Störgeräusch - Martin Pichler - ebook

Störgeräusch ebook

Martin Pichler

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Opis

Nichts ist mehr wie es war in der Familie Reider. Ein Störgeräusch hat sich eingeschlichen und überlagert mit seinem fremden Rauschen den gewohnten Alltag. Das Vertraute ist in Frage gestellt, neue Lebensentwürfe sind zwangsläufig Reisen ins Ungewisse. Martin Pichler erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte zweier Männer, Vater und Sohn, die nach dem Tod der Mutter diesen Aufbruch wagen. Der eine macht vorsichtige erste Schritte, die zu einer um vieles jüngeren Frau und einer nicht mehr für möglich gehaltenen Liebe führen. Der andere entflieht der Monotonie einer festen Beziehung mit einem anderen Mann, um sich auf ein nur scheinbar unverbindliches Spiel um Lust und Leidenschaft einzulassen. Mit großem Einfühlungsvermögen beobachtet der Autor seine Figuren auf ihrem Weg. In konzentrierter, poetischer Sprache beschreibt er ihren Versuch, sich loszusagen von alten Sicherheiten und zu neuen tragfähigen Beziehungen zu finden, jenseits herkömmlicher Rollenmodelle und festgeschriebener Konventionen.

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Martin Pichler

STÖRGERÄUSCH

Roman

© 2006HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7699-9

Umschlag: Benno PeterSatz: Haymon Verlag

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Für Mirco Franzoi

EINS

1

Das Läuten des Telefons ist ihr eine willkommene Abwechslung. Sie nimmt den Hörer ab und spricht voll Erwartung in die Muschel: Ja, Reider? Manchmal meldet sich niemand am anderen Ende, ihr fröhliches Abnehmen wird mit einem Rauschen vergolten, mit Gerede und Gelächter, mit auf- und abbrandenden Geräuschen im Hintergrund. Dann schmilzt ihre Zuversicht dahin: Franz!, sagt sie in verärgertem Ton, wann lernst du das endlich! Wie auf ihren Ärger hin löst sich schließlich eine Männerstimme aus dem Gewirr, sie schwillt an und wälzt sich auf sie zu, sodass sie die Gelegenheit gekommen sieht, es ihm ins Gesicht zu sagen: Was störst du mich bei meiner Hausarbeit! Sie holt tief Luft und setzt an, doch da entfernt sich die Stimme bereits wieder, es klickt, und die Verbindung wird unterbrochen. Mit angehaltenem Atem steht sie vor dem Telefontischchen, sie bleibt zurück ohne ein Wort der Erklärung, verhöhnt von dem Fluch, der ihr ins Ohr gesetzt worden ist, kurz bevor das spöttische Besetztzeichen ertönt.

Sie sieht Franz vor sich, wie er das Handy in seiner offenen Hand hält und verzweifelt auf die Tastatur blickt. Vielleicht geniert er sich vor seinem jüngeren Mitarbeiter, für den seine wiederholte Hilflosigkeit ein Anlass der Belustigung sein muss, oder vor dem Gärtnerkollegen, bei dem Franz die Pflanzen einkauft und der sich in seinem Großbetrieb Tag für Tag ganz anderen technischen Herausforderungen zu stellen hat. Beim Beladen des Lieferwagens hat sich das Gerät wieder einmal eingeschaltet durch den Stoß gegen die Manteltasche, ein Zufallstreffer auf der richtigen Taste, welche ihre Nummer abruft – diese simple Elektronik geht über sein Begreifen.

Er ist so schusselig. Oft bemerkt er es gar nicht, dass ihm das Mobiltelefon wie ein Spion am Leib sitzt und jedes Geräusch aufzeichnet, es über ein Sirren im Äther bis zu ihr überträgt. Er geht seiner Beschäftigung nach und glaubt sich unbeobachtet. Lange hält sie den Hörer in der Hand, dann wird sie es schließlich überdrüssig, ihre ehefraulichen Lauschangriffe zu starten in seinen Arbeitsalltag hinein oder wieder und wieder seinen Namen zu rufen gegen seine Schwerhörigkeit. Sie weiß, manchmal steckt Absicht dahinter, manchmal verschließt er bewusst seine Gehörgänge, um ihren Nachstellungen zu entgehen, manchmal flüchtet er sich in diese willentliche Taubheit, weil er schon absehen kann, worauf ihre Auseinandersetzung hinauslaufen wird: dass sie das letzte Wort behält – was ziemlich häufig der Fall ist. Doch andere Male ist es nicht seine Schuld, dann sind sie miteinander verbunden und doch voneinander getrennt, auch wenn sie größeren Druck in ihre Kehle legt und mit anhört, wie ihre Stimme zunehmend aus der Spur gerät und sich ohne ihr Wollen zu einem gereizten Schreien erhebt. Schließlich steht sie aufgelöst neben dem hohen Telefontischchen, er aber hat ihren Ruf nicht gehört: Franz! Sie fragt sich: Was wirst du nur einmal machen ohne mich?

Es ist seltsam: Ihr kommt es vor, als könnte sie sogar seinen Puls, den verschobenen Takt seines Herzens, hören, während ihre Schreie aufgesogen werden von dem Störgeräusch in der Verbindung. Wie kann es diese Ungerechtigkeit geben, diese ungleiche Verteilung, in der sie nur Hörerin ist, aber über keine Stimme verfügt, die kräftig genug ist, um durchzudringen bis zu ihm?

Und sie denkt sich diesen Ort, an den ihre Stimmgewalt nicht hinreicht, und versucht sich einzuüben in die neue, ungekannte Schwäche.

Am Anfang lehnte sie sich auf gegen dieses Gesetz, das die Verbindung abschnitt zu ihrem Mann, und ehe sie begriff, dass es zwecklos war, dagegen anzuschreien oder anzuschweigen, blieb sie minutenlang am Apparat und horchte, als könnte ihre fiebrige Aufmerksamkeit wahrgenommen werden am anderen Ende der Leitung wie ein Blick, der sich Franz in den Rücken bohrte:

Dreh dich um, dreh dich um!

Von einem bestimmten Augenblick an verdichteten sich die Geräusche im Äther zu einem gespenstischen Raunen, das sich mit einer verschlüsselten Botschaft an sie wandte, ein Orakel, dessen dunkle Bedeutung sie nicht verstand. Dann wünschte sie sich Franz’ Stimme in ihrem Ohr, damit der Spuk abbrach, und einen Moment lang hatte sie die Vorstellung, die Verbindung wäre nicht wieder herzustellen, einem Hummelsturm gleich bräche es über sie herein, das Höllengesumm verlorener Geister.

Eines Tages wird es so sein, denkt sie sich. Was sich im Äther zusammenballt, wird sich zwischen sie drängen. Dennoch wird es sein, als stünde sie gleich neben ihm, als begleite sie ihn bei jedem Schritt und teile seine Einsamkeit. Nichts wird mehr verborgen bleiben vor ihr. Sie wird ihm nicht mehr von der Seite weichen und wird wachen über ihn. Es wird eine schwere Prüfung für sie sein, ein Herzzerreißen in ihr, wenn sie nichts mehr tun kann für ihn, nur sehen, hören, registrieren, aufzeichnen, anders als bisher, nicht dieses Hineintappen in seinen Alltag mit einem Ohr, dieses verstohlene Spionieren mit dem Hörer in der Hand. Ihr Auge auf ihm, keine blinden Stellen mehr.

Aber um welchen Preis.

Es bereitet ihr immer ein besonderes Vergnügen, nachher die Hörspur wieder zusammenzusetzen, der sie gefolgt ist, quer durch den Äther, hin zu ihm, und ihn zu überführen dank ihrer Geistesschärfe: Hast dich wohl noch zu einem Glas überreden lassen? Hat sich die Frau Winkler außer den Balkonblumen auch noch guten Gärtnerrat ins Haus geholt! Bei den vielen Zimmerpflanzen, die sie dir aufgezählt hat, klang es, als hätte sie einen ganzen Urwald untergebracht in ihrer Wohnung!

Als Ohrenzeugin erzählt sie ihm seine Geschichte, ohne dass er ihr dabei auf die Sprünge helfen muss, und selten trifft sie daneben, fast immer errät sie genau, wo und mit wem, bei welchem Arbeitsschritt sie ihn erwischt hat. Was er zu seiner Verteidigung anführen kann, ist, obwohl Augenzeuge, recht wenig, denn meistens einigen sie sich schnell, Anklägerin und Täter, in ironischer Komplizenschaft: Sie hat mehr Düngeflaschen im Eisschrank als Lebensmittel, stell dir das vor!

Es ist ihr gemeinsames Spiel und für ihn hat es nichts Unheimliches an sich: Zwischen einem Handgriff und dem nächsten unterläuft ihm dieses Klicken in der Mantel- oder Hosentasche, das ihn nicht aufhorchen lässt. Es ist wie der plötzliche Gedanke an sie mitten in seiner Geistesabwesenheit, das Streifen von etwas völlig Vertrautem, das keine Frage aufwirft in seinem Kopf und nicht erst ergründet werden muss, liegt es ja auf der Hand: Sie ist seine Frau, so einfach ist das.

Seine Ahnungslosigkeit, das Verbrennen seiner Tage.

Die Heimtücke der Technik wundert ihn nicht, nur ihre intuitive Fertigkeit versetzt ihn in Staunen, wenn sie ihm nachher einen Spiegel vorhält durch ihr Erzählen. Sie genießt ihren Triumph, weil sie ihm wieder einmal auf die Schliche gekommen ist: Mir verheimlichst du nichts, versuch es erst nicht!, droht sie ihm leichthin und er streckt die Waffen: Ich würde es nie wagen, ich hab deine Hellhörigkeit früh genug fürchten gelernt. Ihre detektivische Geduld amüsiert ihn, er nimmt sie nicht so ernst, eine Kontrolle darin zu sehen. Stück für Stück setzt sie seinen Alltag zusammen, berichtet sie Neues über ihn.

Schon wenn er zur Tür hereinkommt, nimmt sie ihm das Wort aus dem Mund, weil sie die Neuigkeit bereits am Telefon aufgeschnappt hat. Es gibt dieses frohe Erraten zwischen ihnen und den Glanz in ihren Augen, weil sie all die kleinen Geheimnisse kennt, aus denen sein Leben besteht, seine Klagen und sein Lachen, die Zwiegespräche, die er führen mag mit ihr in seinem Kopf, in den Augenblicken, da sie fern ist von ihm und er sich selbst vergisst:

Franz! Franz! Franz! …

2

Er wirft einen Blick auf das Display seines Handys, kontrolliert, ob es einen Anruf anzeigt, denn plötzlich hat er ihre Stimme im Ohr, Vorfreude und Erwartung, Ja, Reider?, doch seine Sorge ist unbegründet, denn Margareth nimmt längst nicht mehr seine Anrufe entgegen, umsonst betätigt er die Tastensperre, als er das Café betritt. Sie hört nicht mit, als die Tür hinter ihm zuschnappt und das laute Gewimmel der Passanten aussperrt, sie merkt nicht, dass sein Schritt ganz samten geworden ist und die Schuhsohlen nicht mehr auf den Pflastersteinen klacken, sie glaubt nicht, plötzlich einzutauchen in ein abgedichtetes Aquarium, in welchem alle Geräusche gedehnt werden und sich durch einen Widerstand kämpfen bis an ihr Ohr, das Tassenklirren an den im Raum verteilten Tischchen, die Rufe der Bedienerinnen, welche die Bestellungen aufgeben, und die verhaltenen Stimmen der Gäste.

Er bleibt auf dem zweiten Treppenabsatz stehen, lässt seinen Blick suchend im Raum umherschweifen. Sie haben kein Erkennungszeichen vereinbart, kein Kleidungsstück, keinen besonderen Sitzplatz, kein auf das Tischchen abgelegtes Indiz, das ihm jetzt über eine Verlegenheit hinweghelfen könnte, gerade so, als sähen sie sich das erste Mal. Er erinnert sich an die junge Frau, so wie er sie vor zehn Jahren kennen gelernt hat, und diese Erinnerung hat sich in den letzten Tagen unlösbar in seine traurigen Gedanken gemischt, dass er sie nicht aufgeben möchte, auch nicht für die Wirklichkeit: Maria, hier, zehn Jahre älter, an einem Tischchen. Aber wahrscheinlich ist sie schon weg, wurde sie es leid, bei jedem Bimmeln zur Tür zu schauen in der Hoffnung, er wäre es, wahrscheinlich hat sie das Warten aufgegeben und das Café wieder verlassen.

Er legt sich eine Entschuldigung zurecht: Maria, ich konnte nicht eher weg.

Margareth, horchend am Hörer, hätte ihn sofort durchschaut, den übereifrigen Ton in seiner Stimme bemerkt und ihn zu deuten gewusst: Wie verlogen deine Entschuldigung ist!

Wenn nicht aus Versehen, so gab es früher wenig Gründe, die Heimnummer zu wählen: Verspätungen und glückliches Ankommen irgendwo, die immer gleiche, nur zwischen den Zeilen ausgesprochene Botschaft, sich keine Sorgen zu machen. Er fasste sich kurz, um nicht ins Stottern zu geraten, in peinliche Pausen zu tappen, die sich am Telefon mit falscher Bedeutsamkeit aufladen konnten. Mit Kunden und Vertretern lief er solche Gefahren nicht, nur bei ihr drohte diese Verlegenheit, die ihn überstürzt wieder auflegen ließ. Wenn er anrief und Margareths Stimme am anderen Ende Anlauf nehmen hörte, fröhlich und mit Schwung, um gerüstet zu sein für ein längeres Gespräch, sah er sich für einen kurzen Augenblick in die Rolle eines x-beliebigen Anrufers versetzt, im Geiste trat er aus dem innersten Kreis seiner Familie und hielt ein Ohr in diese Privatheit hinein, deren Sprecherin Margareth war. So erstrebenswert war das Bild, das sie abgaben. Franz wünschte sich, dazuzugehören, und erkannte dann erst, dass sein Wunsch bereits erfüllt war. Und, Margareth, wie schaut es aus?, eröffnete er sein Gespräch meistens mit einer Frage, um den Ball zuzuspielen, den sie sofort aufnahm: Philipp und Lea sind schon da, Peter kommt später dazu. Wo bleibst du denn so lange?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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