Krieg und Krise - Robert Labhardt - ebook

Krieg und Krise ebook

Robert Labhardt

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Opis

Wie gingen Gesellschaft und Politik mit der sich verschärfenden wirtschaftlichen und sozialen Krise um? Was gefährdete, was bewahrte den Zusammenhalt der städtischen Gesellschaft? Was der Erste Weltkrieg für die Grenzstadt Basel bedeutete, ist eine noch kaum erforschte Frage. Erstmals werden die brisanten Themen anschaulich und quellennah dargestellt und historisch interpretiert: die Panik bei Kriegsausbruch, die Versorgungsprobleme der Stadt, das humanitäre Engagement bürgerlicher Kreise sowie die Konfrontation zwischen Arbeiterschaft und Bürgerwehren, die im Landesstreik von 1918 eskalierte. Bereichert wird das Buch durch die Aufzeichnungen und Erinnerungen von Gertrud Preiswerk (1898-1989). Faktendicht und bunt hat sie ihren Alltag festgehalten. Ihre Hefte sind literarisch wie historisch ein faszinierendes Dokument, das in Auszügen im Rahmen dieser Publikation erstmals veröffentlich wird.

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Beiträge zur Basler Geschichte

Robert Labhardt

Krieg und Krise

Basel 1914–1918

Diese Publikation wurde ermöglicht durch einen Beitrag der Bürgergemeinde der Stadt Basel aus ihrem Anteil am Ertrag der Christoph Merian Stiftung.

1. Auflage

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

eISBN 978-3-85616-645-8Auch als gedrucktes Buch erhältlich: ISBN 978-3-85616-627-4

© 2014 Christoph Merian Verlag

Alle Rechte vorbehalten; kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Jörg Bertsch, BaselGestaltung und Satz: Atelier Mühlberg, BaselLithos: LAC AG, BaselDatenkonvertierung: Bookwire GmbH, Frankfurt

www.merianverlag.ch

Inhalt

Dank

Einleitung: Basel und der Erste Weltkrieg?

1Basel vor 1914 – Auf Grossstadt-Kurs

Modernisierung unter dem Freisinn

Ab 1900: Integrationsprozesse

Zunehmende Klassenkämpfe

Der Färberstreik 1913

2Panik, Vertreibung, Mobilisation und Krieg

Bankensturm und Einkaufspanik

Ferienabbruch und die Abschiebung der Italiener

Mobilmachung

Krieg im Elsass

3Kriegsnothilfe und das wachsende Elend der Bevölkerung

Die Kriegsnot und die Anfänge der staatlichen Hilfskommission

Gerechte Sozialunterstützung in Zeiten des Mangels?

Menschenwürde zwischen Armengenössigkeit und Ausländerfrage

Hungerlöhne und ein Brief an die Arbeitgeber (1916)

Spendenbereitschaft und Knauserei der Besitzenden

Leistung und Bedeutung der Staatlichen Hilfskommission

4Militärische und zivile Welt – Vom Konsens zur Krise

Garnisonsstadt unter dem Platzkommando

Die zivile Funktion der militärischen Präsenz

Weihnachten: «Eine grosse Familie»

Aufmärsche und Militärkonzerte – Demonstrationen nationaler Geschlossenheit

Die Basler Truppen im Grenzdienst und die Krise der Soldatenmoral

Ungenügender Sold, ungenügende Notunterstützung

Demoralisierender Dienstbetrieb

5Humanitäres Engagement und seine Grenzen

Von den Ambivalenzen humanitärer Hilfe

Die Grenzstadt und die Kriegsopfer

Basels frühe humanitäre Initiativen

Basels Beteiligung an humanitären Aktionen der Schweiz

«Heimschaffung internierter Zivilpersonen»

Empfang und Durchreise der Evakuierten

Schwerverwundete und Invalide

Hospitalisierung von Internierten

6Kartoffelschlachten – Im Spannungsfeld der Lebensmittelversorgung

Vom Wucher der Produzenten und Händler

1916/17: Der Konflikt zwischen Lebensmittelfürsorge und A.C.V.

1917: Krisenpolitik – Rationierung und Stärkung der Kriegsfürsorge

Vom Kartoffelskandal 1917 zur Kartoffelrationierung 1918

Die städtische Anbauschlacht

1918: Hunger trotz Kartoffelbergen

7Brennpunkt Kohle

1914: Eine Reise nach Belgien

Die Basler Kohlenzentrale – Dienerin zweier Herren

Deutschland verlangt ein Kohlenmonopol (1915 bis September 1916)

Von der Spekulation zur Kriegswirtschaft (September 1916 bis Juli 1917)

Kohlen gegen Kredite (August 1917 bis Mai 1918)

Kriegsende und Neuorientierung (Mai 1918 bis 1919)

Basler Kriegswirtschaft: Wie den Winter überstehen?

Die Brennmaterialzentrale – Eine lernende Organisation

Ein ungeschickter Regierungsbeschluss

Gegen die Besitzansprüche der Privilegierten

Kohlenhändler in Zeiten des Landesstreiks – Ein Dramolett

8Kapital und Arbeit

Bandfabrikanten und Heimposamenter

Geheimniskrämerei und Kommunikationsverweigerung

Organisationsfeindlichkeit und Moralismus

Paternalismus und gefilterte Wahrnehmung

Die Basler Chemie und ihre industriellen Beziehungen

Firma Sandoz – Die grosse Erfolgsgeschichte

«Alles bewilligen, was notwendig ist»

Industrielle Beziehungen im Vergleich

Bürgerwehr gegen Arbeiterschaft im Landesstreik von 1918

Die Konfrontation in Basel

Mobilmachung des Bürgertums

Einige Akzente zum Schluss

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedruckte Quellen

Gedruckte Quellen

Sekundärliteratur

Personenverzeichnis

Bildnachweis

Dank

Dass mein lange gehegtes Projekt den Weg zum veröffentlichten Buch gefunden hat, verdanke ich zunächst der Christoph Merian Stiftung. Sie hat mit Fürsprache des Leiters der Abteilung für Kultur, Beat von Wartburg, die Publikation grosszügig unterstützt. Ich danke sodann dem Christoph Merian Verlag mit Oliver Bolanz und Claus Donau sowie dem Grafikatelier von Nicholas Mühlberg, welche die Buchgestaltung und -herstellung in routinierter, humorvoll-kollegialer Zusammenarbeit besorgt haben.

Während meiner Arbeit hat mich speditiv und unkompliziert das Staatsarchiv mit seinem Lesesaal-Team unterstützt, bei der Bildbeschaffung Sabine Strebel und Franco Meneghetti und mit Anregungen und Hinweisen Staatsarchivarin Esther Baur und Hermann Wichers. Ihnen allen einen herzlichen Dank, aber ebenso dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv, vor allem der Leiterin Irene Amstutz für Feedback sowie Martin Lüpold für rasche Besorgung von Materialien aus den Seidenbandarchiven. Vielen Dank auch an Walter Dettwiler, den Leiter des Firmenarchivs der Novartis AG, und Daniel Scherrer, den Betreuer des Coop-Archivs.

Für nützliche Feedbacks zu einzelnen Kapiteln danke ich Sabine Braunschweig, Thomas Brückner und Peter Manz.

Fünf Menschen schliesslich, die mein Manuskript kritisch durchgelesen und mich dabei entscheidend ermutigt haben, gehört mein besonderer, grosser Dank: Martin Schaffner hat mit mir am narrativen Grundmuster und inneren Zusammenhang des Buchs gearbeitet; André Salvisberg hat es mit grosser historischer und sprachlicher Wachheit durchgesehen; Franz König hat mir als Didaktiker wichtige Hinweise zur lesefreundlichen Textgestaltung gegeben; meine Frau Verena hat mir gegenüber nicht nur grosse, stützende Geduld aufgebracht, sondern mir auch dort am Zeug geflickt, wo sich andere vielleicht nicht getraut hätten. Und nicht zuletzt hat Jörg Bertsch als bewährter Lektor der Arbeit mit Sorgfalt und Behutsamkeit den letzten Schliff gegeben.

Schliesslich hat mir das Projekt einer neuen Basler Stadtgeschichte, für die sich der ‹Verein Basler Geschichte› engagiert, gleichsam als Hintergrundfolie jene anregende Ambiance vermittelt, die mir anzeigte, welche Perspektiven und Fragestellungen die historische Diskussion derzeit beschäftigen. Das damit verbundene kollegiale Netz war und ist mir wichtig.

EinleitungBasel und der Erste Weltkrieg?

Dass der Erste Weltkrieg als «Urkatastrophe» des 20. Jahrhunderts in der Basler Geschichte – wie überhaupt in der Schweizer Historiografie – so wenig Beachtung findet, hat mich schon lange beschäftigt. Was bewirkte die zivilisatorische und epochale Zäsur, die dieser Krieg mit sich brachte, in der Grenzstadt Basel? Wollte sich Basel angesichts des ungeheuren Leids in den Nachbarländern nicht zur kriegsbetroffenen Stadt aufspielen? Oder übersah man, gebannt vom Kriegsgeschehen, was in der eigenen Bevölkerung vor sich ging? Die Presse jener Zeit, die liberal-konservativen Basler Nachrichten und die freisinnige National-Zeitung, behandelten das Lokale fast beiläufig. Da tobte die Welt, aber in Basel ging nach den ersten beiden Kriegswochen offenbar alles wieder seinen Gang: Institutionen funktionierten, Vereine tagten, die Wirtschaft erlebte ihre Auf- und Abschwünge, Regierung und Parlament trafen ihre Massnahmen, die Armee bewachte die Grenze – eine Art Normalität in Zeiten des Krieges. Man musste schon den sozialdemokratischen Vorwärts lesen, um die Lage der Unterschichten zur Kenntnis zu bekommen.

Verbreitet war aber im Bürgertum das Gefühl eines epochalen Umbruchs, von dem niemand wissen konnte, wohin er führen würde. Es liegen Tagebücher aus jenen Jahren vor, in denen Frauen die kleinen Erschütterungen des Alltags notierten und familiäre Bezüge zum Kriegsgeschehen schilderten, fasziniert, schockiert oder verunsichert, je nach Perspektive. Männer hielten das «gewaltige Völkerringen», wie man es pathetisch nannte, in breiten Dokumentationen oder kommentierenden Aufzeichnungen fest, im Bedürfnis, den Nachkommen ein Zeugnis jener dramatischen Zeit zu hinterlassen. Sie verfolgten zunächst hauptsächlich die militärischen Aktionen der kriegführenden Mächte und registrierten gegen Ende immer besorgter das Wetterleuchten des Sozialismus, ausgehend von der russischen Oktoberrevolution 1917.

Die aufwühlendste Erfahrung – zumindest im Bürgertum – war jene der Zerbrechlichkeit der bestehenden europäischen Zivilisation mit ihren Werten und Sicherheiten. Unvermutet zerfleischten sich Europas sogenannte «Kulturvölker», unvermutet fand sich die Vorbildlichkeit der europäischen Zivilisation diskreditiert. In Basler Selbstzeugnissen jener Jahre zeigt sich eine eigenartige, unentschiedene Mischung von neutraler Beobachtung und Parteinahme, Distanz der Verschonten und vehementer Betroffenheit. Der Krieg erschütterte religiöse Gewissheiten. Hüben wie drüben beteten Christen für den Sieg ihrer Nation! Zugleich aber fühlt man sich in schweizerischer Schuldlosigkeit gerechtfertigt. Louise V. Burckhardt-De Bary notierte in ihren ‹Aufzeichnungen aus der Zeit des grossen Krieges› [1]: «Wo bleibt momentan die christliche Bruderliebe? Wo sollen wir den Mut hernehmen Heidenmission zu treiben? Es müsste denn zuvor der Stolz und die Habsucht der gesamten Kulturwelt untergehen. Welche Berechtigung haben wir zu denken, dass die Schweiz verschont bleibe?» Und: «Ich habe momentan den Glauben an die Menschheit verloren, sehe überall niedrige Motive, und war doch stets bereit zu predigen, man solle das Weltgeschehen grosszügig von oben beurteilen (!) und in allem sehen lernen, was Gott damit will.»

Es sind hier fundamentale Selbstzweifel angedeutet, Zweifel einer Basler Bürgerin an ihrem bisherigen Verständnis von einer tragfähigen christlichen, europäischen Kultur. Bürgerliche Verunsicherung – das gehört zur Schweiz im Ersten Weltkrieg. Während es der Schweiz in und nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, ein Selbstbild der Einigkeit und Entschlossenheit gegenüber der faschistischen Bedrohung zu konstruieren, bis hin zu den bizarren Diamantfeiern von 1989 (Feiern zu einem Kriegsausbruch!), ging sie aus dem Ersten Weltkrieg in ihrem nationalen Selbstbewusstsein beschädigt hervor. Die Schweiz fand sich im Ersten Weltkrieg überrumpelt und zerrissen. Der Krieg entzweite das Land national und sozial. Die Welschen solidarisierten sich mit Frankreich und Belgien, die Deutschschweizer mit Deutschland. Manche scheffelten fette Kriegsgewinne und viele litten bitterste Not. Und im Landesstreik von 1918 wandte sich die Armee gegen die eigene streikende Bevölkerung. Der Erste Weltkrieg liess sich zu keinem Ruhmesblatt der Schweizer Geschichte umschreiben. Seine historische Aufarbeitung, national und lokal, blieb aus, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Fronten von damals noch fortwirkten, und dann natürlich auch, weil der Zweite Weltkrieg den Ersten historiografisch an Dringlichkeit überschattete. [2]

Basel verdient deshalb ein besonderes Interesse für die Jahre 1914 bis 1918,

– weil es als Grenzstadt zeitweise sehr nahe am Krieg war und unter entsprechender Bedrohung lebte,

– weil es deshalb in seinen Parteinahmen gegenüber den kriegführenden Mächten relativ zurückhaltend war und viel Mitgefühl für das zwischen den Fronten geschundene Elsass zeigte,

– weil es als bedeutende Industriestadt von den Auswirkungen des Krieges auf den internationalen Handel besonders betroffen war

– und in der zweiten Kriegshälfte eine extreme Verschärfung der sozialen Gegensätze erlebte,

– weil es als Stadtkanton ohne landwirtschaftliches Hinterland Versorgungskrisen extremer ausgeliefert war und sich als Stadt von der Bundespolitik vernachlässigt fühlte.

Basel und seine Regierung bewegten sich im Krieg in einem vielfältigen Spannungsfeld zwischen nationalen Vorgaben, exponierter Grenzlage und wachsender Erbitterung der verarmenden Bevölkerungsschichten. Wie gut oder schlecht hat Basel Krieg und Krise überstanden? Oder genauer: Was hat die städtische Gesellschaft in der Kriegszeit entzweit, was hat sie zusammengehalten? Diese Fragestellung bildet den roten Faden des vorliegenden Buchs. Er führt durch die verschieden Handlungsfelder der Kriegszeit und macht in ihnen die Problemlagen, Konflikte, Verhaltensmuster, Aktionen und Unterlassungen sichtbar, welche die Auswirkungen des Kriegs verstärkt oder eben gemildert haben.

Der Krieg öffnete ein soziales und politisches, aber auch einfach menschliches Lern- und Erfahrungsfeld, das Basel bis in den nächsten Krieg hinein beschäftigen sollte. Damit ist auch angedeutet, dass der Erste Weltkrieg am 11. November 1918 auch für die Schweiz nur militärisch, aber nicht politisch, ökonomisch und sozial zu Ende war. Damals brachen Staaten auseinander und gesellschaftliche Ordnungen zusammen. In unserer Nachbarschaft stehen für das eine der Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und für das andere die Flucht des deutschen Kaisers und die deutsche Novemberrevolution. Aber in der Schweiz rettete sich die bestehende Ordnung über den Krieg, trotz Landesstreik. Wieso denn eigentlich? Das vorliegende Buch stellt diese Frage lokalgeschichtlich.

Beabsichtigt ist in der folgenden Darstellung eine Verbindung von informierender Übersicht, anschaulich-quellennaher Erzählung und interpretierender Einordnung. Begleitet ist der Text in den meisten Kapiteln von Aufzeichnungen und Erinnerungen der jungen Gertrud Preiswerk (1898–1989). Im Alter von 16 bis 20 Jahren hat sie mit erstaunlicher Wachheit, aber auch befangen in einer bürgerlichfamiliären und privilegierten Perspektive, faktendicht, bunt und pointiert, ihren Alltag und ihre Informationen in den Kriegsjahren festgehalten. Gertrud Preiswerks Hefte befinden sich im Privatarchiv der Familie Preiswerk im Basler Staatsarchiv und werden hier in Auszügen erstmals veröffentlicht.

1

Basel vor 1914

Auf Grossstadt-Kurs

 

Das Jahr 1875 hatte das Ende des ‹Alten Basel› gebracht. [3] Damals hatte sich der Kanton eine neue Staatsverfassung mit moderner Verwaltung gegeben und das konservative Ratsherrenregime durch eine freisinnig dominierte Regierung abgelöst. Dieser Machtwechsel war Ausdruck der tiefgreifenden Veränderung, welche die städtische Gesellschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erfasst hatte und bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs ungebremst anhielt. Mit einer Bevölkerungszunahme von 47 000 Einwohnern im Jahre 1870 auf 144 500 Einwohner im Jahre 1914 [4] entwickelte sich Basel zu einer Grossstadt. Zwei Drittel dieses Wachstums verdankte es der Zuwanderung. Den Antrieb dazu bildete hauptsächlich Basels Industrialisierung, sein Ruf als reiche Fabrikstadt. Der Zustrom an neuen Arbeitskräften, vielfach ganzen Familien, stammte zur einen Hälfte aus dem Ausland, hauptsächlich aus dem Elsass und dem Badischen, und zur andern Hälfte aus Schweizer Kantonen, vor allem aus Baselland und dem Aargau. 1910 zählte die Statistik 63 700 Erwerbstätige, die Hälfte davon im Industrie- und Gewerbesektor. Die grösste Industrie bildete immer noch die Seidenbandproduktion mit 6900 Beschäftigten – bis 70 Prozent davon Frauen –, gefolgt von der Metall- und Maschinenindustrie mit gut 3000 und der ‹Chemischen› mit knapp 2400 Beschäftigten. Fast die Hälfte der im Sekundärsektor Beschäftigten arbeiteten noch im lokalen Gewerbe, allein im Baugewerbe 5000 – ein deutlicher Ausdruck des städtischen Wachstums. Entsprechend expandierte auch der Dienstleistungsbereich, vor allem der Handelssektor mit gut 7500 Beschäftigten, der mit Export und Import, zum Beispiel über den Rheinhafen St. Johann (seit 1906/07), und mit dem regionalen Detailhandel, etwa im Allgemeinen Consumverein (A.C.V.), befasst war. Insgesamt zählte die Stadt vor Kriegsausbruch um die 50 000 Ausländer, davon gut 40 000 Deutsche (Elsässer inbegriffen!) und – fast ausschliesslich im Baubereich – 4600 Italiener.

Diese wenigen Hinweise zeigen die Dynamik der städtischen Entwicklung, welche die Jahrzehnte vor dem Krieg kennzeichnete. Uns interessiert hier die Frage, wie die Gesellschaft vor dem Krieg mit diesem gewaltigen Wachstum umging. Einwanderungsbeschränkungen waren vor dem Ersten Weltkrieg noch kein Thema. Es herrschte in Europa fast vollständige Personenfreizügigkeit. Das galt auch für die Schweiz, die mit zahlreichen andern Staaten wechselseitige Niederlassungsverträge geschlossen hatte. [5] Wie löste die Stadt die Probleme der Integration oder, wie man damals sagte: «Assimilation»? Welches Bild bot Basel vor Kriegsausbruch im Prozess der Eingliederung und Ausgrenzung, der Akzeptanz und Ablehnung der Ansprüche neuer Bevölkerungsgruppen?

Modernisierung unter dem Freisinn

Die dreissig Jahre freisinniger Vorherrschaft (1875–1905) brachten eine enorme Aktivierung staatlicher Investitionen. Die Staatsausgaben, welche sich zwischen 1833, dem Jahr der Abspaltung des Kantons Basellandschaft, und 1870 von 0,6 auf 1,6 Millionen Franken, bei vernachlässigbarer Teuerung, erhöht hatten, explodierten bis 1900 auf 12,9 Millionen Franken. Breit wurde die der wirtschaftlichen und sozialen ‹Wohlfahrt› dienliche Infrastruktur ausgebaut. Wichtigstes Traktandum war die hygienische Sanierung der Stadt durch ein Kanalisationssystem und neue Wohnquartiere. Neue Arbeiterwohnungen entstanden in Nachbarschaft zu Fabriken im Clara-, Matthäus-, Rosental- und Klybeckquartier sowie im St. Johann und der Breite. Das Gundeldingerquartier wurde Musterbeispiel eines auf dem Reissbrett entworfenen, geometrisch strukturierten Mittelstandquartiers mit stilistisch vielfältigen Mehrfamilienhäusern. Im Gellert- und Sevogelquartier bauten sich die Begüterten ihre Villen und Strassenzüge mit dreigeschossigen Einfamilienhäusern. So auch im Paulusquartier, jenseits des Rings. In diesen vornehmeren Stadtteilen entfaltete sich vielfältig die Architektur des Fin de Siècle zwischen Historismus und Jugendstil. [6] Die Erschliessung neuer Quartiere verband sich mit der Entwicklung und Ausdehnung der Wasser-, Elektrizitäts- und Gasversorgung. 1900 begann die elektrische Strassenbeleuchtung die Gaslampen abzulösen. Der Volkswohlfahrt dienten auch öffentliche Pärke, kurz vor der Jahrhundertwende wurden die Schützenmatte und die Margarethenwiese diesem Zweck zugeführt. Und dann das Basler Tram: 1895 verband die erste elektrische Tramlinie den Schweizer (und Elsässer) Bahnhof mit dem Badischen Bahnhof. Mit der Jahrhundertwende führten immer neue Strassenbahnlinien in die Aussenquartiere und Vororte, bis ins benachbarte, noch frei erreichbare Ausland: nach St. Ludwig (heute Saint-Louis) und Hüningen (Huningue). Im Oktober 1913 beschloss der Grosse Rat Linienführungen aufs Bruderholz und von Riehen nach Lörrach. Aber für die letztere war es vorerst zu spät.

Zugleich städtebaulich wie sozialpolitisch bedeutend war die freisinnige Bildungsoffensive, die sich im Bau zahlreicher neuer und grosszügig angelegter und ausgestatteter Schulhäuser, vor allem Primarschulen, in Gross- und Kleinbasel manifestierte. Wohl nicht zufällig bietet noch heute auf dem Kohlenberg das turmbewehrte Gymnasium Leonhard, die ehemalige Töchterschule (Ausbau 1906), städtebaulich gewissermassen dem Münster und der Elisabethenkirche die Stirn. Das staatliche Bildungsmonopol und ein republikanisch-laizistisches Schulwesen waren zentrale Programmpunkte des Freisinns, ein Stück Kulturkampf gegen das altprotestantische Basel. Der radikal-freisinnige Regierungsrat Wilhelm Klein (1825–1887) setzte sich allerdings mit seiner Vision einer antiständischen Einheitsschule nicht durch. 1880 kam es zu einem dauerhaften Kompromissgesetz, das eine achtjährige Schulpflicht und die Unentgeltlichkeit des Unterrichts bis zur Universität festschrieb, aber in der Aufteilung der Schülerschaft nach vier Jahren auf Sekundar- und Realschule sowie (gross-)bürgerliches Gymnasium noch für rund ein Jahrhundert das ständische Element beibehielt.

Ab 1900: Integrationsprozesse

Die Jahrhundertwende signalisierte in Basels Geschichte eine neue Epoche. War die freisinnige Herrschaft hauptsächlich eine Zeit der Modernisierung in Verwaltung und Infrastruktur, begann nun eine Periode der vermehrten politischen Einbindung der neuen Bevölkerungsgruppen, um ein konfliktträchtiges Ungleichgewicht zwischen der städtischen Bürgerschaft als Minderheit und der Mehrheit der Zugezogenen zu vermeiden. Dabei blieben die Ansprüche der Frauen bekanntlich noch auf Jahrzehnte unbeachtet. [7] Es waren drei Reformprozesse, die von den neuen Kräften angestossen wurden und nach langen Jahren der Auseinandersetzung schliesslich Erfolg zeitigten: das nur knapp durchgesetzte Proporzwahlsystem für den Grossen Rat 1905, die Trennung von Kirche und Staat 1910 und, noch vor beidem, das Bürgerrechtsgesetz von 1902.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte das Verhältnis von Bürgern und Nichtbürgern in der Einwohnerschaft Basels immer schiefere Formen angenommen. 1900 besassen noch 26 Prozent das Bürgerrecht, gegenüber 35,8 Prozent nicht eingebürgerten Schweizern, die Stimm- und Wahlrecht hatten, und 38,2 Prozent Ausländern. Ausgehend von einem Anzug des Sozialdemokraten Eugen Wullschleger (1832–1931) legte der Regierungsrat 1900 einen Ratschlag zur Revision des Bürgerrechtsgesetzes im Sinne einer Erleichterung der Einbürgerung für Ausländer vor [8]: Einwohnern, die seit mehr als 15 Jahre im Kanton wohnten, aber unter 45 Jahre alt waren, wurde nun ein Recht auf Aufnahme ins Bürgerrecht zugestanden, natürlich mit gewissen Einschränkungen (Kriminalität, Konkurs innert der letzten drei Jahre, Beanspruchung von öffentlicher oder privater Wohltätigkeit, «anstössiger Lebenswandel»). Prinzipiell konnte Schweizern nach acht- und Ausländern nach zehnjährigem Wohnsitz im Kanton das Bürgerrecht – unentgeltlich – erteilt werden. Man öffnete das Bürgerrecht also für jene, die von Alter und Vorleben her für die Bürgerschaft zuverlässig und nützlich erschienen. Den integrativen Sinn der erleichterten Einbürgerungspraxis formulierte auf eidgenössischer Ebene, wo zeitgleich ein angepasstes Bundesgesetz über die Einbürgerung angeregt wurde, der St. Galler Nationalrat Theodor Gut: «Abgesehen von politischen Gefahren, welche dieses grosse Kontingent von nicht mit schweizerischen Institutionen verwachsenen Ausländern mit sich bringen könne, sei auch vor allem daran zu erinnern, welch verderbliche Erwerbskonkurrenz von dieser von der persönlichen Militärdienstleistung in der Schweiz befreiten Ausländerkolonie dem im wehrpflichtigen Alter befindlichen Schweizerbürger drohe.». [9] – Allerdings: Die Migration hielt an, und der Anteil der ausländischen Bevölkerung verringerte sich bis zum Kriegsausbruch kaum, trotz des neuen, gosszügig gehaltenen Bürgerrechts. Denn der Bürgerrat blieb gegenüber «Petenten, die in schwachen ökonomischen Verhältnissen sind», restriktiv, weil man Angst hatte, sie würden den sozialen Institutionen bei nächster Gelegenheit zur Last fallen. Zudem scheinen auch viele Angehörige der Arbeiterklasse sich geschämt zu haben, vor der Bürgerkommission ihre brüchigen, stets armutsgefährdeten Lebensverhältnisse offenzulegen. [10]

Von grosser Bedeutung für die Identifikation der verschiedenen Bevölkerungsschichten mit den staatlichen Institutionen und für die Verbesserung der politischen Konfliktkultur überhaupt war die Einführung des Proporzwahlrechts 1905. Es brachte die gesellschaftliche Vielfalt und Heterogenität der gewachsenen Stadt auch politisch zum Ausdruck und löste die absolute parlamentarische Mehrheit des Freisinns durch eine aus den Wähleranteilen der Parteien abgeleitete Zusammensetzung des Grossen Rates ab. Der Proporz war gewissermassen der Abschluss der 1875 eingeleiteten Verfassungsrevision und eines fünfzehnjährigen konfliktreichen Prozesses um die Gestaltung des Wahlrechts. [11] Die Gegner des Proporzsystems sahen darin nicht eine konfliktregelnde integrative Institution, sondern im Gegenteil eine Gefährdung der Einheit: Es «würde das Gefühl der Zusammengehörigkeit geschwächt, der Rat würde sich in Vertretung einzelner Interessen auflösen und schwierig für einen bestimmten wichtigen Gedanken zu gewinnen sein.» [12] Das neue Wahlrecht setzte sich in der Volksabstimmung nur sehr knapp durch – mit ganzen zehn Stimmen Mehrheit! –, zeigte dann aber rasch den Wandel der realen Verhältnisse. Die Sozialdemokratische Partei war seit 1890 als Vertreterin der Arbeiterschaft gross geworden und seit 1902 mit Eugen Wullschleger im Regierungsrat vertreten. Dank dem Proporz wuchs sie zur stärksten Fraktion im Grossen Rat heran und gewann 1910 mit Hermann Blocher einen zweiten Sitz im Regierungsrat. Im Wahljahr 1911 erreichten die Sozialdemokraten als wählerstärkste Partei 32,8 Prozent der Stimmenden, die mittelständischen Freisinnigen demgegenüber noch 28,6 Prozent, die altbaslerisch gesinnten Liberalen 18,4 Prozent, und die Katholiken gewannen 13 Prozent Stimmenanteil. Im gleichen Jahr konstituierte sich die Fortschrittliche Bürgerpartei, eine von Hausbesitzern und Gewerblern getragene rechte Abspaltung des Freisinns, und gewann auf Anhieb 6,5 Prozent der Wählerstimmen. Im Regierungsrat hatten 1914 neben den beiden Sozialdemokraten die liberal-konservative Partei mit Carl Christoph Burckhardt-Schatzmann und Rudolf Miescher ebenfalls zwei und die Freisinnigen mit Armin Stöcklin, dem parteilosen Fritz Mangold und Friedrich Aemmer drei Vertreter.

Die dritte wichtige Reform zur Gleichstellung von Bevölkerungsminderheiten betraf die Trennung von Kirche und Staat durch die Verfassungsänderung von 1910. Der Zustand, dass die evangelisch-reformierte Staatskirche indirekt auch aus Steuermitteln der Nichtprotestanten alimentiert wurde, war immer stossender geworden. Nachdem die Katholiken 1903 eine staatliche Subvention auch ihrer Kirche gefordert hatten, beantragten die Sozialdemokraten 1906 im Grossen Rat die vollständige Trennung von Kirche und Staat. Ein komplizierter Verhandlungsprozess setzte ein, an dessen Ende die Rechtsgleichheit der reformierten, (römisch-)katholischen und christkatholischen Kirchen sowie der jüdischen Gemeinde stand. Die Verflechtung von Kirche und Staat, das letzte institutionelle Relikt des ‹alten› Basel, entfiel, und keine Kirche konnte mehr staatliche Finanzmittel beanspruchen. Der Trennungsprozess beschränkte allerdings die Autonomie der reformierten – und auch der christkatholischen – Kirche: Der Staat behielt die Oberaufsicht und legte den demokratisch-pluralistischen Charakter der evangelisch-reformierten Kirche fest. Synode und Kirchenrat wurden künftig nach dem Proporz gewählt, sodass positive (orthodox-antiliberale), freisinnige und unabhängige Gemeindevereine nebeneinander vertreten waren. Die Kirche selber ging dann sogar noch weiter als der Staat: Auch Ausländer und ab 1920 Frauen erhielten als Kirchenmitglieder das Stimm- und Wahlrecht. Als öffentlich-rechtliche Institution anerkannt, durften die beiden Kirchen ihre Mitglieder besteuern. Die römisch-katholische Kirche allerdings widersetzte sich der staatlichen Oberaufsicht und blieb (bis 1972!) ein privater Verein ohne eigenes Steuerrecht. Anteilmässig umfassten die Protestanten zu Beginn des 20. Jahrhunderts 63 Prozent, die Katholiken rund 30 Prozent, die Christkatholiken 3,2 Prozent und die Juden 1,3 Prozent der Bevölkerung. Auch die neue Regelung der kirchlichen Verhältnisse war somit ein Modernisierungsschritt, der Basels grossstädtische Vielfalt abbildete und eine nicht zu unterschätzende integrierende Kraft besass.

Abgesehen von diesen teilweise langwierigen politischen Prozessen galt Basel insgesamt für Arbeiterfamilien als attraktiver Ort. Neben relativ günstigen Mietpreisen, der Unentgeltlichkeit der Schule, niedrigen (aber noch nicht familiengerechten) Steuern – für Arbeiterinnen und Arbeiter ein bis zwei Prozent des Einkommens – sorgten Pionierleistungen im Sozialwesen und grosszügige Wohlfahrtseinrichtungen für den gesellschaftspolitisch vergleichsweise guten Ruf der Stadt: 1910 wurde die Freiwillige kantonale Arbeitslosenversicherung eröffnet, 1911 das staatliche Einigungsamt für die Vermittlung bei Arbeitskonflikten eingerichtet und 1914 die gut ausgebaute Allgemeine Poliklinik von der Oeffentlichen Krankenkasse (OeKK) abgelöst. [13] Kennzeichnend für die Sozialpolitik vor dem Ersten Weltkrieg war aber immer noch ein Wirrwarr von privaten und staatlichen Zuständigkeiten in der Sozialhilfe, welches einer langfristigen, koordinierten sozialpolitischen Strategie im Wege stand. Erst Krieg und Landesstreik sollten die Entfaltung einer umfassenden Sozialpolitik beschleunigen. [14]

Zunehmende Klassenkämpfe

Alle diese Fortschritte in der städtischen und kantonalen Politik standen aber in einem auffälligen Kontrast zur desolaten materiellen Lage der Arbeiterbevölkerung. Oder anders gesagt: Den Bemühungen um die politische Integration entsprachen keine privatwirtschaftlichen Bemühungen um die ökonomische Besserstellung der Arbeitsbevölkerung. Die Konjunkturwellen ab 1895 hatten zwar das Volkseinkommen insgesamt, kaum aber die Löhne der Arbeiterschaft gesteigert. Auch wenn sich die Arbeitszeiten in vielen Betrieben um eine Stunde wöchentlich senkten, auch wenn in den modernsten Betrieben allmählich einige Tage Ferien eingeführt wurden – die Fabrikarbeiterschaft lebte mehrheitlich im Existenzminimum, kinderreiche Familien ernährten sich schlechter als die Gefangenen der Strafanstalt, wie der Kantonsstatistiker und spätere Regierungsrat Fritz Mangold anmerkte. [15] Vor allem sorgte die anhaltende Lebensmittelteuerung dafür, dass das Proletariat sich immer mehr nach der Decke strecken und von der städtischen Modernisierung ausgeschlossen fühlen musste. Basel verzeichnet deshalb zu Beginn des neuen Jahrhunderts eine markante Zunahme an Arbeitskämpfen. Dabei spielten neben den stagnierenden Löhnen in Zeiten des allgemeinen Fortschritts auch andere Faktoren eine Rolle: die bessere Organisation bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern, welche auch internationale Absprachen erlaubten und mindestens den Ton der Auseinandersetzungen radikalisierten, dann die zunehmend sichtbaren Unterschiede von Arm und Reich durch die Herausbildung deutlich getrennter schichtspezifischer Wohnquartiere und sicher auch das durch die sozialistische Presse geschärfte Bewusstsein für die Klassengegensätze und den Befreiungskampf des Proletariats. [16] Auf der Gegenseite standen die Arbeitgeber mit oft radikaler Verständnislosigkeit den Ansprüchen der Arbeiterschaft gegenüber. Der Maurerstreik von 1903 mit 2500 Beteiligten kam unter dem massgeblichen Druck der italienischen Bauarbeiter erst zustande, nachdem die Arbeitgeber die Forderungen der Maurer samt einem Vermittlungsangebot des Regierungsrates rundweg abgelehnt hatten. Die Folgen waren dreieinhalb Wochen Arbeitsniederlegung mit ständigen, teilweise heftigen Scharmützeln mit der Polizei und einem vom Regierungsrat erlassenen Militäraufgebot, dem auch der Sozialdemokrat Wullschleger zustimmte. Der Streik war ein Misserfolg. Zurück blieben Bitterkeit und die Überzeugung, dass Staat und Unternehmerschaft eine Allianz im «Klassenkampf von oben» bildeten. In den Jahren 1905 und 1906 fanden insgesamt je 23 Streiks in Basel statt, vom Baugewerbe über die Maschinenindustrie bis zu den Tramangestellten. Es ging, teils mit, teils ohne Erfolg, um Lohnforderungen und die Einführung des Neun-Stunden-Tags. Eine weitere Streikwelle setzte mit dem erneuten Konjunkturaufschwung 1910 ein. Sie kulminierte im fünfeinhalbwöchigen Färberstreik vom Mai/Juni 1913. [17]

Der Färberstreik 1913

Die Färber gehörten wie die Seidenbandarbeiterinnen und -arbeiter zu den am schlechtesten organisierten und bezahlten Berufen. Sie arbeiteten unter miserablen Bedingungen, den Giftdämpfen, dem Geruch, der Hitze und dem Schmutz der Farbproduktion für die Bandindustrie ausgesetzt. Die Streikbewegung umfasste grenzübergreifend die drei Betriebe Schetty Söhne A.G. in Basel und Friedlingen (D, heute Ortsteil von Weil am Rhein), A.Clavel und F.Lindenmeyer A.G. in Basel sowie die Färberei & Appretur Schusterinsel in Friedlingen. Alle waren im wasserreichen Gebiet Wiesemündung/Rhein/Riehenteich angesiedelt. Der Streikbeschluss wurde auf einer sehr gut besuchten, vom schweizerischen und deutschen Textilarbeiterverband einberufenen Arbeiterversammlung am 20. Mai gefasst. Der Grund: Die Färber hatten eine Woche zuvor einen Tarifvertrag und den Neun-Stundentag gefordert und die Arbeitgeber darauf nicht einmal geantwortet, trotz nochmaliger Aufforderung. Die Arbeiter solidarisierten sich überdies mit den bereits seit Wochen streikenden Seidenfärbern in Krefeld und warfen den Basler Firmenbesitzern vor, deren Arbeitskampf zu hintertreiben, indem sie Arbeit für Krefeld übernommen hätten. Noch am gleichen Tag schaltete sich das staatliche Einigungsamt ein. Die Arbeitgeber erschienen zwar, lehnten aber kategorisch alle Verhandlungen ab, vor allem akzeptierten sie keine solchen mit Vertretern des Textilarbeiterverbandes. Sie würden sich vorbehalten, mit den Arbeitern selbst und einzeln zu verhandeln unter der Bedingung, dass die Arbeit am Montag, 26. Mai, wieder aufgenommen werde. Sonst drohe Entlassung. Bandfabrikanten und Handelskammer unterstützten diese Haltung vorbehaltlos. Laut den Berichten des Polizeiinspektorats [18] bemühte sich die Polizei strikt um Äquidistanz zu den Konfliktparteien. So lehnte sie ein von den Firmenchefs gefordertes Vorgehen gegen die Streikposten an den Fabrikeingängen ab, war aber bereit, Streikbrecher an den Arbeitsplatz zu begleiten. Bei 1200 Streikenden handelte es sich um 50 bis 60 Arbeitswillige. Als der Polizeiinspektor am Nachmittag des ersten Streiktags Delegationen beider Seiten einlud, um über die Rolle der Polizei zu informieren, verweigerten sich die Färbereibesitzer. Den grössten Einsatz leistete die Polizei am 13. Juni, als «sich in den Langen Erlen hinter den Pfeilern der Eisenbahnbrücke, an der Wiesenbrücke, in der Hochbergerstrasse und an den Wiesendämmen eine Menge von 5–600 Mann und überdies zahllose Kinder und Frauen angesammelt hatten. Sofort wurde von allen Polizeiposten die gerade disponible Mannschaft herangezogen, auf welche Weise dann bis 6 ¼ Uhr abends 54 Mann vor der Färberei Schetty verwendbar wurden. Mittlerweile war aber auch die Volksmenge auf viel tausend Köpfe herangewachsen und Herr Oberlieutenant Binder sah sich ausser Stande, die Arbeitswilligen gegen diese brodelnde, johlende, pfeifende, drohende Menge zu geleiten.» Polizeiinspektor Müller bot Pferde auf, und sechs berittene Polizisten machten für die Streikbrecher und deren Begleitschutz den Weg nach Hause frei. Dabei sei der Polizeikordon, der sie nach hinten abschirmte, aus der zehn- bis zwölftausendköpfigen Menge mit Steinen beworfen worden. Es sei nur noch mit blanken Säbeln Ruhe zu schaffen gewesen. Drei Demonstranten seien dabei unbedeutend verletzt worden. Daraufhin liess die Basler Regierung zwei Kompanien des Füsilierbataillons 97 auf Pikett stellen. Die Streikenden sahen sich bestätigt. «Die schweizerische Armee, angeblich zum Schutz des Vaterlandes gegen den äussern Feind aufgestellt und unterhalten, wurde wiederum in der Dienst von Klassenkämpfen gestellt, sie hilft den Starken die Schwachen zu unterdrücken», hiess es in einem Flugblatt, in der Arbeiterbund [19] und Sozialdemokratische Partei zu einer öffentlichen Volksversammlung einluden. Die Regierung rechtfertigte sich vor dem Grossen Rat mit ihrer Pflicht, unter allen Umständen für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen, und lieferte einen minutiösen Bericht über den Streikablauf und die polizeilichen Massnahmen. [20] In der Ratsdiskussion fielen Voten von einiger historischer Weitsicht. So meinte der sozialdemokratische Nationalrat und Vorwärts-Redaktor Johannes Frei, «das soziale Empfinden sei heutzutage noch rückständiger als man annehme. Sonst hätte man es nicht erleben müssen, dass grosse Industrien sich weigern, Tarifverträge abzuschliessen. Die Färbereibesitzer wollen ihren Arbeitern nur auf dem Gnadenwege Verbesserungen zukommen lassen, aber keine Rechte zugestehen. Und doch bilden diese Arbeiterorganisationen die einzige Garantie für erträgliche Verhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitern.»

Katholikenvertreter Ernst Feigenwinter, Anwalt und Volksblatt-Redaktor, übte – damals noch – Kritik am arroganten «Herr-im-Hause-Standpunkt» der Färbereibesitzer. Verhandlungsunwille und die Ablehnung des Koalitionsrechts seien veraltet, umso mehr, als auch in diesen Fabriken das frühere persönliche Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geschwunden sei und das internationale Kapital in ihnen kommandiere. Das Ende des Streiks war für die Textilfärber nach den Worten des katholischen Basler Volksblattes «demütigend und erniedrigend». [21] Jeder, der sich zurückmeldete, habe im Portierhaus sein Entlassungsschreiben und seine Invalidenkarte vorgefunden. «Im Laufe des Tages hatte er sich dann auf dem Bureau vorzustellen, wo ihm eröffnet wurde, ob er das Arbeitsverhältnis wieder neu beginnen könne oder ob er entlassen sei.» Diejenigen, die wieder eingestellt wurden, verloren aufgrund des gestrichenen Dienstalters ihren Ferienanspruch. Höhere Löhne wurden nur diffus «nach Leistung» versprochen.

Der Färberstreik von 1913 fand seine Fortsetzung in der Nachkriegskrise von 1919. Damals, Ende Juli, traten die Färber der Firma Clavel & Lindenmeyer erneut in Streik und gerieten in den dramatischsten Arbeiterkampf der Basler Geschichte. Ein Generalstreik mit vier toten Demonstranten gehörte zu seinen Resultaten. Die Färbereibesitzer hatten offenbar auch durch den Krieg nichts gelernt. [22]

Basel vor dem Ersten Weltkrieg – das war eine Stadt in Bewegung, Fabrikstadt, Bankenplatz und Verkehrsdrehscheibe auf Schiene und Strom. Da war viel Fortschritt und Wachstum, auch eine liberale Öffnung im politischen und sozialpolitischen Raum. Anderseits herrschte im privatwirtschaftlichen Bereich eine ausgesprochen unsensible, verantwortungs- und verständnislose Mentalität gegenüber der sich zunehmend artikulierenden Arbeiterklasse. Deren Mehrheit, dazu gehörten Heimarbeiterinnen und Fabrikarbeiterinnen, ungelernte Arbeiter, grosse Familien, Grenzgänger und Saisonniers, fristeten ihr Leben bei äusserst belastenden Arbeitsverhältnissen dem Existenzminimum entlang, ungeschützt vor dem Absturz in die Armut durch Krankheit oder Unfall. [23] Dem Zuwachs an politischer Partizipation der niedergelassenen Bevölkerung entsprach keine Verbesserung der materiellen Lage beim Gros der Arbeiterschaft. Schroff standen sich in den Arbeitskämpfen des frühen 20. Jahrhunderts ein vorwiegend liberal-konservatives Unternehmertum und eine gewerkschaftlich radikalisierte Arbeiterschaft gegenüber, während die Blockbildung auf politischer Ebene noch wenig gefestigt erschien. Die Parteien waren stark von jeweiligen Führungspersonen geprägt und lavierten innerhalb des Proporzsystems zwischen ihren linken und rechten Flügeln. Dem Regierungsrat eignete dank seiner gemischten Zusammensetzung eine vermittelnde Position innerhalb einer nach Besitzenden und Besitzlosen stark polarisierten Klassengesellschaft. Dies sind die städtisch-sozialen Dispositionen, die im Ersten Weltkrieg auf den Prüfstand gestellt wurden und wiederholt zu Zerreissproben führten.

2

Panik, Vertreibung, Mobilisation und Krieg

Was passierte bei Kriegsausbruch? Welche Dynamik entfesselte eine plötzlich einbrechende Ausnahmesituation? Bevor ich in die Hektik der letzten Juli- und frühen Augusttage 1914 etwas analytische Ordnung zu bringen versuche, gehört das Wort Gertrud Preiswerk (1898–1989). Sie war Tochter des Bauunternehmers Eduard Preiswerk (1871–1951) und der Elisabeth Preiswerk-Bernoulli (1874–1924), Schülerin der Freien Evangelischen Schule und am Ende des Kriegs eine der jungen Frauen, die Mathilde Paravicini als Freiwillige bei der Betreuung der Evakuiertenzüge unterstützten. [24] Ihre Aufzeichnungen zeigen sich bemerkenswert informiert, geben sich knapp, emotionslos trocken, aber auch stilistisch träf, jugendlich unbekümmert und salopp, und sie verraten in ihrem Inhalt und ihrem Selbstbewusstsein die wohlbehütete Tochter aus gutbürgerlicher Familie. Gertrud Preiswerks Notate veranschaulichen eindrücklich das Chaos der Gleichzeitigkeit bei Kriegsausbruch. Sie beziehen sich auf spektakuläre und spekulative Nachrichten und auf Informationen, die alle aus dem privaten Netz einer gut situierten Familie stammen, und sie verraten kaum etwas von der Verunsicherung und Existenzangst, von welchen die Mehrheit der Basler Bevölkerung ergriffen wurde, als mit der Schliessung der Grenzen schlagartig Arbeitsstelle, Einkommen und Versorgung in Frage gestellt waren.

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