Sommerhaus, später. Königs Erläuterungen. - Judith Hermann - ebook

Sommerhaus, später. Königs Erläuterungen. ebook

Judith Hermann

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Opis

Königs Erläuterung Spezial zu Judith Hermann: Sommerhaus, später - Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben. In einem Band bieten dir die neuen Königs Erläuterungen Spezial alles, was du zur Vorbereitung auf Referat, Klausur, Abitur oder Matura benötigst. Das spart dir lästiges Recherchieren und kostet weniger Zeit zur Vorbereitung. Alle wichtigen Infos zur Interpretation. - von der ausführlichen Inhaltsangabe über Aufbau, Personenkonstellation, Stil und Sprache bis zu Interpretationsansätzen ... sowohl kurz als auch ausführlich. - Die Schnellübersicht fasst alle wesentlichen Infos zu Werk und Autor und Analyse zusammen. - Die Kapitelzusammenfassungen zeigen dir das Wichtigste eines Kapitels im Überblick - ideal auch zum Wiederholen. ... und klar strukturiert. - Ein zweifarbiges Layout hilft dir Wesentliches einfacher und schneller zu erfassen. - Die Randspalte mit Schlüsselbegriffen ermöglichen dir eine bessere Orientierung. - Klar strukturierte Schaubilder verdeutlichen dir wichtige Sachverhalte auf einen Blick.

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EPUB

Liczba stron: 142




KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN SPEZIAL

3130

Textanalyse und Interpretation zu

Judith Hermann

SOMMERHAUS, SPÄTER

Ralf Gebauer

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat

Zitierte Ausgaben: Judith Hermann: Sommerhaus, später. Erzählungen. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch, 16. Aufl. 2014 → Alle in Klammern auftretenden Seitenverweise beziehen sich auf diese Ausgabe.

Über den Autor dieser Erläuterung: Ralf Gebauer, geb. 1945 in Kragelund (Dänm.), studierte Germanistik und Philosophie in Bochum und Göttingen und lehrte Deutsch, Philosophie und Kunst am Haranni-Gymnasium Herne. In der Reihe „Königs Abi-Trainer“ liegen inzwischen 15 von ihm verfasste Bände vor.

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

1. Auflage 2018

ISBN 978-3-8044-4130-9

© 2018 by C. Bange Verlag, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelabbildung: © Bergringfoto/fotolia.com

Hinweise zur Bedienung

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Judith Hermann: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Berliner Republik

Die Generation Golf

Literarisches Fräuleinwunder?

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

Preisgekröntes Erzählwerk

Der Erzählband Sommerhaus, später (1998)

3. Textanalyse und -Interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

3.3 Aufbau

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Die Ich-Erzählerin

Stein

Die Clique

Frau Andersson und ihr Kind

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

3.6 Stil und Sprache

Die Ich-Erzählerin

Das Raum-Zeit-System

Darbietungsformen des Erzählens

Sprache

Symbolik

Motive

Prokrastination

Liebe

3.7 Interpretationsansätze

4. Rezeptionsgeschichte

Lob vom Literaturpapst

Stil

Handlung

Figuren

Literarische Tradition

Kritik

5. Materialien

5.1 Judith Hermann über ihr Schreiben

5.2. Prokrastination

Literatur

Zitierte Ausgabe

Weitere Primärliteratur

Sekundärliteratur

Zu Judith Hermanns Werk allgemein

Interviews (alle Links Stand: Oktober 2017)

Rezensionen zu Sommerhaus, später

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

Damit sich jeder Leser in unserer Lektürehilfe rasch zurechtfindet und das für ihn Interessante gleich entdeckt, hier eine Übersicht:

Judith Hermann wurde am 15. Mai 1970 in Berlin-Neukölln geboren,

brach mehrere Ausbildungsversuche ab und trat als Sängerin und Managerin einer Pop-Band bei,

schloss eine Ausbildung als Journalistin mit Diplom ab,

lebt und schreibt heute als Journalistin und Autorin in Berlin.

Die Handlung spielt im wiedervereinigten Deutschland nach der Wende.

Auf den realpolitischen Hintergrund der Berliner Republik wird jedoch kaum eingegangen.

Hermanns Erzählungen konzentrieren sich auf generationsspezifische Probleme in privatmenschlichen Beziehungen.

Sommerhaus, später – Entstehung und Quellen:

Judith Hermann verfasste im Rahmen eines Autorenstipendiums 1997 ihren ersten Erzählband Sommerhaus, später, der ein Jahr später erschien. Inspirieren ließ sich die Autorin dabei vor allem von persönlichen Gespräche, Erlebnissen und Eindrücken. Mit dem US-Erzähler Raymond Carver, mit dem sie Kritiker oft vergleichen, hat sich Hermann nach eigener Aussage erst nach Erscheinen ihres Debütbandes beschäftigt.

Inhalt:

Die Beziehung des Taxifahrers Stein zur Ich-Erzählerin, die in einer Künstler-Clique lebt, liegt bereits zwei Jahre zurück, als er sie einlädt, mit ihr ein Haus außerhalb Berlins zu besichtigen, das er endlich gefunden habe. Es handelt sich um ein großes, verfallenes Gebäude im Oderbruch, das er in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr gekauft hat. Aber die Erzählerin bleibt distanziert. Stein renoviert das Haus in der Folgezeit trotzdem und hält die Ich-Erzählerin über seine Fortschritte auf dem Laufenden. Weil seine Bemühungen aber ohne Resonanz bleiben, gibt Stein letztlich alle Hoffnung auf, steckt das Haus in Brand und verschwindet. Die Erzählerin reagiert auf die ihr zugeschickte Zeitungsmeldung von der Zerstörung des Hauses nur mit dem Wort: „Später“.

Chronologie und Schauplätze:

Die Handlung spielt irgendwann zwischen 1990 und 1996, in Berlin-Kreuzberg und in dem fiktiven Ort Canitz im Oderbruch. Die erzählte Zeit umfasst zweieinhalb Jahre, im engeren Sinn die Zeit von Anfang Dezember bis Mai des folgenden Jahres.

Aufbau:

Der Text ist in 23 Erzählabschnitte und zwei erzählerische Sonderformen, also in insgesamt 25 Erzählabschnitte eingeteilt.

Die Handlung ist wie ein fünfaktiges Drama aufgebaut.

Von der Textsorte her kann die Erzählung als Kurzgeschichte gelten.

Personen:

Erzählfigur:

Es wird zwar nicht gesagt, ob es sich um einen Erzähler oder eine Erzählerin handelt, die Handlung und das Verhalten der Erzählfigur legen aber eine junge Frau als Erzählerin nahe.

Sie ist unsicher und noch auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Deshalb möchte sie sich nie festlegen, weicht allen Entscheidungen aus und verschiebt sie auf später.

Stein:

Der Taxifahrer hat sich in die Erzählerin verliebt und möchte mit ihr gemeinsam seine Zukunft gestalten.

Ihr zuliebe unterwirft er sich dem Rest der Clique, kauft das Haus im Oderbruch und renoviert es.

Clique:

Die Künstler-Clique besteht aus Anna, Christiane und Henriette sowie Falk, Heinze und Toddi sowie einigen ungenannten Mitgliedern.

Die Clique unterhält untereinander offene und wechselhafte Intim-Beziehungen.

Stil und Sprache:

Die Ich-Erzählerin zeichnet sich durch ihre scheinbare Objektivität aus, ein Mittel, um ihre emotionale Beteiligung zu leugnen.

Der Raum des Textes besteht aus einem zweigeteilten geografischen Raum (Berlin und Uckermark) sowie einem symbolischen Raum (Moloch Stadt vs. Idylle Land).

Die erzählte Zeit umfasst zweieinhalb Jahre, im engeren Sinn die Zeit von Anfang Dezember bis Mai des folgenden Jahres.

Der Text verzichtet weitgehend auf Beschreibungen und Reflexionen.

Der Text fällt durch seine emotionsarme, lakonisch-einfache Sprache auf. Es dominieren Hauptsätze; Bilder oder Vergleiche fehlen weitgehend. Der schmucklos-lapidare Stil erzeugt eine distanzierte, unterkühlte Erzählweise.

Der Text enthält neun Symbole: sechs Dingsymbole (Haus, Schiff, Kirche, Efeu, Schnee, Schlüssel), ein Namenssymbol (Stein), ein Zahlensymbol (dreiundzwanzig) und ein Farbsymbol (Blau).

Der Text enthält neben drei kleinen Motivketten (Musik, Drogen, Eigenschaften) zwei große Motivblöcke: den Block der Raummotive und den Block der Kommunikationsmotive.

Kennzeichnend für Hermanns Figuren, v. a. die Erzählerin, ist ein Aufschiebeverhalten (Prokrastination); ihr Verhältnis zum Thema Liebe ist generationstypisch problematisch.

Verschiedene Interpretationsansätze bieten sich an:

Man kann den Text unter folgenden zehn Aspekten interpretieren:

dem biografischen Ansatz, der der Autorin die fiktionalisierte Überprüfung und Erprobung eigener und alternativer Lebensentwürfe unterstellt,

dem ästhetischen Ansatz, der die Kurzgeschichte als eine skeletthafte Erzählung des Verschweigens und Verbergens auffasst,

dem textsortentheoretischen Ansatz, der überprüft, inwieweit die Einordnung des Textes als Kurzgeschichte berechtigt ist,

dem kommunikationstheoretischen Ansatz, der die Beziehungsunmöglichkeit der beiden Protagonisten auf kommunikatives Fehlverhalten zurückführt,

dem sozio-historischen Ansatz, der den Text als Darstellung der Boheme-Atmosphäre der Nachwendezeit in Berlin-Kreuzberg versteht,

dem Gender-Ansatz, der das Verhältnis der Geschlechter zueinander beleuchtet, das sich von den traditionellen Rollenbildern zu lösen versucht,

dem psychologischen Ansatz, der den Text liest als Psychogramm einer Identitätskrise,

dem philosophischen Ansatz, der hinter dieser Identitätskrise eine Krise in der Entwicklung des Individuums erkennt,

dem rezeptionsästhetischen Ansatz, der die Erzählung als anspruchsvollen generationsstiftenden Text wertet.

dem rezeptionssoziologischen Ansatz, der erwägt, welche Lebenseinstellung die Erzählung dem Rezipienten nahelegt.

Rezeptionsgeschichte:

Der Erzählband fand kurz nach Erscheinen 1998 zunächst nur geringe Resonanz.

Er wurde jedoch bald schon von den Feuilletons aller großen deutschsprachigen Zeitungen anerkennend besprochen.

Er wurde vor allem von der literaturkritischen TV-Sendung Das Literarische Quartett im Fernsehen hoch gelobt, gerade auch vom damaligen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki.

Judith Hermann gewann in der Folge mehrere Literaturpreise (u. a. Kleist-Preis 2001) und wurde als eine der wichtigsten jungen deutschen Autorinnen der Gegenwart gefeiert; Hermanns Erfolg neben dem von Autorinnen wie Jenny Erpenbeck oder Julia Franck führte mit dazu, dass die Kritik von einem „Fräuleinwunder“ in der deutschen Gegenwartsliteratur sprach.

Der Band hat mittlerweile eine Auflage von mehr als 500.000 verkauften Exemplaren.

2. Judith Hermann: Leben und Werk

Judith Hermann (geb. 1970)© ullstein bild – Fondation Horst Tappe

2.1 Biografie

JAHR

ORT

EREIGNIS

ALTER

1970

Berlin-Neukölln

Judith Hermann wird am 15. Mai als Älteste von drei Geschwistern geboren. Fakten zu Beruf und Leben ihrer Eltern möchte Frau Hermann gerne für sich behalten.

1990

Berlin-Neukölln

Abiturprüfung

20

1990–1992

Berlin

Zweimalige Ablehnung als Schauspielschülerin: Hochschule der Künste in Berlin, Max-Reinhardt-Seminar in Wien; viersemestriges, unabgeschlossenes Studium der Germanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin

20–22

1992–1994

Berlin

Wechsel zum Prenzlauer Berg, unabgeschlossenes zweijähriges Musikstudium

22–24

1994–1995

Berlin

Merchandising für die Osteuropa-Folk-Band Poems for Leila, Heirat mit Nikolai Thomas, Tätigkeiten in der Off-Theater-Szene, Kellnerinnentätigkeit im Szeneviertel Berlin-Prenzlauer-Berg

24–25

1995/96

Berlin 

Ausbildung zur Journalistin an der Berliner Journalistenschule mit Diplom

25/26

1996/97

New York

Volontariat bei zwei kleinen deutschsprachigen Zeitungen: Aufbau, New Yorker Staatszeitung

26/27

1997

Wewelsfleth

Alfred-Döblin-Stipendium

27

Berlin

Autorenwerkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin untere Leitung von Katja Lange-Müller und Burckhard Spinnen

1998

Berlin

Der Erzählband Sommerhaus, später erscheint.

28

1999

Stipendiatsaufenthalt in Süddeutschland

29

Bremen

Bremer Literaturförderpreis

Pirmasens

Hugo-Ball-Förderpreis

2000

Berlin

Geburt ihres Sohnes Franz

30

2001

Berlin

Kleist-Preis

31

2002

Reykjavik 

Sechswöchiger Stipendiatsaufenthalt auf Island

32

2003

Berlin

Der Erzählband Nichts als Gespenster erscheint. Verfilmung von Hunter-Tompson-Musik aus Sommerhaus, später unter dem Titel Tompson Musik durch den Regiestudenten Jakob Ziemnicki als Diplomarbeit

33

2007

Berlin

Episodenfilm Nichts als Gespenster: Verfilmung von vier Geschichten Hermanns durch Martin Gypkens mit Fritzi Haberland und Jessica Schwarz

37

2009

Berlin

Der Erzählband Alice erscheint.

39

Bad Homburg

Friedrich-Hölderlin-Preis

2014

Berlin

Der Roman Aller Liebe Anfang erscheint.

44

Wien

Erich-Fried-Preis

2016

Berlin

Der Erzählband Lettipark erscheint.

46

2017

Berlin

Judith Hermann lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.

47

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

ZUSAMMENFASSUNG

Wichtig für das Verständnis der Novelle Hermanns sind:

Die Handlung spielt im wiedervereinigten Deutschland.

Es gibt eindeutige Wirklichkeitsbezüge, aber kaum Bezüge zur realpolitischen Situation der Berliner Republik, sowie

enge Bezüge zu den Problemen, die als Folge der gesellschaftlichen Entwicklung aus den individuellen Beziehungen erwachsen sind.  

Berliner Republik

Die Jahre ab 1990 bis heute markieren die Zeitspanne der jüngsten Gegenwart seit der Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands, die man auch als Zeit der Berliner Republik bezeichnet.

Judith Hermann gehört zu der postmodernen „Generation, die vom Krieg und seinen Folgen unberührt“[1] geblieben und der eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und ein „Nachdenken über deutsche Befindlichkeiten“[2] fremd geworden ist. Sie meidet in ihren Erzählungen weitgehend den realpolitischen Hintergrund und „klammert den Bereich der Politik und der Zeitgeschichte fast komplett aus“[3], indem sie sich ganz auf die Ebene der individuellen Beziehungen zwischen den Menschen konzentriert. „Gesellschaftliche, soziale, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge werden nicht beschrieben, geschweige denn analysiert“[4]. Damit geraten vor allem soziale Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und innerhalb von bestehenden oder sich anbahnenden Partnerschaften in den Blickpunkt.

Mit der Überwindung der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung gingen tradierte gesellschaftliche Grundsätze verloren. Sie sind von einem einerseits verunsicherten und andererseits gierig ergriffenen liberalisierten Egoismus verdrängt worden. Die Sozialisation zeigt die Tendenz zur Polarisierung. Hier verkümmert sie zu einer entwerteten Beliebigkeit, Gleichgültigkeit und Hilflosigkeit und wird durch markt- und konsumgerechte Trends ersetzt, dort führt sie zu egozentrischer Ignoranz und Intoleranz sowie zu einer Konkurrenz um nicht immer gerechtfertigte Macht- und Führungsansprüche.

In der Zeit nach der Wende und Wiedervereinigung entstand in Berlin, besonders in nahe der ehemaligen Mauer gelegenen Stadtteilen wie z. B. Kreuzberg[5], eine Alternativszene, in der die neu gewonnene Freiheit absolut gesetzt wurde. Die Akzeptanz städtebaulich vernachlässigter und benachteiligter, aber billiger Wohnbezirke bei gleichzeitiger Sehnsucht nach einem uneingeschränkt freien Leben, vorzugsweise auf dem Lande, führt in solchen Szenen oft zur Bildung von kommunenartigen Wohn- und Lebensgemeinschaften von Literaten, Musikern und Malern sowie anderen Personen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Selbststilisierung und projektarmen Lebensentwürfen. Sie prägen auch – zumindest vorübergehend – „das Bild einer zerrissenen, vielfältigen, provinziellen, schlechtgelaunten, traumverlorenen, nachtschwärmerischen Stadt“ und „einer jungen Generation im Berlin ohne Grenze – ‚superabgebrüht, supergleichgültig, superbisexuell‘“[6]. Solche Alternativszenen werden oft auch literarisch-mythisch verklärt, sind aber meist modeabhängig und werden inzwischen von einem sozioökonomischen Strukturwandel innerhalb des Stadtteils wieder aufgelöst (Gentrifizierung).

Die Generation Golf

Im Jahre 2000 veröffentlichte der Journalist Florian Illies unter diesem Titel ein Buch, in dem er sich in Erinnerungen und Anekdoten mit der Generation auseinandersetzt, die wie er in den 1970er und 1980er Jahren aufgewachsen ist und für die später der Besitz des Fahrzeugtyps „Golf“ signifikant geworden sei. Illies beschreibt eine Generation, die sich auf dem von ihren Eltern erworbenen Wohlstand ausruht, statt sich kritisch und politisch mit den Themen der Zeit auseinanderzusetzen. Sie orientiert sich lieber markenbewusst an Modetrends und kreist in ihrem postmaterialistischen Denken und Handeln egoistisch um sich selbst. In der Verbindung von Narzissmus und Ästhetik wendet man sich in Retro-Trends nostalgisch zurück und/oder folgt der angesagten Popkultur in erstaunlicher Infantilität. Das kennzeichnet nach Illies‘ Analyse die grundsätzliche Orientierungslosigkeit dieser Generation, das Fehlen sowohl eines Vergangenheitsbewusstseins als auch einer überlegten Zukunftsplanung. Das soziale Verhalten ist geprägt von stilistischen Vorurteilen und einer Scheintoleranz, da die Egozentrik und Selbstverliebtheit eine tiefere Beschäftigung mit anderen gar nicht zulässt.

Ähnliche Beobachtungen hat der Soziologe Gerhard Schulze 1992 unter dem Begriff der Erlebnisgesellschaft zusammengefasst. Diese definiert er als „eine Gesellschaft, die (im historischen und interkulturellen Vergleich) relativ stark durch innenorientierte Lebensauffassungen geprägt ist“[7]. Mit diesem Begriff wird ein Milieu charakterisiert, das in absoluter Individualisierung eine Form der Selbstverwirklichung betreibt, in der das Erleben zum handlungsbestimmenden Konzept ausgerufen wird. Die daraus resultierenden Handlungen konzentrieren sich zumeist an schneller Lustbefriedigung, an Genuss und Konsum.

Literarisches Fräuleinwunder?

Weil es unerwartet und überraschend war, wie sich die 1948 gegründete Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit erholte, etikettierte die Presse die erstaunlichen Ereignisse schnell mit dem Wort „Wunder“. Man sprach im Bereich der Wirtschaft in den 1950er Jahren vom „Wirtschaftswunder“; man sprach vom „Wunder von Bern“, als die deutsche Fußballnationalmannschaft 1954 in der Schweiz das Weltmeisterschaftsturnier gewann. Und in den USA sprach man gern vom „Fräuleinwunder“, mit dem man nach der ersten Miss-Germany-Wahl 1952 die Zahl der attraktiven deutschen Models (damals noch „Mannequins“ genannt) und Schauspielerinnen bewunderte, ein  Gewese,  das 1956 in der Wahl Petra Schürmanns zur Miss World seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

1999 knüpfte der SPIEGEL-Redakteur Volker Hage in seinem Artikel Ganz schön abgedreht mit dem Begriff des „literarischen Fräuleinwunders“ an diese Bezeichnungen an, um den überraschenden Erfolg einer Reihe junger Autorinnen auf dem Literaturmarkt zu etikettieren. Dieser Begriff entpuppte sich für die Buchindustrie als werbewirksamer Glücksgriff. In der Literaturwissenschaft, die ihn ebenfalls allzu schnell unter dem Kürzel FWL („Fräuleinwunder-Literatur“) oder LF („Literarisches Fräuleinwunder“) übernahm, erwies er sich jedoch als untauglich. Denn es ließ sich keine ästhetische Kategorie finden, die die unterschiedlichen Stile und Intentionen der jungen Autorinnen hätte vereinen können. Ihren erzählenden Werken gemeinsam ist vor allem ein verknappter Erzählstil, bevorzugt aus einer Ich-Perspektive, der mit Aussparungen die Handlung strafft und sich der Alltagsrealität widmet, bevorzugt einer großstädtischen, meist Berliner Subkultur, ohne jegliche theoretische Überhöhung oder Formen der Belehrung. Als Kennzeichen dieses Stils werden laut Frauke Meyer-Gosau hervorgehoben: „das Erzählen in knappen Sätzen, die klugen Aussparungen, die den Handlungsverlauf straffen, dem Leser die Ergänzung überlassen und so sein Interesse wach halten.“[8]

Andere verlegen sich unter Vermeidung des Begriffs „Literarisches Fräuleinwunder“ auf den etwas breiter angelegten Begriff der Popliteratur:

„Mit der sogenannten Popliteratur fand diese [von Teenagern und Twens dominierte Eventkultur; R. G.] seit Mitte der 1990er als Referenzrahmen auch Eingang in die Literatur als einer verbliebenen Enklave traditioneller ‚Hochkultur‘.“[9]

Judith Hermann wird neben Sibylle Berg, Tanja Dückers, Karen Duve, Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Alexa Henning von Lange, Zoë Jenny und Juli Zeh nicht nur als herausragendes Mitglied dieser schriftstellernden Generation genannt, sondern geradezu als deren „Ikone“ proklamiert.[10]