Stirb endlich Alter - Georg Braun - ebook

Stirb endlich Alter ebook

Georg Braun

0,0
4,60 zł

Opis

Renate hat genug von der Pflege Ihres Schwiegervaters Franz und zieht aus. Sie will ihr eigenes Leben führen. Die Familie droht in einem Chaos zu versinken. Die beiden Kinder Annika und Lars kommen anfänglich mit der Situation ohne Mutter nicht zurecht, Roland, Ehemann und Vater verzweifelt. Franz reagiert auf seine Weise und wehrt sich mit einem spannenden Spiel: Er hat eine besondere Tür zu seinem Zimmer einbauen lassen. Er überrascht mit einer weiteren Aktion und sorgt für ein dramatisches Ende …

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 257

Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Georg Braun

Stirb endlich Alter

Stirb endlich Alter

Georg Braun

mpressum

Texte: © Copyright by Gerhard Engel

Umschlag: © Copyright by Thorsten Jurai

Verlag:

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH,

Berlin

Kapitel 1

Es war kalt. Bitterkalt. Minus vierzehn Grad im Dezember, fünf Tage vor Weihnachten – dem Feiertag der Geburt Christi. Oder wie es verweltlicht das »Fest der Liebe« genannt wurde. Renate, die Mutter sowie Annika, zwölf und der zehnjährige Lars backten Plätzchen. Der Adventskranz schmückte das Wohnzimmer, wo am Abend die Familie zusammenkam, betete und Lieder sang. Der Holzofen bollerte, die Wärme kroch in die Kleider. Die Glut knisterte.

Der Alte treibt mich in den Wahnsinn. Der Sargnagel meines kurzen Lebens. Habe die Schnauze gestrichen voll, dachte Renate.

Sie suchte in der Schublade, ob das … noch?

»Es liegt Gott sein Dank am selben Ort« sprach sie erleichtert in sich hinein und diese Gewissheit strahlte Zuversicht in ihr aus. Damit spürte sie Kraft in den Körper emporsteigen. Wärme durchflutete alle Fasern, jeder Körperzelle, die durch die Witterung und das menschliche Klima erkaltet war. Eben durch die Pflege ihres Schwiegervaters haderte sie mit Gott und der Welt.

Nach getaner Arbeit waren Renate, Roland und die Kinder müde. Der Familienvater war der Forstwirt der Gemeinde, seine Schufterei im Wald strengte an und erforderte viel Konzentration und Geduld. Geduld mit den Bäumen, die tief verwurzelt und schwer zu fällen waren und mit den Mitarbeitern, die schwerfällig taten, was Roland erwartete. Die Männer im Dorf konnten die Fallwege der Bäume nicht mit dem Auge berechnen, sie arbeiteten grobschlächtig. Wenn es nach den Hilfsförstern ginge, hätten die angesägten Nadelhölzer an dem Ort liegen zu bleiben, wo sie just standen. Das trieb Roland häufig auf die Palme, ein Wort gab das andere, die Forstgehilfen knurrten kurz und gaben letztlich widerwillig nach. Sie waren auf den Stundenlohn angewiesen. Hier, in dem kleinen Ort Hebelbach in Südbaden, war es schwer, einen Beruf zu finden, in dem genug zu verdienen war. Die Menschen schämten sich, arm zu sein, und ein Großteil der Bürger mied das Amt, obwohl sie die staatliche Unterstützung händeringend benötigt hätten.

Die sollen froh über mich sein, wegen mir hat Renate Arbeit, weiß sie, mit ihrer Zeit was anzufangen war Franz der Meinung.

Er wurde nachdenklich. Er bekam in der Vergangenheit oft dazu Gelegenheit, über das eigene Leben zu grübeln. Auch Renate, Roland, Annika und Lars Kastel besaßen eher knapp Geld. Zusätzlich war die Familie einer ganz besonderen Belastung ausgesetzt. Der Stress, der unkontrollierbar den Alltag durcheinanderbrachte, beunruhigte und traurig machte. Er forderte den vollen Einsatz der Familienmitglieder und gewährte selten eine mehr als zwanzigminütige Atempause. Schon seit zwei Jahren hatten die Kastels ein Problem, das die größte Aufmerksamkeit verlangte, und sie fanden keine Lösung dafür. Die Pflege des todkranken Großvaters zermürbte sie alle, und nur zu gerne hätten sie die Verantwortung abgegeben.

Eigentlich gehört der Alte ins Heim. Ich kann nicht mehr, die Kräfte sind aufgezehrt.

Doch sie scheuten bis zu dem Zeitpunkt diesen Schritt und wollten sich die Erschöpfung, die zur seelischen Ohnmacht geworden war, überspielen. Außerdem hatten die Kastels rechtliche Fesseln an den Händen. Franz Kastel, neunundsiebzig, litt seit vier Jahren und zweihundertsiebenundsechzig Tagen an Lungenkrebs. Die Metastasen zerstörten das Lungengewebe und befielen Leber und Nieren. Endstation, unmittelbar vor dem Friedhof. Aber was bedeutete das? Seit zwei Jahren kämpfte er täglich, stündlich, manchmal äußerst dramatisch gegen die Todesschlinge, die ihm die Luft abdrückte. Spätestens alle zwei Wochen verabreichte der Notarzt eine Spritze, damit er für weitere zehn Tage atmete. Die Ärzte wie die Kastels wussten um die Sinnlosigkeit der Maßnahmen. Einen Heimplatz lehnten die Kastels aus zwei Gründen ab: Erstens gab es einen Erbvertrag, der Roland verpflichtete, Franz bis zu seinem Tode zu pflegen. Bei einer vorzeitigen Aufgabe der Pflege müssten sie das Haus verkaufen und den Erlös unter den sieben Geschwistern aufteilen. Und zweitens lag das nächste Pflegeheim 20 Kilometer entfernt. So viel Herzblut floss durch die verstopfte Familienarterie, als dass man dem alten Kastel eine Pflegeheimunterbringung ersparte. Sie hingen irgendwie aneinander, auch wenn die Emotionen inzwischen eher in die negative Richtung ausschlugen. Eine unterkühlte Form der Hassliebe.

Lande ich im Heim, geht das Haus flöten, dann muss es verkauft werden. Renates Blick möchte ich in dem Moment sehen, wo der Notar den Vertrag protokolliert ... , jubilierte Franz.

In Hebelbach lebten in den meisten Familien gewöhnlich mindestens drei Generationen unter einem Dach, das war selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Wer es ablehnte, die Eltern zu pflegen, wurde mit Verachtung gestraft. Renate zumindest hätte das in Kauf genommen: Am Boden ihrer Kräfte fühlte sie den Mitbewohnern des Dorfes und den sozialen Regeln gegenüber nur noch Abscheu. Die Dorfbewohner zeigten gerne mit dem Finger auf Leute, die es schwer hatten. Mit den Dorfregeln, aber zudem mit dem Leben. Zu dieser Gruppe gehörte Renate. Sie kämpfte ums seelische Überleben. Vorwürfe von Menschen, die in einer anderen Lebenssituation sind, würde sie kalt lassen, sie hasste Leute, die mit erhobenem Zeigefinger den Gehsteig entlangschlichen und überforderte Mitbürger verurteilten.

»Die Arschlöcher, putzen bestenfalls den eigenen Popo, und verachten mich, die einen dreckigen Alten ins Bad schleift und abduscht.« Renate hatte genug vom Dorftratsch, satt bis über beide Ohren.

Wenn Franz nicht verschwindet, .... Roland muss aufwachen!

An den vergangenen zwei Heiligabenden hatte der Notarzt ausgerechnet die Bescherung gestört, auf die Annika und Lars hin gefiebert hatten.

Das tut mir leid für die Kleinen. Aber was kann ich für meine Erstickungsanfälle? Würde jeder andere um Luft ringen, käme auch der Rettungsdienst. Jeder würde eine Hilfe dankbar annehmen. Von mir erwartet mir was anderes ... abkratzen. Da geb ich mein Haus her und als Dank pflastert man mir den Weg in die Grube. Wie nett und herzlich. Leben kann ich hier in der Tat nicht mehr, aber deswegen ins Heim abhauen? Damit Renate die Früchte meiner harten Lebensarbeit allein einsackt?

Niemand behauptete, Franz simulierte. Roland, Renate und die beiden Kinder, sie sehnten ein liebevolles und friedliches Weihnachten herbei. Annika und Lars lebten die längste Zeit ihres noch kurzen Lebens mit dem Opa zusammen und fühlten sich permanent in die zweite Reihe gedrängt. Begrenzt akzeptierten sie diese Rolle. Langsam wurde es Zeit, dass auch ihre Bedürfnisse erfülltwurden.

Opa am Morgen, Opa hier und Opa am Abend. Pass mal auf Opa auf, ich muss einkaufen. »Darf ich eine Freundin einladen?«

»Nein, du weißt doch, dass der Opa Ruhe braucht.«

In dem Klima gedieh eine aggressive Stimmung, denn Annika kam in die Pubertät und spürte eigene, pulsierende Energien aufkeimen. Sie beobachtete an anderen, wie die mit ihren Müttern redeten, wie sie ernst genommen wurden. Das wünschte sich die junge Kastel, wie sie im Dorf genannt wurde, auch. Und sie giftete dann zurück:

»Der Opa hat kein Recht, dich aufzufressen, ich bin auch da.«

Die verzweifelte und kraftlose Renate wollte nach mehreren Jahren endlich wieder einmal Weihnachten feiern. Nichts anderes. Ein berechtigtes Anliegen. Jeder feierte in Deutschland das Fest der Liebe, für sie wurde es zum Horrorfest der Hiebe. Sie quälte sich jahrelang im Hamsterrad, aus dem sie keinen Ausweg fand. Es keimten Gedanken an die eigene Zukunft und die der Kinder auf. Eine Zeit erleben, die von Selbstbestimmung und ohne Zwänge gestaltet wurde. Keine strangulierenden Bindungen an einen siechenden Opa. Die beiden Kinder lebten befreit auf, lernten mit Freude und genossen die Kindheit und Jugend. Sie war so entnervt von der ausweglosen Situation und hatte kein Patentrezept. Opas Zustand verschlechterte sich zusehends.

Bald betrachte ich die Radieschen von unten, dann freut sich Renate. Und Roland? Der steht unter ihrer Fuchtel und sie knechtet ihn. Furchtbar. Er übersieht mit den blinden Augen die Tatsachen, der arme Kerl. Mir tut´s weh, was aus ihm geworden ist. Ein pieseliger Waschlappen, der für jeden Schritt Renates Zustimmung braucht. Würd`s mir besser gehen, ich hätte der Tyrannin längst eine geknallt. Roland muss auf den Tisch hauen, er geht sonst vor die Hunde.

Heimlich holte sie bei ihrem Hausarzt Dr. Fünfstern und einem weiteren Fachmann Informationen ein. Sie interessierte, ob man einen Sterbenskranken durch medikamentöse Hilfen rechtlich einwandfrei erlösen könnte besser, dürfte. Sie dachte dabei mehr an ihre juristische Absicherung, weniger an ein sterbenbeschleunigendes Präparat. Die Mediziner boten übereinstimmend eine schmerzstillende Spritze an, Weitergehendes wäre bedenklich.

Eine Maßnahme, die zum sofortigen Ableben führte, lehnten beide ab. Allenfalls käme eine Sekundärmaßnahme in Betracht, also eine solche, die vordergründig eine zusätzliche Krankheit behandelt mit dem Nebeneffekt, dass der Patient eventuell früher stürbe.

Renate hatte den Ausführungen der Fachleute gelauscht, aber nicht alles richtig verstanden.

»Dann wäre es also möglich, unserem Vater eine letzte Injektion zu verabreichen, damit er schneller sterben könnte?«

Fünfstern stotterte ein wenig, leise, kaum hörbar.

Was soll ich der Frau Kastel denn sagen? Ich verstehe sie, ja, nur zu gut. Der alte Knochen macht ihr das Leben zur Hölle, zur Höchststufe einer überhitzten ... Ich baue ihr eine gedankliche Brücke, was sie anfängt, überlasse ich ihr ... Ich ... lasse die Finger von Sterbehilfe, ansonsten lande ich in Teufels Küche.

»Man kann einem Todkranken, der Selbstmord begehen möchte, mit einer Spritze die Angst nehmen.« Sie hörte nur noch »Spritze« und sehnte die nahe Erlösung ihres Martyriums herbei. Ob ihr Schwiegervater an Selbstmord dachte, musste sie mit Schulterzucken beantworten. Ihre Gedanken waren auf das bevorstehende Fest der Liebe fokussiert. Und dass Franz dann ...

»Dieses Weihnachten werden wir ungestört feiern«, versprach Renate den Kindern, »nochmal lassen wir uns durch nichts und niemanden stören.«

»Wie meinst du das?«, schaltete sich Roland ein.

»Dass der Notarzt wegbleiben wird.«

»Woher willst du wissen, dass wir den dieses Jahr nicht brauchen?«

»Weil wir ihn nicht mehr rufen werden oder dein Vater nicht mehr bei uns ist ... oder ich.«

»Wie bitte? Du willst meinen Vater nicht mehr ...?

»Genau. Dr. Fünfstern wird uns vielleicht ...«

»Was wird Dr. Fünfstern?, he?«

»Dein Vater ist schwerkrank, er röchelt vor sich hin und wird bald sterben, das sagt auch der Arzt. Der meint, Franz würde nicht loslassen können und er hätte eine Medizin, die Franz beim Sterben helfen würde. Warum dann nicht ...«

»Hör mal gut zu, liebe Renate. Franz ist mein Vater, er gehört für mich zur Familie wie Annika und Lars. Fertig, aus.«

»Die Kids leiden unter ihm. Welchen Eindruck bekommen sie von Weihnachten, wenn er uns permanent mit seinen Erstickungsanfällen die Freude nimmt? Willst du, dass deine Kinder mit Weihnachten den puren Horror verbinden?«

»Wenn du ihn umbringen willst, was lernen die beiden dann? Man kann jeden beseitigen, falls er einem lästig wird? Nein und abermals nein! Mein Vater gehört zu uns, er hat das Recht, dass wir ihm helfen. Du warst auch einverstanden, als er uns vor neun Jahren das Haus überschrieben hatte, oder nicht?«

»Ich will ihn grundsätzlich am Leben halten. Seine Gesundheit weist eine andere Richtung, ins Finale. Nimm das zur Kenntnis. Dein Vater hat ein Problem: Er tut sich schwer mit dem Sterben. Das ist vielleicht eine Liebestat, wenn wir ihn erlösen. Und übrigens: Im Erbvertrag steht nicht, dass er uns jedes Weihnachtsfest zerstören darf und wir uns von ihm zugrunde richten lassen müssen.«

»Da steht aber, dass wir für seine Pflege bis zum Tod aufkommen. Und du kassierst 1800 Euro Pflegegeld doch auch gerne. Wenn er nicht mehr lebt, ist Schluss damit.«

»Roland, kapier endlich: Ich bin mit meiner Kraft am Ende, mit den Nerven sowieso. Mir geht es nicht mehr um die Kohle. Sollte ich draufgehen, hilft dir keine Million!«

»Du hast bisher immer wieder die Kurve gekriegt. Denk an den Erbvertrag. Willst du das Haus verkaufen und den Kindern ihr Heim wegnehmen? Vater wird bald sterben, aber noch lebt er. Und wir sollten alles tun, damit er würdig lebt und genauso stirbt.«

»Wir sollen ihn wegen der Kröten um jeden Preis am Leben lassen, meinst du das? Mir steht Franz hier, am oberen Scheitel. Wenn du wüsstest. Nein, Roland, ich fange lieber woanders neu an, aber diese Qual muss ein Ende haben.«

»Das Geld ist das eine, es geht aber auch ums Prinzip. Man bringt nicht einfach einen Menschen um, weil er stört. Denk an deine Mama. Du hast sie auch bis zu ihrem Tod gepflegt. Und die hat unter Demenz gelitten. Unser Haus war unsicher wegen ihr. Was hättest du gesagt, wäre ich eines Tages dahergekommen mit dem Vorschlag, sie um die Ecke bringen zu wollen? Wärest du damit einverstanden gewesen?«

»Du übersiehst den entscheidenden Unterschied: Meine Mutter konnte reden und hat Weihnachten mit uns gefeiert. Sie störte nicht eine Feier, dein Vater jede.«

»Sie brauchte uns die ganze Zeit. Und ich musste sie oft zum Arzt fahren. Fünfstern kommt dagegen immer hierher. Natürlich können wir das Geld gebrauchen, keine Frage.«

»Und deswegen sollen wir ums Verrecken einen Todgeweihten künstlich am Leben halten?«

»Nein, wir begleiten ihn beim und im Sterben, wie bei deiner Mutter. Wir pfuschen nicht rein und geben ihm keine Spritze!«

»Du kapierst nicht, dass ich mit den Nerven am Ende bin. Roland, ich kann nicht mehr. Ich will auch nicht mehr. Entweder, wir finden eine Lösung, oder ...«

»Oder was?«

»Oder du kannst Franz alleine pflegen. Ich bin dann weg.«

Die ständigen Hilfsmaßnahmen, wenn Franz sich beim Essen verschluckt hatte, die Körperpflege, das Einmassieren des schrumpeligen Rückens, all das überforderte sie. Zudem der Haushalt, die Kinder mit den Schulschwierigkeiten und einen Ehemann, der tagsüber kaum greifbar war. Sie war überlastet, ihre Umgebung überhörte und übersah sie. Die Fronten verhärteten sich. Roland und Renate kamen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Keiner verstand den anderen. Beste Voraussetzungen für ein katastrophales Weihnachtsfest. Immerhin wusste Roland nun, dass Renate seinen Vater nicht mehr weiter pflegen wollte und konnte. Jetzt waren die Karten auf dem Tisch.

Renate ging die Treppe hoch ins Schlafzimmer und suchte ihre Kleidung zusammen. Sie stapelte sie und legte sie zur Seite auf den Boden. Ihr war klargeworden, wie chancenlos und einsam sie im eigenen Haus dastand. Roland hing an seinem Vater. Er konnte sich genauso wenig von Franz trennen wie umgekehrt. Aber die Pflegearbeiten musste sie größtenteils leisten, ihre Erschöpfung wurde nicht zur Kenntnis genommen. Annika und Lars passten ab und an auf Franz auf oder kochten ihm einen Tee. Roland stand nachts auf. Umfangreichere Hilfe sah anders aus.

Sie stieg zum Dachboden hoch und holte zwei Koffer. Zeichen, die Roland die Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens vor Augen führen sollten. Annika und Lars schliefen bereits. Ihretwegen zögerte Renate noch, ob sie tatsächlich gehen wollte. Es wäre eine Option für die Familienmutter, die Kinder zurückzulassen. Und das war schon eine ganze Zeit so. Sie rang mit ihrer Mutterrolle und der aus der Erschöpfung gediehenen Sehnsucht, auf eigenen Füßen zu stehen. Weihnachten erkor sie aus, für klare Verhältnisse zu sorgen. Sie sah keine gemeinsame Zukunft mehr. Keine mit Roland und Franz. Ihre Kinder liebte sie innig, doch die Spannungen im Haus waren für alle belastend. Lars und Annika liebten ihren Vater, sie vergötterten ihn nahezu. Renate sah die letzte Chance, dass sich etwas änderte, wenn sie ging. Definitiv, ohne geäußerte Rückkehrabsichten. Dann musste Roland in die Bresche springen und er würde nur dann erkennen, was Renate für die Familie geleistet hatte. Sie genoss die Vorstellung, wie Roland winselnd, bettelnd angekrochen käme, sie ihn zappeln ließe. Der Hass fraß sie auf. Sie brauchte zu viel Lebensenergie auf, in der Aufopferung für Franz, die Familie, den Haushalt.

»Du wirst morgen die Koffer wieder hochbringen, wetten?«, frohlockte Roland. »Du bist immer schwach geworden, wenn es hart auf hart gekommen war. Wohin willst du überhaupt?«, setzte er eins drauf.

»Warts ab. Morgen sieht deine Welt anders aus, das schwöre ich.«

»Und was ist mit Annika und Lars? Nimmst du sie mit?«, stach der in die Wunde.

»Fürs Erste wirst du dich um sie kümmern. Wenn ich eine Bleibe gefunden habe, wo wir zu dritt wohnen können, hole ich sie nach.«

Nur, wenn die Kids es wollten, würde sie über eine zeitlich befristete und klar geregelte Rückkehr nachdenken. Ohne Zwang würde Roland nichts ändern. Wenn sie bliebe ..., ein Gedanke, den sie rasch runterschluckte ...

»Du weißt, dass ich im Gegensatz zu dir einer Beschäftigung nachgehe. Die Kinder sind deine Angelegenheit, darauf hatten wir uns verständigt.«

Renate hörte nicht mehr zu. Sie ertrug das Geschwätz Rolands, dem es ihrer Meinung nach ausschließlich um sich ginge, nicht mehr aus, Sie wollte stark bleiben, ein Zeichen setzen, dass es so nicht mehr weiterging.

Welche Herausforderung wartete auf sie nach dem Tod von Franz? Ein Leben mit Roland? Die Ungewissheit grub tiefe Furchen in die Seele. Sie erlebte nur eine lange Zeit mit Franz und einem Ehemann, der sie mit der Last in Gestalt eines alten Sterbenden alleine ließ. Sie packte der Mut. Die Phantasien, die Hassvorstellungen, Enttäuschungen, führten zu nichts. Sie musste ins Handeln kommen.

Sie dachte endlich mal an sich. Und ihre Gedanken fühlten sich warm und wohlig an. Sie ging mit einem entschlossenen Lächeln ins Bett.

Kapitel 2

Renate hatte es eilig. Sie wollte gegangen sein, wenn Annika und Lars aufstanden. Ihr Gesicht verriet Spuren eines schlechten Gewissens. Das bekam sie nicht wegen ihres Todeswunsches für Franz. Sie spürte, dass sie ihre Kinder für etwas leiden ließ, wofür die beiden am wenigsten etwas konnten.

Ich weiß, dass ich möglicherweise Mist baue, ja. Aber verdammt nochmal, einmal im beschissenen Leben möchte ich wichtig sein, einfach nur genießen, nicht das, was Roland und der alte Knacker mir abverlangen. Ich habe lange eine Rolle gespielt. Sie passt mir jetzt nicht mehr. Bei genauem Hinsehen lehnte ich sie schon seit geraumer Weile ab. Nachgeben, dachte ich, wäre eine verständliche Sache, die mal er, mal ich praktizierte. Roland meinte, ich als Weib hätte toujours das zu machen, was der Alte oder er wünschten. So nicht, meine Herren.

Roland lag noch im Bett und schnarchte. Üblicherweise stand er um 5.30 Uhr auf, das bedeutete für sie, spätestens um fünf Uhr das Haus zu verlassen.

Die Horrorvorstellung, wenn sie hierbliebe, den lästig gewordenen und übergriffigen Schwiegervater weitere ungewisse Tage pflegen zu müssen, trieb sie in ihr Auto.

»Nicht eine Sekunde länger mache ich den Unsinn mit. »

Sie wollte weg, nicht weit, aber weg. Sie hatte keine Zukunftspläne. Vom Ort der jahrelangen Aufopferung für einen todgeweihten und anstrengend gewordenen Franz einige Kilometer entfernt zu sein - das reichte ihr zunächst. Noch so nahe, dass sie Annika und Lars an Weihnachten zu sich holen konnte, falls sie die Krise nicht mehr bewältigten und getröstet werden mussten. So weit wirkte dann ihr mütterlicher Instinkt dann doch noch. Ihre Wehrlosigkeit verstanden ihre Mitmenschen als fiese Retourkutsche, vielleicht als Rache für entgangene Lebensfreude. Dass man nach jahrelanger, pausenloser und aufopferungsvoller Pflege eines schwerkranken und schwierigen Menschen am Limit der Kräfte angekommen sein könnte, dämmerte weder Roland noch seinen Angehörigen. Es hatte bislang bestens geklappt. Und für die Geschwister kam die Hausübergabe wie ein Affront vor. Roland musste sich seine Bevorzugung durch harte Arbeit verdienen. Nachträglich. Die Geschwister ließen ihren Bruder alleine mit den Sorgen um Franz. Sie halfen ihm nicht. Sie dachten nicht daran. Im Gegenteil: Mit Argusaugen verfolgten sie in ihrer Verbitterung, wie der väterliche Kronensohn mit Franz umging. Von jenem hatten sie Abstand genommen und besuchten ihn kein einziges Mal. So enttäuscht waren sie.

Renate startete den Motor ihres Fiat Punto und schlich leise vom Hof. Tränen schossen ihr ins Gesicht, sie kam sich als Rabenmutter vor. Sie liebte ihre beiden »Goldschätze«, musste aber ab dem Zeitpunkt ihrer Entscheidung in erster Linie an sich denken. Ihr Selbstbewusstsein sank in all den Ehejahren auf Erbsengröße. Roland und die Kinder nahmen ihre Wünsche entweder nicht wahr oder ignorierten sie. Sie erlebten Renate als energiegeladene und vor allen Dingen liebevolle Ehefrau und Mutter, der die Wünsche und Sehnsüchte der Familie äußerst wichtig waren. Bis sie selbst im Familienchaos untergegangen war. Die emotionalen Hilfeschreie verpufften in der Pflege von Franz und den Diensten an der Familie. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, den Roland ignorierte. Stattdessen forderte er Renate auf, »ihre Schauspielereien« sein zu lassen. Es gäbe schließlich wichtigere Dinge, als ihre Hirngespinste auszuleben. Solche Äußerungen verletzten sie tief. Sie wehrte sich nicht, bis sie am vorigen Tag die Kraft aufbrachte, auf den Tisch zu hauen und mit ihrem Wegzug zu drohen. Was sie in diesem Moment in die Tat umgesetzt hatte. Und trotzdem waberten im Hinterkopf Gewissensbisse, die sie, um sich selbst die vielleicht letzte Lebenschance zu ermöglichen, verdrängte.

Marianne Haberer, 38, 1,80m groß, schwarze Haare und schlank, die jüngere Schwester von Renate, wusste um ihre Situation. Sie kannte die Pläne Renates und war ihrer älteren Schwester in der Trennungserfahrung voraus: Vor drei Jahren ließ sie sich von ihrem Mann Holger scheiden. Als Renate ihr Leid klagte, riet Marianne zur baldigen Trennung, bevor sie dazu die Kraft nicht mehr aufbrachte.

»Seit ich Holger los bin, habe ich Luft zum Atmen und Kraft für neue Erfahrungen«, gab sie Renate zur Antwort, als diese an dem Trennungsratschlag zweifelte. Denn Marianne hatte keine Kinder, Annika und Lars brauchten Renate dringender denn je. Das zwölfjährige Mädchen kam in die Pubertät und suchte oft den mütterlichen Halt, während Lars die Hilfsdienste Renates in Sachen Hausaufgaben und Schule gerne beanspruchte.

»Was haben die beiden von mir, wenn ich kraftlos bin, und ihnen die Hilfe verweigere?«, sprach sie zu sich. Dies Mantra artige Bekenntnis sollte die argumentative Grundlage sein für den Fall, dass irgendjemand eine Rechtfertigung für den mutigen Entschluss erfragte. Und jener Gedanke befähigte sie zu dem schmerzhaften Affront ihren Kindern gegenüber, die an diesem zwanzigsten Dezember aufwachten und erstmals ihre Mutter vermissen mussten. In Hebelbach wurde man wie eine mittelalterliche Hexe behandelt, wenn man die Familie im Stich ließ. Um die Härte ihres Entschlusses abzumildern, schrieb die verzweifelte Mutti ihren Kindern einen Brief:

»Liebe Annika, lieber Lars,

wenn ihr diesen Brief lest, bin ich nicht mehr zu Hause bei euch. Ich weiß, dass ihr sehr darunter leidet. Das tut mir sehr Leid. Ihr habt bestimmt bemerkt, wie verzweifelt ich unter Opas Pflege gelitten habe. Wie mich alles angekotzt und nur noch geekelt hat. Ich will und kann das nicht mehr und da Papa mich nicht unterstützt, bleibt mir nur übrig wegzugehen. Ich muss erst zu mir finden. Wenn ihr wollt, können wir gemeinsam Weihnachten feiern, aber nicht zu Hause, sondern an einem anderen Ort. Schreibt mir eine Nachricht, ich melde mich dann. Ich habe euch immer lieb. Auch wenn ihr meinen Weggang nicht verstehen werdet.

In Liebe

Mama.«

Den Brief las zuerst Annika. Er lag auf dem Küchentisch. In einem Umschlag ohne Sichtfenster, dennoch auffällig in der Tischmitte. Dort fand ihn die Zwölfjährige, als sie kurz nach dem Aufstehen etwas zu trinken suchte. Sie brach in Tränen aus und informierte ihren Bruder. Roland bemerkte das Fehlen Renates, nachdem er aufgewacht war:

»Verdammt, jetzt ist Renate doch tatsächlich abgehauen und lässt mich mit den beiden und Vater im Stich.« Diesen Husarenritt trauter er Renate wirklich nicht zu. Sie kriegte die Kurve immer wieder. Renate wurde in dem Augenblick fremd. Sie nahm ihre Verantwortung und Aufgaben ohne Ausnahme ernst und erfüllte sie gewissenhaft. Das sollte just in dem Moment anders sein. Er versuchte, Renate auf deren Handy zu erreichen, sie blockte ab. Und fuhr an den Straßenrand, weil sie merkte, wie sie mit ihren Nerven am Ende war. Sie ließ ihre Tränen zu und stieg nicht aus dem Auto aus. Ein alleingelassenes Fahrzeug würde am ehesten die Aufmerksamkeit erregen. Man kannte sie auch im zehn Kilometer entfernten Sieblach, wo sie momentan stand. Renate atmete tief durch und öffnete das Fenster, damit frische Luft reinkommen konnte. Sie wurde sich selbst fremd. Sie erfüllte gewohnheitsmäßig, was von ihr erwartet wurde, das empfand sie bis gestern als richtig und notwendig. Allmählich dämmerte ihr, wie wertlos sie sich selbst vorkam, von anderen nichts zu verlangen. Wer nichts wollte, bekam auch nichts. Verkaufte das Leben unter Wert. Damit sollte Schluss ein. Für immer. Roland und die anderen würden nach und nach kapieren, welchen Wert sie für die Familie eingenommen hatte. Sie beruhigte sich allmählich und fühlte sich an den Moment erinnert, in dem sie entschied, ihr Leben ohne Roland und Franz weiter zu führen. Der Gedanke, den unerträglich gewordenen Schwiegervater und den unsolidarischen Ehemann los zu sein, erwärmte ihr Empfinden. Die Entscheidung war vor einem Tag richtig gewesen. Sie hatte Energie getankt und voller Kraft die Koffer gepackt. warum jetzt alles verflogen? Weil sie die Gegenwehr Rolands und der Kinder fürchtete? Die plante sie ein. Weil sie durch den Wegzug gegen die Dorfmoral verstieß? Die war ihr egal. Es war das Geständnis, schwach zu sein. Sie, die immer ihre Aufgaben akkurat und zufriedenstellend erledigte versagte plötzlich. Sie war am Ende der Kräfte. Dieses Eingeständnis war ehrlich und richtig. Und deswegen fasste sie erneut den Mut, zu ihrer Schwester zu fahren und sich von nichts und niemand beirren zu lassen. Denn, »ja« zu seinen Stärken und Schwächen zu sagen, bedeutet eine liebevolle Selbstannahme. Und die kann unter keinen Umständen falsch und verwerflich sein. Nachdem die Tränen weggewischt, die Nase geputzt war, ließ sie den Motor an und fuhr weiter nach Happbach, wo Marianne wohnte. Fünfzehn Kilometer von Hebelbach entfernt. Bei ihrer Schwester traf sie auf eine anfangs verständnisvolle Beschützerin. Sie baute sie zunächst auf und gab ihr Rückhalt. Vor Roland. Der hatte Respekt vor Marianne, die ihn schon das eine oder andere Mal in den Senkel gestellt und ihm gedroht hatte, ihn der Pflegekasse zu melden, weil er Geld einstrich und den Vater übel behandelte. Statt ins Krankenhaus zu verlegen, rief er den Rettungsdienst. Aus Angst vor den pharisäischen Geschwistern, denen er Erbsenzählerei unterstellte, was der Begriff »Pflege bis zum Tod« anbelangte. Mit Marianne war nicht gut Kirschen essen, das wusste Roland. Trotzdem fuhr er hin. Wegen Renate, der einstigen Liebe seines Lebens.

Kapitel 3

Annika kam von der Schule nach Hause mit einer interessanten Hausaufgabe. Roland arbeitete noch im Wald. Für die Erledigung der Aufgabe benötigte sie ihren Vater händeringend.

»Papa, wann kommst du heim? », fühlte Annika per WhatsApp vor.

»Wenn ich fertig bin. Kann spät werden. » Das passte der Schülerin absolut nicht in den Kram. Einmal bräuchte sie Roland für Schularbeiten und dann sägt er im Wald Bäume.

»Mama, hast du Zeit für ein paar Fragen? »

»Ich hole dich ab. Dann stehe ich dir zur Verfügung. » Eine knappe Viertelstunde verging und Renate hupte vor dem Haus. Die Kleine packte die Fragen und einen Block mit Schreibzeug in ihre Umhängetasche, zog ihre rehbraune Lederjacke an und kämmte das lockige Haar zurecht.

»Hallo, Mama, schön, dass du Zeit für mich hast. »

»Wir fahren in den Löwen. Dort können wir ungestört reden und nebenher die Aufgaben machen. »

Die beiden bestellten ihre Lieblingsgetränke. Annika Eistee mit Zitronen- und Maracujageschmack, Renate einen karamellisierten Cappuccino mit Schokostreuseln. Die Tränensäcke Renates verrieten einen unterdurchschnittlichen Schlaf, außerdem einen tränenreichen Kampf. Das Mädchen reagierte ein wenig erschrocken, wollte den Schrecken unterdrücken, was ihr misslang.

»Ja, Annika, ich habe viel geweint. Oder meinst du, mein Wegzug fiel mir leicht? » Unsicher nahm das Mädchen einen Schluck aus dem mittlerweile servierten Eistee, ehe sie antwortete:

»Ich glaube, du hast mit deiner Aktion mehr Chaos angerichtet. » Renate wollte zur Gegenantwort ansetzen, Annika fiel ihr ins Wort: »Die Sache musst du mit Papa klären. Ich brauche jemand, der mir die Geschichte von Franz erzählen kann. »

»He, wieso brauchst du die Lebensstory des alten Stinkers? » Renates Gesicht lief rot an. So wütend war sie.

»Mama, bitte: Opa ist wichtig für mich, auch wenn du ihn nicht leiden kannst.«

Renate schluckte zweimal, schaute auf den Boden und fragte:

»Was ist eure genaue Aufgabe?«, fragte sie Annika zu ihrer Irritierung.

»Wir müssen die Geschichte eines alten Menschen aufschreiben, der uns vertraut ist. Da fiel mir Opa ein. Geschichtshausi.«

»Ich kann nur das erzählen, was ich von deinem Vater, Franz persönlich und den anderen Verwandten noch in Erinnerung habe. Garantieren kann ich für nichts. »

»Ich habe ein paar Fragen, okay? »

»Schieß los. »

»In welchem Jahr wurde Franz geboren? »

»1937.«

»Was passierte in dem Jahr? »

»Nichts Besonderes. Hitler bereitete den Zweiten Weltkrieg vor. Aber für Opa hatte der Krieg kam Auswirkungen. Er wurde in einen Bauernhof hineingeboren und hatte immer genug zu essen. »

»Wo besuchte er die Schule? »

»In Hebelbach. Die gesamte Schulzeit. »

»Was weißt du noch über seine Erlebnisse in der Schule? »

»Er hatte einen sehr strengen Lehrer, den alten Kürner. Wenn Franz mal nicht gespurt hatte oder eine falsche Antwort gab, schlug Kürner zu. »

»Tat das weh? »

»Eine Ohrfeige mit dem Handrücken? Schläge mit dem Eisenstock? Mädchen, du stellst Fragen. »

Annika fiel in eine ungewöhnliche und tiefe Nachdenklichkeit. Sie hatte ihre Fragen für einen Augenblick auf Eis gelegt und dachte nach. Wie Franz in der Schule leiden musste. Wenn er eine falsche Antwort gegeben hatte. Sie überlegte, wie viele Schläge sie eingesteckt hätte, wenn sie zur Zeit ihres Großvaters die Schule besucht hätte. Da hatte sie es richtig gut. Sie wurde nie geschlagen, das durften ihre Lehrer nicht. Ein wenig meinte sie, man könnte Franz besser verstehen. In seiner Grobheit. Er gab nur weiter, was er persönlich erlebt hatte.

»Was hatte Opa eigentlich gelernt? »

»Schlosser, hier in der Metallfabrik. Nach dem Krieg wurden alle Kräfte für den Wiederaufbau Deutschlands benötigt. Deshalb konnte er mit dreizehn Jahren die Schule verlassen und eine Ausbildung anfangen. »

»So früh? Dann müsste ich in einem Jahr auch eine Ausbildung beginnen. Ich fühl mich viel zu jung dafür. »

»Keine Angst. Das musst du nicht. »

Renate wirkte geistesabwesend. Annika fragte nicht mehr. Sie entschied für sich, den Rest der Fragen an ihren Vater zu stellen. Was die Beziehungen von Franz anging, würde Roland wahrscheinlich besser Bescheid wissen.

Renate kämpfte. Mit sich, den Gefühlen, den Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Die Fragen Annikas setzten unkontrolliert Emotionen frei, die auf eine Verarbeitung warteten.

»Hast du noch Fragen? Wenn nein, würde ich gerne zahlen und dich nach Hause fahren. »

»Nein«, log Annika. Sie verließen gemeinsam das Lokal und beide kämpften mit eigenen Gefühlen. Jede für sich alleine und beide fühlten messerscharf die persönliche Einsamkeit.

Roland wartete auf Annika. Seine Rückkehr erfolgte früher als gedacht. Ein Auftrag wurde storniert, so dass Roland schon eher Feierabend machen konnte. Irritiert blickte er in traurige Augen, als er Renate und Annika im Auto vor der Türe sah.

»Hattet ihr einen schönen Mittag? », fragte er eifersüchtig.

»Du warst im Wald und hattest keine Zeit für mich. Mama schon«, giftete das Töchterchen zurück.

»Jetzt habe ich Zeit. Wenn du noch Fragen hast, bitte. » Annika legte ihre Jacke ab, ging in die Küche, wo sie etwas getrunken hatte. Dann schlenderte sie vorsichtig in das Wohnzimmer, Roland wartete, bis das Interview endlich starten konnte.

»Was ich noch wissen will: Wie lernte Opa seine Frau kennen, also die Oma, die ich nie gekannt habe? »

»Das war auf einem Blasmusikkonzert. Meine Mama spielte Klarinette, richtig gut. Dem Opa fiel sie sofort auf. »

»Was machte er, um sie kennenzulernen? »

»Er sprach sie persönlich an, begleitete sie nach Hause. Und bald waren sie ein Paar. »

»Wann was das? »

»1955, beide waren achtzehn. Damals noch nicht volljährig. »

Annika wollte wissen, wann sie geheiratet haben und wo sie nach der Hochzeit gewohnt hatten. Roland antwortete alles wahrheitsgemäß. Dann stellte er plötzlich eine Frage:

»Interessiert dich nur der oberflächliche Kram?, Willst du wissen, wie Opa als Vater gewesen war? »