Saturn - Ben Bova - ebook

Saturn ebook

Ben Bova

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Opis

Eine Reise voller Gefahren und Wunder

Christliche und islamische Fundamentalisten haben auf der Erde einen so großen politischen Einfluss erlangt, dass Wissenschaftler und andere „Säkularisierte“ gezwungen sind, den Planeten zu verlassen. Im Mondorbit ist für sie ein riesiges Habitat, die Goddard, entstanden, das mehr als zehntausend Menschen aufnehmen kann und zum Saturn gesteuert werden soll, um dort als Außenposten der menschlichen Zivilisation und als Basis für die Erforschung des Ringplaneten und seiner Monde zu dienen. Doch niemand ahnt, dass eine Gruppe von religiösen Fanatikern mit an Bord ist, die nur ein Ziel kennt: Die Macht im Habitat zu übernehmen, die Wissenschaftler kaltzustellen und die Ungläubigen zu bekehren – und sei es mit Gewalt. Als die Goddard den Jupiter passiert, ist für sie die Zeit gekommen, um loszuschlagen …

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www.diezukunft.de

DAS BUCH

Die nicht allzu ferne Zukunft: Christliche und islamische Fundamentalisten haben einen so großen politischen Einfluss auf der Erde erlangt, dass Wissenschaftler und andere »Säkularisierte« gezwungen sind, den Planeten zu verlassen. Im Mondorbit ist für sie ein riesiges Habitat, die Goddard, entstanden, das mehr als zehntausend Menschen aufnehmen kann und zum Saturn gesteuert werden soll, um dort als Außenposten der menschlichen Zivilisation und als Basis für die Erforschung des Ringplaneten und seiner Monde zu dienen. Doch niemand ahnt, dass eine Gruppe von religiösen Fanatikern mit an Bord ist, die nur ein Ziel kennt: Die Macht im Habitat zu übernehmen, die Wissenschaftler kaltzustellen und die Ungläubigen zu bekehren – und sei es mit Gewalt. Als die Goddard den Jupiter passiert, sehen sie die Zeit gekommen, um loszuschlagen …

»Ein faszinierender Roman – Ben Bova bietet nicht nur hervorragenden Lesestoff, sondern richtet wie Isaac Asimov und Arthur C. Clarke auch den Blick darauf, wie unsere Zukunft wirklich aussehen könnte.«

– Interzone

DER AUTOR

Ben Bova, 1932 in Philadelphia geboren, ist einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren unserer Zeit. Insbesondere mit seinen Romanen aus der sogenannten Sonnensystem-Reihe »Mars«, »Venus«, »Jupiter« und nun »Saturn« ist er außerordentlich erfolgreich. Bova lebt mit seiner Familie in Florida.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungDanksagungERSTES BUCH
Selene: Hauptquartier der Astro CorporationMondorbit: Habitat GoddardWien: Gefängnis Schönbrunn45 Tage vor dem Start38 Tage vor dem StartZwei Stunden vor dem StartStartDrei Tage nach dem Start28 Tage nach dem Start142 Tage nach dem StartMemorandumSelene: Hauptquartier der Astro Corporation145 Tage nach dem StartVertraulicher Bericht268 Tage nach dem StartKrankenstation269 Tage nach dem StartNamen sind Schall und RauchMemorandumDie erste WahlkampfveranstaltungProfessor Wilmots QuartierAm Morgen danach284 Tage nach dem StartDatenbankAbteilungsinternes MemorandumZeit, Gezeiten und Titan317 Tage nach dem Start318 Tage nach dem StartDrei Tage vor dem Jupiter-SwingbyZwei Tage vor dem Jupiter-SwingbyEinen Tag vor dem Jupiter-SwingbyTanker GrahamRendezvous mit HindernissenRettung425 Tage nach dem StartInterkonfessionelle Kapelle335 Tage bis zur Ankunft328 Tage bis zur Ankunft323 Tage bis zur Ankunft
ZWEITES BUCH
Eine Vision von SaturnRingwelt317 Tage bis zur Ankunft312 Tage bis zur AnkunftDer zweite WahlgangMitteilung mit höchster Priorität288 Tage bis zur Ankunft287 Tage bis zur Ankunft273 Tage bis zur Ankunft266 Tage bis zur Ankunft205 Tage bis zur Ankunft87 Tage bis zur AnkunftLaboratorium Lavoisier45 Tage bis zur AnkunftWahlkampfredenFrage und Antwort20 Tage bis zur AnkunftMitternacht – erster AktMitternacht – zweiter Akt19 Tage bis zur AnkunftKampf oder FluchtNanotech-Laboratorium18 Tage und sechs Stunden bis zur AnkunftSchneeballschlacht
DRITTES BUCH
Vier Tage bis zur AnkunftPlanungssitzungDrei Tage, sechs Stunden und 17 Minuten bis zur AnkunftDie letzte WahlkampfveranstaltungDrei Tage, drei Stunden und elf Minuten bis zur AnkunftProfessor Wilmots UnterkunftDrei Tage und 45 Minuten bis zur AnkunftWahltag19 Stunden bis zur AnkunftEinschwenken in den Saturn-OrbitAmtseinführungStartDurch die RingeGefangennahmeGefangeneRing-KreaturenStandgerichtExekutionRückkehrLuftschleusen-JustizEpilog: Neun Tage nach der Ankunft
Copyright

Wieder einmal für Barbara – und für Dr. Jerry Pournelle, einen Kollegen und Freund, der den Begriff ›Hirten-Monde‹ geprägt hat; die verdiente Würdigung ist ihm leider versagt geblieben.

Danksagung

Mein Dank gilt all den Freunden und Kollegen, die Informationen und Ideen zu diesem Roman beigesteuert haben: vor allem aber Jeff Mitchell und Ernest Hogan sowie Gilbert LaRoque und John S. Engen von der Biosphäre 2 der Columbia University.

Es gibt ein paar Fragen in der Astronomie, die uns … [eher] wegen ihrer Eigenart beschäftigen … als wegen des unmittelbaren Vorteils, den ihre Beantwortung für die Menschheit hätte … Ich bin mir keines praktischen Nutzens bewusst, den die Saturn-Ringe je gehabt hätten … Wenn wir die Ringe jedoch vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachten, verwandeln sie sich in die erstaunlichsten aller Himmelskörper … Wenn wir jedoch mit eigenen Augen sehen, wie dieser große Bogen scheinbar völlig losgelöst vom Planeten um dessen Äquator sich dreht, lässt dieser Anblick uns so schnell nicht wieder los.

JAMES CLERK MAXWELL

Am Beginn des neuen Jahrhunderts … kommen wir vielleicht zur Besinnung, bevor wir den Planeten ruinieren. Es wird Zeit, eine Bestandsaufnahme der Erde zu machen und zu ermitteln, wessen es bedarf, um allen Menschen bis in die entfernte Zukunft ein würdiges und nachhaltiges Leben zu ermöglichen … Um jedem Menschen auf der Welt den heutigen Lebensstandard der USA zu ermöglichen, wären indes [die Ressourcen von] vier weitere[n] Planeten Erde erforderlich.

EDWARD O. WILSON

ERSTES BUCH

Aus dem gleichen Grunde habe ich auch beschlossen, nichts überden Saturn zu vermelden außer dem, was ich bereits beobachtet und dargelegt habe – als da wären zwei kleine Sterne, die ihn berühren, einer im Osten und einer im Westen, bei denen bisher keine Veränderung festgestellt wurde und auch für die Zukunft keine erwartet wird, außer irgendeines höchst fremdartigen Ereignisses fernab jeder Bewegung, die uns bekannt oder auch nur vorstellbar für uns ist. Was jedoch die Beobachtung betrifft … dass der Saturn zuweilen länglich sei und manchmal von zwei Sternen an den Flanken begleitet werde, so mögen Eure Exzellenz versichert sein, dass dies entweder der Unzulänglichkeit des Fernrohrs oder dem Auge des Betrachters geschuldet ist … Ich, der ich ihn tausendmal zu verschiedenen Zeiten mit einem vortrefflichen Instrument beobachtet habe, vermag Euch zu versichern, dass keine wie auch immer geartete Veränderung festzustellen ist. Und auf der Grundlage der Kenntnisse aller anderen Sternenbewegungen vermögen wir zu sagen, dass nach menschlichem Ermessen auch niemals eine solche Veränderung auftreten wird. Wenn die Bewegung dieser Sterne nämlich derjenigen anderer Sterne gleichen würde, hätten sie sich längst vom Körper des Saturns gelöst oder mit ihm sich vereinigt – selbst wenn diese Bewegung tausendmal langsamer wäre als die aller anderen Sterne, die übers Firmament wandern.

GALILEO GALILEI

Briefe über Sonnenflecken · 4. Mai 1612

Selene: Hauptquartier der Astro Corporation

Pancho Lane runzelte die Stirn und warf ihrer Schwester einen Blick zu. »Er heißt nicht einmal mehr Malcolm Eberly. Er hat seinen Namen geändert.«

Susan lächelte wissend. »Na und. Was macht das denn für einen Unterschied?«

»Er wurde in Omaha, Nebraska, als Max Erlenmeyer geboren«, sagte Pancho streng. »’84 ist er in Linz wegen Betrugs festgenommen worden, versuchte dann aus Österreich zu fliehen und …«

»Das ist mir schnurz! Das ist doch Schnee von gestern! Er hat sich geändert. Er ist nicht mehr derselbe, der er damals war.«

»Du wirst trotzdem nicht gehen.«

»Werde ich doch«, beharrte Susan und runzelte nun ihrerseits die Stirn. »Ich werde fliegen, und du kannst mich nicht daran hindern!«

»Ich bin dein gesetzlicher Vormund, Susie.«

»Ach was! Das interessiert mich nicht die Bohne. Ich bin doch schon fast fünfzig Jahre alt.«

Dabei sah Susan Lane nicht viel älter aus als zwanzig. Sie war gestorben, als sie noch ein Teenager war – getötet durch eine tödliche Injektion, die Pancho selbst ihr in den bis auf Haut und Knochen abgemagerten Arm gespritzt hatte. Dann war die klinisch tote Susan in flüssigem Stickstoff eingefroren worden, um auf den Tag zu warten, da die medizinische Wissenschaft den Krebs zu heilen vermochte, der den jungen Körper verwüstete. Pancho hatte ihren Tiefkühl-Sarg zum Mond gebracht, als sie die Stelle als Astronautin für die Astro Manufacturing Corporation antrat. Irgendwann war Pancho in den Vorstand von Astro aufgestiegen und schließlich zur Vorstandsvorsitzenden avanciert. Und derweil wartete Susan in ihrem Bad aus flüssigem Stickstoff – wartete darauf, bis Pancho sicher war, dass man sie wieder zum Leben zu erwecken vermochte.

Es dauerte über zwanzig Jahre. Und nachdem Susan wieder belebt und vom Krebs geheilt worden war, der ihren jungen Körper zerfressen hatte, glich ihr Bewusstsein einem unbeschriebenen Blatt. Pancho hatte damit gerechnet; aus dem Kälteschlaf erweckte Menschen hatten normalerweise fast alle neuronalen Verbindungen im zerebralen Kortex verloren. Sogar Saito Yamagata, der mächtige Gründer der Yamagata Corporation, war fast mit dem Bewusstsein eines Neugeborenen aus dem Kälteschlaf erwacht.

Also hatte Pancho ihre Schwester – ein Kleinkind im Körper eines Teenagers – gefüttert, gebadet und ihr wieder beigebracht, die Toilette zu benutzen. Und sie hatte die besten Neurophysiologen nach Selene geholt, damit sie dem Gehirn ihrer Schwester mit Injektionen, Gedächtnisenzymen und RNA wieder auf die Sprünge halfen. Sie zog sogar eine Nanotherapie in Erwägung, verwarf diese Idee dann aber wieder; Nanotechnik war in Selene zwar zugelassen, aber nur unter strengen Auflagen. Zumal die Experten es selbst für unwahrscheinlich hielten, dass Susan mithilfe von Nanomaschinen die verlorene Erinnerung zurückerhalten würde. Das waren schwierige Jahre, doch allmählich entwickelte sich eine junge Erwachsene, eine Frau, die wie die Susie aussah, an die Pancho sich erinnerte – nur dass ihre Persönlichkeit, ihre Einstellung und ihr Bewusstsein sich grundlegend verändert hatten. Susan erinnerte sich nicht mehr an ihr früheres Leben, doch dank der ihr verabreichten Neuro-Booster hatte sie nun ein annähernd fotografisches Gedächtnis: Wenn sie einmal etwas sah oder hörte, vergaß sie es nicht mehr. Sie vermochte sich mit einer solchen Präzision an Einzelheiten zu erinnern, dass Pancho schier schwindlig wurde.

Nun saßen die Schwestern sich gegenüber und funkelten sich an. Pancho auf der dick gepolsterten, burgunderroten Kunstledercouch in der Ecke ihres großzügigen Büros, und Susan saß angespannt auf der Kante des niedrigen Stuhls auf der anderen Seite des geschwungenen Kaffeetischs aus Mondglas. Die Ellbogen hatte sie auf die Knie gestützt.

Sie sahen sich so ähnlich, dass man sie sofort als Schwestern identifizierte. Beide waren groß und schlank, hatten lange Beine und Arme und schlanke, athletische Körper. Panchos Haut war etwas dunkler, als habe sie sich in einem Sonnenstudio gebräunt, Susans eine Nuance heller. Pancho hatte ihr Kraushaar raspelkurz geschnitten und mit modischen grauen Klecksen gefärbt. Susans braunes Haar war durch eine Spezialbehandlung lang und füllig geworden; sie trug es nach der neuesten Mode schulterlang. Bei der Kleidung ging sie auch mit der Mode: Sie trug ein bodenlanges Seidenkleid mit kleinen Gewichten in den Säumen, damit der Rock in der geringen Mondschwerkraft auch richtig durchhing. Pancho hingegen war mit einem nüchternen anthrazitfarbenen Geschäftsanzug bekleidet, bestehend aus einer maßgeschneiderten Strickjacke und Schlaghosen über bequemen Mond-Softboots. Dazu trug sie dezenten Schmuck im Ohr und ums Handgelenk. Susan hingegen trug überhaupt keinen Schmuck außer einer Tätowierung auf der Stirn, bei der es sich um eine Stilisierung von Saturn, des Ringplaneten handelte.

»Pancho, du kannst mich nicht aufhalten«, brach Susan das zähe Schweigen. »Ich werde fliegen.«

»Aber … Die ganze Strecke bis zum Saturn? Mit einer Gruppe politischer Flüchtlinge?«

»Sie sind keine Exilanten!«

»Komm schon, Susan, die Hälfte der Regierung auf der Erde lösen die Internierungslager schon wieder auf.«

Susan versteifte sich. »Diese fundamentalistischen Regime, über die du dich ständig beklagst, wollen die Ungläubigen und Dissidenten dazu bewegen, sich freiwillig für die Saturn-Expedition zu melden. Sie ermutigen sie, anstatt sie zu deportieren.«

»Sie wollen sich nur die Störenfriede vom Hals schaffen«, sagte Pancho.

»Das sind keine Störenfriede! Sie sind Freidenker und Idealisten. Männer und Frauen, die mit den Zuständen auf der Erde nicht einverstanden sind, und die bereit sind, ein neues Leben zu beginnen.«

»Nonkonformisten und Unzufriedene«, murmelte Pancho.

»Das Habitat wird von den besten und intelligentesten Menschen der Erde bevölkert werden«, sagte Susan patzig.

»Ja, das hättest du wohl gern.«

»Ich weiß es. Und ich werde einer von ihnen sein.«

»Mein Gott, Susan, der Saturn ist zehnmal so weit von der Sonne entfernt wie wir.«

»Was soll’s?«, sagte Susan und setzte wieder dieses provokante Grinsen auf. »Du bist doch auch als Erste zum Asteroiden-Gürtel geflogen, richtig?«

»Ja, aber …«

»Und du bist sogar zur Jupiterstation geflogen, nicht wahr?«

Pancho nickte stumm.

»Und ich werde eben zum Saturn fliegen. Außerdem bin ich nicht allein. Wir werden zehntausend sein! Das heißt, falls Malcolm in der Lage ist, die wahren Störenfriede auszusondern und gute Arbeiter zu rekrutieren. Ich werde ihm bei den Vorstellungsgesprächen helfen.«

»Dabei solltest du es auch bewenden lassen«, grummelte Pancho.

Susans Lächeln nahm einen leicht verschmitzten Ausdruck an. »Er ist ein perfekter Gentleman, verdammt.«

»Da soll ich mir doch auf ’ner gottverdammten Harley ’nen Wolf reiten«, grollte Pancho. Da hab ich mich nun fast dreißig verdammte Jahre in die Chefetage der Firma hochgearbeitet, aber zehn Minuten mit Susie genügen für einen Rückfall in den alten Texasslang, sagte sie sich.

»Das ist eine großartige Sache, Pancho«, sagte Susan ernst. »Im Grunde handelt es sich nämlich um eine Mission. Wir werden uns auf eine Fünfjahres-Mission begeben, um das Saturn-System zu erforschen. Wissenschaftler, Ingenieure, Farmer, eine autarke Gemeinschaft!«

Pancho sah, dass ihre Schwester richtig aufgeregt war. Wie ein Kind auf dem Weg zum Vergnügungspark. Verdammt!, sagte sie sich. Susie hat den Körper einer Erwachsenen, aber den Verstand eines Teenagers. Sie wird dort draußen in einen Schlamassel geraten, wenn ich nicht da bin, um sie zu beschützen.

»Gib dir einen Ruck, Panch«, sagte Susan leise durch gesenkte Wimpern. »Sag mir bitte, dass du mir nicht böse bist.«

»Ich bin dir nicht böse«, sagte Pancho wahrheitsgemäß. »Ich mache mir nur Sorgen um dich. Du bist dort draußen doch ganz allein.«

»Mit zehntausend anderen!«

»Aber ohne eine große Schwester.«

Susan sagte erst nichts. Dann beugte sie sich über den Kaffeetisch und nahm Panchos Hand. »Aber Pancho, begreifst du es denn nicht? Deshalb tue ich es gerade! Das ist genau der Grund, weshalb ich es tun muss! Ich muss es allein schaffen. Ich kann nicht mehr so weiterleben  – wie ein kleines Mädchen, dem von dir alles abgenommen wird! Ich muss endlich auf eigenen Füßen stehen!«

Pancho ließ sich aufs Sofa zurücksinken und murmelte: »Ja, ich glaube, dass du Recht hast. Ich glaube, ich wusste es schon die ganze Zeit. Es ist nur so … Ich mache mir eben Sorgen um dich, Susie.«

»Ich werde es schon schaffen, Pancho. Du wirst sehen!«

»Ich will’s hoffen.«

Erfreut sprang Susan auf und ging zur Tür.

»Du wirst schon sehen«, wiederholte sie. »Das wird eine tolle Sache werden! Kosmisch!«

Pancho seufzte und stand auch auf.

»Ach, übrigens«, rief Susan über die Schulter, als sie die Bürotür öffnete. »Ich werde meinen Namen ändern. Ich mag nicht mehr Susan heißen. Von nun an ist mein Name Holly.«

Und dann schlüpfte sie durch die Tür, bevor Pancho noch etwas zu sagen vermochte.

»Holly«, murmelte Pancho in Richtung der geschlossenen Tür. Wie, um alles in der Welt, ist sie bloß darauf gekommen, fragte sie sich. Wieso will sie unbedingt ihren Namen ändern?

Pancho schüttelte den Kopf und befahl dem Telefon, sie mit ihrem Sicherheitschef zu verbinden. Als sein markantes, kantiges Gesicht in der Luft überm Schreibtisch erschienen, sagte sie:

»Wendell, ich brauche jemanden, der dieses gottverdammte Habitat zum Saturn fliegt und ein Auge auf meine Schwester hat – aber so, dass sie es nicht merkt.«

»Wird sofort erledigt«, erwiderte der Sicherheitschef. Dann wandte er den Blick kurz ab und sagte: »Ähem … heute Abend werde ich …«

»Nix mit heute Abend«, sagte Pancho schroff. »Sie werden jemanden in diesem Habitat platzieren. Aber jemanden, der gut ist! Kümmern Sie sich sofort darum.«

»Jawohl!«, sagte Panchos Sicherheitschef.

Mondorbit: HabitatGoddard

Malcolm Eberly versuchte die Panik zu unterdrücken, die noch immer in ihm tobte wie ein sturmgepeitschtes Meer. Zusammen mit den fünfzehn anderen Abteilungsleitern stand er stocksteif am Haupteingang des Habitats.

Der Flug von der Erde hierher war eine Qual für ihn gewesen. Seit dem Augenblick, als der Raumclipper in den Erdorbit gegangen und das Gefühl der Schwerkraft auf null geschrumpft war, hatte Eberly geradezu einen Todeskampf gegen den Schrecken der Schwerelosigkeit geführt. Auf dem gepolsterten Sitz angegurtet hatte er mit der ganzen Kraft des Willens gegen den überwältigenden Drang ankämpfen müssen, sich zu übergeben. Ich werde nicht schlappmachen, sagte er sich mit zusammengebissenen Zähnen. Kreidebleich und in kalten Schweiß gebadet schwor er sich, dass er sich vor den anderen keine Blöße geben würde.

Sich vom Sitz zu erheben, nachdem der Raumclipper die Transfer-Rakete erreicht hatte, war ein schierer Kraftakt. Eberly schaute starr geradeaus, hatte die Fäuste geballt und die Augen zu Schlitzen verengt. Unter den fröhlichen Anweisungen der Flugbegleiter folgte er dem auf und nieder hopsenden Overall der Frau vor sich und hangelte sich an den Sitzen den Gang entlang, bis er durch die Luke ins Transfer-Schiff glitt. Dies alles spielte sich in Schwerelosigkeit ab, und er würgte, als ob die Eingeweide ihm zum Hals herausquellen wollten.

Niemand sonst wirkte so angeschlagen wie er. Die anderen  – fünfzehn Männer und Frauen, alle Abteilungsleiter wie er –, plapperten und lachten fröhlich und führten sogar Selbstversuche durch, indem sie vom Klett-Bodenbelag der Passagierkabine emporschwebten. Schon beim bloßen Anblick drehte Eberly sich schier der Magen um.

Aber er hielt noch immer die Galle zurück, die im Schlund brannte. Ich werde nicht schlappmachen, sagte er sich immer wieder. Ich werde die Stellung halten. Ein Mann vermag alles zu erreichen, was er sich vorgenommen hat, wenn er die Kraft und den Willen dazu hat.

Dann schnallte er sich auf einem Sitz in der Transfer-Rakete an und starrte stur nach vorn, als das Schiff die Triebwerke zündete und den Flug zum Mondorbit begann. Der Schub war zwar nur schwach, vermittelte aber zumindest ein gewisses Gefühl der Schwere. Wenn auch bloß für ein paar Sekunden. Die Triebwerke verstummten, und er hatte wieder das Gefühl, zu fallen – endlos zu fallen. Die anderen unterhielten sich angeregt. Ein paar von ihnen prahlten sogar damit, wie oft sie schon im Weltraum gewesen wären.

Natürlich!, sagte Eberly sich. Sie haben das alle schon einmal erlebt. Sie kennen dieses beschissene Gefühl schon, und nun macht es ihnen nichts mehr aus. Sie stammen alle aus gut situierten Familien, sind reiche und verwöhnte Kinder, die sich noch nie im Leben um irgendetwas Sorgen zu machen brauchten. Ich bin hier der Einzige, der noch nie die Erde verlassen hat, der Einzige, der für seinen Lebensunterhalt kämpfen musste, der Einzige, der Hunger, Krankheit und Angst kennt.

Ich muss das hier aushalten. Ich muss! Sonst werden sie mich wieder zurückschicken, und ich werde in einer verdammten Gefängniszelle krepieren.

Mit einer schieren Willensanstrengung überstand Eberly die Stunden in der Schwerelosigkeit. Als die Frau auf dem Sitz neben ihm das Gespräch mit ihm suchte, reagierte er kurz angebunden auf ihre blödsinnigen Bemerkungen und bemühte sich verzweifelt, sich nicht anmerken zu lassen, wie lausig es ihm ging. Er rang sich ein Lächeln ab und hoffte, dass sie nicht den kalten Schweiß sah, der auf seiner Oberlippe perlte. Er spürte, dass das billige, dünne Hemd, das er trug, durchgeschwitzt war. Nach einer Weile verstummte sie und richtete die Aufmerksamkeit auf den Bildschirm, der in die Rückenlehne des Vordersitzes integriert war.

Eberly konzentrierte sich ebenfalls auf die Bilder. Der Bildschirm zeigte das Habitat, einen plumpen Zylinder, der wie ein von einem abgezogenen Bautrupp zurückgelassenes Rohr in der Leere des Raums hing. Doch je näher sie kamen, desto mehr nahm das Habitat Gestalt an. Eberly sah, dass es langsam rotierte; er wusste, dass der Spin ein Gefühl von Schwerkraft im Innern des Zylinders verursachte. Zahlen gingen ihm durch den Kopf: Das Habitat hatte eine Länge von zwanzig Kilometern und einen Durchmesser von vier Kilometern. Es drehte sich alle fünfundvierzig Sekunden einmal um die eigene Achse, wodurch eine Zentrifugalkraft entstand, die der normalen Erdenschwere entsprach.

Er war plötzlich so aufgeregt, dass er fast das Gefühl der Übelkeit vergaß. Nun sah er auch die großen Fenster, die über die ganze Länge des riesigen Zylinders verliefen. Und dann kam auch der Mond ins Bild und leuchte die Szene hell aus. Aus der Nähe betrachtet war der Mond hässlich, vernarbt und mit unzähligen Kratern übersät. Eberly wusste indes, dass einer der größten Krater den Stadtstaat Selene beherbergte.

Schnell wurde das Habitat so groß, dass es alles andere ausblendete. Im ersten Moment befürchtete Eberly schon, dass sie mit ihm kollidierten, obwohl der Verstand ihm sagte, dass die Piloten des Schiffs alles unter Kontrolle hatten. Er sah die Sonnenspiegel, die sich an die Rundungen des Zylinders schmiegten. Und es wuchsen Stiele und Knubbel aus der Hülle des Habitats wie Warzen an einer Gurke. Er wusste, dass sie zum Teil Beobachtungskuppeln waren. Bei anderen Auswüchsen handelte es sich um Andock-Ports, Schubdüsen und Luftschleusen.

»Hier spricht der Kapitän«, ertönte die Stimme einer Frau aus den Lautsprechern, die über jedem Monitor eingelassen waren. »Wir sind in einen Orbit um das Habitat gegangen. In drei Minuten werden wir andocken. Sie werden einen oder zwei Rucke spüren – kein Grund zur Sorge.«

Und doch erschraken die Passagiere, als der Ruck sie durchfuhr. Eberly umklammerte in Erwartung eines weiteren Stoßes die Sitzlehnen. Aber es passierte nichts mehr. Außer …

Der Magen hatte sich beruhigt! Das Gefühl der Übelkeit war verschwunden. Die Gravitation war zurückgekehrt, und er fühlte sich wieder ganz normal. Nein, sogar besser als normal. Er drehte sich zu der Frau um, die neben ihm saß, und musterte kurz ihr Gesicht. Es war ein rundes, fast pausbäckiges Gesicht mit großen dunklen Mandelaugen und lockigem schwarzem Haar. Sie hatte einen glatten, dunklen Teint. Eberly vermutete, dass sie aus dem Mittelmeerraum stammte – vielleicht Griechin, Spanierin oder Italienerin. Er lächelte sie kurz an.

»Da sitzen wir nun schon seit über sechs Stunden nebeneinander, und ich habe mich Ihnen noch nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Malcolm Eberly.«

Sie erwiderte das Lächeln. »Ja, das sehe ich.« Sie tippte aufs Namensschild, das an ihre Bluse angesteckt war und sagte: »Ich bin Andrea Maronella. Ich gehöre zum Agrotech-Team.«

Eine Bäuerin, sagte Eberly sich. Eine Landpomeranze. »Ich bin der Leiter der Abteilung Human Resources«, erwiderte er mit einem noch breiteren Lächeln.

»Wie schön.«

Bevor er noch etwas zu sagen vermochte, forderte die Flugbegleiterin sie auf, sich loszuschnallen und zur Schleuse zu gehen. Eberly löste den Sicherheitsgurt und erhob sich. Er war froh, sein altes Gewicht zurückerlangt zu haben, und vermochte es kaum zu erwarten, einen Blick ins Habitat zu werfen. Die Panik, gegen die er angekämpft hatte, verflog. Ich habe es geschafft!, frohlockte er innerlich. Ich habe die Angst ausgehalten und sie besiegt.

Er ließ Maronella den Vortritt beim Betreten des Gangs und folgte ihr dann zur Schleuse. Die sechzehn Männer und Frauen passierten der Reihe nach die Schleuse und betraten eine Kammer aus kahlen Metallwänden. Ein älterer Mann stand neben der Innenschleuse; er war groß und korpulent, hatte dichtes grau metallisches Haar und einen buschigen Bart von derselben Farbe. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht und vom jahrelangen Schielen in die Sonne Falten in den Augenwinkeln. Er trug eine abgeschabte Weste aus Wildleder und zerknitterte beige Jeans. Zwei jüngere, mit Overalls bekleidete Männer standen dicht hinter ihm – offensichtlich irgendwelche Untergebene.

»Willkommen im Habitat Goddard«, sagte er mit einem warmen Lächeln. »Ich bin Professor James Wilmot. Die meisten von Ihnen kennen mich bereits, und was die anderen betrifft, so freue ich mich darauf, Sie kennen zu lernen und mit Ihnen unsere Zukunft zu erörtern. Doch zunächst lassen Sie uns einen Blick auf die Welt werfen, die wir mindestens für die nächsten fünf Jahre bewohnen werden.«

Anschließend betätigte einer der jungen Männer hinter ihm die Tastatur in der Wand neben der Schleuse, und die schwere Stahltür schwang langsam nach innen. Eberly spürte einen warmen Lufthauch im Gesicht, wie die zärtliche Berührung seiner Mutter, an die er sich schwach erinnerte.

Die Gruppe der sechzehn Abteilungsleiter ging durch die Schleuse. Hier bin ich nun, sagte Eberly sich und fühlte eine erneute Aufwallung von Panik. Es gibt kein Zurück mehr. Dies ist die Neue Welt, in der ich leben soll. Dieser riesige Zylinder, diese Maschine. Man hat mich ins Exil geschickt. Sie schicken mich bis zum Saturn. So weit weg wie nur möglich. Ich werde die Erde nie mehr wiedersehen.

Er war einer der Letzten in der Reihe. Als er die offene Luke erreichte und hindurchging, hörte er die erstaunten Ausrufe der anderen. Und dann sah er auch den Grund dafür.

In alle Richtungen um ihn herum erstreckte sich eine grüne Landschaft, die in warmes Sonnenlicht getaucht war. Sanfte, mit Gras bewachsene Hügel, Baumgruppen und kleine mäandernde Flüsse verschwanden in der diesigen Ferne. Die Gruppe stand auf dem sanften Abhang eines Hügels, von wo aus sie einen freien Blick aufs weitläufige Innere des Habitats hatte. Dichte Büsche aus leuchtend roten Hibiskusblüten und lavendelfarbenem Oleander säumten einen gewundenen Pfad, der zu einer Gruppe niedriger weißer Gebäude führte. Sie leuchteten im Sonnenlicht, das durch die langen Fenster hereinströmte.

Ein mediterranes Dorf, sagte Eberly sich, das terrassenförmig an der Flanke eines mit Gras bewachsenen Hügels angelegt worden war und einen schimmernden blauen See überschaute. Eine idyllische Mittelmeerlandschaft wie aus einem Reiseprospekt. In der Ferne machte er etwas aus, das wie Ackerland aussah: rechteckige kleine Felder, die erst kürzlich gepflügt worden zu sein schienen, und weitere Ansammlungen weiß getünchter Gebäude. Einen Horizont gab es nicht. Stattdessen wölbte das Land sich einfach auf, Hügel und Gräser und Bäume und noch mehr kleine Dörfer mit ihren gepflasterten Straßen und funkelnden Flüssen – es wölbte sich auf beiden Seiten auf, bis er den Kopf in den Nacken legte und über sich noch mehr von der sorgfältig und liebevoll gestalteten Landschaft sah.

»Atemberaubend«, flüsterte Maronella.

»Faszinierend«, sagte ein anderer.

Eine jungfräuliche Welt, sagte Eberly sich, unberührt von Krieg, Hungersnot und Hass. Unberührt von allen menschlichen Regungen. Sie wartet nur darauf, geformt und beherrscht zu werden. Vielleicht würde es hier doch nicht so schlimm sein.

»Das muss doch Unsummen verschlungen haben«, sagte ein junger Mann mit kräftiger, geschäftsmäßiger Stimme. »Wie hat das Konsortium das Geld überhaupt aufzubringen vermocht?«

Professor Wilmot lächelte und fasste sich an den Bart. »Das Habitat stammt aus einer Konkursmasse. Die früheren Besitzer sind beim Versuch, es in ein Altersheim umzuwandeln, Bankrott gegangen.«

»Wer zieht denn heute überhaupt noch in ein Altersheim?«

»Genau deshalb sind sie ja Bankrott gegangen«, erwiderte Wilmot.

»Trotzdem … Die Kosten …«

»Das Internationale Universitäts-Konsortium ist auch nicht ganz mittellos«, sagte Wilmot. »Und wir haben auch viele Ehemalige, die sehr großzügig sind, wenn man sie nur richtig anspricht.«

»Sie meinen, wenn man nur lang genug versucht, ihnen den Arm auszureißen«, witzelte eine Frau. Die anderen lachten, und sogar Wilmot gestattete sich ein Lächeln.

»So sieht es also aus«, sagte der Professor. »Dies wird für die nächsten fünf Jahre Ihr Zuhause sein, und für viele von Ihnen sogar noch länger.«

»Und wann kommen die anderen?«

»Zunächst muss der Personalausschuss geeignete Bewerber auswählen. Nachdem sie die abschließenden körperlichen und psychologischen Eignungstests durchlaufen haben, werden sie an Bord kommen. Ungefähr zwei Drittel der verfügbaren Stellen haben wir bereits besetzt, und wir können uns vor Bewerbern kaum retten.«

Die anderen stellten weitere Fragen, die Wilmot geduldig beantwortete. Eberly filterte die Stimmen aus der bewussten Wahrnehmung aus. Er ließ den Blick durch das riesige Habitat schweifen und genoss diesen Moment der Entdeckung, die Ankunft in einer neuen Welt. Zehntausend, mehr dürfen sich uns nicht anschließen. Doch in diesem Habitat hätten leicht hunderttausend Menschen Platz. Sogar eine Million!

Er dachte an die ärmlichen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen war: acht, zehn, sogar zwölf Leute in einem Raum. Und dann die gnadenlose Disziplin der Klosterschulen. Und das Gefängnis.

Zehntausend Menschen, sinnierte er. Sie werden hier ein Leben im Luxus führen. Sie werden wie Könige leben!

Er lächelte. Nein, sagte er sich. Es wird hier nur einen König geben. Einen Herrn. Dies wird mein Königreich sein, und jeder darin wird sich meinem Willen beugen müssen.

Wien: Gefängnis Schönbrunn

Über ein Jahr, bevor er vom Habitat Goddard überhaupt Kenntnis erlangt hatte, war Malcolm Eberly plötzlich aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem er noch nicht einmal die Hälfte seiner Strafe wegen Betrugs und Untreue verbüßt hatte.

Der weitläufige alte Palast von Schönbrunn war nach den Flüchtlings-Aufständen, durch die ein großer Teil von Wien und dessen Umgebung verwüstet worden waren, in ein Gefängnis umgewandelt worden. Als Eberly erfahren hatte, dass er die Haftzeit in Schönbrunn absitzen würde, hatte er noch Hoffnung gehegt: Wenigstens handelte es sich nicht um ein schmutziges Staatsgefängnis, wo Gewohnheitsverbrecher einsaßen. Doch wurde er schnell eines Besseren belehrt: Ein Gefängnis ist und bleibt nun einmal ein Gefängnis, in dem Verbrecher und Perverse einsitzen. Schmerz und Demütigung waren ständige Gefahren, Furcht sein ständiger Begleiter.

Der Morgen hatte begonnen wie immer: Eberly wurde vom durchdringenden Signal einer Trillerpfeife aus dem Schlaf gerissen. Er schwang sich von der oberen Koje herunter und wartete stumm, während seine drei Zellengenossen das Waschbecken und die Toilette benutzen. Er hatte sich an den Gestank der Zelle gewöhnt und schon zu Beginn der Haft gelernt, dass Beschwerden nur mit Schlägen quittiert wurden – entweder von den Wärtern oder den Zellengenossen.

Es existierte eine Hierarchie unter den Gefangenen. Diejenigen, die mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung standen, führten die Hackordnung an. Mördern, sogar jenen armen Teufeln, die aus Leidenschaft töteten, wurde mehr Respekt entgegengebracht als Dieben oder Kidnappern. Kleine Gauner, zu denen Eberly gehörte, waren am unteren Ende der Hierarchie angesiedelt und mussten Handlangerdienste für ihre ›Vorgesetzten‹ verrichten, ob sie wollten oder nicht.

Zum Glück war Eberly in eine Zelle verlegt worden, deren Capo ein früherer Kfz-Mechaniker aus Kalabrien war, den man wegen Bandenkriminalität, Terrorismus, Banküberfällen und Mord schuldig gesprochen hatte. Obwohl kaum des Lesens und Schreibens kundig, war der Kalabrier der geborene Organisator: Er führte seinen Gefängnistrakt wie ein mittelalterliches Lehen, schlichtete Streit und setzte eine brachiale Art von Gerechtigkeit durch – und das so effizient, dass die Wachen ihm gestatteten, den Frieden unter den Häftlingen auf seine Art und Weise zu bewahren. Irgendwann erkannte der Capo, dass er jemanden brauchte, der einen Computer bedienen konnte, um den Kontakt zu seiner Familie in ihrem Bergdorf und zu den versprengten Mitgliedern seiner Bande aufrechtzuerhalten, die sich noch immer in den Hügeln versteckten. Also wurde Eberly sein Sekretär, und ab diesem Zeitpunkt durfte ihn niemand mehr behelligen.

Es war die geisttötende Routine jedes langen, öden Tags, die Eberly seelisch krank machte. Seit er unter dem Schutz des Kalabriers stand, hatte er in körperlicher Hinsicht keine Probleme mehr, doch die triste Monotonie der Zelle, des Essens, der Gestank, die stupiden Unterhaltungen der anderen Gefangenen – Tag für Tag, Woche für Woche – drohten ihn um den Verstand zu bringen. Er versuchte sich durch tägliche Besuche in der Gefängnisbücherei geistig zu beschäftigen. Dort durfte er den streng überwachten Computer benutzen, um wenigstens eine virtuelle Verbindung zur Außenwelt herzustellen. Die meisten Unterhaltungs-Websites wurden entweder zensiert oder waren gar nicht erst zugänglich, doch die Gefängnisleitung gestattete  – ermutigte sogar – den Besuch von Bildungs-Websites. In seiner Verzweiflung meldete Eberly sich für einen Kurs nach dem andern an, schloss ihn in der Regel viel schneller ab als vorgesehen und eilte dann zum nächsten.

Anfangs belegte er alle Kurse, die gerade angeboten wurden: Renaissance-Malerei, Transaktions-Psychologie, Kläranlagen-Technik, Goethes Dichtkunst. Er spielte dabei überhaupt keine Rolle, um welches Thema es sich handelte; Hauptsache, er war beschäftigt und vermochte für ein paar Stunden am Tag dem Gefängnis zu entfliehen, auch wenn es nur über den Computer geschah.

Allmählich entwickelte er jedoch eine Vorliebe fürs Studium der Geschichte und Politik. Schließlich bewarb er sich um einen Studienplatz an der Fern-Universität von Edinburgh.

Zu seiner großen Überraschung holte an einem Morgen wie jedem anderen der Gefängnisdirektor ihn aus der Reihe, als er und seine Zellengenossen zum Speisesaal schlurften, um ihr lauwarmes Frühstück einzunehmen.

Der bartstoppelige und humorlose Rittmeister tippte Eberly mit dem Knüppel auf die Schulter und sagte: »Mir folgen.«

»Wieso ich? Was ist denn los?«, platzte Eberly ebenso erstaunt wie erschrocken heraus.

Der Rittmeister hielt Eberly den Gummiknüppel unter die Nase und befingerte den Spannungsregler. »In der Reihe wird nicht gesprochen! Und nun folgen Sie mir.«

Die anderen Sträflinge marschierten schweigend weiter. Die Köpfe hatten sie nach vorn gerichtet, doch ihre Blicke wanderten heimlich zu Eberly und zum Rittmeister. Dann schauten sie wieder nach vorn. Eberly wusste, wie der Knüppel sich mit einer vollen Ladung anfühlte. Also senkte er den Kopf und folgte dem Rittmeister fügsam aus dem Speisesaal.

Der Rittmeister führte ihn in einen kleinen, mit Möbeln voll gestellten Raum im Verwaltungstrakt, wo der Gefängnisdirektor und andere Vollzugsbeamte ihre Büros hatten. Der Raum hatte nur ein Fenster, das noch dazu fest geschlossen und so schmutzig war, dass das Licht der Morgensonne es kaum zu durchdringen vermochte. Ein rechteckiger Tisch füllte fast den ganzen Raum aus; die Tischplatte war verschrammt und matt. Zwei Männer in teuer wirkenden Geschäftsanzügen saßen am Tisch, wobei die Stühle fast an den kahlen grauen Wänden schrammten.

»Hinsetzen«, sagte der Rittmeister und wies mit dem Knüppel auf den Stuhl am Fuß des Tisches. Eberly setzte sich vorsichtig hin, wobei er sich fragte, was das alles wohl zu bedeuten habe und ob er sein Frühstück verpassen würde. Der Rittmeister trat hinaus auf den Flur und schloss leise die Tür.

»Sie sind Malone Eberly?«, fragte der Mann am Kopfende des Tisches. Er war rundlich und hatte ein teigiges Gesicht mit rosigen Wangen. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Eberly mutete er wie ein Schwein an.

»Ja, der bin ich«, erwiderte Eberly. »Sir«, fügte er rasch hinzu.

»Geboren als Max Erlenmeyer, wenn unsere Informationen richtig sind«, sagte der Mann zur Rechten. Er machte einen gediegenen Eindruck in seinem eleganten dunkelblauen Anzug und mit dem glatten silbergrauen Haar. Eberly vermochte ihn sich gut in einem zweireihigen Blazer und mit einer Schiffermütze auf der Brücke einer Jacht vorzustellen.

»Ich hatte meinen Namen offiziell bei der Meldebehörde ändern lassen, als …«

»Das ist eine Lüge«, sagte der im dunkelblauen Anzug so beiläufig, als ob er um ein Glas Wasser ersucht hätte. Dem Akzent nach zu urteilen war ein Engländer, befand Eberly. Dieser Umstand mochte ihm vielleicht noch von Nutzen sein.

»Aber …«

»Das spielt aber auch keine Rolle«, sagte der andere. »Wenn Sie Eberly genannt werden wollen, dann werden wir Sie eben so nennen. In Ordnung?«

Eberly nickte konsterniert.

»Wie würde es ihnen wohl gefallen, aus dem Gefängnis entlassen zu werden?«, fragte das Schweinsgesicht.

Eberly merkte, dass er große Augen machte. Doch er brachte sich schnell wieder unter Kontrolle und fragte: »Was hätte ich denn zu tun, um freigelassen zu werden?«

»Nicht viel«, sagte der Elegante. »Sie müssten nur zum Planeten Saturn fliegen.«

Allmählich ließen sie die Katze aus dem Sack. Der Dicke kam vom Hauptquartier der Neuen Moralität in Atlanta, der multinationalen fundamentalistischen Organisation, bei der Eberly seinerzeit in Amerika aufgewachsen war.

»Wir waren sehr enttäuscht, als Sie aus unserem Kloster in Nebraska geflohen sind und eine Verbrecherlaufbahn eingeschlagen haben«, sagte er mit einem echten Ausdruck von Trauer im pausbäckigen Gesicht.

»Ich habe keine Verbrecherlaufbahn eingeschlagen«, widersprach Eberly. »Ich habe nur einmal einen Fehler gemacht, für den ich nun die Konsequenzen zu tragen habe.«

Der Elegante lächelte wissend. »Richtig, für diesen Fehler büßen Sie nun. Und wir sind gekommen, um ihnen eine zweite Chance zu bieten.«

Er sagte, dass er Katholik sei, der mit den europäischen Heiligen Jüngern an einer Reihe von Sozialprogrammen arbeite. »Von denen Sie eins sind.«

»Ich?«, fragte Eberly. Er war noch immer verwirrt. »Ich verstehe nicht.«

»Es ist eigentlich ganz einfach«, sagte das Schweinsgesicht und faltete die Patschhände andächtig auf den Tisch. »Das Internationale Universitäts-Konsortium organisiert eine Expedition zum Planeten Saturn.«

»Zehntausend Leute in einem autarken Habitat«, merkte der andere an.

»Zehntausend so genannte Intellektuelle«, sagte das Schweinsgesicht mit offensichtlich angeekeltem Gesichtsausdruck. »Sie dienen als Hilfskräfte für einen Kader von Wissenschaftlern, der den Planeten Saturn erforschen möchte.«

Der andere warf seinem Kollegen einen missbilligenden Blick zu und sagte: »Viele Regierungen gestatten bestimmten Personen das Verlassen der Erde. Sie sind sogar froh, dass sie sie loswerden.«

»Und sie sind natürlich alle Säkularisten«, ergänzte das Schweinsgesicht.

»Natürlich«, sagte Eberly.

»Wir wissen, dass viele Menschen dem Leben entfliehen wollen, das sie derzeit führen«, konstatierte der Dicke. »Sie sind nämlich nicht bereit, sich der nötigen Disziplin zu unterwerfen, die wir von der Neuen Moralität ihnen auferlegen.«

»Das Gleiche gilt für Großbritannien und Europa«, sagte der Elegante. »Die Heiligen Jünger haben die Städte gereinigt, den Menschen Moral und Ordnung gebracht, die Hungernden gespeist und Arbeit für diejenigen gefunden, deren Arbeitsplätze von den Treibhaus-Fluten fortgerissen worden waren.«

Das Schweinsgesicht nickte.

»Trotzdem gibt es noch immer viele Leute, die behaupten, dass wir ihre Freiheitsrechte beschneiden würden. Ihre Freiheitsrechte! War es doch gerade diese Libertinage und Freizügigkeit, die fast zum Zusammenbruch der Zivilisation geführt hätte.«

»Aber die Flut«, sagte Eberly. »Der Treibhauseffekt, der Terror und die ganzen Umweltkatastrophen.«

»Die Heimsuchungen eines zürnenden Gottes«, sagte das Schweinsgesicht ungerührt. »Eine Warnung, dass wir auf Seinen Weg zurückkehren müssen.«

»Was wir im Großen und Ganzen auch getan haben«, warf der Elegante ein. »Sogar im gottverdammten Nahen Osten hat das Schwert des Islam wahre Wunder bewirkt.«

»Und nun diese Mission zum Saturn …«

»Die von gottlosen Säkularisten durchgeführt wird …«

»… durch die zehntausend Menschen vom richtigen Weg abzukommen versuchen.«

»Wir dürfen das nicht zulassen.«

»Zu ihrem eigenen Besten.«

»Natürlich.«

»Natürlich«, pflichtete Eberly ihm pflichtschuldig bei. »Aber ich wüsste nicht, was das mit mir zu tun hat«, fügte er hinzu.

»Wir wollen, dass Sie sich ihnen anschließen.«

»Und den ganzen Flug zum Planeten Saturn mitmachen?«, stieß Eberly hervor.

»Exakt«, erwiderte der Elegante.

»Sie werden unser Mann im Habitat sein. Wir werden Sie als Leiter der Abteilung Human Resources einschleusen.«

»Damit Sie Einfluss darauf haben, wer zur Teilnahme an der Mission zugelassen wird.«

»Natürlich nur unter unserer Aufsicht«, merkte das Schweinsgesicht an.

»Als Leiter der Abteilung Human Resources? Dazu sind Sie in der Lage?«

»Wir haben so unsere Mittel und Wege«, sagte der Elegante lächelnd.

»Ihre eigentliche Aufgabe wird aber darin bestehen, eine gottesfürchtige Regierung im Habitat zu etablieren«, sagte das Schweinsgesicht. »Wir dürfen nämlich nicht zulassen, dass die Säkularisten das Leben dieser zehntausend Seelen beherrschen!«

»Wir müssen verhindern, dass dieses Habitat zu einem Sündenpfuhl wird«, sagte sein Begleiter.

»Eine begrenzte, abgeschlossene Umgebung wie diese muss wie ein Unternehmen oder eine Regierung funktionieren. Andernfalls wird sie sich selbst zerstören, wie die Menschen hier auf der Erde es schon mit so vielen Städten getan haben.«

»Sie sind noch zu jung, um sich an die Hungeraufstände zu erinnern.«

»Ich erinnere mich noch an die Kämpfe in St. Louis«, sagte Eberly und schauderte innerlich. »Ich erinnere mich an den Hunger. Daran, wie meine Schwester während des Bio-Kriegs an Entkräftung gestorben ist.«

»Wir wollen nicht, dass dies auch diesen armen Seelen widerfährt, die zum Saturn aufbrechen«, sagte der Dicke mit gefalteten Händen.

»Ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht«, sagte der andere, »sie werden die Art von Disziplin und Ordnung brauchen, die nur wir ihnen zu geben vermögen.«

»Und wir zählen auf Sie, dass Sie sie auf den rechten Weg führen.«

»Aber was soll ich allein überhaupt ausrichten?«, sagte Eberly.

»Sie werden Unterstützung bekommen. Wir werden einen kleinen, aber ergebenen Kader von gleich gesinnten Menschen ins Habitat einschleusen.«

»Und ich soll ihr Anführer sein?«

»Ja. Sie verfügen über die entsprechenden Fertigkeiten; das haben wir Ihrem Lebenslauf entnommen. Mit Gottes Hilfe werden Sie das Schicksal dieser zehntausend Seelen in die richtigen Bahnen lenken.«

»Werden Sie es tun?«, fragte der Elegante gespannt. »Wollen Sie diese Verantwortung übernehmen?«

Eberly musste seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um ihnen nicht ins Gesicht zu lachen. Zum Saturn fliegen oder im Knast verrotten, sagte er sich. Den Anführer geben und eine Regierung bilden oder noch weitere neun Jahre in dieser stinkenden Zelle verbringen.

»Ja«, sagte er mit ruhiger Entschlossenheit. »Mit Gottes Hilfe nehme ich diese Verantwortung auf mich.«

Die beiden Männer lächelten sich zu; doch Eberly sagte sich, zu dem Zeitpunkt, wo das Habitat den Saturn erreicht hatte, wären er und alle anderen längst dem Zugriff dieser scheinheiligen Fundamentalisten entzogen.

»Sollte es Ihnen jedoch nicht gelingen, unsere Ziele zu verwirklichen«, sagte das Schweinsgesicht, »werden wir natürlich dafür sorgen, dass Sie hierher zurückgebracht werden und den Rest der Strafe verbüßen.«

»Wir könnten Ihnen auch noch ein paar Straftaten anhängen, die die Haftdauer verlängern würden«, fügte der andere zynisch hinzu und kam sich dabei offenbar wie ein ganz toller Hecht vor. »Ihr Lebenslauf weist nämlich eine ganze Latte von Vorstrafen auf, wie wir wissen.«

45 Tage vor dem Start

James Coleraine Wilmot war der Sohn eines Peer of the Empire, ein Baron, der nach der irischen Wiedervereinigung Nordirland verlassen hatte, wo seine Familie seit über fünfhundert Jahren gelebt hatte.

Aber er verspürte keine Bitterkeit. Seine Familie war nie reich gewesen; seit fast einem Dutzend Generationen hatte sie versucht, durch Schafzucht ein Dasein in ärmlicher Würde zu fristen. Wilmot hatte indessen nicht das geringste Interesse an Tierzucht. Seine Leidenschaft galt dem Studium des Tiers im Menschen. James Coleraine Wilmot war Anthropologe. Er war außerdem ein perfekter Verwalter und ein geschickter Kämpfer auf den stillen und dennoch wilden Schlachtfeldern des akademischen Betriebs. Er hatte das Gefühl, dass seine Ernennung als Leiter dieses zusammengewürfelten Haufens von Menschen auf der Mission zum fernen Saturn die Krönung seiner Laufbahn darstellte, ein sorgfältig kontrolliertes Forschungsprogramm am lebenden Objekt, ein Experiment auf einem Feld, auf dem man noch nie zuvor Experimente durchzuführen vermocht hatte.

Eine geschlossene, strikt begrenzte Gemeinschaft in einer autarken Ökologie und einer geschlossenen Ökonomie. Jedes Merkmal ihrer physikalischen Existenz war unter Kontrolle. Menschen aus Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Afrika. Überwiegend Freidenker, Menschen, die unter den Restriktionen ihrer Heimatgesellschaften litten, die von religiösen Eiferern regiert wurden. Und natürlich die Wissenschaftler. Der offizielle Zweck dieser Mission war die wissenschaftliche Erforschung des Planeten Saturn und dessen großen Mondes Titan.

Wilmot wusste es aber besser. Er kannte den eigentlichen Zweck dieses Flugs zum Saturn und den Grund, weshalb die Sponsoren im Hintergrund wollten, dass ihre finanziellen Zuwendungen geheim gehalten wurden.

Die Chinesen hatten es wie immer abgelehnt, sich am Experiment zu beteiligen; sie waren Isolationisten bis ins Mark und blieben lieber unter sich. Doch sonst waren die meisten ethnischen und religiösen Gruppen repräsentiert. Welche Art von Gesellschaft diese Leute wohl hervorbringen würden? Ein Feldversuch in Anthropologie! Wilmot geriet beim Gedanken daran schier in Verzückung. Obwohl der Zweck hinter diesem Experiment, der wahre Grund für diesen Flug zum Saturn, ihn zutiefst beunruhigte. Aber er verdrängte diese Überlegungen und begnügte sich damit, sich auf die Zukunftsaussichten zu freuen.

Sein Büro war ein Spiegelbild des Mannes. Er hatte es wie sein Büro in Cambridge einzurichten versucht. Er hatte den großen Schreibtisch mit den klaren Konturen im dänischen Stil mitgebracht und den eleganten Stuhl mit der ergonomischen Rückenlehne, außerdem die Bücherregale und den kleinen runden Konferenztisch mit den vier minimalistischen Stühlen. Das ganz in Weiß gehaltene Mobiliar war hell und zweckmäßig und doch warm und behaglich. Selbst der Teppich, der fast den gesamten Fußboden bedeckte, stammte aus dem irdischen Büro. Schließlich werde ich hier mehr als fünf Jahre lang leben und arbeiten, sagte Wilmot sich. Da will ich es wenigstens schön gemütlich haben.

Die einzige Neuerung im Büro war der Gästestuhl – auch im dänischen Stil, aber mit einem glänzenden Chromgestell und weichen, karamellfarbenen Lederbezügen.

Manuel Gaeta saß auf dieser Garnitur und wirkte viel entspannter, als Wilmot selbst sich fühlte. Der dritte Mann im Raum war Edouard Urbain, Chef-Wissenschaftler des Habitats: Ein kleiner, schlanker Mann mit einem dunklen Bart, dessen schütteres Haupthaar straff zurückgekämmt war. Er saß auf einem dieser filigran wirkenden Stühle am Konferenztisch in der Ecke. Urbain war Wilmot nicht gerade sympathisch; er hielt den Mann für einen typischen, ziemlich cholerischen Franzosen, obwohl Urbain in Quebec geboren und aufgewachsen war.

»Wie ich sehe, sind Sie körperlich und geistig fit«, sagte Wilmot zu Gaeta und wies auf den Wandbildschirm, der die Testergebnisse des Mannes zeigte. »Mehr noch als fit; Sie sind geradezu ein Prachtexemplar.«

Gaeta grinste zufrieden. »Das bringt der Job eben so mit sich.«

Seine Stimme war leise, fast musikalisch. Er war von kleinem Wuchs, aber kräftig gebaut und stämmig. Unter dem weißen T-Shirt zeichneten sich starke Muskeln ab. Ein schönes Gesicht hatte er allerdings nicht: Die Nase war offensichtlich gebrochen, vielleicht sogar mehr als einmal; und der massive Kiefer verlieh ihm irgendwie das Aussehen einer Bulldogge. Doch die tief in den Höhlen liegenden dunklen Augen schauten freundlich, und er hatte ein entwaffnendes Lächeln.

»Ich muss Ihnen sagen, Mr. Gaeta, dass …«

»Manuel«, unterbrach der jüngere Mann ihn. »Bitte nennen Sie mich doch Manuel.«

Wilmot war durch dieses Angebot leicht irritiert. Er zog es nämlich vor, zumindest eine gewisse Distanz zu wahren. Und obwohl er feststellte, dass Gaeta durchaus imstande schien, ein ordentliches Englisch zu sprechen, sprach dieser seinen Namen mit einem deutlichen romanischen Einschlag aus. Wilmot warf einen Blick auf Urbain, dessen einzige Reaktion indes darin bestand, eine Augenbraue zu heben.

»Na gut«, sagte Wilmot. »Aber ich muss Ihnen trotzdem sagen, Mister … ähem … Manuel, dass es Ihnen entgegen dem Kalkül Ihrer Sponsoren nicht möglich sein wird, die Oberfläche des Titan zu betreten.«

Das tat Gaetas Lächeln freilich keinen Abbruch. »Die Astro Corporation hat fünfhundert Millionen Internationale Dollar in mich investiert, um diesen Flug durchzuführen. Und Ihr Universitäts-Konsortium hat dem Geschäft immerhin zugestimmt.«

Urbain brach das Schweigen fast explosiv. »Nein! Das ist unmöglich! Es ist niemandem erlaubt, die Oberfläche des Titan zu betreten. Das wäre nämlich eine Verletzung aller Prinzipien, die wir vertreten.«

»Hier muss ein Missverständnis vorliegen«, sagte Wilmot in ruhigerem Ton. »Bisher hat noch niemand die Oberfläche von Titan betreten, und …«

»Verzeihung«, sagte Gaeta, »aber genau darum geht es ja. Wenn schon jemand auf Titan gewesen wäre, gäbe es für mich keinen Grund mehr, diesen Stunt durchzuführen.«

»Stunt?«, fragte Wilmot missbilligend.

»Ich habe die Ausrüstung«, fuhr Gaeta fort. »Sie ist komplett getestet worden. Meine Crew kommt morgen an Bord. Alles, worum ich Sie bitte, ist ein Platz, an dem ich die Ausrüstung aufzubauen und auszuprüfen vermag. Alles andere haben wir schon vorbereitet.«

Urbain schüttelte heftig den Kopf. »Es werden nur ferngesteuerte Sonden zur Oberfläche von Titan geschickt. Keine Menschen!«

»Bei allem Respekt, Sir«, sagte Gaeta mit immer noch leiser und freundlicher Stimme, »Sie denken wie ein Wissenschaftler.«

»Ja, natürlich. Wie denn sonst?«

»Schauen Sie, ich bin in der Show-Branche, nicht in der Wissenschaft tätig. Ich werde dafür bezahlt, riskante Stunts durchzuführen, wie zum Beispiel durch die Wolken des Jupiter zu gleiten und mit Skiern den Olympus Mons auf dem Mars herunterzufahren.«

»Stunts«, murmelte Wilmot.

»Genau, Stunts. Die Leute zahlen viel Geld dafür, an meinen Stunts teilzuhaben. Deshalb die VR-Ausrüstung.«

»Die Spannung der virtuellen Realität. Ein Surrogat-Erlebnis.«

»Ein billiges Vergnügen, stimmt. Damit macht man aber das große Geld. Meine Investoren werden schon nach den ersten zehn Sekunden, die ich in den VR-Netzwerken bin, ihre erste halbe Milliarde verdienen.«

»Sie riskieren Ihr Leben, damit andere Leute mit einer VR-Ausrüstung auf einen Abenteuer-Trip gehen können«, sagt Urbain fast anklagend.

Falls Gaeta überhaupt eine Reaktion zeigte, bestand sie darin, dass sein Lächeln noch breiter wurde. »Der Trick ist der, die Risiken zu beherrschen. Die Bedingungen zu erkunden und die erforderliche Ausrüstung zu kaufen oder zu entwickeln. Man bezeichnet mich zwar als Teufelskerl, aber ich bin kein Narr.«

»Und Sie wollen als erster Mensch die Oberfläche des Titan betreten«, sagte Wilmot.

»Das sollte nicht allzu schwer sein. Sie werden sowieso dorthin fliegen, also fliegen wir bei euch mit. Der Titan hat eine Atmosphäre und eine ganz ordentliche Schwerkraft. Und die Strahlungswerte sind nicht annähernd so hoch wie auf dem Jupiter.«

»Und Kontamination?«, fragte Urbain.

Gaeta zog die Augenbrauen hoch. »Kontamination?«

»Es gibt Leben auf dem Titan. Es ist zwar nur mikroskopisch klein: einzellige bakterielle Lebewesen. Aber es sind Lebewesen, und wir müssen jede Kontamination vermeiden. Das ist unsere erste Pflicht.«

Gaeta entspannte sich wieder. »Ach so. Ich werde einen gepanzerten Raumanzug tragen. Sie können ihn abschrubben und mich in ultraviolettem Licht baden, wenn ich zurück bin. Das tötet alles Kroppzeug ab, das vielleicht noch am Anzug klebt.«

Urbain schüttelte den Kopf noch heftiger. »Nein, nein und nochmals nein. Sie verstehen nicht. Wir machen uns wahrlich keine Sorgen, dass Mikroben Sie kontaminieren. Unsere Sorge ist vielmehr, dass Sie vielleicht sie kontaminieren.«

»Hä?«

»Es existiert eine einzigartige Ökologie auf dem Titan«, sagte Urbain. Seine blauen Augen funkelten, und der Bart sträubte sich schier. »Wir dürfen nicht das geringste Risiko eingehen, sie zu kontaminieren.«

»Aber das sind doch nur Bakterien!«

Urbain klappte die Kinnlade herunter. Er schaute aus wie ein Strenggläubiger, der soeben eine Blasphemie vernommen hat.

»Einzigartige Organismen«, stellte Wilmot klar. »Sie dürfen nicht beeinträchtigt werden.«

»Aber es sind doch schon Sonden auf dem Titan gelandet«, wandte Urbain ein, »jede Menge Sonden sogar!«

»Jede Einzelne wurde aber so gründlich desinfiziert, wie es nach dem Stand der Wissenschaft nur möglich war«, sagte Urbain. »Sie waren Dosen von Gammastrahlung ausgesetzt, die fast die elektronischen Schaltkreise zerstört hätten. Und ein paar von ihnen wurden während des Dekontaminations-Vorgangs wirklich außer Funktion gesetzt.«

Gaeta zuckte die Achseln. »Gut, dann dekontaminieren Sie meinen Anzug eben auf die gleiche Art.«

»Wenn Sie drinstecken?«, fragte Wilmot in ruhigem Ton.

»Wie – wenn ich drinstecke?«

»Weil Sie, wenn Sie in den Anzug steigen, einen ganzen Zoo von mikrobieller Flora und Fauna an den äußeren Teilen des Anzugs hinterlassen, die Sie berühren: Schweiß, Fett und wer weiß was nicht alles. Schon ein Fingerabdruck, ein Atemhauch könnte genug terrestrische Mikroben freisetzen, um Titans gesamte Ökologie zu verwüsten.«

»Ich müsste also im Anzug bleiben, wenn ihr ihn mit Gammastrahlen bombardiert?«

Wilmot nickte.

»Nur so werden wir Ihnen gestatten, die Oberfläche von Titan zu betreten«, sagte Urbain ungerührt.

38 Tage vor dem Start

Ein Lächeln steht ihm wirklich gut, sagte Susan sich. Nur ist er leider immer so ernst.

Malcolm Eberly blickte konzentriert auf die dreidimensionale Abbildung, die mitten in der Luft über seinem Schreibtisch schwebte. Susan mutete er wie ein kalifornischer Surfer-Typ an, doch nur vom Hals aufwärts. Das blonde Haar hatte er nach der neuesten Mode kurz geschnitten. Er hatte hohe Wangenknochen und ein kräftiges Kinn. Eine fein geschwungene Nase und funkelnde blaue Augen von der Farbe eines Gletschersees. Und ein bezauberndes Lächeln, das er leider allzu selten zeigte.

Sie hatte sich zurückgelehnt, um ihm ihre Vorzüge zu präsentieren: Sie war mit dem schlichten Gewand und der Hose bekleidet, die ihm so gut gefiel, hatte das Haar in den Naturzustand zurückversetzt und die widerspenstigen Locken abgeschnitten. Die Verzierung an der Stirn hatte sie auch beseitigt und trug nun gar keinen Schmuck mehr außer den kleinen Ohrsteckern aus Asteroiden-Diamant.

Doch nichts von alledem hatte er bisher zur Kenntnis genommen.

»Wir müssen die Kriterien der Auswahlverfahren verschärfen«, sagte er, ohne vom Display aufzuschauen. Er hatte eine tiefe, sonore Stimme und sprach ein amerikanisches Englisch, das jedoch von einem kultivierten britischen Akzent überlagert wurde.

»Schauen Sie.« Eberly betätigte die Fernbedienung, und das Display rotierte über dem Schreibtisch, sodass Susan die dreidimensionale Grafik anschauen konnte. Das Büro war klein und spartanisch: Das Mobiliar bestand nur aus Eberlys grauem Metallschreibtisch und dem harten kleinen Plastikstuhl, auf dem Susan saß. Es hingen keine Bilder an den Wänden. Eberlys Schreibtisch war akkurat aufgeräumt.

Sie beugte sich auf dem unbequemen, knarrenden Stuhl nach vorn und betrachtete die Reihe der bunten Zickzacklinien, welche die vor ihren Augen schwebende Grafik durchzogen. Die Konfiguration war noch genau die gleiche, an die sie sich vom Vortag erinnerte, bevor sie Feierabend gemacht hatte.

»In den zwei Wochen, die Sie bereits im Human-Resources-Büro arbeiten«, sagte Eberly, »haben die erfolgreichen Rekrutierungen um fast dreißig Prozent zugenommen. Sie leisten anscheinend mehr als das ganze restliche Personal zusammengenommen.«

Das liegt nur daran, dass ich Eindruck bei dir schinden will, sagte sie sich. Sie hatte aber nicht den Nerv, ihm das ins Gesicht zu sagen; sie vermochte sich lediglich ein Lächeln abzuringen.

Er lächelte jedoch nicht, sondern sagte: »Leider handelt es sich bei zu vielen der neuen Rekruten um verurteilte politische Dissidenten und Unruhestifter. Wenn sie schon auf der Erde für Unruhe gesorgt haben, dann werden sie es wahrscheinlich auch hier tun.«

Ihr Lächeln verflog. »Aber ist denn das nicht auch ein Zweck dieser Mission?«, fragte sie. »Wir fliegen zum Saturn, um den Menschen eine neue Chance zu geben, damit sie ein neues Leben anfangen können.«

»Aber es muss alles im Rahmen bleiben, Holly. Alles in Maßen. Wir wollen hier keine notorischen Querulanten und Aufsässigen. Dann könnten wir genauso gut noch Terroristen ins Habitat aufnehmen.«

»Habe ich denn wirklich so schlechte Arbeit geleistet?«

Sie erwartete, dass er sie beruhigte und ihr sagte, dass sie ihre Arbeit gut machte. Stattdessen stand Eberly auf und ging um den Schreibtisch herum.

»Kommen Sie, wir gehen nach draußen und machen einen kleinen Spaziergang.«

Sie sprang auf. Sie war ein kleines Stück größer als er. Von den Schultern abwärts war Eberly schlank, geradezu dürr. Dünne Ärmchen, eine Hühnerbrust und sogar schon ein Bauchansatz, sagte sie sich. Er muss Sport treiben, diagnostizierte sie. Er sitzt zu lange im Büro. Ich muss ihn dazu motivieren, an die frische Luft oder ins Fitness-Center zu gehen und etwas für sich zu tun.

Aber sie folgte ihm schweigend durch den Korridor, der an den anderen Verwaltungsbüros des Habitats vorbeiführte und durch die Tür am Ende des Gangs.

Heller Sonnenschein fiel durch die langen Fenster. Bunte Schmetterlinge flatterten zwischen den Hyazinthen, vielfarbigen Tulpen und blutroten Mohnblumen, die den Pfad säumten. Sie gingen schweigend den Pfad entlang, der neben der Ansammlung niedriger weißer Gebäude verlief und sich den Hügel hinunterzog, auf dem das Dorf errichtet worden war. Der gepflasterte Pfad zog sich um den See am Fuß des Hügels herum und führte auf eine grüne Wiese. Ein Radfahrer überholte sie, der im Freilauf das sanfte Gefälle hinunterrollte. Junge Laubbäume tauchten den Pfad in gesprenkelten Schatten. Susan hörte in den Büschen Insekten summen und Vögel zwitschern. Eine komplette Ökologie, die sorgfältig eingerichtet und gewartet wurde. Beim Anblick der Wiese und der Gruppen größerer Bäume, die weiter entfernt den sanft geschwungenen Pfad säumten, vermochte sie kaum zu glauben, dass sie sich im Innern eines riesigen, von Menschenhand geschaffenen Zylinders befanden, der ein paar Hundert Kilometer über der Mondoberfläche im Weltraum hing. Bis sie nach oben schaute und sah, dass das Land über ihr wie eine geschlossene Kuppel sich wölbte.

»Holly?«

Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Eberly. »Ich … es tut mir Leid«, stammelte sie verlegen. »Ich war wohl in Gedanken.«

Er nickte, als ob er ihre Entschuldigung annähme. »Ja, ich habe schon ganz vergessen, wie schön es hier ist. Sie haben völlig Recht; niemand von uns sollte das als selbstverständlich betrachten.«

»Was hatten Sie noch gesagt?«, fragte sie.

»Es war nicht so wichtig.« Er hob den Arm und machte eine dramatisch ausladende Geste. »Das hier ist wichtig, Holly. Diese Welt, die ihr für euch erschaffen werdet.«

Mein Name ist nun Holly, erinnerte sie sich. Wenn du dich an alles andere erinnerst, was du erlebst, kannst du dich auch an einen neuen Namen erinnern, verdammt.

Dennoch fragte sie: »Wieso wollten Sie, dass ich meinen Namen ändere?«

Eberly neigte nachdenklich den Kopf. »Ich habe jedem neuen Rekruten vorschlagen, seinen Namen zu ändern. Sie betreten eine neue Welt und beginnen ein neues Leben. Da ist ein neuer Name doch nur folgerichtig, meinen Sie nicht auch?«

»Na klar! Sicher.«

»Trotzdem«, seufzte er, »befolgen nur sehr wenige meinen Vorschlag. Sie klammern sich an die Vergangenheit.«

»Es ist wie eine Taufe, nicht wahr?«, sagte Holly.

Er schaute sie an, und sie sah etwas wie Respekt in seinen stechenden blauen Augen. »Ja, wie eine Taufe. Wie eine Wiedergeburt. Der Beginn eines neuen Lebens.«

»Das wird dann schon mein drittes Leben sein«, sagte sie zu ihm.

Eberly nickte.

»An mein erstes Leben erinnere ich mich gar nicht«, sagte Holly. »In der Erinnerung fängt mein Leben erst vor sieben Jahren an.«

»Nein«, sagte Eberly bestimmt. »Ihr Leben begann vor zwei Wochen, als Sie hier ankamen.«

»Ja sicher, richtig.«

»Und deshalb haben Sie auch ihren Namen geändert, nicht wahr?«

»Richtig«, wiederholte sie. Er nimmt alles so verdammt ernst, sagte sie sich. Ich wünschte, ich könnte ihm einmal ein Lächeln entlocken.

Eberly blieb stehen und drehte sich langsam im Kreis. Dabei nahm er die Welt in sich auf, die sich um sie herum erstreckte und über ihren Köpfen zu einer Kuppel wölbte.

»Ich wurde in ärmlichsten Verhältnissen geboren«, sagte er mit leiser Stimme, die beinahe ein Flüstern war. »Ich war eine Frühgeburt, und die Ärzte räumten mir kaum eine Überlebenschance ein. Mein Vater verließ uns, als ich noch ein Baby war, und meine Mutter ließ sich dann mit einem mexikanischen Wanderarbeiter ein. Er wünschte mir den Tod. Ohne die Neue Moralität wäre ich kein halbes Jahr alt geworden. Sie brachten mich in ihr Krankenhaus und ermöglichten mir eine Schulbildung. Sie haben meinen Körper und meine Seele gerettet.«

»Das freut mich für Sie«, sagte Holly.

»Die Neue Moralität hat Amerika gerettet«, legte Eberly dar. »Als durch den Treibhaus-Effekt die Küstengebiete überflutet wurden und die Hungeraufstände ausbrachen, war es die Neue Moralität, die Ordnung und Sitte in unser Leben zurückgebracht hat.«

»Ich erinnere mich nicht an die Staaten«, sagte sie. »Nur an Selene. An sonst nichts.«

»Sie scheinen allerdings keine Schwierigkeiten zu haben, sich an alles zu erinnern, was seitdem geschehen ist. Ich habe noch niemanden mit einem so präzisen Gedächtnis gesehen.«

»Das liegt nur an den RNA-Behandlungen, denen ich unterzogen wurde«, erwiderte Holly mit einem beiläufigen Achselzucken.

»Ach ja, natürlich.« Er ging langsam weiter. »Also, Holly, da wären wir nun. Wir beide. Und noch zehntausend andere.«

»Neuntausendneunhundertachtundneunzig«, korrigierte sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln.

Er neigte in Anerkennung ihrer Rechenkünste leicht den Kopf. Er wirkte völlig ernst und hatte ihren Humor überhaupt nicht erkannt.

»Sie haben die einmalige Gelegenheit, hier eine neue Welt zu erschaffen«, sagte Eberly. »Eine vollständig neue, reine Welt. Sie sind die glücklichsten Menschen aller Zeiten.«

»Sie aber auch«, sagte sie.

Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich bin nur ein Mann. Ihr seid zehntausend – minus eins, natürlich. Ihr seid diejenigen, die diese neue Welt erschaffen werden. Es liegt an euch, sie nach euren Vorstellungen zu formen. Ich bin schon völlig zufrieden damit, hier unter euch zu sein und euch mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen.«

Holly schaute ihn mit einem Gefühl großer Bewunderung an.

»Aber Malcolm, Sie müssen uns dabei helfen, diese neue Welt aufzubauen. Wir werden Ihre Visionen brauchen, Ihre …« – sie suchte nach einem passenden Wort … »Ihre Hingabe.«

»Ich werde natürlich alles tun, was ich vermag«, sagte er. Und zum ersten Mal lächelte er.

Holly verspürte Erregung.

»Aber Sie müssen auch Ihr Bestes geben«, fügte er hinzu. »Ich erwarte von Ihnen die gleiche Hingabe und den Einsatz, den ich selbst bringe. Nichts weniger, Holly.«

Sie nickte stumm.

»Sie müssen sich der Arbeit, die wir verrichten, mit größter Hingabe widmen«, sagte Eberly. »Und ohne Kompromisse.«

»Das will ich tun«, versicherte Holly. »Eigentlich tue ich es sogar jetzt schon.«

»Alle Bereiche Ihres Lebens müssen unserer Arbeit untergeordnet werden«, insistierte er. »Sie werden keine Zeit für Lustbarkeiten haben. Auch nicht für romantische Verstrickungen.«

»Ich habe keine romantischen Verstrickungen, Malcolm«, sagte sie kleinlaut. Ich wünschte aber, ich hätte welche, sagte sie sich. Mit dir.

»Ich auch nicht«, sagte er. »Die vor uns liegende Aufgabe ist zu wichtig, als dass sie durch persönliche Belange beeinträchtigt werden dürfte.«

»Ich verstehe, Malcolm«, sagte Holly. »Voll und ganz.«

»Gut. Das freut mich.«

Zuckerbrot und Peitsche – so halte ich sie unter Kontrolle, sagte Eberly sich. Zuckerbrot und Peitsche.

Zwei Stunden vor dem Start

Eberly stellte sich mit dem Rücken zum gewölbten Fenster der Beobachtungskuppel. Hinter den dicken Quarzscheiben führten die Sterne einen langsamen Tanz auf, während das riesige Habitat sich träge um die eigene Achse drehte. Dann schob der Mond sich ins Blickfeld  – so nah, dass man die glasierten Startrampen des Raumhafens Armstrong sah, die von jahrzehntelangem Raketenfeuer geschwärzt waren, die Zwillingskuppeln von Selenes zwei unterirdischen öffentlichen Plätzen und die riesige Baugrube, wo Arbeiter eine dritte Plaza errichteten. Ein paar Leute behaupteten sogar, einzelne Zugmaschinen zu sehen und die Seilbahn, die zu vorgeschobenen Siedlungen wie Hell Crater und dem Observatorium auf der Rückseite des Monds führten.

Eberly vermied es, nach draußen zu schauen. Beim Anblick des in ständiger Bewegung befindlichen Mondes, der Sterne und des Universums überkam ihn Übelkeit. Deshalb drehte er der Szenerie den Rücken zu. Zumal seine Arbeit, seine Zukunft und sein Schicksal im Innern des Habitats lagen und nicht dort draußen.

Vor ihm stand eine kleine, korpulente Frau, mit einem farbenfrohen Gewand in allen Nuancen des Rot- und Orange-Spektrums über einer weiten beigefarbenen Hose bekleidet. Ihr schien der Blick durchs Fenster nichts auszumachen. Funkelnde Ringe zierten fast alle ihre Finger, und noch mehr Schmuck zierte Handgelenke, Ohrläppchen und das Doppelkinn. Ruth Morgenthau gehörte zum kleinen Kader, den die Heiligen Jünger ins Habitat eingeschleust hatten. Sie war nicht etwa zu dieser Reise ohne Wiederkehr zum Saturn gezwungen worden, wie Eberly wusste; vielmehr hatte sie sich freiwillig gemeldet.

Neben ihr stand ein dünner, kleiner und griesgrämiger Mann, der eine schäbige schwarze Kunstlederjacke trug.

»Malcolm«, sagte Morgenthau und machte eine Geste mit plumper Hand, »darf ich Ihnen Dr. Sammi Vyborg vorstellen.« Sie wandte sich halb um. »Dr. Vyborg, Malcolm Eberly.«

»Ich bin sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, Sir«, sagte Vyborg mit schnarrender, nasaler Stimme. Sein Gesicht war kaum mehr als ein Totenkopf mit einer Hautbespannung. Hasenzähne. Schmale Augenschlitze.

Eberly ergriff kurz die ausgestreckte Hand. »Doktor in welchem Fachgebiet?«, fragte er.

»Pädagogik. An der Universität Wittenberg.«

Die Andeutung eines Lächelns erschien in Eberlys Gesicht. »Hamlets Universität.«