt, die W. VON FREEDEN von den Felsen ab nach der Mitte zu. Endlich kam die Seebrise durch und langsam kreuzten wir in den Atlantik hinein, bis die Küste unseren Augen entschwunden war und wir Kurs auf die Westindischen Inseln steuern konnten. Nach zwanzigtägiger Reise kamen wir in einer schönen Nacht bei mäßiger Brise vor St. Thomas an, legten das Schiff mit backgebrassten kleinen Segeln bei, um den Tag abzuwarten. Beim Tagwerden kam der Lotse uns entgegen, und nun passierten wir mit vollen Segeln und flotter Fahrt die Einfahrt des großartigen Hafens von St. Thomas. In herrlichster Morgensonne lag die prächtig gelegene Stadt Charlotte Amalie vor uns.

Die Stadt lag an drei Bergen angelehnt vor unseren entzückten Blicken. Ich konnte mich nicht satt sehen, und dies ist wohl eine der schönst gelegenen Städte, die ich auf meinen Weltfahrten gesehen habe. Rechts in der Mitte der schönen Bai ankerten wir, machten die Segel fest und verrichteten Malarbeiten außenbords. Es kamen nun viele kleine Boote längsseits, deren Insassen, Neger, uns Muscheln aller Art und weiße Korallen, betupft mit Blau und Rot, zum Kauf anboten. Auch forderten sie uns auf, Geldstücke in das klare Wasser zu werfen, um sie durch Tauchen wieder heraufzuholen, was jedes Mal sicher gelang, obgleich hier viele Haifische waren. Wir hatten hier eigentlich eine schöne, ruhige Zeit. Am Abend, wenn die Seebrise eingeschlafen war, setzten wir uns auf die Back, über uns die Sterne der herrlichen Tropennacht, um uns herum die Berge mit dem spärlichen Wald, aus dem ein unaufhörliches Zirpen ertönte, das erst mit Sonnenuntergang wieder verstummte. Wir erzählten uns dann von der fernen Heimat und wo unsere Reise wohl hingehen würde, nach Deutschland oder wieder nach England und mit was für Ladung. Auch erzählten die älteren Matrosen von ihren kaum zu glaubenden Abenteuern, der Koch von seinen Kriegserlebnissen auf Sumatra. Dabei paffte jeder in vollen Zügen den Tabakrauch in die dunkle Tropennacht hinein.

Nach achttägigem Aufenthalt hatte der Kapitän eine Fracht von Haiti nach Falmouth »for order« mit Blauholz. Der Proviant wurde ergänzt, Tabak für die Mannschaft gekauft. So verließen wir den Hafen von St. Thomas und steuerten an der Nordküste von Puerto Rico und Haiti entlang bis zur Insel Tortuga, der Freibeuterinsel, wo wir dann erst einen Teil des Steinballastes über Bord warfen. Von hier segelten wir mit vollen Segeln nach unserem Bestimmungshafen Port aux Paix der Insel Tortuga gegenüber und warfen Anker.

Der Ort war ein richtiges Negerdorf von etwa tausend Einwohnern. Es bestand meist nur aus Holzbauten und war sehr schmutzig. Das Blauholz kam mittels Mauleseln aus dem Innern, wurde am Strand aufgestapelt und von dort in Leichtern an Bord geschafft. Wir begannen sofort mit dem Laden. Das Arbeiten in dem Holz wurde mir sehr schwer. Durch das häufige Ausgleiten auf den Stämmen waren meine Füße ganz zerschunden, und die Stiche der im Holz befindlichen Skorpione und Tausendfüßler verursachten schmerzhafte Anschwellungen. Das Klima war heiß und ungesund, der Proviant mangelhaft. Wir mussten mehrmals eine Ziege schlachten, um überhaupt frisches Fleisch zu bekommen. Eines Tages hatten die Fischer eine Seekuh gefangen, auf den Strand gezogen, zerteilt und das Fleisch verkauft. Es ist dies das einzige Mal, dass ich von einer Seekuh gehört und gesehen habe. Es ist wohl ein Lamantin aus dem Orinoco gewesen, welcher sich dorthin verirrt hatte, probiert habe ich das Fleisch nicht. Üppigster Tropenwald bedeckte die Gegend. Überall, wohin man sah, und auch weiter fort sah man hohe Gebirge, während die Küste mäßig hügelig, aber bis an die See bewaldet war. Auf etwa sechs Meter Wassertiefe sah man im klaren Wasser eine prachtvolle Meeresflora. Zwischen den schön gefärbten Pflanzen und Korallen schwammen blaue und rot mit gelb gefärbte Schuppenfische. Ich habe manchmal stundenlang den wundervollen Meeresgrund durch das klare Wasser bewundert und auch versucht, einige Gewächse heraufzuziehen, jedoch an der Luft vertrocknete und verblasste alles schnell.

Um unser Trinkwasser zu ergänzen, luden wir ein großes Fass ins Boot und fuhren einen kleinen Fluss ziemlich weit hinauf, um hier das Fass zu füllen und dann wieder an Bord umzufüllen, eine sehr mühsame Arbeit, die reine Robinsonade. Hier sah ich nun ein Stück Urwald, wie ich es später nur wieder in Nikaragua gesehen habe. Seltene Bäume und Sträucher standen an den Ufern, sogar Kokospalmen, Bananen und Apfelsinenbäume. Eine Unmenge blauer und roter Krebse verschwanden in ihren Löchern. An einer Kokospalme, die mit Früchten behangen war, banden wir das Boot an und bestiegen das Land. Herrlicher Wald ringsherum, man konnte kaum durchkommen. Hier musste früher eine Zuckerrohrplantage gewesen sein, denn überall lagen verrostete Zuckerpfannen, von üppigem Tropenwald schon wieder überwuchert. Bäume mit schönen großen Blüten fielen mir besonders auf, und in diesen Blüten schwirrten kleine geflügelte Tiere, die ich erst für Libellen hielt. Beim näheren Betrachten stellte ich aber fest, dass es Kolibris waren, die mit ihren Schnäbeln von unten in die Blüten drangen, um sich hier ihre Nahrung zu holen. Lange sah ich diesem Spiel zu, bis mich einer der Matrosen aufforderte, in die Palme zu klettern, um Nüsse herunterzuholen. Ich kletterte hinauf, eine Teufelsarbeit, und schnitt auch einige Nüsse ab, aber nie wieder habe ich mich dazu verstanden, Kokosnüsse vom Baum zu holen, lieber verzichtete ich auf die herrliche Frucht. Das Heraufklettern lässt man sich noch gefallen, aber sowie man in die Krone kommt, wird man von einem Schwarm Stechfliegen und Mücken empfangen, so dass man schleunigst wieder herunterrutscht, um nicht völlig zerstochen zu werden. Ich freute mich, als ich wieder im Boot saß und die Frucht meiner Mühe verzehren konnte. Nach längerem Umherstreifen im Wald fand ich auch Bananen und Apfelsinenbäume, von Letzteren pflückte ich mir einen großen Zweig voller Früchte. Ich steckte den Zweig später in meine Koje, in der Hoffnung, dass die Apfelsinen gelb und reif werden würden, doch sie blieben grün und sauer, es waren wilde Bäume. Nachdem wir die Eingeborenen beim Fischen mittels Reusen beobachtet hatten, statteten wir noch den faulen Negern in ihrem Dorf einen Besuch ab. Sie lagen vor ihren Hütten und rührten kein Glied. Für Schnaps tauschten wir einige Früchte ein. Mit Wasser voll beladen, kehrten wir am Abend an Bord zurück und wiederholten diese Fahrten, bis wir für die Reise mit Trinkwasser versorgt waren. Unverantwortlich war es von der Schiffsleitung, solch schmutziges, nicht keimfreies Wasser als Trinkwasser zu verwenden. Die Folgen blieben, wie wir leider später erfahren mussten, nicht aus.