Nicht ohne meinen Sohn - Anna Peters - ebook

Nicht ohne meinen Sohn ebook

Anna Peters

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Opis

So unglaublich wie schockierend: Einer fürsorglichen deutschen Mutter wird ohne Schuld das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen ... Es ist die große Liebe, als Anna 2005 den Kanadier Paul kennenlernt. Trotz Fernbeziehung schwebt Anna im siebten Himmel. Als im Mai 2009 ihr Sohn Mats geboren wird, ist ihr Glück vollkommen. Doch schon zwei Jahre später liegt ihr Leben in Scherben: Als Anna sich wieder einmal mit Mats in Kanada aufhält, erfährt sie, dass ihr Mann sie betrügt. Sie fliegt mit Mats zurück nach Deutschland – doch Paul lässt den beiden keine Ruhe. Eine nervenaufreibende Schlacht um Mats beginnt, die Anna nicht nur an den Rand des finanziellen Ruins bringt. Nicht ohne meinen Sohn ist der mutige Kampf einer jungen Mutter gegen die Windmühlen der Justiz. Es ist der Kampf einer Frau, die nicht aufgibt, so sehr sich auch alle gegen sie verschworen haben. Ein Manifest grenzenloser Mutterliebe.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2014

© 2014 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die Namen im Buch wurden verändert, um die Persönlichkeitsrechte beteiligter Personen nicht zu verletzen.

Dieses Buch erscheint mit der großzügigen Unterstützung von:

Marlee Gru,

Andy Ridder

und Sabrina Kehren.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung: Pamela Machleidt unter Verwendung von istockphoto

Landkarte: Pamela Machleidt nach OpenStreetMap

Satz: Georg Stadler

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN Print 978-3-86882-513-8

ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-666-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-667-0

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.deBeachten Sie auch unsere weiteren Verlage unterwww.muenchner-verlagsgruppe.de

Inhaltsverzeichnis
Teil I
Ready for ­take-off
Holguin, Kuba – Alles auf Anfang
Montreal – Familientreffen
Lake Muskoka – Ort des Glücks
Vancouver – Familienplanung
Mats – Ein neues Leben
Teil II
Im Gleitflug
Dortmund – Familienglück
Oshawa – Ödnis
Dortmund – Wieder zu Hause
Oshawa – Stolpersteine
Dortmund – Weihnachtsglück
Oshawa – Belastungsproben
Dortmund – Aufatmen
Oshawa – Eiszeit
Dortmund – Pläne
Helsinki – Finnische Hochzeit
Dortmund – Zwischenstopp
Oshawa – Erste Zweifel
Dortmund – Heimkommen
Oshawa – Heimweh
Orange County – Luftschlösser
Paul – Der Anfang vom Ende
Teil III
Im freien Fall
Oshawa – One-Way-Ticket nach Hause
Dortmund – Kein Zurück
Hamm – Erste Instanz
Dortmund – Verfolgt
Hamm – Zweite Instanz
Dortmund – Letzter Versuch
Bayview Village, The City of North York, Toronto – Asyl
Toronto – Allein
Oshawa – Gegen die Zeit
Bayview Village – Bei Freunden
Ajax – Hoffnung
Willowdale, The City of North York, Toronto – Blank
Brooklin, Whitby – Am Ende der Kraft
Oshawa – Der Prozess
Brooklin, Whitby – Das Urteil
Mats und ich – Abschied
Epilog
Ich gebe nicht auf
Anna in Kanada
Die Prozesse auf einen Blick

Teil I

Ready for ­take-off

Holguin, Kuba – Alles auf Anfang

Seit ich denken kann, träume ich vom Fliegen. Eine Startbahn in der Morgendämmerung – da krieg ich Gänsehaut. Die Atmosphäre am Flughafen, das Unterwegssein, fremde Kulturen, unbekannte Orte – dafür lebe ich. Vielleicht verstehst du die Welt anders, wenn du viel fliegst? Auf jeden Fall kommst du nicht mehr davon los, wenn du einmal dabei bist. Ich würde nie mehr am Boden arbeiten wollen. Dieser Job ist meine Leidenschaft.

Der Flug Düsseldorf–Holguin im Mai 2005 war einer meiner ersten Langstreckenflüge.

Beim Bewerbungsgespräch der Fluggesellschaft war es zugegangen wie bei Deutschland sucht den Superstar. Mehr als fünfzig Bewerber und eine Handvoll Jobs. Da hieß es »Du bist raus, du bist raus, nächste Runde.« Suggestivfragen, Verunsicherung, Provokation. Am Ende kamen mir vor lauter Glück und Erschöpfung die Tränen. Mit Mitte zwanzig und einer abgeschlossenen Ausbildung als Reise- und Verkehrskauffrau war ich endlich da, wo ich immer hinwollte.

Ich war das Küken in der Crew, und trotz der Strapazen eines fast zehnstündigen Flugs in einem voll besetzten Airbus fühlte ich mich wie elektrisiert, als meine Kollegin Doris vorschlug: »Wir treffen uns nach dem Einchecken in der Hotelbar.« Das Playa Pesquero ist ein Vier-Sterne-Resort im Osten Kubas mit weitläufiger Anlage, Animationsangeboten und allem Komfort. Ich konnte mich kaum sattsehen, während ich aufgeregt neben meinen Kolleginnen, unserem Purser, Kapitän und Copilot an der Bar lehnte. Die anderen kannten die Destination schon und wurden nach einem Glas Sekt und ein paar Bemerkungen über den unauffälligen Flug, das Wetter und die Sonderwünsche eines älteren Reisenden allmählich müde. Vergeblich versuchte ich, sie zum Bleiben zu bewegen.

»Vielleicht morgen wieder«, winkte meine Kollegin Karin ab. Unschlüssig sah ich ihr hinterher – auf sie warteten ein bequemes Bett und ein Routinegespräch mit Mann und Kindern. Sollte ich meinen ersten Abend in Kuba etwa alleine auf meinem Zimmer verbringen und auf der Suche nach einem deutschen Sender durch die Programme zappen? Ich beschloss, dass ich noch einen Drink vertragen konnte. Allerdings wurde es mir allein, mit meinem Sektglas in der Hand, ungemütlich an der Bar. Inzwischen hatte sich die Tanzfläche gefüllt: Urlaubsgäste in Feierlaune, Kinder, die zu Chartmusik im Kreis sprangen, Animateurinnen, die unter der Schminke müde aussahen. Auch die runden Zweier- und Vierertische an der Längsseite des Raumes waren besetzt.

»Darf ich?«, steuerte ich einen der wenigen freien Plätze an einem Vierertisch an. Der junge Mann nickte und ich setzte mich, von ihm abgewandt, mit Blick auf die Tanzfläche. Ich hatte schon beinahe vergessen, dass ich nicht allein am Tisch saß, als er mich antippte.

»Feuer?«, fragte er mit dem breiten Akzent der Kanadier. Ich reichte ihm schweigend mein Feuerzeug. Damals wurde noch überall geraucht, blaue und rote Dunstkringel stiegen von den Tischen auf und wanden sich im Discolicht träge zur Decke empor.

Als mein Tischnachbar sich wieder zu mir wandte, hatte ich ihm noch immer nicht in die Augen geschaut. Er beugte sich vor und ich sah, wie sich sein Mund beim Reden öffnete und schloss, verstand aber kein Wort. Mit einem Achselzucken signalisierte ich ihm, dass es hier zu laut war. Er wies zur Tür und bedeutete mir, ob ich ihn nicht in die Lobby begleiten wolle, dort sei es ruhiger. Nun sah ich ihn mir genauer an. Etwa mein Alter, Brille, dunkles Haar. Der Jeans-und-T-Shirt-Typ. Als ich ihm endlich in die Augen sah, fiel mir das sonderbare Grün-Braun seiner Iris auf. Moos und Haselnuss. Ja, warum eigentlich nicht? Wir standen auf und ich bemerkte, wie groß er war.

Die nächsten Stunden verbrachten wir in der hell erleuchteten Hotellobby, wir tranken, redeten und beobachteten das nächtliche Treiben, das Kommen und Gehen der Reisenden, die routinierten Gesten des Personals. Mein neuer Bekannter hieß Paul, kam aus Cobourg und war ein guter Zuhörer. Er stellte Fragen zu meinem neuen Job und verzichtete auf die üblichen Komplimente. Selbst nach zwei Stunden Unterhaltung hatte er noch immer nicht den Spruch mit den blauen Augen gebracht. Gefällt mir, machte ich mir in Gedanken eine Notiz. Beiläufig erwähnte Paul seine Arbeit bei Tim Hortons, einer kanadischen Coffee-Shop-Kette, und ich stellte mir vor, wie er hinter einer Theke stand, mit ruhigen Bewegungen Milch aufschäumte und Kuchenstücke ausgab. Er war auf angenehme Art unaufgeregt, und er sah gut aus. Als er mich schließlich auf mein Zimmer begleitete, erschien mir das irgendwie folgerichtig.

»Wo sehen wir uns wieder?«, fragte er am nächsten Morgen.

»Am Strand?«, schlug ich vor.

»Der Strand ist groß«, gab er zurück.

Ich grinste. Offenbar lag ihm wirklich an einem zweiten Treffen. Und warum auch nicht? Mir fiel nichts ein, was dagegen gesprochen hätte.

Wir trafen uns in der Abenddämmerung bei einer kleinen Eisdiele an der Strandpromenade und nahmen unser Gespräch mühelos da wieder auf, wo wir es in der Nacht unterbrochen hatten. Unsere Crew blieb fünf Tage imPlaya, und ich verbrachte fünf lange Abende und fünf kurze Nächte mit dem hübschen kanadischen Jungen. Am Tag unserer Abreise reichte er mir einen eng beschriebenen Zettel mit seiner Handynummer, seiner Festnetznummer, seiner Nummer imTim Hortons, seiner privaten und seiner beruflichen E-Mail-Adresse. Die Liste, die Paul pedantisch und in säuberlicher Handschrift angelegt hatte, wollte nicht so recht zu der Unverbindlichkeit und Leichtigkeit der letzten Tage passen.

Ich warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Mit dir ist man auf der sicheren Seite, was?« Er grinste. Mit einem Anflug von Unwillen notierte ich meine eigene E-Mail-Adresse.

Inzwischen wusste ich, dass Paul etwas jünger war als ich und mit seiner Familie reiste. Seine Mutter, eine adrette Fünfzigjährige mit gesträhntem Bob und blauen Augen, hatte mich am Strand mit einem kurzen, klaren Blick bedacht, als wollte sie Maß nehmen. Sie und ihr Mann hatten einen netten Eindruck gemacht, auf jene unangestrengte und unverbindliche Art, die ich an Nordamerikanern manchmal beneide. Ich hatte mich jedoch rasch wieder abgewandt – was sollte ich bei den Eltern eines Jungen, den ich selbst kaum kannte, lieb Kind machen.

Holguin war das typische Urlaubsziel: heiße, lange Strandtage, eisgekühlte Drinks, Sand in den Sandalen, spärlicher Schatten unter Palmen – und der Satz, mit dem unser Kapitän das Heftpflaster in meiner Halsbeuge und mein Erröten quittierte: »Ich wusste ja, dass man dich nicht eine Sekunde aus den Augen lassen darf, Anna!« Viel mehr fällt mir heute nicht mehr zu Holguin ein. In meiner Erinnerung ist diese Zeit wie ein weißes Blatt, durchscheinend, fünf Tage voller ungewisser Ahnungen. Hätte man mir gesagt, dass Holguin der Anfang einer Geschichte sei, die mein Leben verändern würde, ich hätte mich nicht gewundert. Aber ich hätte nie geahnt, was für eine Rolle Paul darin spielen würde.

Wieder in Dortmund, erzählte ich meiner besten Freundin von meiner kanadischen Eroberung. »Ruf doch mal an«, riet Lena in ihrer zupackenden Art. »Oder würdest du dich etwa nicht freuen, wenn dich nach deinem nächsten Langstreckenflug ein charmanter Typ am Gate abholt und dir Toronto zeigt?«

Zwei Wochen später griff ich aus einer Laune heraus tatsächlich nach dem Telefon. Pauls Stimme auf dem Anrufbeantworter bestätigte meinen Verdacht: Die Nummer stimmte. Ich hinterließ keine Nachricht.

Drei Tage darauf erreichte er mich. Es war Freitagabend und meine Freundin Lena und ich waren in Ausgehstimmung. Wir teilten uns gerade den Platz vor meinem Waschbecken, als mein Handy klingelte. Den Lippenstift auf halber Höhe, traf mich der erstaunte Blick meiner Freundin im Spiegel. Es war schon nach 23 Uhr. Als Paul sich meldete, verschlug es mir im ersten Moment die Sprache. Woher hatte er meine Nummer? Ich erklärte ihm, ich sei gerade auf dem Sprung, und wir beendeten unser Gespräch nach wenigen Sätzen. Ja, ich würde zurückrufen, versprach ich und legte auf.

Ein paar Tage später wählte ich erneut seine Nummer. »Weißt du noch, wie ich mir am Strand Fotos auf deinem Handy ansehen wollte?«, löste Paul das Rätsel. »Da hab ich eine SMS an meine Nummer geschickt. So einfach war das.«

Seine Zielstrebigkeit verblüffte mich. Woher nahm er diese Sicherheit? Was lag ihm an einer Frau, die durch Tausende Kilometer und ein Weltmeer von ihm getrennt war und die nichts von den Besonderheiten seiner Sprache oder den Sitten seines Landes verstand? Paul warb so selbstverständlich um mich wie jemand, der weiß, was er will.

Einerseits fühlte ich mich geschmeichelt, andererseits war mir seine Beharrlichkeit unheimlich. Mit der Zeit jedoch gewöhnte ich mich an seine Anrufe. Unsere Gespräche wurden Teil meines Alltags. Pauls Stimme klang immer vertrauter in meinen Ohren. Bald fehlten mir sein trockener Humor und seine Art, mir etwas Liebes zu sagen, ohne viel Aufhebens darum zu machen, schon wenn wir wenige Tage nicht miteinander gesprochen hatten.

Als nächstes Wunschziel gab ich Toronto an.

Montreal – Familientreffen

Mit Kanada verband mich mehr als der Gedanke an Paul. Das Land war die Wahlheimat meiner Tante Luisa, die mit ihren beiden Töchtern in Montreal lebte. Luisa ist die jüngste Schwester meiner Mutter, und seit jeher ist sie mir die liebste. Sie sieht mir ähnlich, dunkelblond und nicht besonders groß, aber was uns wirklich verbindet, bleibt dem bloßen Blick verborgen. Vielleicht ist es ihre Unternehmungslust, ihre Offenheit, oder es ist ihre rückhaltlose Bereitschaft, genau das zu tun, was ihr Herz ihr sagt – und sei es wider jede Vernunft. Wenn ich schon nach Kanada flog, dann würde ich ihr und ihrer jüngsten Tochter Danielle auf jeden Fall einen Besuch abstatten.

Als ich Paul von meiner Absicht erzählte, erkundigte er sich, wie ich dorthin kommen wolle. »Ich leih mir ein Auto«, erklärte ich mit einem Schulterzucken. »Oder ich fahr mit dem Bus. Vielleicht steig ich aber auch in einen Flieger.«

Am Klang seiner Stimme erriet ich, dass er über meine Unbedarftheit grinste. Obwohl ich seit ein paar Monaten Ozeane und Gebirgsketten, Wüsten, Wälder und Seen im Flug überquerte, machte ich mir keinen Begriff von den Entfernungen innerhalb Kanadas.

»Weißt du, wie teuer die Flüge auf dieser Strecke sind? Und willst du wirklich stundenlang im Bus hocken, um dann übermüdet und mitten in der Nacht an einem entlegenen Bahnhof zu stehen und deine arme Tante aus dem Schlaf zu holen?«

Ich schwieg.

»Pass auf, ich hol dich ab, und wir fahren mit meinem Auto.«

Ich schluckte. Ich sollte mit einer flüchtigen Bekanntschaft bei Luisa aufkreuzen, nachdem wir uns Jahre nicht gesehen hatten? Auch wenn ich das Etikett »Flirt« in Gedanken von unserer Bekanntschaft entfernt hatte, war ich mir keineswegs sicher, wohin die Reise mit Paul ging.

Er deutete mein Schweigen richtig. »Ach komm, was ist schon dabei? Wenn ihr ein bisschen Zeit für euch haben wollt, vergnüg ich mich in Montreal«, schlug er vor.

Zu meinem Erstaunen teilte meine Tante seine Sorglosigkeit. »Natürlich bringst du ihn mit«, stimmte sie sofort zu, bat aber mit der für sie typischen mütterlichen Art um seine Adresse.

Als ich Paul von ihrer Bitte erzählte, erfuhr ich etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Der Mann, an den ich seit ein paar Monaten mit einer gewissen Regelmäßigkeit dachte, wenn ich abends die Nachttischlampe ausknipste, lebte noch bei seinen Eltern! Diese Tatsache war mir lästig, berührte mich unangenehm, wie ein schiefer Ton in einem Lied, das man eigentlich gerne hört. Ich beschloss, ihn bei Gelegenheit einfach zu fragen, warum er sich keine eigene Wohnung leistete.

26 Stunden und ein paar Zeitzonen später wartete ich in der hellbeige gestrichenen geräumigen Lobby des Hotels in Toronto, in dem ich abgestiegen war, auf ihn. Die Frage, wie ich ihn begrüßen sollte – Küsschen links, Küsschen rechts, deutsche Umarmung oder schwacher Händedruck –, erübrigte sich, als er direkt auf mich zukam und mich mitten auf den Mund küsste. Ich ließ mich in seine Umarmung sinken. Der leichte Druck seiner Hand in meinem Rücken, seine Lippen, rau, fest. Es war wie Ankommen. Wie wenn du beim Landeanflug dort, wo zuvor nur verschwommene helle Flecken in der Dämmerung waren, plötzlich Häuser erkennst, hinter deren Fenstern ein Licht brennt. Es war sogar noch besser. Als er vorschlug, den angebrochenen Abend in einem Pub in der City zu beenden, stimmte ich zögernd zu. Ich war müde und wäre lieber direkt mit ihm auf unser Zimmer gegangen.

Der Laden hieß Earnest Hemingway, und wir saßen zu acht um einen schweren dunklen Holztisch und tranken Pints. Bald verstand ich kein Wort mehr und ein dumpfer Schmerz machte sich hinter meiner Stirn breit. Die lachenden Gesichter verschwammen vor meinen Augen, das kanadische Englisch, das ich sonst so gern hörte, klang fremd und blechern. Jetlag. »Können wir gehen?«, bat ich leise und erntete einen verständnisvollen Blick. Paul winkte dem Kellner.

»Das waren keine Freunde von mir«, eröffnete er mir auf dem Rückweg, »ich kannte nur den Jungen neben mir. Genau genommen ist Brad mein einziger Freund.«

»Hmm«, war mein einziger Kommentar. Mir war es zu spät für Bekenntnisse. Ich war froh, dass Paul ohne Diskussionen bereit gewesen war, die Runde zu verlassen, und Schlaf war alles, woran ich noch denken konnte.

In meiner ersten Nacht in Toronto schlief ich tief und traumlos. Am nächsten Morgen folgte ich gut gelaunt im strahlenden Sonnenschein dem mit Gepäck beladenen Paul zum Hotelparkplatz. Als er die Koffer in einen sportlichen Zweisitzer wuchtete, hielt ich den Atem an. Ein schwarzer 3er-BMW. Bevor mein Vater mit seinem Reisebüro Konkurs anmelden musste, war er immer BMW gefahren, zuletzt das 7er- Schlachtschiff, und ich liebte diese Autos. Bequemlichkeit, Stil und ein Quäntchen Pomp – was wollte man mehr. Er wohnt bei seinen Eltern und er hat Geschmack, ergänzte ich im Stillen, was ich von Paul wusste, und stieg in seinen Wagen.

Nach einem Abstecher zu einer Tim-Hortons-Filiale, dessen eigentlicher Zweck mir verborgen blieb, der mir aber einen weiteren irgendwie geschäftsmäßig prüfenden Blick seiner Mutter und einen French Vanilla to go einbrachte, fuhren wir auf den Expressway 401. Ich begriff, dass Pauls Eltern Franchisenehmer mehrerer Filialen waren und dass er selbst zwei der Läden führte. Ich begriff auch, dass er einem Traum nachjagte, der nichts zu tun hatte mit den roten Plastiksesseln und der sauberen Behaglichkeit eines Coffee-Shops oder mit dem Jugendzimmer, das er noch immer im Haus seiner Eltern bewohnte. Paul wollte viel Geld verdienen, er wollte eine Familie gründen, er wollte Unabhängigkeit im großen Stil.

»Ich hab ein bisschen Ahnung von der Börse«, bemerkte er sachlich, »und als Broker kannst du überall leben. Der ganze Kaffeequatsch interessiert mich nicht.«

Auf der mehrstündigen Fahrt nach Montreal redeten wir ununterbrochen, aber heute weiß ich nicht mehr, worum es eigentlich ging. Worüber redet man, wenn man sich kennenlernt? Vermutlich ging es um unsere Träume. Vermutlich hatten wir unsere Zukunft so deutlich vor Augen wie die sommerliche Landschaft, die draußen auftauchte, vorüberzog und schon im nächsten Moment hinter dem Heckfenster verschwunden war. Im Hintergrund lief das Radio, und Paul ließ mich ein Stück fahren. Der Junge wollte zwar das große Geld machen, aber er klebte nicht mit der Bangigkeit mancher Typen, die ich aus Dortmund kannte, an dem lackierten Statussymbol unter seinem Hintern. Das gefiel mir.

Paul gefiel auch Luisas achtjähriger Tochter Danielle – es war Liebe auf den ersten Blick. Unermüdlich trug er sie in den folgenden Tagen durchs Haus, spielte Mensch ärgere Dich nicht mit ihr und lauschte ihren halb auf Französisch, halb auf Englisch vorgetragenen, verwickelten Geschichten. Als ich die beiden zusammen sah, bekam ich weiche Knie. Männer, die mit Kindern umgehen können, imponieren mir, das war schon immer so.

Luisa musste es ähnlich gehen, denn als Paul am ersten Abend am Balkongeländer lehnte und rauchte, rief sie meine Mutter in Dortmund an. »Er ist fantastisch«, sagte sie mit einem halben Lächeln in meine Richtung, »das ist ein Kandidat, Gabi.«

Für was auch immer er in den Augen meiner Tante kandidierte, er tat es mit vollem Einsatz. Am kanadischen Unabhängigkeitstag saßen wir mit bunten Wolldecken auf einem Grashügel und bestaunten das Feuerwerk am sternklaren Himmel über der Altstadt. Inmitten der Ahs und Ohs der Umsitzenden drang ein kleiner Satz leise an mein Ohr, fühlte ich Lippen dicht an meinem Ohrläppchen.

»Ich hab mich in dich verliebt.«

Später am Abend standen wir eng umschlungen auf dem Balkon. Er fragte, was ich für ihn empfände, und ich erklärte, bei uns gebe es eine Formulierung, die zu dem Dazwischen meiner Gefühle passe: »Sie heißt: Ich hab dich lieb.« Paul nickte. »Ich hab dich auch lieb«, echote er, und was aus meinem Mund steif geklungen hatte, hörte sich aus seinem so verdammt gut an, dass ich ihn bat, es zu wiederholen.

Auf der Rückfahrt nach Toronto waren wir müde und schweigsam. Nach ein paar Stunden meldete sich mein Magen und ich schlug vor, an einem Diner zu halten. Sein Blick verriet nichts, als er sich kurz zu mir drehte. »Kannst du dich noch ein halbes Stündchen gedulden, Anna? Meine Eltern warten mit dem Abendessen auf uns.«

Ich runzelte die Stirn. Warum hatte er mir das nicht früher gesagt? Ich legte nicht den geringsten Wert darauf, einer Familie am Esstisch gegenüberzusitzen, die ich womöglich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben sehen würde. In mir regte sich die Vorsicht meines Vaters zeitgleich mit dem Temperament meiner Mutter und ich hob die Stimme. »Was versprichst du dir davon?«

Paul schaute auf die Straße. »Was ich mir davon verspreche? Wie wär’s mit einem warmen Abendessen. Wenn du möchtest, kannst du aber auch bei meiner Mutter um meine Hand anhalten!«

Diese Bemerkung verschloss mir den Mund. Er hat ja recht, räumte ich im Stillen ein und bereitete mich auf einen geselligen Abend vor.

Als wir ausstiegen, zündete ich mir eine Zigarette an und betrachtete Pauls Elternhaus. Es war ein großes helles Einfamilienhaus mit gepflegtem Vorgarten und einer breiten Holzveranda, die mich an Bilder aus den Südstaaten erinnerte. Kein Zaun, hellgrüner Rasen. Freundlich, dachte ich.

Während Pauls Vater mit einer karierten Schürze in der Küche stand und Hühnchen und Kartoffelecken in den Ofen schob, entkorkte seine Mutter den Rotwein. Wir waren zeitig in Montreal losgefahren, und der Himmel war hell und wolkenlos, als wir ihr auf die Veranda folgten. Theresa, wie sich Pauls Mutter vorstellte, hielt sich nicht mit Geplänkel auf. Nach zwei Sätzen über das gute Wetter kam sie zur Sache.

»Was hast du gelernt, Anna?«, wollte sie wissen.

»Was machen deine Eltern?«

»Möchtest du ein Leben lang als Stewardess arbeiten?«

»Wünschst du dir Familie?«

Auf diese Situation war ich nicht vorbereitet. Während sie ihre Fragen auf mich abfeuerte, suchte ich angestrengt nach Antworten, die sie zufriedenstellten, aber nicht zu viel von mir preisgaben. Es war wie eine Passagierkontrolle am Flughafen: Als müsstest du vor einer Fremden deine Taschen ausleeren, den Gürtel ausziehen und mit den Schuhen in der Hand durch eine Lichtschranke. Entschieden ungemütlich. Was wollte diese Frau von mir? Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum, als Pauls Vater David zu uns auf die Veranda trat. Ich meinte, Verständnis in seinem Blick zu lesen. Vielleicht war ihm eine solche Situation ja bereits vertraut?

Als seine Frau zwischen zwei Fragen Luft holte, wandte er sich an Paul und wies mit einer schwungvollen Geste Richtung Hafen. »Das Huhn braucht noch ein Weilchen«, erklärte er. »Zeig Anna doch, welche Schiffe im schönen Cobourg vor Anker liegen.«

Ich war heilfroh, Arm in Arm schlenderten wir den Pier entlang, und ich staunte über Yachten aus den entferntesten Häfen der Welt. Pauls Heimatstadt war als das kanadische Saint-Tropez bekannt, malerisch, aber auch mondän und weltgewandt.

Mit vom Seewind zerzausten Haaren kamen wir pünktlich zum Abendessen wieder zur Tür herein. Pauls jüngere Geschwister Tanya und Tom waren bereits vor uns nach Hause gekommen. Tanya war ein großes dunkelhaariges Mädchen von fast zwanzig Jahren mit eckigen Bewegungen und lauter Stimme. »Ein Mannsweib«, wie ich später zu Lena sagen würde. Sie musterte mich unverhohlen, während sie Kartoffelecken auf ihre Gabel spießte. Anders als Nesthäkchen Tom, der mit seinen sechzehn Jahren ganz eigene Sorgen zu haben schien, zeigte sie reges Interesse an der Bekanntschaft ihres älteren Bruders.

»Du bist also ein Einzelkind?«, fragte sie zwischen zwei Bissen. »Unter Geschwistern geht das anders zu, da kannst du dich auf etwas gefasst machen.«

Auch für mein Aussehen interessierte sich Pauls Schwester. »Schminkst du dich jeden Tag?«, fragte sie beiläufig.

»Ja«, gab ich leichthin zurück. »Manche von uns müssen der Natur eben nachhelfen.«

In der darauf eintretenden Gesprächspause musterte mich Pauls Mutter über den Rand ihres Rotweinglases hinweg. Paul grinste. Ich griff nach der Flasche und schenkte mir nach.

Als Paul und ich nach dem Essen ins Auto stiegen, spürte ich Tanyas Blick noch im Nacken. Wie sie mit verschränkten Armen neben ihrer Mutter gestanden hatte, als wir uns verabschiedeten. Vielleicht war es spontane Abneigung, vielleicht generelles Misstrauen. Bis dahin hatte ich den Begriff »Stutenbeißen« immer für eine männliche Erfindung gehalten. Jetzt war ich mir da nicht mehr so sicher. Ohne Bedauern hörte ich, wie Paul den Motor anließ.

Lake Muskoka – Ort des Glücks

Nach den Tagen bei meiner Tante in Montreal hatte sich etwas zwischen Paul und mir verändert. Da war etwas Zartes, eine erste Vertrautheit, und ich spürte, wie mein Widerstand gegen eine Fernbeziehung – trotz der eher seltsamen Begegnung mit Pauls Familie – schmolz. Ich hatte mich in ihn verliebt.

»Ich will mit dir zusammen sein«, drängte Paul, und ich wollte »Ja« sagen. Und schließlich sagte ich auch »Ja«.

Bald riefen mich Kollegen an, die ich noch nie gesehen hatte. »Ich hab gehört, du nimmst jeden Flug nach Toronto? Was kannst du mir dafür anbieten?« Die Tauscherei gefiel mir, und vor allem ältere Kollegen waren dankbar, wenn sie um den kanadischen Zielort herumkamen: Der Flughafen lag mehr als eine Stunde stadtauswärts, und das Hotel vor Ort sah aus wie ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Von da an flog ich alle paar Wochen zu Paul, verband meine Reisen aber mit einer Bedingung: Wenn ich ihn besuchte, würde ich nicht bei seinen Eltern wohnen. Wir genossen das Stadtleben in Toronto, bis unsere Kurzurlaube ins Geld zu gehen begannen.

»Meine Eltern haben ein Ferienhaus am See, am Lake Muskoka«, eröffnete mir Paul an einem Spätsommerabend am Telefon. »Wald, Wasser und wilde Tiere. Meinst du, das könnte dir Spaß machen?«

»Klar, warum nicht«, erwiderte ich. »Ich mag Natur – wenn auch für höchstens drei Wochen, im Urlaub.«

Der Lake Muskoka liegt zwischen Gravenhurst und Port Carling, gut zweihundert Kilometer vor Toronto. Sein Hauptzufluss, der Muskoka River, versorgt ihn mit eigentümlich trübem Wasser. Früher lebten die Stämme der Algonquin und Huron an seinen Ufern. Es heißt, Muskoka sei die Verballhornung von Mesqua Ukee, dem Namen eines bekannten Indianerhäuptlings, der 1850 mit seiner Unterschrift besiegelte, dass 250 000 Morgen Land seiner Ahnen an die Weißen fielen. Mesqua ­Ukees Schicksal ist denkwürdig: Der Indianer war für die Regierung von Ontario so wertvoll, dass sie ihm ein Haus in Orillia baute, wo er mit 95 Jahren starb. Heute verbringen Leute wie Pauls Eltern ihre Ferien in Hütten am Seeufer, auf der Suche nach dem einfachen, ursprünglichen Leben.

Nun fuhren auch Paul und ich bei Wind und Wetter raus ans Wasser. Unterwegs hielten wir an einem der kleinen Supermärkte – die diesen Namen kaum verdienten – im Ortskern von Bala an und versorgten uns mit Proviant für die nächsten Tage, bevor es auf einem breiten Schotterweg direkt ans Seeufer ging. Das »Ferienhaus« seiner Eltern war eine verwitterte Holzhütte mit Feuerstelle. Auf Holzblöcken in einen Hang gezimmert, bestand sie aus einem offenen Wohn-, Ess- und Schlafbereich. Geheizt wurde mit Holzkohle in einem Kamin, ein Metallkessel diente als Wasserkocher, und neben dem Plumpsklo riet einem ein Zettel »One Scoop« – ein Löffel Pulver statt Spülung. Die Wasserleitung führte kaltes Seewasser, und so wuschen wir uns meist direkt im See, wenn der Tag anbrach. In der Morgenröte liefen wir nackt zum Wasser hinab. Noch heute fühle ich die stechende Kälte an meinen Beinen, dann das Kribbeln, das sich warm und angenehm auf der Haut ausbreitet. Die Hütte war Teil einer kleinen Feriensiedlung, aber im Herbst waren die anderen Cottages oft verwaist und wir konnten völlig ungestört in den Tag leben.

An einem Abend im Spätherbst saßen wir in Decken gewickelt an der kleinen Feuerstelle vor unserer Hütte. Mir wurde kalt. Ich wollte gerade vorschlagen, hineinzugehen, als Paul den Finger an die Lippen legte. »Hörst du das?« Ich lauschte. »Das kommt aus der Hütte der Millers – und ich weiß, dass sie nicht da sind.«

Ich maß dem Gerumpel nicht viel Bedeutung bei. »Dann geh doch mal nachschauen.« Da war Paul schon aufgesprungen und lief los. Ich hing meinen Gedanken nach, als er kurz darauf zurückkahm. In der einsetzenden Dunkelheit sah sein Gesicht bleich aus und seine Augen glänzten.

»Ein Bär!« Seine Stimme war nur ein Flüstern. »Da ist ein Braunbär.«

Seufzend erhob ich mich. »Ja, sicher.« Bären hatte ich bisher nur im Zoo gesehen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich einer in unsere Siedlung verirrt haben sollte. Paul war vorgelaufen und wartete bereits an der Hütte unserer Nachbarn auf mich.

»Na, wo ist dein Bär?«, fragte ich grinsend, als ich zu ihm trat. Pauls Stimme klang rau. »Eben war er noch hier. Er hat versucht, den Vogelfuttersack zu knacken und hat dabei den Holzstapel umgestoßen.«

Ich fröstelte. Wir sollten die Decken reinholen, bevor man die Hand nicht mehr vor Augen sieht, ging es mir durch den Kopf. Da hörte ich das Knacken von trockenem Holz und drehte mich um. Ich erstarrte. Ich blickte direkt in ein Paar wilde braune Augen. Das Tier stand etwa fünf Meter von mir entfernt, reglos, und sah mich an. Ein ausgewachsener Braunbär. Im nächsten Moment liefen Paul und ich los, wir rannten so schnell wir konnten. Erst in der Sicherheit unserer Hütte wagten wir einen Blick zurück. Aber der Bär hatte in entgegengesetzter Richtung die Flucht ergriffen.

Inzwischen weiß ich, dass man auf keinen Fall weglaufen sollte, wenn man auf einen Bären trifft. Manchmal wundere ich mich über mich selbst. Warum habe ich damals so viele Situationen falsch eingeschätzt? Fehlt mir etwa das natürliche Gespür für Gefahr? Oder hätte niemand voraussehen können, was mir bevorstand?

Nach diesem Erlebnis suchte Paul unsere einzigen Nachbarn auf, ein altes Ehepaar, das trotz der strengen Witterung noch in seinem Feriendomizil ausharrte. Mit zwei Blechdeckeln bewaffnet, die er unterwegs zusammenschlagen wollte, um dem Bär zu verraten, dass er sich näherte, machte Paul sich auf den Weg. Er war definitiv der bessere Pfadfinder von uns beiden. Nach einer Weile kam er mit der Nummer eines Rangers aus Minden zurück. Der Bär war offenbar ein alter Bekannter, auch das alte Ehepaar hatte ihn schon bei den Hütten gesehen. Der nahende Winter musste ihn zu unserer Siedlung getrieben haben. Ich verbuchte die Begegnung unter der Rubrik »eine gute Geschichte«, aber Paul schien sie extrem zu beunruhigen. Als ich am Abend eine Zigarette vor der Hütte rauchen wollte, hielt er mich am Arm fest, und in der Nacht wälzte er sich ruhelos in den Kissen.

Ich hatte die Sache fast vergessen, als ich eines Nachts von einem Geräusch geweckt wurde. In der Dunkelheit tastete ich nach Paul. »Hörst du das auch? Meinst du, da ist wer?«

Augenblicklich saß mein Freund senkrecht im Bett. »Das muss der Bär sein!«, flüsterte er. Ich gähnte. Das Geräusch klang wie ein Scharren, und es schien von unterhalb unserer Hütte zu kommen. »Steh auf, alleine will ich nicht nachsehen«, drängte Paul.

Ich gähnte wieder. »Guck doch erst mal aus dem Fenster.«

Paul schlich zur Tür und schob die Häkelgardine zurück, die das Spähfensterchen verbarg. »Ich seh nur Nacht«, wandte er sich frustriert zu mir um.

Weil Paul es nicht wagte, das große Fenster zu öffnen und sich hinauszulehnen, blieben wir auf der Bettkante sitzen und lauschten in die Nacht, bis es wieder still wurde. Als ich einschlief, streifte mich der Gedanke, dass ich Paul womöglich als Hasenfuß ansehen würde, wenn ich nicht so verliebt wäre.

Im ersten Morgengrauen lief ich barfuß nach draußen und sah mich neugierig um. Die Kratzspuren stammten nicht von einem Bären – in der Nacht hatte sich ein wagemutiges Stinktier an unserer Hütte zu schaffen gemacht.

Ich weiß nicht, warum mir heute gerade diese Geschichte einfällt. An jenem Morgen haben Paul und ich über den Zwischenfall gelacht, und dann nahm er mich in den Arm, hauchte mir einen Kuss in den Nacken und schlug vor, noch mal ins Bett zu gehen. Seine Lippen fühlten sich warm an. Wir waren in Sicherheit.

Grün und Blau, Braun- und Rottöne, die Holzhütte am See, im Herbst. In der Dämmerung durch den Kiefernwald streifen, am Feuer sitzen, bis die Asche verglimmt und ein Käuzchen ruft, Worte in die Dunkelheit sagen, die mit dem ersten Sonnenstrahl vergessen sind. Pauls Blicke, die mir überallhin folgen. Seine Stimme, nah an meinem Ohr, mein Haar auf seiner bloßen Brust.

Es gab nur uns beide, 24 Stunden Nähe. Ja, am Muskoka Lake waren wir glücklich.

Vancouver – Familienplanung

Paul und ich waren knapp zwölf Monate zusammen, als er mir bei einem seiner Besuche in Dortmund eine Frage stellte, die ich nicht erwartet hatte. »Was hältst du eigentlich vom Heiraten?«

Es war an einem Sonntagnachmittag und wir kuschelten auf meinem Ledersofa im Wohnzimmer. Er bemühte sich um einen unverbindlichen Ton, aber sein Blick verriet mir, dass es ihm ernst war. »Jetzt käme das definitiv noch nicht für mich in Frage«, versetzte ich, während eine Stimme in meinem Kopf sagte: Der meint es verdammt ernst mit dir. Der liebt dich wirklich. »Außerdem will ich keine Fernehe«, fügte ich hinzu, »eigentlich will ich ja nicht mal eine Fernbeziehung.«

Paul nickte nur. »Ich weiß, Anna.«

Ich mochte den Lake Muskoka und ich war gern in Toronto oder Vancouver, aber ein Leben in Kanada konnte ich mir nicht vorstellen. In diesem riesigen, weiten Land fühlte ich mich oft verloren. Meine Eltern sind vor meinem fünften Geburtstag aus dem polnischen Breslau ins Ruhrgebiet gekommen, und meine Mutter erzählt gerne, wie schnell und mühelos ich ein Dortmunder Mädchen wurde. Ich habe zwei Muttersprachen, aber nur ein Mutterland, und im Englischen würde ich nie zu Hause sein. Deshalb war ich umso glücklicher, als Paul mir ohne zu zögern erklärte, er würde gerne in Deutschland leben. In seiner Zeit am College hatte er ein Jahr bei einer Gastfamilie in Finnland verbracht. Bei ihnen hatte er sich gut gefühlt, so frei und stark wie nie zuvor.

»Deutschland gefällt mir, und ich käme endlich von dieser Kaffeegeschichte los«, überlegte er laut. Anders alsStarbucksoderCoffee FellowssetztTim Hortonsauf Familientradition. Als ältester Sohn sah sich Paul offenbar in der Bringschuld. Langsam begann ich zu ahnen, dass das geschwungene rote Coffee-Shop-Logo wie ein Fluch auf meinem Freund lastete. »Aber ich zieh erst zu dir, wenn ich es mir leisten kann«, schloss er.

Ein paar Tage später saßen wir mit meinen Eltern beim Kaffee, als er bat, sich ein Stündchen ausklinken zu dürfen. »Jetzt macht die Börse auf«, warf er mir zu, als er die Tür hinter sich schloss. Später fand ich ihn im Schlafzimmer, den Laptop auf den Knien. Er habe 20 000 Dollar in zwanzig Minuten verdient, erzählte er nicht ohne Stolz, schränkte aber sofort ein, dass Glück natürlich auch dazugehöre.

Geld hat mich nie besonders interessiert, aber ich merkte, dass ich ihn bewunderte. Seine Lässigkeit gefiel mir. Paul würde einmal mein Mann sein, das stand jetzt für mich fest, und auch, dass wir nicht zu zweit bleiben würden. Paul liebte Kinder, genau wie ich. Immer öfter zog er mich in der Fußgängerzone am Arm zu einem Kinderwagen, um einen Blick auf ein Neugeborenes zu erhaschen – bis er irgendwann ein neues Gewicht in die Waagschale warf. »Wenn du schwanger wärst, hätte ich einen Grund, endlich ernst zu machen. Dann könnte ich endlich sagen: Jetzt zieh ich nach Dortmund. Auch meine Mutter müsste das einsehen.«

Etwa zu dieser Zeit begann Paul, Deutsch zu lernen. Meine Freunde mochten ihn und waren begeistert von seiner Bereitschaft, Kanada für ein Leben im Ruhrgebiet aufzugeben. Auch meine Eltern empfingen ihn mit offenen Armen – sie mussten zwar auf meine Dolmetsch-Künste ausweichen, wenn sie sich mit ihm unterhalten wollten, aber er sah gut aus und war immer zuvorkommend.

»Alles passte in diesen hübschen Rahmen«, sagt meine Mutter heute zu mir, und misst mit ihren schmalen Händen ein kleines Viereck ab. Als sie mich ansieht, glänzt eine Träne in ihrem Augenwinkel. Ihre Stimme flattert. »Ach Anna … Er war ja wirklich sehr nett.«

Paul wollte ein Kind mit mir, und seine ernste Entschlossenheit tat mir gut. Alle Jungen, mit denen ich vor ihm zusammen gewesen war, hatten beim WortFamilienur mit den Schultern gezuckt. Trotzdem stimmte ich nicht sofort zu. Ich war noch so jung. Es kam mir vor, als wäre ich erst gestern zum ersten Mal in eine Cabin-Crew-Uniform geschlüpft. War der Zeitpunkt wirklich schon gekommen, Verantwortung für ein weiteres Leben zu übernehmen? Während mein Verstand noch zweifelte, öffnete sich langsam mein Herz. Kaum merklich veränderte sich meine Wahrnehmung. Ich reagierte auf Babygeschrei. Ich fragte meine Mutter über meine ersten Jahre aus und erklärte mich gern bereit, Marie, die Tochter meiner Freundin Inga, durch die Gegend zu tragen, wenn sie ihrer Mutter zu schwer wurde. Immer öfter bat ich Paul, mir Kinderfotos von sich zu zeigen. Es war wie ein Warmwerden – unbewusst bereitete ich mich auf eine Aufgabe vor, die ein Leben lang andauert: Muttersein.

Paul und ich waren mehr als zwei Jahre zusammen, als ich meiner Frauenärztin endlich erklärte, dass ich die Pille absetzen würde. »Hören Sie erst mal auf zu rauchen, und dann sehen wir weiter«, versetzte sie trocken. »Lassen Sie Ihrem Körper Zeit.«

Ihre Ruhe kam mir entgegen. Schwanger werden war ein Projekt, das mir nicht unter den Nägeln brannte, aber es begann, mir Spaß zu machen. Ich lud ein Programm herunter, mit dem ich meine fruchtbaren Tage errechnen konnte, und beobachtete meinen Zyklus. Das Ganze hatte etwas Spielerisches.

Etwa drei Monate, nachdem ich die Pille abgesetzt hatte, traf ich Paul in Vancouver. Meine Airline hatte Toronto von ihrem Flugplan gestrichen, und Paul und ich hatten die drittgrößte Stadt Kanadas längst für uns entdeckt. Wir würden fünf Tage und Nächte zusammen sein, und ich freute mich auf das Wiedersehen. Bevor ich aufs Gate hinausging, rief ich ihn an. »Fünf fruchtbare Tage«, verkündete ich. Ich wusste genau, dass er mir zuzwinkerte. »Wann landest du? Ich bin da!«

Vancouver ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, als mit dem Fraser-Canyon-Goldrausch eine Welle von Einwanderern ins Land schwappte. Nachdem die transkontinentale Eisenbahn eingeweiht worden war, entwickelte sich die ehemals kleine Sägewerksstadt zu einer Metropole. Heute hat ihr die ansässige Filmindustrie den Namen »Hollywood North« eingebracht. Mich wundert es nicht, dass hier der Stoff gemacht wird, aus dem Träume sind. Vancouver hat eine ganz eigene Atmosphäre, und ich habe mich in dieser Stadt immer wohlgefühlt. Wenn du am Hafen stehst, brauchst du dich nur einmal um die eigene Achse zu drehen und schon hast du den Ozean und die hohen Berge der Westküste im Blick, türkisblau und granitgrau. Du bist in einer Großstadt, aber das spürst du gar nicht. Keine Hektik, kein Lärm. Nette, offene Leute. Eine breite Fußgängerzone statt der riesigen amerikanischen Shopping-Malls, in denen niemand danach fragt, ob Tag ist oder Nacht, und die mir immer fremd geblieben sind. In Vancouver ging es Paul und mir gut.

In diesen Tagen im August lockte uns der Charme der Stadt jedoch kaum aus unserem Doppelzimmer. Wir waren im Crew-Hotel abgestiegen, einem Sheraton im Flughafenkomplex, und verbrachten die meiste Zeit in den Laken. Unser Zimmer hatte Blick auf die Startbahn und es gefiel mir, dass ich sah, wie die Airbusse ihre Nasen hoben und in den Sonnenaufgang flogen, wenn ich morgens die Augen aufschlug. Ich weiß noch, dass unsere Gespräche stets um ein Thema kreisten. Im Grunde führten wir eine fünf Tage andauernde Unterhaltung, die nur unterbrochen wurde, wenn wir uns liebten.

»Willst du das wirklich?«, fragte ich Paul. »Ein Kind? Mit mir?«

»Ja! Und zwar nur mir dir, Anna.«

»Und du bist sicher, dass du ein Leben in Deutschland wagen willst?«

»Noch nie habe ich etwas mit größerer Sicherheit gewollt.«

In immer neuen Worten beteuerte er, ja, er wolle eine Familie, das sei alles, was er sich wünsche.

An einem Abend fuhren wir zum Essen mit dem Taxi in die Stadt zum Hafen. Wir saßen in einem modernen Pfahlbau – eine Art Glaskasten auf Holzpfeilern mitten im Wasser – und guckten solange ins Blaue, in das Blau des Himmels und der See, bis die Sonne im Meer versank und etwa zeitgleich unsere Steaks serviert wurden. Dann machten wir uns über unsere Teller her, als hätten wir seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen. Alles war gut, und das Leben machte uns Appetit auf mehr.

Am Tag meiner Abreise stand ich vorm Spiegel und verknotete das rotblaue Seidentuch meiner Fluggesellschaft, als Paul mich um die Taille fasste. »Komm, lass uns nachsetzen. Sicher ist sicher.«

Ich sah das Blitzen in seinen Augen und es gab nichts, was ich lieber getan hätte. Später habe ich oft darüber nachgedacht, wie leicht uns die Familienplanung fiel. Wir lachten oder liebten uns und manchmal auch beides zugleich. Wir waren so unbekümmert, als wären wir selbst noch Kinder.

Mats – Ein neues Leben

Zwei Wochen später ging es mir elend. Als meine Hausärztin den Rezeptblock zur Hand nahm, um mir etwas gegen Grippe zu verordnen, räumte ich ein, ich könne schwanger sein. »Das sollten Sie erst mal abklären«, riet sie mir mit einem Blick über den Brillenrand. »So kann ich Ihnen nichts verschreiben.«

Ich fühlte mich ertappt, wie ein kleines Mädchen, das seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Unverrichteter Dinge trabte ich aus der Tür und zwei Stockwerke tiefer in die Apotheke, die im selben Gebäude untergebracht war. Es schien, als hätte mir schon der Gedanke an eine mögliche Schwangerschaft völlig den Kopf verrückt.

Zu Hause hockte ich auf dem hölzernen Badezimmerschemel und hielt immer wieder den Teststreifen gegen das Licht. War das das Ergebnis, auf das ich gehofft hatte? Worauf hatte ich überhaupt gehofft?

In meiner Verwirrung rief ich Lena an. Ihre Mutter arbeitete als Apothekerin und hatte uns, seit ich denken konnte, mit ihrem medizinischen Wissen zur Seite gestanden. »Fragst du sie mal, was sie meint? Und wie sicher solche Tests sind?« Mit leerem Kopf blieb ich neben dem Telefon sitzen, die Hand auf dem Hörer, bis es wieder klingelte. »Is nich dein Ernst, oder?« In der Aufregung klang Lena wie ein Dortmunder Urgestein. »Ich dachte, du wolltest dir Zeit lassen?«

Ich holte Test Nummer zwei und drei aus meiner Handtasche und verzog mich wieder ins Badezimmer. Ich musste sichergehen. Zehn Minuten später gab es keine Fragen mehr. Kaum hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, war ich bereits schwanger. Das war fast ein bisschen schnell gegangen. Mit weichen Knien textete ich Paul: Skypen?

Wie ein mickriges Sträußchen hielt ich die drei Teststreifen in die Kamera, als Paul am Bildschirm auftauchte. Er strahlte. »Ich liebe dich!«, rief er, und mir ging das Herz auf. War das eine Freudenträne in seinem Augenwinkel? Als ich sah, wie glücklich ich ihn gemacht hatte, verblassten meine Zweifel. Uns trennten Kontinente, und er saß in einer kanadischen Kleinstadt auf einer Couch im Hobbykeller seines Elternhauses, das er auch mit Mitte zwanzig noch bewohnte, aber er war mein Geliebter, und er würde mein Mann sein, der Vater meiner Kinder.

Wenige Wochen später war ich auf einen Flug nach Vancouver gebucht. Ich wusste, dass man im Anfangsstadium einer Schwangerschaft nicht fliegen sollte, und bat daher meine Frauenärztin um Rat. Sie wollte mir den Flug zwar nicht verbieten, aber meine Reisepläne missfielen ihr. »Unterrichten Sie Ihren Arbeitgeber von der Schwangerschaft, und arbeiten Sie von nun an am Boden«, riet sie mir. »Das ist sicherer.«

Als der Vorabend des ursprünglichen Reisedatums gekommen war, lag ich im Bett und telefonierte mit Paul. Enttäuscht hatte ich ihm gleich nach dem Besuch bei der Frauenärztin erklärt, dass ich kein Risiko eingehen wolle.

»Was machst du morgen früh?«, fragte er unschuldig.

»Ausschlafen?«, bot ich an.

»Wirklich?« Jetzt klang er enttäuscht. »Möchtest du nicht lieber zeitig aufstehen und um sechs Uhr am Flughafen auf einen Überraschungsgast warten?«

Was für eine Frage …