Unas Traumwald und ihr Wolf - Urd Pfau - ebook

Unas Traumwald und ihr Wolf ebook

Urd Pfau

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Opis

Una lebt allein mit ihrer Großmutter in einem Forsthaus im Wald. Es ist die Zeit nach dem großen Krieg und sie haben nur wenig, doch dafür hat Una alle Freiheiten, die sie sich nur wünschen kann. Sie erlebt den Wald, den Bach und die Seen, ist eins mit der Natur und lernt alle Tiere kennen - mit einigen kann sie sogar sprechen. Doch nicht immer ist alles perfekt in dieser Welt: Der Fuchs will die Puten fressen, und als Una einen magischen Traum hat und einen Blick in ihre Zukunft werfen kann, sieht sie neben Licht auch Schatten. Doch das ist das echte Leben! Ein ganz besonderes Märchen für große und kleine Leserinnen und Leser.

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EPUB

Liczba stron: 70




Inhaltsverzeichnis

Impressum

Rotröckchen

Putentochter

Weißhäutchen

Feenkind

Abschied vom Traumwald

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2018 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-95840-523-3

ISBN e-book: 978-3-95840-524-0

Lektorat: Stefanie Krüger

Umschlagfoto: Urd Pfau

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag

Innenabbildungen: Urd Pfau

www.novumverlag.com

Rotröckchen

Es war einmal ein großer Wald. Er wuchs dort schon viele hundert Jahre. Die ganz alten Eichen wussten es genau, und auch die jüngeren Tannen und Buchen konnten von Stürmen und dem großen Krieg erzählen, die über sie hinweggefegt waren.

Der Rand des Waldes war gesäumt von dunklen Seen und bunten Wiesen. Durch das Tal floss ein schneller kalter Bach, der unentwegt die gleiche Melodie sang. Es war das Lied seiner Kindheit und seiner Jugend, von der Quelle bis eben zu jener Stelle, wo er am Forsthaus vorbeikam. Denn da lebte die alte Großmutter mit ihrer Enkelin, die man nur Rotröckchen nannte, weil sie stets ein rotes Röckchen trug.

„Damit die Jäger dich vom Wild unterscheiden können, wenn du in den Wald gehst“, erklärte die Großmutter. Deshalb trug die Kleine jahrein und jahraus ein rotes Kleid, das weithin leuchtete.

Rotröckchen half der Großmutter beim Beerensammeln und bei der Bestellung der Hauswirtschaft, es hütete die Puten, die sich ihr Futter selbst auf den Wiesen suchten. Oft saß es träumend am See auf einem Baum, der weit ins Wasser hinausgewachsen war, und dessen Blätter sich auf der Oberfläche widerspiegelten. Vor allem, wenn die Sonne schien und keine Wolke und kein Windchen den klaren Wasserspiegel trübten.

In klaren Nächten sah man die silberne Mondscheibe auf dem Grunde des Sees und ringsum auf dem Uferweg versammelten sich dann die Wölfe, um gemeinsam ein langgezogenes Heulen anzustimmen. Das war das Mondgebet, das sie seit eisgrauen Zeiten in hellen Mondnächten beteten.

„Wölfe sind gefährlich, sie sind Bestien“, sprach die Großmutter, denn sie wusste es genau. Sie hatte es aus einer Geschichte, bei der ein Wolf ein kleines Mädchen und dessen Großmutter gefressen hatte. Aber selbst erlebt hatte die Großmutter auch noch keine Schandtat des Isegrims. Noch nie hatte ein Huhn im Stall gefehlt oder war ein Schaf auf der Wiese gerissen worden, solange sie in der Einöde lebte.

***

Es war ein Spätsommertag in der Mittagshitze, als die Kleine auf ihrem Baum saß und den bunten Libellen zusah, die lieblich und leicht ihren Reigen über dem Wasser tanzten.

Es war so still, dass man ein Blatt fallen hören konnte. Einen Steinwurf weg saß Mutter Wolf mit einem ihrer Kinder im Schatten des Ufergebüschs und hielt Mittagsruhe.

„Piff, paff“, ertönte es, dann war Stille – ein Stöhnen. Der Körper der Wölfin fiel tot ins Schilf nieder, und das Wasser wurde blutrot.

„Piff, paff“, knallte es noch einmal und ganze Scharen von Vögeln flatterten aus dem Gebüsch auf. Näher und lauter erschallte Hundegekläff. Es war der Jäger, der der Wölfin aufgelauert hatte. Das war ein Schreck für das kleine Rotröckchen. Es sprang vom Baum zu der Stelle, wo die Wölfin gelegen hatte. Das kleine Wölfchen, wo war es nur? Es lag da im Gras neben der toten Mutter. Blut rann ihm aus einer großen Wunde in der Brust und färbte das Gras. Es schien noch zu atmen.

Rotröckchen beugte sich nieder, und schnell entschlossen faltete es sein Röckchen auseinander, hob das verletzte Tier hinein und schlug den Stoff übereinander. Im selben Augenblick stand der große Hund des Jägers dicht neben ihr. Die Zunge hing ihm lang aus dem Maul, und der Speichel floss von seinen Lefzen. Er stieß mit seiner Schnauze gegen das Mädchen und zeigte seine scharfen Zähne. Dann sprang er wild an Rotröckchen hoch, denn ein scharfer Wild- und Blutgeruch stieg ihm in die Nase.

„Aus! Platz! Streuner!“, befahl Rotröckchen, denn es kannte den Hund des Jägers wohl.

„Was hast du in deiner Schürze? Sie ist feucht, als ob Blut aus ihr tropfte“, fragte der Jäger.

„Es sind Himbeeren, ich habe Beeren gepflückt und hatte keine Kanne“, stammelte Rotröckchen.

„Geh nach Hause“, brummte der Jäger, „ein gefährlicher Wolf treibt sich hier in der Nähe herum“.

Und damit zogen der Hund und der Jäger weiter.

„Gott sei Dank“, hauchte Rotröckchen, und dann lief es, so schnell es konnte mit dem Wölfchen im Kleid dem Forsthaus zu, zur Großmutter.

„Das ist ein Wolf!“, rief die Großmutter, als das Mädchen das kleine Tier aus dem Röckchen wickelte. Das sah sie gleich, auch ohne Brille.

„Das ist ein Kind“, sagte Rotröckchen, „so wie ich“.

Die Großmutter besah sich die Verletzung, wiegte den Kopf und beharrte: „Und es ist doch ein Wolf!“

Aber dann, weiß der Himmel, was sie dachte, wurde sie emsig. Sie holte eine große Nadel und einen festen Zwirn, kochte das Gerät aus, säuberte die Wunde des Wolfes und nähte sie mit flinken Stichen zu.

Das Wölfchen atmete jetzt heftiger und stöhnte leise unter den Stichen, ließ aber alles mit sich geschehen, so, als ob es wüsste, dass dies alles nur zu seiner Rettung geschah. Ein Korb wurde herbei geschafft mit einer weichen Decke, und da hinein wurde das Wolfskind gelegt. Stumm und mit ängstlicher Erwartung hielt Rotröckchen die Wache am Krankenbett bis tief in die Nacht, bis ihm die Augen vor Müdigkeit von selbst zufielen und es neben dem Körbchen auf der Bank einschlief.

Am Morgen wiederholte die Großmutter: „Das ist ein Wolf!“ Dann fügte sie nachdenklich hinzu: „Aber er wird wieder gesund“, und das war ihr nun das Allerwichtigste auf der Welt.

Das Wolfskind brauchte Nahrung. Rotröckchen holte Haferflocken aus dem großen alten Küchenschrank und bereitete daraus einen Brei, der mit Honig gesüßt wurde. Das war köstliche Nahrung für das kranke Wölfchen. Es schlug die Augen zu Rotröckchen auf und leckte ihm dankbar die Hände.

Die folgenden Nächte waren unruhig, weil Stürme aufzogen. Draußen um das Forsthaus schienen Schatten zu huschen, die die Stille im Wald unheimlich werden ließen.

„Das sind die Wölfe“, betonte die Großmutter, „sie werden sich rächen, und zuerst werden sie mich und dann dich fressen.“ So wenigstens kannte sie das aus der Geschichte, die sie einmal gelesen hatte.

Das Wölfchen genas von den schweren Verletzungen durch die Kugel des Jägers. Nach einer Woche wurden die Fäden gezogen, das war schmerzhaft. Nach einer weiteren Woche meinte die Großmutter: „Es ist ein Wolf. Jetzt ist er wieder bei Kräften. Wir sollten ihn wieder zu den Seinen zurückschicken.“

Draußen tobte der Sturm und schnelle dunkle Schatten umkreisten das Forsthaus in der Dämmerung. Als es dunkel war, öffnete die Großmutter die Haustüre und setzte das Tierkind vor die Schwelle. Kurz darauf war es in der Finsternis verschwunden.

Der volle Mond zog auf, und aus der Ferne erklangen lang gezogene Töne aus Tierkehlen. Es war eine Weise aus längst vergangenen Tagen, es konnte ein Lied sein oder eine Geschichte. Es war das Mondgebet der Wölfe.

***

Der Sommer war zu Ende gegangen, ein Herbst und ein langer Winter waren übers Land gezogen. Ein neuer Frühling und ein heller Sommer hatten ihre stillen, heimlichen Spuren auf der Welt hinterlassen. Ganze zwölf Mal hatte das volle Mondgestirn die Erde geküsst. Rotröckchen war um ein ganzes Jahr älter und schöner geworden.

Der Herbst kam gewaltig, die Blätter im Wald färbten sich erst rot, dann braun und dann gelb. Der Wind fegte sie von den Ästen, wirbelte sie zu Haufen, jagte sie wieder auseinander und legte endlich einen neuen Teppich über den Moosboden.

Dann wurde es kalt und trüb. Schließlich war der Boden gefroren und die Krähen auf den Feldern riefen: „Ach grässlich!“ Manchmal fielen ein paar Schneeflocken vom Himmel, manchmal ganze Hunderttausendschaften, dann bogen sich die Äste der Bäume unter den schweren Lasten und drohten abzubrechen.

Das Weihnachtsfest wurde bei der Mutter in der Stadt gefeiert, und nach den Festtagen zogen die Großmutter und das Mädchen wieder hinaus in den Wald, ins Forsthaus.

Einmal in diesen Tagen, abends, als die Sonne im Untergehen den Weg zum Forsthaus golden beleuchtete, konnte man im Schnee genau die Spuren eines Wolfs bemerken, die bis ganz nahe zur Türschwelle des Forsthauses reichten, über der ein großes Hirschgeweih mit zwölf Enden angenagelt war.

Die Großmutter warnte: „Das ist die Spur des Wolfs“, denn sie verstand sich auf alles, auch aufs Spurenlesen.

Der Winter dauerte lange und war elend.