Spiel mir das Lied vom Leben - Angela Krumpen - ebook

Spiel mir das Lied vom Leben ebook

Angela Krumpen

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Opis

Als Michael Emge ins KZ kam, war er noch ein Kind. Ein Kind ist auch die Ausnahmegeigerin Judith, als sie mit elf Jahren auf YouTube die Titelmelodie zu Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" findet. Sie beginnt, sich für die Geschichte des Holocaust und seiner Überlebenden zu interessieren. Eines Tages treffen sich Judith und Herr Emge, der als einziges Kind auf der Liste Oskar Schindlers stand und einst selbst Violine spielte. Diese Begegnung wird beide verändern.

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Angela Krumpen

Spiel mir das Lied vom Leben

Judith und der Junge von Schindlers Liste

Impressum

Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011, 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © dpa Picture-Alliance

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80273-7

ISBN (Buch): 978-3-451-06687-0

Für Jerzy und Judith

„Music is God. In difficult times you feel it,

especially when you are suffering.“

(„Gott ist Musik. Das fühlst du in schlechten Zeiten,

besonders, wenn du leidest.“)1

Alice Herz-Sommer

Dieses Buch ist auch gewidmet:

Unseren Kindern

Sebastian (Jerry) und Bastian

Fabian und BennieUlrich, Matthias, Hannah, David und Benedikt

Peter und Alex

Mirjam,

den Freunden unserer Kinder,

den Kindern unserer Freunde

und ihrer ganzen Generation,

weil sie schon bald keine Zeitzeugen

mehr werden fragen können.

Inhalt

Prolog

Einleitung:Judith und der Junge von Schindlers Liste

Wie alles beginnt

Die Schatten ziehen herauf

Von jetzt an seid ihr erwachsene Leute

Nur noch eine Nummer

Für Musik riskiere ich mein Leben

Polen – Reise in die Vergangenheit

Die Liste

Ende und Befreiung

Leben danach

Der Film öffnet die Tür zum Leben

Epilog

Danke

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Prolog

Strahlend blauer Himmel. Ein Elektrocaddy, so wie sie auf Golfplätzen umher fahren oder von Touristen zu bequemen Stadtbesichtigungen genutzt werden, bringt einen alten, kranken Mann und ein junges Mädchen weit in ein Gelände. An einer Treppe halten sie. Der alte Mann steigt aus, er erkennt den Ort wieder. Erinnerungen überwältigen ihn, bitterlich fängt er an zu weinen. Das Mädchen bleibt an seiner Seite. Erschrocken, aufmerksam, mitfühlend.

Die Sonne wärmt schon an diesem wunderschönen Frühlingstag, Ende April 2010 in Polen. Als sei nichts gewesen, recken Löwenzahnblumen selbstbewusst ihre gelben Blüten in die leuchtend grünen Grasflächen, sie stören sich nicht an den rostigen Stacheldrahtzäunen, grauem Asphalt oder an dem Fuß des schwarzen Galgens. Wie vergessen ragt der in den Platz, befreit von seiner tötenden Schlinge. Immerhin. Vor dem Gelände steht ein weißer, hoher, akribisch restaurierter Torbogen mit Schindeldach. Hierdurch hat das Elektrocaddy den alten Mann und das junge Mädchen gefahren. „Arbeit macht frei“ ist weithin und sehr ordentlich zu lesen.

Einleitung:Judith und der Junge von Schindlers Liste

„Ich muss doch verstehen, um spielen zu können.“ Jede Geschichte fängt irgendwo an: Und mit diesem Satz beginnt diese Geschichte. Gesagt hat ihn Judith, zehn Jahre alt war sie da. Sie hatte im Internet nach ihrem großen Geigenvorbild Itzhak Perlman gesucht. Und stieß bei YouTube als erstes auf ein Video, in dem er als Solist die Filmmusik von Schindlers Liste mit Orchester spielt.2 „Ist das schöne Musik, die will ich auch spielen“, war Judiths erste Reaktion. „Warum ist das Publikum so gerührt?“, die zweite. Tja, warum sind die Menschen so gerührt? Die Antwort darauf fiel nicht so schwer, das kann man auch einem Kind erklären: „Die Menschen im Publikum sind so gerührt, weil Itzhak Perlman gerade die Filmmusik des berühmten Films ‚Schindlers Liste‘ von Steven Spielberg gespielt hat. Ein Film über den Holocaust, die systematische Vernichtung von Juden in ganz Europa durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg.“ Aber damit war Judith nicht zufrieden: „Ich will das Stück spielen! Aber doch nicht nur die Noten. Ich will wissen, worum es geht. Ich muss doch verstehen, um spielen zu können!“

Immer schon war Judith furchtbar hartnäckig. Als sie zwei Jahre alt war, wollte sie Geige spielen lernen. Zu früh, fanden die Eltern, die beide Musiker sind: „Einen gescheiten Geigenunterricht bekommst du auch noch mit sechs Jahren.“ Judith aber hat für so ein kleines Wesen eine geradezu atemberaubende Beharrlichkeit an den Tag gelegt. Ein halbes Jahr später hatte sie immer noch nicht aufgehört, eine Geige einzufordern. Und als eine Kollegin der Eltern, eine Elementarpädagogin, von Judiths beharrlichem Wunsch erfuhr, redete sie ihnen ins Gewissen: „Wenn ein so kleines Kind so lange etwas einfordert – dann müssen Sie darauf eingehen!“ Judith war drei, als sie eine Pappgeige bekam. Und ihr damit die Probe noch bevorstand, wie ernst es ihr war – schließlich machte diese „Geige“ keine Töne. Sie war dafür da, dass die kleinen Finger sich an das Halten einer richtigen gewöhnen konnten. Judith bestand die Probe, und zum Nikolaus bekam sie ihre ersehnte Geige, ein Sechzehntel von einer großen. Schnell zeigte sich ihr Talent, schnell auch, wie beharrlich und ausdauernd sie dranblieb. Für die Eltern begann eine Auseinandersetzung, die bis heute andauert: wie behütet man ein solches Kind am besten? Wie viel Raum kann, soll, muss diese massive Forderung nach Förderung bekommen? Die Umwelt war wenig hilfreich. Von allen Seiten gab es vor allem Widerstand: „Ihr stehlt dem Kind die Kindheit, egoistische Eislaufeltern, die ihr seid“, rief die eine Fraktion, die der meisten Eltern, Erzieher, später Lehrer rundherum. „Ihr verschwendet das Talent des Kindes“, sagten die anderen, die, die Judith schon im Vorschulalter von Professoren unterrichtet sehen wollten, die, die Judiths Teilnahme an einem normalen Schulleben als bloße Zeitverschwendung geißelten. Dazwischen suchten die Eltern ihren Weg. Und fanden ihn, indem sie vor allem auf Judith schauten.

Das also ist Judith. Die Geschichte aber erzählt von „Judith und dem Jungen von Schindlers Liste“. Dieser Junge ist heute ein alter Mann, von Krankheiten gebeutelt, aber mit großer Unbeugsamkeit gesegnet. Er war neun Jahre alt, als Adolf Hitler Polen überfiel und der Zweite Weltkrieg begann – das Ende seiner Kindheit und das Ende einer vielversprechenden Geigenzukunft. Und erst der Anfang von unermesslichen Verlusten: Er hat seine ganze Familie, Vater, Mutter, Bruder und 62 weitere Familienmitglieder verloren. Ermordet. Alle. Bei seiner Befreiung war der Junge 15 Jahre alt und wog 27 Kilo. Er musste seinen Weg ins Leben finden, irgendwie. Und hat sich oft gefragt, wozu er das alles überlebt hat. Schon als kleiner Junge hatte er angefangen zu geigen, wer weiß, wohin er auf diesem Weg gelangt wäre, hätten die Nazis ihm nicht alles genommen, auch die Geige natürlich. Trotzdem ist er nach dem Krieg Geiger geworden und hat in einem Rundfunkorchester Arbeit gefunden. Bis das Leben ihn schon wieder zwang, seine Pläne aufzugeben, um sich und seine eigene, neue, kleine Familie durchzubringen. Jahrzehntelang ging es nur darum. Von der Vergangenheit hat er so gut wie nicht erzählt.

Erst rund 50 Jahre nach dem Krieg sollte sich das ändern, erst, als Steven Spielberg seinen später Oscar-gekrönten Film „Schindlers Liste“ in die Kinos brachte – und damit Oskar Schindler ins Rampenlicht, jenen Fabrikanten in Krakau, der gegen Ende des Krieges durch List und Bestechung mehr als tausend in seiner Fabrik angestellte Juden rettete. Einer von ihnen war noch ein Junge. Seine Mutter hatte in der Fabrik gearbeitet. Vielleicht war er deswegen auf die Liste gekommen. Jedenfalls stand er darauf. Und anders als sein Bruder, der auch auf der eigentlich lebensrettenden Liste stand, hat er tatsächlich überlebt. Als Spielbergs Film in die Kinos kam, wollte und konnte der Junge von damals nicht mehr schweigen. Zu groß war sein Ärger über das, was der Film zeigt. Und was er nicht zeigt. Als er einem bekannten jüdischen Schriftsteller seinen Zorn klagte, antwortete der lakonisch: „Solange Sie nicht selber reden, solange müssen Sie aushalten, was andere über Sie sagen.“ Wut und Ärger waren groß genug; der Junge von Schindlers Liste fing an, vor Schulklassen und bei Veranstaltungen von seinem Erleben zu berichten. Außerdem hatte er Mut und Kraft, und beides brauchte er als Zeitzeuge, nur so konnte er es auf sich nehmen von Verrat, Folter, Demütigung, Schmerzen, Verlust und Schindlers Liste zu erzählen. Und nur so konnte Judith ihn finden.

Wenn er erzählt, öffentlich erzählt, nennt er sich heute Michael Emge. Dieser Name steht nicht auf der berühmten Liste. Aber er braucht ihn, weil er, nachdem er zunächst unter seinem wahren Namen in die Öffentlichkeit ging, Drohanrufe und -briefe bekam. Unsägliche, braune, neonazistische Post. Er brauchte (und braucht bis heute) eine geheime Telefonnummer, eine Geheimadresse. Er geht weiter in die Öffentlichkeit, nur eben als Michael Emge.

So lernte ich ihn kennen, als Gast in einer Radiosendung. In einem Live-Gespräch erzählten wir seine Geschichte. Wir saßen in einem Studio ganz nah am Kölner Dom, donnerstags am späten Vormittag. Um zwölf Uhr endete die Sendung. Und ebenfalls mittags um zwölf, am selben Tag und ganz in der Nähe, war auch Judiths Aufnahmeprüfung an der Kölner Musikhochschule zu Ende. Ich wusste von Judiths großem Wunsch, jemanden kennenzulernen, der „das Schlimme“, wie sie den Holocaust zu der Zeit nannte, selbst erlebt hat. Sie hatte so viele Fragen, die noch so viele Bücher nicht würden beantworten können. Die Antworten, so hoffte sie, würden sie dem Verstehen und damit der Musik näher bringen. So nah, dass sie durch das Verständnis endlich selbst mit der Geige von dieser Zeit erzählen könnte.

Es war leicht, diesen Wunsch ernst zu nehmen. Judith greift über die Musik auf die Welt und das Leben zu. Was sich ihr dabei erschließt, fließt als Einsichten und Gefühle in ihrer Musik zur Welt und den Menschen zurück. Ihre aufrichtige Frage zielte also auf das Leben selbst, indem sie feststellte: „Ich muss doch verstehen, wenn ich spielen will.“ So trug ich ihren Wunsch weiter, zu Michael Emge. Der war skeptisch – Judith sei noch so jung.

Schließlich aber willigte er doch ein, sie zu treffen. Und sie lernten sich kennen, das junge Mädchen und der alte Mann. Eine Generation am Anfang, eine am Ende ihres Lebens. Und doch begegnen sich zwei Gleichaltrige: „Michael“ war, als er „das Schlimme“ erleiden musste, so alt wie es Judith heute ist. Und schließlich begegnen sich in ihnen auch zwei Geiger, zwei Musiker. Was als Geschichte Judiths anfing, wurde zur Geschichte von zwei Menschen, wurde die Geschichte ihrer Begegnung.

Geschichten haben ihr eigenes, eigenwilliges Leben, wachsen wie sie wollen. Diese hier wurzelt in der Hölle. Ihre Blüten streben himmelwärts.

Wie alles beginnt

Mein Leben auf der Kinoleinwand

[1] Das Licht im Saal geht aus. Die Filmvorführung beginnt. Ein Streichholz entflammt ein kleines Licht im großen Dunkel. Eine fromme jüdische Familie zündet die Sabbatkerzen an. Was wird mich auf der Leinwand erwarten? Was werde ich zu sehen bekommen? Meine Geschichte, mein Leben? Wird es wirklich um das gehen, was ich als Kind erlebt habe? Wie unwirklich das ist. Steven Spielberg, der große Regisseur, hat meine Geschichte verfilmt. Überall auf der Welt werden die Menschen sehen, was damals in Krakau, im Ghetto, im Konzentrationslager in Plaszów passiert ist. Wer wird Amon Göth spielen? Wer Oskar Schindler? Wer den großen Itzhak Stern, den besten aller Schindler-Juden, der, den ich am meisten geliebt habe? Die wunderbaren Geigenklänge von Itzhak Perlman besänftigen meine angespannten Nerven, meine aufgewühlte Seele, aber die kreischenden Gespenster der Erinnerung sind lauter. Angst und Erinnerungen tragen mich davon. An den Ort, von dem Spielbergs Film erzählt, dahin, wovon ich Jahrzehnte lang geschwiegen habe, zu den Qualen meiner Kindheit.

17. Juni 2008

Heute hatte ich Aufnahmeprüfung an der Kölner Musikhochschule. Endlich! Jetzt ist es vorbei: ich habe es geschafft. Jetzt bin ich Studentin an der Musikhochschule. Zuerst war ich unglaublich nervös – aber als ich den Bach gespielt hatte, nicht mehr. Direkt als ich aus dem Vorspielsaal herausgekommen bin, sind wir von der Musikhochschule zum Radio gegangen. Wir waren mit Angela verabredet. Angela ist Radiojournalistin und hatte in ihrer Sendung gerade einen Holocaustüberlebenden zu Gast. Einer, der nur überlebt hat, weil er auf Schindlers Liste stand. Schon lange wollte ich jemanden kennen lernen, der das Schlimme von damals erlebt hat. Angela wusste das – deshalb hat sie den Mann gefragt, ob ich ihn kennen lernen darf. Mein Herz hat total geklopft, als wir vor dem Studio gewartet haben. Und dann kam er. Ganz finster hat er mich angeschaut. Oder misstrauisch? Ich weiß nicht. Angela hat uns erst mal vorgestellt. Und dann hat er mich gefragt: „Warum willst du das denn wissen? Du bist doch sehr jung dafür. Wie alt bist du? Elf, oder?“ Im ersten Moment wusste ich gar nichts zu antworten. Ich will doch nur wissen, was damals passiert ist. Von jemandem, der es erlebt hat. Dann habe ich mir ein Herz gefasst – und gesagt: „Ich hab schon viel über die Zeit gelesen. Aber ich will davon nicht nur lesen. Ich will mit jemandem sprechen, der selbst im KZ war. Ich habe so viele Fragen – und die will ich jemandem stellen, der das alles selbst erlebt hat.“ Es gab eine lange Pause. Ganz direkt hat Herr Emge mir in die Augen geschaut. Ich habe immer gedacht: das muss ich aushalten, das muss ich einfach aushalten, und habe ganz fest zurückgeguckt. Immer weiter. „Okay. Wir können das versuchen.“ Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Wir sind erstmal in ein Café in der Nähe gegangen. Unter einem Baum haben wir in der Sonne gesessen und erzählt. Immer noch war Herr Emge ganz verschlossen zu mir. Meine Eltern haben von der Aufnahmeprüfung erzählt. Herr Emge hat auch mal Geige gespielt! Er wollte alles wissen, welche Stücke ich für die Prüfung gespielt habe und so. Ich habe mich nicht getraut viel zu sagen, aber ich habe ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Immer habe ich gedacht: wie war er wohl als Kind? Und wie war das im Lager? Meine Mutter hat Herrn Emge gefragt, wann er mit der Geige angefangen hat. Und dann hat er gleich erzählt: als Kind. Genau wie ich. Sogar im Ghetto hatte er Unterricht. Aber wenn die Juden ins KZ kamen, mussten sie sich ja ganz ausziehen und durften nichts mitnehmen, nicht die eigenen Kleider und eine Geige sowieso nicht. Mama hat mir zur Feier des Tages einen Espresso erlaubt, weil ich den sooo gerne trinke. Die Bedienung hat ganz komisch geguckt und Mama noch mal gefragt, ob ich das wirklich schon darf. Da hat Herr Emge gelacht und gesagt: „Richtig so, du musst das Leben genießen.“ Wir haben uns verabredet: ich darf ihn wieder treffen! Dafür kann ich vorher alle meine Fragen aufschreiben! Als wir zur Musikhochschule zurückgegangen sind, habe ich unterwegs gedacht: wenn ich jetzt nicht aufgenommen bin, dann ist es auch nicht so schlimm. Schlimm, wirklich schlimm, sind ganz andere Dinge gewesen. Dabei konnte ich vorher an gar nichts anderes denken und es wäre das Allerallerallerschlimmste gewesen, was ich mir hatte vorstellen können. Trotzdem, schlimm ist echt was anderes. Als ich gehört habe, dass ich einstimmig angenommen worden bin, habe ich mich aber doch total gefreut.

Juli

Neben dem Bücherregal im Wohnzimmer liegt immer noch die DVD von „Schindlers Liste“. Ich darf sie nicht gucken. Obwohl ich ganz unbedingt will! Ich kenn’ die Geschichte doch schon. So hat ja überhaupt erst alles angefangen. Bei YouTube habe ich nach Itzhak Perlman gegoogelt. Itzhak Perlman ist mein allerliebster Lieblingsgeiger. Den finde ich soo toll! Ich weiß noch genau, wie ich ihn das erste Mal gehört habe: ich war gerade in die Schule gekommen, da hat Papa eine CD aufgelegt. Itzhak Perlman hat die Geige gespielt – und ich hatte noch nie jemanden so geigen gehört. Noch nie habe ich so deutlich gefühlt, was jemand spielt. Es war so, als spiele er nur für mich, die Musik hat mich ganz in sich aufgesogen. Am meisten beeindruckt hat mich, wie sein Ton klingt: ganz warm. Das, genau das, will ich auch lernen, so soll es klingen, wenn ich Geige spiele! Seitdem ist Itzhak Perlman mein ganz, ganz großes Geigenvorbild. Einmal habe ich ihm geschrieben. Alle, vor allem meine Geigenlehrerin, haben mich gewarnt: „Judith, mach das, wenn du unbedingt willst, aber mach dir um Gottes Willen keine Hoffnung, dass du eine Antwort bekommst.“ Itzhak Perlman sei bekannt dafür, dass er nie antworte. Aber das stimmt nicht, jedenfalls nicht bei mir. Er hat mir geantwortet. Eines Tages kam ich nach der Schule nach Hause und Mama schaute mich so schelmisch an. Sie hatte einen Brief in den Händen – sofort habe ich gesehen, dass ein blauer „airmail“-Aufkleber darauf klebte. Itzie (so nenne ich Itzhak Perlman heimlich immer) hatte mir geantwortet. Mir! Mir! Mir …. Ich bin vor Freude einmal um den Esstisch getanzt und habe Mama stürmisch umarmt. Die hat sich mit mir gefreut. Dann haben wir uns hingesetzt, ganz feierlich, ich habe ein Messer aus der Buffetschublade hinter mir genommen und ganz, ganz vorsichtig das Kuvert geöffnet. Tatsächlich: Itzhak Perlman hat mir geschrieben. Eine Autogrammkarte war in dem Brief. Mit einem neuen Bild von ihm. Als nachmittags ein Schüler von Mama kam, der viel mit internationalen Musikagenturen zu tun hat, hat er gestaunt: „Judith – diese Karte ist ganz selten, auf die musst du gut aufpassen.“ Was für ein Quatsch, als wenn mir irgendjemand so was sagen müsste, natürlich passe ich super gut darauf auf – Erwachsene! Wenn es mal brennt, hole ich das Bild (jetzt hängt es gerahmt über meinem Schreibtisch) direkt nach der Geige aus dem Zimmer! Itzhak Perlman hat sogar etwas auf den Rand geschrieben. „Dear Judith! Practice slowly! Best wishes, Itzhak Perlman“ hat er geantwortet. So sehr ich mich über die Autogrammkarte gefreut habe – dass ich langsam üben soll, finde ich schwierig. Mama zitiert es auch noch immer, sie sagt immer: „Practice slowly!“, wenn ich ein neues Stück spielen will, das meine Lehrerin noch gar nicht erlaubt … Immer soll ich warten, warten, warten. Aber nach dem Brief wollte ich erst recht alles spielen, was er auch gespielt hat. Als ich zehn war, habe ich mal mit Papa zusammen bei YouTube Videos mit Itzhak Perlman gesucht. Gleich das erste war „Schindlers Liste“. Was das war, wusste ich damals noch nicht. Aber die Musik war so wunderschön! Trotzdem habe ich mich gewundert: warum waren alle im Publikum so gerührt? Einige haben geweint – einige haben ganz glücklich ausgesehen. Das fand ich seltsam und ungewöhnlich. Was hat die Menschen so sehr bewegt? Mein Vater wollte mir erst nicht richtig antworten. Erst als ich nicht lockergelassen habe, hat er doch erzählt. Von Hitler und dem Zweiten Weltkrieg hatte ich natürlich schon gehört. Dass die Juden verfolgt und Millionen von ihnen ermordet wurden, auch. Aber die Geschichte von Oskar Schindler, der versucht hat, die Juden, die in seiner Fabrik angestellt waren, zu retten, die kannte ich nicht. Ich wusste auch nicht, dass es einen Film über diese Rettung gibt und dass die Filmmusik für Itzhak Perlman geschrieben worden ist. Direkt neben dem Video stand noch eines mit dem Titel Schindlers Liste. Das war der Trailer zu dem Film. Ich habe zu Papa gesagt: „Komm, lass uns mal schauen.“ Das haben wir dann auch gemacht, aber nur ganz kurz. Papa hat fast sofort wieder ausgemacht: „Ich will nicht, dass du das schon siehst.“ Das kurze Stück vom Trailer war auch gruselig. Aber ich wollte die Musik spielen! „Wie soll ich denn die Musik spielen, wenn ich nicht weiß, was passiert ist?“ habe ich geschimpft. „Lass mich doch den Film gucken!“ Mama ist hart geblieben, bis heute: „Der Film ist ab zwölf. Vorher siehst du ihn auf gar keinen Fall. Und ob du ihn dann siehst, das schauen wir mal. Bilder sind einfach etwas ganz anderes. Diese Bilder kommen zu früh!“

Später haben wir in einem Café nach der Schule noch mal darüber geredet, als wir auf meine Geigenstunde gewartet haben. „Als mich das Thema interessierte, war ich etwas älter, als du heute bist. Sechzehn oder siebzehn oder so. Damals habe ich das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen. Wenn du willst, dann gebe ich dir mein Exemplar.“ – „Oh, darf ich?“ Natürlich wollte ich. Zu Hause haben wir das Buch gleich aus Mamas Mädchenbüchern rausgesucht. Und sobald ich Zeit hatte, habe ich es gelesen. Es war spannend und traurig. Bis Anne dann älter wurde und die Stellen kamen, wo Anne sich in Peter verliebt hat. Davon wollte ich irgendwie nichts wissen.

An dem Abend habe ich gehört, wie Mama mit Papa über mich und mein Interesse am Holocaust gesprochen hat. „Ich bin total darüber erschrocken, dass Judith das alles so früh wissen will. Am liebsten würde ich es abwiegeln, sie beschwichtigen. Sagen, dazu bist du noch zu klein.“ – „Du kennst Judith, abwiegeln hat noch nie geklappt, wenn sie etwas so sehr wollte. Du hättest sie vor dem Computer erleben sollen, als wir zusammen Itzhak Perlman gehört haben. Sie war wie weggebeamt, völlig gebannt.“ – „Aber dir ist es doch auch zu früh!“ „Ja, ist es. Ich sehe aber nicht, wie wir sie davon abhalten können.“ – „Wenn sie aber wirklich schon wissen will, dann auch richtig. Dann darf sie nicht abgespeist werden mit ‚Ach, so schlimm war es auch wieder nicht.‘“

Zu Weihnachten hat mir mein großer Bruder die Noten von der Filmmusik geschenkt. Er kann toll arrangieren. Er hat sich die Musik auf YouTube angehört und für mich aufgeschrieben. Gleich, noch an Weihnachten, habe ich angefangen sie zu üben. Als ich nach den Ferien damit zu meiner Geigenlehrerin kam, war die aber alles andere als begeistert: „Das bringt dich technisch nicht weiter. Du musst systematisch dein Repertoire aufbauen. Mit solchen Stücken verschwendest du deine Zeit“, hat sie gesagt. Da habe ich das Stück von John Williams eben zusätzlich geübt. Wie kann es falsch sein, etwas so Schönes zu spielen?

Die Schatten ziehen herauf

Preußische Disziplin und Wiener Charme

Wir waren eine bürgerliche Familie. Nicht reich, aber so vermögend, dass wir keine Existenzsorgen hatten. Mein Vater war Ingenieur, das war vom Status fast wie ein Beamter. Meine Mutter war die Geschäftsführerin in unserem Familienunternehmen. Mein Vater hatte in Krakau Arbeit gefunden, er sollte eine Brücke bauen, als meine Mutter mit mir schwanger war. So sind sie von Leipzig nach Krakau gezogen und dann dort geblieben. Die Brücke gibt es heute noch.

Mein Bruder Ottek wurde vier Jahre vorher, noch in Leipzig, geboren. Er war ganz anders als ich: er hat viel und gerne geschrieben. Er war der Literat, der Philosoph unter uns. Mein Bruder war ein ruhiger Typ, fast ein Träumer. Ich war sehr lebhaft. Dafür war ich immer krank, alle, aber auch alle Krankheiten habe ich bekommen. Wie oft habe ich meine Mutter sagen hören: „Wie hält er das aus?“ Aber ich habe dabei gelernt zu kämpfen – ich habe alle Krankheiten besiegt!

Meine Mutter kam ursprünglich aus Wien. Oh, meine Mutter! Sie war klug – und bildhübsch. Dunkle Haare, dunkle Augen, eine richtig tolle Figur. Sie konnte sehr streng sein, vor allem, wenn es ums Arbeiten und das Erledigen von Aufgaben ging. Aber sie hatte so ein großes, weites Herz. Wir haben mit Porzellan und Kristall gehandelt. Sie hatte den sprichwörtlichen Wiener Charme und war die geborene Geschäftsfrau. Mein Vater hingegen hatte eine geradezu preußische Disziplin. Wir Kinder hatten sozusagen von jeder der beiden Kulturen etwas. Und bei uns im Haus hingen immer zwei Porträts: auf der einen Seite Kaiser Franz Josef und daneben der polnische Staatspräsident Pilsudski, der 1918 die Führung Polens übernommen hatte. Mutter sagte immer: „Der Kaiser ist der Beste, den man sich vorstellen kann“, und Vater: „Pilsudski hat die Russen zum Teufel gejagt und außerdem ist er ein Philosemit“. Meine Eltern hingen nicht nur zwei unterschiedlichen Staatsmännern und zwei unterschiedlichen Staaten an, sondern auch zwei Religionen: mein Vater war mosaisch, meine Mutter katholisch. Doch meinen Vater ließ seine jüdische Religion eher kalt, im Grunde war er ein Atheist; meine Mutter war eine gläubige Katholikin, ohne fanatisch zu sein. Vater und Mutter besaßen eigene Plätze sowohl in der Kirche als auch in der jüdischen Synagoge. Das war aus finanziellen Gründen längst nicht allen Gemeindemitgliedern möglich – aber meine Eltern konnten es sich leisten. Meine Mutter sprach perfekt Hebräisch und kannte alle Gebete und Sitten und Bräuche. So konnte sie in der Synagoge mitbeten.

Mich hat es nie gestört, in zwei Religionen erzogen worden zu sein – im Gegenteil, es hat mir im Leben viel geholfen. Meine Mutter sagte dazu nur: „Es ist immer besser, mehr zu wissen.“ Ich habe keine Berührungsängste, kann mich in beiden Religionen verhalten. Für uns Kinder war es sowieso schön, wir durften immer alle Feste feiern, hatten die jüdischen und die katholischen Feiertage. Ostern und Weihnachten waren immer viele Gäste da – und das Gleiche zum jüdischen Neujahr. Mir fiel nur auf, was passierte, wenn wir Kinder untereinander Streit hatten. Passierte es unter uns jüdischen Kindern, dann war ich auf einmal der „Schajgec“. Schajgec hießen die Christen, aber es war ein abfälliges Wort, eine Beleidigung. Spielte ich mit den polnischen Kindern und wir gerieten dabei in Streit, dann riefen sie mich „Judke“, und das war auch eine Beleidigung. Es bedeutet so was wie Abschaum. Aber es fiel mir nur auf, ausgemacht hat es mir nichts. Wenn der Konflikt vorbei war, spielte es auch keine Rolle mehr. Im Gegenteil – als Kind fand ich es einfach interessant. Es machte mir schon klar, dass ich anders war als die anderen. Interessant war dabei zu merken, wie, wann und warum ich das Anderssein zu spüren bekam. Meine Eltern haben sich aber nie als Juden begriffen – deswegen haben sie auch keine Angst gehabt.

Im Grunde genommen haben mich solche Sachen damals nicht interessiert. Meine Sorgen beschränkten sich darauf, ob mir die Haushälterin gekochte Milch zum Frühstück servierte. Ich hasste gekochte Milch! Ich wollte einfach machen, was alle Kinder tun wollen: barfuß laufen, aus der Flasche trinken, Wurst am Stück essen. Das durfte ich natürlich nicht, darüber musste Else, mein Kindermädchen, wachen. Wegen meiner Schwäche und meiner Krankheiten war sie für mich da. Else kam aus dem Elsass und war wie eine Schwester für mich. Sie hat immer versucht, mich zu beschützen – und von Etikette hielt sie zum Glück gar nichts. Ich weiß noch, meine Mutter hatte Geburtstag. Ich musste von draußen reinkommen und mich umziehen. Im Sonntagsstaat sah ich aus wie eine Schaufensterpuppe. „Komm, eine Stunde musst du aushalten. Das schaffst du!“, versuchte Else meine abgrundtief schlechte Laune zu mildern. „Und jetzt ab in den Salon zum Empfang.“ Mir war langweilig – und meine Mutter war schrecklich wütend auf mich. Ich wusste nicht, warum, aber Else hat es am nächsten Tag herausgefunden. Die Cousine hatte von mir keinen Handkuss zur Begrüßung bekommen. Else sollte mir endlich beibringen, Gäste richtig zu begrüßen. Zwei Wochen Hausarrest hatte ich deswegen.

Wie ein Wunderkind entdeckt wird

Eines Tages, ich war fünf oder sechs, waren wir zu Gast bei einem Onkel. Ich war ein neugieriges Kind. Im Salon lag diese Geige auf dem Tisch. Die Ornamente aus Perlmutt auf dem schwarzen Geigenkasten funkelten, schimmerten und glänzten – wie magisch zog mich der Kasten an. Atemlos habe ich ihn geöffnet, die Geige herausgenommen, unters Kinn gelegt, den Bogen in die rechte Hand, und los ging es. Keine Ahnung,