Meine Welt der Stauden - Christian Kreß - ebook

Meine Welt der Stauden ebook

Christian Kreß

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Opis

Christian Kreß möchte seine Leidenschaft für Stauden mit Ihnen teilen und Sie für die vielfältige Welt der Gartenblumen begeistern. Entdecken Sie für alle Standorte und Lebensbereiche passende Pflanzen, die geschickt kombiniert zu den unterschiedlichsten Gartentypen passen. Gestalten Sie mit Hilfe von unzähligen Profitricks lebendig wirkende Beete und Gartenbilder, die ihr Aussehen im Jahreslauf vielfältig ändern und nie langweilig werden. Gehen Sie nebenbei mit Christian Kreß auf Reisen an die Naturstandorte seiner Staudenlieblinge und gewinnen Sie spannende Einblicke in den Alltag einer Staudengärtnerei.

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Christian Kreß

Meine WELT derSTAUDEN

Staudenbeete anlegen, pflegen und verändern

Inhalt

Tausendsassa im Staudengarten: Christian Kreß

Faszination und Berufung

Eine eigene Staudengärtnerei

Vom Jahr des Staudengärtners

Über das Züchten und Selektieren

Stauden in freier Natur entdecken

Praktisches Staudenwissen

Einmaleins der Staudenverwendung

Staudenbeete richtig anlegen

Von der Planung zur Blütenorgie

Ärgste Drängler im Staudenbeet

Essbares und Giftiges nebeneinander?

Mit Stauden gärtnern bis ins hohe Alter

Praktische Schritte für einen dauerhaften Erfolg

Stauden richtig pflegen

Unkraut, tatsächlich kein Problem?

Ein paar Vermehrungskniffe

Ganz persönliche Lieblingsstauden

Alpine und Steingartenstauden

Halbschattenstauden

Beetstauden

Einige Erfahrungen und Pflanzbeispiele

Dynamik oder Statik?

Artenvielfalt oder Minimalismus?

Im Schattengarten zeigt sich wahre Beständigkeit

Eine große Herausforderung: trockener Schatten

Ein feuchter Schattengarten

Wechselfeuchte Beete in der vollen Sonne

Zeichen des Klimawandels: Kies- und Steppengärten

Extreme Standorte: zwischen Asphalt und Verkehr

Extreme Standorte: Stauden auf Dächern

Unendlich große Pflanzenwelt: Alpinum und Steingarten

Wenn Gemüse und Stauden aufeinander treffen

Ideenreich: Stauden in Töpfen, Kisten und Kübeln

Service

Über Christian Kreß und Sarastro Stauden

Bezugsquellen

Einige Lesetipps

Ein Tor zur Staudenwelt … treten Sie ein!

Tausendsassa im Staudengarten: Christian Kreß

Dem Zauber eines gekonnt angelegten Staudengartens mit seiner unendlichen Vielfalt kann sich heute wohl niemand mehr entziehen. Kein Gartentyp zeigt vom frühen Frühjahr bis in den späten Herbst so viele Möglichkeiten ungewöhnlicher und berührender Pflanzungen. Speziell im öffentlichen Raum hat es eine Zeitlang gedauert, bis wogende Gräser und wild anmutende Stauden die formalen Blumenbeete abgelöst haben. Doch heute kann man ruhigen Gewissens behaupten: Der naturnah gestaltete Garten mit seinen winterharten Blütenstauden ist der Gartenstil des 21. Jahrhunderts! Und wie kaum ein anderer in unseren Breiten hat Christian Kreß, der Staudenzauberer aus dem oberösterreichischen Innviertel, sein Gärtnerleben, eigentlich sein ganzes Leben, dieser so vielfältigen Pflanzenwelt gewidmet. Und wie so viele andere ambitionierte Gartenmenschen habe auch ich schon vor vielen Jahren diese einzigartige Gärtnerei in Oberösterreich entdeckt. Und obwohl sie von meinem Wiener Wohnsitz ganz schön weit weg ist, bin auch ich immer wieder nach Ort im Innkreis gepilgert oder habe Gartentage besucht, wo unser reisefreudiger Staudenmagier regelmäßig seine besonderen Pflanzen darbietet. Und natürlich habe ich immer Neuigkeiten gefunden, Spezialitäten, Raritäten, die aus der Gartencenter-Reihe fallen wie ein besonderer Efeu mit klitzekleinen Blättchen, eine Wiesenraute en miniature oder unzählige seltene Alpenpflanzen, wahre Schätzchen! Oder meine geliebten Krötenlilien, auf die ich dort gestoßen bin. Nie und nimmer wird dieser wunderbare Ort ohne kistenweise Neuerwerbungen wieder verlassen!

Gerne denke ich an das erste Mal zurück, als wir mit unserem Wiener Gartenklub diese ungewöhnliche Gärtnerei besucht haben, doch auch an das letzte Mal vergangenen September – liegen doch Welten der Weiterentwicklung dazwischen. Ganz wunderbar hat sich hier alles entwickelt, verändert und vergrößert, der Schaugarten ist eingewachsen und die Auswahl an Raritäten ist schier riesig geworden. Kein Juwelierladen der Welt bringt mir solch Herzklopfen wie Christians Staudengärtnerei und sein romantischer Schaugarten, ein wahrlich paradiesischer Ort. Seit einiger Zeit gibt es sogar ein „Phlox-Museum“ mit vielen Sorten, auch aus Russland, von denen man hier noch nie gehört hat – unglaublich!

Dieses völlige Aufgehen im Beruf findet man sonst hauptsächlich bei Künstlern, ein Leben ohne Trennlinie zwischen Berufs- und Privatleben ist auch für einen naturliebenden Gärtner eher ungewöhnlich. Von seinen vielen Reisen in botanisch interessante Gebiete bringt Christian Kreß immer wieder neue Eindrücke und faszinierende Bilder mit. Und hortet er sie zu Hause für sich? Nein, er gibt sie natürlich in seinen Vorträgen immer weiter – und ebenso in seinen Büchern über das Wesen der Stauden. Er teilt einfach gerne, was er in seinem intensiven Gärtnerleben an Erfahrungen angesammelt hat. Lassen wir uns davon inspirieren und möglichst viel im eigenen Staudengarten ausprobieren: viel Spaß bei der Lektüre!

Ruth Wegerer

Passionierte Gärtnerin, Gartenjournalistin und Buchautorin sowie Organisatorin des Gartenklubs Acanthus

FASZINATION UND BERUFUNG

Mit Stauden zu arbeiten, sie zu vermehren und ihre Entwicklung bis zum endgültigen Standort im Garten zu verfolgen, ist eine sehr reizvolle und wunderbare Aufgabe. Und wer einmal Feuer gefangen hat, kann sich ihrer Faszination kaum mehr entziehen. Mich begeistern aber nicht nur Blüten und Blattstrukturen, sondern vor allem auch die Menschen, die dahinter stehen: seien es Kollegen, Pflanzensammler – oder meine Mitarbeiter.

Und auch wenn Schlagwörter wie Rationalität und Arbeitsteilung vor der Staudengärtnerei nicht Halt machen, haben wir Staudengärtner doch das Glück, nachhaltiges Interesse an Stauden wecken zu können. Immer unter dem Motto: Lasst Blüten sprechen – und vergesst Gräser und Farne nicht.

Eine eigene Staudengärtnerei

Irgendwie reizte es mich immer schon, selbständiger Staudengärtner zu sein: einen eigenständigen Weg zu beschreiten und die eigenen Ideen zu verwirklichen. Allein, der Weg dorthin sei weit und steinig – so zumindest bekam ich es immer wieder von allen Seiten zu hören.

Wunschtraum versus Realität?

Jetzt nach mehr als 20 Jahren darf ich sagen, dass ich diesen Schritt trotz vieler Höhen und auch einiger Rückschläge niemals bereut habe. Und dass ich auch nach dieser langen Zeit nie die Lust verloren habe, diesen schönsten aller Berufe weiter auszuüben. Auch wenn nach Meinung so mancher Steuer- und Unternehmensberater trotzdem noch mehr Umsatz gemacht werden sollte. Jedem jungen Gärtner mit einer guten Berufserfahrung im In- und Ausland rate ich, den Weg in die Selbständigkeit zu probieren. Man muss ja nicht derart bei Null auf der grünen Wiese anfangen, wie ich es getan habe. Inzwischen gibt es auch genügend Betriebe, die übernommen werden wollen. Mein wichtigster Tipp: Vor dem Weg in die Selbständigkeit sollte man seine eigene Vision finden und diese auch formulieren. Ebenso klare Unternehmensziele definieren, um sich ja nicht zu verzetteln. Heute ist es ein absolutes No-Go zu meinen, man müsse jahrein, jahraus jeden Bereich des Gartenbaues abdecken und neben Kranzbinderei und Friedhofsgärtnerei auch noch Topfchrysanthemen, Gartenbau und Gartenpflege machen. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, dieser Spruch hat sich gerade in der heutigen Zeit sehr bewährt.

Und auch wenn es sicher eine Menge Berufe gibt, in denen man sein Geld mit wesentlich weniger Mühe verdient als ausgerechnet als Staudengärtner – ich würde trotzdem niemals tauschen! Ich finde, keine Sparte des Gartenbaues ist so abwechslungsreich, spannend und vielfältig wie ein Stauden-Sortimentsbetrieb. Hier lebt man tatsächlich noch so richtig als Gärtner. Aber wohl kein anderer Bereich hat eine so lange Vorlaufzeit wie die einer Staudengärtnerei mit weitreichender Privatkundenfrequenz. Fazit: Nur ein leidenschaftlicher Gärtner mit viel Passsion und hohem Einsatzwillen ist auf Dauer bereit, hier Fuß zu fassen und diese jahrelange Durststrecke durchzustehen. Romantik ist hier fehl am Platz – auch der viel zitierte „gesunde Beruf“ ist beileibe nicht immer so gesund, wie er gerne dargestellt wird.

Nur mit Unterstützung der Familie

Nach acht Jahren trennte ich mich damals, das war 1995, relativ abrupt von meiner alten Firma, in der ich für Vermehrung, Sortimentsgestaltung und Kundenberatung verantwortlich zeichnete. Ich war mit mir selbst nicht mehr zufrieden – meine Ziele dort hatte ich erreicht und konnte mich nicht mehr weiterentwickeln. Was nun? Wir hatten kurz zuvor ein Haus gekauft und meine Frau bekam als eine der letzten Lehrerinnen in Oberösterreich eine Beamtenstelle sowie eine Festeinstellung an der ortsansässigen Schule. Ich hatte zwei verlockende Angebote aus der Schweiz und ein gutes Angebot aus Niederösterreich. Eines davon anzunehmen hieße, das Haus wieder zu verkaufen und alles hinter sich zu lassen, einschließlich unseres Freundeskreises. So besprach ich mich mit der Familie und kam zum Entschluss, besser den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen.

Der erste Schritt begann hinter dem Haus mit einigen Frühbeetkästen, in denen ich sukzessive damit anfing, einige Stauden zu sammeln und zu vermehren. Ich hatte ja absolut nichts vorzuweisen, keinen Grund und Boden, keinen Pflanzenbestand, rein gar nichts! Mein bescheidenes Startkapital reichte gerade aus, um mir einen Schwung Mutterpflanzen, den ersten Lieferwagen sowie Fräse und die notwendigen Werkzeuge zu beschaffen. Damals gab es kaum Betriebe, die Staudenjungpflanzen anboten, und so blieb mir nichts anderes übrig, als den klassischen Weg der Vermehrung über eigens aufgepflanzte Mutterpflanzen zu beschreiten. Dies brauchte Zeit und Geduld.

Ambiente von blühenden Stauden umgeben, wie aus einem Guss! Produktionsflächen und Schaubeete verschmelzen zu einem Gesamtwerk.

In einem Anflug von Enthusiasmus fuhr ich mit unserem Pkw und einem ausgeliehenen Anhänger von Dänemark über Holland bis Süddeutschland und klapperte in zehn Tagen alle möglichen Staudengärtnereien ab, die mir über die Internationale Staudenunion (ISU) persönlich bekannt waren, um dort vor Ort gute Staudensorten zur Vermehrung auszusuchen. Nicht gerade wenige Kollegen machten mir für die erworbenen Schätze einen guten Preis oder schenkten sie mir sogar – sie wünschten mir viel Glück für die Zukunft.

Zu Hause angekommen pflanzte ich die Stauden auf den Acker einer mir bekannten Gartenarchitektin, wo sie prächtig gediehen. Meine Frau ging halbtags in die Schule und so kamen wir finanziell einigermaßen über die Runden. Wir hatten zwei Töchter, wobei die ältere schon in die Schule ging, die kleine aber noch nicht einmal in den Kindergarten. So fiel mir vormittags der Haushalt wie auch die Aufsicht zu. Dies war leider nicht zu ändern, denn Schwiegereltern und Eltern wohnten weit weg. Aber bald änderte sich die Situation und ich hatte mehr Luft für meine zukünftige Gärtnerei. Heute darf ich sagen, dass ich es ohne diesen Rückhalt meiner Familie wahrscheinlich nicht geschafft hätte.

Das Gelände ist gefunden

Zwei Jahre später kam mir zu Ohren, dass gleich in der Nähe der Autobahnauffahrt ein landwirtschaftliches Grundstück zu pachten wäre. Ich besichtigte es und erkannte sofort die Situation und dessen geradezu ideale Verkehrslage. Ich sprühte vor Begeisterung und stellte mir schon in Gedanken einen florierenden Betrieb vor. Nun begannen allerdings erst noch die Hürden der Bürokratie: Das Grundstück musste seitens der Gemeinde in gärtnerischen Nutzgrund umgewidmet werden. Es handelte sich um einen ebenen Wiesengrund, der von einem Bauer regelmäßig gemäht wurde. Die nächste Straße war in 150 m Entfernung durch eine eigene Zufahrt zu erreichen.

Es galt nun, einige wichtige Dinge sofort in Angriff zu nehmen. Die Zufahrt musste befestigt und geschottert, das gesamte Grundstück gegen Wildverbiss eingezäunt und abgesichert werden. Dann brauchte ich eine Stromleitung. Hier hatte ich unwahrscheinliches Glück, denn gerade wurde an der nahe gelegenen Bundesstraße eine Leitung für einige neu errichtete Unternehmen verlegt, und ich konnte den Antrag einer Zuleitung stellen. Aber eine Gärtnerei existiert sicher nicht sehr lange, wenn sie keinen ergiebigen Wasseranschluss besitzt. Die Ortswasserleitung ging zwar direkt an der Hauptstraße vorbei, nur war dies Trinkwasserqualität und mir wurde versichert, dass bei Wasserknappheit die Gärtnereien und Baumschulen die ersten wären, denen das Wasser gekürzt wird. Also musste ich wohl oder übel einen Tiefbrunnen schlagen lassen. Der Brunnenbaumeister schlug den Brunnen nach seinen Erfahrungen 70 m tief, dann hatte ich Wasser zur Genüge.

Unsere Anzuchtsbeete befinden sich inmitten von blühenden Gärten. Zu jeder Jahreszeit zeigen Stauden ihre ganze Schönheit.

Platz für Vermehrung und Produktion

Als nächstes benötigt ein Staudengärtner Gewächshäuser und Produktionsflächen sowie Mutterpflanzenquartiere. Alles wurde nach und nach realisiert. Zunächst errichtete ich ein Gewächshaus, das ich dringend für meine Vermehrung benötigte. Ein zweites folgte fünf Jahre später. Ich brauchte es für eine möglichst frühzeitige Produktion, denn es lässt sich ja sehr viel an Mutterpflanzen in der kalten Jahreszeit vermehren und topfen. Auf flache Kästen mit einer Glasabdeckung möchte ich übrigens auch heute niemals gänzlich verzichten – wenn dies auch in den Augen mancher Kollegen eine eher umständliche Methode ist. Gerade nässeempfindliche Kulturen, wie auch viele empfindliche hochalpine Stauden in Töpfen können so hervorragend überwintert werden. Und zugleich ist es eine recht preiswerte Art und Weise.

Die eigentliche Staudenanzucht geschieht auf sogenannten Stellflächen, wo die Stauden aufgereiht werden, nachdem sie getopft wurden. Hier bleiben sie dann so lange stehen, bis sie verkauft werden. Der größte Teil des gesamten gängigen Sortimentes gelangt auf diese schmalen Beete, und bis auf wenige Ausnahmen werden die Stauden auch dort überwintert, indem man meist einfach nur ein dünnes Vlies darüberzieht. Im Grunde genommen sind diese Stellflächen nichts anderes als Beete – darunter befindet sich eine Kiesschicht als Dränage, über die eine schwarze Folie gezogen wird, damit nur wenig Unkraut zwischen den Töpfen aufkommt. Die ersten drei Jahre arbeitete ich mutterseelenallein, dann stellte ich Angela als meine erste Halbtagskraft ein, ein Jahr später folgte Gerlinde, eine Gehilfin aus früherer Zeit, die ich als Lehrling in meinem alten Betrieb ausbildete. Eine Topfmaschine besaßen wir damals wie heute nicht, denn dies rentiert sich nur bei wesentlich höheren Einheiten und Stückzahlen.

Storchschnäbel wie Geranium × magnificum ‘Wisley Blue’ sind vielseitig für Rabatten oder als Bodendecker einsetzbar.

Erste Arbeiten für die Gärtnerei

Zunächst vermehrten wir Stauden für den Garten- und Landschaftsbau. Storchschnabel (Geranium) und Elfenblumen (Epimedium) in Hülle und Fülle! Für die Gattung Geranium habe ich seit einigen Englandreisen sehr viel übrig – sehe ich in ihnen doch eine willkommene und abwechslungsreiche Möglichkeit, sich die Arbeit im Garten zu erleichtern, da sie einen schnellen Bodenschluss ermöglichen. Außerdem nahm ich zu Beginn jeden Auftrag an, sei es einen Pflegeauftrag, kleinere Neuanlagen oder den Bau einer Trockenmauer samt entsprechender Bepflanzung. Dies alles machte zudem Spaß und es war notwendig, denn woher sollte sonst zu Beginn das Geld kommen? Und trotzdem waren solche Tätigkeiten eher die Ausnahmen, denn ich wollte mich ja auf mein Sortiment und dessen Produktion konzentrieren.

Ein Steingarten nimmt Gestalt an

In dieser Zeit errichtete ich wahrscheinlich mein größtes Projekt außerhalb meiner zukünftigen Gärtnerei, es war ein Alpinum am Niederrhein, nahe der holländischen Grenze. Klaus, ein befreundeter Staudengärtner, bekam auf einmal Lust auf einen Steingarten. Er wusste aber nicht, wie er diesen realisieren sollte, denn er hatte weder das spezielle Fachwissen noch entsprechende Leute an der Hand. Seine Gärtnerei produzierte unter anderem mehr als eine halbe Million Pampasgräser im Jahr – zudem hatte er ein Logistikzentrum allerersten Ranges aufgebaut und wurde mit den Jahren zu einer Art „Globalplayer“ in Sachen Stauden für Gartencenter und Versandgärtnereien in ganz Deutschland und darüber hinaus. Bei ihm liefen alle Fäden zusammen – eine gänzlich andere Nummer und Größenordnung, mit der ich mich niemals messen wollte. Ich bewunderte ihn und sah mich als das krasse Gegenteil an, aber wir hatten trotz allen Gegensätzen die richtige Chemie zueinander.

Doch eines konnte Klaus nicht: einen Steingarten bauen. Da wir uns schon länger kannten, sagte ich ihm zu und fuhr für eine Woche an den Niederrhein. Im Laufe der Jahre hatte ich mir bezüglich Steingärten einiges an Routine angesammelt und freute mich auf diese Herausforderung. Der sehr flach gehaltene Steingarten entstand direkt vor seinem Büro, war in wenigen Tagen gebaut und anschließend mit vielerlei Raritäten bepflanzt.

Der Steingarten ist ein unendliches Refugium, die Leidenschaft kann mit Sempervivum beginnen.

Wir trennten uns und hörten ein Jahr nichts mehr voneinander. An einem trüben Novemberabend schellte dann das Telefon und Klaus war wieder dran. Er erzählte mir, dass er mit seinem Steingarten eine riesige Freude hätte und dass dieser von jedermann bewundert werde. Daher wollte er nun gerne seinen gesamten Vorgarten in einen einzigen großen Steingarten umgestalten. Ich fragte ihn nach der Größe des Vorhabens. Er sprach von mehr als 700 m2, ausschließlich Steingarten. Der Vorgarten war bereits „gerodet“ und stand für neue Ideen bereit. Zu Hause im Innviertel ging die Staudensaison sowieso schon ihrem Ende entgegen – und ich sagte spontan zu. Ich reiste also wieder an den Niederrhein, diesmal für 14 Tage, um dieses Megaprojekt zu verwirklichen. Leider war das Wetter ausgesprochen kalt und nass, und die Steineschlepperei war reine Schwerstarbeit. Als Hilfe standen mir zwei Asylbewerber zur Verfügung, ein Kosovo-Albaner und ein Nepalese, beides Leute aus hohen Bergregionen, die überraschend schnell viel Gefühl für die Verlegung der Steine aufbrachten. Unser Projekt nahm mit den Tagen Gestalt an und wir waren ein denkbar harmonisches Team. Während wir arbeiteten, erfuhr ich zu meiner großen Überraschung, dass mein Mitarbeiter aus Nepal direkt aus der unmittelbaren Nachbarschaft jenes Zimmervermieters in Pokhara stammte, von dem aus ich meine Trekkingtour durch das Kali-Gandaki-Tal in Nepal startete. Wie ist die Welt doch so unglaublich klein …

Dann fuhren wir an den Rhein und suchten einige überdimensioniert große Felsen aus Grauwacke aus, diese wurden auf riesigen Flusskähnen aus Belgien herangeschippert. Ich musste diese ganz großen Solitärsteine sinnvoll platzieren lassen und das Gelände darum herum entsprechend modellieren. Ein Wasserlauf kam obendrein dazu. Jeder Stein, und sei er noch so klein, musste mit seiner Breitseite nach unten verlegt werden, um das Gesamtbild möglichst natürlich zu halten. Anschließend fuhr ich die nahe gelegenen Baumschulen ab und suchte einige ausgesprochene Zwergkoniferen aus. Der Feinschliff zum Schluss bestand dann in der Bepflanzung mit polsterbildenden Stauden der vielgestaltigsten Arten – darunter selbstverständlich auch hochalpine Steinbrech und dergleichen. Da ich früher immer schon viel in den Bergen unterwegs war, hatte ich mit der Zeit den notwendigen „natürlichen“ Blick gewonnen, wie Steine und Poster zueinander harmonieren sollten. Und ganz wichtig: Nichts wäre schlimmer und unnatürlicher, wie wenn in einem Steingarten Stauden zu finden wären, die nicht aus Bergregionen stammen.

Ein Trio, das über Jahre bestehen bleibt: Leinkraut (Linaria pallida) und Kriechende Fetthenne (Sedum reflexum var. refractum), dahinter der Kurzstängelige Enzian (Gentiana ‘Krumrey’, Acaulis-Gruppe).

Eine Gärtnerei zum Wohlfühlen

Mein Fernziel war es, eine Staudengärtnerei mit einem breiten Sortiment für ein pflanzeninteressiertes Publikum aufzustellen. In erster Linie habe ich mich dabei von Gärten und Gärtnereien in England und Frankreich inspirieren lassen, denn dort zeigte man damals schon wesentlich mehr Gefühl für Ambiente und Harmonie. Und nichts wurde mir mit den Jahren fremder und abweisender als Buntbildetiketten und Alutische, sogenannte Verkaufshilfen, die mir von einigen Betriebsberatern suggeriert wurden. Ich sagte mir, dass man mit solchen Dingen heutzutage keinen Liebhaber mehr anlocken könne, denn dies könnte jedes Gartencenter und jeder Baumarkt mit einem Standardsortiment wesentlich besser bewerkstelligen.

Mein Motto ist noch heute: Lass die Pflanze sich in ihrer Schönheit offenbaren! Und ein Sortiment mit mehr als 2000 Arten und Sorten kann man nicht in Augenhöhe auf Tischen platzieren, denn dies würde einen enormen Aufwand an Personal und Handling bedeuten.

Ich kann es auch nach wie vor nicht verstehen, dass es immer noch Kollegen gibt, die ihre Privatkundschaft nur in abgezirkelte, anonyme Verkaufsecken lassen, und der Rest der Gärtnerei bleibt eine nebulose, scheinbar geheimnisumwobene Tabuzone. Wovor haben sie denn Angst oder was soll verborgen bleiben? Bei mir sollen die Kunden Staudengärtnerei pur erleben, den Angestellten bei der Arbeit zusehen, ihnen quasi über die Schulter schauen können und die Stauden gleichzeitig in Schaubeeten verwendungsbezogen erleben dürfen. Kurzum, ich wollte eine Gärtnerei mit Ambiente und Charme schaffen, eine Gärtnerei zum Wohlfühlen, sozusagen als Gesamtkunstwerk. War dies ein zu hochgestecktes Ziel?

Sehr arten- und sortenreich: die Gruppe der Porphyrion-Saxifragen.

Sammeln ist eine Leidenschaft

Als leidenschaftlicher Staudengärtner sammelt man zwangsläufig drauflos – zugegeben, zu Beginn vielleicht auch etwas planlos. Man bekommt von allen Seiten Staudenneuheiten zum Ausprobieren geschenkt – und so wächst das Sortiment mit den Jahren wie von selbst. In den Anfangsjahren übernahm ich in einem Anflug von Enthusiasmus eine riesige Steinbrech-Sammlung eines steirischen Alpenpflanzensammlers sowie eine weitere, kleinere Sammlung an Alpinen. Mit einem Schlag hatte ich über 300 Sorten der polsterbildenden Porphyrion-Saxifragen zum Vermehren – ohne mir im Klaren zu sein, wie ich diese Flut an den Käufer bringen könnte. Damals hatte ich noch keinen Webshop, außerdem blühen diese wunderhübschen Juwelen schon sehr früh im Jahr: Man musste Glück haben, denn nach einem milden Winter Ende Februar kam noch kaum ein Kunde in die Gärtnerei. Zog ein kalter Winter ins Land, der bis Ende März andauerte, liefen die blühenden Pölsterchen prima – ein Glücksfall. Die meisten Alpinen der zweiten Sammlung konnte ich mit den Jahren jedoch sehr gut verwerten, während ich die Saxifragen-Sammlung jahrelang unterhielt, um sie schließlich an Hans Martin Schmidt, einen bekannten Alpenpflanzengärtner in Deutschland, im Tausch abzugeben.

Aber zu einem Staudensortiment gehören schließlich nicht nur Alpine. Doch wir leben in einer Zeit, in der Spezialisierung das Zauberwort zu sein scheint. So sehr eine Spezialisierung dem Staudengärtner auch Vorteile verschafft, mir war diese auf Dauer viel zu einseitig. Wenn ich mir vorstelle, ein Leben lang nur Funkien (Hosta) zu vermehren, mich ausschließlich mit Polsterstauden zu beschäftigen oder gar eine reine Kräutergärtnerei zu besitzen, ich würde den Spaß am Beruf verlieren. Denn man möchte doch immer auch noch andere Stauden ausprobieren – und zu groß ist das Betätigungsfeld. Es ist aber natürlich eine riesige Herausforderung, auf verschiedenen Ebenen immer up to date sein zu wollen, und alle paar Jahre beispielsweise das Sempervivum-Sortiment oder die Hosta-Sammlung mit Neuheiten aufzupeppen.

Dazu kommt, dass jedes Jahr Unmengen an Neuheiten auf den Markt gelangen, sei es via Jungpflanzenfirmen oder im Tausch unter Kollegen.

Alt versus neu – wer muss gehen?

Früher galt es geradezu als Ehrensache, Neuheiten erst einmal unter der Hand an befreundete Gärtner weiterzugeben, diese zu vermehren und auszuprobieren. Die Neuheiten wurden außerdem an Staudensichtungsgärten gesandt und dort parallel auf Herz und Nieren über einige Jahre geprüft. Heute leben wir in einer äußerst schnelllebigen Zeit, jeder will der erste sein, Neuheiten kommen und gehen teilweise auch wieder von selbst, ohne dass ihr Wert je ausprobiert oder hinterfragt wurde. Ich habe mir immer zum Ziel gesetzt, offen und kritisch gegenüber Neuheiten zu sein, jedoch auch alte, bewährte Sorten zu behalten. Für einen Staudengärtner bedeutet das auch, über seinen eigenen Schatten zu springen und alte, überholte Sorten gnadenlos zu verwerfen und aus dem Sortiment zu streichen. Denn sonst würde das Sortiment mit der Zeit ins Unermessliche wachsen. Es genügen zehn gute, blaublühende Storchschnäbel im Sortiment – man braucht keine 40 Sorten, es sei denn, man ist Geranium-Spezialist und sammelt diese. Aber auch dann sollte man Prioritäten setzen und nur jene Sorten in größeren Stückzahlen unter die Leute bringen, die auch den Kundenansprüchen gerecht werden.

Offen für die Welt

Hat man bereits Verbindungen in alle Welt, so soll man diese Kontakte als Staudengärtner auch ausnutzen. Unser Sortiment bereicherte ich mit den Jahren durch vielerlei Tauschaktionen mit privaten Züchtern und Kollegen, nicht nur über den Weg einer Jungpflanzenfirma. Ich denke beispielsweise an Franz Erbler, den österreichischen Taglilienzüchter, der uns seine bodenständigen, robusten „Haller-Sorten“ zur Vermehrung und zur Einführung überließ. Aber auch an begnadete Pflanzensammlerinnen wie Doris Höllinger oder Anny Bartl, die uns manchen ihrer besonderen Findlinge gaben. Diesem pflanzlichen Austausch kann gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden!

Durch Briefkontakte, heute leicht über die neuen Medien wie Facebook herzustellen, aber auch durch Gartenforen gelangt man an Gleichgesinnte aus nah und fern, mit denen man immer wieder Seltenheiten tauschen kann. Einige professionelle Samensammler in Übersee verkaufen auch nach Europa, so gelangt man zu weiteren wertvollen Raritäten. Und schließlich konnte ich im Laufe der Zeit mancherlei Kontakte zu botanischen Gärten knüpfen, die bereit waren, mir ihre Samenlisten zur Durchsicht zu überlassen oder mir so manchen Steckling zur Vermehrung abzugeben.

Sortiment nach Geschmack

Das Sortiment richtet sich auch erheblich nach dem Geschmack der jeweiligen überregionalen Kundschaft. Beispielsweise sind Gräser bei den Hobbygärtnern Österreichs nach wie vor kein allzu tief gehendes Thema, keinerlei Vergleich zu Westeuropa oder gar den USA. Hier ein ausgefallenes Sortiment ausschließlich für die Laufkundschaft bereitzuhalten, wäre schlichtweg purer Luxus. Dabei stehen bei uns jede Menge Gräser in den Schaugärten, gut integriert und interessant kombiniert. Über den Webshop allerdings sieht die Sache wieder ganz anders aus, hier werden durchaus eine Menge Gräser bestellt. Und die Zeiten könnten sich auch in Österreichs Privatgärten ändern, wenn die Gartengestalter auch weiterhin Gräser verwenden wie bisher.

In den 1980er-Jahren sammelte ich in meiner alten Firma wie versessen alles an panaschierten Stauden, was mir unterkam, und machte mir große Hoffnungen, dass diese vielleicht auch bei unseren Kunden Gefallen finden könnten. Weit gefehlt! Bei uns haben weiß gerandete Funkien in einigen Sorten nach Jahrzehnten der Sortimentspflege den Einzug in die Akzeptanz gerade geschafft, bei silbrigen Lungenkräutern wird es schon wesentlich schwieriger und eine gelb-grau panaschiert-gesprenkelte Weinraute wird zum Noseller – ganz zu schweigen von anderen Kuriositäten, die in Japan und den USA mit der Zeit vielleicht zur gesuchten und teuren Rarität wurden. Auch in den großen Vermehrungsbetrieben in Europa kann ein von vielen erhofftes Highlight durchaus auch einmal zum Flop werden – es gibt genügend Beispiele.

Taglilien zählen zu den anspruchslosen und langlebigen Stauden.

Der Geschmack und somit die Sortimentsgestaltung hängt stark davon ab, wie modern eine Staude gerade ist und worüber die Zeitschriften berichten. Wurde beispielsweise geschrieben, dass Astrantia unkomplizierte Dauerblüher sind und außerdem unabdingbar zum „Dutch Wave“ dazugehören, kann dies eine ganze Jahresproduktion positiv beeinflussen, indem der vorhandene Bestand schnell aufgebraucht wird. Ähnliches haben die höheren Glockenblumen erfahren, die sich einer ungebremsten Beliebtheit erfreuen. Regionale Modeerscheinungen können sich außerdem mit der Zeit zu Paradestauden schlechthin entwickeln. Für mich ist das beste Beispiel der Hohe Stauden-Phlox, der sich nicht nur im bayerischen Raum, sondern weit darüber hinaus bei vielen Gartenfreunden einer jahrzehntealten, ungebrochenen Liebschaft erfreut.

Die schwarzblättrige ‘Brazen Hussy’ ist eine sehr verbreitete und auffällige Scharbockskraut-Sorte.

Scharbockskräuter laufen nicht?

Ein weiteres, für mich zunächst sehr negativ besetztes Thema waren die hübschen Scharbockskräuter aus England. Wir waren die ersten, die sich diese liebenswerten Frühlingsblüher zulegten – um damit zunächst gründlich ins Fettnäpfchen zu treten. Zur Vorgeschichte: In England existiert eine Unterart des Scharbockskrautes (Ranunculus ficaria), welches keinerlei Knöllchen (Achselbulbillen) in den Blattachseln bildet und sich somit nicht wie die Pestilenz im Garten ausbreiten kann, sondern brav horstig wächst und zudem jedes Jahr schöner wird. In Kombination mit Vorfrühlingsalpenveilchen, Nieswurz und Zwergnarzissen können auf diese Weise farbenfrohe Vorfrühlingsbilder geschaffen werden, nach denen sich jedermann sehnt.

Aus dieser Unterart wurden von einigen Liebhabern in England die unterschiedlichsten Sorten selektiert, und auch in der Natur wurden Auslesen gefunden. Diese zeichnen sich durch dunkelmetallisch glänzende Blätter und wohlgeformte einfache bis gefüllte Blüten aus. In den 1990er-Jahren hatte ich Kontakt zu John Carter, dem National Collection Holder in England. Von ihm ließ ich mir rund 30 vielversprechende Sorten schicken. Es waren teilweise nur winzige Knöllchen, es dauerte einige Jahre, bis wir davon Verkaufspflanzen vermehrt hatten. Und dann kam mit den Jahren die riesengroße Enttäuschung: Kaum jemand hatte Interesse daran, und auf Gartentagen im Frühling bekam ich mehrfach von Kunden zu hören, was ich mit diesem Unkraut wohl bezwecken wolle. Da konnte man sich den Mund fusselig reden – Scharbockskraut, Gott bewahre! Ich war nahe daran, das ganze schöne Scharbockskraut mit seinen wohlklingenden Sortennamen nach Jahren der Vermehrung schnellstmöglich zu kompostieren.

Namen machen Leute – und Pflanzen

Eines Tages kam mir dann ein genialer Einfall. Ich schrieb gerade einige Verkaufstäfelchen für meinen Stand am Berliner Staudenmarkt im Botanischen Garten Berlin-Dahlem und da dachte ich, wie wäre es, wenn ich diese Scharbockskräuter nun einfach ganz salopp unter „Seltene Zwerg-Ranunkeln“ verkaufe? Ich schrieb ein entsprechend großes Schild und die Rechnung ging tatsächlich auf. Allerdings war die Qualität in jenem Jahr so richtig knackig und meine Zwerg-Ranunkeln blühten sprichwörtlich aus allen Knopflöchern.

Wenig später bekamen wir dann unseren Onlineshop, wo ein größerer Kundenkreis mittels guter Bilder und einer zusätzlichen, möglichst blumenreichen Beschreibung per Mausklick bestellen konnte – Stauden per Paket sozusagen. So gelangte ich an einen internationalen Liebhaberkreis, den man für den Absatz seltener Stauden sonst vielleicht nicht erreicht. Seit einigen Jahren finden ganz besonders Staudenfreunde aus Skandinavien, Russland und Polen großen Gefallen an diesen reizenden Zwerg-Ranunkeln, und heute bin ich froh, diesen langen Atem gehabt zu haben, denn von manchen Sorten sind immer viel zu wenig Verkaufspflanzen vorhanden.

Ein Staudensortiment auf seinen Kundenkreis zurechtzuschneiden ist ein schöner, aber langwieriger Prozess, der wohl nie ganz abgeschlossen sein wird. Es ist ja auch ein sehr spannender Prozess, der uns beweist, wie abwechslungsreich unser Beruf sein kann, bei aller Konsequenz, was Vermehrung der nötigen Stückzahlen sowie der Vermarktung anbelangt. Und dies ist ein Unterfangen, wo nur selten ein Optimum erreicht wird.

Mit Funkien können selbst kleinste Stellen im Schattengarten kontrastreich belebt werden.

Die etwas andere Gärtnerei

Vor Jahren hatte ich einen Wirtschafts- und Unternehmensberater konsultiert, der unsere Gärtnerei von der Zahlenseite her analysieren sollte. Er machte sich natürlich auch ein Bild vom innerbetrieblichen Ablauf sowie vom Sortiment und vom äußeren Gesamteindruck. Bei der Schlussbesprechung sagte er mir, wenn er zu uns in die Gärtnerei komme, wisse er gar nicht, wo er sich befindet: ob in einem botanischen Garten, in einem öffentlichen Schaugarten oder etwa doch in einer Gärtnerei? Es fehlten ihm außerdem die gewohnten Verkaufseinrichtungen. Ich erklärte ihm, dass aber genau dieses Agieren abseits der Norm der springende Punkt sei, warum die Kunden von so weit her kämen. Schaugärten bereiten neben den jährlichen Vermehrungsarbeiten und dem Verkauf zusätzlichen Mehraufwand, das war mir von Anbeginn klar. Und dies gilt vor allem für einen gut gepflegten Staudengarten, ich meine hier keinen sterilen geschleckten Schaugarten, der vor Rindenmulch nur so strotzt. Es dauert aber einige Jahre, bis sich ein Schaugarten eingewachsen präsentiert. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Ich bin froh, auch hier diesen langen Atem besessen zu haben, denn ich hielt noch nie etwas von Schnellschüssen, die zeitgleich mit viel Marketinglärm erfolgen. Dies gilt übrigens nicht nur für das Sortiment, sondern besonders auch für die Schauanlagen. Als ein gutes Beispiel hierfür sehe ich den Hosta-Garten, der sehr lange brauchte, bis er eingewachsen war – aber dafür hält er sich nun über lange Jahre geradezu perfekt.

Ein Tagliliensämling von Franz Erbler, dahinter der legendäre Phlox paniculata ‘Wennschondennschon’ von Karl Foerster.

Schaugärten zum Experimentieren

Meine Schaubeete habe ich nie am Schreibtisch bis ins Detail geplant. Viele Ideen kamen mir während der Arbeit, Zeit zur Umsetzung war meist erst im Spätherbst vorhanden. Ich kann hier auch gar nicht oft genug den Vorteil einer Herbstpflanzung betonen: Man sieht seine Stauden in den Töpfen vor sich und kann wunderbar die Farben und Texturen miteinander verknüpfen, viel besser als bei einer Frühjahrspflanzung, wo man gerade mal ein wenig Leben erkennen kann. Und ein Staudengärtner kann nahezu aus dem Vollen schöpfen, das Sortiment verleitet geradezu zum verschwenderischen Umgang mit der Materie! Für mich war daher eher eine maßvolle Zurückhaltung das Gebot der Stunde.

Die gestalteten Flächen sollten über die ganze Gärtnerei verteilt sein – nicht hier die Produktion, dort der Verkauf und vielleicht erst am hintersten Winkel der Gärtnerei ein wenig die Seele baumeln lassen. So entstand mit der Zeit von der Einfahrt bis an das südwestliche Ende des Geländes ein Schaubeet nach dem anderen, quer über die gesamte Gärtnerei verteilt.

Was kann man an Ideen transportieren, was wollen die Kunden – also Sie – sehen, was können Sie als Anregungen mit nach Hause in Ihren Garten nehmen? Ich war schon immer ein Freund des Experimentierens und probiere am liebsten neue und für manchen Gartenliebhaber auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnliche Staudenkombinationen aus. Und wir lassen in unseren Beeten auch stets ein wenig Eigendynamik zu, in dem allen sich selbst aussäenden Stauden ein gewisser Freiraum zugestanden wird.

Eine Gartenszene entwickelt sich

Anfang der 1990er-Jahre wurde es Mode, Gartenreisen nach England zu unternehmen. Mit Bildern von traumhaften Gärten im Kopf kehrten viele Gartenbesitzer heim und hatten den Wunsch, die dort besichtigten üppigen „Mixed Borders“ in ihren eigenen Gärten zu verwirklichen. Zeitschriften berichteten parallel von Great Dixter, Sissinghurst und vielen anderen Gartenhighlights. Außerdem sehnte man sich nach natürlicheren Gärten, die eine größere Artenvielfalt aufwiesen. Gartentage verbreiteten sich nach und nach auch auf dem „Kontinent“ – die Gelegenheit war also günstig wie nie zuvor, sich in der Szene mit seinem Sortiment bekannt zu machen.

Als ich mich 1995 selbständig machte, war auch in Österreich bei vielen Stauden- und Gartenliebhabern generell eine Art Aufbruchstimmung zu spüren. Es begann sich eine Gartenszene zu entwickeln und nach langen Jahren einer gewissen Gartenthemen-Gleichgültigkeit rutschten die Pflanzen wieder in den Vordergrund – obgleich uns das Unwort „pflegeleichter Garten“ aus den 1970er-Jahren bis in jene Tage begleitete.

In Österreich gab es eine alte Pflanzensammeltradition, die teilweise bis in die k.u.k.-Zeit zurückreichte. Leider aber war es auch üblich, für sich selbst zu garteln und sich dabei nur wenig in die Karten schauen zu lassen. Ich kannte gleich mehrere hochgeschätzte Fachleute, die teilweise ganz dicht beieinander wohnten und sich noch nie besucht hatten. Zum Glück änderte sich dies in jenen Jahren. Man interessierte sich endlich füreinander, besuchte fremde Gärten und Parks, tauschte seine Meinung, seine Ideen und seine Pflanzen aus und suchte nach neuen Ufern.

Und heute?

Das Staudensortiment wächst nahezu ins Uferlose, neue Stauden kommen und gehen neben den altbekannten Staudensorten. Der detaillierte Kenntnisstand und das Wissen über die verschiedenen Staudenarten ist heute wesentlich größer als noch vor Jahrzehnten. Man ist als Fachmann überrascht über die weitreichenden Fachkenntnisse einzelner privater Spezialisten, die mit wesentlich detaillierterem Wissen aufwarten als so mancher ältere Staudengärtner. Wir haben Fachleute, die sich mit Lilien, Funkien, Phlox, Farnen, Steinbrech, Schneeglöckchen oder ausschließlich Steingartenpflanzen auseinandersetzen und hier bis ins Detail informiert sind.

Im deutschsprachigen Raum stieg der Pro-Kopf-Verbrauch für Garten und Pflanzen zu einem der höchsten weltweit. Das heißt aber leider nicht, dass analog dazu auch bei jedem Verständnis für die entsprechenden Naturzusammenhänge vorhanden ist. Viele Gartenmenschen der westlichen Welt setzen sich mit der Natur, dem Wetter sowie mit den Faktoren wie Licht, Luft, Wasser und Erde kaum mehr auseinander. Das ist geradezu fatal und sehr schade, denn ohne diesen Bezug zur Natur wird Garten auf Dauer nur schwer funktionieren. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die sogenannten Kiesgärten hinweisen, wie sie heute leider auf dem Vormarsch sind – und die man getrost mit Thujenhecken, Verbundsteinpflaster und Cotoneaster-Abstandsgrün gleichsetzen kann. Positiv zu vermerken ist, dass es heute vielerorts schöne Gärten gibt. Die 1970er-Jahre sind passé und zugleich omnipräsent. In der Gartengestaltung und Pflanzenverwendung hat sich vieles zum Positiven verändert. In den Gärten ist wieder mehr „laissez faire“ angesagt, die Natur ist sozusagen auf dem Vormarsch. Doch wirklich überall? Und muss die Natur auch im Garten auf dem Vormarsch sein, wo doch der „Hortus“ ein von Menschen gemachtes, ureigenes Fleckchen Erde ist? Ich finde, Garten sollte Garten sein und eben keine Kopie der Natur.

Ein Wunsch sei mir erlaubt

Irgendwer behauptete einmal, dass jede größere Stadt und jede Region ihre traditionell geführte Staudengärtnerei besitzen sollte. Ist dies eine zu idealistische Vorstellung? Mir tut es allerdings schon ein wenig in der Seele weh, wenn sich der Verkauf von Stauden lediglich auf Gartencenter und Baumärkte beschränkt, auch wenn sich diese Entwicklung nicht aufhalten lässt. Als ich in den 1980er-Jahren die ersten Male nach England fuhr, erschien die Welt jenseits des Kanales noch in Ordnung. Es gab eine Menge kleiner Gärtnereien mit vielen Spezialisten und Enthusiasten und nur wenige große Gartencenter. Doch auch in England verlagerte sich der Markt und auch dort sind die Gartencenter auf dem Vormarsch. Die Anzahl der Staudengärtnereien mit ihren Spezialsortimenten verringerte sich, obgleich viele nach wie vor existieren. Außerhalb Englands hat sich der Kuchen bereits aufgeteilt und es gibt ein Sowohl-als-auch – allein schon deswegen, weil der Kundenkreis in all seinen Bedürfnissen und Interessen unterschiedlicher nicht sein kann.

Und wirklich: Warum sollte eine Staudengärtnerei mit reinem Privatverkauf nicht auch neben anderen Absatzformen existieren können? Seit einigen Jahren macht der Begriff Gärtnereierlebnis die Runde. Für mich wichtiger ist es aber, dass wir Staudengärtner Begeisterung ausstrahlen und vor allem Kompetenz vermitteln. Karl Foerster sprach von der „Begärtnerung der Menschenseele“ als eine unserer Kernaufgaben. Und daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert!

Vom Jahr des Staudengärtners

Wer glaubt, dass in einer Sortimentsgärtnerei jahraus, jahrein dieselben Arbeiten anstehen und sich ohnehin nur alles wiederholt, der irrt gewaltig. Sicher, viele gärtnerische Handgriffe sind stets dieselben. Es schadet trotzdem nicht, Ihnen als Außenstehenden ein paar Einblicke zu geben.

Einige Worte vorab

Vor allem will unterschieden werden, um welche Art Staudenbetrieb es sich handelt. Viel klarer sind die jährlichen Arbeiten in einem Großbetrieb, der ausschließlich für den Wiederverkauf produziert und ein eher eingeschränktes Sortiment führt.

Oder auch in Spezialgärtnereien, die ausschließlich Bodendecker oder Wasserpflanzen kultivieren. Einerseits habe ich solche Gärtnereien oft beneidet, da sich dort vieles wesentlich besser planen und kalkulieren lässt. Die Vermehrung und deren Arbeitsabfolge ist den wenigen Kulturen ziemlich angepasst und lässt sich logistisch besser bewältigen. Nichts ist jedoch spannender und erfüllender als ein großes Sortiment selbst zu vermehren, es zu erhalten oder gar auszubauen, zu verändern und einer wechselnden Dynamik zu unterwerfen.

Die Kunden geben einem ein Stück weit vor, welche Pflanzen man produzieren sollte. Aber man kann durchaus auch als kleiner Staudengärtner seinen Markt ein Stück weit bereichern, indem man mit Besonderheiten aufwartet. Neueinführungen aus aller Welt, Neuzüchtungen oder aber historische Staudensorten zu kultivieren – das alles macht Laune und bringt Abwechslung ins Geschehen. Und außerdem hebt man sich mit einem ungewöhnlichen Sortiment erfrischend von Baumärkten und Gartencentern ab.

Die Worte „Produkt“ und „Ware“ missfallen mir übrigens: Wir haben es doch mit Pflanzen zu tun, mit lebenden Objekten! Und ein Sortimentsstaudengärtner, der seine Pflanzen zum größten Teil selbst vermehrt, darf auch nicht einfach als Händler bezeichnet werden. Ein Händler ist jemand, der alles zukauft und dann verkauft. Ich finde, dass man das immer wieder betonen sollte. Es darf auch niemals vergessen werden, dass der Gärtner ähnlich dem Landwirt zu den sogenannten Urproduzenten zählt. Und auch wenn sich heute vieles zwar steuern und verbessern lässt, viele Arbeitsgänge vereinfachen und perfektionieren – die Vermehrung von Pflanzen unterliegt der Natur und ist den Witterungseinflüssen ausgesetzt, was unter Umständen mit Verlusten verbunden ist.

Die Ruhe vor dem Sturm: Januar

Auch das Jahr des Staudengärtners beginnt mit dem kalten Januar. Nun könnte ich es mir leicht machen und aus dem Buch „Das Jahr des Gärtners“ von Karel Čapek zitieren. Aber die Zeiten haben sich doch gewaltig geändert, wenn auch einige grundlegende Dinge gleich geblieben sind. Im Januar sollten eigentlich alle Staudensamen und die fehlenden Freilandpflanzen bestellt oder sogar schon ausgesät sein. Sollte das noch nicht geschehen sein, so kann man es jetzt noch nachholen.

Der Januar bietet sich wie kein anderer Monat an, Seminare und Kurse zu besuchen und sich als Staudengärtner weiterzubilden. Für unseren deutschsprachigen Raum liegt das Mekka des „Bildungs-Staudengärtners“ in Grünberg in Hessen oder auch im österreichischen Langenlois.

Gräser, wie die reichblühenden Sorten des Chinaschilfes, sind zu jeder Jahreszeit attraktiv und tonangebend.