Menschheitsdämmerung - Oscar A. H. Schmitz - ebook

Menschheitsdämmerung ebook

Oscar A. H. Schmitz

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Mit diesem Band veröffentlichte der Münchner Gesellschaftsschriftsteller erstmals einen Band voller märchenhafter Geschichten. Inhalt: Das rasende Einhorn Die Verdammnis der Welt Zweierlei Herrschaft Der Mensch in der Kugel Herr von Hiergeist hat einen Gast Heimliche Geschichte Der Traum des Kommandeurs

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Menschheitsdämmerung

Oscar A. H. Schmitz

Inhalt:

Oscar Adolf Hermann Schmitz – Biografie und Bibliografie

Menschheitsdämmerung

Das rasende Einhorn

Die Verdammnis der Welt

Zweierlei Herrschaft

Der Mensch in der Kugel

Herr von Hiergeist hat einen Gast

Heimliche Geschichte

Der Traum des Kommandeurs

Oscar Adolf Hermann Schmitz – Biografie und Bibliografie

Deutscher Bohéme-Schriftsteller, auch bekannt als  Oscar A. H. Schmitz, geboren am 16. April 1873 in Bad Homburg vor der Höhe, Hessen, verstorben am 17. Dezember 1931 in Frankfurt am Main. Schulische Ausbildung am Städtischen Gymnasium in Frankfurt, das Abitur legte er allerdings am Philippinum in Weilburg ab. Studierte anschließend u.a. Jura, Philosophie und Kunstgeschichte in Heidelberg, Leipzig, München und Berlin. Ab 1894 lebte er in München. Brach 1895 sein Studium ab und widmete sich, dank guter finanzieller Ausstattung durch den Tod seines Vaters, dem Reisen und Schreiben. In München geht er auf im Leben der Bohème in Schwabing und interessiert sich immer mehr für esoterische Themen, aber auch Satanismus und Sadismus. Auch kommt er in Kontakt mit Drogen. Immer wieder zieht es ihn auch auf Reisen durch ganz Europa, Teile von Afrika und Russland. Die letzten Jahre seines Lebens interessiert er sich auch zunehmend für Psychologie und Psychoanalyse. Er stirbt an einer Leberkrankheit.

Wichtige Werke:

Orpheus,1899Haschisch, 1902Der weiße Elefant, 1902Halbmaske, 1903Der Herr des Lebens, 1905Don Juanito, 1908Brevier für Weltleute, 1911Wenn wir Frauen erwachen, 1912Der hysterische Mann, 1914Die Kunst der Politik, 1914Das wirkliche Deutschland: Die Wiedergeburt durch den Krieg, 1915Ein deutscher Don Juan, 1917Menschheitsdämmerung, 1918Das rätselhafte Deutschland, 1920
Menschheitsdämmerung, O. Schmitz
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN: 9783849635473
www.jazzybee-verlag.de
www.facebook.com/jazzybeeverlag

Ein Tier- und Göttermärchen

»Der Mensch ist etwas, das »überwunden werden soll!«Nietzsche, Also sprach Zarathustra.

1. Kapitel.

Mein Besuch im Tierstaat.

Mein Schulkamerad Bernhard Postel zeichnete sich schon in früher Kindheit durch ein auffallendes Einsamkeitsbedürfnis aus. Nicht eigentlich kränklich, war er doch ziemlich zart gebaut; seine Muskeln hätten ihn gewiß nicht im Handgemenge mit den Anderen geschützt, indessen tat dies der Blick seiner dunkelbraunen Augen, die nicht ganz wagrecht zueinander standen, sondern sich nach den Schläfen etwas erhoben. Dies gab dem blassen, seinen Gesicht etwas Mongolisches. Das Eigentümlichste dieser Augen aber war, daß sie immer weit offen waren, gleichwie die Augen der Götter niemals von den Lidern bedeckt zu werden schienen. Unbefangene Burschen, die sich ihm zum erstenmal dackelhaft näherten, schreckten plötzlich vor diesen Augen zusammen und zogen sich mit jenem rätselhaft verlegenen Ausdruck zurück, den man bei Hunden bemerkt, wenn man ihnen ein Trinkglas vorhält. Zu unliebsamen Vorfällen kam es indessen niemals. Ich kann mich nicht erinnern, daß Postel je mit seinen Mitschülern oder Lehrern einen heftigen Auftritt gehabt hätte. Auch seine Erzieher wußte er in Abstand zu halten. In seinen Leistungen gehörte er zum besseren Durchschnitt. Besondere Neigung zeigte er nur für Erd-, Tier- und Pflanzenkunde, aber gar nicht für Physik und Chemie, die in den höheren Klassen die eigentliche Naturkunde ablösten. Manche wollten wissen, daß er zuhause Aquarien und Terrarien, ausgestopfte sowie lebende Tiere, unter diesen einen Storch, eine Eule und eine Fischotter besaß, die ihm wie ein Hund folgte. Er ließ aber niemand etwas davon sehen. So ging er geräuschlos durch das Gymnasium, weder geliebt, noch gehaßt, auch nicht gerade gefürchtet, nur etwas gescheut. Die Kameraden wurden sich nicht einmal seiner Seltsamkeit bewußt. Erst als ich im späteren Leben mit Einzelnen wieder zusammentraf und man die früheren Genossen im Gedächtnis wieder auftauchen ließ, da fragte man sich auch, was wohl aus dem Postel geworden sein möge, und stellte zum erstenmal fest, was er doch für ein sonderbarer Kauz gewesen war. Niemand wußte etwas von ihm, man konnte sich ihn in keinem der üblichen Berufe recht vorstellen. Nach der Abgangsprüfung war er plötzlich verschwunden, man wollte sich erinnern: ins Ausland; die unvermählte, steinalte Tante, bei welcher der Elternlose gelebt hatte, war kurz darauf gestorben.

Etwa 20 Jahre nach Postels Verschwinden pflegte ich die Sommerzeit in einem einsamen Alpental zu verbringen, wo ich im Haus des Bezirkstierarztes Grödling Unterkunft fand. An den seltenen Abenden, wo der alte Grödling gesprächig war, konnte man sich keinen besseren Gesellschafter denken, denn er hatte in seiner Jugend als Zoologe mehrere Weltreisen gemacht und sich erst nachträglich infolge eines Vermögensverlustes der Tierheilkunde gewidmet. Er kam meist spät, nachdem die Familie das Nachtmahl längst eingenommen hatte, von seinen Gängen nach den fernen Bauernhöfen zurück, setzte sich schweigend an den gebohnten Tisch in der niedrigen Stube und ließ sich von seiner vielgeschäftigen Frau das Essen auftragen. Oft beobachtete ich ihn heimlich von der Ecke aus, wo ich meist mit einem alten Bauernkalender saß. Er war ein langer, völlig fettloser Mensch in gamsledernen Kniehosen, die er wohl schon über ein Jahrzehnt trug, und einem grauen Janker, in dessen weit abstehenden Taschen er meist dunkles Kornbrot und Päckchen mit Tabak trug. Oft sah ich ihn auch in der Abenddämmerung auf seinen dünnen, aber sehnigen halbnackten Beinen unbeweglich im Garten zwischen den bunten Blumen des Phlox und des Türkenbunds bei einem kleinen Weiher stehen, wie ein Stelzvogel, der am Rand eines Sumpfs mit seinem langen Hals nach Nahrung späht. Er war übrigens ein leidenschaftlicher Fischer. In dem rotverwitterten Gesicht hatte er ein paar schlecht vernarbte Schmisse, die grauen Schnurrbartenden hingen, lang gezogen, etwas nach abwärts. Seine Augen waren grau und kühl, das Haupthaar sehr spärlich und wie Asche, die Glatze, besonders der Hinterkopf blutrot. Nach dem Nachtmahl zündete er stets seine kurze Pfeife an und starrte ins Leere. Er sprach meist unverfälscht die Bauernmundart; nur fügte dieser alte Zugvogel gern in Erinnerung an seine Reisen, wenn die Frau oder eine Magd mit einer Frage hereinkam, in seine kurzen Antworten eine fremdländische Anrede ein, wie z. B.: »Dees kannst macha wie D'wüllst, Señora« oder »Kannst ma noch an Most bringa, darling.« Auch liebte er es, die Mägde Juli und Moidl Giulietta und Marietta zu nennen. Manchmal sprach er den ganzen Abend kein Wort, aber wenn er hie und da nach einer Stunde des in die Luft Starrens und Tabakqualmens plötzlich anfing: »Sie, in Brasilien, da wackelts« oder »da hab' i halt lach'n missa, in Shangai, da hat an deitscher Angestellter ...«, da wußte ich, daß er heute seine gesellige Anwandlung hatte. Bald saß ich dann bei ihm am Tisch, die Giulietta oder die Marietta brachte auch mir einen Most, ich lauschte der fesselnden Erzählerkunst des Alten, und er genoß die seltene Gelegenheit, einen Zuhörer zu haben, der ihn ganz zu würdigen verstand.

Ich befand mich schon den dritten Sommer in dem Haus. Öfters hatte mir der alte Grödling von einem in der Nähe befindlichen großen Anwesen erzählt, einem alten Bauernschloß, wie sie sich in der Gegend noch häufig aus der Zeit der Religionskriege finden. Ich hatte den burgartigen, mit mehreren Türmchen geschmückten Bau öfters inmitten von Wäldern liegen sehen und von dem Tierarzt erfahren, daß er von einem Sonderling bewohnt sei, der jeden Menschen meide, dafür aber ein um so größerer Tierfreund sei. Er habe ihn einmal vor vielen Jahren irgendwo in Texas kennen gelernt, und ihre zoologischen Neigungen hätten sie zusammengeführt. »Der Mensch woaß ja gar nöt, was a Viech is'« rief der Alte, »aber mir zwoa, der un' ich, mir wissa's, mir wissa's mir zwoa, der un' ich. I sog' Eahna, a Viech is' iberhaupt gor ka Viech, viel eher is' der Mensch a Viech.« Als jener Fremde erfahren hatte, daß Grödling Bezirkstierarzt geworden war, beschloß er, sich mit seinem inzwischen in allen Ländern zusammengekauften Tierpark in dessen Nähe niederzulassen, weil so leicht kein anderer Tierarzt zu finden war, der auch von dem ausländischen »Viehzeug« was verstand. Grödling hatte ihm jenes Bauernschloß ausfindig gemacht. Dort hauste er nun seit fast einem Jahrzehnt mit seinen Tieren. Außer Grödling betrat keine Menschenseele, nicht einmal eine Magd, sein Reich. »Ja, wer hält ihm denn das Anwesen in Stand?« fragte ich. »Das ist eben das Geheimnis, mon cher!« sagte der Alte bedeutungsvoll und starrte mich mit seinen kalten Augen an. Ich hatte nie gewagt, weiter zu fragen, freute mich aber jedesmal, wenn Grödling von selbst auf jenen Fremden zu sprechen kam. Ich war, wie gesagt, schon den dritten Sommer im Haus, als der Tierarzt zum erstenmal den Namen des Fremden erwähnte: Postel. »Vielleicht Bernhard Postel?« fragte ich erstaunt. »Jo, ganz recht, ibrigens glaub i, a Landsmann von Eahna.« Es war, als habe mir Grödling dies bisher nur zufällig, ohne Absicht verschwiegen. Leicht stellte ich nun fest, daß jener Fremde niemand anders als mein Schulkamerad Bernhard Postel sein konnte. »Grüßen Sie ihn einmal von mir!« sagte ich beim gutenachtsagen, »ich bin doch gespannt, ob er sich meiner noch erinnert.« Nach einigen Tagen lag bei meiner Frühstückstasse ein Brief, den, wie die Moidl sagte, der Tierarzt am Abend spät mitgebracht hatte. Die Schrift war ohne jeden eigentümlichen Charakter, fast eine flotte Kaufmannsschrift. Das Schreiben rührte von Postel her und lautete folgendermaßen: »Mein lieber, alter Freund, zwar hatte ich geglaubt, ich würde bis zu meinem Tod keinem Menschen außer Grödling mehr ins Auge sehen, aber als ich heute von ihm erfuhr, daß schon im dritten Sommer hier in der Nähe gerade der Einzige meiner Mitschüler lebt, den ich nicht verabscheut habe, so sah ich darin doch einen Schicksalswink. Du mußt nämlich wissen, daß mein, Dir wohl noch von der Schule her erinnerlicher Menschenhaß im Grunde gar kein Menschenhaß, sondern nur ein versteckter Hundehaß ist. Ich hasse die Menschen nur darum, weil sie so hündisch sind; gegen den Menschen an sich habe ich nichts, falls er anderen Tieren als Hunden gleicht, und irgend einem Tier gleicht jeder Mensch. Ich habe mich sogar hie und da auf meinen Reisen mit solchen etwas befreundet, hinter deren Menschenmaske ich den Papagei, das Lama oder den Bärenspinner erkannte; bei weitem die meisten Menschen aber sind und bleiben geheime Hunde, selbst die scheinbaren Schweine sind oft Hunde – Schweinehunde. In unserer Schulklasse waren nun unglücklicherweise nur Dackel; ich erinnere an Moosleitner, Sperl, Kreutzer, Kohn, von Röder, Leschitzky und wie sie alle hießen. Nur Du, mein Lieber, bist ein Dachs, das hat Dich mir immer sympathisch gemacht. Ich konnte es Dir natürlich nicht sagen, denn damals wärest Du beleidigt gewesen, und Du hättest Dich verwahrt, Du seist kein Dachs. Du bist aber doch einer, wozu da unnötige Verstellung? Heute, da Dich das Leben wohl auch reif und einsichtig gemacht hat, wirst Du das verstehen, denn das Dachshafte ist, wie mir mein Freund Grödling sagte, der selber ein Kranich ist, bei Dir so sieghaft durchgedrungen, daß Du wohl auch gegen die äußere Feststellung, – eine reine Formsache – nichts mehr einzuwenden haben wirst, zumal der Dachs kein streitbares und unaufrichtiges, wenn auch, in seiner Ruhe gestört, ein etwas bissiges Tier ist, sondern sich (im Gegensatz zum Hund) ruhig zu dem bekennt, was er ist. Ich entsinne mich noch ganz gut, daß auch Du kein großer Hundefreund warst, im Gegensatz zu allen unseren Kameraden. Wie sollte auch ein Dachs die Dackel lieben, die seinen einsamen Bau umlauern, bis sie ihn verbellen können. Ich sehe im Hund und dem Menschen nur einen Gradunterschied in der Fähigkeit etwas zu scheinen, was man nicht ist. Dem Menschen gelingt dieser Selbstbetrug weit besser, aber der Hund, dieser Freund des Menschen (statt des Hundes), dieser Verräter an der Tierwelt, versucht mit seiner verständnisheuchelnden Grimasse ganz dasselbe und zwar noch grundsätzlicher, nur ungeschickter (daher das viele Leute Rührende in seiner Art). Ich hingegen verlange kein Verständnis und finde jeden Versuch mich zu verstehen aufdringlich-hündisch. Ich lebe vielmehr voll befriedigt in der bunten Mannigfaltigkeit meines tierischen Haushalts, wo jeder an seinem Platze ist und genau das erfüllt, was seinem Wesen entspricht. Ebenso fern wie sentimentales Sichverstehenwollen ist uns völlig in sich selbst Zufriedenen alles, was an »Dressur« erinnert. Meine Löwen, Luchse, Rehe, Marabus, Bienen und Schildkröten sind alle nicht dressiert, und doch füllt jeder ein wichtiges Amt aus, weil ich jeden in Ruhe gerade das tun lasse, wozu er geschaffen ist, was die Menschen so gerne möchten, aber nie vermögen, da ja unter Tausenden von Menschen nicht Einer in seinem ganzen Leben dahinter kommt, wozu er eigentlich geschaffen ist. Die menschliche Freiheit beruht darauf, daß jeder auch das tun kann, ja oft mit Vorliebe tut, was ihn eigentlich gar nichts angeht. Die bei uns herrschende Freiheit jedoch beruht darauf, daß jeder nur das tut, was er wirklich kann und was ihn darum glücklich macht. So ist unsere höchste Freiheit tiefste Wesensgebundenheit. Wir sind daher unfrei zum Unehrlich- und darum Unglücklichsein. So werden auch wilde Tiere umgänglich und ungefährlich. Ich habe nämlich folgendes psychologische Gesetz bei ihnen entdeckt: gefährlich und bösartig sind sie nur, falls ein Wesenstrieb in ihnen gehemmt wird und sich nun durch doppelte Wucht übertreiben muß. Nur die Dichter haben bisher anerkannt, daß z. B. der Löwe der König der Tiere ist, die Tiere jedoch bestreiten ihm das in der Natur allenthalben. Ich habe nun den Löwen wirklich zum König gemacht und die Tiere durch eine Verfassung und den Bürgereid zu seiner Anerkennung gezwungen. Was ist die Folge? Der Löwe hat aufgehört ein reißendes Tier zu sein und ist ganz König. Der Wolf verschlingt keine Lämmer mehr, sondern nährt sich, seinem berechtigten Hunger entsprechend, seitdem ich ihn zum Metzger gemacht habe. Die Hyäne übertreibt sich nicht mehr selbst, indem sie Leichen frißt, da ihr der ihren Neigungen entsprechende Totengräberdienst widerspruchslos vorbehalten ist. So habe ich alle Tiere zufrieden gemacht und zu einer von den Menschen noch nicht erreichten ›Menschlichkeit‹ entwickelt.

Zum Schlusse nun, mein lieber Dachs, die höfliche Einladung, uns recht bald einmal zu besuchen und Dich von dem Gesagten selbst zu überzeugen. Ein Bau, wie er Deiner Natur entspricht, steht jederzeit für Dich bereit.«

Daß mich dieser Brief erstaunte, wird man leicht begreifen, doch setzte mich, der ich in meinem Leben viele sonderbare Menschen gekannt hatte, noch mehr als Postels eigene Seltsamkeit der überraschende Scharfblick in Verwunderung, mit dem Postel mich, den bisher nie ganz über sich selbst klar Gewesenen als Dachs erkannte. Ohne meine Person mehr als nötig in den Vordergrund dieser Geschichte drängen zu wollen, muß ich doch so viel von mir sagen, daß ich ein kleiner, rundlicher Mensch mit kurzem braunem Kraushaar und unbedeutendem, doch keineswegs dummen Gesichtsausdruck bin. Mein Gang ist etwas plump, da ich fast mit dem ganzen Fuß auftrete. Meine Gleichgültigkeit gegen alles das, was den meisten Menschen erstrebenswert erscheint, ist so groß, daß ich heute mit 45 Jahren fast wunschlos bin, da ich nämlich alles das habe, was ich brauche: jederzeit eine bescheidene Stätte, wohin ich mich zurückziehen kann, und die ungehemmte Freiheit, mich zu begeben, wohin ich will. Ich muß gestehen, daß ich bei Tag leicht ein wenig träge und mürrisch werde und gern schlafe. Ich gehe lieber in der Dämmerung als mittags aus, außer wenn die Sonne scheint, in deren Schein ich mich gern wärme. Arbeit ist mir in der Seele verhaßt, hingegen bin ich ein tiefer Denker. Sonst habe ich keine hervorstechenden Eigenschaften außer einem die Grenze der Schamlosigkeit erreichenden Trieb zur Selbsterkenntnis, der aber bisher volle Befriedigung noch nicht erreicht hatte. Die Behauptung, daß in jedem Menschen ein Tier verborgen sei und sich dem tieferen Blick leicht offenbare, habe ich öfters aufstellen hören. Was ich indessen selbst für ein Tier bin, hatte ich bisher durchaus nicht herausbekommen können, nur so viel wußte ich: weder ein Tiger noch eine Giraffe, und nun wurde mir plötzlich überzeugend klar, daß Postel recht hatte: ich bin insgeheim ein Dachs, und dieser Gedanke brachte für mich etwas geradezu befreiendes. Ich ließ mir von Grödling Brehms Tierleben geben und schlug auf: »Der Dachs, meles taxus«. Recht angenehm berührte mich zunächst das Bild jenes gemütlichen, zur Fettleibigkeit neigenden, einsam lebenden Tieres. Mit Genugtuung stellte ich fest, daß es, wenn auch überall, doch selten vorkommt, und mitten in seinem Bau einen behaglichen, mit Blättern gepolsterten Raum habe: »der Kessel« geheißen. Das Fleisch hieß es, sei eßbar und werde in China häufig auf Märkten feilgeboten, es schmecke etwas süßlich; nun meinetwegen. Innerlich jubelte ich, weil ich nun genau wußte was ich bin; freilich machte ich keine Luftsprünge, denn das ist nicht Dachsenart, aber ich mummelte mich Abends beim Schlafengehen mit besonderer Lust in die Decken, als gelte es, den Winterschlaf zu beginnen, zumal der Abend schon verfrüht herbstlich war. Daß ich in den nächsten Tagen mit dem alten Grödling meinen Freund Postel besuchen würde, war bereits ausgemacht. Der Bezirkstierarzt hatte ohnehin dort zu tun, da die Frau des Postelschen Ökonomierats Kieselhäuser zur Zeit trächtig sei und demnächst ein »Kaibi« erwarte. Ich gestehe, daß mich diese Ausdrucksweise seltsam berührte. Sie kam mir ein bißchen roh vor.

Postels Anwesen hatte die denkbar glücklichste Lage. Das Schlößchen befand sich in einem gegen Süden weit offenen Tal, das nach den drei anderen Himmelsrichtungen durch schroffe, jeden Wind abhaltende Bergwände geschützt war. Die Schroffheit reichte aber nicht bis hinab in die Talsohle. Vielmehr stieg diese nach allen Richtungen sehr sanft aufwärts, so daß die sonnenreichen Abhänge Raum boten für üppige Garten- und Baumpflanzungen. Hier blühte – wie auf einer Oase in rauher Wüste – die Mandel und reifte die Maulbeere, die Nuß und die Kastanie. Über dieser Zone halbsüdlicher Gewächse erhob sich erst Laubwald, dann tiefschwarzer Nadelwald. In allen Winkeln sah man heimliche Holzbrücken über felsige oder begrünte Schlüfte und Schründe führen. Erst oberhalb dieser Zone wuchsen nur noch zähe Alpenpflanzen, wie Almrausch und Wacholder, und darüber ragte fast gewächslose, nur von harten kümmerlichen Stauden unterbrochene Hochgebirgsöde. Dies alles bildete Postels Tierpark. Schon von weitem gewahrte man zwischen dem Grün allerlei Häuschen, Tempelchen und Kioske, auch seltsame Laute drangen einem entgegen, darüber kreisten dauernd Raubvögel in majestätischem Flug.

Es war ein trüber warmer Nachmittag, den wir zu unserem Besuch wählten. Ein schwüler Föhnwind fuhr einem wie mit feuchtem Rüssel um Wangen und Hals. Wir läuteten an dem schmiedeeisernen Tor der Umhegung. Ein freundlicher alter Bär, einem alten Leibeigenen gleichend, kam mit einem großen Schlüsselbund aus dem Pförtnerhäuschen und schloß auf. »Grüß Gott, Iwan« sagte Grödling wie ein alter Bekannter, »ist der Herr zu sprechen?« »Ist zu sprechen« antwortete Iwan mit leicht russischem Tonfall, sich verneigend und die Vorderpfoten über der Brust kreuzend. »Was machen deine Bienen?« fuhr Grödling fort. »Machen gut, Barin, machen gut«, antwortete der Bär. »Der Iwan is nämlich an vorzieglicher Bienenzüchter« erklärte Grödling. Iwan lachte vergnügt in sich hinein. Hinter dem Häuschen gewahrte ich in der Tat eine kleine Stadt von bunten Bienenhäuschen, wo sich Iwans behäbige Gattin, Maruschka, und seine beiden Kinder Kyrill Iwanowitsch sowie Eupraxia Iwanowna zu schaffen machten. Alle drei hatten den Oberkörper mit sackartigen Masken bedeckt, so daß man nur ein stattliches und zwei zierlichere Bärenhinterteile sah. Grödling klärte mich auf, daß diese Bienen sehr nützlich seien, da sie gewisse Geschwüre kunstvoll aufstechen und ihr Gift als heilendes Gegengift hineinträufeln lassen. Gerade sah ich, wie eine Eselin schon gesetzten Alters – wie Grödling erklärte: die Frau des derzeitigen Müllers (im Postelschen Verpflegungsdienst) – trübselig herantrabte, sich einem Bienenstock näherte, mit der rechten Vorderhufe ein buntes Sacktuch von ihrer geschwollenen Kinnbacke löste und sie geduldig hinhielt. Sofort ließen sich einige Arbeitsbienen darauf nieder. Frau Hinterhuber – denn so hieß die Eselin – schrie einen Augenblick erschütternd auf, aber dann sah man auf ihrem gutartigen Antlitz gleich den Ausdruck einer gewissen Erleichterung.

Wir gingen durch einen dämmerigen Laubgang. Auf einem Tritt stand, mit einer Baumschere hantierend, ein Bock, der Gärtner Seidel, der durch Tüchtigkeit und guten Geschmack das dumme Menschensprichwort vom Bock als Gärtner Lügen zu strafen sich mit Erfolg bemühte.

Postel bewohnte das Schloß schon lange nicht mehr selbst. Sein Wohnhaus war vielmehr eine Art indisches Bungalow, bescheiden aus braunem Holz gebaut mit ringsherumlaufenden Galerien um beide Stockwerke. Auf der Seitenfront standen gerade zwei Giraffen, die etwas am Dach ausbesserten. Vor der Tür krochen uns einige Igel entgegen, an deren Stacheln wir die Sohlen abstreiften. Ein zierliches Reh mit hellblauem Schleifchen ums linke Ohr öffnete die Tür und nahm uns mit Unschuldsmiene Hüte und Mäntel ab.

»Grüß Gott, Herr Rendant«, redete Grödling einen Fuchs an, der, eine dunkelgrüne Tuchmütze auf dem Kopf und einen Zwicker vorn auf der Nase, eben aus der Tür trat, den Arm voll von Hobelspänen, die seine zierliche Hand mit Notizen dicht bedeckt hatte. »Ach, habe die Ehre, Herr von Grödling, habe die Ehre« antwortete der Rendant Reinhardt mit gut gespielter Biederkeit in seinem listig lachenden Gesicht, und seine stechenden Augen blinzelten über den Zwicker hinaus. Wir wurden uns kurz vorgestellt. Grödling und der Rendant kamen sofort in ein Gespräch über Äcker, Pachten und Anwälte, einige der beschriebenen Holzspäne wurden als Belege hervorgezogen. Es schien ein ungemein geschickter Rendant zu sein. »Und unsere Patientin?« fragte Grödling. »Ach, eine unbezahlbare Geschichte«, sagte der Rendant lachend. »Sie werden sie ja sehen, die ehrsame Matrone, halb verlegen und halb stolz.« »Und der Ökonomierat?« »Der ist nur stolz, nichts als stolz«, erwiderte der Rendant mit spöttischem Kichern. In diesem Augenblick hörte man in der dämmerigen Ecke den Fernsprecher läuten. Ich hatte dort schon die ganze Zeit zwei dunkle rotbraune Tiere ihre Wesen treiben sehen und sie für Katzen gehalten, wenn mich auch die hohen Beine und die gestutzten Schwänze etwas irre machten. Nun sprang eines vom Apparat herunter – es war ein flinker Luchs mit gespitzten Ohren – und meldete dem Rendanten, daß man ihn in der Melcherei verlange. Während der Rendant an den Fernsprecher ging und mit unliebenswürdiger Stimme rief: »Nun ja doch ... hab' ich doch immer gesagt – – ewig dieselbe Schlamperei ...« erklärte mir Grödling, daß der Ökonomierat Kieselhäuser ein alter Ochse sei, der mit seiner Frau, einer scheckigen, etwas feisten Kuh, seit langem in friedlicher, wenn auch kinderloser Ehe lebte. Nun sei zu Ostern sein Neffe Karlchen, ein Student der reinen Philosophie, aus Halle auf Besuch dagewesen, ein junger Stier, der oft stundenlang mit verträumtem Antlitz auf einem Fleck auf der Weide stand; nachdem er vierzehn Tage lang fast kein Wort gesprochen, sei er zur Freude des Ökonomierats wieder abgereist. Im Sommer aber flüsterte Frau Kieselhäuser ihrem Gatten ein süßes Geheimnis in's Ohr. Dieser sei übrigens der Einzige, der den Zustand seiner Frau nicht mit jenem Osterbesuch des jungen Studenten in Verbindung bringe. – Inzwischen war der Rendant vom Fernsprecher zurückgekommen. Er führte uns über die schmale Holztreppe in ein teppichverhängtes Gemach, wo auf einem niederen Ruhebett, mit einer Wasserpfeife beschäftigt, mein Freund Postel lag, noch ebenso schlank und feingliedrig wie als Gymnasiast. Er trug einen persischen Schlafrock, in den bunte Vögel von blassen Farben eingewebt waren. Sein bleiches, noch immer knabenhaftes Antlitz trug er glattrasiert, das dünne Haar war ziemlich grau geworden. Er begrüßte mich mit liebenswürdiger Selbstverständlichkeit, als hätten wir uns nur eine Woche nicht gesehen. »Natürlich bleibt ihr über Nacht« sagte er und läutete zweimal. Das Reh mit dem blauen Bändchen im Haar erschien. »Wetti, für die beiden Herren die Zimmer richten.« »Ja, Exzellenz,« erwiderte Wetti und verschwand, wiederum einen angenehmen Eindruck zurücklassend. »Exzellenz?« fragte ich verwundert. »Nun als Minister Sr. Majestät« lächelte Postel, »du wirst später hören.« Der Rendant empfahl sich, da er an die Firma Hagenbeck in Hamburg zu schreiben hatte, mit der er dauernd wegen neuer Tierlieferungen in Verbindung stand.

Nachdem ich mit Postel einige Schulerinnerungen aufgefrischt hatte, erhob sich Grödling. Sein Pflichtgefühl ließ ihm keine Ruhe, und so wurde beschlossen, daß wir zusammen der Ökonomierätin einen Besuch machten. Als Postel aufstand, zog er hinter dem Rücken zwei saubere Kaninchen an den Löffeln hervor und stopfte sie zwischen die Kissen. Diese Tiere dienten ihm als Bettflaschen, da er öfters an Nervenschmerzen litt. Der warme Rücken ihres Herrn unter dem Schlafrock war ihr Lieblingsplätzchen, und sie ließen sich nur ungern von dort entfernen. Grimmig stellten sie sich auf die Hinterpfoten und rissen die kleinen Mäuler auf. Ein Blick Postels aber ließ sie sofort zahm in die Kissen zurücksinken. Während dieser im Nebenzimmer den persischen Schlafrock mit einer kurzen Jacke vertauschte, flüsterte mir Grödling mit einer bezeichnenden Handbewegung an die Stirn zu, Postel sei ein schwerer Neurastheniker und bilde sich allerlei Krankheiten ein.

Wir umschritten den das Haus umgebenden parkartigen Garten und kamen zu den Wirtschaftsgebäuden. Da war z. B. die Schlächterei, vor der gerade der Meister, ein etwas unsauberer Wolf mit schon ergrautem wie von Motten zerfressenem Fell, damit beschäftigt war, mit jüngeren Gesellen Viertel von Rindern und Kälbern von den Haken zu nehmen. »Also manche Tiere werden auch gegessen?« fragte ich etwas verwundert. »Nicht von mir« sagte Postel, »ich lebe nur von pflanzlicher Nahrung, aber unter den Bürgern sind manche, die tierische Kost brauchen. Übrigens sind wir hier gar nicht sentimental. Wir schlachten, stechen und jagen, wie überall; nur einzelne Tiere sind lebenslänglich enthoben, so z. B. unser verehrter Ökonomierat.« Wir waren inzwischen vor dessen Häuschen angekommen. Er saß im Erdgeschoß am Fenster, den derben Ochsenkopf breit herausgelehnt, in eine alte Zeitung aus seiner Jugend vertieft. Als er sich nennen hörte, erhob er seine gutmütigen Augen und lachte laut. Er nahm die lange Pfeife aus dem Maul und rief: »Ja, aber was is denn jetzt dees, der Herr von Postel und der Herr von Grödling!« Auch ich wurde freundlich willkommen geheißen, dann traten wir ein. Die niedrige Stube mit ihren gehäkelten Sofa- und Sesselschonern und gestickten Deckchen verrieten den peinlichen Ordnungssinn eines wohlsituierten Ehepaares in mittlerer gesellschaftlicher Stellung. Von den Wänden begrüßten gestickte Sprüche den Beschauer, wie z. B.

»Ein Haus und Herd sind Goldes wert.«

Grödling fragte gleich nach dem Befinden der Frau Rat. »Halt den Umständen entsprechend ... Sie wissen ja, wie die Weiber in solchen Fällen sind« antwortete der hocherfreute Gatte, sichtlich geschmeichelt, »heut' früh wollt' sie mit ihrem Salat durchaus an Laubfrosch verschlucken.« »Nur alles gestatten Herr Rat«, sagte Grödling, »nur alles gestatten, dann gibt's a feistes Kaibi.« Wir traten ins Nebenzimmer. Die Frau Rat saß breit und buntscheckig auf dem schwarzen Ledersofa, neben ihr die Müllersfrau, Frau Hinterhuber, deren Wange inzwischen schon beträchtlich abgeschwollen war. Sie selbst war zwölfmal niedergekommen in ihrem Leben und erzählte eben ihrer bang lauschenden Gevatterin der Reihe nach jeden einzelnen Fall in aller Breite. Sie war gerade bei dem neunten Mal angekommen, als die Herren eintraten. Dieses sachliche Gespräch ging nun sofort in eine mehr sanft über die Dinge gleitende Plauderei über. Der Ökonomierat erzählte manches wissenswerte aus vergangener Zeit, was er gerade in seiner alten Zeitung gelesen hatte, so z. B., daß der Kaiser Maximilian von Mexiko erschossen worden sei, was ihrerseits Frau Hinterhuber für unmöglich hielt. Aber der Ökonomierat bewies es schwarz auf weiß. Er wollte uns gar nicht mehr fortlassen. Wir mußten noch, jeder mit einer Lupe versehen, seine Marken- und Käfersammlung anschauen, die ihm ein junger Hase in seinen Freistunden für ein weniges in Ordnung hielt. »Jeder, der eßbar ist, sucht sich halt nützlich zu machen, um enthoben zu werden« erklärte mir Grödling kichernd ins Ohr. Dann veranlaßte er noch die Frau Rat, ihm ihre breite Zunge zu zeigen, was sie aus Geschämigkeit durchaus nicht tun wollte. Ich ging taktvoll ins Nebenzimmer; dann beklopfte er ihr, wie ich durch die Tür wahrnahm, die Euter und äußerte seine hohe Befriedigung. Dem Ökonomierat versicherte er, daß die bereits verständigte Hebamme, das Pelikanweibchen Creszenz durchaus zuverlässig sei. Als wir uns wieder draußen befanden, erklärte Grödling offen, er habe nun Hunger, aber Postel meinte, der Anstand erfordere, vor dem Essen noch mit dem Gast einen wenn auch kurzen Besuch bei Sr. Majestät zu machen. »Aber da bitte mich zu entschuldigen« wandte Grödling sehr entschieden ein, »mir ist der höfische Hokuspokus verhaßt – is ja zum lachen.« »Immer der alte Achtundvierziger« spottete Postel und befreite seinen Freund von dem Besuch bei dem Löwen, dem Postel das Schloß als Palast angewiesen hatte.

Bereits zeigten sich hinter riesigen Adlerfarren die grauen Mauern. Hier war die wärmste Stelle des ganzen Parks auf sumpfigem Boden, der eine fast tropisch anmutende Üppigkeit des Pflanzenwuchses begünstigte. Die Blätter des Huflattichs hatten den Umfang von Palmwedeln, die gemeinen gelben und blauen Sumpfblumen erreichten eine geradezu phantastische Größe. Die Schierlingstauden glänzten feist und wurden mehr als mannshoch. Das von außen anspruchslose Schloß war innen königlich ausgestattet. Auf dem glänzenden Marmorboden des Vorraumes huschten vielleicht ein Dutzend Meerkatzen in grünen goldbesetzten Jäckchen umher, die Lakaien Seiner Majestät. Ein langer Riesenpinguin, der Kammerherr du jour, dem ein silberner Schlüssel über dem hellgrauen Hinterteil hing, watschelte schwerfällig heran mit hochmütig gehobenem Kopf. Er trug ein gebauschtes, weißes Spitzenjabot und eine chromgelbe Halsbinde. Dieses würdige Wesen geleitete uns über die breite Mitteltreppe; dann durchschritten wir eine Flucht von kleinen Gemächern mit Malachit, Lapislazuli und Jaspis an den Wänden; in einem nahm die Mitte eine dunkelgraue Sèvrevase ein, ein Geschenk des Zaren; in dem anderen hingen kostbare Damaszener Waffen, königliche Gaben Abdul Hamids; in dem dritten stand ein reizendes Schildplattschränkchen, das die Mitglieder des Amsterdamer Zoologischen Gartens Seiner Majestät bei ihrem Scheiden aus den dortigen Käfigen in loyaler Gesinnung überreicht hatten. Ein heißer, beizender Geruch machte sich immer heftiger bemerkbar. In dem Vorsaal standen unbeweglich etwa 30 Flamingos, jeder vor einer kostbaren Waschschüssel, viele nur auf einem Bein. Sie bildeten den Hofstaat. Ein breiter Gobelin – ein Zusammentreffen des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. mit der Jagdgöttin Diana im Wald von Fontainebleau darstellend – wurde vor der letzten Tür zurückgeschoben und wir standen in stummer Ehrfurcht vor Sr. Majestät Nebukadnezar I. Er saß in Purpur und Hermelin auf einem Goldsessel und begrüßte uns mit großer Huld. Zu seinem Füßen lag seine Mätresse, die Königstigerin Asta, ein Prachtexemplar ihrer Art. Sie schaute mich äußerst ungnädig an, während Se. Majestät mit Postel in einer mir völlig unbekannten Sprache verhandelte. Plötzlich zog sie unter ihrem schneeweißen Brustfell ein Lorgnon hervor und musterte mich damit in impertinenter Art. Gleichsam zur Entschuldigung dafür richtete nun Nebukadnezar mit tiefdröhnender Baßstimme selbst einige sinnige Worte an mich in deutscher Sprache: Mit Vergnügen, sagte er, habe er vernommen, daß die Elektrizität langsam die Welt erobert. »O Majestät«, erwiderte ich, von so viel Gnade ganz verwirrt, »es ist nicht mein Verdienst«. »Macht nichts, macht gar nichts« begütigte Se. Majestät. »Tu parles français au moins?« fragte mich Asta plötzlich, denn sie stammte aus Indo-China. Ich geriet derart in Verlegenheit, daß ich alles was ich von fremden Sprachen weiß, zusammendrängte in die Worte: »O yes, Signorina.« Sie wendete sich weg und sagte zu Postel: »Il est bien ridicule, votre ami«. Aber die Strafe für dies Benehmen folgte auf dem Fuß. Laut schlug eine Standuhr sieben. Der Kammerherr verbeugte sich vor Asta, die ihm einen zornsprühenden Blick zuwarf. Mir schien sogar, als ob Se. Majestät ihr von rückwärts einen leichten Tritt gab. Wohl oder übel, Asta mußte sich erheben; nun erst konnte ich ihre ganze herrliche Gestalt recht würdigen. Mißmutig begab sie sich, von dem Kammerherrn gefolgt, hinaus, wobei sie zwei Meerkatzen anzischte, die ihr über den Weg liefen. Später erklärte mir Postel, das Hofzeremoniell bestimme die späten Nachmittagsstunden von 5-7 Uhr für den Besuch der Königlichen Mätresse; der Abend gehöre dann einem rührend einfachen Familienleben. Es dauerte auch nur wenige Minuten, als Ihre Majestät die Königin Emeline eintrat, zwar von zwei Enten, als Hofdamen, begleitet, aber sich doch ganz bürgerlich ihrem Gatten nähernd, der ihr freundlich das Nasenbein beleckte. Zu mir sprach sie sofort mit jener alle Verlegenheit wegzaubernden Einfachheit, wie sie nur der wirklichen Vornehmheit eigen ist. Sie lobte den mütterlichen Sinn der deutschen Frau und verwarf den Sorlethapparat. Unter lautem Geschrei kugelten plötzlich sechs junge Löwenkinder herein, denen ein strenger Biber, ihr Hofmeister, kaum zu folgen vermochte. Sie stürzten sich auf den Papa und spielten dann auf dem Purpur zu seinen Füßen. Wo kurz vorher noch das schöne Mistvieh Asta gelegen hatte, entfaltete sich nun harmloses Familienleben. Dann kam Besuch: Der Viscount Reginald of Horseradish, ein englischer Vollbluthengst und Lady Arabella seine Frau, eine schneeweiße arabische Stute, aber in England erzogen. Der Viscount hatte aus seiner Sammlung einige Wappen mitgebracht, die er Sr. Majestät vorlegte. Nebukadnezar I. verabschiedete uns gnädigst. Der Kammerherr watschelte mit uns hinaus.

Postel meinte, daß wir durch diesen Abschied nichts versäumt hätten. Bis zur Tafel sprächen sie jetzt nur über Wappen. Nachher setzten sich die Majestäten mit dem englischen Ehepaar zum Whist. An manchen Abenden wurden auch von Tieren Wappen gestellt, wie lebende Bilder. So ginge es fast täglich, im Winter sei hie und da Cercle, alles ziemlich langweilig. Der Viscount und seine Gattin waren alte Freunde Postels aus Indien, wo sie zusammen Löwen und Tiger gejagt hatten. Auf niemand, sagte er, setze er mehr Vertrauen als auf diese, heute zwar nicht mehr sehr anregenden, aber treuen, alten Freunde. (O, wenn er damals schon geahnt hätte, wie er sich in ihnen täuschte.) Nebukadnezar selbst sei ein wahres Gemütstier, das ganz in seinem häuslichen Leben aufginge. Die eigentliche Regierung führe er, Postel, als einziger Minister, unterstützt von dem unersetzlichen Rendanten Reinhardt. Im Grund sei dieser kleine Hof nur eine Dekoration, die er sich von Hagenbeck habe kommen lassen; die Geschäfte gingen auch ganz gut ohne Se. Majestät. Er aber sei ein Freund der alten Überlieferungen und sozusagen konservativ, wenn auch innerlich ein völlig freier Geist. »So bin ich auch, genau so!« erwiderte ich aus aufrichtiger Überzeugung. »Aber diese Asta« fuhr ich fort, »ist eine unangenehme Person. Selten war mir ein Weib so widerwärtig.« »Du weißt gar nicht, wie recht du hast« seufzte Postel, »sie ist hier das zersetzende Element, aber ich bin selbst daran schuld. Anfangs wollte der Alte nichts von einer Mätresse wissen. Ich mußte ihn lange überreden, und auch mit der guten Emeline hat es einen langen Strauß gekostet. Als ich dann aber Asta von Hagenbeck kommen ließ, da geriet Se. Majestät in einen solchen Taumel von Verliebtheit, daß ich sie ihm nun nicht wieder abnehmen kann. Sie arbeitet dauernd gegen mich. So hat sie heimlich einen Sack voll Giftschlangen mitgebracht, die hier streng verboten sind, da sie doch zu nichts gut sind, als gemeinen Tratsch unter dem Gesinde anzustiften. Nebukadnezar und ich haben sie vergeblich beschworen die Schlangen herauszugeben, aber sie erklärt, ihre Gespielinnen nicht preisgeben zu wollen. Hier siehst du, daß auch mein Glück einen dunklen Punkt hat, von dem aus Verderben droht.« Mir schauerte vor diesen Worten böser Vorbedeutung.

Ich erfuhr ferner, daß Asta sich in einem dem indischen Palast von Agra nachgebildeten Tempel mit einem kleinen Hof von Pfauen, Paradiesvögeln, Reihern umgeben habe, dagegen den biederen Storch aus dem Tierstaat zu vertreiben strebe, um ihren köstlichen Leib vor den Schädigungen durch Nachkommenschaft zu schützen. »Du siehst, sie plant unseren Untergang«, führte Postel aus. »Ein Gemeinwesen kann sich nicht lediglich durch Einwanderung erhalten.« »Also auch hier dieses leidige Bevölkerungsproblem!« sagte ich voll Teilnahme. Astas Kammerfrau war eine Truthenne, die sie mit einem Kapaun verheiratet hatte. Dieser seichte, ungemein schwätzige Vogel hatte die Gabe, alles zu erfahren was vorging. Die Meerkatzen im Königlichen Palast zitterten vor ihm. Er nannte sich Chevalier de La Patte Engraissée, soll aber der Sohn eines Schneiders gewesen sein.

Als wir zu dem Bungalow zurückkamen, nahte die Essenszeit. Es dunkelte bereits. Im Zwielicht flogen geschäftige Fledermäuse hin und her, die kleine Lichtchen trugen, mit denen sie die Straßenlaternen anzündeten. Ich wünschte noch einen Augenblick auf mein Zimmer zu gehen. Postel führte mich selbst hinauf. Wir kamen an der Küche vorbei, wo ich einen mächtigen Eber mit weißer Mütze als Chef beim Herd stehen sah, vermittels des breiten Rüssels aufmerksam die Dämpfe aus den Schüsseln einschnuppernd. Ratten und Mäuse brachten ihm aus den anstoßenden Speisekammern, was er brauchte. »Ist das nicht unwirtschaftlich?« fragte ich. »O« erwiderte Postel, »sie halten sich natürlich schadlos, aber ihr Hunger hat auch seine Grenzen, und dafür entfernen sie mir fremdes Raubzeug«. Übrigens hatte vor jeder der drei Kammertüren ein mürrischer Hamster die Wache. Diese energischen Tierchen standen gebläht da und schienen die Vorräte ihres Herrn zu verteidigen und nur, soweit notwendig herauszugeben.

Über dem ganzen Haushalt aber stand die ehrwürdige Frau Hirsekorn, ein altes Känguruh mit ungeheurer Bauchtasche, in der sie immer allerlei Gegenstände trug, bald auszubessernde Wäsche, bald Früchte zum Einmachen, oder zu putzendes Silberzeug. Zum Abzeichen ihrer Würde hatte sie immer einen silbernen Löffel im Gürtel. Postel sagte, sie sei früher seine Wirtin gewesen, er habe über zehn Jahre bei ihr gewohnt. Wo das wohl gewesen sein mochte?

Vor meinem Zimmer überließ mich Postel dem Stubenmädchen Wetti. »Küß die Hand, gnä' Herr«, grüßte sie wieder freundlich; sie war schon für den Abenddienst umgezogen, d.h. sie hatte ihr hellblaues Schleifchen am Ohr mit einem hellgrünen vertauscht. Während ich meinen Rucksack auspackte, fragte mich Wetti (die auch Waverl genannt wurde, und mit dem Taufnamen Barbara hieß), ob ich für diese Nacht noch eine Decke wünsche, ob sie die Fenster offen lassen solle usw. Dann zeigte sie mir das an das Zimmer angrenzende Bad, das jederzeit bereit sei; schließlich blieb sie noch einen Augenblick stehen und schaute mir zu, wie ich meine Toilettesachen auf dem Waschtisch ordnete. Zuletzt senkte sie ihr sanftes Rehköpfchen und fragte mit Unschuldsmiene: »Wünscht der gnä' Herr vielleicht noch etwas?« »Nein danke, liebes Waverl« antwortete ich, aber während sie kichernd hinausging, klopfte ich ihr freundlich auf den weißen Flecken ihres runden Hinterteils. »Wer weiß?« dachte ich nachher, »hier hätte ich vielleicht Aussichten«; aber ich gehöre zu den Männern, die aus Verlegenheit im Augenblick nie ihre Aussichten auszunützen wissen.

Als ich das Eßzimmer betrat, saß man schon um den runden Tisch. Postel hatte einen dunkeln Samtflaus an, der zugleich behaglich und etwas feierlich wirkte. Neben ihm saß Grödling mit hochrotem Kopf und wie immer in verschabtem offenem Janker. Noch nie war mir Posteis Vergleich dieses hageren eisgrauen Mannes mit einem Kranich treffender vorgekommen, als in diesem Kreis. Der Rendant Reinhardt hatte die grüne Mütze abgelegt und trug einen schwarzen im Schnitt etwas spießbürgerlichen Schwalbenschwanz. Ich wurde noch mit einem alten bunten Kakadu bekannt gemacht, dem Dr. Karfunkel, einem Literaten aus der Schule Saphirs, der während der ganzen Mahlzeit schwatzte und allein dazu lachte, sowie mit einem jungen manierlichen Tapir, den Postel als seinen Neffen vorstellte, was mich einigermaßen in Erstaunen setzte. Das Essen war sehr schmackhaft und eigenartig nach Rezepten aus allen Ländern zusammengesetzt. Zu einer indischen scharfen Reisspeise z.B. gab es einen türkischen Kebab (am Spieß gebratene Hammelstückchen); dazu knusperiges norwegisches Brot und alten Bordeaux, zum Nachtisch aber einen ausgezogenen Strudel, ein Meisterstück der erst kürzlich dem Chef zur Hilfe beigegebenen Köchin Selma, eines jungen böhmischen Landschweins, aber aus rein deutschem Sprachgebiet. Mich ärgerte es etwas, daß Dr. Karfunkel mit seinen platten Späßen niemand zu Worte kommen ließ, und so ermutigte ich die etwas ungeschickten Versuche des jungen Tapirs auch etwas zu sagen. Auf meine Frage, er sei wohl Student, erzählte er erfreut, er studiere die Rechte und wolle sich der diplomatischen Laufbahn widmen. Das schien mir ein bißchen hochgegriffen, und ich fragte verwundert, ob denn da die Aussichten günstig seien, aber Postel erzählte nun, sie hätten deshalb beim Auswärtigen Amt angefragt. Von dort sei erst ein kurzer Lebenslauf verlangt und dann die Nachricht gegeben worden, die Aussichten seien durchaus leidlich, wenn auch nicht glänzend. »Und das genügt mir« rief der Tapir mit naivem Lachen, »wenn ich nur dabei bin; bringe ich es auch nicht weit, so bin ich doch immer in guter Gesellschaft«. Der Kakadu sperrte seinen schwarzen Schnabel auf und lachte sich halbtot. Der junge Tapir hingegen gab durch einen Kniff um seine Lippen zu verstehen, daß er dies für schlechten Ton hielt. Dann aber fügte er voll Genugtuung hinzu, sein Freund, das Flußpferd, sowie sein Vetter, das Nashorn hätten es, angestachelt durch seine Tante Rhinozerante, ihm gleichtun wollen und auch beim auswärtigen Amt angefragt, aber die Nachricht erhalten, es gäbe denn doch gewisse Grenzen der Zulassung, die bei aller grundsätzlichen Weitherzigkeit eingehalten werden müßten. Das hielt der verständige Tapir auch für durchaus berechtigt. Beim Obst erklärte Dr. Karfunkel, man würde den Tapir nie in die große Gesellschaft aufnehmen, da er ja Hörner habe. Das brachte den armen Jungen in keine kleine Verlegenheit. »Wie so denn Hörner?« fragte er errötend und nicht ganz sicher, »nie hat in unserer Familie jemand Hörner gehabt.« Der Kakadu erbot sich, das Gegenteil zu beweisen. »Also geben Sie dies zu: was Sie nicht verloren haben, das haben Sie noch?« »Natürlich gebe ich das zu«, erwiderte der Tapir treuherzig. »Gut; haben Sie schon einmal Hörner verloren?« »Niemals«. »Nun, also dann haben Sie noch Hörner – was zu beweisen war«, brüllte der Kakadu vor Vergnügen. Auch der Rendant und Postel lachten. Wetti, die auch bei Tisch bediente, mußte so schrecklich kichern, daß sie einen Teller mit Pralinés fallen ließ, die sich wie ein Hagel über den Kopf des werdenden Diplomaten ergossen. Der Tapir war ganz sprachlos, und ich merkte, daß ihm die Tränen nahe waren. Er kannte sich gar nicht mehr aus und senkte seinen Rüssel über den Teller. Einmal griff er sich wie zufällig an den Kopf, aber es war offenbar: er wollte sich vergewissern, ob er nun eigentlich Hörner habe oder nicht. Beim Aufstehen von der Tafel klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte: »Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Studiosus, die Hauptsache ist, was das Auswärtige Amt sagt, und das hat zu Ihren Gunsten gesprochen.« Ein dankbarer Blick traf mich aus seinen verlorenen Augen. »Was gibt's denn heute Abend im Theater?« fragte Postel, während wir uns im Nebenzimmer Zigarren anzündeten und Schnäpse eingossen. »Heute ist Ballettabend, Exzellenz« erwiderte der Rendant. »Liebst du Ballett?« fragte mich Postel. »Und wie!« sagte ich. Man beschloß hinzugehen, und auch der junge Tapir wurde bei dieser angenehmen Aussicht wieder vergnügt.

Das Theater war ein reizender Säulenbau im Rokokostil und stand licht in dunklem Laub. Es war das alte Hoftheater einer kleinen deutschen Residenz und von Postel auf Abbruch angekauft worden. Man hatte das Material hierher geschafft und es wieder genau in der alten Weise aufgebaut. Im Innern waren alle Wände mit blassem Purpur und blinden Vergoldungen verziert. Alte in Ruhestand getretene Droschkenpferde in weißen Häubchen besorgten freundlich die Garderobe und schlossen die Logen auf. Wir kamen gegen Ende des ersten Aktes. Rehe, Gemsen, Antilopen, Gazellen, und anderes liebliche Getier spielten das Ballett: »Orpheus in der Unterwelt«, das ein junger Schwan gedichtet hatte. Er nannte sich Hyazinth, und galt für das Haupt einer verheißungsvollen Dichterschule. Seine Frau, Madame Hyazinth, war Prima Ballerina und spielte den Orpheus mit unsagbarer Grazie. Der Erfolg war daher sehr stürmisch, als der Vorhang fiel. Die Zuhörer bestanden aus Tieren aller Art. Im Parkett saßen vorwiegend die großen Säugetiere, in den vordersten Reihen alte Hengste mit großen Operngläsern und vielen Orden. Die Logen waren teilweise verglast und mit Wasser gefüllt, um den Fischen, Seesternen und Seeigeln einen angenehmen Aufenthalt zu bieten. Auch die Seegurken waren erschienen, wohl aus Trotz, weil man gerade ihnen wenig Verständnis für Ballett zuschrieb. Auf den Brüstungen und Kandelabern hatten sich Scharen großer und kleiner Vögel, Eidechsen, Ghekkos, Chamäleons und Schmetterlinge niedergelassen. In der Königsloge erschien im Zwischenakt Asta mit einem helllila Umhang, begleitet von zwei Stelzengeiern mit langem abstehendem Haar am Hinterkopf, auch Sekretären genannt, die sie in ihren Diensten hatte. Der Rendant flüsterte mir ins Ohr, es seien zwei verkappte Jesuiten.

Im Zwischenakt führte mich Dr. Karfunkel hinter die Kulissen, wo er sehr vertraut war. All das liebliche Getier lief in nervöser Hast durcheinander, meckerte sich gegenseitig unfreundlich an und zeigte wenig Geschmack für die Witze des aufdringlichen alten Literaten an meiner Seite. Schließlich aber kam Herr Hyazinth, der erfolgreiche Dichter mit kühn geschwungenem weißen Hals und zeigte sich empfänglich für die weitschweifigen Lobsprüche des Kakadus. Plötzlich sprang neben uns unter Lärm eine Tür auf. Der Schauspielregisseur und Dramaturg Dr. jur. et phil. Maki, ein Halbaffe mit gelben Augen, kam wütend heraus und erklärte, das hielten seine Nerven nicht mehr aus. Ihm folgten zwei rothaarige Nasenaffen, die sich ineinander verbissen hatten. Sie besaßen höchst bewegliche, verlängerbare Nasen. Es war gerade im Nebenzimmer eine Besprechung gewesen; da hatte jeder der beiden den Misanthropen spielen wollen, in dem Molièreschen Stück, das alljährlich zu Postels Geburtstag neu einstudiert wurde mit leicht verändertem Schluß, so daß am Ende der Menschenfeind recht behält. »Sehen Sie«, rief Dr. Maki empört, »mit solchem kleinlichen Kram hat ein Künstler wie ich täglich zu tun«. Seine Frau, das Fingertier Aye-Aye, kam heraus und legte ihm ihre langen aristokratischen Hände auf die Stirn, was ihn sofort etwas beruhigte. Sie spielte erste Salonrollen. »Greifen Sie doch zu den äußersten Mitteln!« flüsterte Dr. Karfunkel mit blitzendem Auge dem nervösen Regisseur zu. »Das werde ich auch jetzt tun!« rief Dr. Maki entschlossen. Aye-Aye wollte wieder beruhigen. »Meine Herren«, schrie aber der Doktor die zwei Nasenaffen an, »bis jetzt bin ich versöhnlich gewesen, aber auch mir stehen die äußersten Mittel ...« Bei diesem Wort fuhren die zwei Schauspieler auseinander und blickten den Regisseur ängstlich an. »Sie werden doch nicht ...« erwiderte einer. »Ich werde ... diesmal werde ich ...« drohte der Regisseur und schob die beiden wieder ganz friedlich Gewordenen in das Nebenzimmer. Aye-Aye begann sanft zu vermitteln. Der Kakadu lachte aus vollem Hals. Durch die offene Tür sah ich in dem Nebenraum ein Heer von Pavianen, Kapuziner- und Satansaffen, Schimpansen, Seidenäffchen, Orang-Utangs, Mandrils, Makaken und Brüllaffen in höchster Erregung. Sie beruhigten sich aber sofort, als Dr. Maki wieder das Wort: »die äußersten Mittel« aussprach. »Was ist denn das: die äußersten Mittel?« fragte ich erstaunt. Der alte Literat erklärte: »Es ist ein alter Theaterbrauch, von dem man als zu entwürdigend abkommen möchte, aber im Notfall muß man diesem Volk von Kindern immer wieder damit drohen, und Sie sehen ja, wie das gewirkt hat.« Wieder lachte der Kakadu, als müsse er bersten. »Aber um Gottes willen, worin besteht denn dieser Brauch?« fragte ich brennend, vor Neugier. »Nun: in der Verurteilung zum Stinktier. Wer sich schwer vergeht, dem wird, je nach dem Fall, auf einen bis drei Tage Skunks, das Stinktier, als Aufwärterin ins Haus geschickt; länger als drei Tage hat es noch niemand ausgehalten, dann tritt Starrkrampf ein«. »Das ist allerdings grausam«, sagte ich. »Aber lustig«, lachte der Kakadu. »Als Gegenstück schickte man in früheren Jahren zur Belohnung für hervorragende Zuverlässigkeit die Moschusratte als Zofe, aber unsere Damen schätzen ihren Geruch nicht mehr, er sei ihnen zu aufdringlich.«

Inzwischen läutete es zum zweiten Aufzug. Dr. Karfunkel riet, ihn nicht zu versäumen wegen der Einlage. In der Tat war diese sehr lohnend. In der Unterwelt vor dem Thron des Königs Hades, den ein gespenstischer Aasgeier mit grausig nacktem Schädel und langem Schnabel erschütternd spielte, wurden groteske stygische Tänze aufgeführt. Das Hauptstück war der Solotanz der Madame Emgallo, eines gedrungenen afrikanischen Warzenschweines, das trotz seinen ungefügen Formen gar munter einhersprang. Seine vier gelben Hauer und die runden Fleischlappen unter den Augen waren im Begriff die unglückliche Eurydike, eine blonde Gazelle, mehr als gut ist, zu fesseln, als noch rechtzeitig ihr Gatte Orpheus, gespielt von Mme. Hyazinth, aus den Lüften herabrauscht und sein lichtes Gefieder vor ihr wie ein Daunenlager ausbreitet. Voll Leidenschaft vergräbt sie sich in seinen weißen Rücken, und selbst Hades der Aasgeier zeigt sich gerührt. Diese sinnreiche Annäherung der alten Sage an zeitgemäßes Fühlen wurde sehr beklatscht. Der Dichter Hyazinth durfte sich mit seiner Gattin dreimal verbeugen. In der Loge neben uns rühmte ein älteres Zebraweibchen dem Gatten das gewiß sehr poetische Familienleben eines solchen Künstlerpaares.

Nach der Vorstellung gingen Postel und Grödling schlafen. Dr. Karfunkel führte mich und den Tapir, der offenbar nicht nachtragend war, noch weiter. Auf den Dachfirsten und in den Zweigen bemerkte ich häufig Uhus, die dem Nachtwächterberuf angehörten. Es gab Kaffeehäuser, wo ungeratene Füchse, entfernte Verwandte des Rendanten, als Kellner bedienten und bis spät in die Nacht vereinzelte Tiere auf Nachrichten aus der Heimat warteten, welche die Regierung entgegenkommend telephonisch bekannt gab. Es war ein ewiges Gewoge brauner, grauer, schwarzer, gelber, gefleckter und getupfter Rücken am Fernsprecher.