Psychologie der Beziehung - Jens Asendorpf - ebook

Psychologie der Beziehung ebook

Jens Asendorpf

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Opis

Der Klassiker zur Beziehungspsychologie Kann man Liebe und Konflikte in Partnerschaften - oder die Sicherheit, die eine Mutter ihrem Kind spendet - wissenschaftlich untersuchen, ja sogar messen? Wie verändern sich Beziehungen? Wie variieren sie von Kultur zu Kultur? Dieses Buch liefert eine systematische Übersicht zu allen wichtigen Beziehungstypen. Behandelt werden Liebesbeziehungen, Eltern-Kind- und Kind-Kind-Beziehungen, Freundschafts-, Arbeits- und Nachbarschaftsbeziehungen. Sieben Paradigmen der Beziehungsforschung werden diskutiert - von Freuds Vorstellungen über kognitive und evolutionspsychologische Ansätze, Bindungs- und Austauschtheorien bis hin zu systemischen und Netzwerkansätzen - und in ein einheitliches Beziehungsmodell integriert. Die zweite Auflage wurde vollständig überarbeitet und auf den neuesten Stand der Forschung gebracht. Neue Themen sind beispielsweise „Verwandtschaft“, „Motivationale Ansätze“ und „Beziehungen im sozialen Wandel und in multi-ethnischen Kontexten“. Zusätzlich werden aktuelle Themen wie Online Dating und Beziehungen in sozialen Online-Netzwerken behandelt. Neu ist zudem ein separates Methodenkapitel, in dem spezielle Forschungsmethoden und Anwendungsverfahren allgemein verständlich dargestellt werden.

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EPUB

Liczba stron: 626




Psychologie der Beziehung

Jens B. Asendorpf, Rainer Banse, Franz J. Neyer

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:

Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i.Br.

Jens B. Asendorpf

Rainer Banse

Franz J. Neyer

Psychologie der Beziehung

2., vollständig überarbeitete Auflage

Prof. Dr. i.R. Jens B. Asendorpf

Institut für Psychologie, Humboldt-Universität Berlin

Rudower Chaussee 18, 12489 Berlin, Deutschland

E-Mail: [email protected]

Prof. Dr. Rainer Banse

Sozial- und Rechtspsychologie, Institut für Psychologie, Universität Bonn

Kaiser-Karl-Ring 9, 53111 Bonn, Deutschland

E-Mail: [email protected]

Prof. Dr. Franz J. Neyer

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie

Humboldtstraße 11, 07743 Jena, Deutschland

E-Mail: [email protected]

Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3000 Bern 9

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

E-Mail: [email protected]

Internet: http://www.hogrefe.ch

Lektorat: Dr. Susanne Lauri

Bearbeitung: Lydia Zeller, Zürich

Herstellung: Daniel Berger

Umschlagabbildung: © f1online/Colin Hawkins Cultura Creative

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: punktgenau GmbH, Bühl

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšin

Printed in Czech Republic

2., vollständig überarbeitete Auflage 2017

© 2017 Hogrefe Verlag, Bern

© 2000 Verlag Hans Huber, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95617-6)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75617-2)

ISBN 978-3-456-85617-9

http://doi.org/10.1024/85617-000

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1Was ist eine Beziehung?

1.1Interaktionsmuster und Beziehungsschema

1.2Rollenbeziehungen und persönliche Beziehungen

1.3Persönlichkeit – Beziehung – Gruppe

1.4Beziehungsklassifikationen

1.5Beziehungsqualitäten

1.6Beziehungsfunktionen

1.7Beziehungsdynamik

2Beziehungstypen

2.1Verwandtschaft

2.2Beziehungen in Familien

2.2.1 Eltern-Kind-Beziehungen

2.2.2 Geschwisterbeziehungen

2.3Peer-Beziehungen

2.4Partnerwahl und Partnerschaft

2.4.1 Attraktion und Partnerwahl

2.4.2 Qualität und Stabilität von Partnerschaften

2.5Beziehungen zu Nichtverwandten im Erwachsenenalter

2.5.1 Freundschaftsbeziehungen

2.5.2 Beziehungen im Berufsleben

2.5.3 Nachbarschaftsbeziehungen

2.6Soziale Netzwerke

3Beziehungs-Paradigmen

3.1Psychoanalytische Ansätze

3.2Kognitive Ansätze

3.3Motivationale Ansätze

3.4Austauschtheoretische Ansätze

3.5Bindungstheoretische Ansätze

3.5.1 Bindung im Kindesalter

3.5.2 Bindungsstile im Erwachsenenalter

3.5.3 Stabilität von Bindungsstilen

3.5.4 Das Bindungsmodell von Mikulincer und Shaver

3.6Evolutionspsychologische Ansätze

3.7Systemische Ansätze

3.8Integration

4Beziehung und Entwicklung

4.1Universelle Veränderungen von Beziehungen

4.2Differenzielle Veränderungen von Beziehungen

4.3Transaktion Beziehung – Persönlichkeit

5Beziehung im kulturellen Kontext

5.1Beziehungen im sozialen Wandel

5.2Beziehungen im historischen Wandel

5.3Beziehungen im Kulturvergleich

5.4Beziehungen in multiethnischen Kontexten

6Forschungsmethoden und ­Anwendungsfelder

6.1Forschungsmethoden

6.1.1 Erhebungsmethoden

6.1.2 Designs und Analysemethoden

6.2Anwendungsfelder

6.2.1 Diagnostische Verfahren

6.2.2 Prävention, Beratung und Therapie bei Paarbeziehungen

6.2.3 Familienrechtspsychologische Begutachtung

Literaturverzeichnis

Sachwort- und Personenverzeichnis

Vorwort

In der empirisch orientierten Psychologie gibt es zahlreiche theoretische Paradigmen und empirische Ergebnisse zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch wurden in den letzten Jahren methodische Fortschritte in der Analyse von Beziehungsdaten gemacht, die es ermöglichen, Beziehungen als Einheiten auf dyadischer Ebene ernst zu nehmen und nicht von vorneherein auf die in der Psychologie sonst übliche individuelle Ebene zu reduzieren. Es gibt also durchaus eine beachtliche theoretische, methodische und empirische Substanz für eine Psychologie der Beziehung.

Dennoch fällt es nicht leicht, diese Substanz in Form übergreifender Paradigmen und Ergebnisse zu integrieren, weil die Forschung bislang fast ausschließlich auf bestimmte Beziehungstypen gerichtet ist: Eltern-Kind-Bindung, Partnerwahl und Partnerschaft, Geschwisterbeziehungen, Beziehungen zu Gleichaltrigen im Kindes- und Jugendalter, Beziehungen am Arbeitsplatz. Nur selten blickt die Forschung über den Tellerrand des jeweils untersuchten Beziehungstyps hinaus und untersucht komplette soziale Netzwerke.

Deshalb existiert im deutschsprachigen Raum keine etablierte Psychologie aller zwischenmenschlichen Beziehungen. Im angloamerikanischen Raum gibt es das Gebiet der „interpersonal relationships“, an dem sich das vorliegende Buch orientiert, obwohl es uns auch dort in der sozialpsychologischen Forschung unterrepräsentiert zu sein scheint. Das hängt damit zusammen, dass die Sozialpsychologie seit Jahrzehnten zu individualistisch an individueller sozialer Kognition oder individuellem Verhalten in sozialen Situationen interessiert ist.

Hauptziel der ersten Auflage im Jahr 2000 war es, erstmals im deutsch­sprachigen Raum den Versuch zu unternehmen, alle Beziehungstypen und -paradigmen aus einem Guss zu behandeln. Es ging also nicht darum, ein Kompendium der vorliegenden Literatur zu verfassen, sondern übergreifende Paradigmen und Ergebnisse herauszuarbeiten. Die Darstellung musste deshalb exemplarisch bleiben. Auf diese Weise konnte eine vergleichsweise große Breite und Tiefe bei knapper Seitenzahl erreicht werden. Erleichtert wird das Durcharbeiten durch viele konkrete Beispiele, Abbildungen und Tabellen. Kernaussagen und zentrale Inhalte sind besonders hervorgehoben. Am Ende jedes Abschnittes wird weiterführende Literatur empfohlen.

In der vorliegenden zweiten Auflage sind wir diesem Ansatz treu geblieben, wobei das Buch grundlegend überarbeitet und inhaltlich erweitert wurde. Hierbei war der neue Koautor Franz J. Neyer eine große Hilfe. Die bewährte Gliederung wurde beibehalten, aber um viele neue Teile ergänzt, z.B. Verwandtschaft, motivationale Ansätze, Beziehungen im sozialen Wandel und in multiethnischen Kontexten. Aktuelle Themen wie Online Dating und Beziehungen in sozialen Online-Netzwerken werden behandelt. Neu ist ein separates Methodenkapitel für Forschung und Anwendung, in dem spezielle Methoden und Anwendungsverfahren allgemeinverständlich dargestellt werden. Trotz der Aktualisierungen und Erweiterungen (60% der zitierten Literatur sind neu) ist der Umfang kaum gestiegen durch Konzentration auf das Wesentliche.

Unser Dank geht an Dr. Susanne Lauri und den Hogrefe Verlag, die unsere Anregungen zur zweiten Auflage bereitwillig unterstützt und kompetent umgesetzt haben; Susanne Wilpers, die an der Konzeption der ersten Auflage wesentlich beteiligt war; Maja Schachner für Kommentare zum neuen Teil 5.4; und Harald Schneider, der auch für die zweite Auflage viele Abbildungen erstellt hat.

Berlin/Bonn/Jena, Dezember 2016

Jens B. Asendorpf, Rainer Banse, Franz J. Neyer

2Beziehungstypen

In diesem Kapitel geben wir eine Übersicht über Fragestellungen und Befunde zu den wichtigsten Beziehungstypen. Den Auftakt bildet die biologisch und juristisch fundamentale Unterscheidung zwischen Beziehungen mit Verwandten versus Nichtverwandten. Anschließend behandeln wir verschiedene Beziehungstypen, wie sie im Verlauf der Individualentwicklung typischerweise entstehen: Eltern-Kind- und Geschwisterbeziehungen in Familien, Peer-Beziehungen im Kindes- und Jugendalter, Partnerwahl und Partnerschaft, und Beziehungen zu Nichtverwandten im Erwachsenenalter (Freundschaften, Beziehungen im Berufsleben, Nachbarschaftsbeziehungen). Alle diese Beziehungen sind Teil des (egozentrierten) sozialen Netzwerks.

Damit dieser Überblick nicht zu abstrakt ausfällt, vertiefen wir die Darstellung an einigen Stellen exemplarisch. Wir beziehen uns in diesem Kapitel ausschließlich auf psychologische Untersuchungen in westlichen Industrienationen; in Kap. 5 wird dann der Blick erweitert auf andere Kulturen. Wir gliedern die Übersicht nach universellen Fragestellungen zu Gemeinsamkeiten aller jeweils behandelten Beziehungen (z.B. ist die Mutter-Kind-Beziehung typischerweise enger als die Vater-Kind-Beziehung?) und nach differenziellen Fragestellungen (z.B. welche Unterschiede gibt es zwischen Mutter-Kind-Dyaden in der Qualität ihrer Beziehung?).

2.1Verwandtschaft

Verwandtschaft spielt in allen Kulturen eine herausragende Rolle. Überraschend ist, dass sie in der Psychologie lange Zeit vernachlässigt und erst in jüngerer Zeit als eigenständige Beziehungskategorie verstärkt betrachtet wurde (Daly, Salmon & Wilson, 1997; Neyer & Lang, 2013). Ganz allgemein kann ein Verwandtschaftsverhältnis auf gemeinsamer genetischer Abstammung (Blutsverwandtschaft) oder Verheiratung beruhen, wobei Letzteres im Gegensatz zu Ersterem durch Trennung aufgehoben werden kann. Verwandtschaftsbeziehungen sind entweder linear (mit Kindern, Eltern, [Ur]Großeltern) oder kollateral (mit Geschwistern, Cousins, Cousinen, Neffen, Nichten, Onkeln, Tanten) definiert und können auch Beziehungen mit Angeheirateten (mit Partnern, Verschwägerten) umfassen. Insofern kann zwischen primärer Verwandtschaft (Herkunftsfamilie) und sekundärer Verwandtschaft (erweiterte Familie mit allen Blutsverwandten und angeheirateten Verwandten) unterschieden werden.

Verwandtschaft beruht auf gemeinsamer genetischer Abstammung oder Verheiratung.

Inwiefern unterscheiden sich verwandtschaftliche von nicht verwandtschaftlichen Beziehungen? In juristischer Hinsicht bestehen bei der Abgrenzung der Verwandtschaft von anderen Beziehungen Ungenauigkeiten, die Spielraum für individuelle Deutungsmuster lassen. So berücksichtigt das Bundesgesetzbuch (BGB) den Grad der Abstammung und stellt dazu fest: „Personen, deren eine von der anderen abstammt, sind in gerader Linie verwandt. Personen, die nicht in gerader Linie verwandt sind, aber von derselben dritten Person abstammen, sind in der Seitenlinie verwandt. Der Grad der Verwandtschaft bestimmt sich nach der Zahl der sie vermittelnden Geburten.“(§ 1589 BGB). Darüber hinaus können Verwandtschaftsverhältnisse auch über Heirat, Adoption oder andere Regelungen erworben werden (vgl. § 1590 BGB Schwägerschaft, § 1741 BGB Adoption). Nach dieser rechtlichen Definition kann Verwandtschaft als eine soziale Konstruktion verstanden werden, die zwar auf der biologischen Grundlage der gemeinsamen Abstammung beruht, aber auch auf andere Beziehungen übertragen werden kann.

Juristisch ist Verwandtschaft primär durch genetische Abstammung und Heirat, sekundär aber auch durch Adoption oder andere Regelungen bestimmt.

In biologischer Hinsicht wird Verwandtschaft als Grad der genetischen Verwandtschaft definiert, welche die Wahrscheinlichkeit bezeichnet, mit der zwei Individuen Allele am selben Genort aufgrund gemeinsamer Abstammung miteinander teilen; vgl. hierzu Kap. 1.4. Hiermit eng verbunden ist der soziobiologische Ansatz. Danach kommt der Unterscheidung zwischen Verwandten und Nichtverwandten eine wichtige adaptive Funktion zu, insofern sie den Vorfahren des Menschen – in deren jeweiligen Umwelten – in zweifacher Hinsicht Selektionsvorteile verschaffte und den Nachwuchs sicherte. Erstens diente sie der Inzestvermeidung (und somit der Sicherung von genetischer Vielfalt) und zweitens dem verwandtschaftlichen Altruismus oder Nepotismus