Verrat - Luke Harding - ebook

Verrat ebook

Luke Harding

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Opis

Der größte Politskandal unserer Zeit – die Trump-Russland-Connection


Dezember 2016. Der Guardian-Journalist Luke Harding trifft unauffällig den ehemaligen MI6-Agenten Christopher Steele in London, um mit ihm über die Russlandverbindungen des neu gewählten Präsidenten Donald Trump zu sprechen. Der Russlandexperte empfiehlt ihm, der Spur von Geld und Sex zu folgen. Kurz darauf tritt ein von Steele verfasstes Dossier zur Trump-Russland-Connection den wohl größten Politskandal in der jüngeren Geschichte los. Harding geht – wie auch das FBI und der US-Sonderermittler Robert Mueller – den Vorwürfen weiter nach und enthüllt im Laufe seiner Recherchen verdächtige Interessenverbindungen und illegale Aktivitäten, deren Ausmaß selbst die Watergate-Affäre weit in den Schatten stellen. Luke Harding schildert, wie weit die Beziehungen zwischen Trump, seiner Familie, seinen Firmen, seinen engsten Beratern und Putins Russland reichen – und dass Trump nach Lage der Dinge nie hätte Präsident werden dürfen.



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Zum Text

Dezember 2016. Der Guardian-Journalist Luke Harding trifft unauffällig den ehemaligen MI6-Agenten Christopher Steele in London, um mit ihm über die Russlandverbindungen des neu gewählten Präsidenten Donald Trump zu sprechen. Der Russlandexperte empfiehlt ihm, der Spur von Geld und Sex zu folgen. Kurz darauf tritt ein von Steele verfasstes Dossier zur Trump-Russland-Connection den wohl größten Politskandal in der jüngeren Geschichte los. Harding geht – wie auch das FBI und der US-Sonderermittler Robert Mueller – den Vorwürfen weiter nach und enthüllt im Laufe seiner Recherchen verdächtige Interessenverbindungen und illegale Aktivitäten, deren Ausmaß selbst die Watergate-Affäre weit in den Schatten stellen. Luke Harding schildert, wie weit die Beziehungen zwischen Trump, seiner Familie, seinen Firmen, seinen engsten Beratern und Putins Russland reichen – und dass Trump nach Lage der Dinge nie hätte Präsident werden dürfen.

Zum Autor

Luke Harding ist britischer Journalist und Buchautor. Für seine Berichterstattung als Russlandkorrespondent der Zeitung The Guardian in den Jahren 2007 bis 2011 wurde er 2014 mit dem angesehenen James Cameron Memorial Trust Award ausgezeichnet. Die russische Regierung verwies ihn im Jahr 2011 des Landes; dies war der erste derartige Fall seit dem Ende des Kalten Kriegs.

Luke Harding hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, so über den Fall Litwinenko, den russischen Mafiastaat, über WikiLeaks und über Edward Snowden. Seine Bücher wurden in dreißig Sprachen übersetzt, die Bücher über WikiLeaks und Snowden verfilmt.

LUKE HARDING

Verrat

Geheime Treffen, schmutziges Geld und wie Russland Trump ins Weiße Haus brachte

Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt

Siedler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.Erste Auflage

Dezember 2017Copyright © 2017 by Luke Harding

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe Siedler Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München, auf der Grundlage des Entwurfs von Faber & Faber

Umschlagabbildung: 3D Vector/Shutterstock

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

Bildbearbeitung: Helio Repro, MünchenISBN 978-3-641-22717-3V002www.siedler-verlag.de

Inhalt

Prolog: Ein Treffen

1 Doch kein Ende der Geschichte

2 Ich glaube, er ist ein Idiot

3 Veröffentliche es, und du wirst verdammt sein

4 Der große Hack

5 General Mischa

6 Der Handlanger der Schurken

7 Das Dienstagabend-Massaker

8 Geheime Absprachen

9 Knechtschaft

10 Geldgrüße aus Moskau

11 Die merkwürdige Rolle der Deutschen Bank

Epilog

Ein Hinweis zu den Quellen

Dank

Register

Prolog Ein Treffen

Dezember 2016Grosvenor Gardens, London SW1

Victoria Station in London. Eine Mischung aus heruntergekommen und elegant. Hier befinden sich ein großer Bahnhof, ein Busterminal und – etwas weiter – ein dreieckiger Park mit einem Reiterstandbild des französischen Marschalls Foch, eines Helden des Ersten Weltkriegs. Auf seinem Sockel steht: »Ich weiß, dass ich England gedient habe.« Mit einem schwarzen Stift hat jemand hinzugefügt: »indem ich Tausende ermordete«.

Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Um die Statue herum stehen braune Bänke, bespritzt mit weißem Taubenkot, und hohe Platanen. Man sieht Touristen, Pendler und den kauzigen, haarigen Penner, der an einer Dose Lagerbier nippt und vor sich hin murmelt. Der Mann, dem dieses Grundstück in bester Lage gehört, ist der Duke of Westminster. Er ist der reichste Adlige Großbritanniens.

Wenn man geradeaus weitergeht, gelangt man zu einer Reihe hoher neoklassizistischer Häuser im französischen Renaissancestil. Dies ist Grosvenor Gardens. Die Straße führt zur rückwärtigen Mauer einer weltberühmten Residenz, des Buckingham Palace. Mit etwas Schneid und einer langen Leiter könnte man sich vielleicht direkt in den Privatgarten Ihrer Majestät schwingen. Seine Tannen, die in den grauen Londoner Himmel aufragen, kann der einfache Bürger sehen. Der Queen’s Lake dagegen entzieht sich seinem Blick.

Einige der Häuser hier verraten, wen sie beherbergen: eine PR-Firma, ein japanisches Restaurant, eine Sprachschule. Aber an dem Gebäude Grosvenor Gardens Nr. 9-11 findet sich keinerlei Hinweis darauf, wer oder was im Innern ist. Zwei Säulen rahmen eine anonyme schwarze Eingangstür. Ein Videoüberwachung-Hinweisschild warnt den Besucher. Keine Namen an der Türklingel. Darüber drei Stockwerke mit Büroräumen.

Wenn man eintritt und nach rechts geht, gelangt man in eine bescheidene Parterre-Suite, eine Reihe schmuckloser, elfenbeinweiß gestrichener Räume. Eine mittelgroße, farbige Weltkarte schmückt eine Wand. Da stehen Computer, und an den hohen Fenstern hängen weiße Jalousien. Auch Zeitungen sind da: ein Exemplar der Londoner Times. Man wähnt sich in den Räumen eines kleinen, diskreten Beratungsunternehmens.

Und damit liegt man nicht falsch, denn hier hat die britische Firma Orbis Business Intelligence Limited ihren Sitz. Auf der Orbis-Website steht: »ein führendes Beratungsunternehmen im Bereich Corporate Intelligence« (Informationsbeschaffung über Unternehmen). Und weiter, etwas schwammig: »Wir stellen hochrangigen Entscheidungsträgern strategische Erkenntnisse, Informationen und investigative Dienstleistungen zur Verfügung. Wir arbeiten dann mit unseren Klienten an der Umsetzung von Strategien, die ihre weltweiten Interessen schützen.«

Im Klartext: Orbis ist im nichtstaatlichen Spionagegeschäft tätig. Das Unternehmen betreibt Spionage für gewerbliche Kunden – es forscht die Geheimnisse von Privatpersonen und Institutionen, Regierungen und internationalen Organisationen aus. London ist die Welthauptstadt dieses Sektors der privaten Informationsbeschaffung. Eine knallharte Branche, in den Worten eines ehemaligen britischen Geheimdienstlers, der sich hier verdingte, ehe er einen Job bei einem großen Unternehmen ergatterte. Es gibt mehr als ein Dutzend dieser Firmen, in denen hauptsächlich ehemalige Nachrichtendienstler arbeiten, die sich auf Nachrichtengewinnung im Ausland spezialisiert haben.

Das ist nicht die Welt der klassischen Spionage oder von James Bond. Aber es ist nicht weit davon entfernt.

Der Chef von Orbis heißt Christopher Steele. Steele und sein Geschäftspartner Christopher Burrows sind die Direktoren von Orbis. Beide sind Briten. Steele ist 52, Burrows etwas älter, 58. Ihre Namen tauchen in dem öffentlichen Informationsmaterial von Orbis nicht auf. Auch ihre früheren Berufswege werden nicht erwähnt. Zwei smarte Hochschulabsolventen arbeiten mit ihnen zusammen. Sie bilden ein kleines Team.

Steeles Büro liefert nur wenige Anhaltspunkte, was die Art dieser verdeckten Aktionen anlangt.

Eigentlich gibt es nur einen Hinweis.

In der Nähe des Schreibtischs sind russische Puppen – Matrjoschkas – aufgereiht. Ein Souvenir aus Moskau. Sie stellen die großen russischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts dar: Tolstoi, Gogol, Lermontow und Puschkin. Die Puppen sind von Hand bemalt, und die Namen der Schriftsteller stehen in blumigen kyrillischen Buchstaben knapp oberhalb ihres Fußes. Der Großbuchstabe T von Tolstoi ähnelt einem verschnörkelten griechischen Pi.

In den turbulenten Tagen des Jahres 2016 waren die Puppen eine ausgezeichnete Metapher für die erstaunlichen geheimen Nachforschungen, mit denen Steele gerade beauftragt worden war. Es war ein brisanter Auftrag – die innersten Geheimnisse der Beziehungen des Kreml zu einem gewissen Donald J. Trump aufzudecken, sie zu entschachteln wie diese Puppen, bis die Wahrheit schließlich ans Tageslicht käme. Seine Schlussfolgerungen sollten die US-amerikanischen Nachrichtendienste erschüttern und ein politisches Erdbeben auslösen, wie man es seit den dunklen Tagen des Watergate-Skandals während der Amtszeit von Präsident Nixon nicht mehr erlebt hatte.

Die Ergebnisse der Nachforschungen Steeles waren sensationell, und das darauf basierende Dossier sollte den gewählten Präsidenten Trump des schlimmsten Verbrechens bezichtigen: verbotener geheimer Absprachen mit einer ausländischen Regierung. Diese ausländische Regierung ist die russische. Das mutmaßliche Verbrechen – das entschieden geleugnet und bestritten und in manchen zentralen Punkten wohl nicht zu beweisen sein wird – ist Hochverrat. Der designierte neue US-Präsident sei, so wurde gemunkelt, ein Verräter.

Einer derart unglaublichen Verschwörung begegnet man sonst nur in Romanen: In dem Thriller Botschafter der Angst (The Manchurian Candidate) schildert der Autor Richard Condon ein sowjetisch-chinesisches Komplott mit dem Ziel, die Kontrolle über das Weiße Haus zu erlangen. Oder in einem weitgehend in Vergessenheit geratenen Politthriller des Schriftstellers Ted Allbeury, In der Hand des Kreml (The Twentieth Day of January). Darin wirbt Moskau während der Pariser Studentenunruhen im Jahr 1968 einen jungen Amerikaner an, der sich nunmehr Höherem zuwendet. Wie Steele war auch Allbeury ein ehemaliger britischer Geheimdienstler.

Bevor sein Dossier so hohe Wellen in der Öffentlichkeit schlug, war Steele unbekannt. Unbekannt jedenfalls außerhalb eines engen Kreises von US-amerikanischen und britischen Geheimdienst-Insidern und Russland-Experten. Das war ihm lieber so.

Das Jahr 2016 war eine historische Zäsur. Zuerst kam der Schock des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union. Dann wurde zur Überraschung vieler Amerikaner und zum Entsetzen nicht weniger von ihnen, ganz zu schweigen von vielen anderen Menschen weltweit, Donald J. Trump in diesem November zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Der Wahlkampf, der ihn ins Weiße Haus brachte, war erbittert, polarisierend und bösartig gewesen. Überschattet wurde die Wahl von einem beispiellosen und schier ungeheuerlichen Verdacht: Eine ausländische Regierung, die traditionell als Feind der USA galt, habe Trump insgeheim in seiner Kampagne, die eigentlich aussichtslos schien, unterstützt und ihn damit vielleicht sogar über die Ziellinie geschubst. Der Verdacht lautete, dass Trump der Kandidat des Kreml war.

Trump sei eine Marionette Putins, eines Menschen also, den führende Republikaner bislang als einen eiskalten KGB-Schurken betrachtet hatten. John McCain, der republikanische Senator aus Arizona, brachte diese Einschätzung auf den Punkt, als er Putin einen »Gangster und Mörder« nannte. Jemand, der Amerika übelwollte.

Zu diesem Zeitpunkt war der Verdacht geheimer Absprachen mit Moskau aus zwei Gründen an Trump hängen geblieben. Zum einen war da Trumps eigenes seltsames Verhalten im Wahlkampf. Angesichts von Behauptungen, Russland hacke E-Mails der Demokratischen Partei und gebe sie ins Publikum, um Hillary Clinton zu schaden, forderte ihr Rivale, Donald Trump, Moskau öffentlich auf, damit fortzufahren.

Auf einer Pressekonferenz im Juli 2016 in Florida sagte er: »Russland, falls du gerade zuhören solltest: Ich hoffe, du kannst die 30 000 verschwundenen E-Mails finden. Wahrscheinlich wird dich unsere Presse dafür großzügig belohnen. Mal sehen, ob das passiert.«

Ein Clinton-Berater wies darauf hin, dass dies eine direkte Aufforderung an eine ausländische Macht gewesen sei, Spionage gegen einen politischen Gegner zu betreiben. War das Trumps Opportunismus? Oder war es doch eher ein wohlkoordinierter, finsterer Plan?

Kaum jemand bezweifelte, dass die im Juni und Oktober 2016 auf WikiLeaks veröffentlichten E-Mails der Kandidatin der Demokraten schadeten. An sich waren sie nicht besonders skandalös. Doch für einen skrupellosen Gegner wie Trump waren sie ein Geschenk, ein großartiges Geschenk: eine Gelegenheit, sich die Medienmaschinerie zunutze zu machen und die Botschaft von »Crooked Hillary« (der betrügerischen Hillary) zu verbreiten. Moskau hatte auch E-Mails des Republican National Committee (Organisationsgremiums der Republikanischen Partei) gehackt, diese aber nicht veröffentlicht.

Der zweite Grund: Wie ließ sich Trumps schmeichelhaftes Lob Putins erklären? In der aufgeheizten Stimmung, die in den Monaten vor der Wahl am 8. November 2016 herrschte, hatte Trump nicht nur Clinton und Obama, sondern auch seine Rivalen innerhalb der Republikanischen Partei, die US-Comedy-Show Saturday Night Live, die »bankrotte« New York Times, die US-Medien im Allgemeinen – sein bevorzugtes Feindbild – und Meryl Streep heftig angegriffen. Und noch andere. Es war eine lange Liste.

Den russischen Präsidenten dagegen lobte Trump als »blitzgescheit«. Putin war praktisch der einzige Mensch auf dem Planeten, der Trumps pauschalen Schmähungen entging, die er in ungehobelten, mit zahlreichen Ausrufezeichen versehenen Kurzkommentaren auf Twitter absetzte, und zwar zu einer Zeit, zu der die meisten normalen Menschen schliefen. Trump war bereit, über jeden verbal herzufallen, der sein Verhalten in Frage stellte – über jeden, außer seinen Freund Putin.

Die sich zwischen Trump und Putin anbahnende Freundschaft ließ sich nicht mit persönlicher Chemie erklären, denn sie waren sich augenscheinlich nie begegnet. Gewiss, es gab ideologische Übereinstimmungen: die Geringschätzung internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen und die Ablehnung der Europäischen Union. Und, so könnte man behaupten, ein christlich überformter weißer Nationalismus. Aber das genügte nicht. Es war, als gäbe es ein eigenartiges Gefolgschaftsverhältnis, einen rätselhaften Faktor, eine unsichtbare Hand, ein fehlendes Puzzleteil. Keinen anderen Staatschef hat Trump in der gleichen Weise gelobt. Beziehungsweise so oft. Seine Verbeugung vor Putin geht im Amt weiter.

Diese beiden Punkte – die Nutzung der von Russland gehackten E-Mails und das Lob Putins – werfen eine bemerkenswerte Frage auf. Hat Putin den Kandidaten irgendwie erpresst? Wenn nicht, wie lässt sich Trumps Schwärmerei erklären? Wenn ja, dann stellt sich die Frage, wie genau hat er ihn erpresst?

Es kursieren bekanntlich zahllose Gerüchte. Einige davon haben auch die Zeitung, für die ich arbeite, den Guardian, erreicht. Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen von 2016 und in der aufgewühlten Zeit danach, in der weithin Fassungslosigkeit herrschte, verfolgten – und verfolgen – investigative Journalisten auf beiden Seiten des Atlantiks eine Reihe von Spuren. Dies ist eine schwierige, frustrierende und zugleich höchst spannende Arbeit. Manche Quellen sind zweifelhaft. Ein Teil des Schmutzes, mit dem Trump beworfen wurde, kam von Personen, die dem Wahlkampfteam Clintons nahestanden, Leuten also, die ein Hühnchen mit Trump zu rupfen hatten.

Trotzdem ist dies – wie uns dämmert – möglicherweise der größte US-amerikanische Politskandal seit langem. Wenn sich Trump tatsächlich mit Russland verschworen hat, nicht nur öffentlich, sondern vielleicht auch verdeckt, über geheime, inoffizielle Kanäle, dann könnte es sich um einen Fall von Verrat handeln. Es wäre ein zweites Watergate.

Allerdings waren die »Einbrecher« diesmal keine rangniederen Handlanger Nixons. Sie waren nicht einmal Amerikaner. Laut CIA und FBI waren es anonyme Hacker, die für Putins Nachrichtendienste arbeiteten. Das Geld, mit dem ihre Gehälter bezahlt wurden, war russisch – und möglicherweise amerikanisch. Anders als ihre Vorgänger im Jahr 1972 drangen sie nicht mit Dietrichen, Latexhandschuhen und Wanzen ins Hauptquartier der Demokratischen Partei ein.

Vielmehr verschafften sie sich Zugang zu den Computernetzwerken des Democratic National Committee – der nationalen Parteiorganisation der Demokraten –, indem sie Tausende von Phishing-Mails verschickten. Die Operation ist laut FBI einfach und preiswert gewesen. Und sie war unglaublich erfolgreich. Vielleicht beweist sie, dass das politische System Amerikas anfälliger für Angriffe ominöser elektronischer Kräfte ist, als es irgendjemand für möglich gehalten hat.

Unterdessen hat uns Trump nicht gerade bei unseren Bemühungen geholfen, die Wahrheit herauszufinden. Anders als all seine Amtsvorgänger weigert er sich, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen. Sein globales Immobilienimperium verbirgt sich hinter einem Netzwerk aus mehreren Hundert undurchsichtigen Firmen. Grafisch dargestellt, gleichen Trumps Unternehmensbeteiligungen einem explodierenden Riesenbovist.

Ist Trump ein Multimilliardär, wie er großspurig behauptet? Oder ist er in Wirklichkeit bankrott und überschuldet und steht bei ausländischen Banken tief in der Kreide? Welche finanziellen Beziehungen unterhielt – und unterhält – er womöglich zu ausländischen Regierungen? Und wie steht es diesbezüglich mit seiner Familie, insbesondere mit Jared Kushner, seinem mächtigen Schwiegersohn?

Im Dezember 2016 suchen Nick Hopkins, ein Kollege beim Guardian, und ich Christopher Steele auf, um ihm diese und einige andere Fragen zu stellen. Hopkins leitet das Investigativressort der Zeitung. Er hatte sich bereits früher mit Steele getroffen und kannte seine Russland-Expertise. Das war auch mein Fachgebiet. Zwischen 2007 und 2011 leitete ich das Moskauer Büro des Guardian, bis man mich in eine Zelle am Flughafen steckte und außer Landes schaffte. Ich bin mir sicher, dass dies auf einige meiner weniger schmeichelhaften Berichte über Wladimir Putin zurückzuführen ist.

Es ist ein Donnerstagnachmittag, zweieinhalb Wochen vor Weihnachten. Die Londoner Straßen wimmeln von hektischen Einkäufern. Wir nehmen die U-Bahn am Bahnhof King’s Cross, der in der Nähe der Redaktion des Guardian liegt. An der Victoria Station steigen wir aus und legen die kurze Entfernung zu den Grosvenor Gardens zu Fuß zurück – vorbei am Standbild des Marschalls Foch und seinem Gefolge aus Tauben.

Wir läuten an der Eingangstür von Orbis. Man lässt uns ein. Steele begrüßt uns. Er ist mittelgroß, trägt einen einfachen Anzug, und sein ehemals schwarzes Haar ist jetzt weitgehend ergraut. Obwohl er uns freundlich begegnet, zeigt er eine gewisse Reserviertheit, die allerdings vollkommen verständlich ist.

Journalisten und Agenten sind einander schon immer mit einem gewissen Misstrauen begegnet. In mancher Hinsicht ähneln sich ihre Metiers: Sie pflegen Quellen, sammeln Informationen, überprüfen sie und trennen Fakten von Fiktion. Beide schreiben für eine Zielgruppe. Die Zielgruppe einer Zeitung ist jede Person mit einem Internetzugang. Spione dagegen schreiben für einen kleinen Kreis von Amtsträgern, die eine Sicherheitsfreigabe für geheime Informationen haben. Ich stelle mir oft vor, dass das Produkt das gleiche ist. Die Spione haben allerdings einen Vorteil. Sie können auf Material zugreifen, das aus staatlichen Abhöraktionen und von geheimen Quellen stammt.

Steele hatte sich bereit erklärt, beim Vier-Uhr-Tee mit uns zu plaudern. Zu diesem Zeitpunkt haben seine Nachforschungen noch keine weltweiten Schlagzeilen gemacht. Er ist noch nicht vor dem Rampenlicht der Öffentlichkeit abgetaucht, sodass wir drei auf die Straße treten und nach einem Plätzchen suchen, wo wir ungestört eine Tasse Tee trinken können.

Wir versuchen es bei Balls Brothers, einer Weinbar, deren grüne Markisen auf den Lower Grosvenor Garden gehen. Eine Bedienung sagt uns, sie hätten keine freien Plätze mehr, alle Tische seien für Weihnachtsfeiern reserviert. Also schlendern wir über die Straße ins Shakespeare Pub; der Name prangt in schwarzen Lettern auf goldenem Grund. Über dem Eingang hängt ein Porträt des berühmten Dramatikers.

Wir finden einen versteckten Tisch. Ich gehe an die Bar und komme mit Drinks zurück; Bier für Steele, Cola für Nick und ein Kännchen Tee für mich. Das Pub ist mit Eisenbahn-Devotionalien geschmückt: Werbung für die Eisenbahngesellschaft Great Western Railways. An den Wänden hängen alte Schwarzweißfotos von Männern mit Schiebermützen, die in einem Waggon lesen, und jungen Frauen, die im Meer planschen.

Steele ist jemand, der gern im Schatten bleibt, fern von öffentlicher Aufmerksamkeit oder Rummel. In der Welt der Corporate Intelligence gilt die Regel: Je weniger Menschen wissen, was man tut, desto besser. Unsichtbarkeit ist gut. Reporter (sie wissen über vieles Bescheid, sind aber manchmal indiskret und plaudern Geheimnisse aus) sind ein notwendiges Übel.

»Haben Sie schon einmal etwas über mich gehört?«, fragt er.

Ich sage wahrheitsgemäß nein.

Ich kenne die meisten Russland-Experten in London, nicht aber Steele.

»Gut«, sagt er. »Das gefällt mir.«

Steeles Diskretion ist eine Frage der Professionalität. Erstens ist er ein ehemaliger Spion; zweitens unterliegt er beruflichen Verschwiegenheitspflichten. Er würde kein Sterbenswörtchen über seine Klienten sagen. Nichts deutet darauf hin, dass er der Autor des vielleicht wichtigsten investigativen Berichts seit Jahrzehnten ist. Außerdem nimmt es mit denjenigen, die Nachforschungen über Putin anstellen, ihn kritisieren oder hintergehen, oftmals ein schlimmes Ende.

Einer dieser Putin-Kritiker war Alexander Litwinenko, ein ehemaliger Offizier des FSB, des russischen Inlandsgeheimdiensts, der im Jahr 2000 aus Russland geflohen war, nachdem er Korruption an der Spitze seiner Organisation aufgedeckt hatte. (Zwei Jahre zuvor war er von Putin persönlich gefeuert worden.) In seinem Londoner Exil prangerte Litwinenko den russischen Präsidenten in Büchern und Aufsätzen an. Litwinenkos Freunde warnten ihn, er spiele mit dem Feuer.

Im Jahr 2003 konsultierte der britische Auslandsgeheimdienst MI6 Litwinenko hin und wieder, weil er ein profunder Kenner des organisierten Verbrechens in Russland war. Litwinenko beriet den britischen und den spanischen Geheimdienst. Seine Behauptung wurde später in Depeschen der US-Botschaft in Madrid, die der Öffentlichkeit zugespielt wurden, zitiert. Sie besagte, der Kreml, dessen hervorragend ausgestattete Nachrichtendienste und die russische Mafia seien zu einer Einheit verschmolzen. Faktisch bildeten sie eine einzige kriminelle Organisation, einen Mafiastaat.

Litwinenkos Belohnung war eine Tasse radioaktiver Tee, den ihm zwei Russen in einer Londoner Hotelbar verabreichten. Das Hotel, das Millennium, befindet sich gleich neben der US-Botschaft am Grosvenor Square in einem Viertel, das russischen Spionen wohlvertraut ist. Wenn die dort tätigen CIA-Mitarbeiter am 1. November 2006 aus ihrem Fenster im dritten Stock geschaut hätten, hätten sie vielleicht gesehen, wie Litwinenkos Mörder, Dmitri Kowtun und Andrej Lugowoi, durch die Drehtür des Hotels gingen. Eine öffentliche Untersuchung in Großbritannien kam zu dem Ergebnis, dass Putin diese Operation »wahrscheinlich persönlich genehmigte«.

Ich habe über die Ermordung Litwinenkos zehn Jahre lang recherchiert, und auch Steele hatte sich eingehend mit dem Mordfall befasst. Er kannte Litwinenko nicht persönlich, leitete jedoch die anschließenden Ermittlungen des MI6 in diesem beispiellosen Mordfall. Steele gelangte zu dem Schluss, es habe sich um einen Anschlag gehandelt, der auf höchster russischer Staatsebene angeordnet worden sei. Das verwendete Gift war Polonium – ein seltenes, tödliches und hochradioaktives Isotop. Sobald es in den Körper gelangt, ist der Tod unabwendbar. Litwinenkos qualvolles Siechtum dauerte drei Wochen.

Wir wissen nicht, auf welchem Pulverfass Steele sitzt. Wir sind gekommen, um mit ihm über Recherchen zu sprechen, die wir seit der Präsidentschaftswahl insgeheim über Russland-Verbindungen Trumps durchgeführt haben. Wir haben zwei Spuren. Eine ist faszinierend, aber zu diesem Zeitpunkt spekulativ. Es gibt die Vermutung, Russland habe Trumps Wahlkampf verdeckt finanziert. Wir wissen viel über die angeblichen Details. Aber es gibt keine Beweise. Wir haben keine primäre Quelle. Falls es Beweise gibt, dann sind sie gut versteckt.

Die zweite Spur ist solider. Wir sind im Besitz von Dokumenten, die belegen, dass hochrangige russische Amtsträger und gut vernetzte Insider 20 Milliarden Dollar gewaschen haben. Der Plan war genial – darin verwickelt sind britische Anwälte, moldawische Richter, eine lettische Bank und in London registrierte GmbHs. Das Geld ist breit gestreut worden: Ein Teil ist über US-Konten bei Banken wie JP Morgan Chase und Wells Fargo geflossen. Die meisten Empfänger sind unbekannt.

Gelder sind auf Offshore-Konten versteckt worden. Ein Teil dieser Mittel ist zur Finanzierung politischer Operationen im Ausland verwendet worden. Der Vorgang zeigt, wie durchlässig das US-Bankensystem für russisches Geld ist. Und wenn man Geld in New York waschen kann, dann kann man es vermutlich auch für verdecktes Hacking ausgeben. Für jeden beliebigen Zweck.

Steele sagt wenig und hört vor allem aufmerksam zu. Er will nicht bestätigen, dass das, was wir herausgefunden haben, zutrifft, auch wenn er uns zu verstehen gibt, dass wir auf der richtigen Spur seien.

Er macht uns auf weitere vielversprechende Ermittlungsrichtungen aufmerksam:

»Sie müssen sich die Verträge über die Hotel- und Grundstücksgeschäfte Trumps ansehen. Vergleichen Sie ihren Wert mit den Krediten, die Trump dafür aufnahm«, sagt uns Steele.

Dies bezieht sich offenbar auf Trumps ehemaliges Anwesen in Florida. Trump hatte die Villa im Jahr 2004 für 41 Millionen Dollar gekauft. Vier Jahre später verkaufte er sie für 95 Millionen Dollar an einen russischen Oligarchen. Selbst wenn man die Inflation berücksichtigt, die Tatsache, dass Trump nach eigenen Aussagen das ganze Haus neu gestrichen hat, den Wert der Marke Trump und die Launen eines superreichen Russen, der unbedingt in den USA investieren wollte, ist dies ein außergewöhnlich hoher Gewinn.

»Die Differenz ist das Entscheidende«, sagt Steele.

Ein weiteres Wahlkampfthema war Trumps Verhältnis zu Frauen. Dieser Punkt war ins Blickfeld geraten, nachdem eine Tonbandaufnahme aus dem Jahr 2005 aufgetaucht war. Dort prahlt Trump mit den Privilegien, die es mit sich bringe, wenn man »berühmt ist«. Eine Vergünstigung: Wenn er schönen Frauen begegne, könne er sie einfach »an die Muschi fassen«. Trump entschuldigte sich dafür. Er beteuerte, die Frauen, die ihn der sexuellen Belästigung bezichtigten, seien Lügnerinnen – Nutten, denen es nicht um Gerechtigkeit, sondern um politische Manipulation gehe.

Zu unserer Überraschung deutet Steele an, Trump und Sex sei eine interessante Spur. Er geht nicht auf Einzelheiten ein.

Steele erzählt uns nicht viel. Dennoch hat es den Anschein, er könne Informationen, die wir aus anderen Quellen erhalten haben, bestätigen – oder widerlegen. Für einen investigativen Journalisten ist das hilfreich.

Nach 45 Minuten verabschiedet sich Steele.

Die Situation erinnert stark an Watergate. Wir wissen, was wir tun müssen: dem Sex und dem Geld folgen.

Wir verlassen das Lokal getrennt, entschlossen, unsere Recherchen fortzusetzen. Doch dann wird alles ein paar Nummern größer.

Zwei Tage später landet Steeles Dossier auf Obamas Schreibtisch, aber die Anfänge dieser Geschichte reichen Jahrzehnte zurück.

1 Doch kein Ende der Geschichte

1990–2016Moskau – London – Washington

»Die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.«

WLADIMIR PUTIN über die Auflösung der Sowjetunion

Moskau im Sommer 1991. Michail Gorbatschow ist an der Macht. Die Beziehung der Sowjetunion zum Westen hat sich entspannt, aber der KGB geht weiterhin davon aus, dass sämtliche Mitarbeiter westlicher Botschaften Spione sind.

Die Aufpasser, die der KGB Diplomaten aus dem Westen zuteilt, sind leicht zu erkennen. Sie haben eine Methode. Manchmal folgen sie ihren Zielpersonen zu Fuß, manchmal im Auto. Jedenfalls verhalten sich die Offiziere, die für die Beschattung von Diplomaten zuständig sind, nie unauffällig.

Zu ihren Spezialitäten gehört es, in Moskauer Wohnungen einzubrechen. Natürlich kommen sie nur zu Besuch, wenn die Bewohner außer Haus sind. Die KGB-Teams hinterlassen stets ein paar unübersehbare Hinweise: gestohlene Schuhe, verknotete Strumpfhosen, Zigarettenkippen, die demonstrativ auf dem Fußboden ausgetreten worden sind. Oder ein Verdauungsergebnis, das grimmig in der Kloschüssel lauert.

Die Botschaft ist klar: Wir sind die Herren hier! Und wir tun, was uns gefällt.

Der KGB behielt alle Ausländer im Auge, vor allem Amerikaner und Briten. Die britische Gesandtschaft in Moskau wurde genau beobachtet. Die Briten waren am Südufer der Moskwa in einem prunkvollen Herrenhaus untergebracht, das ein reicher Zuckerhändler um das Jahr 1890 gebaut hatte. Von dort aus blickte man genau auf den Kreml. Es war ein malerischer Anblick: ein herrlicher Palast, goldene Kirchenkuppeln und von roten Sternen gekrönte mittelalterliche Turmspitzen.

Unter denen, die ständig beobachtet wurden, war ein 27-jähriger Diplomat, der zum ersten Mal ins Ausland entsandt worden war. Er war seit kurzem verheiratet (seine Frau hieß Laura) und arbeitete als Zweiter Sekretär in der Kanzlei.

In seinem Fall war der Verdacht des KGB begründet.

Dieser »Diplomat« war tatsächlich ein britischer Nachrichtendienstmitarbeiter. Sein Arbeitsplatz war prunkvoll: Kronleuchter, mit Mahagoniholz getäfelte Empfangszimmer, goldgerahmte Porträts der Queen und anderer Mitglieder der königlichen Familie an den Wänden. Sein Schreibtisch stand umgeben von alten Büchern in der Bibliothek der Botschaft. Außer ihm waren drei Kollegen in der Bibliothek untergebracht. Der Arbeitgeber des jungen Agenten war eine unsichtbare Organisation daheim in London: der SIS (Secret Intelligence Service), auch MI6 genannt.

Der Name des Agenten war Christopher Steele. Er hatte an der Universität Cambridge studiert und die übliche Route britischer Spione mit Karrierechancen eingeschlagen. Cambridge hatte im Kalten Krieg einige der besten MI6-Agenten hervorgebracht. Einige von ihnen nahmen, wie sich zur allgemeinen Betroffenheit herausstellte, Nebenjobs beim KGB an. Im MI6 kursierte der Witz, dass nur diejenigen, die nie in der Sowjetunion gewesen waren, überlaufen wollten.

Steele hatte Sozial- und Politikwissenschaften am Girton College studiert. Er hatte gemäßigt linke politische Ansichten. Er und seine ältere Schwester waren die ersten in ihrer Familie, die eine Universität besuchten. Steeles Großvater väterlicherseits stammte aus Pontypridd im Süden von Wales und war Bergmann gewesen; sein Großonkel war bei einem Grubenunglück gestorben. Es waren die Jahre der Regierung Thatcher, die unnachgiebig gegen die Bergarbeitergewerkschaften kämpfte und die britische Bergbauindustrie abwickelte. Steele schrieb für die Studentenzeitung Varsity. Er wurde Präsident der Cambridge Union, wo gut betuchte und gut vernetzte junge Damen und Herren über politische und gesellschaftliche Fragen debattierten.

Es ist unklar, wer ihn anwarb. Angeblich hielten bestimmte Lehrer in Cambridge Ausschau nach vielversprechenden SIS-Kandidaten. Aber wie auch immer Steele zum Geheimdienst kam: Er begann seine Karriere als Spion zum richtigen Zeitpunkt. Nach drei Jahren im MI6 wurde er im April 1990 kurz nach dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung des Ostblocks in die Sowjetunion entsandt.

Es war eine Zeit der Wirren, und Steele war mittendrin, als in Moskau Geschichte geschrieben wurde. Siebzig Jahre nach der bolschewistischen Revolution fiel das Rote Imperium in sich zusammen. Die baltischen Staaten erhoben sich gegen die sowjetische Herrschaft und errichteten parallel zum Machtzentrum in Moskau eigene nationale Regierungen. Die Bürger der russischen sozialistischen Republik machten in demokratischen Wahlen Boris Jelzin zum Präsidenten. Die Schlangen vor den Geschäften waren lang, Lebensmittel waren knapp.

Und es gab noch viel mehr zu erleben. Wie andere Ausländer besuchten die Steeles den Ismailowski-Flohmarkt bei einem Park, in dem einst Zar Alexej, Vater Peters des Großen, einen Modellbauernhof hatte bauen lassen. Auf dem Markt wurden lackierte Kästchen, Patchworkdecken, Pelzmützen und sowjetischer Kitsch angeboten. Steele erstand dort Samoware, Teppiche aus Zentralasien, eine Stalin-Maske aus Pappmaschee und für 150 Dollar ein Set von Schriftsteller-Puppen, die später sein Büro schmückten.

Große Teile der Sowjetunion waren Sperrgebiet für Diplomaten. Steele besuchte als »interner Reisender« der britischen Botschaft vor kurzem zugänglich gemachte Städte, darunter Samara, das im Zweiten Weltkrieg Sitz der sowjetischen Regierung gewesen war. Dort bekam er als erster Ausländer Stalins unterirdischen Bunker zu Gesicht. Statt Leninbüsten fand er dort verstaubte Porträts Peters des Großen und des zaristischen Feldmarschalls Michail Kutusow – was darauf hindeutete, dass Stalin dem Nationalismus Vorrang vor dem Marxismus gegeben hatte.

An den Wochenenden spielte Steele in einer Ausländermannschaft in einer russischen Amateurliga Fußball. In einem Spiel stand er dem legendären russischen Stürmer Oleg Blochin gegenüber, der vom Anstoßpunkt ein Tor erzielte.

Es herrschte Aufbruchsstimmung. Steele hatte den Eindruck, dass sich Russland in die richtige Richtung bewegte. Früher hatten die Bürger furchtbare Angst davor gehabt, mit einem Ausländer gesehen zu werden; jetzt waren sie gern bereit, mit ihm zu sprechen. Der KGB hingegen fand nichts Begrüßenswertes an den Reformen und daran, dass den Bürgern der Sowjetunion Freiheiten zugestanden wurden. Im August inszenierten sieben Apparatschiks einen Putsch, während der sowjetische Präsident Gorbatschow auf der Krim Urlaub machte.

Die meisten Mitarbeiter der britischen Botschaft waren an jenem Tag im Urlaub. Steele war zu Hause in seiner Wohnung im zweiten Stock eines Apartmenthauses am Grusinsky Pereulok. Er verließ das Haus und ging zu Fuß ins zehn Minuten entfernte Stadtzentrum. Vor dem Weißen Haus, dem Regierungssitz, hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Panzer waren aufgefahren, aber die Soldaten griffen nicht ein.

In fünfzig Metern Entfernung sah Steele einen weißhaarigen Mann im Anzug, der auf einen Panzer kletterte und von einem Zettel, der sich im Wind bog, eine Botschaft ablas. Er verurteilte den Putsch als menschenverachtend und illegal. Der Mann, der den Putschisten die Stirn bot, war Boris Jelzin. Er rief die Bevölkerung zu einem Generalstreik auf und forderte seine Anhänger mit geballter Faust auf, unnachgiebig zu bleiben.

Präsident Gorbatschow überstand den Putsch, aber seine Position war geschwächt. Die Verschwörer, die führende Mitglieder der Staatsführung und der Kommunistischen Partei waren, wurden verhaftet. Im Westen und insbesondere in Washington setzte sich die Überzeugung durch, die USA hätten den Kalten Krieg gewonnen. Nach einem jahrzehntelangen ideologischen Kampf hatte sich die freiheitliche Demokratie durchgesetzt. So schien es zumindest.

Steele wusste es besser. Drei Tage nach dem gescheiterten Putsch begann ihn der KGB wieder zu beobachten. Seine Kollegen in Ungarn und der Tschechoslowakei berichteten, dass die Geheimpolizei nach der Revolution verschwand und nie wieder auftauchte. In Moskau kam es anders: Die vertrauten Gesichter seiner Bewacher waren wieder da. Sie begannen wieder, ihn wie gewohnt zu belauschen, in seine Wohnung einzubrechen und ihn zu schikanieren.

Das Regime war jetzt ein anderes. Das System war dasselbe.

Als Steele Moskau im Jahr 1993 verließ, existierte die Sowjetunion bereits nicht mehr. An ihre Stelle war die Russische Föderation getreten, und den KGB gab es nicht mehr.

Allerdings hatten sich die Agenten des Geheimdiensts nicht in Luft aufgelöst. Es gab sie weiterhin, und sie hassten weiterhin die Vereinigten Staaten. Nun warteten sie auf den geeigneten Zeitpunkt, um wieder aktiv zu werden.

Zu den KGB-Spionen der mittleren Ebene, die überhaupt nicht glücklich über den Gang der Dinge waren, zählte ein Mann namens Wladimir Putin. Er hatte die Reformen Gorbatschows in der Zeit von Perestroika und Glasnost nur aus der ostdeutschen Provinz im fernen Dresden miterlebt. Nach seiner Heimkehr aus Deutschland hatte er begonnen, im neuen St. Petersburg an einer politischen Karriere zu basteln. Er trauerte der verlorenen Sowjetunion nach. In seinen Augen war ihr Zusammenbruch »die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts«.

Die Aufgaben des KGB hatte mittlerweile ein postkommunistischer Geheimdienst mit der Bezeichnung »Föderaler Sicherheitsdienst« (FSB) übernommen. Christopher Steele hatte unterdessen in London ein Büro im imposanten neuen Gebäude des MI6 bezogen, einem protzigen babylonischen Tempel an der Themse, den man kaum übersehen kann – was jedoch kein Problem ist, da die britische Regierung die Existenz des MI6 im Jahr 1994 eingeräumt hat. Die Mitarbeiter nannten die neue Zentrale nach ihrem Standort nur Vauxhall Cross. Der FSB sollte ein erbitterter Widersacher des MI6 werden.

Steele beschäftigte sich auch in London mit dem neuen Russland. Er war ehrgeizig und strebte nach Anerkennung. Er gehörte einem SIS-Team an.

Und er war vielleicht weniger vornehm als einige seiner Kollegen, die aus besseren Kreisen stammten. Steeles Vater Perris und seine Mutter Janet, die beide gebürtige Londoner waren, hatten sich an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz beim britischen Wetterdienst kennengelernt. Sein Vater erstellte Wettervorhersagen für das Militär und die Luftwaffe. Die Familie lebte zeitweilig auf Armeestützpunkten in Aden – wo Christopher geboren wurde –, auf den Shetlandinseln und zweimal auf Zypern.

Steele wurde nun Teil der kleinen Welt der Kreml-Spezialisten. Sie versammelten sich in Universitätsstädten wie Oxford zu Konferenzen und Seminaren, man knüpfte Kontakte, traf sich mit Emigranten und umgarnte sie. Im Jahr 1998 wurde Steele in die britische Botschaft in Paris versetzt. Er hatte mittlerweile zwei Söhne, und in Paris, wo Steele offiziell als »Erster Sekretär für Finanzen« geführt wurde, kam eine Tochter zur Welt.

Doch dann geriet seine Karriere ins Stocken. Im Jahr 1999 wurde eine Liste von MI6-Mitarbeitern im Internet veröffentlicht. Steeles Name stand auf dieser Liste. Er wurde neben Andrew Stafford und Geoffrey Tantum geführt: »Christopher David Steele, 90 Moskau, geboren 1964«. Sein zukünftiger Geschäftspartner Christopher Burrows wurde ebenfalls enttarnt. Burrows’ Eintrag lautete: »82 Ostberlin, 87 Bonn, 93 Athen, geboren 1958«.

Steele konnte nichts dafür, dass die Information durchgesickert war, aber der Leak hatte unangenehme Folgen für ihn. Als enttarnter britischer Agent konnte er nicht mehr nach Russland zurückkehren.

In Moskau arbeitete der KGB unterdessen an seiner Wiederauferstehung. Im Jahr 1998 wurde Putin FSB-Chef, bald darauf Ministerpräsident und im Jahr 2000 Präsident. Als Steele 2002 Paris verließ, hatte Putin seine Macht in Russland gefestigt. Die echte politische Opposition war weitgehend aus dem Parlament, dem öffentlichen Leben und den Abendnachrichten verdrängt worden.

Die Vorstellung, Russland werde sich langsam in eine Demokratie verwandeln oder die Geschichte werde enden (wie Francis Fukuyama erklärt hatte), hatte sich als letzte Illusion des 20. Jahrhunderts erwiesen. Der atomar bewaffnete traditionelle Gegner der USA steuerte nicht auf die Demokratie, sondern auf eine autoritäre Herrschaft zu.

George W. Bush und Tony Blair betrachteten Putin anfangs als respektablen Verbündeten im Krieg gegen den Terror. Doch der russische Führer gab den westlichen Regierungen Rätsel auf. Wie Steele besser als jeder andere wusste, war es schwierig, an Informationen aus dem Inneren des russischen Präsidentenpalastes heranzukommen.

Ein ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats der USA bezeichnete Putin als »Blackbox«: »Die Briten waren etwas besser aufgestellt als wir«, erklärt er. »Wir hatten nichts. Keine menschlichen Quellen.« Und da sich Amerikaner und Briten auf den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus konzentrierten, verlor Russland für ihre Geheimdienste an Interesse.

Im Jahr 2006 nahm Steele in London eine hochrangige Position in der Russlandabteilung des MI6 ein. Es gab bedrohliche Anzeichen dafür, dass Putins Russland außenpolitisch aggressiver wurde. Die Zahl feindlicher russischer Agenten in Großbritannien nahm zu und stieg sogar über das im Kalten Krieg erreichte Niveau. Steele erkannte, dass die Russen eine subversive Kampagne zur verdeckten Einflussnahme auf die britische Politik gestartet hatten.

Dann vergifteten zwei vom FSB geschickte Killer den Tee Alexander Litwinenkos mit einer winzigen Menge Polonium. Es war eine gewagte Operation – und ein Vorbote des künftigen Verhaltens der Russen. Der MI6 betraute Christopher Steele mit der Untersuchung des Falls. Ein Grund für diese Entscheidung war, dass Steele – anders als einige Kollegen, die das Opfer persönlich gekannt hatten – nicht emotional betroffen war. Er sah sich in seiner düsteren Einschätzung der Entwicklung in Russland bestätigt: Das Putin-Regime war nicht nur repressiv im Inneren, sondern verfolgte auf internationaler Ebene eine rücksichtslose revisionistische Politik. Steele informierte die britische Regierung. Einige Minister verstanden die Botschaft. Andere wollten nicht glauben, dass es russische Spione tatsächlich gewagt hatten, mitten in der britischen Hauptstadt ein Mordkomplott auszuführen.

Christopher Steele verbrachte 22 Jahre im britischen Geheimdienst. Er erlebte Höhepunkte – er betrachtete die Jahre in Moskau als seine Lehrzeit – und musste Rückschläge hinnehmen. Zwei der Diplomaten, mit denen er in Moskau ein Büro geteilt hatte – Tim Barrow und David Manning –, wurden Botschafter bei der EU und in den USA. Steele hingegen schaffte es im scharfen Wettbewerb im MI6 nicht nach ganz oben. Die Spionage mag wie ein aufregendes Metier wirken, aber das Beamtengehalt ist eher durchschnittlich. Und im Jahr 2009 erlebte Steele eine persönliche Tragödie: Seine Frau starb nach schwerer Krankheit im Alter von nur 43 Jahren.

Im selben Jahr schied Steele aus dem MI6 aus und gründete die Firma Orbis. Der Wechsel vom Staatsdienst in die Privatwirtschaft fiel ihm nicht leicht. Er und sein Geschäftspartner Christopher Burrows beschäftigten sich mit denselben nachrichtendienstlichen Fragen wie zuvor im MI6, nur dass sie jetzt auf die Unterstützung und Prüfung durch die Kollegen verzichten mussten: Beim MI6 wurde ein Mitarbeiter oft angewiesen, eine Quelle erneut zu konsultieren oder einen Bericht zu überarbeiten: »Das scheint uns interessant. Wir möchten mehr darüber wissen.« So wurde für Qualität und Objektivität gesorgt.

Steele und Burrows hingegen waren auf sich gestellt. Ihr Erfolg hing von ihrem Verstand ab. Eine interne Überprüfung der Erkenntnisse gab es nicht mehr. Ihre Klienten waren nun Unternehmen. Das bedeutete natürlich auch, dass sie besser bezahlt wurden.

Die schäbige Umgebung der Victoria Station war weit entfernt von Washington und dem erbittert geführten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Wie kam es, dass Christopher Steele mit der Untersuchung Trumps beauftragt wurde, an deren Ende die Veröffentlichung jenes vernichtenden Dossiers stand?

Zur selben Zeit, als sich Steele aus dem britischen Geheimdienst verabschiedete, stieg auch ein anderer Mann in das umkämpfte Geschäft mit der privaten Informationssammlung ein. Sein Name war Glenn Simpson.

Simpson, der früher Journalist gewesen war, war eine imposante Erscheinung: ein Bär von einem Mann, der ungemein umgänglich war, in einem gedehnten, nasalen Ton sprach und gern das eine oder andere Bierchen trank. Hinter den Gläsern seiner kleinen ovalen Brille blitzten intelligente Augen.

Simpson verstand sein Handwerk. Er war ein angesehener Korrespondent des Wall Street Journal gewesen und hatte sich in Washington und Brüssel auf den postsowjetischen Sumpf spezialisiert. Er sprach kein Russisch und reiste nicht in die Russische Föderation, was daran lag, dass das Land als zu gefährlich betrachtet wurde. Stattdessen untersuchte er das Schattenreich, in dem das organisierte Verbrechen und der russische Staat einander begegneten, von außerhalb. Oft war das eine nicht vom anderen zu trennen.

Eines von Simpsons Untersuchungsobjekten war Semjon Mogilewitsch, ein ukrainisch-russischer Mafiaboss, den das FBI auf seiner Liste der zehn meistgesuchten Kriminellen führte. Es wurde vermutet, dass Mogilewitsch hinter einem mysteriösen Mittlerunternehmen namens RosUkrEnergo (RUE) stand, das mit der Lieferung von sibirischem Erdgas an die Ukraine Milliarden verdiente.

Mogilewitsch war kein Mann, den ein Journalist um ein Interview bitten konnte: Er hatte größere Ähnlichkeit mit einem Mythos als mit einem Menschen aus Fleisch und Blut. Er lebte in Moskau … oder war es in Budapest? Anscheinend stand er unter dem Schutz des russischen Staats und des FSB. Simpson befragte amerikanische Ermittlungsbeamte und knüpfte im Lauf der Jahre ein Netz von Kontakten in Ländern wie Ungarn, Israel und Zypern. In den Vereinigten Staaten hatte er Ansprechpartner im Justizministerium (insbesondere in der Abteilung für organisiertes Verbrechen), im Finanzministerium und anderen Behörden.

Als die Medienbranche im Jahr 2009 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, entschloss Simpson sich, dem Journalismus den Rücken zu kehren und gemeinsam mit Partnern in Washington D. C. eine Firma zu gründen, die sich auf die Sammlung geschäftlicher und politischer Informationen spezialisieren würde. Sie erhielt den Namen Fusion GPS. Auf ihrer Website verriet die Firma wenig über ihre Tätigkeit und gab nicht einmal die Adresse des Lofts an, in dem ein Team von Analysten arbeitete.

Mit Fusion ging Simpson ähnlichen Aktivitäten nach wie zuvor als Journalist. Die Firma spürte schwierigen Korruptionsfällen oder den geschäftlichen Umtrieben postsowjetischer Figuren nach. Auch diese Recherchen waren von öffentlichem Interesse. Nur bezahlten diesmal private Klienten dafür. Fusion leistete sehr gute Arbeit – obwohl die Firma teuer war, wie Simpson einräumt.

Im Jahr 2009 lernte er Christopher Steele kennen. Die beiden Männer hatten gemeinsame Bekannte beim FBI und waren Russland-Experten. Fusion und Orbis gingen eine geschäftliche Partnerschaft ein. Die beiden in Washington beziehungsweise London ansässigen Firmen arbeiteten für Oligarchen, die Prozesse gegen andere Oligarchen führten. Zu ihren Aufgaben gehörte es, Kapitalströme zu verfolgen: Sie spürten riesige Summen auf, die hinter mehreren Schichten von Offshore-Unternehmen versteckt worden waren.

Im selben Jahr übernahm Steele einen heiklen Auftrag auf einem anderen Gebiet, auf dem er seine Kenntnis verdeckter Techniken des russischen Geheimdienstes nutzen konnte. Auftraggeber war der englische Fußballverband, die FA. England bemühte sich um die Ausrichtung der Fußball-WM 2018, und sein wichtigster Rivale war Russland. Dazu kamen gemeinsame Bewerbungen von Spanien und Portugal sowie den Niederlanden und Belgien. Steele sollte die anderen Bewerber untersuchen, insbesondere Russland.

Es ging das Gerücht, der FSB habe eine groß angelegte Operation gestartet, um die Abstimmung im Exekutivkomitee des Fußballweltverbands FIFA in Zürich zu beeinflussen. Neben der WM 2018 sollte auch das Turnier im Jahr 2022 vergeben werden. Einer der Bewerber war das Wüstenemirat Katar.

Nach Aussage von Steele unterstützte Putin die WM-Bewerbung Russlands nur widerstrebend und schaltete sich erst Mitte des Jahres 2010 ein, als sich die Anzeichen verdichteten, dass Russland den Zuschlag nicht erhalten würde. An diesem Punkt versammelte der Kreml-Chef eine Gruppe von Oligarchen um sich und wies sie an, alles zu tun, um Russland den Zuschlag zu sichern. Unter anderem sollten Abmachungen mit einzelnen FIFA-Funktionären getroffen werden.

Steele beschreibt Putins Vorgehen als beispiellos. »Nichts wurde schriftlich festgehalten. Erwarten Sie nicht, dass ich oder sonst irgendjemand ein Dokument vorlegen wird, in dem steht, dass X mit diesem und jenem Betrag Y bestechen soll. Putin ist auf der Hut. Er ist ein ehemaliger Geheimagent. Er sorgt dafür, dass alles was er tut, nachher geleugnet werden kann.« Die Oligarchen wurden eingebunden, um die federführende Rolle des Kreml zu verschleiern, erklärte Steele gegenüber der Sunday Times.

Im Fall der WM-Vergabe »zündete Steele die Lunte« einer größeren Bombe, wie es einer seiner Freunde ausdrückt.

Er entdeckte, dass die Korruption in der FIFA global war. Es war eine verblüffende Verschwörung. Steele rang sich zu dem ungewöhnlichen Schritt durch, den in Rom stationierten Leiter der Eurasien-Abteilung des FBI zu informieren. Daraufhin leiteten die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden eine Untersuchung ein. Im Jahr 2015 wurden sieben FIFA-Funktionäre verhaftet, denen die Entgegennahme von Provisionen in Höhe von 150 Millionen Dollar bei der Vergabe von Fernsehrechten in Lateinamerika und der Karibik vorgeworfen wurde. Die USA leiteten Strafverfahren gegen 14 Personen ein.

Natürlich hatte Russland zu diesem Zeitpunkt bereits den Zuschlag für die WM erhalten. England, das Mutterland des Fußballs, hatte bei der Abstimmung gerade einmal zwei Stimmen bekommen.

Seine Nachforschungen festigten Steeles Ruf in der amerikanischen Nachrichtendienstgemeinde und beim FBI. Er war ein Profi, ein Brite mit guten Verbindungen, der die russische Spionage verstand und ihre subversiven Tricks kannte. Steele wurde als glaubwürdig eingestuft.

In den Jahren 2014 bis 2016 verfasste Steele mehr als hundert Berichte über Russland und die Ukraine. Diese Berichte waren für einen privaten Klienten bestimmt, wurden jedoch auch vom State Department mit großem Interesse verfolgt und an Außenminister John Kerry und Staatssekretärin Victoria Nuland weitergeleitet, die für die Koordinierung des amerikanischen Vorgehens in der Ukrainekrise verantwortlich war. Unter den vertraulichen Informanten Steeles in dieser Sache waren viele, die ihm später auch Informationen über Trump lieferten.

Ein Diplomat im Außenministerium unter Obama erklärt, er habe Dutzende Berichte Steeles über Russland gelesen. In seinen Augen war Steeles Russland-Expertise »der der CIA und anderer Dienste ebenbürtig«.

Steeles berufliches Ansehen in den amerikanischen Nachrichtendiensten sollte noch bedeutsam werden, als er eine weitere beunruhigende Entdeckung machte und erneut die »Lunte zündete«.

Trumps unaufhaltsamer politischer Aufstieg im Herbst 2015 und in den ersten Monaten des Jahres 2016 verlief rasant. Der Kandidat war eine menschliche Abrissbirne, die alles zertrümmerte, was ihr im Weg stand, darunter das Establishment der Republikanischen Partei, das in Schockstarre verharrte. Marco Rubio, Jeb Bush, Ted Cruz: Alle parteiinternen Konkurrenten wurden aus dem Weg geräumt, mit Spott überhäuft, zermalmt. Skandale, die jeden normalen Präsidentschaftskandidaten zu Fall gebracht hatten, machten Trump nur stärker. Die Medien waren begeistert von dem Theater. Und dasselbe galt für eine wachsende Zahl von Wählern.

Würde es jemandem gelingen, ihn aufzuhalten?

Der aussichtsreichste republikanische Kandidat war Jeb Bush, Sohn eines US-Präsidenten und Bruder eines anderen. Aber als der parteiinterne Wahlkampf in seine heiße Phase eintrat, geriet Bush ins Straucheln. Trump qualifizierte den ehemaligen Gouverneur von Florida als »Mann von geringer Energie« ab. Während die republikanischen Vorwahlen liefen, gab einer von Trumps wohlhabenden Gegnern, Paul Singer, bei Fusion GPS Nachforschungen über Trump in Auftrag. Singer war ein New Yorker Hedgefonds-Milliardär, der den Republikanern Geld spendete und hinter der konservativen Website The Washington Free Beacon stand. Singer stieg aus, als klar wurde, dass Bush Trumps Nominierung nicht verhindern konnte. Nun stiegen hochrangige Demokraten, die Hillary Clinton unterstützten, als Auftraggeber der Untersuchung ein. Der neue Klient von Fusion war das demokratische Führungsorgan, das Democratic National Committee (DNC). Ein Anwalt aus Clintons Wahlkampfteam, Marc E. Elias, beauftragte Fusion und erhielt fortan die Berichte.

Die Welt der privaten Nachforschungen ist eine moralische Grauzone, eine Art freier Markt für Schmutz. Die Informationen über Trump halfen den Republikanern nicht mehr, aber Trumps nächste Gegner, die Demokraten, durften noch hoffen, Kapital daraus schlagen zu können.

Kurz vor diesem Wechsel trat Simpson im Frühjahr 2016 an seinen Freund und Kollegen Christopher Steele heran. Steele machte sich auf, Paul Manafort, Trumps neuen Wahlkampfleiter, zu durchleuchten. Von April an untersuchte Steele Trump im Auftrag des DNC, des anonymen Klienten von Fusion. Steele wusste zunächst nur, dass es sich um einen Anwaltskanzlei handelte. Er hatte keine Ahnung, was er finden würde. Später erzählte er David Corn, dem Hauptstadtredakteur des Magazins Mother Jones: »Es begann als allgemeine Nachforschung.« Trumps Unternehmen besaß Luxushotels in aller Welt, und bereits im Jahr 1987 hatte er versucht, in Russland ins Geschäft zu kommen.

Daher lag für Steele eine Frage nahe: Unterhielt Trump geschäftliche Verbindungen zu Russland?

Im Lauf der Zeit hatte Steele ein Netz von Informanten geknüpft. Er behielt seine Quellen für sich: Ihre Identität würde er nie preisgeben. Jeder war eine mögliche Quelle. Sie konnte eine prominente Person sein, zum Beispiel ein bekannter Vertreter einer ausländischen Regierung oder ein Diplomat mit Zugang zu geheimem Material. Oder es konnte eine unscheinbare Person sein, vielleicht ein Zimmermädchen, das in einem Fünf-Sterne-Hotel die Penthouse-Suite reinigte und die Abfalleimer leerte.

Ein Geheimagent befragt seine Informanten normalerweise selbst. Da Steele nicht mehr nach Russland reisen konnte, mussten andere das Debriefing übernehmen; ansonsten blieb nur die Möglichkeit, sich in einem Drittland mit dem Informanten zu treffen. Steele arbeitete mit Mittelsmännern, nachrangigen Informanten, Agenten – es war eine empfindliche Informationskette. Nur einer seiner Informanten über Trumps Russland-Verbindungen wusste, wer Christopher Steele war.

Steele setzte seine Nachforschungsmaschine in Gang, um mehr über Trump und Russland in Erfahrung zu bringen. Er wartete auf Antwort, und seine Quellen begannen zu sprudeln. Die Informationen waren verblüffend, ja sogar »haarsträubend«. Freunden gegenüber erklärte Steele: »Das hier ändert das Leben von jedem, der es liest.«

Er war über eine Verschwörung gestolpert, die weit vorangeschritten war und alles in den Schatten stellte, was er über Litwinenko oder die FIFA herausgefunden hatte. Dies hier war das bisher kühnste Vorhaben. Im Mittelpunkt standen der Kreml und Donald Trump. Steeles Quellen behaupteten, die Beziehung bestehe schon seit langem. Der russische Geheimdienst unterhalte seit mindestens fünf Jahren eine geheime Verbindung zu Trump. Die Operation laufe besser, als sich die Leute im Kreml in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatten. Trump hatte nicht nur die amerikanische Politik auf den Kopf gestellt, überall, wo er hinkam, Chaos und Verwirrung gestiftet und sich die Nominierung gesichert: Es bestand tatsächlich die Möglichkeit, dass er der nächste Präsident werden würde.

Nun eröffneten sich Wladimir Putin zahlreiche verlockende Möglichkeiten.

Im Juni 2016 schrieb Steele seinen ersten Bericht und schickte ihn in einer verschlüsselten E-Mail an Fusion.

Die Überschrift lautete: »Amerikanische Präsidentenwahl: Aktivitäten des republikanischen Kandidaten Donald Trump in Russland und seine kompromittierende Beziehung zum Kreml«.

Hier der Wortlaut:

Zusammenfassung

Das russische Regime bemüht sich seit mindestens 5 Jahren um TRUMP und fördert und unterstützt ihn. Das von PUTIN abgesegnete Ziel ist eine Spaltung des westlichen Bündnisses.Bisher hat TRUMP mehrere vorteilhafte Immobiliengeschäfte abgelehnt, die ihm in Russland angeboten wurden, um ihn enger an den Kreml zu binden. Er und sein engster Kreis haben jedoch die regelmäßige Versorgung mit Geheimdienstinformationen aus dem Kreml angenommen, darunter Informationen über demokratische Politiker und andere politische Gegner.Ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes behauptet, der FSB habe Trump durch seine Aktivitäten in Moskau ausreichend kompromittiert, um ihn erpressen zu können. Aus verschiedenen gut informierten Quellen verlautet, zu seinen Aktivitäten in Moskau hätten perverse sexuelle Akte gezählt, die vom FSB arrangiert und überwacht wurden.Die russischen Nachrichtendienste haben über viele Jahre ein Dossier mit kompromittierendem Material über Hillary CLINTON erstellt, das kein Fehlverhalten, sondern in erster Linie abgehörte Gespräche bei verschiedenen Besuchen in Russland sowie abgefangene Telefongespräche enthält. Für das Dossier ist der Kreml-Sprecher PESKOW verantwortlich, der seine Anweisungen direkt von PUTIN erhält. Es wurde jedoch noch nicht ins Ausland weitergeleitet, auch nicht an TRUMP. Es ist nicht klar, welchen Gebrauch die Russen davon machen wollen.

Der Bericht war sensationell. Zwischen Juni und Anfang November 2016 sollten 16 weitere folgen. Anfangs funktionierte die Informationsbeschaffung in Moskau gut. Etwa sechs Monate lang – im ersten Halbjahr 2016 – stieß Steele bei seinen Nachforschungen in Russland kaum auf Hindernisse. Aber als Trumps Verbindungen zum Kreml im Juli ans Licht kamen, wurde die Arbeit schwieriger. Und schließlich gingen die Lichter aus. Die Informanten verstummten, die Informationskanäle wurden geschlossen. Der Kreml begann seine Aktivitäten zu verschleiern.

Wenn Steeles Berichte zutrafen, arbeitete Trump insgeheim mit Russland zusammen. Es war ein für beide Seiten vorteilhaftes Geschäft. Steele hatte herausgefunden, dass Trump »mehrere einträgliche Immobilienentwicklungsdeals in Russland« ausgeschlagen hatte, insbesondere in Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft, die im Sommer 2018 in Russland stattfinden wird. Aber er hatte bereitwillig nachrichtendienstliches Material aus dem Kreml akzeptiert, das ihm anscheinend über Personen in seinem engsten Beraterkreis zugespielt worden war. Das bedeutete nicht unbedingt, dass der Kandidat ein russischer Agent war. Aber es bedeutete, dass sich der führende russische Geheimdienst sehr bemüht hatte, eine enge Beziehung zu Trump und damit auch zu seiner Familie und seinen Freunden, Mitarbeitern und Geschäftspartnern und nicht zuletzt zu seinem Wahlkampfmanager und seinem persönlicher Rechtsberater zu knüpfen.

Am Vorabend der folgenreichsten Präsidentschaftswahl seit Generationen war einer der beiden Kandidaten kompromittiert, wenn die Angaben von Steeles Quellen stimmten. In dem Bericht hieß es, Trump habe ungewöhnliche sexuelle Vorlieben. Damit war er erpressbar.

Steeles Informanten lieferten schlüpfrige Details. Anscheinend hatte der russische Geheimdienst während eines Moskau-Besuchs von Trump im Jahr 2013 ein Unterhaltungsprogramm organisiert, um die »persönlichen Obsessionen und sexuellen Perversionen« des amerikanischen Gasts auszunutzen. Angeblich war die Operation ein Erfolg gewesen. Der Immobilienmagnat hatte Quartier in der Präsidentensuite im Ritz-Carlton bezogen, die, das wusste er, auch »Präsident OBAMA und seine Gattin (die er hasste) bei einem ihrer Staatsbesuche in Russland genutzt hatten«.

Dort hatte Trump das Bett, in dem die Obamas geschlafen hatten, gezielt »geschändet«. Mehrere Prostituierte hatten »vor seinen Augen eine ›goldene Dusche‹ aufgeführt (uriniert)«. In dem Bericht hieß es: »Es ist bekannt, dass das Hotel vom FSB kontrolliert wird. In den wichtigsten Zimmern wird mit Mikrophonen und versteckten Kameras alles aufgenommen, was den FSB interessiert.«

Die angebliche Verschwörung, die von Trump natürlich kategorisch verneint wurde, hatte eine weitere faszinierende Dimension. Steeles Informanten behaupteten, Mitarbeiter Trumps hätten sich in Mitteleuropa, Moskau und anderswo mehrfach heimlich mit russischen Spionen getroffen. Die Russen verstanden ihr Handwerk sehr gut. Gab es trotzdem möglicherweise eine Spur, die später zurückverfolgt werden konnte?

Steeles Quellen lieferten eine weitere vernichtende Information. Sie erklärten, Trumps Team habe sich gemeinsam mit den Russen über die Hacking-Operation gegen Clinton abgestimmt. Und die Amerikaner hätten sich heimlich an den Kosten der Operation beteiligt.

Steele hielt seine Erkenntnisse in dem Stil fest, den er sich beim MI6 angewöhnt hatte. Die Memos lesen sich wie Geheimdienstberichte des SIS. Sie sind mit dem Zusatz »VERTRAULICH/EMPFINDLICHE QUELLE« gekennzeichnet. Die Namen wichtiger Personen sind in Großbuchstaben geschrieben: TRUMP, PUTIN, CLINTON. Die Berichte beginnen mit einer Zusammenfassung, die Kernaussagen werden mit Detailinformationen belegt. Die Quellen werden nicht namentlich genannt, sondern nur allgemein charakterisiert: So gibt es »eine hochrangige Figur im russischen Außenministerium« oder »einen ehemaligen hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter, der weiterhin im Kreml tätig ist«. Die Informanten wurden lediglich in alphabetischer Reihenfolge mit Buchstaben gekennzeichnet, beginnend mit A.

Wie sicher konnte Steele sein, dass die Angaben seiner Informanten korrekt waren und dass er nicht Opfer einer Desinformationskampagne geworden war? Die Frage war von größter Bedeutung, denn die Angelegenheit war so gravierend, explosiv und weitreichend wie kaum eine andere.

Spione und ehemalige Spione wissen, dass die Welt der Geheimdienste nicht binär ist. Es gibt Abstufungen des Wahrheitsgehalts. Ein typischer Geheimdienstbericht enthält Aussagen wie »mit hoher Wahrscheinlichkeit«. Die Informationen können fehlerhaft sein, weil die Menschen unzuverlässige Quellen sind. Sie vergessen Dinge. Sie verstehen Dinge falsch.

Einer von Steeles ehemaligen Kollegen in Vauxhall Cross vergleicht die Nachrichtendienstarbeit mit der Darstellung feiner Schattierungen. Nichts in dieser zwielichtigen Welt sei schwarz oder weiß, vielmehr habe man es mit einer Palette gedämpfter Grau- und Sepiatöne zu tun. Man könne die Schattierung optimistischer oder pessimistischer betrachten. Steele war normalerweise eher optimistisch.

Steele verteidigt die Glaubwürdigkeit seiner Erkenntnisse leidenschaftlich. Einer seiner Freunde beschreibt ihn als nüchtern, vorsichtig, angesehen, professionell und konservativ: »Er gehört nicht zu den Leuten, die Klatsch weitergeben. Wenn er etwas in einen Bericht schreibt, ist er überzeugt, dass die Information stichhaltig ist.« Die Vorstellung, Steeles Berichte seien gefälscht, stümperhaft oder von politischer Voreingenommenheit motiviert, sei vollkommen falsch.

Steele hat Freunden gegenüber erklärt, er habe sein Dossier anhand professioneller Methoden sorgfältig zusammengestellt. Bedeutsam ist in seinen Augen, dass die Informationen aus Quellen stammen, die sich in anderen Fällen als zuverlässig erwiesen haben. Bei der Beurteilung von Quellen muss man bestimmte Kriterien anwenden: Wie zutreffend waren die Angaben einer Person in der Vergangenheit, ist diese Person glaubwürdig, welche Motive hat sie?

Steele räumt ein, dass keine nachrichtendienstliche Information zu 100 Prozent zutreffend ist. Wie Freunde Steeles berichten, ist sein Trump-Dossier zu 70 bis 90 Prozent zutreffend. Im Lauf der Jahre hat Orbis im Auftrag von privaten Klienten und anderen Auftraggebern ungezählte Berichte über Russland erstellt. Ein Großteil der darin enthaltenen Angaben ist verifiziert oder »durch die Geschehnisse bestätigt« worden. Und Steele erklärt: »Ich beschäftige mich seit dreißig Jahren mit diesem Land. Warum sollte ich diese Dinge erfinden?«

Fest steht, dass andere seine alarmierenden Entdeckungen bestätigten.

Das wie eine Trutzburg wirkende Gebäude, das im Zentrum eine Aussparung hat – daher sein Spitzname »Doughnut« – und von einem Sicherheitszaun umgeben ist, steht in der englischen Ortschaft Cheltenham. Was dort geschieht, ist geheim – obwohl der gewaltige Umfang seiner Aufgaben dank Edward Snowden mittlerweile besser bekannt ist.

Der Doughnut ist ein Zentrum der nachrichtendienstlichen Informationssammlung und beherbergt das Government Communications Headquarters (GCHQ), die britische Abhörbehörde. Im Jahr 2013 enthüllte Edward Snowden, dass das GCHQ in der Lage ist, den Großteil des Internetverkehrs aufzusaugen: E-Mail-Verkehr, Browserchroniken, Textmitteilungen und andere Daten werden milliardenfach aus den Glasfaserkabeln gestohlen oder im Mobilfunkverkehr abgefangen.

Snowdens Leak hat auch gezeigt, dass das GCHQ eng mit der amerikanischen Nationalen Sicherheitsagentur zusammenarbeitet, der NSA. Es ist praktisch unmöglich, eine Trennlinie zwischen den beiden Behörden zu ziehen. Sie sind Teil der angloamerikanischen Nachrichtendienstallianz Five Eyes, der neben den USA und Großbritannien auch Kanada, Neuseeland und Australien angehören. Gemeinsam können die Geheimdienste der fünf Länder den gesamten Planeten überwachen.

Ihre Ziele können Kommandeure der Taliban in Afghanistan, die iranische Führung oder der stalinistische Einsiedlerstaat Nordkorea sein. Das GCHQ hört regelmäßig die Gespräche bekannter oder vermutlicher ausländischer Spione in Großbritannien und Kontinentaleuropa ab, insbesondere die Unterhaltungen russischer Agenten.

Ende 2015 sammelte das GCHQ wie gewohnt Daten über bekannte russische Ziele. Die Briten hörten nichts Ungewöhnliches – wenn man davon absieht, dass sich die Russen mit Leuten unterhielten, die sich im Dunstkreis von Donald Trump bewegten. Was genau besprochen wurde, ist bisher nicht bekannt gegeben worden.

Nach Angabe amerikanischer und britischer Quellen war ein verdächtiges Muster in diesen Kontakten zu erkennen. Sie dauerten bis Mitte des Jahres 2016 an. Die Briten gaben ihre Erkenntnisse im Rahmen des üblichen Informationsaustauschs an die Amerikaner weiter. Auch andere befreundete Nachrichtendienste lieferten elektronisches Material über Kontakte Trumps zum Kreml. Nach Aussage einer Quelle waren unter den Ländern, die Informationen über diese Kontakte bereitstellten, Deutschland, Estland, Schweden, Polen und Australien. Eine weitere Quelle erklärt, auch der niederländische und der französische Nachrichtendienst (die Direction Générale de la Sécurité Extérieure, DGSE) hätten Beiträge geleistet.

Das FBI und die CIA brauchten eine Weile, um zu begreifen, welches Ausmaß diese Kontakte zwischen Trumps Team und dem Kreml angenommen hatten. Zum Teil lag das an institutioneller Pingeligkeit – amerikanischen Behörden ist es gesetzlich untersagt, private Mitteilungen amerikanischer Bürger ohne richterliche Anordnung auszuwerten.

Die durch elektronische Aufklärung gesammelten Daten deuteten darauf hin, dass Steele die Wahrheit sagte. Nach Aussage einer Quelle in Washington mir gegenüber hatte es den Anschein, als »schliefen« die amerikanischen Nachrichtendienste: »Der deutsche BND, die Niederländer, die DGSE, der SIS sagten alle dasselbe: ›Wacht auf! Da stimmt etwas nicht!‹«

In jenem Sommer flog GCHQ-Chef Robert Hannigan in die Vereinigten Staaten, um CIA-Chef John Brennan persönlich zu unterrichten. Die Angelegenheit schien so wichtig, dass sie auf »Direktorenebene« behandelt wurde: unter vier Augen zwischen den beiden Nachrichtendienstleitern. James Clapper, der Nationale Geheimdienstdirektor der USA, bestätigte später den Informationsfluss aus Europa, lehnte es jedoch ab, Einzelheiten zu nennen. »Es ist eine heikle Frage«, sagte er.

Nach einigem Zögern beschloss CIA-Chef Brennan, die vom GCHQ angebotene Information und die Hinweise anderer befreundeter Nachrichtendienste zu nutzen und eine umfassende behördenübergreifende Untersuchung einzuleiten.

Unterdessen erhielt das FBI verstörende Warnungen aus einer anderen Richtung. Die Quelle war Steele.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Erkenntnisse, die Steele im Auftrag von Fusion gesammelt hatte, noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Wie auch immer die Präsidentschaftswahl ausgehen würde, die Vorgänge warfen beunruhigende Fragen zur Einmischung des Kreml in den demokratischen Prozess der Vereinigten Staaten auf. Steele war der Meinung, dass seine Ergebnisse im öffentlichen Interesse unbedingt an die amerikanischen Ermittlungsbehörden weitergeleitet werden müssten. Die verschiedenen amerikanischen Nachrichtendienste besaßen die Mittel, um seine Entdeckungen zu belegen – oder zu widerlegen. Er begriff, dass diese Vorwürfe »eine radioaktive heiße Kartoffel« waren, wie er es im Gespräch mit einem Freund ausdrückte, und ging davon aus, dass die Nachrichtendienste zumindest anfangs zögernd reagieren würden.

Im Juni flog Steele nach Rom, um seinen Kontaktmann beim FBI zu informieren, mit dem er im Fall der FIFA zusammengearbeitet hatte. Seine Erkenntnisse wurden an die Zentrale in Washington weitergeleitet. Zweifellos war die Leitung des FBI Ende Juli im Bild, als die Website WikiLeaks zeitgleich mit dem Parteikonvent der Demokraten begann, gehackte E-Mails demokratischer Politiker zu veröffentlichen. In diesem Augenblick gab FBI-Chef James Comey grünes Licht für eine förmliche Untersuchung der Verbindungen zwischen Trump und dem Kreml.

Im September war Steele erneut in Rom. Diesmal erstattete er einem Team von FBI-Agenten Bericht. Das FBI reagierte »geschockt und entsetzt«, erinnert sich Steele. Einige Wochen später wurde er aufgefordert zu erklären, wie seine Berichte entstanden waren. Er sollte Hintergrundinformationen über seine Quellen liefern und von nun an Kopien aller Berichte übermitteln.

Steele hatte auf eine gründliche und entschlossene Untersuchung des FBI gehofft. Aber die Behörde ging sehr vorsichtig vor und führte ihre Ermittlungen in aller Stille durch. Seine Ansprechpartner beim FBI teilten ihm mit, die Behörde könne nicht intervenieren oder mit Material an die Öffentlichkeit gehen, das einen Präsidentschaftskandidaten betraf. Dann verstummten sie. Steele war frustriert. Da entschloss sich Steeles Auftraggeber Simpson, einen anderen Weg zu gehen.

Etwas später im September traf sich Steele mit mehreren Journalisten, um nicht für die Veröffentlichung bestimmte Informationen mit ihnen zu teilen. Unter den Medien, mit denen er sprach, waren die New York Times, die Washington Post, Yahoo! News, der New Yorker und CNN. Mitte Oktober traf er sich in New York erneut mit Journalisten. Dann gab Comey bekannt, dass seine Behörde Clintons Verwendung eines privaten E-Mail-Servers erneut untersuchen werde. An diesem Punkt zerbrach Steeles Beziehung zum FBI. Die Erklärung, die die Behörde für ihr Schweigen zu Trumps Russland-Kontakten gegeben hatte, wirkte nun falsch. Ende Oktober sprach Steele über Skype mit David Corn von Mother Jones.

Die Geschichte sei von »größter Bedeutung« und gehe »deutlich über die Parteipolitik hinaus«, eröffnete Steele seinem Gesprächspartner. Er glaube, auch die Republikaner »sollten sich damit beschäftigen«. Über sein persönliches Ansehen sagte Steele: »Mit meinen beruflichen Leistungen muss ich mich vor niemandem verstecken.« Er gab zu, dass seine Berichte unvollständig waren, aber er war sehr besorgt über die Auswirkungen der Vorwürfe. »Die Geschichte muss raus«, sagte er zu Corn.

Corn schrieb am 31. Oktober über das Dossier. Dies war das erste Mal, dass die Öffentlichkeit von seiner Existenz erfuhr. Gleichzeitig erschien in der New York Times ein Artikel, in dem es hieß, das FBI habe keine »zweifelsfreien Beweise für eine direkte Verbindung« zwischen Trump und russischen Regierungsvertretern gefunden.

Zu diesem Zeitpunkt war Steele der Öffentlichkeit noch vollkommen unbekannt, er war ein Gespenst. Aber die Botschaft dieses Gespenstes machte rasch im Kapitol und in den Washingtoner Geheimdienstzentralen die Runde und verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Redaktionen und Denkfabriken.

Die demokratischen Senatoren, die von Steeles Erkenntnissen erfuhren, waren der Verzweiflung nahe: Das