Pulverfass Iran - Kamran Safiarian - ebook

Pulverfass Iran ebook

Kamran Safiarian

0,0

Opis

Den Iran kennzeichnet nach außen ein Präsident, der den Holocaust leugnet und für Atomrüstung und Unterdrückung steht. Doch das Land ist vielfältiger als es die politischen und religiösen Hardliner in den Führungspositionen vermuten lassen – spätestens die grüne Revolution im Jahr 2009 machte das deutlich. Kamran Safiarian präsentiert unvermutete und überraschende Facetten einer verschleierten und verschlossenen Gesellschaft. Die Darstellung dieser kaum bekannten Seite Irans ist verflochten mit politischen Analysen und historischen Hintergrundskizzen. Ein aktuelles; ungeschöntes und umfassendes Bild von einem ausgezeichneten Kenner des Iran und seiner Menschen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 261

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Kamran Safiarian

Pulverfass Iran

Wohin treibt der Gottesstaat?

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.deUmschlaggestaltung: Agentur RME Roland Eschlbeck und Rosemarie KreuzerUmschlagmotiv: © dpa-Picture Alliance

KonvertierunKonvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN (Buch): 978-3-451-30459-0ISBN (E-Book): 978-3-451-33849-6

Inhaltsübersicht

Einleitung

1 Wer sind die Iraner?

Das Psychogramm eines Landes

Leben in zwei Welten

Taqqiya, Taroof und die Kunst der Verstellung

2 Ahmadinedschad – ein Mann gegen den Rest der Welt

Vom Revolutionswächter zum Bürgermeister von Teheran

„Mythos“ Holocaust

Der Apokalyptiker oder: Warten auf den verborgenen Imam

Der Weltmachtanspruch Ahmadinedschads

Machtkampf mit den Mullahs

3 Ein zerrissenes Land

Sex und Partys und Protest

Iran statt Ischgl

Schönheitsoperationen als Statussymbol

Die Revolution frisst ihre Kinder

Homosexualität im Iran

4 Die Bedeutung der Religion

Die Entstehung der Schia

Die Schia, die Islamische Revolution und die politische Macht

Das Prinzip des Obersten Religiösen Führers

Religiöse Minderheiten im Iran

In der Höhle des Löwen – Juden im Iran

Das Schicksal der Bahai

5 Demokratie in der Diktatur?

Das Trauma Mossadegh

Scheindemokratie – Parlament, Präsident und Wächterrat

Islamische Aufklärung

Internetrevolution und die Cyberpolizei

6 Opposition verboten

Die Ohnmacht der Medien und die „Kettenmorde“

132 Tage in Täbris

Intellektuelle klagen an

Der Mord an den Foruhars

Der Sohn des Schah

Opposition aus Tehrangeles

7 Der Fluch der Bombe

Der Vater des iranischen Atomprogramms

Katz- und Mausspiel um Teherans Nuklearambitionen

Israel und die militärische Option

8 Die Revolution der Frauen

Aufstand im Tschador

Friedensnobelpreisträgerin im Exil

Mit einer Million gegen die Mullahs

Der Fall Aschtiani

Zeitehe – legale Prostitution?

Auge in Auge mit Ameneh Bahrami

9 Der Iran und die fremden Mächte

„Der große Satan“ USA

„Das Krebsgeschwür“ Israel

Die schiitische Achse

Kampf am Golf – Iran gegen Saudi-Arabien

Die Glaubensbrüder der Hamas und Hisbollah

10 Die Macht der Sicherheitskräfte

Der Staat im Staat – die Pasdaran

Der Geheimdienst der Islamischen Republik

11 Die Grüne Revolution

Allein gegen das Regime

Die falsche Neda

Die vergessenen Helden der Grünen Revolution

Ausblick

Wohin treibt der Gottesstaat?

Säkulare Demokratie statt Gottesstaat?

Anmerkungen

|9|Einleitung

Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Iran nicht in den Schlagzeilen der weltweiten Nachrichten auftaucht. Häufig sind es Bilder von bärtigen Mullahs oder von Militärparaden, oder aber es geht um die Angst vor der drohenden Atombombe, um barbarische Strafen wie die Steinigung oder um einen Präsidenten, der den Holocaust leugnet und öffentlich äußert, die Geschichte werde Israel von der Landkarte tilgen. Doch das ist nur die eine Seite dieses facettenreichen Landes zwischen dem Kaspischen Meer im Norden und dem Persischen Golf im Süden. Das Bild des Iran, das die Medien transportieren, hat nur wenig mit der Lebenswirklichkeit hinter den Kulissen zu tun. Die Vokabel vom „Schurkenstaat“ oder die Rhetorik der „Achse des Bösen“ – all das gehört zum Iran, wird dem ganzen Land aber nicht gerecht. Wer in diesen Tagen durch Teheran fährt, der erlebt eine überwiegend junge und moderne Bevölkerung und im Vergleich zu anderen islamischen Ländern ist das Straßenbild nicht nur von Männern geprägt.

Der Blick auf den Iran offenbart ein Land, das auf eine jahrtausendealte Kulturnation mit vorislamischen Wurzeln zurückgeht, und das heute eine aufbegehrende Jugend und eine heterogene Zivilgesellschaft kennzeichnen. Der Iran ist ein Land der Extreme – es herrscht eine Diktatur mit quasidemokratischen Elementen, ein traditionell geprägtes wie modern ausgerichtetes Land, in dem religiöse Hardliner und säkulare Pragmatiker um die Macht kämpfen. Im Schatten des mittelalterlichen Gottesstaates hat sich das mit fast 80Millionenen Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Golfregion zu einem der „demokratischsten Länder“ der islamischen Welt entwickelt.1 So weist der Iran in seiner Verfassung demokratische Elemente wie Volkssouveränität, ein Parlament und einen Präsidenten auf. Die religiöse Diktatur im Iran enthält Elemente einer „Scheinrepublik“, entspricht sozusagen einer „Demokratie in der Diktatur“.

|10|Wenn man sich in der Nachbarschaft des Iran umschaut und den Vergleich zu Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Jemen sucht, dann existiert im Iran bereits eine stark entwickelte Zivilgesellschaft und eine trotz strenger Zensur lebendige Presselandschaft mit mehr als 100Tageszeitungen und Zeitschriften. Gerade während der Unruhen im Iran hat sich das durch Facebook und Twitter geprägte „globalisierte“ Gesicht des Iran gezeigt. Mehr als 70Prozent der Iraner sind unter 30Jahre alt. Die Jugend hat mithilfe des Internets das Land revolutioniert und inzwischen gibt es knapp 20Millionen Internet-User und mehr als 700.000 iranische Weblogs.2 Soziale Netzwerke und Plattformen wie YouTube sind für die Jugend das Sprachrohr zur westlichen Welt und haben sich in den Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 als eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen die herrschende Diktatur erwiesen. Ohne Handyfotos von den Unruhen und blutigen Zusammenstößen, die über Facebook, Twitter oder YouTube außer Landes gesendet wurden, hätten fundamentale Menschenrechtsverletzungen, wie der gewaltsame Tod der Demonstrantin Neda Agha-Soltan, nie dokumentiert und der Weltöffentlichkeit zugespielt werden können – trotz der rigorosen Zensur durch das Ministerium für Islamische Kultur und Führung, das direkt dem Geheimdienst unterstellt ist.

Welche Rolle wird die neue iranische Jugend in einer demokratischen Zukunft des Landes spielen und wie wird sie reagieren, wenn das diktatorische Regime die Macht behält?

„Wo ist meine Stimme?“ Das war der Slogan der sogenannten Grünen Bewegung im Iran nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009.Nicht zum ersten Mal wurden im Gottesstaat Wahlergebnisse gefälscht und der Wunsch nach Veränderung, Freiheit und Demokratie unterdrückt. Diejenigen, die für ihre Rechte auf die Straße gingen, knüppelte die Sicherheitspolizei erbarmungslos nieder. Die Wucht des Widerstands stürzte die Islamische Republik Iran in ihre tiefste politische und gesellschaftliche Krise. Das Machtgefüge im Gottesstaat geriet |11|aus dem Gleichgewicht, doch das Regime stürzte nicht. Heute ist die Opposition schwer getroffen, der Machtapparat hat mit voller Härte zurückgeschlagen. Die brutale Gewalt und die Folterungen in den Gefängnissen des Regimes scheinen den Widerstand der Menschen gebrochen zu haben, es ist still geworden um die Grüne Bewegung. Findet die Freiheitsbewegung doch noch Wege, das angeschlagene Regime zu stürzen? Welche Reformen sind möglich?

Vor diesem Hintergrund findet im Moment im Iran eine hochinteressante Debatte zwischen Hardlinern, Intellektuellen und regimekritischen Reformern über die Vereinbarkeit von Glauben und Moderne, von Islam(ismus) und Menschenrechten statt. Führende Intellektuelle und „islamische Aufklärer“ wie der Philosoph Abdulkarim Sorusch halten gar Islam und Menschenrechte nach westlichen Vorstellungen für vereinbar. Kritiker fordern die strenge Trennung von Staat und Religion oder erklären den Gottesstaat gleich für vollkommen gescheitert.3

Eine weitere spannende Frage ist, wie der Machtkampf zwischen den wichtigsten politischen Lagern ausgehen wird: Welche Rolle spielt die Geistlichkeit um den Pragmatiker Akbar Hashemi Rafsandschani, der jahrzehntelang die Geschicke des Landes lenkte? Wie krank ist der „Revolutionsführer“ Ali Chamenei – und hält er die Macht überhaupt noch in den Händen? Und schließlich: Welche Rolle spielt die sektiererische Clique um Präsident Mahmud Ahmadinedschad?

Der Iran hat im Laufe seiner Geschichte häufig eine Vorreiterrolle für viele Länder in der arabisch-islamischen Welt eingenommen. Zwei Revolutionen gingen vom Iran aus – 1906 die sogenannte „Verfassungsrevolution“, die ein parlamentarisches System einrichten wollte, und 1979 die „Islamische Revolution“. Die Grüne Bewegung 2009 schließlich war der Auslöser für die arabischen Revolutionen 2011.Es bleibt abzuwarten, welche Entwicklung der Iran in den nächsten Jahren nehmen und welche Auswirkungen das auf den Nahen Osten und die islamische Welt haben wird.

|12|1Wer sind die Iraner?

Das Psychogramm eines Landes

Seit über drei Jahrzehnten nun, seit der Islamischen Revolution 1979, schaut die Welt mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination auf den Iran. Waren es in den 60er- und 70er-Jahren noch glamouröse Bilder des Herrscherpaares auf dem Pfauenthron, Schah Reza Pahlavi und seiner Frau Farah Diba, die die Klatschspalten der Boulevardpresse schmückten, so taucht der Iran heutzutage meist im Zusammenhang mit dem Säbelrasseln in der Atomfrage in den Medien auf.

Doch der Iran und die iranische Gesellschaft haben mehr zu bieten und sind offener, als es die im Westen vermittelten Bilder vermuten lassen. Viele Touristen, die den Iran erstmals besuchen, berichten von einer überwältigenden Gastfreundschaft der Iraner. Besonders als Fremder wird man überall herzlich begrüßt, mit großem Respekt behandelt und häufig nach nur kurzem Kennenlernen privat nach Hause eingeladen. Die Iraner sind aber nicht nur sehr gastfreundliche, sondern auch sehr höfliche Menschen. Die herzliche und einladende Art, wie sie Fremden, aber auch ihren Landsleuten begegnen, ist seit Jahrhunderten durch einen sehr eigenen und für viele Außenstehende kaum zu durchschauenden Verhaltenskodex bestimmt. Diesen Verhaltenskodex könnte man auch als eine Art „Höflichkeitskultur“ bezeichnen. Innerhalb einer Familie sind die Höflichkeitsregeln und Umgangsformen manchmal so ausgeprägt, dass es vorkommen kann, dass Vater und Sohn sich jahrzehntelang mit „Sie“ ansprechen. Klischeehaft und oberflächlich ist das Bild, das man von der Stellung der Frau in der islamischen Welt und speziell im Iran hat. Es ist wahr, dass es im Iran einen Schleierzwang gibt, aber in den Alleen Teherans fallen einem die selbstbewussten und trotz Schleier mit einer großen Prise Sex-Appeal ausgestatteten Frauen und Studentinnen |13|auf, die alles andere zu sein scheinen als hörige, unterwürfige Persönlichkeiten. Passt es etwa ins Bild, dass es an iranischen Hochschulen bereits Männerquoten gibt, da über zwei Drittel der Studierenden Frauen sind? Auch wenn die Frauen dem Gesetz nach im Hinblick auf das Scheidungs-, Erbschafts- und Sorgerecht im Vergleich zu den Männern benachteiligt sind, offenbart das im Westen vermittelte Bild, ob in den Medien oder in der Politik, leider häufig einen undifferenzierten Blick auf das, was in dem 80-Millionen-Land vor sich geht. Doch bei aller Sympathie für die Menschen, die man nicht mit den Machthabern verwechseln sollte, darf man natürlich nicht verschweigen, dass im Iran nicht erst seit den blutigen Auseinandersetzungen im Juni 2009 systematisch Menschenrechte verletzt, Presse- und Meinungsfreiheit stark einschränkt werden und das Land auf allen Ebenen durchsetzt ist von Korruption und Vetternwirtschaft.

Zum Verständnis der Iraner und der iranischen Kultur gehört auch, dass Begriffe wie „Stolz“ und „Ehre“ eine sehr große Rolle spielen. Nicht nur in der Politik, wie in den Verhandlungen um das Atomprogramm, ist es von großer Bedeutung, sein Gesicht zu wahren und dem Westen auf Augenhöhe zu begegnen. Auch im Privaten hat das „Ansehen“ („Aberu“), was hierzulande auch mit „Ehre“ übersetzt werden könnte, eine große Bedeutung. Ähnlich verhält es sich mit der Ehre der Familie, die sich häufig auch im Umgang mit der Sexualität der Tochter zeigt. Es „gehört“ sich, dass die Tochter einen anständigen Jungen kennenlernt und heiratet. Wenn auch nur der Verdacht aufkäme, die Tochter habe vor der Ehe einen Freund, dann ist die Ehre in Gefahr. Dies gilt nicht nur in erzkonservativen Kreisen, sondern durchaus auch in modernen iranischen Familien, die im Ausland leben.

Wo immer man Iranern begegnet, spürt man den Stolz auf ihre Geschichte und Kultur. „Als Rom noch ein kleiner Bauernstaat war und die Germanen in Sümpfen lebten, gründeten Perserkönige ein riesiges Reich...“, titelt der STERN in seiner |14|„Geschichte des Iran“ und spricht von der ersten Supermacht.4 Dieser Unabhängigkeitsgedanke und Stolz ziehen sich durch die gesamte persische Geschichte, in der das persische Reich in viele Kämpfe und Kriege verwickelt war. Zwar war der Iran nie eine Kolonie, doch im Laufe der Zeit wurde das Land zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Hindukusch durch viele Herrscher und Stämme erobert.

Alexander der Große hinterließ seine zerstörerischen Spuren, als er die prunkvolle altpersische Residenzstadt Persepolis, eine der Hauptstädte des antiken Perserreichs unter den Achämeniden, 330 v.Chr. bis auf die Grundmauern niederbrannte. Im siebten Jahrhundert waren es die Araber, die den Persern eine neue Religion, den Islam, brachten. Dabei gehörte die Religion Zarathustras schon lange vor dem Islam zu Persien. Die Ursprünge des Zoroastrismus reichen bis ins altpersische Reich 1800Jahre v.Chr. zurück. Die Iraner verliehen dem Islam aufgrund der eigenen Tradition in den vergangenen Jahrhunderten eine spezifische Note. Nicht ohne Grund nahmen sie gerade die schiitische Version des islamischen Glaubens an.5

Somit ist es den Iranern bis heute trotz wechselnder Besatzungsmächte und zahlreicher Eroberungen durch Araber, Mongolen, Griechen und Türken immer gelungen, ihre kulturelle und sprachliche Identität und Unabhängigkeit zu bewahren. Der Stolz der Iraner basiert auch auf der fast arroganten Überzeugung, sie seien in einer von „zurückgebliebenen Arabern“ besiedelten Region die natürliche Führungsmacht. Und so werden Araber despektierlich als „Eidechsenfresser“ abgewertet, die wenig zivilisiert seien. Das iranische Abgrenzungsbedürfnis zeigt sich nicht nur darin, dass es in der persischen Sprache (Farsi) trotz vieler arabischer Einflüsse häufig ein persisches Synonym zu einem arabischen Wort gibt. Den Iranern ist auch sehr bewusst, dass ihre Kultur zu den großen Ideengebern der Religions- und Geistesgeschichte gehört und viele bedeutende Persönlichkeiten der Religions- und Geistesgeschichte hervorgebracht hat, die heute als „islamische Größen“ |15|gelten: Weltberühmte Dichter wie Ferdowsi und Hafis, den Mathematiker und Astronomen Omar Khajjam, Philosophen wie Ibn Sina, den die Menschheit unter dem Namen Avicenna kennt, um nur einige zu nennen. Dies erzeugt bis heute unter den Iranern ein Bewusstsein kultureller Überlegenheit. Die iranische Kultur und die persische Sprache haben auf Araber, Türken, Inder und viele andere Völker in einer besonderen Weise prägend gewirkt.

Viele Iraner berufen sich auf diese Geschichte, sie wollen nicht nur mit der neueren Geschichte der Islamischen Republik identifiziert werden. Wenn man Iraner danach fragt, was ihnen der Islam und die Revolution eigentlich gebracht haben, erhält man oft zur Antwort: Wir sind heute selbstbestimmt und unabhängig. Andere sagen, die Revolution von 1979 sei nur die Konsequenz dessen gewesen, was in der Demokratiebewegung unter dem Politiker Mohammad Mossadegh 1953 schief gelaufen ist. Beide Antworten stoßen zum Kern der modernen Geschichte Irans vor, dem Unabhängigkeitsgedanken. Es war Mossadegh, der vor fünfzig Jahren den Schah ins Exil schickte und der das Land durch die Nationalisierung der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) in den Augen vieler Iraner aus den Fängen der Briten befreite.

In der neueren Geschichte des Iran galt besonders Schah Reza Pahlavi als Marionette der USA.Der persische Patriotismus und Unabhängigkeitsgedanke waren es auch, die Chomeini den Boden bereiteten. Heute ist der Enthusiasmus der Revolutionsjahre längst der Ernüchterung gewichen. Die Revolution hat zwar nicht die erhoffte Freiheit gebracht, auch keinen Wohlstand, aber wenigstens das Gefühl, unabhängig zu sein.

Leben in zwei Welten

Wer in einer Gesellschaft wie der iranischen lebt, lebt immer in zwei Welten – der privaten zu Hause in den eigenen vier Wänden |16|und der öffentlichen Welt draußen. Oder anders ausgedrückt: in einer öffentlichen Scheinwelt und dem Exil des Privaten. Radikaler, tiefer und schmerzhafter als im Iran können privater und öffentlicher Raum wohl nicht getrennt sein. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das wahre gesellschaftliche Leben der Iraner in die eigenen vier Wände verlagert. Inzwischen zwingt die verordnete Islamisierung aller Lebensbereiche im öffentlichen Raum viele Iraner regelrecht in die Flucht nach innen. Der strenge Moralkodex und die drakonischen Strafen bei Vergehen gegen die öffentliche islamische Ordnung bringen die jungen Menschen dazu, sich in der Öffentlichkeit anders zu kleiden und anders zu verhalten als in der Privatsphäre. Nach außen kleidet und verhält man sich konform, wie die Gesetze es vorgeben, im privaten Raum aber lebt der größte Teil der Bevölkerung nach seinen eigenen Gesetzen. Das gesellschaftliche Leben pulsiert hinter den Mauern der Häuser in den eigenen vier Wänden: Je nachdem, ob man sich in einer modernen oder konservativen Familie befindet, sitzt man – Männer und Frauen gemeinsam, ohne die Schleierpflicht zu befolgen, trinkt Tee und diskutiert über Gott und die Welt. Das Verbotene wird im Verborgenen ausgelebt. „Die Iraner sind wahre Meister des Maskenspiels“, schreibt der bekannte iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan. In der Privatsphäre zeigen sie ihr eigenes Gesicht, schon vor den Nachbarn verändert es sich. Im Arbeitsbereich ist diese Veränderung noch stärker zu beobachten. So hat sich besonders in Teheran eine lebendige Untergrundkultur entwickelt.6

Tagsüber wird in den Schulen, den Universitäten, am Arbeitsplatz und in Restaurants der Schleierzwang befolgt, da das Frauenhaar im Gottesstaat Iran aus dem öffentlichen Raum unter das Kopftuch, den Tschador, verbannt ist. Doch zu Hause, hinter verschlossenen Türen und Rollläden, trägt man nach Feierabend oder am Wochenende keinen Schleier, viele Verbote, wie das Verbot des Alkoholkonsums, werden übergangen und man feiert gemeinsam oder schaut „westliches |17|Fernsehen“ unter Umgehung des Verbots von Satellitenschüsseln. Oder man besorgt sich die neuesten DVD-Raubkopien auf dem Schwarzmarkt oder in einem der vielen Geschäfte, in denen die aktuellsten Hollywoodstreifen unter dem Ladentisch zu haben sind. Die jungen Iraner lassen es sich nicht nehmen, genauso wie die meisten jungen Leute in den USA oder in Europa ihre Freiheiten zu genießen und kümmern sich dabei wenig um die strengen Moralvorschriften im Gottesstaat. An Wochenenden laden sie ihre Freunde ein und feiern ausgelassene Partys. Viele Iraner führen in diesen Tagen eine Art Doppelleben. Kazem, ein Chemieunternehmer, den wir auf einer privaten Feier kennengelernt haben, erzählt uns, dass im Iran alle das Problem der zwei Persönlichkeiten haben. „Tagsüber die eine, abends die andere. Tagsüber gehen wir unserer Arbeit nach – da sind wir auch mit religiösen Gesetzen und Vorschriften konfrontiert. Abends gehen wir mit Freunden auf Partys. Das ist nun einmal unser Schicksal“, so der 39-Jährige. „Wir leben hier in verschiedenen Welten. Hier bei der Arbeit ist es völlig anders als in der Freizeit. Es ist, als ob man immer wieder auf eine lange Reise geht und dann in die Realität zurückkommt. Das Leben im Iran ist wie eine Art Tag- und Nachttraum“, erklärt uns auch die attraktive Wirtschaftswissenschaftlerin Anita.

Bei vielen, besonders bei jungen Leuten, zieht das eine Art Identitätskrise nach sich. Wo tue ich was, wie verhalte ich mich hier, was darf ich öffentlich sagen und was nur im privaten Raum. Jede politische Äußerung in der Öffentlichkeit kann gefährlich werden, beispielsweise bei einem Essen mit Freunden im Restaurant. Bei vielen Besuchen und journalistischen Reisen in den Iran ist uns auch immer wieder von einer häufig auftretenden Form des Denunziantentums berichtet worden. Ob bei Restaurantbesuchen oder ganz einfachen Fahrten im Taxi sind wir immer wieder darauf aufmerksam gemacht worden, nicht laut, offen oder frei zu reden, wenn wir über die politischen Zustände im Iran und das Regime sprechen. Nicht |18|selten, so erzählte man uns, wird Gehörtes aufgeschnappt und verraten. So habe sich etwa der Taxifahrer selbst oder ein Mitfahrer als ehemaliges oder aktuelles Mitglied des Geheimdienstes entpuppt und besagte Inhalte an den Arbeitgeber weitergegeben. Man mag das für eine Art Verschwörungstheorie halten, die an die Praktiken der Stasi in der früheren DDR erinnert. Doch leider gibt es viele solcher Berichte. Ein im Iran lebender Regisseur berichtete uns im Zuge der Niederschlagung der Grünen Bewegung im Juni 2009, dass seine Nachbarn nach einem Telefongespräch, in dem sie sich kritisch über die Regierung geäußert hatten, vom Geheimdienst aufgesucht und zum Verhör mitgenommen wurden.

Das alles hat zur Folge, dass die Gesellschaft zunehmend gelähmt wirkt. Besonders die jungen Iraner sind Meister der Verdrängung geworden und ihre Enttäuschung über die Niederschlagung der Reformbewegung im Jahre 2009 hat viele dazu gebracht, sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Nicht selten suchen sie Zuflucht in Alkohol und Drogen (s. Kapitel 3). Andere wählen die Kunst als Ausdruck ihres Protestes oder suchen das große Geld im Big Business. Doch die Probleme und die Protestbewegung werden sich auf Dauer nicht verdrängen oder einschließen lassen. Sie werden sich irgendwann gewaltsam Luft machen.

Taqqiya, Taroof und die Kunst der Verstellung

Die „iranische Seele“ sei komplex und unberechenbar, „Spontaneität und Intuition gehören zu den großen Stärken dieser Gesellschaft“, schreibt Cheheltan.7 Der Iran und seine Menschen haben im Laufe ihrer Geschichte harte Zeiten erlebt und waren im Laufe der Jahrhunderte durch verschiedenste Herrscher, Kulturen und Religionen mit so vielen unterschiedlichen Situationen konfrontiert, dass sie gelernt haben sich anzupassen, sich zu verstellen oder gar – in Bezug auf die Religion – |19|ihre Identität zu verleugnen, um überleben zu können. Der Iraner hat ein hohes Maß an Flexibilität entwickelt und ist in seiner ganzen Person so vielschichtig, dass es schwierig ist, ihn zu durchschauen oder auch eine Beziehung zu ihm aufzubauen, da man sich nie sicher sein kann, was er wirklich meint oder welche „Maske“ er gerade aufgesetzt hat.

So ist eine „Kultur der Verstellung“, „der Unaufrichtigkeit“, „der Verborgenheit“ entstanden, die Kritiker des jetzigen Systems auch in der religiösen Kultur zu begründen versuchen. Sie deuten die Kunst der Täuschung als mögliche Folge der schiitischen Prägung des Islam, der im 16.Jahrhundert unter den Safawiden zur Staatsreligion wurde. Im schiitischen Islam gibt es unter dem Stichwort Taqiyya die Erlaubnis, unter Gefahr oder Zwang rituelle Pflichten zu missachten und den eigenen Glauben zu verheimlichen. Die Taqiyya entwickelte sich im 9./10.Jahrhundert als Reaktion der schiitischen Minderheit auf Verfolgungen durch die sunnitische Mehrheit. Um die Sicherheit einzelner Glaubensbrüder oder der Gesamtgemeinde in feindlicher Umgebung zu gewährleisten, hatten die Gelehrten der Schia eine spezifische Lehre entwickelt. Diese erlaubt es, das eigene Bekenntnis zu verschweigen. So war es den Schiiten erlaubt, ja sogar geboten, den eigenen Glauben in einer feindlich gesonnenen Umwelt oder zum Schutz der schiitischen Gemeinde bewusst zu verbergen. Die Verstellung, wenn sie dem Schutz und Erhalt der eigenen Religion dient, ist demnach ausdrücklich gestattet. Besonders nach den Ereignissen des 11.September und des Zusammenpralls der Kulturen und Religionen führten Islamkritiker die Praxis der Taqiyya oft als Erklärung für Äußerungen von Muslimen an, die sich in westlichen Gesellschaften nach außen hin als liberal darstellen, insgeheim jedoch fundamentalistisch geprägt wären und extremistisches Gedankengut verträten. Die liberale Meinung sei nicht aufrichtig, so die Kritiker, sie verheimliche die wahre Position und Absicht derjenigen, die sie geäußert haben. Die Taqiyya wird häufig auch dazu benutzt, Muslimen generell zu |20|unterstellen, aus Nutzenkalkül heraus, das heißt, weil es der Ausbreitung und der Idee des Islams dienlich sei, die „Ungläubigen“ über ihre wahren Absichten täuschen zu wollen. Ob dieser Zusammenhang zwischen der schiitischen Praxis der Taqiyya und der Doppelbödigkeit der iranischen Seele wirklich besteht, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass im heutigen Iran unter den Bedingungen politischer Unterdrückung die Verstellung und Täuschung zum Alltag vieler Iraner gehört. Niemand sagt offen, schon gar nicht öffentlich, was er wirklich denkt, und alle haben sich daran gewöhnt, die eigenen Überzeugungen zu verbergen. Die öffentliche Propaganda lehrt die Kinder bereits in den Schulen, dass das islamische System das einzig Wahre sei. Was sie aber wirklich lernen, ist die Kunst des Versteckspiels und des Lavierens. Jede ihrer kleinen Freiheiten wird mit Lügen, Halbwahrheiten und Heuchelei erkauft. Sie wachsen bereits damit auf, in der Schule nicht erzählen zu dürfen, welche politischen Ansichten die Eltern zu Hause am Essenstisch vertreten. So lernen Jugendliche bereits im Kindesalter zu lügen oder zu heucheln. Besonders junge Mädchen werden im Allgemeinen nicht offen darüber sprechen, mit wem sie sich in welchem Park verabredet oder wo sie mit wem Zärtlichkeiten ausgetauscht haben. Das Problem daran, sich häufig zu verstellen und seine wahren Absichten zu verbergen, ist, dass es irgendwann für viele selbst undurchsichtig wird, wer sie eigentlich sind und wer sie vorgeben zu sein. Für viele bedeutet das eine permanente Identitätssuche und auch Identitätsverlust. Wer bin ich wo? Wo darf ich wie sein? Schon auf der Straße vor dem Nachbarn verhält man sich anders, denn die Nachbarschaft oder Bekannte könnten ja ein schlechtes Bild von der Familie bekommen. Das Unverbindliche und das Vage gehören so zum Wesen und der doppelten Wirklichkeit im Leben der iranischen Gesellschaft.

Besonders deutlich wird dies insbesondere am Beispiel der iranischen Höflichkeitskultur. Die persische Höflichkeit (Taroof), die auf Arabisch „angemessenes und übliches Betragen“ |21|bedeutet, ist im Iran bei öffentlichen Anlässen, Besuchen und auch in der iranischen Begrüßungskultur stark ausgeprägt. Wenn man mit Iranern zu tun hat – sei es aus Anlass eines Besuches oder am Telefon–, dann wird eine ganze Salve von Höflichkeitsfloskeln losgelassen: „Wie geht es Ihnen?“, „Seien Sie nicht müde, bleiben Sie immer gesund“, „Ich bin Ihr Diener“, „Ich stehe stets zu Ihren Diensten“ oder „Es ist mir eine Ehre“. Am Telefon dauert es häufig bis zu einer Minute, bis die Begrüßungsarie vorbei ist und das tatsächliche Gespräch beginnen kann. Auch die Redewendung „Ich bin kleiner und jünger als Sie und ihr Ergebener“ hört man häufig. Und wenn sich jemand bedanken will, dann heißt es: „Mögen Ihre Hände nicht weh tun“. Wenn man bei einer iranischen Familie zu Besuch ist, wird dem Gast immer angeboten, zum Essen zu bleiben. Doch das Angebot ist meist nicht ernst gemeint, man will höflich sein und sich das gegenseitige Wohlwollen sichern. Das alles sind Phrasen, die die Iraner seit Jahrhunderten benutzen. Für den im Iran lebenden britischen Autor Christopher de Bellaiguie bedeutet die Höflichkeitskultur sogar „zeremonielle Unaufrichtigkeit“, die jedoch, so de Bellaigue in seinem Buch „Im Rosengarten der Märtyrer“, nicht negativ belastet ist. Der Iran sei das einzige ihm bekannte Land, in dem Heuchelei als gesellschaftliche und geschäftliche Fähigkeit geschätzt werde, so de Bellaigue in seinem ebenso amüsanten wie informativen Buch.8 Die besagte Essenseinladung sollte einige Male abgelehnt werden, um den Gastgeber, der die Einladung vielleicht nur aus purer Höflichkeit ausgesprochen hat, nicht zu nötigen, und um sich dessen festen Vorhabens zu versichern. Erst dann darf die Einladung angenommen werden.

Die Faustregel besagt, dass man jede Offerte zweimal ablehnen sollte, will man den Einladenden nicht in Verlegenheit bringen. Damit keiner der Beteiligten Gefahr läuft, dass er durch Plumpheit, Unhöflichkeit oder unbotmäßige Forderungen für Verstimmung sorgt, tastet man sich durch vorsichtige Zurückhaltung an die jeweilige Situation heran. Für Nicht-Iraner |22|bringt das so manche Kuriosität mit sich. Wenn man im Iran Taxi fährt, bekommt man gewöhnlich als Antwort auf die Frage, wie hoch der Fahrpreis sei: „Es ist der Rede nicht wert“ oder „Das Ganze ist Ihnen nicht würdig“. Ausländische Gäste oder Besucher, die das Gebot des Taroof nicht kennen, nehmen das Angebot häufig dankend an, verabschieden sich und sind dann erstaunt, wenn ihnen der Taxifahrer hinterherfährt, um sein Geld doch noch einzutreiben. Das Angebot einer kostenlosen Fahrt ist eine Höflichkeitsfloskel.

Auch im menschlichen Miteinander werden ungern feste Verabredungen oder verbindliche Aussagen getroffen, da man sich immer ein Hintertürchen offenhalten will und erst mal schauen will, was alles noch so auf einen zukommt. Das stößt besonders in Europa, wo man sich gewöhnlich an feste Zusagen hält und zuverlässig ist, häufig auf Unbehagen.

Das Unverbindliche hat auch etwas mit der „art de vivre“ der Iraner zu tun. Stress und Zeitdruck im Job nehmen sie nicht so ernst, Organisation und Zuverlässigkeit häufig auch nicht. Sie entscheiden eher aus dem Bauch heraus. Nicht selten musste ich als Fernsehjournalist bei Drehterminen im Iran feststellen, dass ein Protagonist erst nach mehreren Stunden oder gar nicht auftaucht. Häufig griff unser Protagonist dann zur Notlüge und sagte: „Ich dachte, der Termin war morgen“. Manchmal hört man auch: „Ich wusste ja gar nicht, dass wir fest verabredet sind.“ Das führt bei der Organisation von Drehreisen in den Iran häufig dazu, dass man mehrere Reisetage angeben muss. Vieles, so ist die Erfahrung, klappt besonders auf Ämtern oder bei der Drehgenehmigung nicht auf Anhieb und wir als Journalisten müssen häufig einen langen Atem haben.

Das beste Mittel für die Kunst der Verstellung und Vertuschung ist eine blumige Sprache, die das ganze Ansinnen in einer Wolke von Höflichkeitsformeln versteckt und es einem europäischen Gast mitunter sehr erschwert, die wahre Absicht |23|zu erkennen. Ähnlich verhält es sich mit der Stimmungslage der Iraner. Erst Tage später erfährt man, wenn man sie in einer Situation unbewusst beleidigt hat (bar khordan) oder einen Fauxpas begangen hat. Sie würden es sich nie anmerken lassen und es erst recht nicht zur Sprache bringen. Gerade in politischen Verhandlungen ist daher eine iranische Verhandlungsposition nur schwer zu durchschauen. Da man sein Gesicht bewahren will, keine offene Konfrontation sucht und vor allem dem Anderen gegenüber nicht unhöflich erscheinen will, macht man gute Miene zum bösen Spiel. Seine offene Absicht tut man später unter Freunden und Vertrauten kund.

Deutsche Direktheit und Zielstrebigkeit vertragen sich nicht gut mit der Kunst des Taroof – der iranischen Höflichkeitskultur.

|24|2Ahmadinedschad – ein Mann gegen den Rest der Welt

Für die Armen im Iran ist er der iranische „Robin Hood“, für die Oberschicht der „Bauer“ und für den Westen der „Unberechenbare“ – die Rede ist vom iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Für viele gilt er als der gefährlichste Führer der Welt. Es gibt viele Legenden um den gelernten Bauingenieur, der es als einfacher Mann ganz nach oben geschafft hat. Nicht nur wird immer wieder darüber spekuliert, ob der heutige Präsident einer geheimen Spezialeinheit angehört haben soll, die im Ausland lebende Regimekritiker liquidiert hat. Auch über eine Beteiligung an der Geiselnahme in der Teheraner US-Botschaft 1979 wird spekuliert, einige Zeugen wollen den heutigen Präsidenten auf Bildern wiedererkannt haben.

Was er, unabhängig von allen Gerüchten, tatsächlich getan und vor allem gesagt hat, ist die Leugnung des Holocaust und die Infragestellung des Existenzrechts Israels. Der Holocaust sei ein Mythos, der zu dem einzigen Zweck erfunden worden sei, die Schaffung eines israelischen Staates zu rechtfertigen und durchzusetzen. Ein verbaler Fehltritt, der dem Ansehen Irans international sehr geschadet hat (siehe Kapitel „Mythos“ Holocaust). Zusätzlich haben das Säbelrasseln in der Atomfrage und das Katz- und Mausspiel um versteckte Atomanlagen den Iran außenpolitisch isoliert.

Ahmadinedschads rhetorischer Einsatz für sein Land und die Belange seines Volkes machen ihn hingegen für die arme Schicht im Iran zum Volkstribun. Gerne spielt er diese Rolle, indem er auch schon einmal zum Besen greift und medienwirksam die Straßen Teherans kehrt. Der Populist Ahmadinedschad genießt bei der Landbevölkerung und bei den unteren Schichten hohes Ansehen, da er im Wahlkampf und bei anderen |25|Anlässen großzügig Finanzhilfen verteilt hat. Viele Intellektuelle und Angehörige der Mittel- und Oberschicht können mit dem islamisch-proletarischen Präsidenten jedoch wenig anfangen. Sie werfen ihm eine katastrophale Wirtschaftspolitik, eine mangelhafte Strukturpolitik und fehlende Investitionen vor. Innenpolitisch brodelt es seit geraumer Zeit hinter den Kulissen, Beobachter berichten von Machtkämpfen an verschiedensten Fronten (siehe Machtkampf mit den Mullahs).

Aber auch das Volk rebellierte nach einer ziemlich unpopulären Entscheidung des Präsidenten. Ahmadinedschad hat die Subventionen für Energie und Lebensmittel drastisch gekürzt und so ist der Spritpreis auf das Vierfache angestiegen. Lag der Preis für einen Liter Benzin zuvor bei unter zehn Eurocent, stieg er bald auf mindestens 30Cent an. Ahmadinedschad hofft, dass der Rückgang des Verbrauchs die Abhängigkeit des Irans vom Ausland verringert. Dahinter steckt das Problem, dass der Iran zu wenige Raffineriekapazitäten besitzt. Als eines der ölreichsten Länder der Welt muss der Gottesstaat 40Prozent seines Benzins einführen. Das bringt große Teile der Bevölkerung auf die Barrikaden. Auch Heizung, Gas und Lebensmittel sollen spürbar teurer werden. Kritiker befürchten, dass die ohnehin hohe Inflation in dem unter den harten Sanktionen leidenden Land wächst: Offiziell liegt sie bei etwa zehn Prozent, tatsächlich dürfte sie doppelt so hoch sein. Die Iraner fürchten einen weiteren Absturz in die Armut. Das Jahreseinkommen pro Einwohner erreicht nach Berechnungen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds lediglich 4500Dollar. Damit misst sich Iran mit Bosnien und Mazedonien. Obwohl Iran über die drittgrößten Vorkommen an Öl verfügt und über die zweitgrößten an Gas, sinkt der Lebensstandard als Folge einer fragwürdigen Wirtschaftspolitik von Jahr zu Jahr. Der Preis für Brot hat sich vervierfacht, verteuert haben sich auch die Kosten für Elektrizität und Wasser. Die Transportbetriebe haben ihre Preise um zehn Prozent angehoben, was die zusätzlichen Kosten aber |26|