Liebe und Tod im Grenzland - Ruth Malten - ebook

Liebe und Tod im Grenzland ebook

Ruth Malten

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Opis

Fünf Generationen der Familie Freund erleben die Turbulenzen des 20. Jahrhunderts. Die allein erziehende Helene näht in Breslau für Pfennigbeträge in Akkord und Heimarbeit Uniformen für die Preußische Armee. Ihre kleine Tochter Elise kämpft darum, in die Schule gehen zu dürfen, weil die Mutter ihre Mithilfe braucht. Die Pläne des blind geborenen Paul und der vaterlos aufgewachsenen Emma werden von den Kriegsereignissen überrollt. Emma und die drei Kinder fliehen Anfang 1945 vor der nahenden Front. Werden sie Paul wiedersehen, der als Volkssturmmann zurück bleibt? Die Familie kehrt 1945, um nicht zu verhungern, in ihr Haus östlich der Neiße zurück, den Stadtteil, der inzwischen polnisch verwaltet wird. Sie erleben Hass und Demütigungen der Sieger in jeglicher Form und versuchen mit Glauben, Zuversicht, Musik, und Humor zu überleben. 1946 werden sie vertrieben. Als Flüchtlinge abgestempelt, erfahren sie, wie es ist, Menschen ohne Ansehen, niemand zu sein. Ihre Odyssee ist mit ihrer Ankunft im Westen nicht beendet. Der Weg in ein neues Leben ist mühsam. In eindringlichen, dramatischen und ungewöhnlichen Szenen erzählt die Autorin von den Herausforderungen, denen sich die Familie Freund im Verlaufe eines Jahrhunderts auf dem Hintergrund des jeweiligen politischen Geschehens gegenüber sieht und schildert spannend und anrührend, wie eine demoralisierte Familie auf ihre Weise wieder zum Menschsein zurückfindet.

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Liebe und Tod im Grenzland

Historische Familien-Saga

Alle Personen und Namen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind Zufall.

Ruth Malten

LIEBE UND TOD IM GRENZLAND

Historische Familien-Saga

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2013

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Quellennachweis:

Das Buch enthält einige genehmigte Passagen aus „Chronik der Deutschen“ © wissenmedia in der inmediaONE] GmbH

Gütersloh/München

und dem „Görlitzer Tagebuch 1945/46“ von Franz Scholz, Marx Verlag

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

ISBN 9783954888016

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Vorwort

1. Kapitel Pauls dunkler Start ins Leben

2. Kapitel Adelheid ist dagegen

3. Kapitel Gustav will weiterkommen und zieht nach Breslau um

4. Kapitel Elise organisiert ihr Leben mit Emma neu

5. Kapitel Gustav möchte sich selbständig machen

6. Kapitel Unternehmen Ostpreußen

7. Kapitel Extrablätter

8. Kapitel Der erste Weltkrieg bricht aus

9. Kapitel Mit Siebzehn auf eigenen Füßen

10. Kapitel Paul besucht Tante Selma von Görlitz aus in Breslau

11. Kapitel Der Schicksalsbrief

12. Kapitel Humboldtstraße

13. Kapitel Der Lindenbaum

14. Kapitel Die Schlangengrube

15. Kapitel Letzter fast unbeschwerter Sommer

16. Kapitel Zenit überschritten

17. Kapitel Im Auge des Orkans

18. Kapitel Die Front naht. Fliehen müssen

19. Kapitel Paul findet seine Familie wieder

20. Kapitel Dritte Flucht: Nach Königstein.

21. Kapitel Zurück in die Höhle des Löwen

22. Kapitel Wieder daheim. Unter dem Joch der Sieger

23. Kapitel Polnische Schule. Leid und Elend am Grenzfluss

24. Kapitel Nächtliche Schrecken

25. Kapitel Hilfsklempner und andere Jobs

26. Kapitel Kundschaften, stöbern, finden, erfinden

27. Kapitel Stille Nacht, bedrohliche Nacht

28. Kapitel Rivalitäten. Michael

29. Kapitel Die Kräfte schwinden. Überleben wollen.

30. Kapitel Paul wird abgeholt

31. Kapitel In zehn Minuten raus

32. Kapitel Die Vertreibung

33. Kapitel Auf dem Kohlenbahnhof

34. Kapitel Abtransport nach?

35. Kapitel Ankunft in?

36. Kapitel Erster vorläufiger Zielort

37. Kapitel Erste Eindrücke und Aktionen

38. Kapitel Der vergrabene Schatz

39. Kapitel Ute muss dringend operiert werden

40. Kapitel Fahrschülerin

41. Kapitel Neuenhausen - Die Hundebude

42. Kapitel Lauter neue Leute, Sitten und Gebräuche

43. Kapitel Menschliches, allzu Menschliches

44. Kapitel Denkwürdige Konzerte

45. Kapitel Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

46. Kapitel Deutschland erfindet sich - unter Aufsicht - neu

47. Kapitel Ulmenhügel - das Haus am Wald

48. Kapitel Vom Vorläufigen zum Endgültigen - zum Endgültigen?

49. Kapitel „Sie heiraten ja doch“

50. Kapitel Wiedersehen

51. Kapitel Verständigungen

52. Kapitel Utes erste Auslandsreise allein

53. Kapitel Wiedersehen mit Sigrun

54. Kapitel Noch ist nicht aller Tage Abend

55. Kapitel Die Großstadt

56. Kapitel Ute und die Großstadt

57. Kapitel Dem Richtigen begegnen

58. Kapitel Der Schicksalstag

59. Kapitel Dunkle Wolken

60. Kapitel Lisa besucht Ute

61. Kapitel Zurück ins Leben

62. Kapitel Die Stadt an den Quellen

63. Kapitel Meine Klage hast du verwandelt in einen Reigen

Vorwort

Die Geschichten der Familie Freund, von Gustav und Hermine, Emma und Paul, Florian und Ute sind eingebunden in das politische Geschehen eines turbulenten Jahrhunderts. Die Wege der Protagonisten werden bestimmt durch das Kriegsgeschehen, die Inflation, die zwanziger Jahre, den Börsencrash von 1929, das dritte Reich, den zweiten Weltkrieg, Flucht, Vertreibung, das Zusammentreffen mit den ehemaligen Feinden.

Das Buch geht der Frage nach, wie es geschehen konnte, dass junge Leute zweimal innerhalb von nur 25 Jahren mit fliegenden Fahnen in den Krieg zogen? Wie gelang es Hitler, die Herzen der Jugend derart zum Glühen zu bringen, dass sie für ihren Führer zu sterben bereit waren? Wie kamen die betreffenden Jugendlichen, inzwischen Männer und erwachsene Frauen, mit dem Bewusstsein zurecht, um ihre Jugend betrogen worden zu sein? Wie haben sie ihren Teil der Schuld verarbeitet, um innerlich befreit und entlastet weiterleben zu können?

Das Buch will in vielen ungewöhnlichen Geschehnissen aufzeigen, was die beiden Kriege, die Zeit dazwischen und danach für Jugendliche, Frauen und Kinder, für die Männer bedeutet haben, ob sie nun mitmachten oder nur ihr normales Leben bewältigen wollten. Es handelt von dem Wunsch der Mütter und Väter, für ihre Kinder trotz allem ein Zuhause, eine erinnerungswürdige Kindheit, zu schaffen.

Ute, die jüngste der drei Mädel, ist sicher, dass allezeit ein Schutzengel an ihrer Seite war. Das Buch erzählt eine Reihe von Begebenheiten, in denen jeweils in großer Not ein Ereignis eintritt, das alles zum Guten wendet. Auch Paul, Emma und ihre Töchter Marie und Renate sind sicher, dass sie in vielen schwierigen Lebenslagen eine gute Hand auf wundersame Weise geführt hat.

Zum Glück der Familie haben in besseren wie in harten Zeiten auch vierbeinige Freunde beigetragen: Rocco, Arco, Ronja, Tanja, Petz und Peter, die zum Teil gleichfalls Kriegsschicksale erlitten.

Das Buch beinhaltet dramatische, bestürzende, zarte und anrührende Geschichten und bildet ein facettenreiches Kaleidoskop, das die Verflechtungen der Geschehnisse in der Familie Freund mit den politischen und zeitgeschichtlichen Ereignissen eines turbulenten Jahrhunderts erzählt. Es ist zugleich ein Hoffnungs-Buch, das von Zuversicht handelt, von der Kraft, die in höchster Not aus dem Glauben kommt und von dem Mut, trotz allem weiterzumachen und die Freude nicht zu verlieren.

Es ist ein Anti-Kriegs-Buch, empfehlenswert für größere Kinder und Jugendliche, eine Erinnerung für die, die es erlebt haben und ein Besinnungsbuch für die, denen Zeiten, wie beschrieben, erspart geblieben sind, um in neuem Licht ihr eigenes Leben, eines in Frieden und Wohlstand, neu betrachten zu können.

Paderborn, im April 2013

Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn,

es schwinden, es fallen die leidenden Menschen

blindlings von einer Stunde zur andern,

wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen,

jahrlang ins Ungewisse hinab

Hölderlin

aus Hyperions Schicksalslied

1. Kapitel Pauls dunkler Start ins Leben

1903 Ein kleines Dorf in Sachsen

Manche Menschen ziehen schon am Tag ihrer Geburt eine Niete, sann die Dorf-Hebamme Nina Golz. Dachte sie an den Hausbesuch, der heut vor ihr lag, wäre sie lieber im Bett geblieben und hätte den Tag ausfallen lassen. Pflichtbewusst verwarf sie den Fluchtgedanken. Stier bei den Hörnern packen, gebot sie und schwang sich auf.

Wenig später stand sie im Sprengel G. vor dem weißgetünchten kleinen Haus der Familie Freund. Die verwitterten Dachpfannen des eingesunkenen Giebels hatten im Laufe der Jahre silbrige Flechten besiedelt.

Ihr klappriges Fahrrad lehnte sie an den Holzlattenzaun, nahm ihre wettergegerbte Hebammen-Tasche vom Gepäckträger und klopfte behutsam an die angelehnte Haustür. Hermine, die junge Mutter, erwartete sie bereits. Ihr braunes, sorgfältig aufwärts frisiertes Haar hatte sie in einer weichen Rolle auf dem Kopf festgesteckt. Zu der taillierten Bluse mit gekräuseltem Stehkragen und dem langen engen Rock trug sie zierliche Schnürstiefel, deren Spitzen unter dem Rocksaum hervorlugten. Elegante Erscheinung, fand Frau Golz, aber hier im Dorf ein fremdartiger Paradiesvogel.

Die glaubt, was Besseres zu sein, redeten die Nachbarinnen verstohlen, wenn sie ihr unterwegs begegneten.

Durch die Schwangerschaft waren sich Hermine, die junge Mutter, und Nina Golz nähergekommen. Die Hebamme spürte die große Anspannung, die von Hermine ausging. Nina gab sich unbefangen, um Hermine zu beruhigen.

„Wie geht’s unserem Baby?“, redete sie deshalb munter drauflos. „Sieht ja prächtig aus, der Kleine.“ Hermine drängte ungeduldig: „Sie wollten nach den Augen sehen.“

Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Die kleinen Haarsträhnen, die wie ein Schleier Hermines Gesicht umrahmten, bebten leicht. Als Nina Golz ihrer Tasche ein Pendel entnahm und über Pauls Augen hin und her bewegte, blieb Hermine eng an ihrer Seite und vergaß das Atmen. Mit dem Zeigefinger wiederholte Nina die Schwingungen und sprach dabei sanft mit dem Baby, das mit weit geöffneten Augen strampelnd dalag, mit Händen und Armen ruckelnd und lächelte. Das Kind lächelte zum Schrank hin, wo niemand stand, nicht die Hebamme, nicht die Mutter oder Gustav, der Vater. Die Hebamme nahm eine kleine, sehr helle Stablampe und leuchtete in Pauls Augen. Er schaute in das grelle Licht und lächelte. Das Gesicht der Hebamme wurde ungewollt sehr ernst. Zögernd verstaute sie ihre Geräte. Die Augen der Mutter spürte sie angstvoll auf sich gerichtet. Nina Golz holte tief Luft und ließ sich Zeit, bevor sie so ruhig wie möglich antwortete. „Sie sollten bald mit Paul einen Augenarzt aufsuchen.“

Hermine erblasste bei diesem Satz. Noch versuchte sie, ihre Erregung im Zaum zu halten: „Was ist mit Pauls Augen?“ Die Verzweiflung in ihrer Stimme war unüberhörbar. Nina kramte weiter in ihrer Tasche. Sie hatte nichts Tröstliches für die junge Mutter und zögerte, deren verzweifelten Augen begegnen zu sollen. Schließlich hob sie ihren Blick. Die Augen der Mutter mit dem letzten Funken Hoffnung brannten in ihren. Die Hebamme legte den Arm um Hermines Mitte. Mit besänftigender Stimme sagte sie endlich: „Was mit Pauls Augen ist, muss der Augenarzt herausfinden. Davon wird abhängen, ob Hilfe möglich ist.“ Hermine konnte nicht mehr an sich halten. Ein herzbewegendes Schluchzen brach aus ihr heraus. Sie hielt beide Hände vor ihr Gesicht. Einfühlsam strich ihr Nina über den Rücken. „Paul ist blind, nicht wahr?“, wagte Hermine mit tränenerstickter Stimme zu fragen. Die Hebamme nickte nur. Sie ahnte, wie schwer diese Erkenntnis für die junge Mutter war. „Die Röteln während ihrer Schwangerschaft könnten der Auslöser gewesen sein.“

Gustav, Pauls Vater, hatte im Hintergrund des Zimmers das Geschehen verfolgt. Seine Anspannung löste sich wie bei seiner Frau Hermine in einem Strom von Tränen, die seine Wangen herunterliefen und deren er sich nicht bewusst war.

Leise öffnete sich die Tür.

„Darf ich reinkommen?“, fragte zaghaft Arthur, der fünfjährige Bruder des Babys. Seine braunen Haare waren verstrubbelt. Er hatte im Kinderzimmer in seinem Zeichenblock einen Bauernhof gemalt, fühlte sich einsam und wollte zu den anderen.

Die Hebamme legte das Baby in Hermines Arm. „Arthur, komm nur zu deinem kleinen Bruder.“

„Warum weinst du, Mama?“, fragte er arglos und sah, dass sich auch sein Vater soeben Tränen aus den Augen rieb. Statt zu antworten, zog Hermine ihren Sohn eng an sich und umarmte ihn.

Noch ahnen die Eltern nicht, welche Leidenszeit Paul und ihnen bevorsteht. Paul wird in den kommenden sieben Jahren siebenmal an den Augen operiert werden. Als Paul drei Jahre alt ist, wird Ilse geboren.

Sie ist Liebling und Trost der Eltern. Hermine und Gustav nehmen sich viel Zeit, mit ihr zu singen und Ball zu spielen. Ilse kennt bald die meisten Texte ihrer Kinderbücher auswendig und murmelt sie mit, wenn Hermine, Gustav oder Arthur vorlesen. Ilse ist für ihre Eltern der Seelentrost und die Glücksquelle nach den Kümmernissen mit Paul. Bei aller Liebe, die die Eltern dem kleinen Mädchen schenken, entgeht ihnen, wie sich der unglückliche Paul müht, einen Teil ihrer Liebe für sich zu gewinnen. Er sehnt sich danach, dass sie auch mit ihm spielen, ihm eine Geschichte vorlesen, ihn in den Arm nehmen. Er spürt, von seinen ständigen Kopf- und Augenschmerzen wollen sie nichts mehr hören. Er macht ihnen eine Freude, wenn er sagt: „Es geht mir gut.“ Wenn sie öfter eine Weile bei ihm blieben, die Mutter, der Vater, Arthur oder die kleine Ilse, das wünschte er sich von ihnen, spricht es jedoch nicht aus.

Hermine hat drei Freundinnen zum Kaffee geladen. Ihr hilft, ihnen ihr Leid klagen zu können, ihren Kummer mit Paul, der kein Ende nehmen will. Mit jeder neuen Operation haben sie und Hermine neu gehofft. Diese erneute Zuversicht hat ihnen Kraft gegeben und Mut. Nach dem Entfernen der Verbände im Krankenhaus dann wiederkehrend die Erkenntnis: vergeblich. Und die nachfolgende Aussichtslosigkeit, die Tränen und Depressionen bei Hermine. Neuer Anlauf zu neuer Hoffnung. Noch eine Operation. Zermürbendes Mühlrad aus Erwartung und Misslingen.

Paul und sein fünf Jahre älterer Bruder stehen vor der geschlossenen Wohnzimmertür. Dahinter hören sie Stimmen. Die beiden wissen, dass sie nicht stören dürfen, wenn Mutter ihre Freundinnen bei sich hat. „Was machen die da drin?“, fragt der siebenjährige Paul, einen Verband über beiden Augen nach einer erneuten Operation. Arthur hält ihn an der Hand.

„Weiß nicht, aber wart’ mal.“ Arthur schaut durchs Schlüsselloch. Er sieht, wie alle vier Frauen die Hände gespreizt auf dem Tisch liegen haben, sodass sich die Daumen und kleinen Finger der Nachbarinnen berühren. Mutter sagt: „Wenn du hier im Raum bist, so gib uns ein Zeichen.“ Alle schauen erwartungsvoll zur Kerze, die in der Mitte des Tisches steht.

„Ich bin schuld, dass sich nichts tut“, sagt Hermine, „ich kann mich heut nicht konzentrieren. Das gestrige Gespräch mit dem Augenarzt lässt mir keine Ruhe. Ihr wisst schon, der Paul zum siebenten Mal operiert hat.“

Arthur schaut Paul an. Deutlich kann man jetzt durch die geschlossene Tür vernehmen, was Mutter mit ihrer nicht zu überhörenden Stimme sagt: „Das linke Auge wird niemals sehen können. Ein Missgeschick bei einer Operation. Er wird ein Kunstauge bekommen.“ Bei diesem Satz springt die temperamentvolle Käthe auf, fährt sich mit ihrer Rechten in die Haare, die sie mit einem Kopfschwung nach hinten geworfen hat und ruft empört: „Ein Missgeschick?“ Ihre Haut glänzt vor Aufregung, ihre Wangen sind gerötet: „Und das nimmst du so einfach hin?“

„Ich habe unterschrieben, dass ich über das Risiko aufgeklärt wurde. Ich bin dankbar, dass der Arzt für das rechte Auge Hoffnung macht. Aber noch ist alles offen.“ Hermine hat keine Kraft mehr, sich zu ereifern. „Wie viel Hoffnung?“, fragt Henriette. „Wenn alles gut läuft, wird Paul ein Drittel Sehfähigkeit auf dem rechten Auge haben.“ Auch Henriette ist nun empört wie Käthe. „Nur ein Drittel?“ Hermine bleibt ruhig. Seit Jahren lebt sie mit Ungewissheit und Unglück. „Das wäre ein Glücksfall, wenn du bedenkst, dass er bis heute seinen Vater, seine Mutter, seine Geschwister noch nicht gesehen hat. Ein Segen wäre das nach seinem siebenjährigen Leben im Dunklen. Mehr ist nicht zu erwarten. Aber ob dieses Mal alles gut gegangen ist, wissen wir erst in drei Tagen, wenn der Verband entfernt wird.“

Hermine wagte kaum daran zu denken. Dieses Wechselbad zwischen Zuversicht und Misslingen in den letzten Jahren hatte ihren Nerven beträchtlich zugesetzt. Sie spürte, ihre Nervenkraft musste sie einteilen, wenn sie nicht schlappmachen wollte. Nicht auszudenken bei drei Kindern!

„Und wie geht’s nun weiter?“, will Henriette wissen. „Sobald der Verband entfernt werden kann, wird Paul eingeschult. Hoffentlich nicht auf einer Blindenschule.“

„Wie alt ist er jetzt?“, fragt Käthe.

„Sieben. Aber in seiner Entwicklung weit zurück, etwa wie ein Fünfjähriger. Er ist zu klein und viel zu zart. Die vielen Spritzen vor und nach den Operationen, die Medikamente, vor allem die Schmerzmittel. Die vor allem haben seinem Magen geschadet, sodass es mühevoll ist, ihn zu ernähren. Sport hätte gutgetan. Das geht auch nur, wenn ein Kind genug Kraft dafür mitbringt. Er ist einfach zurück. Die Strapazen waren für Paul enorm. Und für mich. Pauls Augenerkrankung hat mich zehn Jahre meines Lebens gekostet. Mindestens.“ Hermines Stimme klingt müde und resigniert, bevor sie aufseufzend weiter spricht: „Die schlaflosen Nächte; die Arzt- und Krankenhausbesuche; Pauls Unselbständigkeit. Er braucht einfach viel Hilfe. Er ist ja nicht allein da. Ein solches Arbeitspensum mit diesen seelischen Belastungen wünsche ich niemandem.“ Hinter der Tür ist eine große Stille eingetreten.

Paul, der mit Arthur vor der Tür gestanden hat, kaum noch atmend, fasst nach Arthurs Hand: „Komm, weg.“

Paul lässt die Hand seines Bruders los und tastet sich an den Möbeln und Wänden entlang zu dem Zimmer, das er mit seinem Bruder teilt. Dort hockt er sich in die Ecke, legt die Arme um die Knie und den Kopf auf die Arme. Er schaukelt vor und zurück, hin und her, als wenn er sich wiegt. Dann wird sein kleiner Körper von verzweifeltem Weinen geschüttelt. „Zehn Jahre … ihres Lebens … große Belastung“, flüstert er leise. Weder seine Mutter noch Paul selbst ahnen an diesem Tag, dass diese Worte wie ein Brandmal Pauls Leben prägen werden.

Als sich Paul beruhigt hat, tappt er leise, mit beiden Händen an Stühlen, Schränken, Türrahmen entlang tapernd, zur Küche und zum Spülbecken. Er fühlt die Tassen und Teller vom Kaffeekränzchen der Mutter. Er lässt Wasser einlaufen, tastet nach dem Spülmittel und gibt vorsichtig einen Tropfen hinein. Er beginnt, das Geschirr zu spülen, abzutrocknen und einzuräumen. Er braucht weit mehr Zeit als sein Bruder benötigen würde.

Arthur hat ein Buch geholt und ist auf den Boden geklettert. Dort hockt er auf einer staubigen Matratze, seinem Lieblingsleseplatz und schmökert. Er liest in jeder freien Minute ziemlich wahllos alles, was er vorfindet. Heut liest er „Der Hungerpastor“ von Wilhelm Raabe.

Paul hat den Abwasch beendet. Behutsam holt er den Besen aus dem Schrank und fegt die Küche. Das Küchenhandtuch, das auf den Boden gefallen ist und das er mit den Hausschuhen berührt, hebt er auf und hängt es über den Handtuchhalter. Dann fegt er weiter die Küche, wobei er wieder und wieder mit der linken Hand nach den Möbeln tastet. Mit dem Handfeger fegt er den Schmutz auf das Blech und fühlt, ob alles auf der Kehrschaufel ist. Er entleert den Kehricht in den Mülleimer, hängt Kehrschaufel und -besen wieder an ihren Platz, wäscht sich die Hände und tapert langsam und vorsichtig aus der Küche. Er greift kurz nach dem Verband auf seinen Augen, tapst die Treppe hoch in sein Zimmer und legt sich auf das Bett.

Währenddessen hört er, wie Mutter ihre Freundinnen verabschiedet, lautstark und aufgemuntert. Als alle gegangen sind, ruft sie nach Paul.

Er wäre gern in der Stille liegengeblieben, da hört er Mutter die Treppe hochstapfen. Sie betritt sein Zimmer, schiebt ihren Arm unter seinen Kopf, drückt ihn an sich und küsst ihn auf beide Wangen. „Mein Kleiner“, sagt sie liebevoll, „hast du dich hingelegt?“ Bevor er antworten kann, küsst sie ihn erneut und verlässt sein Zimmer.

Gern würde er mit jemandem bereden, was er heut erlebt hat. Aber mit wem? Vater ist selten da. Wenn Hermine ihren Kreis bei sich hat, spielt Gustav gern mit seinen Freunden in seiner Stammkneipe Skat. Oder ist im Baubetrieb seines Chefs, dessen rechte Hand er ist. Wenn Vater zu Hause ist, will Mutter mit ihm über ihre Anliegen reden. ‚Ist ja auch in Ordnung‘, denkt Paul. Und Arthur? Paul würde ihn nur beim Lesen stören. Arthur würde sich kaum für Pauls Kummer interessieren. Arthur findet sowieso, dass sich die meiste Zeit die Gespräche um Paul drehen. Wer will schon von Pauls Kopfschmerzen oder Augenschmerzen hören? Oder davon, was er heut durch den Türspalt mit angehört hat und lieber nicht gehört hätte?

Heut ist der Tag, den die Familie herbeigesehnt hat mit neuem Glauben, neuer Hoffnung und neuer Bangigkeit. Bereits sechsmal haben sie ein solches Ereignis hinter sich gebracht. Jedes Mal hieß es, auf das nächste Mal zu hoffen. Hermine und Gustav haben sich für den neuen Hoffnungstag gut angezogen, auch die beiden Kinder wollen mitkommen und haben ihre Sonntagssachen an.

„Wie geht’s, Paul?“, fragt ihn der Augenarzt. Paul ist so aufgeregt, dass ihm übel ist, was man ihm ansieht. Er ist sehr blass. Die blauen Adern an seiner Schläfe treten hervor. Er schluckt wiederholt. Der Arzt legt Paul auf sein Untersuchungsbett und beginnt, den Verband zu lösen. Die Mutter hält Pauls Hand, die sie mit der anderen streichelt. Sie würde gern etwas Tröstliches sagen, lehnt aber leere Worte ab. So sagt sie nur: „Du bist unserer tapferer kleiner Sohn.“

Der Verband ist entfernt. Die Lider beider Augen sind gerötet. Das rechte, jüngst operierte, ist sichtbar geschwollen.

Paul stutzt und stößt einen kleinen Schrei aus. Er blinzelt und zieht die Stirn kraus. „Mama“, sagte er dann und hält sich die Hand vor die Augen. „Paul, was ist?“, fragt sie aufgeregt. „Es ist so hell, das tut weh.“ Der Arzt legt eine dunkle Brille über Pauls Augen. „Was siehst du?“, fragt der Arzt, der sich dicht über Paul gebeugt hat und hoch angespannt ist. „Es ist hell!“, ruft Paul und zittert vor Aufregung. Der Arzt schaut das Kind an, sieht seine Erregung und legt ihm eine Hand auf die Stirn, die andere auf seine Brust. „Ganz ruhig, mein Kleiner“, sagt er besänftigend. „Erzähl mal, was du jetzt siehst.“ Die Mutter beugt sich dicht über ihren Sohn und sagt: „Paul, siehst du mich? Fass mal dahin, wo du etwas siehst.“ Paul greift mit seiner rechten Hand in ihr Gesicht und hält ihre Nase fest. „Meine Nase“, sagt die Mutter und bricht vor Glück und Freude in Tränen aus. „Ich sehe eine Nase“, sagt Paul und tastet jetzt zum Vergleich in sein eigenes Gesicht. Dann fasst er wieder in das Gesicht seiner Mutter. „Eine große Nase.“

Gustav tritt hinzu und spricht mit Paul: „Schau mal, dein Vater, erkennst du was?“

„Alles ist sehr hell, und da drin sehe ich einen großen, dunklen Kopf.“ Auch Hermine schluchzt aus tiefster Seele. Gerade hat der siebenjährige Paul den Umriss seines Vaters zum ersten Mal gesehen.

„Es ist geschafft“, sagt der Arzt und gratuliert Hermine, Gustav, Arthur und der kleinen Ilse. „Euer Bruder kann sehen“, sagt er zu den Kindern, „und wird von Tag zu Tag besser sehen können.“ Die Kinder nehmen Pauls Hand und streicheln sie. Ein Augenblick von großem Glück und Segen liegt über der Familie. „Danke, lieber Gott“, sagt Paul ganz leise. „Amen“, sagt Gustav, flüsternd vor Ergriffenheit.

Der Arzt erläutert den Eltern, die Bilder, die Paul wahrnehmen könne, seien zunächst verschwommen, das Erlebnis der ungewohnt großen Helligkeit lasse im Augenblick noch alles unschärfer erscheinen als in einigen Wochen, wenn das Auge sich an das Licht gewöhnt habe.

Der Arzt machte einen ersten Test für eine Sehhilfe, die Pauls Augenbilder erheblich schärfer gestalten würde. Die Brille würde nach und nach, dem Ausheilen folgend, individuell angepasst. Paul würde eine normale Schule besuchen können.

Im selben Jahr wurde er an der Grundschule angemeldet. Er gewöhnte sich an die Brille. Er erfuhr, dass ein Junge mit Brille, war er dazu noch klein und zart, bei seinen Mitschülern nicht besonders angesehen ist. Insbesondere beim Sport war er derjenige, der bis zuletzt dastand, wenn zwei Mannschaften von zwei starken Schülern ausgewählt wurden. Er wollte alles ändern, was er mit seinem eisernen Willen ändern konnte. Von seinen Eltern wünschte er sich Hanteln und einen Expander. Sein Vater unterstützte seinen Eifer und schenkte ihm ‚Müllers Handbuch der Athletik‘, ein Buch, in dem zahlreiche muskelbildende und kräftigende Übungen abgebildet und beschrieben waren. Paul war fest entschlossen, kräftig und sportlich zu werden. Die Brille war unabänderlich, für ihn aber ein Himmelgeschenk, trug sie doch den entscheidenden Teil dazu bei, ein normales Leben führen zu können. Die Nachteile, was seine Mitschüler anbelangte, nahm er in Kauf. An Worte wie Brillenschlange hatte er sich bald gewöhnt und konnte darüber lachen. Er wusste, dass es Schlimmeres gab, eine Welt ohne Licht und Augenbilder beispielsweise.

2. Kapitel Adelheid ist dagegen

1903 Breslau

Helene befand sich in höchster Aufregung. Sie hatte rote Flecken am Hals, ihre Haut glänzte feucht. Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Knoten im Nacken gelöst und hingen wirr um den Hals. Sie fuchtelte mit den Armen durch die Luft, dann griff sie an die Schläfen: „Wenn du jetzt gehst, bringe ich mich um“, platzte es verzweifelt aus ihr heraus. Elise kannte ihre Mutter gut genug, um zu wissen, es ging ihr schlecht. Helene stand mit zitternden Lippen vor der Tochter und wischte die silberblonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich kann nicht mehr“, flüsterte sie, „bin am Ende.“ Sie schüttelte den Kopf. Ihre Stimme zerbrach bei den letzten Worten. Sie nahm Elises Hand und drückte sie gegen ihre Brust. Sie schluchzte, konnte nicht verhindern, dass Tränen quollen und ihre Schultern bebten. Mit beiden Händen bedeckte sie ihr Gesicht. Sie schämte sich vor der Tochter, weil sie sich so gehen ließ.

Einerseits verstand Elise die Mutter. Andererseits spürte sie tief innen, sie musste sich von Helene lösen, die sich dermaßen an sie klammerte.

Helene hatte vor siebzehn Jahren Elise geboren. Deren Mutter hatte sie nicht aufgeklärt. Über gewisse Dinge sprach man nicht. So war ‚es‘ passiert. Wenn sich ein Kind anmeldete, trug die junge Mutter die ganze Last. Dazu die Häme der Mitwelt. Helene, die außer Arbeit bis zu ihrem 17. Lebensjahr und einer von Mühsal geprägten Atmosphäre zu Hause wenig Anregendes kennengelernt hatte, ahnte etwas von Glück, Liebe und Familie, als er ihr begegnet war. Die gute Zeit, in der Gefühle einen Raum hatten, war zu Ende, als sie ihm mitteilte, schwanger zu sein. Da war er aus ihrem Leben verschwunden.

So war das also mit der Liebe, resümierte Helene für sich und schloss für den Rest ihres Lebens dieses Kapitel. Ich werde es allein schaffen, beschied sie und fand eine Arbeit, mit der sie für sich und ihre Tochter Elise den Lebensunterhalt bestreiten konnte. Da sie wegen des Kindes an das Haus gebunden war, nähte sie Militär-Uniformen im Akkord. Die Bezahlung war schlecht. Gesteigert konnte sie nur durch ein erhöhtes Arbeits-Pensum werden. Die Zeit, um zu Fuß die Stoffe bei einem Depot abzuholen und die fertigen Uniformen dorthin zu bringen, ging von der Zeit für das Nähen ab.

Kaum war Elise in der Lage, den Weg zwischen Depot und ihrem Zuhause mit einem für ein Kind viel zu schweren Paket in der Hand zu bewältigen, war es ihre Aufgabe, das Material abzuholen und die fertigen Uniformen als Paket verpackt wieder im Depot abzuliefern.

Helene arbeitete überwiegend bis in die Nacht, um ihre kleine Unabhängigkeit von ihrer eigenen Mutter zu behalten. Als Elise ins Schulalter kam und Zeit brauchte für ihre Hausaufgaben, musste sie dafür kämpfen, überhaupt in die Schule gehen und am Nachmittag ihre Hausaufgaben erledigen zu können. Helene war von der jahrelangen Überarbeitung inzwischen so erschöpft, dass sie für die Bedürfnisse ihrer Tochter kaum noch Verständnis aufbrachte. Schule, Hausaufgaben, Schönschreiben? Unzumutbarer Luxus, fand sie. So entging ihr, dass Elise an jeder Art von Bildung ein hohes Interesse zeigte. Sie wollte lesen, ein Instrument lernen, stellte viele Fragen, die Helene nicht beantworten konnte. Helene war müde und schuftete ständig an ihren Grenzen. Sie brauchte Elise als Hilfskraft. Elise konnte inzwischen schon kleinere Näharbeiten wie Knöpfe annähen, Kanten säumen neben ihren Botengängen ausführen.

Helene wurde vom Jugendamt ein älterer Herr als Hilfe an die Seite gestellt, der sich darum kümmerte, dass Elise regelmäßig zur Schule gehen und ihre Hausarbeiten machen konnte. „Der alte Quasselkopp hält dich nur von der Arbeit ab“, murrte Helene, die es demütigend fand, dass sich Außenstehende in ihre ganz persönlichen Angelegenheiten einmischten. Der Betreuer, Onkel Tritschke, wie Elise ihn nannte, sorgte außerdem dafür, dass Elise Lauten-Unterricht bekam und später wegen ihres guten Geschmacks, ihrer feinen Umgangsformen und ihres ausgeprägten Handgeschicks eine Ausbildung zur Friseurin.

Jahre gingen ins Land. Aus Elise wurde eine junge Frau, nach der sich die jungen Männer auf der Straße umdrehten. Sie war schön mit ihrem blonden Haar, ihren hellen blauen Augen, ihrem federleichten Gang. Ihren geschmackvollen Kleidern sah man nicht an, dass sie selbstgeschneidert waren und wenig gekostet hatten.

Während die 17-jährige Elise ihren Kunden und Kundinnen die Haare schnitt, färbte und ondulierte, dachte sie an den vorausgegangenen Abend. Ein Hauch von dem Glück, das sie empfunden hatte, schimmerte noch auf ihrem Gesicht. Der Stammkunde, dem sie soeben die Haare schnitt, lächelte sie staunend an. Hatte ihr Lächeln ihm gegolten?

Dass sie vor fünf Monaten Christian begegnet war, war für sie wie ein unbegreiflicher Traum. Oder durfte sie an ein wundervolles Schicksal glauben? Diesen Gedanken wollte sie festhalten. Er gab ihr Kraft und Zukunftshoffnung. Einen Hamburger Kaufmannssohn in Breslau kennenzulernen, empfand sie als selten exotisch. Christian war als Rittmeister der Preußischen Kavallerie zu einer Reserve-Übung nach Breslau abkommandiert. Durch die Scheibe des Frisier-Salons hatte er Elise gesehen; einen Moment lang waren sich ihre Augen begegnet. Ein Haarschnitt war bei ihm ohnehin fällig. So trat er ein und fragte an, ob sie ihm die Haare schneiden könne. Sie erschien ihm wie ein Schmetterling im Frühling, so zart, so jung. Er war bezaubert von ihrem jugendlichen Liebreiz, der Anmut, mit der sie sich bewegte und ihr Handwerk versah. „Ich muss sie kennenlernen“, legte er sich entschieden fest.

Sie scheute vor einem näheren Kennenlernen zurück, als er erzählte, er sei Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie und als einziger Sohn künftiger Erbe des Familien-unternehmens. Elise dachte an die Armut, der sie entstammte und ihre chronisch überlastete Mutter.

Aber der 24-jährige Rittmeister hatte leidenschaftlich Feuer gefangen. Sein bisheriges Leben schien aus den Fugen. Früheres erschien ihm bedeutungslos, einer belanglosen Vergangenheit angehörend. Zum ersten Mal nahm er die Zärtlichkeit der ersten Frühlingssonne auf seiner Haut wahr. Das Frühlingsgrün der Bäume empfand er als grüner, wie mit magischer Lampe von innen beleuchtet. Der Gesang der Stare, Meisen, Finken erschien ihm melodischer und jubelnder. Der Äther duftete nach feuchter Erde und ersten Veilchen. Der Himmel war eisblau wie frisch gewaschen und blank geputzt. Seine Tage waren eine unvermeidliche Überbrückung zweier inniger Abende mit Elise.

Noch wagte Elise nicht, ihr eigenes Gefühl aus seinem Käfig zu entlassen. Alles schien ihr zu groß und unwirklich, um im Alltag Bestand zu haben. Sie dachte an ihre Mutter und deren abrupten Abschied von der Liebe und der Hoffnung auf ein normales Familienglück, als sie schwanger geworden war. Sie spürte, wie ihr eigenes Empfinden, das bisher geschlummert hatte, zunehmend in die Freiheit drängte. Weder hatte sie ihrer Mutter von ihrem neuen Leben erzählt, noch hatte sie Christian mit nach Hause genommen und Helene vorgestellt. Dieses Zarte, was da entstanden war, wollte sie solange wie möglich vor der rauen Lebenswirklichkeit ihrer Mutter schützen.

Inzwischen war die Reserveübung beendet, und die beiden jungen Menschen konnten sich nur an einzelnen Wochenenden sehen, wenn Christian sie besuchte.

An einem Sonntagabend waren sie in den Anlagen entlang der Oder spazieren gegangen. Er hatte ihre Hand genommen und in seine rechte Ellenbeuge gelegt. Mit der Linken streichelte er die Hand und hielt sie wie sacht behütend. Am Abend zuvor waren sie im Dom zu einer Aufführung der Matthäus-Passion. Ihr Spaziergang stand noch ganz unter dem Eindruck dieser Klänge. Die tiefe Traurigkeit des Textes und die ernsthafte Strenge der Musik des Thomas-Kantors hatten sie tief bewegt. Sie sprachen darüber, wie viel ihnen Musik bedeutete. Ihre beiderseitige Liebe zur klassischen Musik gab ihrer Beziehung weitere Tiefe.

Am nächsten Morgen zeigte Elise ihrem Hanseaten ihre schlesische Heimatstadt. Sie bestaunten das Breslauer Rathaus, das Wahrzeichen der Stadt in seiner berühmten Backstein-Gotik, der reich verzierten Ostfassade mit ihren zahlreichen Giebeln und der astronomischen Uhr von 1580. Elise führte Christian zum Dom, erzählte von dessen gotischem Grundbau und seinem Umbau in Renaissance und Barock. „Schau dir mal die übereinander liegenden Fenster der Türme an. Jedes Fenster ist anders.“ Christian lernte mit neuen Augen Dinge wahrzunehmen, die ihm bisher entgangen waren.

Als Elise sich eines Tages entschloss, von ihren häuslichen Verhältnissen zu erzählen, reagierte Christian anders als von ihr befürchtet. Einfühlsam nahm er Anteil und äußerte den Wunsch, ihre Mutter kennenzulernen. Er erzählte von seinem Zuhause, insbesondere seiner Mutter Adelheid, die ein strenges Regiment führte. Der Vater entzöge sich dem so oft als möglich durch seinen Club, wo er Freunde und Geschäftspartner träfe. Die Atmosphäre daheim sei eher unterkühlt, streng und distanziert. Insofern sei er erleichtert, wenn er geschäftlich oder zu Reserve-Übungen nach auswärts könne.

An einem sonnigen, warmen Frühlingstag im Mai fragte Christian Elise, ob sie seine Frau werden wolle.

Diese Frage hatte seit längerem in der Luft gelegen. Elise hatte sie verdrängt, weil sie sich davor fürchtete, die Härte der Wirklichkeit könne den Zauber ihres Märchens allzu schnell beenden. Zwar war sich auch Christian bewusst, ihr Start würde nicht einfach sein. Dennoch war sein Mut an diesem wunderbaren Frühlingstag größer als seine Sorge. Auf den Schrecken in Elises Gesicht als Antwort auf seine Frage war er dennoch nicht gefasst. Wie würden die beiden Mütter reagieren? Er hatte angedeutet, seine Eltern hätten schon seit Jahren mit einem befreundeten Geschäftspartner über die Verbindung von Christian mit Louise, der einzigen Tochter der Freunde, gesprochen. Zwei solide Unternehmen kämen so zusammen. Persönliche Präferenzen der Kinder? Kindereien. Sie seien seinerzeit auch nicht gefragt worden. Familienraison ginge vor. Schließlich lebe man nicht im Märchenland. Das Leben habe seine eigenen Gesetze. Wenn Christian von Elise zurückkam, fühlte er sich jeweils stark, dieser Einstellung seiner beiden Eltern den eigenen Willen als Mann entgegenzusetzen.

„Wie soll das gehen?“, fragte Elise besorgt. Mit der Spitze ihres Schuhes zeichnete sie Kreise auf den Boden, rechtsherum, linksherum. Ihre Stimme klang unsicher. Sie nahm all ihren Mut zusammen, um ein letztes Mal ihre Bedenken zu äußern: „Ich weiß, was meine Mutter sagen wird: ‚Kind, vergiss’ nicht, wo du herkommst. Sowas geht nicht gut.‘ Außerdem braucht sie mich immer noch als Hilfe für Botengänge sowie ihre Haus- und Näharbeiten nach Feierabend.“ Christian hatte bereitwillig zugehört. Er verstand ihre Sorgen. Dennoch bemerkte er nachdrücklich: „Du bist nicht der Besitz deiner Mutter. Du hast ein Recht auf dein eigenes Leben.“ Er schaute sie ernsthaft an und ließ ihr Zeit, bevor er fortfuhr: „Mit meiner alten Dame dürfte es auch nicht leicht werden, aber gemeinsam werden wir es schaffen. Wenn sie dich kennengelernt hat, wird sie ihre Meinung ändern.“

Auf den Frühling folgte der Sommer, für Elise und Christian der glücklichste Sommer ihres bisherigen Lebens. Wenn sie sich nicht sehen konnten, tauschten sie lange, gefühlsstarke Briefe und erzählten sich viele Kleinigkeiten aus ihrer beider Welten, die sich sehr unterschieden. Ein Leben ohne die herzliche Anteilnahme und Zuwendung des anderen konnten sie sich nicht mehr vorstellen.

Als Elise mit ihrer Mutter sprach und ihr sagte, sie wolle heiraten und wer ihr Auserwählter sei, fiel Helene in sich zusammen. Sie sah eine Zukunft vor sich, allein mit Bergen von Uniformstoffen, dem Geruch und Dampf des Bügeleisens. Den Wegen zum und vom Depot, ohne Elises Hilfe. Vor allem aber ohne Elises Gesellschaft. Die Gespräche mit Elise beim gemeinsamen Bügeln, Waschen, Abwasch und Wäsche-Reparieren gaben Helene das Gefühl, eine Freundin an ihrer Seite zu haben, die ihr zuhörte, sie verstand, auf sie einging und mit ihr fühlte. Mit Elise zusammen konnte Helene ihr karges, arbeitsreiches Leben ertragen, das sich deutlich anders gestaltet hatte, als einstmals in Jugendjahren erhofft.

So war Elises Eröffnung, heiraten zu wollen, ein Erdbeben für das innere Gleichgewicht von Helene. „O bitte, nein, das nicht“, beschwor sie ihre Tochter, wohl ahnend, dass sie weder eine Heirat verbieten noch verhindern konnte. Dass Elise eines Tages ihren eigenen Weg gehen würde und auch musste. Elise war ihr starker Anker, der sie festhielt und ihr Kraft gab. In höchster innerer Not und Verzweiflung drohte sie deshalb, sich umzubringen, wenn Elise von ihr ginge.

Christian sprach zuerst mit seiner Mutter, dann mit dem Vater. „Du heiratest keine Friseuse“, war die kategorische Aussage. „Ich werde Elise heiraten, denn ich liebe sie“, entgegnete Christian. „Dann werden wir dich enterben, und du wirst keine Existenzgrundlage haben. Dann kann die Friseuse euch beide ernähren“, sagte der Vater zynisch.

Christian war tief verletzt. In rotem Zorn stürmte er aus dem Raum. Die Tür knallte hinter ihm zu. Zwar hatte er gelernt, Haltung auch dann zu bewahren, wenn etwas schwierig wurde. Das war nun vergessen. Er konnte nicht zulassen, dass seine Liebe zu Elise in dieser Weise geringgeschätzt wurde. Vor allem, dass Elise, ihre Arbeit, ihr Leben wie geschehen, geringgeachtet wurden. Er packte seinen Reisekoffer und fuhr mit dem nächsten Zug nach Breslau, ohne sich von seinen Eltern zu verabschieden.

„Wir könnten unsere Eltern vor vollendete Tatsachen stellen“, erwog Christian, nachdem sie stundenlang ihre Lage besprochen hatten. Beide waren tief aufgewühlt. Einen für alle Beteiligten gangbaren Weg sahen sie nicht. Dennoch gelang ihnen gegen Ende dieses Wiedersehens und Zusammenseins, die Ruhe, den Frieden, ihr Glück zurückzuholen und als starke Kraft in sich zu spüren. Die Widerstände von außen nahmen sie dennoch als große Bedrohung wahr, geeignet, das Zarte zu beschädigen, dass sie verband. Elise spürte wieder die innere Stimme, die sie ganz zu Beginn ihrer Liebe gewarnt hatte vor dieser anderen Welt, der sie nicht angehörte und die sie als unüberwindliche Hürde empfunden hatte. Das Zittern ihres Herzens war auf leisen Sohlen zurückgekehrt.

Im August vertraute Elise Christian an, dass sie schwanger sei. Obgleich sie es gewollt hatten, ließ diese neue Situation sein Herz einen Moment lang stocken. Zu seinem Kampf mit den Eltern, insbesondere der Mutter, kam Verantwortung hinzu, die Verantwortung zu einer klaren Entscheidung für Elise und das neue Leben, das da entstand. Er hatte Angst, ihm könne die Kraft, der Mut, die klare Entschiedenheit seiner Empfindungen ausgehen, jetzt, da er Elise nicht mehr täglich sehen konnte. Die Ablehnung seiner Eltern und die Unmöglichkeit, mit ihnen über Elise und ihre gemeinsamen Pläne zu reden, zermürbten ihn. Auch sein Arbeitsalltag in der Firma, erschwert durch die Spannungen zwischen seinem Vater und ihm, sog einen großen Teil seiner Energie auf. Bei solchen Anwandlungen schalt er sich einen Feigling. Wenn er sich im Spiegel anschaute und seine müden, verzagten Augen seinem kritischen inneren Blick ausweichen wollten, verachtete er sich selbst zutiefst. Er holte Elises Briefe hervor mit all ihrer Liebe, Klarheit und Innigkeit, um sich daran aufzurichten und seinem eigenen Gefühl neue Kraft einzuflößen.

Er hatte den Eltern von Elises Schwangerschaft erzählt und bat seine Mutter wiederholt im Guten, Elise kennenzulernen und ihre harte Meinung zu ändern. Er drohte, tobte und war entschlossen, mit seinen Eltern zu brechen. Wenn sie dann vor ihm standen, und er das Unglück in ihren Gesichtern sah und sich vorstellte, dass auf ihm, dem Einzelkind, alle ihre Hoffnungen ruhten, hielt er seine gewollte Festigkeit nicht aufrecht und versuchte erneut, einvernehmlich ein Treffen der Mutter mit Elise an einem neutralen Ort zu bewirken.

Adelheid stimmte schließlich wider Erwarten zu. Sie hörte in Gedanken die spöttischen Kommentare aus ihrem Freundeskreis über diese Mesalliance. ‚Eine Friseuse, dazu schwanger, also irgend so ein Flittchen.‘ Ihr innerer Widerstand war unerschütterlich, und sie schob dieses Treffen, das sie zutiefst verabscheute, immer wieder auf. Als sie einwilligte, sah sie darin eine reine Formsache im Dienste des Familienfriedens. Ihre Entscheidung stand vorher fest. Sie würde dieser Heirat nicht zustimmen.

Elise hatte es schwer mit ihrer eigenen Mutter. Helene bettelte und flehte Elise an, bei ihr zu bleiben und nicht zu gehen. Das war für Elise schwerer zu verkraften, als wenn die Mutter geschrien oder gezetert hätte. „Bleib, ich ziehe dein Kind mit groß. Du kannst arbeiten gehen. Aber bleib.“ Klein, zerbrechlich und hilflos wie ein Kind stand die Mutter vor ihr und rührte ihr Herz, bis es schmerzte.

Das Treffen war endgültig für einen Tag im März in Hannover vorgesehen. Mutter Adelheid und Christian fuhren mit der Bahn bis Hannover, dann mit offener Droschke weiter bis zum vereinbarten Treffpunkt am Eingang zum Welfen-Schloss. Die Mutter war, je näher sie dem Treffpunkt kamen, zunehmend eisiger geworden, ihr Gesicht zu einer Maske erstarrt, die Lippen ein schmaler Strich. Zwischen den Brauen drohte eine steile Falte. Christian vermied, seine Mutter anzusehen. Der kalte Zorn auf diese Frau, die seine Mutter war, stieg wieder in ihm hoch. Er hinderte ihn, noch einmal begütigend auf Adelheid einwirken zu wollen. Sie hatte Herz und Gefühl hinter einem Eispanzer eingeschlossen.

Elise stand hochschwanger und verloren am Straßenrand. Sie erwartete den Mann, den sie liebte, den Vater des werdenden Kindes unter ihrem Herzen und dessen Mutter. Dick und unförmig fühlte sie sich. Vier Wochen zuvor hatte sie einen neuen Mantel für dieses Treffen genäht, der wieder zu eng war und sich nicht mehr schließen ließ. Sie schämte sich wegen ihres Erscheinungsbildes. So viel hing vom heutigen Tag ab. Ihr war speiübel vor Angst. Die Bahnfahrt hatte sie angestrengt. Sie war abgespannt. Zehn Minuten Liegen täten ihr jetzt gut. Ihre geschwollenen Füße brannten in den zu eng gewordenen Schuhen. Ihr aufgewühltes Herz klopfte bis zum Hals. Ruhig sollte ich jetzt bleiben, gebot sie sich. Da sah sie die Droschke. Ihre Knie begannen zu zittern. Das Kind in ihrem Leib rumorte.

Adelheid war fein gekleidet. Blitzartig nahm Elise deren Erscheinungsbild wahr: den langen, glockigen, gestuften, rauchfarbigen Roch, dazu die taillierte kurze Jacke in gleicher Farbe, darüber das dunkelbraune Mardercape, die passende Marderkappe mit einer nach vorn gerichteten Feder und den kleinen zierlichen Muff aus Marderfell.

Christian war totenblass und ernst. Keine Regung zeigte sein Gesicht, das wie aus Marmor gemeißelt schien.

Elise konnte sich vor Aufregung kaum noch auf den Beinen halten.

Christian trug einen kurzen Mantel mit großen Revers und eine Melone. Wie fremd er aussah neben dieser fremden Frau. Elise fühlte sich wie durch eine Wand aus Eis von diesen beiden Menschen in der Droschke getrennt. Jetzt müsste ein Wunder geschehen, ich möchte erwachen und alles wäre nur ein böser Traum gewesen, dachte Elise.

Die Droschke fuhr an ihr vorbei. Sie hielt nicht an.

Aus Christians Gesicht war der letzte Rest Farbe gewichen vor Wut und Zorn. Die Mutter hatte nur einen Sekunden-Blick auf die Frau geworfen, die sein Sohn liebte. Danach schaute sie wieder eisig und schmallippig geradeaus. Christian bog sich nach vorn zum Kutscher und versuchte, ihm in die Zügel zu greifen: „Halten Sie an“, zischte er mit kalter, zorniger Stimme. Der Kutscher fuhr weiter. „Sie sollen anhalten!“ Die beiden Pferde bäumten sich auf und wieherten. Die Mutter rief metallisch und durchdringend: „Sie fahren weiter!“

Für sie hatte von vornherein die Antwort festgestanden: „Diese Heirat kommt nicht infrage.“

Drei Tage später gebar Elise in Hannover ihre Tochter Emma. Niemand war bei ihr außer der Hebamme. Drei weitere Tage später fuhr sie mit dem Baby nach Breslau zurück.

Christians Kampfkraft hatte sich erschöpft. Er gab auf. „Du widerlicher Feigling“, sagte er am Abend zu seinem Spiegelbild. „So wirft ein Feigling sein Glück fort.“ Er hatte keine Kraft mehr für den Kampf gegen seine Mutter.

Elise sah Christian nicht wieder.

Jahre später hörte sie von Emma, die ab und zu ihren Vater Christian in Hamburg besuchte, von dessen Lebensbedingungen.

Er hatte die ihm von seinen Eltern bestimmte Louise geheiratet. Sie hatten zusammen ein Kind, Berta. Wenn Emma kam, richtete die Haushälterin für die beiden Halbschwestern Kakao und Kekse, einen Tisch mit Spielen wie Halma, Domino oder Karten. Die Mädchen taten, was man von ihnen erwartete. Berta war sehr ernst. Emmas Großmutter Adelheid ließ die Mädchen meist allein. Sie fragte Emma nicht nach ihrer Mutter oder ihrem, Emmas Leben in Breslau.

Den Vater bekam Emma meist nur kurz zu sehen. Freudlos sah er aus, als wenn er nie lachte, dachte Emma. So freudlos, wie auch Berta war und die ganze Atmosphäre in diesem Haus mit den hohen Fenstern, den schweren samtenen Vorhängen und der dunklen Vertäfelung in allen Räumen. Düster, fand Emma. Man konnte kaum atmen, so merkwürdig war hier die Stimmung. Ernst, traditionell, gesittet, ohne Lachen. Zeit ging ins Land. Emma war um die zehn Jahre, als ihr mehr und mehr widerstrebte, zu ihrem Vater zu fahren. Ihr Empfinden, sein ganzes Inneres sei erstarrt, ohne Wärme, ohne Liebe, taten ihr weh. Sie erreichten einander nicht. Er hatte Emma nie nach Elise, ihrer Mutter, gefragt. Berta sagte, ihr Vater habe viel zu tun, daher wäre er so ernst.

Großmutter Adelheid hatte nie den Wunsch, Emma, ihre Enkelin, näher kennenzulernen, das Kind ihres Sohnes, das Elise unter dem Herzen getragen hatte, als Adelheid zusammen mit Christian in Hannover vor dem Welfen-Schloss an ihnen vorübergefahren war ohne anzuhalten.

3. Kapitel Gustav will weiterkommen und zieht nach Breslau um

„Das ist ja erstaunlich“, sagt beim Frühstück Gustav zu Hermine. „Was schätzt du, wie viele Menschen gegenwärtig in Deutschland leben?“ Hermine, die selbst Zeitung liest und noch in Gedanken ist, kräuselt die Stirn, schaut ihren Mann an und schüttelt den Kopf: „Keine Ahnung, vielleicht fünfzigtausend?“ Sie streicht sich über die Stirn. Die Frage passte nicht in ihren eigenen Gedankengang. „Knapp daneben“, sagt Gustav und lacht: „Nach der jüngsten Volkszählung vom 1.12.1910 sind es 64.926 Millionen. Aber zu deiner Beruhigung, ich hätte es auch nicht gewusst.“

„Noch eine Frage, schon schwieriger: Wie viele Schachtanlagen sind gegenwärtig im Ruhrgebiet in Betrieb?“ Hermine lächelt Gustav an: „Du wirst es mir sicher gleich sagen. Ich könnte sagen drei oder dreitausend. Keine Ahnung.“

„Hatte ich auch nicht“, entgegnet Gustav. „Aber ich hätte mir auch nicht vorgestellt, dass es 174 sind mit 353.347 Beschäftigten und dass dort jährlich 89 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr gefördert werden. Da bekommt man einen Begriff, wie wichtig das Ruhrgebiet für unsere Volkswirtschaft ist. Hab ich, ehrlich gesagt, nicht gewusst.“

Bei seiner Post liegt ein Brief seines Freundes Otto, mit dem er gemeinsam die Ausbildung zum Fliesenleger erfolgreich durchlaufen hat. Vor einem Jahr verzog Otto nach Breslau, um in einem anderen Betrieb Neues hinzuzulernen und voranzukommen.

„Ich kann nur sagen, komm her. Breslau hat sich gelohnt“, schreibt er. „Die Stadt begeistert mich: Die Oder, der Dom, das Schloss, das tolle Rathaus. Dann die Möglichkeiten nach Feierabend: Kino, Theater, urige Kneipen. Unser Sohn ist im Turnverein, das Mädchen in einer Flötengruppe. Ihnen gefällt’s. Das Beste: Ich verdiene mehr als zuvor und kann den kleinen Wohlstand bezahlen. Wie wär’s mit Dir und Deiner Familie?“

Gustav und Hermine erwogen seit längerem, eine geräumigere Wohnung zu mieten. Ilse brauchte mit ihren vier Jahren ein eigenes Schlafzimmer anstelle ihres Bettes im Schlafzimmer der Eltern. Gustav hatte mit seinem gegenwärtigen Chef über mehr Lohn verhandelt. Seine beachtliche Berufserfahrung als Geselle und Meister hatten ihren Wert. Das wusste sein Chef, konnte ihn jedoch nicht höher entlohnen. So empfand Gustav die momentanen Verhältnisse für sich und seine Familie als Sackgasse.

Da sie ohnedies umziehen mussten, konnte auch der Ort ein anderer sein, befand Gustav. Ein Umzug in die schlesische Hauptstadt mit ihren 600.000 Einwohnern hatte auch für Hermine ihren Charme.

Im Jahre 1911 siedelte die Familie in die Breslauer Stadtmitte über in eine Wohnung mit drei Schlafzimmern und einer großen Wohnküche. Gustav machte schnell eine neue Anstellung bei der Baustofffirma Walter ausfindig als rechte Hand des Chefs, befugt zu planen, zu kalkulieren, einzukaufen und auszuliefern. Dank schneller Auffassungsgabe, dem guten Blick für das Wesentliche und seiner offenen, einnehmenden Wesensart wurde er bald ein unentbehrlicher Mitarbeiter, angesehen bei Kollegen und Kunden. Er fühlte sich in seinem neuen Wirkungsfeld wohl. Er lernte, wie eine Firma zu führen sei und sah, was ein Handwerker, einmal selbständig, wirtschaftlich erreichen konnte. So keimte sein Traum: Eine eigene Baustoffhandlung. Diesen Traum vergrub er einstweilig in seinem Herzen. Seine Familie sollte sich zunächst in Ruhe hier einleben können und nicht durch neuerliche Pläne verunsichert werden.

Arthur besuchte die Oberrealschule; Paul das zweite Jahr der Volksschule. Beide kamen gut voran und hatten Freude am Lernen.

Ilse mit ihren fünf Jahren schlenderte mit der Mutter zuweilen die nach und nach aufgespürten reizvollen Wege entlang: Am Ufer der Oder, zur Dom-Insel, der Sandinsel, vorbei am Rathaus, und von dort an den Markttagen zu den zahlreichen vielfarbigen Ständen mit karminrot und flaschengrün gestreiften Herrenhuter Äpfeln, südländischen Orangen und Bananen, staksigen, mit Bindfäden zusammengehaltenen Bündeln von Schwarzwurzeln, glänzenden weiß-lila Wasserrübchen, hohen Gläsern mit Salzgurken aus dem Spreewald und grünlich-weißen Senfgurken, leuchtenden Geranien, Petunien in ihren hauchzarten Violett-Tönen und Eimern mit teuren langstieligen Edelrosen. Ilse mit ihren blonden Riesellöckchen, dem langen, gebauschten hellrosa Kleid mit breitem, weinroten Taftgürtel und weißem Schuten-Hütchen passte in diese Farbsinfonie. Sie bat Hermine, ein hellblaues Vergissmeinnicht-Sträußchen, das sie besonders entzückte, kaufen zu dürfen und für den Vater mitzunehmen.

In einem kleinen Straßen-Cafe mit roter Pergola, umrahmt von Kästen voller rosa und weißer Hängegeranien, pausierten sie und ließen sich in kleinen mit Kissen ausgestatteten Korbsesseln nieder. Ilse, die kurzen Beine in der Luft hängend, schaukelte zufrieden mit ihren in schwarzen Lack-Schnallen-Schuhen steckenden Füßen. Hermine genoss den sonnigen und warmen Frühlingstag mit ihrem Mädchen, schlürfte ihre Tasse Bohnenkaffee, Ilse einen Gerstenkaffee. Sie bewunderten die Hausfronten mit ihren fantasievollen Giebeln, mal gestuft, dann in weichen Bögen ansteigend, in sanfter Rundung oder spitz endend, alle mit gediegenem Geschmack erdacht und ausgeführt. Dazu die vielfach unterteilten Fenster mit naturweiß gestrichenen Rahmen sowie die Pastelltöne der Häuserfronten, zart wie mit Aquarellfarben getuscht. Am nahen Rathaus bewunderten sie das dunkelrote, weinrankenartig verflochtene Muster des Hauptgiebels auf hellem Untergrund, verschlungen wie eine nach oben ansteigende Stickerei, in fünf Bögen beginnend und in einer kugeligen Spitze endend.

Ilse liebte besonders ein Handarbeitsgeschäft am Marktplatz mit gestickten Decken, gehäkelten Westen, gestrickten Pullovern im Fenster und all den herrlichen dazu gehörigen Garnen und Materialien. Hermine kaufte Ilse ein naturfarbiges Baumwoll-Deckchen mit aufgedrucktem Muster und zeigte ihr zu Hause mit feinem Garn und dünner Nadel, wie Kreuzstich gestickt wurde.

Ilse schnupperte an Stoff und Fäden und war von dem Duft des Geflechts und Garnes wie berauscht. Sie fand hier ihr Steckenpferd, eine lebenslange Quelle von Freude und auch Trost in schweren Tagen, die noch kommen sollten. Als sie stricken lernte, wurde das zu einer Leidenschaft, die alle anderen Betätigungen auszulöschen drohte. Sie musste sich Grenzen setzen.

Hermine hatte das Gefühl, in der Stadt aufzublühen. Hier konnte sie die eleganten Röcke und Blusen, die modischen Hüte und ausgefallenen Schuhe tragen, die ihr gefielen, ohne dass abfällig geflüsterte Bemerkungen der Nachbarinnen oder deren missbilligende Blicke ihr die Freude daran verdarben.

Einen Wermutstropfen gab es dennoch: Äußerte sie ihrem Kaufmann ihre Wünsche, geschah es nicht selten, dass Kundinnen neben ihr unversehens die Hand vor den Mund hielten, sich abwandten, heimlich kicherten, oder sich verdutzt schmunzelnd mit hoch gezogenen Augenbrauen vielsagende Blicke zuwarfen. Zuweilen musste sie ihren Satz mehrfach wiederholen, weil die Verkäuferin sie nicht verstanden hatte. Acht Jahre einklassige Volksschule im tiefsten dörflichen Sachsen machten ihr hier zu schaffen.

Sie mühte sich zwar, Hochdeutsch zu reden, aber was war hier Hochdeutsch? Die Einheimischen sprachen ihr spezielles Schlesisch, so wie Hermine ihr heimatliches Sächsisch. Hinzu kam, die Breslauer, im Allgemeinen offen und zutraulich, konnten zu ‚Lergen‘ werden, flinkzüngigen Frechdachsen, die loszankten, wenn man ihnen vermeintlich dumm- kam. Dann wurde drauflos gewettert, eher laut als leise, mehr Rotwelsch als Hochdeutsch. Ein Wortschwall dieser Art, ungefiltert und unbereinigt, konnte eine ahnungslose sächsische Einwanderin durchaus erschüttern. Hermine hatte bald herausgefunden, wie sie solchen Biestereien am besten entkam: Mund halten statt mit zu zetern. Ein großer Lernschritt für Hermine, die Disputen – vorrangig in ihrem Großröhrsdorfer Sächsisch – bisher nicht aus dem Weg gegangen war, im Gegenteil, sie liebte leidenschaftliche streitige Debatten.

Hin und wieder brachte Gustav, der durch intensiven Kundenkontakt mit Menschen unterschiedlicher Dialekte in Verbindung kam, eine hochdeutsche Vokabel mit nach Hause. Zum Beispiel erklärte er Hermine, spitzbübisch schmunzelnd: „Es heißt nicht ‚die Sollote‘, mit Betonung auf der ersten Silbe, wie in Großröhrsdorf, auch nicht Solload, wie in Breslau, sondern ‚der Salat‘.“ Auch Sohn Arthur korrigierte mehr und mehr seine Hintersächsisch sprechenden Altvorderen. Dieses Thema war für die Familie jedoch eher eine Lachnummer. „Es gibt Wichtigeres als Hochdeutsch“, fand Gustav.

Aus der Schule bringt Arthur die Neuigkeit mit, der preußische Kriegsminister von Heeringen warne vor Verweichlichung der Jugend und empfehle vormilitärische Ausbildung. Auf Anregung von Generalfeldmarschall von der Goltz werde der halbstaatliche Jugenddeutschlandbund gegründet, der vormilitärischen Sport pflegen und die körperliche und sittliche Erziehung der Jugend im vaterländischen Geist gewährleisten solle. „Klingt doch gut, oder?“, bemerkt Arthur fragend zu seinem Vater hin. Gustav schaut seinen Sohn durchdringend mit seinen blauen Augen an, als wolle er ihn durchbohren: „Hoffentlich geht’s dabei wirklich um das Wohl der Jugend. Klingt in meinen Ohren verdammt nach politischer Säbelrasselei“, entgegnet er, skeptisch wie immer.

Paul und Arthur sind Stammgäste in der Städtischen Bücherei. Arthur entleiht nach und nach alle Bände seines sächsischen Landsmannes Karl May. Paul liebt Werke der Geschichte und Klassik. Gegenwärtig liest er den ‚Kampf um Rom‘ von Felix Dahn. Als die beiden Lieblings-Autoren 1912 sterben, Felix Dahn in Breslau, empfinden die beiden Brüder Trauer, als seien gute Freunde von ihnen gegangen.

Da Paul Musik liebt und sich insbesondere zu klassischer Musik hingezogen fühlt, meldet ihn Hermine für Geigen-Unterricht bei Selma Havel an. Die Adresse las sie in der Tageszeitung. Das Lesen der Noten ist für Paul der eingeschränkten Sehfähigkeit wegen nicht einfach. Da er sich jedoch vom ersten Unterrichtstag an stark zu Selma Havel hingezogen fühlt, gibt er sich große Mühe und kann mit den anderen fünf Kindern der Gruppe mithalten.

1913 erfüllt sich Gustav einen lang gehegten Traum: Er kauft sein erstes Auto, einen Audi von Firma Horch in Zwickau.

Die Familie steht staunend um das seltsame Gefährt. Arthur bemerkt: „Sieht aus, wie Opas Lehnsessel auf Drahträdern.“ Paul wundert sich über die Scheinwerfer, die fast frei in der Luft zu schweben scheinen, bei näherem Betrachten jedoch mit dünnen Metallröhren miteinander verbunden und mit weiteren dünnen Stäben an der Kühlerhaube befestigt sind. Hermine betrachtet das Firmen-Emblem: „Schaut mal, wie ein Reiher im Flug.“ Bei näherem Hinschauen zeigt sich lediglich ein windschnittiges Flügelpaar, rückwärtig von einem vorwärts gerichteten Pfeil durchbohrt, den Eindruck blitzartiger Schnelligkeit vermittelnd.

Andere Kinder, auch Erwachsene sind hinzugekommen und betrachten das Kraftfahrzeug bewundernd und beeindruckt. Arthur, Paul und Ilse sind stolz auf ihren Vater, der mit seinem Fahrzeug derart im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit steht.

Seine erste längere Tour unternimmt Gustav, um Arno, seinen Schulfreund aus Großröhrsdorf, zu besuchen, der sich in Allenstein im Ostpreußischen als Schreiner selbständig gemacht hat und ihn vor Monaten einlud. Ein Satz aus Arnos Brief hämmert beschwingt in Gustavs Hinterkopf: „In meiner Nachbarschaft gibt ein Baustoffunternehmer aus Altersgründen auf. Da er keinen Erben hat, sucht er einen Nachfolger.“ Noch ahnt seine Familie nichts von diesem Satz und Gustavs tief im Herzen verborgener Faszination.

Die Familie steht um den Horch und bewundert den Mut des Vaters, mit diesem fremdartigen, knatternden und seltsam stinkenden Gefährt eine so weite Reise allein aufzunehmen. Zwar ist Gustav aufgeregt, aber seine Augen strahlen, sein Kopf ist vor Freude gerötet und er lacht begeistert, als er sein erstes Auto lautstark startet und die Familie ängstlich und stolz, fröhlich und besorgt hinter ihm herwinkt.

4. Kapitel Elise organisiert ihr Leben mit Emma neu

Elise fand eine Hilfe für die Versorgung des Babys am Tage. Frau Rösler, Witwe ohne eigene Kinder, war dankbar, erneut einen kleinen Menschen aufzuziehen zu dürfen. Die große, vollschlanke Frau mit Wangengrübchen, blauen Augen, schlicht rückwärts gekämmten und in einem Knoten verschlungenen silbergrauen Haaren strahlte Wärme und gelassene Heiterkeit aus. „Willkommen auf unserer Erde, kleine Emma“, sagte sie sanft und neigte sich dem Baby zu, das in einem von Elise mit geblümtem Batist bespannten Körbchen lag. Lächelnd erwiderte der Säugling ihren Blick, mit Armen und Beinen lebhaft ruckelnd. „Was für ein feines, zartes Kind Du bist.“ Emma krauste die Stirn, schürzte die Lippen und schob die kleine Faust in den Mund. Elise nahm ihr Baby aus dem Korb und schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals. Dieser Duft nach Milch, Haut und Baby! Ihr fielen keine Worte ein für diesen unvergleichlichen Wohlgeruch. Sie hätte ohne Ende ihren Säugling beschnuppern mögen. Frau Rösler stand daneben, ihre Augen umrankt von freundlichen Knitterfältchen, das Gesicht heiter und in Vorfreude, diesen Sprössling bald ganze Tage bei sich zu haben.

Kam Elise morgens in den Friseur-Salon und grüßte mit einem munteren „Guten Morgen“ ihre Kolleginnen und wartende Kunden, erhellten sich die Gesichter.

Während ihre heutige Kundin noch beschrieb, welche Frisur ihr vorschwebte, wog Elise deren Haar in der Hand, prüfte kundig Gesicht und Kopfform. Sie bewegte das Haar in unterschiedlicher Weise, experimentierte und prüfte, während sie mit der Kundin redete. Nach einer Entscheidung arbeitete sie konzentriert und plauderte dennoch scheinbar entspannt. Elise war beliebt, hatte einen beachtlichen Kreis von Stammkunden und eine zufriedene Chefin.

Als Elise am Abend das Haus betritt, in dem sie wohnt, empfängt sie im Flur ein aufdringlicher Geruch nach Kohl. Die Böttchers in der ersten Etage lassen oft ihre Wohnungstür zum Hausflur hin offen. So riecht im Haus jeder Eintretende, was bei Böttchers am Abend auf dem Tisch stehen wird, heut offenbar Weißkohleintopf. Im Vorbeigehen hört Elise unfreiwillig, wie die beiden Eheleute, Heini und Lena, wieder einmal lautstark zanken. Erneut geht es ums Geldausgeben. Lena hat im Resteladen Stoff für Küchengardinen gekauft, genäht und gehofft, Heini würde sich darüber freuen. Aber er dröhnt, wofür in Drei-Teufels-Namen in der Küche Gardinen hängen müssen. „Ich habe nicht in der Lotterie gewonnen, heiliger Strohsack“, donnert er, und Lena äußert flennend, enttäuscht und wütend Unverständliches.

Elise braucht viel Kraft, ihren Kummer nach außen zu verbergen. Christian, ihre große Liebe, ihre Hoffnung auf eine gute gemeinsame Zukunft war zu einem zersprungenen Traum geworden. Die Erinnerung daran, wie sie durch die Art ihres Wiedersehens in Hannover gedemütigt worden war, ließ sie wieder und wieder vor Scham erröten. ‚Ich verstehe die heikle Situation, in der er war: leben mit mir ohne Existenzgrundlage oder ohne mich in vorgegebenen Gleisen ohne Glück‘, dachte Elise, denn sie ging davon aus, er habe sie geliebt wie sie ihn. ‚Aber es ist vorbei und muss vorbei sein‘, beschwor sie sich und straffte ihren Körper; dennoch konnte sie nicht verhindern, an einsamen Abenden oder strahlenden Sonntagnachmittagen von ihren Erinnerungen an die gemeinsame Zeit eingeholt zu werden. Das tat weh.

„ Unzertrennlich beide, gehe, lieb und leid“, zitierte ihre Mutter Helene die alte Volksweisheit. In solchen Momenten fand Elise Trost in einem schönen Text oder einer Melodie. Besonders liebte sie das Lied von den zwei Königskindern:

‚Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.‘

Sie begann die Melodie zu summen. Ihre Mutter sah Elise an verstand deren Kummer, verlassen worden zu sein und dieses nie ganz vergehende Weh. Helene stimmte summend ein. Sie sangen mit ihren klaren Sopranstimmen die drei Verse, in denen erzählt wird, wie der Königssohn zu seiner Liebsten schwimmen will, aber ertrinkt. Als sie geendet hatten, waren beider Augen feucht. Gerade weil der Text so traurig war, tröstete er Elise. Andere vor ihr hatten demnach auch Liebesweh erlitten. Der innige Text war noch in ihnen, wenn Helene später wieder an der Nähmaschine saß, den harten Stoff der Militäruniformen unter ihren Händen und das knarrende Rattern des Fußantriebs den Raum erfüllte.

Elise hatte ihre buntbedruckte Arbeitsschürze umgebunden und das Abendessen vorbereitet. In ihrer Wohnküche verbreitete sich der Duft von garenden Hefeklößen, die beide Frauen so liebten. In einem zweiten Topf köchelten geschälte und kleingeschnittene Apfelstücke mit Zucker, einer Gewürznelke und einem Stückchen Zimtstange für Apfelkompott. Bei dem Duft der Äpfel brummte Helene ein zufriedenes „Hm“. Sie schaute zu Elise und lächelte aus immer noch feuchten Augen. Als Elise einen duftig aufgegangenen Hefekloß auf jeden Teller legte, mit Zimt und Zucker bestreut und wenigen Tropfen gebräunter Butter begossen hatte, hielt es Helene nicht mehr an ihrem Arbeitsgerät. Beflügelt erhob sie sich, mit einem herzhaften ‚hab ich einen Hunger‘ setzte sie sich an den hübsch gedeckten Küchentisch. Elise hatte die von ihr vor Jahren mit bunten Streublumensträußen bestickte Tischdecke aufgelegt, die Helene so gefiel. Dankbar und hungrig verspeisten sie ihr gemeinsames Mahl von ihrem blau-weiß gemusterten Bunzlauer Geschirr.

Elise schaute auf ihr Leben und fand viel Gutes: Sie war zur Freude ihrer Mutter Helene bei ihr geblieben. Da Helene, um leben zu können, ihre Arbeit tun musste und keine Zeit für das Baby blieb, war sie froh, dass es Frau Rösler gab. Das kleine Mädchen war guter Dinge, wenn es am späten Nachmittag, nach Elises Arbeitsende, zu Mama Elise und Oma Helene gebracht wurde. Mit ihrem freudestrahlenden Lächeln, ihrem begeistert-erregten Glucksen und Brabbeln, dem erwartungsfroh zitternden Ruckeln ihrer Arme, Beine und des ganzen Körpers kamen Frohsein und Behagen in die mütterliche Wohnung.

Oft saßen die beiden Frauen mit dem Kind auf dem Boden und dachten sich zum Ergötzen der kleinen Madam drollige Fingerspiele aus. Sie liebkosten ihre flaumige Haut an den Armen, fuhren mit einem Finger kosend den seidigen Nasenrücken entlang, kraulten sein gelocktes, blondes Haar mit zwei Fingern und plauderten in melodischem Singsang. Emma schaute mal ernst, mal sprudelte sie vor Wonne. Warm geborgen schwelgte sie in ihrem Mütternest.

„Was für ein gutes Leben wir haben“, bemerkte Elise. „Ja, viel Arbeit und viel Glück“, ergänzte Helene, um deren helle Augen sich die ersten müden Fältchen eingegraben hatten. Beim Anblick ihrer Enkelin blühte sie auf, wenn sie dieses Leben mit ihrer vorherigen herben Einsamkeit verglich.

Elise liest ihrer Mutter Helene aus der Zeitung vor, Textil-Heimarbeiter in einem Dorf in Sachsen träten in den Ausstand. Sie forderten einen zehnstündigen Arbeitstag und eine Lohnerhöhung um vierzehn Prozent.

Kaiser Wilhelm II bespricht eine Edison-Walze und beschreibt, wie er sich den idealen deutschen Bürger vorstellt: „ Hart sein im Schmerz, nicht wünschen, was unerreichbar oder wertlos, zufrieden mit dem Tag, wie er kommt; in allem das Gute suchen und Freude an der Natur und an den Menschen haben, wie sie nun einmal sind … und an Herz und Können immer sein Bestes geben, wenn es auch keinen Dank erfährt.“

„Dieses Idealbild erfüllen wir doch schon, oder?“, stellt Elise fest und lacht.

„Nur das mit den zehn Arbeitsstunden pro Tag soll wohl ein Witz sein! Wer kann schon in zehn Stunden seinen Lebensunterhalt verdienen? Kann mir nicht vorstellen, dass solche Träume jemals in Erfüllung gehen werden.“

Elise lacht laut auf. „Nicht zu fassen! Hör dir das an: ‚Der Arbeitslose Wilhelm Voigt beschlagnahmt in Offiziersuniform die Stadtkasse von Köpenick.‘“ Beide Frauen finden das ziemlich komisch. „Aber das hier ist, glaube ich, weniger zum Lachen“, sagt Elise und liest weiter: „Die Germania-Werft in Kiel baut für die deutsche Marine das erste Unterseeboot . Wofür brauchen wir ein Unterseeboot?“