Marquis de Sade - Jürgen Wolter - ebook

Marquis de Sade ebook

Jürgen Wolter

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Opis

'Ich bin vollkommen überzeugt, daß es nicht das Objekt der Lust, sondern die Idee des Bösen ist, die uns bewegt', sagte einst Donatien Alphonse François des Sade und diese Einstellung wird in all seinen Werken deutlich. Als Libertin ging es Sade darum, die Grenzen des Anstandes und des Geschmacks zu überschreiten, Tabus zu brechen und sich eine Welt grenzenlosen Lustgewinns zu schaffen. In seinen Büchern beschreibt er die tiefsten Abgründe des Menschen und läßt dabei nichts aus: Analverkehr/Sodomie, Oralsex und Flagellation gehören da noch zu den harmloseren Spielarten, die die Phantasie des Adligen hervorbrachte; überboten werden diese von extremsten Perversionen aller Art: Blasphemie, Inzest, Infibulation [Zunähen von Geschlechtsteilen], Folter, Zoophilie [Sex mit Tieren], Ophresie [Lust an ekelerregenden Gerüchen], Urophilie [Lust an Urin], Koprophilie [Lust an Kot] und Koprophagie [Essen von Kot], Anthrophagie [Essen von Menschenfleisch] und Nekrophilie [Sex mit Leichen] sind nur eine Auswahl dessen, was den Leser bei Sade erwartet Dennoch: Das Leben des perversen de Sade war höchst interessant, und nicht alles, was er sich an sexuellen Perversionen und Grausamkeiten ausdachte und niederschrieb, hat er live erlebt. Nicht umsonst jedoch wurde jene sexuelle Anomalie nach ihm benannt, bei der durch Schmerzzufügung Lust entsteht Fazit: Ob de Sade nun total verrückt oder genial war, muß jeder selbst entscheiden interessant sind sein Leben und Werk, die hier vorgestellt werden, allemal!

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JÜRGEN WOLTER

© Copyright Carl Stephenson Verlag,

Schäferweg 14, 24941 Flensburg

Alle Rechte vorbehalten einschließlich der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien

E-Mail: [email protected]

Internet: www.stephenson.de

E-Book: ISBN 978-3-7986-0308-0

Druck: ISBN 978-3-7986-0080-5

0130370 0000 • 268 Seiten

MARQUIS

DE SADE

HERR DER QUAL

JÜRGEN WOLTER

Donatien Alphonse François Marquis de Sade 1740 - 1814

Gott oder Dämon?

Zur Einführung

»Man muß immer auf Sade, das heißt auf den natürlichen Menschen zurückgreifen, um das Böse zu erklären.«

Charles Baudelaire

„Gut entwickelte Schädelwölbung [Wohlwollen], keine auffallenden Ausbuchtungen in der Schläfengegend [Sitz der Grausamkeit], keine ungewöhnlichen Höcker hinter und über den Ohren [Sitz der Streitsucht], Kleinhirn von mäßigem Umfang, kein besonders großer Abstand von einem Warzenfortsatz zum anderen [Sitz der übermäßigen Sinnlichkeit].“ So liest sich das phrenologische Gutachten über Donatien Alphonse François de Sade. Angefertigt hat es der Assistenzarzt Ramon, der das Sterben des ehemaligen Marquis in der Irrenanstalt Charenton begleitete. Ramon war ein Anhänger der damals populären Phrenologie, einer Lehre, nach der aus der Schädelform gewisse geistig-seelische Eigenschaften bestimmt werden können. Bei Umbettungen auf dem Friedhof hatte er Sades Schädel an sich genommen. „Schon wenn ich in dem würdig, fast patriarchalisch herumwandelnden de Sade niemals den Verfasser von »JUSTINE« und »JULIETTE« vermutet hätte, so würde ich ihn nach der Untersuchung seines Schädels erst recht von der Anschuldigung freisprechen, solche Werke hervorgebracht zu haben. Sein Schädel gleicht in jeder Hinsicht dem eines Kirchenvaters.“ Ganze Heerscharen kluger Leute haben sich ihren Kopf über Donatien Sade zerbrochen. Sie haben seine Beziehungen analysiert und seine Schriften studiert, sind aber nicht zu übereinstimmenden Wertungen gekommen. Genau darin liegt die Faszination dieses Mannes. Top oder Flop, gut oder böse gibt es bei ihm nicht, ebensowenig wie eine gültige Helden- oder Schurkenrolle. Donatien bietet mit seinem Leben und Werk Raum für jedwede Reaktion: Verachtung und Bewunderung, Verdammung und Vergötterung. Als der göttliche Marquis wird er von den einen verehrt, als Dämon Sade von den anderen verteufelt. „Der subversivste Mensch, der je erschienen ist“, urteilte Georges Bateille, „der unabhängigste Geist, der jemals gelebt hat“, ergänzte Guillaume Apollinaire. „Sade ist der Bluthusten der europäischen Kultur“, meinte Ernst Ulitzsch, während Jules Janin stöhnte: „Überall, wo dieser Mensch auftritt, verspürt man einen Schwefeldunst, als ob er durch den sodomitischen See geschwommen wäre.“ Der große Sade-Biograph Gilbert Lely schrieb: „Der Marquis de Sade ist vor allem ein Mensch, der mit einer genialen wissenschaftlichen Imagination begabt ist.“ Jean-Jacques Pauvert hielt ihn für „eines der fünf oder sechs Universalgenies ganz großen Zuschnitts“ und für „den größten Schriftsteller Frankreichs“. Ganz anders Paul Claudel: „Es ist wenigstens gut, daß man Sade die Hälfte seines Lebens im Dunkeln hat zubringen lassen.“ Niemand, weder ein Leser noch ein Kritiker, wird jemals ein abschließendes allgemeingültiges Urteil über Donatien Sade abgeben können. Der Mann ist nicht einzuordnen, gibt mannigfache individuelle Interpretationsmöglichen und bietet viele intellektuelle Ankerpunkte. So verdammt auf der einen Seite Alice Schwarzer sein Werk als frauenverachtende Hardcore-Pornographie, während Feministin Angela Carter die starke Sade-Figur Juliette als Inbegriff der ersehnten Frauen-Power bejubelt. So erkoren die Surrealisten Donatien Sade zum Gott der absoluten Freiheit aus, während Faschisten an seinen Gedanken zur Reinigung der Gesellschaft durch Massenmorde Gefallen fanden. Einige Schriftsteller machten aus Donatien ein frauenzerstückelndes Monster, andere setzten ihm einen szientifisch-philosophischen Heiligenschein auf. Sie erklärten ihn zu einem Gelehrten, der schon vor Freud die Triebstrukturen der menschlichen Sexualität erforschte und vor Krafft-Ebing deren Abgründe in einer Psychopathia sexualis ordnete. Das ist Unsinn, denn nicht sein Forschergeist hielt das Flutlicht in den Sex-Untergrund, sondern seine Lüsternheit. Er beschrieb das, was sein Glied spannte. Das war zwar mehr und ungeheuerlicher, als es sich der Durchschnittsmensch vorstellen konnte, aber längst nicht alles. In Lebensschilderungen wird Donatien häufig zum Märtyrer und Helden, zum Brecher gesellschaftlicher Normen und zum Opfer staatlicher Willkür verklärt. Demgegenüber muß klar gesagt werden, daß Donatien Sade üble Sexualstraftaten begangen hat, die nicht entschuldbar sind. Und es muß festgestellt werden, daß er keinesfalls ein sympathischer Zeitgenosse gewesen ist. Vielmehr war er bis zu seiner ersten langen Haft ein arroganter Aristokrat, für den das gemeine Volk ein Nichts war. Ihn interessierten allenfalls die Bauern seiner Besitzungen, weil die durch ihre Abgaben seinen Lebensunterhalt sicherten, und die Mädchen in den Schauspielhäusern, weil die seine sexuellen und intellektuellen Bedürfnisse befriedigten. Ansonsten war er ein Egozentriker, der sich für den Nabel der Welt hielt und alle anderen Menschen drumherum für willfährige Tanzmäuse und Dukatenesel. Seine treusorgende Ehefrau schüchterte er durch wilde Tobsuchtsanfälle ein, seinen ergebenen Verwalter bombardierte er mit ungeduldigen Geldforderungen. Donatien war ein ziemlich fieser Typ. Dennoch: Irgendetwas muß ja an ihm dran sein, daß sein Leben vielfach nacherzählt und verfilmt wurde, daß seine Werke nie vergessen wurden und inzwischen als Klassiker eingestuft werden. Sein literarisches Genre blühte im ausgehenden 18. Jahrhundert, Kollegen wie Réstif de la Bretonne und Andréa de Nerciat publizierten gleich ihm Erotisches. Deren Bücher kennt heute kaum noch jemand, während Sades »JUSTINE«, »JULIETTE« UND »DIE 120 TAGE VON SODOM« sogar in die Pléiade, die prestigereichste französische Literaturedition eingereiht wurden. Allerdings war es lange Zeit schwierig, an Sade-Bücher heranzukommen. Sie waren in den Giftschränken der Bibliotheken eingeschlossen; erst 1955 konnte Verleger Jean-Jacques Pauvert nach langen Prozessen endlich eine Gesamtausgabe herausbringen. Sades Texte sind unglaublich originell und radikal. Phantasievoll werden jede Menge Sexperimente und Martermethoden ausgemalt, scharfsinnig werden Machtverhältnisse und Verhaltensmuster ausgeleuchtet, prophetisch werden neue Gesellschaftsmodelle entworfen. Manche Stellen kitzeln Lubrikation und Erektion hervor, andere sorgen für Abscheu und Entsetzen. Aber stets fesseln sie. „Je deutlicher die Gemeinheit des Lasters vor den Augen der Welt bloßgelegt wird, desto größer ist der Widerwille, den eine tugendhafte Seele dabei empfindet“, verteidigte Sade scheinheilig seine Sex- und Gewaltschilderungen. „Derlei Dinge entrüsten uns, erfüllen uns mit Ekel, belehren uns, doch erhitzen tun sie uns niemals.“ Wirklich? Donatiens Sohn wollte einst die Erinnerung an den Vater auslöschen. Er ließ dessen Namen aus dem Stammbaum der Familie tilgen und bemühte sich um den Aufkauf und die Vernichtung aller Manuskripte. Die Urururenkel haben weniger Probleme mit dem höllischen Marquis. Die Ahnentafeln verzeichnen ihn wieder, und Thibault de Sade [Jahrgang 1957] verdankt einer Arbeit über Sade und die Politik seinen Doktortitel. Daneben stellt er aus den Trauben seiner Weingüter ein edles Gesöff her: den Champagner Marquis de Sade. Thibault hat gute Gründe: „Sade liebte den Champagner. Im Champagner spiegeln sich seine Schwäche für Luxus, Qualität, Lust und Lebenskunst. Die libertine Philosophie ist vor allem die Philosophie der Tafel.“ A votre santé!