Klinische Interkulturelle Psychotherapie - Yesim Erim - ebook

Klinische Interkulturelle Psychotherapie ebook

Yesim Erim

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Opis

Mit einem Geleitwort von W. Senf und mit Beiträgen von M. Beckmann, F.-P. Begher, F. Güç, A.K. Gün, N. Hartkamp, L. Joksimovic, I. Kohte-Meyer, R. Lackner, F. Leidinger, A. Möllering, E. Morawa, R. Schepker, M. Toker und H. Ünal Die Zahl der Migranten, die als Patienten psychosoziale Einrichtungen aufsuchen, nimmt ? entsprechend ihrem wachsenden Anteil an der Bevölkerung ? beständig zu. Ziel dieses Werkes ist es, Ärzte und Psychologen zu einer effektiven interkulturellen therapeutischen Arbeit zu befähigen. Das Buch informiert über die kulturelle Prägung psychischer Symptombildung, interkulturelle kollektive Übertragungsmechanismen, die Lebenswelten von Migranten und den besonderen ethnosoziokulturellen Hintergrund der größten Migrantengruppen (türkisch-russisch-polnisch).

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Mit einem Geleitwort von W. Senf und mit Beiträgen von M. Beckmann, F.-P. Begher, F. Güç, A.K. Gün, N. Hartkamp, L. Joksimovic, I. Kohte-Meyer, R. Lackner, F. Leidinger, A. Möllering, E. Morawa, R. Schepker, M. Toker und H. Ünal Die Zahl der Migranten, die als Patienten psychosoziale Einrichtungen aufsuchen, nimmt ? entsprechend ihrem wachsenden Anteil an der Bevölkerung ? beständig zu. Ziel dieses Werkes ist es, Ärzte und Psychologen zu einer effektiven interkulturellen therapeutischen Arbeit zu befähigen. Das Buch informiert über die kulturelle Prägung psychischer Symptombildung, interkulturelle kollektive Übertragungsmechanismen, die Lebenswelten von Migranten und den besonderen ethnosoziokulturellen Hintergrund der größten Migrantengruppen (türkisch-russisch-polnisch).

PD Dr. Yesim Erim, ärztliche Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin, leitende Oberärztin der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen, Leiterin der dortigen muttersprachlichen Sprechstunde für Migranten.

Yesim Erim

Klinische Interkulturelle Psychotherapie

Ein Lehr- und Praxisbuch

Mit einem Geleitwort von Wolfgang Senf   und mit Beiträgen von Mingo Beckmann, Franz-Peter Begher, Fatih Güç, Ali Kemal Gün, Norbert Hartkamp, Ljiljana Joksimovic, Irmhild Kohte-Meyer, Renate Lackner, Friedrich Leidinger, Andrea Möllering, Eva Morawa, Renate Schepker, Mehmet Toker und Hamidiye Ünal

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen oder sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige gesetzlich geschützte Zeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Für meine Mutter Ayla Erim, für unsere Mütter

1. Auflage 2009 Alle Rechte vorbehalten © 2009 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

Print: 978-3-17-020849-0

E-Book-Formate

pdf:

epub:

978-3-17-027390-0

mobi:

978-3-17-027391-7

Inhalt

Geleitwort

Vorwort und Danksagung

Teil I: Interkulturelle Psychotherapie

Psychotherapie mit Migranten – Interkulturelle Aspekte in der Psychotherapie1

1 Historischer Überblick und Einleitung

2 Modelle psychischer Entwicklung in der Migration

3 Sprach- und Verständigungsprobleme: Der Einsatz von Dolmetschern

4 Interkulturelle Diagnostik

5 Muttersprachliche, bilinguale Psychotherapie

6 Befunderhebung – Besonderheiten der biographischen Anamnese bei Migranten

7 Interkulturelle Beziehungsdynamik, kollektive Übertragungsbereitschaft von Migranten, einheimischen und ethnischen Therapeuten

8 Hilfreiche therapeutische Haltung

9 Psychotherapeutische Versorgung von Migranten

10 Ausblick

Türkischstämmige Patientinnen mit masochistischen Persönlichkeitsanteilen und der Einsatz von Märchen als kultursensible Intervention

1 Märchen als therapeutisches Element

2 Kultursensible Interventionen

3 Die Patientinnen und das Behandlungsproblem

4 Kollektive Gegenübertragung in der interkulturellen Begegnung?

5 Die Arbeit mit Märchen

6 Schlussbemerkung

Teil II: Psychische Störungsbilder im Kontext der Migration

Somatoforme Störungen im Kontext der Migration

1 Einleitung

2 Häufigkeit der Somatisierungsstörung in unterschiedlichen Kulturen

3 Somatisierung und symbolische Bedeutung der Symptome

4 Somatisierung und Akkulturationsgrad

5 Somatisierung und Depressivität

6 Somatisierung und Migrationsstress

7 Somatisierung bei türkischen Migranten in deutschsprachigen Ländern

8 Eigene Untersuchung und Validierung des Screenings für somatoforme Störungen in der türkischen Version

9 Somatisierung und kulturgebundene Syndrome

10 Symbolgehalt der Schmerzsymptome bei türkischstämmigen Migranten

11 Fazit

Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) im Kontext der Migration

1 Einleitung

2 Posttraumatische Belastungsstörung

3 Das Konstrukt der Posttraumatischen Belastungsstörung im interkulturellen Vergleich

4 Ethnisch-kulturelle Unterschiede bei dem gleichen Auslöseereignis

5 Posttraumatische Belastungsstörung bei Flüchtlingen

6 Flüchtlinge, Prämigrationstrauma, soziale Unterstützung

7 Vorerfahrungen mit Gewalt bei Flüchtlingen und die Kommunikation darüber in der Primärversorgung

8 Subjektiver Schweregrad der traumatischen Erlebnisse

9 PTSD, Resilienz und Lebensqualität bei Flüchtlingen aus dem Iran in Stockholm

10 Flüchtlinge aus dem Kosovo

11 Traumatische Vorerfahrungen von Flüchtlingen und Fortbestehen der PTSD nach Rückkehr in die Heimat

12 Posttraumatische Belastungsstörung bei gemischten Migrantenpopulationen

13 Prämigrationserfahrungen

14 Prämigrationserfahrungen von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen

15 Soziales Gefüge, soziale Unterstützung

16 Aufenthaltsdauer im Aufnahmeland, sozialer Status, Gewaltexposition und Resilienz

17 Eigene Studie

18 Fazit

Teil III: Implementierung von Psychotherapieangeboten für Migranten

Sozialarbeit mit Migranten im Kontext der Psychotherapie

1 Sozialberatung in der stationären Psychotherapie

2 Patienten mit Migrationshintergrund

3 Sprache

4 Recht

5 Familie

6 Soziale Situation

7 Interkulturelle Kompetenz

8 Fazit

Interkulturelle Öffnung in den Institutionen der Gesundheitsdienste

1 Einleitung

2 Inanspruchnahmeverhalten der Migranten und Zugangsbarrieren zu den Regeldiensten

3 Interkulturelle Öffnung der Gesundheitsdienste – eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft und eine zeitgerechte Notwendigkeit

4 Zusammenfassung

Das Kopftuch und die Psychiatrie

1 Die Kopftuch-Debatte erreicht die Psychiatrie

2 Kultureller und religiöser Kontext des Kopftuches

3 Politische Debatte und Verfassungsgericht

4 Das Kopftuch in der Psychiatrie

5 Fazit

Teil IV: Spezielle Aspekte der Psychotherapie mit Migranten

Funktionsstörungen des Ich und die Neuorientierung der Ich-Identität im Migrationsprozess

1 Problembeschreibung

2 Überlegungen zum Migrationsprozess

3 Psychoanalytische Überlegungen

4 Sprache und das Entstehen von Unbewusstheit

5 Fallbeispiel

6 Schlussfolgerungen

Psychotherapie mit Flüchtlingen und Folterüberlebenden

1 Einleitung

2 Menschenrechtsverletzungen und ihre psychischen Auswirkungen

3 Die Folter und ihre Ziele

4 Psychosoziale und rechtliche Situation der Flüchtlinge in Deutschland

5 Retraumatisierende Auswirkungen des Exils auf die psychische Gesundheit der Flüchtlinge

6 Das Trauma – die Diagnose

7 Psychosoziale Beratung und Psychotherapie

8 Schlussfolgerungen, Empfehlungen für die Praxis

Stationäre Psychotherapie mit traumatisierten Migranten

1 Einführung

2 Trauma und Traumafolgen

3 Risikofaktoren für die Entwicklung einer Traumafolgestörung

4 Neurobiologische Modelle

5 Allgemeine Prinzipien der stationären Psychotherapie traumatisierter Migranten

6 Spezielle Prinzipien der stationären Psychotherapie traumatisierter Migranten

7 Zusammenfassung

Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund als Patienten

1 Allgemeine gesellschaftliche Situation

2 Versorgungslage

3 Gibt es migrationsspezifische Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei Jugendlichen?

4 Epidemiologie

5 Therapeutische Grundhaltungen

Psychoanalytische Familientherapie mit türkischen Familien

1 Einführung

2 Das familientherapeutische Konzept

3 Familie B.

4 Abschließende Bemerkungen

Teil V: Kasuistische Einblicke in die Lebenswelten der Migranten

Die türkische Migrantin in der Psychotherapie

1 Religiosität als protektiver Faktor der psychischen Gesundheit

2 Die islamische Religion als psychische Ressource

3 Der türkische Islam und der Laizismus

4 Die islamische Religionszugehörigkeit als Belastungsfaktor

5 Konsequenzen für die Psychotherapie

6 Fazit

Muttersprachliche Gruppentherapie mit türkeistämmigen Migrantinnen

1 Einleitung und Zusammenfassung

2 Ausgangssituation

3 Kultursensible Angebote für türkeistämmige Patienten

4 Die Teilnehmerinnen

5 Gruppenverlauf

6 Schlussfolgerungen

Bikulturalität und Abwehr: Die tiefenpsychologische Behandlung einer Migrantin

1 Einleitung

2 Die Patientin

3 Behandlungsverlauf

4 Diagnostische Überlegungen

5 Bikulturalität und Abwehr

6 Kulturelle Hintergründe

7 Eine Abwehrform: Übermäßige Identifikation mit der Zugehörigkeitskultur

8 Schlusswort

Der türkische Migrant in der Psychotherapie

1 Einleitung

2 Psychotherapie mit Männern

3 Männer aus der Türkei

4 Wie kann stationäre Psychotherapie mit Männern erfolgreicher gestaltet werden?

Teil VI: Ethnosoziokulturelle Leitfäden für die größten Migrantengruppen

Patrioten, Überlebenskünstler, Chaoten? – Eine Einführung in die Spezifik der polnischen Identität und Kultur

1 Einleitung

2 Polens geschichtliches Erbe

3 Polnische Kultur und Identität

4 Geschichte der Migration aus Polen nach Deutschland

5 Polnische community in Deutschland

6 Psychosoziale Belastungsfaktoren

7 Psychische Morbidität

8 Polnische Migranten in der Psychotherapie

9 Fazit

Zugangswege zu jugendlichen Migranten mit Abhängigkeitsproblemen aus den ehemaligen GUS-Staaten

1 Spezifische Merkmale junger Drogenabhängiger aus den ehemaligen GUS-Staaten

2 Geschichtlicher Hintergrund der Spätaussiedlung aus den ehemaligen GUS-Staaten

3 Das Stigma des Außenseiterdaseins

4 Kontakt mit dem Suchthilfesystem

5 Zugangswege zu drogenabhängigen Migranten

Ethnosoziokultureller Leitfaden für die interkulturelle Psychotherapie mit Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien

1 Einleitung

2 Das ehemalige Jugoslawien: Geschichtliche und soziopolitische Entwicklung

3 Der „Balkankrieg“: Das Ausmaß der sozialen Zerstörung

4 Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien: Wissenswertes für die ärztliche und psychotherapeutische Begegnung

Teil VII: Klinische Hilfen

Die transkulturelle Adaptation – Eine Methode zur Entwicklung kulturspezifischer psychometrischer Messverfahren

1 Kulturspezifische psychometrische Messverfahren: Hintergrund und Bedarf

2 Der Prozess der transkulturellen Adaptation

3 Entwicklung einer türkischen Version des Screenings für Somatoforme Störungen (SOMS-TV)

4 Fazit

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Stichwortverzeichnis

Geleitwort

Im Jahr 2007 erhöhte sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes durch Zuzug oder Geburt die Zahl der Menschen, die ausschließlich eine ausländische Staatsan -gehörigkeit besitzen, um rund 400 000 auf fast 7 Millionen. Am größten dabei ist der Anteil von türkischen Staatsbürgern, der auf 25 Prozent beziffert wird. Ende 2007 betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller ausländischen Personen in Deutschland 17,7 Jahre, davon lebten 35 Prozent mehr als 20 Jahre in Deutschland, über 70 Prozent, das sind fast 5 Millionen, halten sich seit mindestens acht Jahren hierzulande auf und haben somit die notwendige Aufenthaltsdauer für eine Einbürgerung. Nicht erfasst bei dieser Rechung ist der Anteil der Menschen mit sog. Migrationshintergrund, worunter die Menschen verstanden werden, die seit 19 50 zugewandert sind und deren Nachkommen. Viele davon haben inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit und werden der Einfachheit halber Migranten genannt. Diese gesellschaftliche Gruppe ist angewachsen auf 15,3 Millionen Menschen, was heißt, dass der Anteil der Migrantenfamilien bei 27 Prozent liegt und die Migrantenquote bei Kindern bis zwei Jahre 34 Prozent erreicht hat.

Das sind die numerischen Fakten einer objektiven Realität. Erlauben sie eine Aussage zu der gelebten Realität und zu der subjektiven Realität dieser Menschen? Klar wird bei diesen Zahlen: interkulturelle Psychotherapie ist hierzulande notwendig und findet auch statt. Doch was bedeutet interkulturell in der Psychotherapie?

Zunächst sind dabei zwei Perspektiven zu betrachten: die der Hilfesuchenden (Patienten) und die der Helfer (Psychotherapeuten), und beide müssen lernen, ihre Möglichkeiten zu nutzen und aber auch ihre Grenzen zu sehen. Dass das nicht einfach ist, hat der berühmte indische Schriftsteller, Philosoph und Psychoanalytiker Sudhir Kakar1 in seinem Migrationserleben entsprechend eindrucksvoll skizziert, indem er offen über seine Situation in seiner Lehranalyse spricht: wie gekränkt er war, weil sein Analytiker ihm nicht aus seiner elenden finanziellen Lage helfen wollte, von der er doch ständig auf der Couch berichtete, und wie tief enttäuscht er war, dass sein Analytiker die Rechnung am Monatsende pünktlich präsentierte ohne jegliches Angebot, das Honorar zu reduzieren und auch deswegen, dass er ihm, auch ohne ihn jemals direkt gefragt zu haben, nicht zu einem besser bezahlten Job an seinem Institut verhalf. Nur sehr langsam habe er realisiert, dass seine wiederkehrenden Gefühle der Befremdung sich nicht aus den äußerlichen kulturellen Differenzen wie Höflichkeitsvorstellungen, Sprachgewohnheiten, Einstellungen gegenüber Zeit und Pünktlichkeit oder aber Unterschieden in der ästhetischen Sensibilität nährten, sondern in tieferen kulturellen Schichten des Selbst begründet sind. Wenn sich Hilfesuchender und Helfer im psychotherapeutischen Prozess manchmal fremd werden, so liegt das daran, dass jeder in einem spezifischen, kulturellen Unbewussten gefangen ist, einem kulturellen Unbewussten, das aus einem mehr oder weniger geschlossenen System kultureller Vorstellungen besteht, die der bewussten Wahrnehmung nicht leicht zugänglich sind.

Auf solche Fragen fokussiert dieses Buch. Die Herausgeberin dieses Buches, Frau PD Dr. Yesim Erim, engagiert sich seit vielen Jahren als psychotherapeutisch tätige Ärztin und Wissenschaftlerin in diesem Bereich und hat zuletzt im Rahmen eines Verbundprojektes Migration die interkulturelle psychotherapeutische Versorgung für türkischstämmige Patienten etabliert. Die Beiträge dieses Bandes weisen nicht nur auf die Komplexität dieser Fragestellungen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, sondern eröffnen auch Perspektiven für diese therapeutische Arbeit. Es ist dem Buch zu wünschen, dass es das Bewusstsein für diese Notwendigkeiten in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit schärft.

Wolfgang Senf

Essen, im Februar 2009

1 Kakar S (2006) Kultur und Psyche – Auswirkungen der Globalisierung auf die Psychotherapie. In: Strauß B, Geyer M (Hrsg.) Psychotherapie in Zeiten der Globalisierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Vorwort und Danksagung

Dieses Buch verfolgt das Ziel, einheimische und bilingual-ethnische Therapeuten für die Arbeit mit Migranten zu befähigen und ihre diesbezügliche Kompetenz zu steigern. Es trägt den Titel „Klinische Interkulturelle Psychotherapie“. Durch folgende Aspekte strebt es an, diesem Titel gerecht zu werden: Die Kapitel befassen sich mit klinischen Fragestellungen, die in der Psychotherapie mit Migranten auftauchen und relevant sind. Autoren, die seit vielen Jahren in der psychotherapeutischen Versorgung von Migranten klinisch tätig sind und sich mit der interkulturellen Psychotherapie in mannigfachen Veröffentlichungen befasst haben, haben diese Fragestellungen abgehandelt. Neben kasuistischen Fällen werden auch empirische Studien, soweit sie vorliegen und Konsequenzen für die psychotherapeutische Arbeit haben, vorgestellt und diskutiert.

Als Autorin und Herausgeberin dieses Buches habe ich mich mit den Fragestellungen befasst, die in meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Migranten wichtig geworden oder in den Fortbildungsveranstaltungen, die ich seit 1997 regelmäßig in Essen und später im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewochen abgehalten habe, durch die Teilnehmer an mich herangetragen worden sind. Hierzu gehört nicht nur die Untersuchung besonderer Konstellationen der Übertragung und Gegenübertragung zwischen Migranten und Einheimischen, sondern z. B. auch kultur- oder migrationsspezifische Besonderheiten in der Biographie und im Erleben der Patienten. Ein ausführliches Einleitungskapitel befasst sich aus diesem Grunde u.a. mit kollektiv geprägten Übertragungsbereitschaften in der interkulturellen Psychotherapie und mit Besonderheiten der biographischen Anamnese im Kontext der Migration. In einem weiteren Kapitel wird eine kultursensitive Intervention durch die Arbeit mit Märchen vorgestellt.

Das Thema der Benachteiligung der Frauen taucht in Psychotherapien von Migrantinnen als biographisches Merkmal und in der konkordanten, ängstlich vermeidenden Haltung und Gegenübertragung der Behandler sehr häufig auf. Meine Erfahrungen in der Psychotherapie von Migrantinnen habe ich im Kontext der Gruppentherapie und der Einzeltherapie dargestellt. In diesem Zusammenhang habe ich diskutiert, ob Zweisprachlichkeit und Bikulturalität in Form einer Überidentifikation mit der konservativen Herkunftskultur eine besondere Abwehrform darstellen können. Welchen Einfluss die religiöse Zugehörigkeit der Patientinnen auf deren Selbsterleben nehmen kann, habe ich in einem gesonderten Kapitel diskutiert und hoffe, dass die Ausführungen dort nicht Vorurteile und -annahmen bekräftigen, sondern zu einem besseren psychodynamischen Verständnis der Patientinnen beitragen.

Der Beitrag von N. Hartkamp schafft einen Ausgleich und befasst sich mit der Psychotherapie der türkischen Männer. Hartkamp führt aus, dass die gesellschaftliche Normvorstellung, wie ein Mann zu sein habe, für den Mann insgesamt heute noch sehr viel strikter festgelegt sei und sehr viel weniger Ausweichmöglichkeiten bereithalte, als dies für Frauen üblicherweise der Fall sei. Überdies würden dysfunktionale Verhaltensweisen häufig durch eine spezifische Form von Männlichkeitsideologie in ihrem Bestand gefestigt. Nach einer Beschreibung der kulturellen Wertvorstellungen von Ehrenhaftigkeit und Ehrbarkeit beschreibt er, wie Geschlechtsrollenstereotypen in der Psychotherapie mit türkischen Männern zu berücksichtigen sind.

Zwei Störungsbilder, die Traumafolgestörungen und die somatoformen Störungen, nehmen einen großen Raum ein, weil Migranten meistens mit diesen Störungsbildern einen Psychotherapeuten aufsuchen. Ich habe Überblicke über empirische Arbeiten zu diesen Themen verfasst. Zwei Kolleginnen, H. Ünal und A. Möllering, die seit Jahren mit Traumafolgestörungen befasst sind, haben aus der Perspektive einer Flüchtlingsberatungsstelle und der Perspektive der stationären Behandlung die Besonderheiten der Psychotherapie mit Flüchtlingen und traumatisierten Migranten dargestellt. Die psychotherapeutische Arbeit mit Migranten kann deren Lebenssituation nicht außer Acht lassen. Migranten sind oft von sozialen Benachteiligungen wie der Arbeitslosigkeit oder dem Fehlen von ausreichendem Wohnraum betroffen. Die Artikel von Möllering und Ünal machen deutlich, dass äußerst belastende Erlebnisse die Lebenswirklichkeit und Biographie der politischen Flüchtlinge bestimmt, und wie Psychotherapie hilft, diese traumatischen Erlebnisse zu überwinden.

A.K. Gün, F.P. Begher und F. Leidinger befassen sich mit Fragestellungen bezüglich der interkulturellen Öffnung von Institutionen. Gün gibt eine umfassende Beschreibung für die institutionellen Voraussetzungen der kulturellen Öffnung und fasst diese dann in einer Checkliste zusammen. Begher schildert die besonderen sozialen Probleme der Migranten und wie mit ihnen umgegangen werden kann, damit eine ausreichend sichere Perspektive für eine psychotherapeutische Intervention in der Klinik geschaffen wird. F. Leidinger diskutiert ein sehr komplexes Thema, nämlich den Umgang mit Andersartigkeit in den Institutionen am Beispiel von Fachkräften in der Psychiatrie, die aus religiöser Überzeugung ein Kopftuch tragen. In seinem Beitrag gelingt es ihm in hervorragender Weise, politische, juristische und ethische Aspekte der Diskussion zusammenzutragen.

Die besonderen Probleme von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die einen großen Teil der jungen Bevölkerung in Deutschland darstellen, und deren im Vergleich zu einheimischen Schülern geringer schulischer Erfolg, was in den letzten Monaten für politischen Diskussionsstoff in der Integrationsdebatte sorgte, wurden von M. Toker und R. Schepker behandelt. Die Autoren haben besonders deutlich herausgearbeitet, wie wichtig es in diesem Zusammenhang ist, durch eine kulturell offene Haltung ressourcenorientiert vorzugehen, Inanspruchnahmeverhalten, schicht-, migrations- und kulturspezifische Haltungen der Jugendlichen sowie ihrer Familien mit einer kulturellen Offenheit zu untersuchen.

Auch F. Güç befasst sich mit Migrantenfamilien und beschreibt die systemischpsychoanalytische Methode in der Familientherapie in diesem Kontext. Güç schildert die Bedeutung der Erhebung der Migrationserfahrungen aller Mitglieder der Familie und schlägt vor, die Familien in einer transkulturellen, einer kulturellen und einer individuell familiären Ebene wahrzunehmen und zu untersuchen. In seinem Beitrag wird auch die Problematik des fortgesetzten Migrationsstresses in Familien mit der Erfahrung der Heiratsmigration verdeutlicht.

I. Kohte-Meyer untersucht den Migrationsstress aus psychoanalytischer Sicht. Eine besondere Bedeutung schreibt sie dem Umstand zu, dass in einer Umgebung, in der nicht die Muttersprache gesprochen wird, bestimmte Anteile der Persönlichkeit, die durch frühe Lebensereignisse geprägt und im Vokabular der Muttersprache repräsentiert sind, nicht aktiviert werden. Durch diese Entkoppelung von den emotionalen Reizen der Muttersprache, durch den Wechsel von Sprache und Kultur, könne eine transkulturell bedingte Form von Unbewusstheit entstehen, eine innere Stummheit für emotionale und affektive Vorgänge. In der Psychotherapie können die nicht zur Verfügung stehenden Bewusstseinsinhalte mit denen der alten Sprache und den alten kulturellen Normen in Beziehung gebracht und das Ich des Patienten zu Integration und neuen Syntheseleistungen befähigt werden.

Obwohl sie alle betonen, dass ein sozio-ethno-kultureller Leitfaden nicht die Auseinandersetzung mit der individuellen Konfliktdynamik der Patienten ersetzen darf, waren L. Joksimovic, R. Lackner und E. Morawa bereit, meiner Einladung zu folgen und für Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, russlanddeutsche Jugendliche und polnisch stämmige Migranten entsprechende Orientierungsleitfäden zu schreiben. In diesen Kapiteln werden die historische und politische Entwicklung der betroffenen Ethnien und deren Auswirkung auf bestimmte kollektive Wahrnehmungen und Rollenbilder beschrieben. Hier wird dem US-amerikanischen Ansatz gefolgt, durch die Schilderung dieser Besonderheiten der einzelnen Ethnien, die immer auch stereotypisch sein müssen, eine erste Begegnung mit der spezifischen Beziehungswelt des Migranten und eine Sensibilisierung des Therapeuten für bestimmte kulturspezifische Konfliktmuster zu erreichen.

Das Fehlen von validierten Messinstrumenten in der Muttersprache der Migranten ist eins der Hindernisse in der Gewinnung empirischen Wissens über die psychischen Belastungen bei Migranten. M. Beckmann fasst die methodologischen Erfahrungen zusammen, die sie u.a. in der türkischen Übersetzung und Validierung des Fragebogens für das Screening somatoformer Störungen (SOMS) gewonnen hat, und beschreibt die umfangreiche Auseinandersetzung mit sprachlichen und kulturellen Aspekten von Symptomen. Das hier präsentierte Modell für die transkulturelle Adaptation von psychometrischen Instrumenten verdeutlicht auch, wie viel Aufmerksamkeit der kulturellen Besonderheiten der Krankheitswahrnehmung gewidmet werden muss, um die Migrantenpatienten korrekt zu verstehen.

In der hier skizzierten Auflistung gibt das Buch eine umfassende Einführung in die Thematik der interkulturellen Psychotherapie. Als Autorin und Herausgeberin hoffe ich, dass ein Buch entstanden ist, das den Leser zu einem kompetenten, offenen und neugierigen Umgang mit Migranten als Patienten befähigt.

Allen Autoren danke ich für ihre großzügige und engagierte Mitarbeit sowie die interessanten und lehrreichen Kapitel, die sie geschrieben haben. Besonderer Dank gilt meinen Kolleginnen E. Morawa und M. Beckmann, die mich durch viele Anregungen bereichert und durch aufmerksame Lektüre und Diskussion des Skripts unterstützt haben. Auch C. Odag, E. Möller und M. Toker haben Teile des Manuskripts gelesen und kommentiert.

Ohne die Neugier und die kulturelle Offenheit von W. Senf, dem Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LVR-Klinikums am Universitätsklinikum Essen, wären unsere klinische Arbeit in der muttersprachlichen Ambulanz und dieses Buch nie entstanden. Auch der Landschaftsverband Rheinland als Träger hat unsere Projekte zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung von Migranten von Beginn an unterstützt.

Herrn Dr. Ruprecht Poensgen aus dem Kohlhammer Verlag gebührt mein herzlicher Dank für sein Engagement für das Thema dieses Werkes und seine stetige freundliche Unterstützung in der Konzeptualisierung und der redaktionellen Überarbeitung des Buches.

Meinem Mann Hans Martin Strehl danke ich für seine immense instrumentelle und emotionale Unterstützung; er hat dafür gesorgt, dass unsere eheliche interkulturelle Beziehung trotz der Arbeitsbelastung lebendig und reich geblieben ist.

Essen, im Februar 2009

Priv.-Doz. Dr. (TR) Yesim Erim

Teil I: Interkulturelle Psychotherapie

Psychotherapie mit Migranten – Interkulturelle Aspekte in der Psychotherapie1

Yesim Erim

1 Historischer Überblick und Einleitung

Die Einwanderung der ersten großen Migrantengruppe setzte im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert aus Polen nach Deutschland ein. Dabei wurden Arbeitsmigranten in die Industrialisierungsgebiete, in das mitteldeutsche Braunkohlerevier und an die Ruhr rekrutiert. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebten vier Millionen polnisch sprechende Einwohner im deutschen Staatsgebiet. Anfang der 1950er Jahre herrschte in Deutschland ein Mangel an Arbeitskräften. Aus Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, der Türkei, Jugoslawien und Marokko wurden „Gastarbeiter“ geworben und somit die Zuwanderung nach Deutschland initiiert. Als der Arbeitsmarkt „gesättigt“ war, wurde 1973 der „Anwerbestopp“ beschlossen. Die Migration setzte sich jedoch fort, in erster Linie durch Flüchtlingswellen, aber auch durch die Zuwanderung von Familienangehörigen, Kindern und Ehepartnern der Migranten.2 Nachdem in den 1970er Jahren entsprechend der politischen Vorstellung einer vorübergehenden Entlastung des Arbeitsmarktes und zur Beendigung dieser passageren Lösung wirtschaftliche Anreize in Form von „Rückkehrprämien“ geschaffen wurden, um die Arbeitsmigranten zur Rückkehr in ihr Heimatland zu motivieren, ist ein ausländerfreies Deutschland heute auch aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht mehr vorstellbar, da Migranten nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als Konsumenten fehlen würden. Auf der Seite der Migranten, die oft mit dem kurzfristigen Ziel des wirtschaftlichen Erfolges nach Deutschland kamen, stellten viele im Laufe ihres jahrelangen Aufenthaltes und meistens im Zusammenhang mit der Lebensplanung ihrer hier geborenen Kinder fest, dass sie inzwischen mehr ins Aufnahmeland gehören als in ihre Heimat.

Dieser Entwicklung entsprechend ist die psychotherapeutische und beratende Arbeit mit Migranten in den letzten 50 Jahren ein immer wichtiger werdender Bestandteil der psychosozialen Versorgungspraxis geworden. Der Ausländeranteil an der Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen wird 2010 in Nordrhein Westfalen 40 bis 46 Prozent betragen (Birg 2000).

Abb. 1: Das Ziel vom schnell erlangten Reichtum bestätigte sich nicht. Es kam doch zu einem längeren „Aufenthalt“. – Zeichnung von Vojo Stankovic, aus: Die in der Fremde arbeiten … Karrikaturisten aus Griechenland, Italien, Jugoslawien, Spanien und der Türkei zeichnen die Situation ihrer Landsleute in der Bundesrepublik. Herausgegeben von Birger Gesthuisen und Tina Jerman. Copyright und mit freundlicher Genehmigung des Abdrucks Trikont Verlag, Duisburg 1983.

Auch in den traditionellen Einwanderungsgesellschaften wie den USA und Kanada ist die Migration nicht zum Stillstand gekommen, hat sich jedoch verändert. Nachdem afrikanische Zwangsmigranten und Migranten aus Europa bis zum Zweiten Weltkrieg den größten Teil der Zuwanderer in die USA und nach Kanada darstellten, stehen inzwischen Migranten aus asiatischen und afrikanischen Entwicklungsländern an erster Stelle. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ethnischen und kulturellen Besonderheiten der neu Hinzugezogenen spielt sich jedoch unverändert auf vielen Ebenen ab, auch im Bereich der psychosozialen Dienste.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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