Leibhaftige Sinn-Suche in der professionellen Sozialen Arbeit - Liska Sehnert - ebook

Leibhaftige Sinn-Suche in der professionellen Sozialen Arbeit ebook

Liska Sehnert

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Opis

Leibliche Sinn-Suche – vor dem Hintergrund der philosophischen Konzepte der Existenzanalyse von Viktor Emil Frankl und Bernhard Waldenfels' responsiver Phänomenologie – ist Gegenstand von Liska Sehnerts und Sylvia Waltkings Analysen. Das „Motiv“ der Leiblichkeit ist zentral in der phänomenologischen Philosophie; ihm wird eine Doppelexistenz als physisch erlebbares und doch nicht greifbares Phänomen zugeschrieben. So besteht durch phänomenologisches Arbeiten die Möglichkeit, vermeintlich Paradoxes – aus konkreten und abstrakten Bereichen – miteinander zu vereinen, d.h. zu leibhaftig Sinnsuchenden zu werden. Sinn wird hierbei als etwas bedingungslos in der Welt Seiendes begriffen, das es beispielsweise in Phasen der Trauer wiederzugewinnen gilt, das jedoch nicht bewusst erzwingbar ist. Der erste Teil des Buches widmet sich mithilfe performativ-phänomenologischer Strategien der experimentellen Annäherung an Responsivität bzw. Waldenfels' erweitertem Antwortbegriff. Die Untersuchung der Konzeptionen von Responsivität der Philosophen Waldenfels, Mersch und Seel kreiert zudem einen alternativen Verantwortungsbegriff, der innovativ mit der Kategorie des Fremden umzugehen weiß. Aus der abstrakten Analyse ist dann konkretes Handeln für die Soziale Arbeit ableitbar, wie beispielsweise – aktuell von besonderer Bedeutung – für die Arbeit mit Geflüchteten. Im zweiten Teil wird mittels qualitativer empirischer Sozialforschung die Eignung der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Emil Frankl als tragfähige Basis für ein holistisches Trauerbegleitungsmodell ausgelotet. Frankls existenzanalytische Grundsatzüberlegungen zu bedingungslosem Sinn setzen das gewöhnliche Endziel von üblichen Phasenmodellen in der Trauerbegleitung an den Anfang und können Antwort geben auf die existentiellen Fragen Trauernder. In der Auseinandersetzung mit dem leiblichen Sein und der Sinnsuche des Menschen wendet sich der Band an eine Leserschaft, die sich zum einen wissenschaftstheoretisch mit der phänomenologischen Arbeitsweise vertraut machen möchte. Zum anderen bietet das Buch (herangehenden) Professionellen der Sozialen Arbeit auf praktizierender Ebene Handlungsanregungen. Es möchte eine Hilfestellung für Lernende, aber auch Berufstätige der Sozialen Arbeit sein, deren Handeln permanent unter Ungewissheitsbedingungen steht, und lädt dazu ein, sich auf den Prozess der leibhaftigen Sinn-Suche einzulassen.

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EPUB

Liczba stron: 210




ibidem-Verlag, Stuttgart

 

Inhaltsverzeichnis

Konzeptionen von Responsivität bei Waldenfels, Mersch und Seel. Eine phänomenologische Annäherung

1 Einleitung

2 Phänomenologisch-performativ methodologisches Vorgehen

2.1 Phänomenologie

2.1.1 Entwicklung

2.1.2 Definition

2.1.3 Transzendentale Epoché und Reduktionen

2.1.4 Deskription

2.2 Performativität

2.2.1 Entwicklung

2.2.2 Definition

2.2.3 performative research

2.2.4 Werktagebuch/Erinnerungsprotokoll

2.3 Zusammenführung

3 Waldenfels' Phänomenologie des Fremden

3.1 Entwicklung

3.2 Ordnungen

3.3 Das Fremde

3.4 Antworten als Responsivität und responsive Differenz

4 Konzeptionen von Responsivität

4.1 Bernhard Waldenfels: Antwortregister

4.2 Dieter Mersch: Ereignis und Aura

4.3 Martin Seel: Ästhetik des Erscheinens

4.4 Konzeptionen von Responsivität bei Waldenfels, Mersch und Seel

5 Fazit und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Möglichkeiten und Grenzen der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Emil Frankl in der professionellen Trauerbegleitung

1 Einleitung

2 Trauer

2.1 Definition Trauer

2.2 Professionelle Trauerbegleitung

2.2.1 Entwicklung und Aufgaben

2.2.2 Trauermodelle

2.2.3 Aktuelle Forschung

2.2.4 Wirksamkeit von Trauerbegleitung

3 Logotherapie

3.1 Viktor Emil Frankl

3.2 Grundkonzepte der Logotherapie

4 Logotherapie in der Trauer

4.1 Uwe Böschemeyer: Arbeit mit Trauernden

4.2 Otto Zsok: Logotherapeutische Trauerarbeit

4.3 Heidi Schönfeld: Florian, Fritz und Jürgen/ Elisabeth Lukas: Zum Thema: Trauerbewältigung

4.4 Auswertung

5 Empirische Untersuchung

5.1 Methoden

5.1.1 Leitfadengestütztes Experteninterview

5.1.2 Aufbereitung und Auswertung

5.1.3 Gütekriterien

5.1.4 Memos

5.1.5 Expertenbeschreibung

5.1.6 Interview

5.2 Auswertung

5.2.1 Zusammenfassende Inhaltsanalyse

5.2.2 Ergebnisdiskussion

5.2.3 Reflexion der Gütekriterien

5.2.4 Reflexion der Methodenwahl

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang

Body-Feeling und Body-Bildung

ibidem-Verlag

Vorwort

Was Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl mit Responsivität verbinden und welche Bedeutung dies für unsere Reihe trägt, möchte ich gleich am Anfang beantworten:

Die Reihe Body-Feeling und Body-BILDUNG beschäftigt sich mit dem leiblichen Sein und der Sinnsuche des Menschen: Frau Waltking setzt sich mit letzterem auseinander und Frau Sehnert mit dem ersten.

Die Theorien, auf die sich beide Autorinnen beziehen, sind zudem wissenschaftstheoretisch der Phänomenologie zuzuordnen. Mit BILDUNG haben die mentalen Darlegungen außerdem zu tun. Frau Sehnert zeigt das selbstreflexive Moment und damit ihre persönliche Entwicklung in ihrer experimentellen Anwendung der performative research. Frau Waltking veranschaulicht die empirische Auseinandersetzung mit der Welt der Trauer.

Beide Absolventinnen der Fachhochschule Bielefeld waren herausragende Studentinnen am Fachbereich für Soziale Arbeit. Beiden wünsche ich mit der Herausgabe dieses Buches eine erfolgreiche Vernetzung mit der Berufswelt!

 

Für die Herausgeberinnen

Cornelia Muth

 

 

Liska Sehnert

Konzeptionen von Responsivität bei Waldenfels, Mersch und Seel. Eine phänomenologische Annäherung

 

Abbildung 1: Andrei Tarkowski – Stalker (1979): Raum der Wünsche http://offscreen.com/images/stalker_wishingroom.jpg [abgerufen am 2.7.2017]

 

1 Einleitung

Einleiten möchte ich1 meine Studie mit einer formalästhetischen Beschreibung des Bildes aus einer Szene des Films Stalker aus dem Jahr 1979 von Andrei Tarkowski. Es sitzen drei Personen, nah aneinander, mittig im Bild, auf dem Boden eines kargen, heruntergekommenen Raumes, in dem sich keine Einrichtung befindet und der Putz von den Wänden gefallen ist. Die Personen sind nur umrissartig zu erkennen und scheinen sich der betrachtenden Person zuzuwenden. Es ist sehr dunkel und zwischen der das Bild betrachtenden Person und denen, die auf dem Boden sitzen, ist eine Distanz von vielleicht 5 Metern. Die Fläche ist mit Wasser bedeckt. Das Bild ist entstanden aus der Kameraeinstellung einer Totale und Perspektive, die schwierig zwischen einer Normal- und Aufsicht differenzierbar ist. Die Lichtquelle befindet sich hinter der Personengruppe, sodass Licht von oben auf die Personen scheint und sich stellenweise im Wasser reflektiert. Das Licht ist örtlich als der betrachtenden Person gegenüberstehend zu lokalisieren, jedoch ist die Lichtquelle nicht einsehbar, da sie sich oberhalb des Szenarios befindet. Bis hier hin soll meine Ausführung zu dem Bild zunächst genügen.

Das folgende Zitat des Phänomenologen Bernhard Waldenfels mag verdeutlichen, weswegen ich befugt bin, meine Studie mit der Beschreibung eines Bildes zu beginnen:

„Das, wovon unser Reden und Sagen ausgeht, läßt sich nicht aussagen als etwas, das vorliegt, es kann sich nur zeigen in unserem Sagen und Tun; es ist angewiesen auf eine indirekte Rede- und Mitteilungsweise, die dem Schweigen verbunden bleibt“ (Waldenfels 2016a, 121-122).

Damit bin ich bei dem Gegenstand der hier vorliegenden Studie angelangt. Ich beschäftige mich im weiteren Sinne mit der Theorie der Responsivität2, die Waldenfels im Rahmen seiner Phänomenologie des Fremden entwickelte. Responsives Verhalten, so viel mag schon deutlich geworden sein, lässt sich nicht direkt fassen, weswegen im engeren Sinne Konzeptionen von Responsivität Gegenstand meiner Studie sind. Hierbei liegen die Konzept­ionen von Responsivität der Philosophen Waldenfels', Merschs und Seels zugrunde.

Der Untersuchungsgegenstand der Responsivität ist eng verknüpft mit dem sogenannten fremden Anspruch auf den diese bzw. die response eingeht bzw. antwortet. Der Erfahrung des Fremden können wir responsiv antwortend und offen begegnen oder sie als Feindschaft betrachten oder aber, wir „ersticken“ sie, in dem wir uns das Fremde aneignen (vgl. Thielicke 2016, 87). „Wird alles Fremde eingemeindet und angeeignet, so verschwindet auf die Dauer alles im Nebel der Gleichgültigkeit“ (Waldenfels 2013, 199), führt Waldenfels in diesem Zusammenhang nicht wenig kritisch auf die Moderne anspielend an (vgl. ebd.). Das Fremde umdenken als Herausforderung und die Beunruhigung zuzulassen, fordert daher die Theaterpädagogin Thielicke (vgl. Thielicke 2016, 88).

Damit bin ich bei der Fachrelevanz dieser Thematik für die Soziale Arbeit angelangt. Obwohl das Fremde hier als abstrakte Kategorie zu verstehen ist, liegt es auf der Hand die, durch die im Jahr 2015 begonnene europäische Flüchtlingskrise, neu entstandenen Berufsfelder der Sozialen Arbeit zu thematisieren. Hier wird eine Begegnung mit fremden Kulturen konkret, sodass die Untersuchung der Kategorie „Fremdheit“ und der Umgang mit dieser auf verhaltenstheoretischer Ebene eine aktuelle Thematik in der Sozialen Arbeit darstellt. Doch auch in anderen Berufsfeldern dieser Disziplin sind permanent „fremde Ansprüche“ und Momente des Ungewohnten, Regelunterbrechenden und Grenzüberschreitenden feststellbar. Wenn ich Antje Kaputs Kurzzusammenfassung hinzunehme, dass responsiv das ist, was jenseits von Sinn und Regel ist, d.h. über Regeln hinausgeht, konstatiere ich die Fachrelevanz dieser Thematik für die Soziale Arbeit im Allgemeinen (vgl. Kapust 2007, 26).

Das Konzept der Responsivität wurde inzwischen interdisziplinär fruchtbar gemacht. Beispielsweise überträgt der Theaterwissenschaftler Jens Roselt Responsivität als Rezeptionsweise für das Theater in die Darstellenden Künste. Andrea Sabisch verlagert Waldenfels' Phänomenologie in die Bildende Kunst, in dem sie davon ausgehend eine Aufzeichnungspraxis zur Thematisierung ästhetischer Erfahrung generiert. In die Bildungstheorie flechten die beiden Pädagogen Hans-Christoph Koller und Rainer Kokemohr das Konzept zur Erklärung transformatorischer Bildungsprozesse durch Fremderfahrung ein.3

Die zentrale Fragestellung dieser Studie lautet, wie Responsivität von Waldenfels, Mersch und Seel konzipiert wird, wobei nur die ersten beiden Denker sich explizit auf Responsivität beziehen. Martin Seels Ausführungen zur Begriffsdifferenzierung zwischen „Erscheinen“ und „Erscheinung“ ergänze ich, um den Prozess, in dem sich Responsivität ereignet, genauer beleuchten zu können. Denn in responsiven Momenten geht es stets auch um ein “In-Erscheinung-Treten“ (Roselt 2008, 193).

Die Beantwortung dieser Fragestellung möchte ich im Sinne der Gegenstandsangemessenheit methodisch durch Strategien bewerkstelligen, die sich dem wie des Vollzugs (Performativität) und dem wie der Erscheinung (Phänomenologie) widmen. Eine Darstellung der Methoden4, die ich für meine Zwecke in der vorliegenden Studie kombiniere, lasse ich an dieser Stelle aus, da sie einen umfangreichen Teil der Studie einnimmt (s. Kapitel 2). An dieser Stelle sei nur schon erwähnt, dass ich mich der Husserl'schen Epoché und Andrea Thielickes Konzept Antworten auf Aufführungen bediene.

Diesem ersten Kapitel, der Einleitung in die Studie, schließe ich meine Ausführung des phänomenologisch-performativ methodologischen Vorgehens an (Kap. 2). Diese ist unterteilt in einen ersten Teil zur Phänomenologie (Kap. 2.1), der die Entwicklung dieser beschreibt (Kap. 2.1.1) und versucht eine Definition zu geben (Kap. 2.1.2). Anschließend wird die Epoché Husserls in sehr groben Zügen erläutert (Kap. 2.1.3). Diese Ausführung unterteilt sich in die Darstellung der Ebene der theoretischen Welt, ersten Epoché und natürlichen Einstellung, der phänomenologischen Reduktion und Einstellung, der phänomenologischen Einstellung, eidetischen Reduktion und Wesensschau und nicht zuletzt der transzendentalen Reduktion und Subjektivität. Das Unterkapitel der Phänomenologie schließe ich mit der Deskription in Anlehnung an Natalie Depraz (Kap. 2.1.4). Den zweiten Teil der methodischen Strategie stellt Performativität (Kap. 2.2) dar, welche sich in eine Beschreibung der Entwicklung (Kap. 2.2.1), den Versuch einer Begriffsabgrenzung und Definition (Kap. 2.2.2), einer Ausführung zur entstehenden Forschungsmethode der performative research (Kap. 2.2.3) und einer Darstellung der Methode des Werktagebuchs bzw. der Erinnerungsprotokolle (2.2.4) untergliedert. Ich schließe den methodischen Teil der Studie, in dem ich in Kapitel 2.3 die beiden Strategien der Phänomenologie und Performativität zusammenführe. Daran schließe ich ein Kapitel, welches die Phänomenologie des Fremden von Bernhard Waldenfels beschreiben soll, an (Kap. 3). Dieses besteht aus dem Unterkapitel zur Entwicklung (Kap. 3.1), dem Ordnungsbegriff (Kap. 3.2), dem Fremden (Kap. 3.3) und der Antwort als Responsivität in Verbindung mit ihrer responsiven Differenz (Kap. 3.4). Die performative phänomenologische Untersuchung des Gegenstands nehme ich in Kapitel 4 vor. Das Kapitel „Konzeptionen von Responsivität“, trennt zunächst, die Konzeptionen von Waldenfels (Kap. 4.1), Mersch (Kap. 4.2) und Seel (Kap. 4.3), um dann in Unterkapitel 4.4 den gemeinsamen Nenner der „Konzeptionen von Responsivität bei Waldenfels, Mersch und Seel“ zu suchen. Ich schließe die Studie mit einem Fazit und Ausblick auch bezogen auf die Soziale Arbeit (Kap. 5).

Schließlich möchte ich, dass sich alle Personen angesprochen fühlen und verwende daher – auch im Hinblick auf die performative Konstitution von Wirklichkeit durch Sprache – die sogenannte Schreibform des Gender-Sternchens. Originalzitate verändere ich hingegen nicht, um deren Inhalte zu belassen.

Nachdem ich in die Thematik meiner Studie eingeleitet habe, gehe ich nun dazu über, das methodische Vorgehen dieser näher auszuführen.

1 Ich verwende in dieser Studie die Ich-Form, da ich phänomenologisch arbeite. Die Begründung zur Wahl der Methode folgt im nächsten Kapitel. Meiner wissenschaftlichen Untersuchung liegt eine Forschungshaltung zugrunde, die sich von dem sogenannten Objektivitätskonstrukt löst, d.h. sich von der Vorstellung befreit, es sei ein vom Objekt „unabhängiger Intellekt [, der] forschend, denkt und lernt“ (Matt Windel 2010, 68) am Werk. Um es mit den Worten Helmut Danners auszudrücken: „Leiblich-sinnlich-geschichtlich bin [Herv.i.O.]ich zur Welt [Herv.i.O.]; und nur als solcher kann ich erkennen; nur in diesem Sinne kann von Bewusstsein‘ gesprochen werden“ (Danner 2006, 154). Diese Erkenntnis wird in dieser Studie nicht ausgeklammert. Zur weiteren Begründung der Verwendung der Erste-Person-Perspektive s. Kapitel 2.1.2.

2 In dieser Studie thematisiere ich nicht Responsivität als Antwortverhalten von Bezugspersonen im pädagogischen Kontext, d.h. z.B. Gutknechts Konzept der professionellen Responsivität oder Ainsworths und Remspergers Konzept der sensitiven Responsivität aus der Bindungsforschung. S. hierfür z.B. vielmehr: Remsperger, Regina (2011): Sensitive Responsivität. Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten. Wiesbaden: VS. Ebenso wenig gehe ich auf Responsivität in politischen Prozessen ein. S. hierfür z.B. Helmut Wiesenthals Ausführungen: Wiesenthal, Helmut (2004): Responsivität im Politikprozess. Zur Reagibilität der Politik auf Prioritätsänderungen in der Gesellschaft. In: Prognos AG (Hg.): Energieprognose angesichts globaler Unsicherheit. Diskussion zentraler Determinanten der sozialen und technologischen Entwicklung. Basel: Prognos AG, 57-70. Online einsehbar unter: http://www.afs-ev.de/div-pap/responsivitaet.pdf [eingesehen am 13.05.2017].

3 S. hierfür: Roselt, Jens (2008): Phänomenologie des Theaters. München: Wilhelm Fink., Sabisch, Andrea (2007): Inszenierung der Suche. Vom Sichtbarwerden ästhetischer Erfahrung im Tagebuch. Entwurf einer wissenschaftskritischen Grafieforschung. Bielefeld: Transcript., Koller, Hans-Christoph (2011): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: Kohlhammer., Westphal, Kristin (2014): Fremdes in Bildung und Theater/Kunst. In: Deck, Jan/Primavesi, Patrick (Hrsg.): Stop Teaching! Neue Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen. Bielefeld: Transcript, S. 125-138.

4 Die Schwierigkeit des Begriffs der Methode ist mir bei den beiden hier zugrundeliegenden Konzepten der Phänomenologie und Performativität aufgrund ihres offenen und lebendigen Wesenszugs bewusst. Die Verwendung des Begriffs der „Methode“ soll die „Nicht-Technologisierbarkeit“ der beiden Strategien nicht verachten, weswegen ich das Kapitel 2, welches meine Arbeitsweise in dieser Studie beschreibt als phänomenologisch-performatives methodologisches Vorgehen betitelt habe.

2 Phänomenologisch-performativ methodologisches Vorgehen

An die allgemeine Einleitung in die Thematik anschließend leite ich im Folgenden die detaillierte Ausarbeitung des phänomenologisch-methodologischen Vorgehens ein. An dieser Stelle sei mir, der kurze Einschub gewährt, dass ich die Konzepte der Phänomenologie und Performativität in diesem Rahmen nur skizzieren kann und stark vereinfacht habe.

„The way of saying is the what of saying“ (Geertz zit. nach Sabisch 2007, 66). Dieses Zitat von Geertz verweist auf den Zusammenhang von Forschungsgegenstand und -methode, also das altbekannte Kriterium der Gegenstands­angemessenheit. Da ich in meiner Studie einen Gegenstand zugrunde liegen habe, der sich nur im Vollzug äußert und Sinn generiert, möchte ich – im Hinblick auf das soeben angeführte Zitat – das, was ich zu sagen habe, in der Art und Weise sagen, wie das „was“ sich äußert. So komme ich zur performativen Strategie meiner Studie, die sich auch mimetisch und responsiv gestalten soll. Ebenso zeigt sich Responsivität – wie ich schon einleitend festgestellt habe – nur im Verweis und indirekten Thematisieren. Daher habe ich entschieden, die philosophischen Studien zur Responsivität von Bernhard Waldenfels, Dieter Mersch und Martin Seel zu untersuchen. Die Untersuchungen ereignen sich neben performativen Strategien auf phänomenologischer Ebene, in dem ich schaue, wie sich Responsivität für mich konzipiert bzw. in mein Bewusstsein gelangt.

Nachdem ich nun in die methodischen Strategien eingeleitet habe, beginne ich mit meinen Ausführungen zu der ersten für diese Studie wesentlichen Strategie, der Phänomenologie.

2.1 Phänomenologie

Die Phänomenologie bezeichnet vor allem eine ausschlaggebende Richtung der Philosophie des letzten Jahrhunderts, die gegenwärtig eine Renaissance verzeichnet (vgl. Zahavi 2007, 7-8). In der Regel gilt der Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl (1859-1938) als ihr Begründer (vgl. ebd./Depraz 2012, 10/Danner 2006, 135).1 Nach Helmut Danner ist zwischen einer Phänomenologie ausgehend von Husserl, die sich als „strenge Wissenschaft“ (Merleau-Ponty 1966/1945, 3) begreift und sich durch ihr methodisches Vorgehen als Grundlage für die gesamte Philosophie sowie Wissenschaft versteht bzw. verstand2 und der Anwendung – teilweise auch nur einzelner Teile – der Methode in bestimmten Geisteswissenschaften oder anderen Bereichen der Philosophie (bspw. der philosophischen Anthropologie oder der Existenzphilosophie) zu unterscheiden. Häufig wird für beides der Begriff „Phänomenologie“ verwendet, wobei hier Danner zufolge wesentliche Unterschiede vorliegen. Die Husserl'sche Phänomenologie thematisiere vielmehr Bewusstseinsgegebenheiten. Wohingegen die methodischen Ausformungen in anderen Disziplinen sowie auch in der Philosophie häufig von der Untersuchung ablassen, wie Gegebenheiten sich uns zeigen und somit das ursprüngliche Themengebiet der Phänomenologie verlassen (vgl. Danner 2006, 135-136/Depraz 2012, 168). Danner, der die Phänomenologie als Methode im Rahmen der Pädagogik betrachtet, nimmt somit eine grobe Unterteilung in angewandte und nicht-angewandte Phänomenologie vor (vgl. ebd., 138). Die französische Philosophin Natalie Depraz hingegen behauptet: „Die Phänomenologie ist ,angewandt‘ oder sie ist überhaupt nicht!“ (Depraz 2012, 53). Sie empfindet eine Unterscheidung als überflüssig, da es für sie stets und seit jeher um die Erforschung von Phänomenen, die nur im Vollzug zur Erscheinung gelangen, geht. Das Denken hierbei ist für Depraz ein aktiver Prozess, weswegen die phänomenologische Philosophie nach ihr nur angewandt sein kann (vgl. ebd.).3

Da in dieser Studie die Frage im Vordergrund steht wie sich Responsivität konstituiert – ich also eine Frage zugrunde liegen habe, die eine Bewusstseinsfrage ist, beziehe ich mich in meiner Vorgehensweise zum einen auf Husserls Phänomenologie, der zwar eigene Inhalte seiner phänomenologischen Philosophie revidierte, sich jedoch bis zum Ende seines Schaffens auf die Konstitution von Bewusstsein konzentrierte (vgl. Danner 2006, 186). Ich möchte jedoch nicht unerwähnt lassen, dass nicht nur Depraz die Phänomenologie Husserls methodologisch als zweifelhaft ansieht. Jedoch sind sich Depraz und Danner einig, dass Gegenvorschläge zur Phänomenologie Husserls erstmal an ihm selbst zu messen seien und nur nach ausgiebiger Beschäftigung mit seiner Phänomenologie möglich seien (vgl. Depraz 2012, 12, 28/Danner 2006, 168). Zum anderen bediene ich mich in dieser Studie auf der Ebene des Schreibens der Ausdifferenzierung der Husserl'schen Deskription von Natalie Depraz, d.h. ich richte mich nach ihrem Verständnis der Deskription, welches sie unter anderem in Phänomenologie in der Praxis ausführt (vgl. ebd., 158-185).

Nach der allgemeinen Einführung in die Phänomenologie gelange ich zur Skizze der Entwicklung der Phänomenologie anhand der Studien einiger Vertreter.

 

2.1.1 Entwicklung

Die Phänomenologie befindet sich von Beginn an in ständiger Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung. Husserl selbst verschafft ihr einen jahrzehntelangen Entwicklungsprozess, der sich schriftlich in seinem ersten Hauptwerk den Logischen Untersuchungen (1900/01) bis hin zu seinem unvollendeten Spätwerk Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936) manifestiert.4 Zur Entwicklung seiner Methode der transzendentalen Epoché5 bedient er sich den Teilen der Philosophiegeschichte, die zur Weiterentwicklung seiner Forschungen für sein Anliegen, die Struktur menschlicher Erfahrung zu ergründen, einen Beitrag leisten können (vgl. ebd., 29-30/Danner 2006, 136).6 Ebenso nutzt er seinen mathematischen Hintergrund und auch psychologische Inhalte zur Ergründung des gerade genannten Erkenntnisinteresses. Seinem Schüler Heidegger vermittelt er vielmehr das Phänomen als praktische Erfahrung und weniger die geschichtlichen Aspekte der Philosophie für seine Studien zu nutzen. Heidegger differenziert die Arbeitsweise Husserls aus, in dem er die Phänomenologie um theologische Fragen erweitert, d.h. z.B. um Fragen bezogen auf Erfahrungen der menschlichen Existenz, die sich dem Rationalen entziehen. Heidegger wendet sich letztlich also von der Erfahrungspraxis Husserls ab und stößt mit seiner Entwicklung der phänomenologisch-hermeneutischen Methode eine Tendenz der Phänomenologie in Richtung Hermeneutik an.7 In den 1930er Jahren, nachdem die Phänomenologie in Deutschland schon weit entwickelt ist, gelangen auch französische Philosophen mit ihr in Kontakt. So z.B. Jean-Paul Sartre, der sich unter anderem mit seinem Werk Die Transzendenz des Ego versucht von der Phänomenologie Husserls abzugrenzen. Sartre möchte die Philosophie mit Bereichen konkreter Erfahrungen verbinden, um dann eine Basis für die Psychologie auf ontologischer Ebene zu schaffen, d.h. Erklärungen für Weltliches geben zu können. Wie Sartre auch engagiert sich der Philosoph Maurice Merleau-Ponty politisch und ergänzt die Phänomenologie um psychologische Inhalte. Merleau-Ponty gibt der Phänomenologie bei seiner Suche nach einer interdisziplinären Wissenschaft außerdem einen naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Einfluss und bereichert die Phänomenologie um das sogenannte Konzept der Lebenswelt.8 Emmanuel Levinas, Schüler von Husserl und Heidegger, be­dient sich ebenso Aspekten der Husserl'schen Phänomenologie und wendet sich schließlich wie alle bisher genannten Philosophen von seinen Ansätzen ab, da er die Denkweise des Begründers als zu sehr auf das Wesen von Phänomenen versteift sowie vom Idealismus infiziert wahrnimmt. Levinas widmet seine Philosophie auf der Grundlage praktizierenden Judaismus' vor allem der Beziehung zum sogenannten Anderen bzw. der Konstitution des Menschseins, die ihm zufolge erst durch ein Verantwortungsbewusstsein für den Anderen stattfindet (vgl. Depraz 2012, 29-49/Zahavi 2006, 102-109).

Es waren also, um es an dieser Stelle noch einmal zusammenfassend zu erläutern, z.B. die Disziplinen der Mathematik (Husserl), der Psychologie (Husserl, Sartre, Merleau-Ponty), der Theologie (Heidegger) und der Biologie (Merleau-Ponty) sowie Levinas' Beschäftigung mit dem Judaismus um die die Phänomenologie bereichert wurde. Aufgrund der zahlreichen hier angedeuteten Einflüsse im Laufe der Entwicklung schlussfolgert Depraz, die Phänomenologie besäße keine eigenen Inhalte, sondern gewinne ihr Wesen durch das Fremde und realisiere sich selbst erst im „Inkontakttreten“ mit diesem (vgl. Depraz 2012, 26-27). Helmut Danner beschreibt zusätzlich neben der hier angerissenen Ausdifferenzierung durch die verschiedenen Schüler Husserls die Entwicklung der Phänomenologie durch die Anwendung in den unterschiedlichen Disziplinen, die sich selbst noch einmal voneinander unterscheiden lassen beispielsweise in der Pädagogik unterscheiden sich die phänomenologischen Ansätze Fischers, Bollnows und Langevelds voneinander (vgl. Danner 2006, 137).

Nach dem ich einen sehr kompakten Einblick in die Entwicklung der Phänomenologie gegeben habe, wage ich mich im Anschluss an die Definition der Phänomenologie.

 

2.1.2 Definition

Nach der Darstellung der Entwicklung der Phänomenologie ist es nicht verwunderlich, dass es „nicht eine [Herv.i.O.] Phänomenologie“ (Good 1998 zit. nach Matt-Windel 2010, 70) gibt (vgl. auch Zahavi 2007, 36/ Danner 2006, 161). Weiterhin führt Matt-Windel unter Verwendung von Levinas' Gedanken, der sich wiederum auf Husserl beruft, aus, die Phänomenologie sei schwierig zu definieren. Man müsse vielmehr Prozessen folgen bzw. sie anwenden, um diese zu beweisen, d.h. Phänomenologie verstehen zu können (vgl. Matt-Windel 2014a, 34/Depraz 2012, 26,28). Auch Merleau-Ponty stellt im zweiten Satz seines Vorworts des für die Phänomenologie maßgeblichen Werks Phänomenologie der Wahrnehmung fest, dass es keine Antwort auf die Frage, was Phänomenologie ist, gäbe (vgl. Merleau-Ponty 1966/1945, 3). Doch obwohl die Phänomenologie vielfältige Ausgestaltungen annimmt oder um es mit Diemers Worten zu sagen „ein buntes und oft wirres Bild von Anschauungen“ (Diemer 1956, 9) darstellt, gibt es grundsätzliche Prinzipien und Themen, die die Phänomenologie charakterisieren (vgl. Zahavi 2007, 8).

Auf etymologischer Ebene lässt sich sagen, dass der Begriff „Phänomen“ aus dem Griechischen übersetzt so viel, wie das, was uns erscheint, bedeutet. In Kombination mit dem Suffix „-logie“, was unter anderem mit Lehre übersetzbar ist, kann die Phänomenologie daher als Lehre von den Erscheinungen bezeichnet werden (vgl. Danner 2006, 132).

Hierbei ist es wesentlich von einem bestimmten Phänomenbegriff auszugehen, um sicherzugehen, dass das Verständnis der Phänomenologie nicht durch ein Missverständnis unterlaufen wird. Die „,Wissenschaft von‘ den Phänomenen“ (Heidegger 1977, 31) basiert auf einer Definition des Phänomens, als das, was sich offenbart und von sich aus zum Vorschein kommt. In der Phänomenologie wird also die Weise der Erscheinung eines Gegenstandes thematisiert (vgl. Zahavi 2007, 13). Heidegger führt dazu in § 7 seines ersten Hauptwerk Sein und Zeit die Formulierung „das Sich-an-ihm-selbst-zeigende“ (Heidegger 1977, 31) für einen phänomenologischen Phä­no­­­menbegriff ein. In der Phänomenologie wird die Behauptung aus dem Alltäglichen oder den Naturwissenschaften, ein Gegenstand wie er uns erscheint, sei etwas anderes als er selbst, verworfen. Die Welt, wie sie uns erscheint, wird vielmehr als die wirkliche Welt angenommen. Es wird in der Phänomenologie jedoch auch zwischen der Erscheinung und der Wirklichkeit differenziert, allerdings im Rahmen der uns erscheinenden Welt (vgl. Zahavi 2007, 13-16). Nach Danner sind Phänomene intentionale9 Bewusstseinsakte und intentionale Gegenstände in eins. Gegenstand der Phänomenologie ist daher letztlich alles Seiende, wenn und wie es dem Bewusstsein und der Erfahrung gegeben ist. Hier ist eine Art Doppelcharakter der Phänomenologie zu erkennen, denn sowohl eine gegenständliche wie auch eine erfahrungsbasierte Seite werden zum Inhalt dieses philosophischen Ansatzes (vgl. Danner 2006, 133, 141-142).

Natalie Depraz führt hierzu aus:

„Was also den phänomenologischen Ansatz charakterisiert, ist dessen unaufhebbare Anbindung an die unmittelbare Erfahrung. […] Die Aufmerksamkeit auf sein Erleben in dessen Vollzug zu richten, bedeutet wohl eine Abstandslosigkeit, aber eine solche, in der so wenig Ausnahmen, Setzungen und Vorurteile wie möglich vermeint werden, sodass das phänomenal Gegebene als das erscheint, was es an sich ist.“ (Depraz 2012, 18)

Käte Meyer-Drawe arbeitet ebenso als Kernelement der Phänomenologie – unabhängig der diversen Ausgestaltungen – eine Art des Denkens heraus, die sich den Erfahrungen als Instrument zur Erkenntnis der Weise, wie uns Welt gegeben ist, widmet (vgl. Matt-Windel 2014a, 31).

Demnach wird das Subjekt hier also als eines verstanden, welches sich nicht anders als in Beziehung zur Welt erleben kann, sodass uns ein Gegenstand erst durch die Wahrnehmung eines Subjektes präsentiert wird (vgl. Zahavi, 7, 14). Das intentionale Erleben von etwas ist das Subjektive im Sinne der Phänomenologie (vgl. Danner 2006, 142). Die Art und Weise wie ein Gegenstand erscheint wird in der Phänomenologie als wesentlich für ihn selbst erachtet, d.h. – ich betone es noch mal – das Wesen eines Gegenstandes befindet sich „nicht irgendwo hinter den Phänomenen, sondern entfaltet sich gerade in [Herv.i.O.] ihnen“ (Zahavi 2007, 15). Zahavi bezeichnet die Phänomenologie als eine Analyse der Erscheinungsweisen von Gegenständen und der Strukturen, die es den Gegenständen ermöglichen sich als das zu zeigen, was sie sind sowie als eine permanente kritische Reflexion von scheinbar selbstverständlich Gegebenem (vgl. ebd., 13, 42).

Zur näheren Beschreibung der Phänomenologie sei an dieser Stelle die von Husserl formulierte und in der phänomenologischen Philosophie seither allgemeingültige Maxime „Zu den Sachen selbst!“ angeführt. Hier kommt die Aufgabe, die sich die Phänomenologie seit ihrem Ursprung gesetzt hat, noch mal zum Vorschein. Die Phänomenologie möchte eine Zugangsweise bieten, die es der Sache ermöglicht, sich selbst heraus kristallisieren zu lassen und hierbei durch die Betonung der subjektiven Erfahrung auf vorgegebene Konventionen, theoretische Positionen, Spekulationen, Vorurteile möglichst weitgehend zu verzichten (vgl. Danner 2006, 132/Zahavi 2007, 26/Depraz 2012, 19). Das erklärt vielleicht, weswegen sich die Phänomenologie seit ihrer Begründung als Kunst des Sehens auffasst (vgl. Kapust 2007, 16).

Hier wird ein Verhältnis zur Wissenschaft erkenntlich, welches die häufig auf den Sockel gestellte Objektivität als Ideal der Forschung nicht annimmt. Da für die wissenschaftliche Untersuchung der Erfahrungswelt subjektive Erfahrung unabdingbar und konstituierend ist, wird diese zum Wahrheits- und Evidenzkriterium (vgl. Zahavi 2007, 27, 30). Wenn also die Phänomenologie vor allen anderen Wissenschaften liegen soll, kann ihr Gegenstandsgebiet nicht begrenzt sein, d.h. es ist universal (vgl. Danner 2006, 139).

Hiermit geht der Gedanke einher, dass „jedes Erscheinen eines Gegenstandes, immer ein Erscheinen von etwas für jemanden darstellt“ (Zahavi 2007, 18-19), sodass ich an dieser Stelle begründen möchte, weshalb ich diese Studie aus der Ersten-Person-Perspektive verfasse. Nach Merleau-Ponty ist die Welt untrennbar vom Subjekt und wissenschaftliches Schreiben setzte den Einbezug dieser Tatsache voraus (vgl. Merleau-Ponty 1966, 486/Zahavi 2007, 38). Während in der traditionellen Erkenntnis Subjekt und Welt (Ontologie) als voneinander trennbar angesehen werden, möchte die Phänomenologie sich dieser Dichotomie entledigen und eben den Zusammenhang von Welt und Subjektivität untersuchen, d.h. Erkenntnistheorie und Ontologie verbinden. Die Wirklichkeit ist – phänomenologisch gesehen – sozusagen auf das Subjekt angewiesen, um erfahren zu werden (vgl. Zahavi 2007, 19-20). Phänomenologisch professionelle Forschungspraxis sieht Matt-Windel daher in einer selbstreflexiven/-bewussten Haltung der forschenden Person gegeben (vgl. Matt-Windel 2014a, 64). „Die Setzung subjektorientierter, reflexiver Forschung, die das Ideal objektiver Wissenschaft kritisch hinterfragt, ist [somit] ein Versuch, die habituell einverleibten, historischen, kulturellen, sozialen und biographischen Prägungen und Verwicklungen des Wissenschaftlers in den Forschungs- und Erkenntnisprozess ein zu beziehen“ (ebd., 63-64). Zum Abschluss dieses exkursartigen methodologischen Aspekts dieser Studie, der sich jedoch aus definitorischen Kriterien der Phänomenologie ergibt, sei Matt-Windels Erinnerung angeführt, dass das Schreiben aus der Ich-Perspektive verdeutlicht, dass mir bewusst ist, dass ich den Forschungsgegenstand nur perspektivisch, d.h. nicht vollständig erfasse (vgl. ebd.).