Sündenfälle - Ingrid Schmitz - ebook

Sündenfälle ebook

Ingrid Schmitz

0,0

Opis

Mia Magaloff, Künstlerin und Trödelmarkthändlerin aus Krefeld, freut sich mit ihrem Cousin, dem Pfarrer Waldemar Gelob, über dessen »Berufung« nach Moers. Doch sein Amtsantritt wird vom Tod einer Sopranistin des Kirchenchors überschattet. Zudem übergibt der Altpfarrer sein Amt nicht gern und die Gemeinde akzeptiert Waldemar nicht als neuen Pfarrer. Als sich ein weiterer Todesfall ereignet, beschließt Mia nach Moers zu reisen, um herauszufinden, was in der Pfarrgemeinde vorgeht. Ohne es zu ahnen bringt sie sich selbst in tödliche Gefahr …

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 241

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Ingrid Schmitz

Sündenfälle

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Für meine geliebte Tochter Sarah

Die Naturwissenschaften braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln.

Max Planck

1

Pfarrer Frederik Altmann setzte sich in den Beichtstuhl und wartete auf den ersten Sünder. Jeden Samstag gab er den Gläubigen, die das persönliche Beichtgespräch Auge in Auge scheuten, die Gelegenheit diskret zu beichten. Das war nicht nur hier in Sankt Lukas, einer der ältesten Kirchen Krefelds, möglich, sondern auf Wunsch auch in Moers und anderen Pfarrgemeinden am Niederrhein.

Schon bald ging ein Reumütiger auf seinen Platz. Nach dem üblichen Procedere begann er mit der Beichte:

»Ich bin 49 Jahre alt, ledig. Meine letzte Beichte war vor zwei Wochen. Allmächtiger Gott, barmherziger Vater! Ich bekenne dir all meine Sünden. Ich bereue es sehr, mein gestriges Abendgebet versäumt zu haben, stattdessen habe ich mich der Faulheit hingegeben und bin im Sessel eingeschlafen. Ich erkenne, wie ich versagt habe durch Selbstsucht und Trägheit. Weil ich dich erzürnt habe, verdiene ich die Strafe, die du mir auferlegst. Mein Jesus, Barmherzigkeit. Das war’s.«

Für Pfarrer Altmann war ein versäumtes Gebet keine Sünde, aber wenn dem Beichtenden danach zumute war, warum nicht. Er wartete einen Moment, beugte sich nach vorne: »Ich möchte Ihnen helfen den Willen Gottes zu erkennen. Beten Sie ein Vater Unser. Dadurch können Sie Gott zeigen, dass Sie ihn lieben und sich ändern wollen. Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

»Amen.«

»Gelobt sei Jesus Christus.«

»In Ewigkeit Amen.«

Statt in Frieden zu ziehen, blieb der Beichtende knien. »Pastor, Sie können mir glauben, es ist mir sehr peinlich, das gestrige Abendgebet verschlafen zu haben, aber ich hatte meine Sorgen in Alkohol ertränkt, gegrübelt, wie ich einen Menschen, der eine schwere Sünde begehen will, auf den richtigen Weg führen kann.«

Pfarrer Altmann grinste in sich hinein. Wenn nur jeder Sünder auf sich selbst achten würde, wäre der Menschheit schon geholfen. Trotzdem blieb die Absicht natürlich sehr löblich und so antwortete er: »Nicht immer finden die Menschen den richtigen Weg von alleine und erkennen die Zeichen, die Gott ihnen sendet. Ihre Entscheidung, jemanden, der eine schwere Sünde begehen will, zu bekehren, ist vorbildlich und nachahmenswert.«

Da ahnten beide jedoch nicht, dass die Bekehrung direkt in den Tod führen würde.

***

Mia war am Ende dieses frühherbstlichen Trödelmarkttages angenehm erschöpft. Es hatte, besonders bei diesem schönen Wetter, wieder einmal Spaß gemacht hierher zu kommen. Kitsch, Kunst & Co auf dem Sprödentalplatz in Krefeld durfte sie als besessene Trödlerin nie auslassen. Mia band ihr dickes, dunkles Haar zusammen und warf den schweren Schmuckanhänger an der langen Kette mit einem Schwung auf den Rücken, weil das Gebaumel beim Einpacken störte. Heute brauchte Mia sich nicht zu beeilen, um den Platz ordnungsgemäß gesäubert bis 18 Uhr zu verlassen, sie hatte viel verkauft.

Der letzte Karton war gepackt und stand bei den anderen auf der Wiese. Zuerst mussten die Tische in den Kofferraum. Mia strich liebevoll über die schwarze Kunststoffbeschichtung des neuen Klapptisches. Ihr Cousin Waldemar hatte sie heute Morgen damit überrascht, weil er genau wusste, wie marode ihr oller Tisch aus Holz war, der nur dann zusammenklappte, wenn er es nicht sollte. Die größte Überraschung war jedoch Waldemars Neuigkeit gewesen, dass er ab Montag seine erste Pfarrgemeinde in einem Vorort von Moers am Niederrhein übernahm und somit ganz in ihre Nähe zog. Genügend Gründe zum Jubeln, was sie ausgiebig getan hatten.

Mia hob den leichten Aluminiumtisch in den Kofferraum des silberfarbenen Kadett-Beautys und mühte sich ab, den Holztisch darauf zu legen. Sie klemmte sich ihren Finger und fluchte.

»Ciao Bella, na, wer wird denn gleich fluchen? So eine schöne Frau wie du…« Ein dunkelhaariger Typ, wie aus dem Werbefernsehen, schlenderte auf sie zu.

»Scherzkeks! Komm’ lass dich für diese unverschämte Lüge erwürgen.« Mia breitete ihre Arme aus und drückte den einen Kopf kleineren, aber deswegen nicht unattraktiven Luigi an ihre Brust. Luigi hieß eigentlich Ludwig und kam aus Kevelaer, aber er hatte italienische Vorfahren und einen dunklen Teint. Er liebte es außerdem, den feurigen Italiener abzugeben, dann sollte er auch so heißen.

Luigi hing noch immer in Mias Armen, bis die plötzlich vor ihnen Stehende sich räusperte. Sie bückte sich zu einem der offenen Kartons, die auf der Wiese standen, und fischte eine dreibeinige Katzenfigur heraus. Aus der Puste geraten und wieder nach oben gekommen, fragte sie: »Ist das Keramik?«

»Ja, genau. Die Katze hat ihr Bein übrigens im Gerangel mit den anderen Keramiktieren verloren, 2004 war es, glaube ich.« Mias ernstbemühter Gesichtsausdruck musste Mitgefühl ausgelöst haben.

»Ach, die Arme. Aber eigentlich hätte ich lieber eine aus Porzellan gehabt.«

»Moment. Jetzt wo Sie es sagen. Ich muss noch mal nachschauen, ob …« Mia nahm ihr die Katze aus der Hand und drehte sie, »... tatsächlich. Sie haben Glück. Es ist Porzellan! Welch ein Zufall!«

»Ja, dann. Was kostet sie?«

»15 Euro.« Mia schoss Hitze ins Gesicht.

»Gut. Die nehme ich.«

»Möchten Sie eine Tüte? Die gibt’s natürlich gratis.«

»Nein, danke.« Sie nahm die Katze entgegen und ließ sie unter leisem Knirschen in die ausgebeulte Stofftasche gleiten, rückte ihre Krücke zurecht und humpelte davon.

»Du würdest auch noch deine Großmutter verkaufen, wenn sie hier stünde. Mia, Mia, wo soll das nur enden?« Er half ihr beim Einladen.

»Wahrscheinlich endet es so, dass ich schon um 14 Uhr meine zwanzig Kruzifixe losgeworden bin und von Trödelstand zu Trödelstand schlendern kann.« Mia hatte über Tag immer wieder sein »Ciao Bella« aus verschiedenen Richtungen rufen hören.

»Da siehst du mal wieder, wie gläubig die Leute sind. Sie reißen mir die Kreuze förmlich aus der Hand. Wie geht’s eigentlich dem Priester?«

»Hast du ihn nicht gesehen? Er war vorhin hier und hat große Neuigkeiten verkündet.« Sie unterbrachen das Packen.

»Lass mich raten. Er wird Vater.« Luigi duckte sich.

»Nein, wo denkst du hin. Er geht nach Moers und bekommt dort in Repelen seine eigene Pfarrgemeinde.«

»Ah, bene, Moers«, er zog mit seiner Rechten den großen Kragen noch weiter auseinander und wühlte gedankenverloren in der behaarten Brust. Vielleicht rieb er auch sein Goldkettchen blank. Mia wollte sich da nicht festlegen.

»Haben wir dort nicht schon mal getrödelt, Bella? Weißt du noch, das Dorffest an Pfingsten und die leckeren Waffeln mit den Kirschen?«

Mia hob den letzten Karton in den Wagen, nahm die Kasse mit einem satten Geräusch heraus und schloss den Kofferraumdeckel. »Genau. Die Nachfeier hatte es in sich gehabt. Wo warst du eigentlich an dem Abend? Ich bin mit dem Taxi nach Hause gefahren und hab den voll gepackten Wagen einfach stehen lassen und hier …«, sie zeigte ihr schwarzes Armband mit dem silberfarbenen Blumenornament. »Das ist von Nadja, die wieder die Glücksarmbänder verkauft hat. Diesmal habe ich ihr eins abgekauft. Es soll für die Gesundheit zuständig sein.«

»Stimmt, die Nadja. An dem Tag wollte ich mich noch mit ihr unterhalten. Aber dann musste ich kurzfristig weg – Geschäfte, du verstehst? Wie geht’s ihr denn? Bestellt sie immer noch so viele Runden?«

»Nicht mehr ganz so viele, sie hat’s am Magen. Dabei hätte sie sich zwischenzeitlich bequem ein Glücksarmband dafür basteln können.« Mia musste unbedingt noch einmal Kontakt mit ihr aufnehmen, ob sie die 20 Bänder für sie fertig gestellt hatte, die sie nächsten Monat mit zum Trödelmarkt nach Dinslaken nehmen wollte.

***

Klaus Minter wartete auf der verabredeten Bank im Schlosspark am Carl-Schultze-Damm. Der Schlossgraben, der früher ganz Moers umgeben hatte, war ihm spontan als Treffpunkt eingefallen.

Klaus war nicht wohl zumute, so mitten in der Nacht, im menschenleeren Park. Auf dem Weg hierher hatte er sich immer wieder umgesehen, aber das musste er jetzt durchstehen. Das Treffen mit Nadja Bruns musste sein. Sie sollte ein für allemal wissen, dass es keinen Zweck mit ihnen hatte, sie ihm nicht länger nachstellen sollte. Auch heute Morgen, am Samstag, war sie wie jeden Tag in die Bäckerei gekommen und hatte zwei Brötchen gekauft. Das allein störte Klaus keineswegs, nur ihr verliebtes Getue und diese peinlichen Andeutungen dabei. Er gab es ja zu, Nadja ist eine attraktive Frau, trotz ihrer 55 Jahre, er liebte nun mal ältere Frauen, aber ihre Verbindung hatte keine Chance. Klaus hatte ein Treueversprechen gegeben, das er niemals brechen wollte, auch wenn es ihm manchmal schwer fiel. Für die besonders hartnäckigen Fälle verfügte er über das Heilmittel von Pastor Gottfried. Klaus vertrug es nicht, ihm wurde schlecht davon, aber vielleicht half es bei den Frauen. Klaus hoffte sehr, wenigstens heute für Nadjas Brötchen eine geeignete Dosierung gefunden zu haben, so richtig im Griff hatte er das noch nicht.

Pünktlich zur vollen Stunde trat Nadja aus dem Halbdunkel des Parks. In ihrer Hand hielt sie einen roten Stoffbeutel. Strahlend ging sie auf Klaus zu.

»Da hast du uns ein sehr romantisches Plätzchen ausgesucht, direkt am Wasser«, frohlockte Nadja. »Unser Treffen muss gefeiert werden!« Klaus hörte außer dem Ich-habe-ihn-rumgekriegt-Unterton auch etwas leicht Lallendes heraus. Sie musste schon den ganzen Tag gefeiert haben.

Nadja gab Klaus die Flasche roten Sekt in die Hand. »Mach’ du bitte auf, ich erschrecke mich immer, wenn es so laut knallt, meine dann jedes Mal, es wird geschossen.«

Klaus verzog die Mundwinkel nach unten. Er drehte das Stanniolpapier ab und den Draht auf. Schon kam der Korken in hohem Bogen herausgeschossen. Sie schrie auf. Der Sekt sprudelte schäumend heraus.

Klaus reichte ihr die halbleere Flasche.

»Huch, jetzt habe ich die Becher vergessen. Na, egal.« Sie setzte die Flasche an und nahm einen kräftigen Schluck. »Hier!« Nadja reichte ihm die Flasche.

»Nein danke. Ich mag nicht.« Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich habe dich hierher bestellt, weil ich dir in Ruhe etwas sagen möchte.«

Nadja verschluckte sich, sie setzte die Flasche hastig ab. Etwas roter Sekt breitete sich auf ihrem weißen T-Shirt aus. Es störte sie nicht weiter. Sie legte ihre Hand auf Klausens Knie. »Ja?«

»Lass’ dass. Nimm die Hand weg. Du weißt genau, dass ich meiner Vera treu bin, auch über ihren Tod hinaus.« Er war den Tränen nahe, so sehr vermisste er sie. Nadja wollte ihre Arme um ihn schlingen. Sie liebte sensible Männer und sie liebte Klaus, trotz seiner Hakennase und den feuerroten Haaren. So schnell gab sie nicht auf, eines Tages würde sie seine Frau werden. Jede Nacht träumte sie sich vor den Altar. Sie könnten nächstes Jahr ihre Hochzeit und seinen Fünfzigsten gemeinsam feiern, mit einem rauschenden Fest.

Klaus sah ihren verklärten Blick. Er stand auf und näherte sich dem Wassergraben. Dann musste er eben direkter werden.

Das waren auch Nadjas Gedanken. Sie näherte sich ihm von hinten. »Hab’ dich nicht so. Vera bekommt es ja nicht mehr mit, was wir hier machen.« Nadja nahm schnell einen weiteren Schluck aus der Flasche und stellte sie auf den schmalen, sandigen Gehweg, direkt vor die kantigen Steine ans Ufer.

»Es wird Zeit für dich, sich wieder etwas zu gönnen.« Sie packte ihn von hinten um und ließ ihre Hände langsam nach unten gleiten. Erfreut fühlte sie seine Erregung. Sein Lügendetektor hatte ausgeschlagen. Sie war ihm gar nicht so gleichgültig, wie er immer vorgab. Ein guter Grund weiterzumachen.

Klaus hatte weder die Zeit die Augen zu schließen und es geschehen zu lassen, noch Nadja von sich zu schubsen, da kam Else Minter, Klaus’ Mutter, hinter einem Gebüsch hervor. Sie zerrte die beiden auseinander.

»Du versoffenes Stück!«

Klaus stand fassungslos daneben. Seine Mutter war ihm tatsächlich gefolgt, so wie sie es heute Morgen nach Nadjas Rauswurf aus dem Laden angedroht hatte.

»Lass’ Klaus ein für allemal in Ruhe, sonst geht es dir dreckig!« Else Minter griff Nadja in die zum Teil weißen Haare der aschblonden Frisur. Diese ließ sich das nicht bieten und versuchte, Else wiederum an den Haaren zu ziehen. Sie zog den Kopf ruckartig zurück und so bekam die schwankende Nadja nur ein paar dunkel gefärbte Haare zu packen. Sie hatte keine Chance sich gegenüber der körperlich überlegeneren Else zu wehren. Else befreite sich und täuschte vor, von Nadja abzulassen und zu gehen. Während Nadja sich empört Klaus zuwandte und ihr den Rücken kehrte, kam Else zurück und schubste sie mit beiden Händen, voller Hass, in den Graben. Nadja landete mit dem Gesicht im Wasser. Der plötzliche Wassereinbruch in Mund und Nase ließ sie angeschlagen am Ufer liegen bleiben. Else sah auf sie hinab und grinste verächtlich. Klaus verstand erst jetzt, was passiert war.

»Wir müssen sie rausziehen. Sie ertrinkt uns noch.« Er machte ein paar Schritte auf die ohnmächtige Nadja zu.

»Blödsinn!« Elses grüne Augen blitzten. »Lass uns lieber schnell abhauen. Da hinten kommt jemand, der kann sich um die Verrückte kümmern.« Ihr Griff glich einem Schraubstock. So hatte sie ihn als Kind immer angepackt, wenn sie spazieren gingen und er nicht weglaufen sollte.

Sie nahmen die Abkürzung und gingen Richtung Schloss.

***

Zu Hause angekommen, war für Klaus und Else an Schlaf nicht zu denken. Else befahl Klaus sich mit ihr ins Wohnzimmer zu setzen und ihr zuzuhören. Sie beschimpfte ihn heftig. Er könne froh sein, dass sie eingegriffen habe. So etwas Ähnliches hätte sie sich denken können, aber dass diese Nadja so skrupellos war … da konnte sie nicht tatenlos zusehen. Nadja hätte ihn sonst auf der Stelle verführt und ihn womöglich schon bald zum Traualtar geschleppt. Ja, er sollte ihr sogar dankbar sein, sie endlich vom Hals zu haben, diese Säuferin. Die hätte doch nur jemanden gesucht, der ihr das Geld für den Alkohol gibt und der sie versorgt. Außerdem, so eine wie Vera würde er sowieso nicht mehr finden. Da müsse er es erst gar nicht darauf anlegen, und zudem sei der Tod von Vera gerade mal sieben Monate her und ob er denn ihren letzten Willen vergessen habe.

2

Leicht nach vorne gebeugt, zog Waldemar seinen viel zu kleinen Trolley durch Moers hinter sich her. Es war ein wunderbarer Montagmorgen. Die Sonne strahlte und erwärmte nicht nur sein Gemüt. Waldemar sah ab und zu auf den Zettel, dann auf die Hausnummern, bis er sein Ziel fand: Nummer 6. Erst jetzt entdeckte er den Mann im Türrahmen, der bereits auf ihn wartete.

Die Pfarrer beäugten sich für einen kurzen Moment wohlwollend. Beide trugen einen schwarzen Anzug mit Weste, aber da endete auch schon die Gemeinsamkeit.

Waldemar überragte den Pfarrer um gute 18 cm, auch sein Brustkorb war gewaltiger,  die Haare blond.

»Einen schönen Guten Morgen. Mein Name ist Waldemar Gelob. Ich komme …«

»Ich weiß. Komm herein. Guten Morgen, Waldemar«, die kleine speckige Hand von Pfarrer Gottfried Furchtesam lag hoffnungslos verloren in Waldemars bärigen Pranke.

Waldemar zog und zerrte am Trolley, der nicht über den Fußabtreter rollen wollte, dann trug er den Koffer schließlich hinüber. Gottfrieds Ungeduld im Nacken, ließ Waldemar das störrische Vehikel im Flur stehen und folgte dem Pfarrer in das verwaiste Pfarrsekretariat.

»Das ist sozusagen unser Empfangsraum. Hier sitzt normalerweise Frau Wilhelms, die zurzeit in Urlaub ist. Da sage ich später etwas zu.«

Waldemar sah auf den Schreibtisch, auf dem sich die Briefe und Mappen stapelten. Der Computer erschien ihm genauso altertümlich wie die restliche Büroeinrichtung. Er wollte nicht meckern, es lag ja an ihm, was er später daraus machte.

»Bitte sehr, gehen wir in mein Büro.« Gottfried hielt Waldemar die Tür auf und wies auf einen kleinen Polstersessel, von dem Waldemar sich fragte, wie viele Kilos ihn auseinander brechen ließen.

Gottfried setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch.

»Tja, äh … ich hätte dich gerne unter glücklich-eren Umständen begrüßt. Damit meine ich nicht den Rohrbruch, der ausgerechnet gestern in der Pfarrwohnung aufgetreten ist – für deine ersten Übernachtungen ließ sich eine Ausweichmöglichkeit finden – nein, ich meine die Tatsache, dass ich nicht gerne und nicht freiwillig in Pension gehe, schon gar nicht mit 74. Deshalb begebe ich mich zunächst einmal in eine Klinik. Der Arzt will es so.« Er atmete ein paar Mal tief durch, wobei seine schmalen Lippen einen Blauton heller wurden. »In vier Tagen habe ich den Termin in einer Privatklinik am Bodensee, und bis dahin muss ich meine Gemeinde in guten Händen wissen.«

Waldemar nickte. Es war der Grund gewesen, warum ihn der Bischof in Münster so schnell an den Niederrhein berufen hatte. Dass es Gottfried so schlecht ging, war ihm allerdings nicht bekannt. Bevor Waldemar ihn von seinen Nöten befreien konnte, steigerte sich Gottfried bereits hinein: »Außerdem lege ich großen Wert auf eine Weiterführung des Amtes in meinem Sinne. Über dreißig Jahre habe ich in meiner Kirche das Wort Gottes gepredigt und meine mir anvertraute Pfarrgemeinde auf den rechten Weg gebracht und gerade jetzt, da … nun, sagen wir mal, »besondere Begebenheiten« außergewöhnliche Maßnahmen erfordern, rennt mir die Zeit davon.«

Waldemar empfand großes Mitleid mit Gottfried. Er sah einen alten gebrechlichen Mann vor sich, der mit aller Macht versuchte, das Zepter in der Hand zu behalten, der aber nicht merkte, dass er nur die hohle Faust hochhielt.

»Ja, schau mich an. So sieht ein Mann aus, der sich jahrzehntelang in den Dienst der Menschheit gestellt hat, der all seine Kraft darauf verwendete aus jedem einzelnen Katholiken einen gottesfürchtigen Christen zu machen. Wie gefällt dir das Bild? Bist du dazu bereit?« Sein Blick hatte etwas Zorniges.

Waldemar war sich der Verantwortung, die er übernehmen sollte, durchaus bewusst. Er war kein dummer Junge mehr. Er hatte die Zeit des Studiums an einer Universität und die Zeit der praktischen Ausbildung im Priesterseminar und der Praktikumsgemeinde genutzt. Sein Kopf war prallvoll mit Innovationen, wie er seine – erste eigene – Gemeinde in eine moderne Kirche führen, wie er mit ihnen … nein, wie er  f ü r  sie da sein könnte. Waldemar schwieg darüber. Wenn Gottfried erst einmal in der Klinik war, hatte er freie Hand. Wozu sollte er ihn unnötig aufregen? So beantwortete er die Frage, ob er dazu bereit sei, lediglich mit einem »Ja«, dessen überzeugter Unterton nicht zu überhören war.

Gottfried wühlte in seinem weißen Vollbart, kratzte sich danach am glockendicken Bauch. Wahrscheinlich musste man diesen auch für die rote Gesichtshaut und die blauen Lippen verantwortlich machen, die sich hin und wieder zeigten.

»Gut, dann gebe ich dir jetzt die Adresse vom Bäcker, Klaus Minter, der dir für die nächsten Tage ein Zimmer zur Verfügung stellen wird, bis das mit der Wohnung geregelt ist. Um 15 Uhr treffen wir uns vor der Kirche zur Unterweisung. Die Zeit drängt.«

Waldemar nahm den gelben Haftzettel entgegen und versuchte die zittrige Schrift mit der Adresse seiner neuen Heimatstätte zu entziffern. Nach mehrmaligem Fragen und einer ziemlich wirren Wegbeschreibung, war ihm zumindest die Grobrichtung klar. Die kurze Personenbeschreibung des Bäckers war da wesentlich konkreter. Waldemar zögerte noch, sehr gerne wäre er auf Gottfrieds Andeutungen bezüglich der »besonderen Begebenheiten« in der Pfarrgemeinde eingegangen. Er verkniff es sich und stand auf.

Es klopfte an die Tür. Eine Frau mit kupferroten Strähnen in ihren dunklen Haaren und einem pfiffigen Gesichtsausdruck sah zur Tür herein. Sie entschuldigte sich lächelnd für ihr Hereinplatzen. »Ich bin Hauptkommissarin Lilo Schütz und möchte zu Pfarrer Gottfried Furchtesam.«

Gottfried lief rot an und hob ein wenig die Hand. »Ja, bitte?«

»Darf ich Sie für einen Moment sprechen, oder störe ich gerade?«

»Setzen Sie sich doch. Pfarrer Waldemar Gelob wollte sowieso gehen.« Er wandte sich an Waldemar, nachdem er umständlich von seinem Schreibtischsessel aufgestanden war. »Wir sehen uns nachher in der Kirche.«

***

Klaus Minter stand im Verkaufsladen. Es war der typische Montagmorgen – und auch wiederum nicht. Um diese Zeit wäre Nadja Bruns gekommen, hätte ihre Andeutungen gemacht und die von ihm beiseite gelegten Brötchen bekommen. Die besonderen Brötchen, die nur für sie bestimmt waren, die anscheinend in der Rezeptur nicht wohl dosierten, da sie Nadja nicht in ihrer Begierde ruhig gestellt hatten.

Klaus sah zu seiner Mutter. Sie widmete sich eifrig dem Gespräch mit der Stammkundschaft. Es gab nur ein Thema: Nadja Bruns, die Sonntag früh ertrunken im Schlossgraben aufgefunden worden war. Das hatte heute Morgen in einer kleinen Meldung im Lokalteil der NRZ gestanden. Seine Mutter hatte wieder einmal gelogen, es war also Samstagnacht kein Spaziergänger in der Nähe gewesen. Für Klaus war es unerträglich hören zu müssen, wie eiskalt Mutter über Nadjas Tod hinwegging und wie sie sich auch noch an den Spekulationen beteiligte, wie viel Nadja wohl getrunken haben mochte, bevor sie ins Wasser gestürzt war. Klaus widerte es an. Er gab vor, in der Backstube Teig mengen zu müssen und ging direkt in sein Gewächshaus zum Pflanzen gießen.

Klaus hatte sich etwas beruhigt. Er besah sich die ein bis ein Meter fünfzig hohen Pflanzen und rieb ein fiedriges Blatt zwischen Daumen- und Zeigefinger. Anschließend roch er daran. Klaus liebte diesen pfeffrigen Geruch. Er dachte sofort an die Erfindung seines neuesten Kuchens: Kirschpfeffer. Kirschen mit grünem oder schwarzem Pfeffer, saisonbedingt auch schon mal Erdbeerpfeffer oder Pflaumenpfeffer. Leider blieb er regelmäßig darauf sitzen, weil der Niederrheiner an sich nicht besonders experimentierfreudig ist, denn »Wat der Bur nit kennt, dat frisst er nich.« Diese Kuchen für die Kundschaft, und die Brötchen und Teilchen mit dem Mönchspfeffer für besondere Kunden, musste er verfeinern, bis der Pfeffer nicht mehr so deutlich herauszuschmecken war und trotzdem die würzige Note nicht verloren ging. Mit dem verfliegenden Pfeffergeruch an seinen Fingern verflogen auch seine Gedanken daran. Nadja kam ihm wieder in den Sinn, wahrscheinlich weil sie und er sich noch nie so nahe gekommen waren wie Samstagnacht am Schlossgraben. Klaus musste sich eingestehen, etwas für Nadja empfunden zu haben. Auf der anderen Seite gab es das Versprechen seiner Frau gegenüber und die Gewissheit, dass er so eine wie Vera nie wieder finden würde. Seine Mutter hatte also nichts zu befürchten gehabt, nur war ihm keine Zeit geblieben, ihr das plausibel zu machen. Überhaupt, Vera war eine begnadete Köchin und verständnisvolle Frau gewesen. Sie brachte ihm ein Kissen, wenn er nach vier Flaschen Bier vor dem Fernseher einschlafen wollte, oder sie lächelte bei seiner Verabschiedung zur Kirche. Die Dienstagabende, die er mit dem Kirchenchor verbrachte, vertrieb Vera sich genügsam mit puzzeln. Sogar seine Mutter hatte Vera gemocht. Dabei sah es anfangs ganz und gar nicht danach aus. Sie hatte der Beziehung skeptisch gegenüber gestanden. Das lag nicht am großen Altersunterschied von sieben Jahren zwischen Klaus und Vera. Nein, seine Mutter hatte gemerkt, wie verliebt Klaus war und dass er aus seinem jungfräulichen Schlaf geweckt wurde. Klaus hatte so manches von Vera beigebracht bekommen, von dem er vorher noch nicht einmal zu träumen wusste. Ab dieser Zeit reagierte er nicht mehr sofort auf die Heulattacken seiner Mutter, wenn etwas nicht schnell genug repariert wurde, sondern kümmerte sich viel lieber um Vera. Klaus entschied sich dazu, Vera öfter um sich haben zu wollen und ließ sie in das Haus einziehen, sogar von Hochzeit war die Rede gewesen. Allein das brachte seine Mutter zu einer Tablettenvergiftung, vielmehr ihre Unachtsamkeit beim vorgetäuschten Selbstmord. Irgendwann überfiel sie die Einsicht, erklärte sie sich sogar bereit das Familienbuch zu suchen. Kurz vor dem Trauungstermin mischte dann das Schicksal mit. Es kam zu einem tragischen Unfall.

Klaus betete und wischte sich zwischendurch immer wieder die Tränen weg. Er verließ das Gewächshaus und sah auf dem Weg zum Hintereingang des Hauses einen schwarz gekleideten Hünen am Gartentor stehen.

***

Waldemar erreichte nach einigem Suchen das Haus des Bäckers. Auf dem Weg zur Ladentür sah er im Garten eine Person aus dem Gewächshaus kommen. Waldemar ging zum halbhohen Gartentor. Da Gottfried ihm nicht nur eine Wegbeschreibung, sondern auch eine knappe Personenbeschreibung des Bäckers gegeben hatte, erkannte er ihn sofort als das »Blasse Füssken«.

Jetzt, da Klaus Minter näher kam, sah Waldemar den Spitznamen bestätigt. Die roten Haare und die blauen Augen hätten sogar etwas Spitzbübisches haben können, aber Klaus Minter wirkte mit seiner Hakennase und der grimmigen Mimik eher wie ein gemeingefährlicher Troll, der bereit war, ihm jeden Moment an die Gurgel zu springen. Vielleicht war es auch zu viel verlangt, wenn Waldemar erwartete, freudig empfangen zu werden.

Nachdem er sich vorgestellt und den Grund seines Kommens erklärt hatte, begrüßte der Bäcker ihn mit einem Kopfnicken. Er führte ihn durch den engen Flur des Wohnhauses, in dem neben einem schmalen Holzregal mit Vorhang ein Hocker und eine Eichenkommode standen. An der Wand hingen mehrere Tier-Puzzlebilder.

Sie gingen in Richtung Treppe, die zu den oberen Etagen führte. Klaus Minter machte keinen Hehl aus seiner Gastfreundschaft: »Aber nur solange, bis der Rohrbruch im Pfarrhaus behoben ist.« Knurrend gab er ihm den Zimmerschlüssel. Das Telefon schellte. Klaus drehte sich auf dem Absatz um und ging wieder zurück in den Flur.

***

»Bäckerei Klaus Minter. Klaus Minter am Apparat. Was darf ich für Sie backen?« Er kam sich albern dabei vor, aber er musste mit der Zeit gehen.

»Was soll der Quatsch denn? Pfarrer Furchtesam hier. Nadja ist tot.«

»Ich weiß.« Einen Augenblick lang meinte Klaus, sich verraten zu haben. »Es steht heute in der Zeitung. Die Kundschaft redet von nichts anderem.«

»Was hast du damit zu tun?«

»Wie meinen Sie das, Herr Pfarrer?« Klaus sackte auf den Hocker neben dem Telefontischchen. »Na, du hast mir gesagt, Nadja belästigt dich, und ich habe dir das mit der Heilpflanze verraten. Also, gibt es da Zusammenhänge?«

Klaus atmete tief durch. »Nein, Herr Pfarrer! Auf keinen Fall! Da können sie beruhigt sein. Damit hat es nichts zu tun.«

»Gut. Falls die Kommissarin zu dir kommen sollte, würde ich das mit der Pflanze in deinem Interesse lieber nicht erwähnen und schon gar nicht in irgendeiner Verbindung mit mir.«

»Selbstverständlich. Sie können sich darauf verlassen, Herr Pfarrer.«

***

Waldemar sah sich auf dem Dachboden um. Der große Raum war nicht übel, abgesehen von der stickigen Luft und der Hitze, die sich dort staute. Die zwei winzigen Thermopanefenster ließen sich nicht öffnen, dafür fehlten zwei Dachziegel, deren Lücken im Dach wohl ausgestopft und mit blauen Müllsäcken abgeklebt waren. Waldemar stieß mit dem Kopf an einen der niedrigen Balken. Daran musste er sich erst schmerzhaft gewöhnen. In einer Ecke standen ein Kleiderschrank und eine Truhe, auf der gegenüberliegenden Seite Gerümpel und irgendwo dazwischen das Bett. Für Waldemars 1,90m war es viel zu kurz, jedoch hatte es Gitterstäbe, sodass er zum Schlafen hoffentlich die Füße hindurch stecken konnte. Als Übergangslösung durchaus akzeptabel, und was den Staub und die Wollmäuse anging, so würde er darüber hinwegsehen können, solange er keine Allergie davon bekam.

Waldemar begann sofort den Koffer auszupacken. Seine Ordnungsliebe gehörte für ihn zum Überleben. Sonst versank er im Chaos und verlor den Überblick, von daher wehrte er lieber den Anfängen.  Obenauf lagen die Bibel und sein Lieblingsfoto. Waldemar nahm den Bilderrahmen aus dem Koffer. Das Foto zeigte ihn als Jugendlichen, wie er Gitarre spielend am Strand saß. Jedes Mal, wenn er das Bild sah, hörte er das Meeresrauschen und spürte die Hitze der Glut vom Lagerfeuer, roch den würzigen Duft der Holzkohle. Es war auf der Abschlussfahrt seiner Abiturklasse gewesen, als er sich fest entschlossen hatte, Priester zu werden. Zu dieser Zeit lief das große Coming-Out der Schwulen. Er gehörte zwar nicht dazu, aber sein Öffentlichmachen war wesentlich schlimmer: Er musste seinem Vater und seiner Mutter, die nur zu Anlässen wie Taufe, Hochzeit und Beerdigungen in die Kirche gingen, beichten, dass er Priester werden wollte. Während die Mutter immer nur die Worte: »Ich hab’s doch gewusst, er ist schwul«, stammelte, nahm sein Vater den Hund an die Leine und kam erst am anderen Morgen betrunken wieder. All diese Erinnerungen steckten in dem einen »Heile-Welt-Foto«, von dem Waldemar sich trotzdem nicht trennen wollte. Er stellte es auf den Nachttisch und legte die Bibel, die er von seinen Eltern zur Kommunion geschenkt bekommen hatte, daneben. Liebevoll strich er über die weiche Wolle der gestrickten Schutzhülle. Seine Eltern hatten damals nicht ahnen können, was die Bibel ihm einmal bedeuten würde. Ab diesem Tag begann er darin zu lesen und wunderte sich erst einmal nur über die vielen fremden, unaussprechlichen Namen. Die restlichen Sachen waren schnell ausgepackt. Er hatte nicht viel mitgebracht in sein neues Leben als Pfarrer. Die Unterhosen, T-Shirts, und die meist schwarze Oberbekleidung sortierte er sorgfältig in den Schrank. Pfarrer durften zwar außerhalb der Messfeier tragen was sie wollten, selbst Bermudashorts waren im Sommer nicht verboten, aber in seinen Augen war das keine angemessene Kleidung für einen Geistlichen. Wecker, Bibel und Bilderrahmen ordnete er so auf dem Nachttisch an, dass kein Gegenstand den anderen behinderte, wenn man ihn aufnahm. Auch der Kulturbeutel und die darin befindlichen Utensilien sollten sofort an den richtigen Platz gestellt werden.

Waldemar suchte nach einer Gästetoilette oder einem Bad. Er stieg die steile Treppe hinunter und sah sich um. Vom Flur des Obergeschosses gingen mehrere Türen ab. Er ärgerte sich, nicht nach der Toilette gefragt zu haben, weil es ihm fern lag in fremden Häusern herumzuschnüffeln. Das Flurfenster stand offen, es zog fürchterlich.

Die Tür sprang auf. Waldemar erschrak. Er sah in den abgedunkelten Raum und erkannte schemenhaft ein seltsames Sammelsurium, mit dem das Zimmer voll gestellt war. Der Anstand verbot es ihm in das Zimmer hineinzugehen und es genauer zu betrachten. Da kam eine Frau mit grotesk wirkenden dunklen Locken zum alten Gesicht aus dem letzten Zimmer des Ganges. Beide zuckten zusammen, als sie sich sahen. Das musste die Mutter des Bäckers sein, Else Minter. Er erkannte sie an der Minterschen Hakennase. Waldemar räusperte sich und begrüßte sie mit einem freundlichen »Hallo.«

»Was haben sie hier zu suchen?«, fragte Else Minter heiser, kam näher und sah sein schwarzes Hemd. »Sind sie etwa der neue Pastor?« Sie musterte ihn abschätzig.

»Ja, genau … ich wohne jetzt …«

»Ein bisschen jung, was?«

***

Mia fuhr mit dem silberfarbenen Kadett Beauty über die Moerser Landstrasse durch Krefeld-Traar. Der Wagen leistete ihr seit fünf Jahren treue Dienste. Hübsch war er nicht, obwohl er es hätte sein müssen. Dafür entschädigten sie das Automatikgetriebe, das Schiebedach, die Zentralverriegelung und der oft unterschätzte Kofferraum des Stufenhecks. Sie hatte den Wagen von ihrem 85-jährigen Opa geerbt, der sein Schätzchen in guten Händen wissen wollte, ebenso wie Waldi, den Wackeldackel, der neben der Klorolle auf der Hutablage auf den Verkehr achtete. Ach, ja … Opa … er war mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht in seinem Bett eingeschlafen, drei Tage später, nachdem er Mia die Wagenpapiere und die Schlüssel feierlich überreicht hatte. Mia hatte sehr an Opa gehangen und hing jetzt an seinem Wagen.

Mia parkte vor dem Sportgeschäft. Irgendwie hatte sie seit Neuestem das Gefühl, ihrer Zeit hinterher zu rennen. Schon wieder war sie spät dran mit der Frühstücksbeschaffung. Normalerweise machte sie so gegen acht, wenn andere zur Arbeit fuhren oder joggten, ihren morgendlichen Rundgang. Freischaffende Künstlerin zu sein hatte etwas Luxuriöses, wenn man einmal von der Existenzangst absah. Jetzt war es bereits 11 Uhr. Mia ging erst zur Bäckerei: »Guten Morgen. Ich hätte gerne zwei Sovitalbrötchen und eine Apfeltasche. Wie viel? Ach so.« Geld abzählen. Geld abgeben. Ware nehmen. »Dankeschön. Auf Wiedersehen.« Dann zum Tabak- und Zeitschriftenhandel, fast nebenan: »Guten Morgen.« Ein kurzer Blick auf das Schwarze Brett, vorbei an den Kaffeestand – tief durchatmen – zum Regal gehen, einmal in die Hocke, WZ hochholen, na gut, heute auch die NRZ, noch einmal in die Hocke. Schein abgeben. Wechselgeld und Ware nehmen. »Dankeschön. Auf Wiedersehen.«