Überleben in Rios Straßen - Johannes Kunz - ebook

Überleben in Rios Straßen ebook

Johannes Kunz

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Opis

Sie wollen wirklich, dass ich Ihnen mein Leben erzähle? Keine Ahnung, wen das interessiert, aber ich habe sowieso nichts Besseres zu tun und Sie wollen mir ja auch ein paar Riel dafür geben, also abgemacht. Geld kann jeder gebrauchen. Wie alt ich bin? 17, sehe jung aus, oder? 36? Sie sehen jünger aus. Wie 27. Okay, dann werde ich Sie duzen, dich meine ich. Wenn man von hier aus aufs Meer schaut und die fröhlichen Menschen am Strand sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass auch eine sehr hässliche Seite dieser Stadt existiert. Du bist der erste, der danach fragt und ich glaube, auch der letzte. Mein Leben war wirklich schlecht und dass ich noch nicht den Abflug gemacht und mich umgebracht habe, ist ein Wunder. Grund genug hatte ich auf jeden Fall. Ich traf Diego, 17 Jahre, Brasilianer, in einem Café in Rio de Janeiro. Er erzählte mir sein Leben, wie er aufwuchs, Straßenkind wurde und überlebte. Diego berichtet über Gewalt, Betteln, Diebstahl, Freundschaft, seine ersten Erfahrungen mit Mädchen und wie er mit einem Freund von ihm durchs Land tingelte auf der Suche nach Arbeit und einer Zukunft. Seine Geschichte fesselte mich so stark, dass es mir ein Anliegen war, diese aufzuschreiben.

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Johannes Kunz

ÜBERLEBEN IN RIOS STRAßEN

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild: sad alone and fear © obeyleesin (Fotolia)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog: Über dieses Buch

1

Sie wollen also wirklich, dass ich Ihnen mein Leben erzähle? Keine Ahnung, wen das interessiert, aber ich habe sowieso nichts Besseres zu tun und Sie wollen mir ja auch ein paar Riel dafür geben, also abgemacht. Geld kann jeder gebrauchen. Wie alt ich bin? 17, sehe jung aus, oder? 36? Sie sehen jünger aus. Wie 27. Okay, dann werde ich Sie duzen, dich meine ich. Wenn man von hier aus aufs Meer schaut und die fröhlichen Menschen am Strand sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass auch eine sehr hässliche Seite dieser Stadt existiert. Du bist der erste, der danach fragt und ich glaube, auch der letzte. Mein Leben war wirklich schlecht und dass ich noch nicht den Abflug gemacht und mich umgebracht habe, ist ein Wunder. Grund genug hatte ich auf jeden Fall. Du siehst auch nicht besonders fröhlich aus, dein Leben war auch nicht schön? Na dann gib mir die Hand, Bruder. Meines war sicher schlechter, jede Wette, aber ich erzähle dir gleich davon. Willst du was trinken? Ich habe Saft und Wasser, setzen wir uns einfach auf den Balkon. Frag mich lieber nicht, wie ich zu dieser Wohnung kam, ich erzähle dir später davon. Also, ich stamme nicht aus dieser Stadt, sondern vom Land, wie mehr als die Hälfte aller Bewohner von Riokannst du dir vorstellen, wie viele Leute jetzt hier wohnen? Niemand weiß das genau, besonders in den Favelas kann man keine Zählung vornehmen. Seit ich vier bin, glaube ich. Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt, ich wuchs bei meiner Tante auf, da sich mein Vater aus dem Staub gemacht hatte. Die war in Ordnung, aber hatte immer wechselnde Freunde. Durch die Bank Arschlöcher, glaube mir. Seit ich drei war, wurde ich regelmäßig von denen verhauen. Wegen Kleinigkeiten. Wie konnte ich mich zur Wehr setzen? Mir blieb nur die Flucht. Ich flüchtete aus der Favela, wo wir hausten. Vorher klaute ich dem Typen aber noch das wenige Geld, das er hatte und nahm einen Kleinbus Richtung Stadt. Mann, war das überwältigend! Kennst du das Gefühl, wenn du zum ersten Mal irgendwo bist und kannst deinen Mund nicht schließen? Genau so erging es mir. Am Anfang schlug ich mir erstmal den Bauch voll und lief ans Meer, spülte mir die Angst durch die Wellen weg. Glaub mir, ich war so froh, dass ich keinen Schlägen mehr ausgesetzt war. Endlich weg von allem Schlechten, wie ich hoffte. Es war herrlich, unter Wasser zu sein, so schwerelos und weit weg von dem Lärm und dem Gestank der Stadt. Bin so oft ich konnte immer zum Strand gegangen und mehr als einmal wollte ich auch im Meer bleiben- in den Armen des Ozeans. Klingt das poetisch? Aber ich habe in meinem Leben nur ein Buch gelesen, kann mich kaum konzentrieren. Jorge Amado. Die ganzen Autoren sind mir egal, von wegen Pflichtlektüre und so was. Du hast sicher mehr gelesen, als ich. Ach, auch keine Klassiker? Du wirst mir langsam sympathisch.

Wo war ich? Ach ja, am Strand, leider musste ich mir ein Versteck suchen, ich war ja so klein, habe aber bald gemerkt, dass ich nicht der einzige Rotzlöffel war, es gab so viele wie mich und natürlich auch Kämpfe ums Betteln und die besten Plätze. Wir mussten immer vor der Polizei auf der Hut sein. Die erste Woche, als ich alleine war, schloss ich mich ein paar anderen Jungs an, die in einem alten Haus wohnten. Altes Haus bedeutet, ne Bruchbude, also eher eine Ruine, wo die Pflanzen schon aus dem Boden wuchsen, alles verfallen. Aber man war dort vor den Bullen sicher. Manchmal kamen irgendwelche Obdachlosen, die einfach in dem kleinen Garten pennten. Wir behaupteten uns aber, denn wir mussten eine sichere Bleibe haben. Aber sicher war es natürlich nicht! Wo ist es schon sicher in Rio? Selbst hier muss ich immer die Wohnung verriegeln, es wurde auch schon mal eingebrochen. Der Junge? Er ist neun Jahre alt, ich hab ihn von der Straße aufgelesen, weil er mich an mich als Kind erinnerte und daran, dass mir damals niemand half. Er trug schmutzige Kleider, als ich ihn traf und schnüffelte Klebstoff. Den hab ich ihm weggenommen und kaufte ihm stattdessen eine große Portion Fisch und Reis. Alle Leute schauten doof und glotzten uns an. Ich schrie Ihnen zu, dass sie sich um ihren eigenen Scheiß kümmern sollten. Es regt mich immer noch so auf! Diese reichen Säcke haben alles und starren auf mich und den Jungen! Ich nahm ihn zu mir, sprach ihm gut zu- hier habe ich zwei Zimmer und er wohnt hier seit einem halben Jahr. Nein, er geht nicht zur Schule. Wenn du wüsstest, was er erlebt hat, würdest du ihn auch nicht zur Schule schicken. Sicher bin ich nicht perfekt, aber ich spiele mich nicht als sein Vater auf, er sieht mich als sein großer Bruder, ich koche, habe ihm ein paar Kleider und Schuhe gekauft und rede mit ihm. Er hat nicht mehr mit dem Klebstoff angefangen und wir spielen oft Karten. Ehrlich, das ist das Einzige, was mir momentan Spaß macht, also ihm zu helfen und zu hoffen, dass er es schafft. Er lief trotzdem zweimal weg, aber er kam immer zurück. Ich hab ihm keine Vorwürfe gemacht, das hätte sowieso nichts gebracht. Aber seit vier Monaten ist er nicht mehr fortgelaufen. Kinder der Straße mögen ihre Freiheit. Klar, vielleicht, wenn er irgendwann in die Schule will, aber alles braucht Zeit, Mann. Ich werde ihn nie zwingen. Manchmal kommt eine Nutte her, mit der hab ich dann ein bisschen Spaß. Nun schau doch nicht so, warst du etwa nie bei einer? Ich hab bei Mädchen nicht so viele Chancen, keine Ahnung warum. Hatte nur einmal eine Freundin, als ich 14 war, aber wir trennten uns bald. Später mehr dazu. Was bist du für ein Sternzeichen? Ach, genau wie ich. Warte mal, ich will ihm kurz was zu essen kochen, er hat Hunger. Komm doch rein, dann essen wir alle zusammen. Nichts Besonderes, Spaghetti. Das essen wir doch alle gern. João, das ist ein Deutscher, der meine Geschichte hören will. Verrückt, oder? Wir haben nur schlechtes zu berichten und er will ein Buch schreiben darüber. Ich mach mich nicht lustig über dich, aber ein bisschen Humor musst du mir zugestehen, in Ordnung? Ja klar, João, kannst du eine CD einlegen, irgendwas, dann fühlt er sich wie zu Hause. Er ist nett, keine Angst. Ich glaube, er findet dich auch in Ordnung. Man soll die Spaghetti nur 12 Minuten kochen, sagen einige, aber ich lass die immer 20 Minuten auf dem Herd, dann sind sie weicher. Ist das okay für dich? Super. Nein, du brauchst mir nicht zu helfen, entspann dich einfach und leg die Füße hoch. So, noch ein wenig Tomatensause und Zwiebeln, Knoblauch und Chili. Das werden etwas scharfe Spagetti, ich richte mich nach ihm, er mag es so.

Also jedenfalls wohnten wir da eine Weile. Ich freundete mich mit Rafael an, ein Junge in meinem Alter. Er hatte nicht mal Schuhe und lief meistens barfuß rum, das machte ihm aber nichts aus. Wir wurden beste Freunde und unternahmen viel. Damit meine ich, dass wir zusammen bettelten, stahlen und oftmals die Sache ausbaden mussten. Oft gab man uns nämlich ein paar Ohrfeigen oder einen Tritt in den Hintern. Aber wir hatten trotzdem Spaß, gingen oft an den Strand und lümmelten herum, einmal badeten wir sogar nackt, aber ein paar Jugendliche legten uns danach übers Knie und wir mussten nackt wegrennen, denn sie gaben uns unsere Hosen nicht mehr. Das war eine schlechte Erfahrung, aber wir lernten daraus. Was heißt lernen, ich hasse den Ausdruck, wir wurden schlauer, sagen wir es mal so. An der Copacabana war es manchmal einfacher, an Geld zu gelangen, denn die Touristen hatten oft was übrig für uns. Das schlechte Gewissen. Wir klauten aber auch viel. Wir mussten schnell sein. Wenn man uns erwischt hätte, hätte man uns in ein Erziehungsheim gesteckt und du kannst dir sicher denken, dass man dort keine Bücher zum Lesen erhält, sondern was anderes. Wir wurden nie erwischt, außer dass man uns ab und zu was auf die Ohren gab und uns dann laufen ließ. Du bist auch weggerannt? Ach wirklich. Kann ich gar nicht glauben, wenn man dich so sieht. Doch, doch, ich glaube es dir natürlich. Ach, ich denke, es ist auf der ganzen Welt gleich. Kinder werden geschlagen, rennen weg und stürzen sich ins Unglück. Die Welt ist sowieso nicht zu retten, jedes Jahr wachsen die Slums, wie sollen alle Leute Arbeit finden und anständig bezahlt werden? Du willst alles sofort wissen, aber alles der Reihe nach, meine Geschichte soll doch auch spannend sein. So, das Essen ist fertig.

Interessant, du hast es nur bis zum Flughafen geschafft. Stell dir aber mal vor, wenn es tatsächlich geklappt hätte! Dann wärst du jetzt in Südamerika, und wahrscheinlich mausetot oder würdest in der Gosse liegen. Mit 16! Aber ich versteh dich, es ist nicht zum Lachen. Vielleicht wäre das die Erfüllung deines Traumes geworden. Auch wenn du am Ende dann gestorben wärst. Du wolltest wirklich ein Straßenkind sein. Aber du hast nie auf der Straße gelebt. Es ist verdammt hart, oder João? Siehst du, wir beide wissen, was es heißt, aber wir sind auch mit dir verbunden, weil wir alle eben eine Scheiß Kindheit hatten. Komm, lassen wir uns das Essen schmecken. Gut, dass es dir schmeckt. Ich habe auch damals nie davon, geträumt die Welt zu bereisen, neue Länder kennenzulernen. Das wäre für mich idiotisch gewesen, weil ich nur ums nackte Überleben kämpfte. Weißt du eigentlich, wie viele Kinder jedes Jahr in Brasilien ermordet werden? Niemand weiß es, aber es sind viele. Angestiftet von Regierungen, die eine saubere Stadt wollen, besonders, wenn irgendwelche internationalen Veranstaltungen im Land stattfinden. Da dürfen die Touristen nicht über Straßenkinder stolpern. Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, muss man irgendwann diese ganzen Bastarde vor ein Erschießungskommando zerren, das ist meine Meinung. Viele sind schuldig, auch die Menschen, die einfach nur zusehen, wenn gepanzerte Autos vorfahren und nichts unternehmen. Das sind doch keine Menschen, die einfach die Augen verschließen. Wie kann man so leben, im klaren Bewusstsein, dass kleine Kinder und Jugendliche und Obdachlose einfach umgebracht werden? Natürlich gibt es keine Beweise, die liegen irgendwo auf Müllkippen oder in Massengräbern. Tut mir leid, João, wir setzen uns auf den Balkon. Ich will dich nicht traurig machen, Kleiner. Die Geschichte von João? Er hat mir nur einmal erzählt, was ihm passierte. Er war in einem kleinen Laden, um sich Kaugummis zu kaufen, als er einen Armeewagen vorbeifahren sah. Er wusste genau, was das bedeutete und warum der vorfuhr, aber es war bereits zu spät, seine Freunde zu warnen. Es war schon abends und wie üblich hatten sie sich alle irgendwo unter einer Brücke zusammengekauert. Als er aus dem Laden trat, hörte er Schreie und Schüsse und lief, was das Zeug hält, in die andere Richtung. Er rannte in unbekannte Straßen, öffnete einen Deckel eines Abflussrohres und versteckte sich dort unter der Erde für ungewisse Zeit. Kannst du dir das vorstellen, ein Sechsjähriger muss vor der Polizei flüchten, weil die ihn umbringen wollen, wenn sie ihn finden. Todesschwadronen, du hast Recht, aber im Auftrag von was weiß ich für welchen Leuten. Die Polizei steckt da auch dahinter. Gerechtigkeit gibt es nicht in Brasilien. Nach ein paar Tagen stieg er verängstigt nach oben und floh dann aus der Stadt, er lief einfach immer weiter. Aber in der Stadt wollte er nicht mehr wohnen. Verständlich. Irgendwann erreichte er das offene Land, auch mit Minibussen, glaube ich und versteckte sich dann eine Weile auf irgendwelchen Höfen und in der freien Natur. Aber er musste sich immer verstecken. Wem hätte er sich offenbaren können? Es sind nicht viele Erwachsene, die einem kleinen, schmutzigen Kind helfen. Warum sollten sie, frage ich provozierend? Es ist doch nicht ihr Kind. Schon gut, ich beruhige mich, du bist ja nicht für die Scheiße in meinem Land verantwortlich. In deinem gibt es sicher auch genug Mist. Er kehrte irgendwann zurück nach Rio. Die Stadt hat trotz der Gefahr einen Reiz. Man findet vielleicht ein Stück Glück. Er bettelte sich durch, stahl, aber er hatte Pech und viel einem Polizisten in die Hände. Wenn du die »Herren des Strandes« gelesen hast, kannst du dir ausmalen, was nun kommt. Sie haben ihn in eine Erziehungsanstalt gesteckt, ihn gefoltert. Tut mir leid, dass ich weine, aber das ist so eine himmelschreiende Schande, das kann man nie wieder gut machen. Frag mich nicht, was sie mit ihm gemacht haben. Und jetzt verstehst du vielleicht, warum es besser ist, wenn er bei mir die Zeit verbringt, als in so einer verdammten Schule. Bei mir ist er frei und wird nicht unterdrückt. Er hat sein Lachen wiedergefunden, aber die Schande wird er nie vergessen. Und mir hat sich seine Erzählung so tief ins Gedächtnis gebrannt, dass ich Mordgedanken hatte. Du weinst, dann hast du ein Herz! Weißt du was, ich liebe ihn, ich will ihn einfach glücklich sehen und ihm zeigen, dass das Leben auch was Schönes zu bieten hat. Wir wohnen in einer guten Gegend, hier brauchen wir wenigstens keine Angst zu haben. Manchmal würde ich gerne wegziehen von hier, aber ich fürchte, dass ich schon zu lange hier bin. Aufs Land, in eine kleine Stadt, vielleicht nach Ouro Preto. Sehr schöner Ort, musst du mal hinfahren. Mit mir? Klar, wenn du Angst hast, alleine zu fahren. Sollte nur ein Witz sein. Aber wenn ich mitfahre, kommt João auch mit. Du musst uns aber einladen. João. Er ist übrigens eifersüchtig, wenn ab und zu eine Nutte kommt. Ist auch verständlich, aber er gönnt mir trotzdem meinen Spaß. Ich muss lachen, du auch. Dann ist ja alles in Ordnung. Weißt du, wenn wir unseren Humor verlieren, dann ist alles aus. Dann kannst du dir genauso gut eine Kugel geben. Man muss auch über sich selber lachen können. Vorhin hab ich dich etwas getestet, normalerweise mache ich keine Witze über Leute, die ich nicht kenne. Du kannst mich auch auf den Arm nehmen, das nehme ich dir sicher nicht übel. Bist du sicher, dass wir weitermachen sollten? Du könntest genauso gut am Strand liegen, mit irgendjemand bumsen oder auf den Zuckerhut fahren. Dann würden dir alle hässlichen Details erspart bleiben. Glaub mir, niemand hat Interesse, so was zu lesen. Ich hab gar nichts dagegen, du bist ja ganz nett und wir verstehen uns. Übrigens, du sollest dir ein Hotel hier um die Ecke nehmen, es ist gefährlich, jeden Tag hin und her zu fahren, besonders in der Gegend, wo sich dein Hotel befindet. Wenn du mir einen Gefallen machen willst, besorg ich dir einen Fahrer und reservier dir auf der anderen Straßenseite ein kleines Hotel mit Klimaanlage, sauber und nicht teuer. Außerdem bist du dann nicht ewig im Stau. Und du kannst João und mich mal zum Abendessen einladen, wenn du willst. Okay, das war frech. Ich koche auch gerne für dich. Na gut, dann kochen wir zusammen, wenn du dich besser fühlst. Du musst mir nur eine Sache versprechen, zieh ihn da nicht rein. Frag ihn nichts zu seinem Leben, sonst brechen wir das sofort ab. Ich lasse nicht zu, dass du ihn über seine Vergangenheit ausfragst. Die ist traurig genug und er hat genug durchgemacht. Gut, ich verlasse mich auf dich. Immerhin willst du meine Geschichte hören und die ist schon hässlich genug.

Nein, du kannst uns nicht helfen, ich versteh ja, dass die Geschichte von João dich fesselt, aber wir kommen schon klar. Wenn du uns was geben willst, gerne, aber wir werden so weiterleben wie bisher. Ein Mann muss das tun, was er für richtig hält. Du wolltest nach Kolumbien über Miami. Und dann? Wenn du wirklich auf der Straße gelebt hättest, wärst du bald krepiert. Immerhin hast du dein ganzes Leben in einem Haus verbracht. Es kann nachts kalt werden, irgendwelche perversen Typen versuchen, dich zu vergewaltigen oder abzustechen oder beides. Dann die Gefahr von Hunden, Todesschwadronen, den Bullen und auch von anderen Obdachlosen einfach ermordet zu werden. Aber vielleicht hättest du auch Freunde gefunden, die dir geholfen hätten. Man kann auf der Straße welche finden, die mit dir durch dick und dünn gehen. Weil Freunde die einzigen sind, auf die du dich verlassen kannst. Zumindest bei mir damals. Wenn du hier gelandet wärst und viel Glück gehabt hättest, dann wärst du jetzt ein Arbeiter, ohne viel Geld. Ich will gar nicht darüber reden, denn so ist es ja nicht gekommen. Und dir bringt es auch nichts, jetzt darüber nachzudenken. Also wenn es wirklich mal so sein sollte, wäre ich ein guter Vater, glaub mir. Kein Drama, kein Anschreien, keine Schläge. Doch, mit João hab ich auch manchmal Streit, das gehört dazu, aber wir beide wissen, wie wir ticken. Jetzt reden wir schon wieder von ihm. Er hat mal das ganze Geschirr kaputtgemacht, alles auf den Boden geworfen und rumgeschrien. Ich saß die ganze Zeit auf dem Sofa. Als er sich beruhigt hatte, nahm ich in die Arme und tröstete ihn. Was hättest du denn gemacht? Ein Kind muss auch seine Wut herauslassen. Du bist also meiner Meinung. Tut mir leid, ich dachte, du stimmst mir nicht zu. Weißt du, an was mich das erinnert? Es gibt Begegnungen, da denkt man, der andere ist komisch, aber dann stellt sich heraus, dass man ähnlich tickt und sich auf einander verlassen kann und daraus entsteht dann eine gute Freundschaft. Vielleicht ist das bei uns der Fall. Wenn ich was Dummes sage, kannst du mich zurechtweisen, aber ich glaube, du bist nicht der Typ, der andere zurechtweist. Hab ich Recht? Was machen wir jetzt? Lass mich mal nach ihm sehen, ich komm gleich wieder.

Er hat sich hingelegt, Ruhe tut ihm gut.

Wir blieben nicht zu lange in dem Haus, denn ab und zu kamen Drogensüchtige und irgendwann lag ein Toter im Eingang. Wir flüchteten. Rafael und ich gingen zusammen, was die anderen taten, weiß ich nicht, aber es war klar, dass wir da nicht bleiben