Klassische Arbeit am Kappzaum - Desmond O'Brien - ebook

Klassische Arbeit am Kappzaum ebook

Desmond O'Brien

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Opis

Klassische Arbeit an der Hand, an der Doppellonge oder unter dem Sattel wird immer beliebter. Unverzichtbares Ausbildungsinstrument dafür ist der Kappzaum. Aber wie setzt man ihn korrekt ein? Wie wird er verschnallt, wie hilft er beim Longieren und wie bei der Umstellung auf Trense und Kandare? Desmond O´Brien, ehemaliger Bereiter und Sattler an der Spanischen Hofreitschule, erklärt genau, was einen guten Kappzaum ausmacht und wie er eingesetzt wird: von der Basisarbeit bis zur Hohen Schule.

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„Ich werde von meinen Schülern sehr oft zum Thema ‚Kappzaum‘ befragt. Das hat mich überrascht, weil der Kappzaum an der Spanischen Hofreitschule Teil des täglichen Lebens ist. Die Verwendung des Kappzaums ist dort so selbstverständlich, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass es Reiter gibt, die davon noch nie etwas gehört haben, noch nie zugesehen haben, wie er genutzt wird, geschweige denn selbst damit gearbeitet haben. Leider gibt es diese Reiter sehr wohl und das möchte ich ändern. Also erkläre ich meinen Schülern immer wieder gern den Kappzaum und die Möglichkeiten, ihn zu verwenden.

Nun hat sich die Gelegenheit ergeben, mich zu diesem wichtigen Thema in Form des vorliegenden Buches zu äußern. Das Ergebnis liegt vor Ihnen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit dem Buch und hoffe, es beantwortet einige Ihrer Fragen und hilft Ihnen bei der Arbeit mit Ihrem Pferd!“

Desmond O´Brien

KLASSISCHEARBEIT AM

Kappzaum

Die Ausbildung am Bodenund unter dem Sattel

(Foto: Neddens Tierfotografie)

Desmond O´Brien

  KLASSISCHE  ARBEIT AM

Kappzaum

Die Ausbildung am Bodenund unter dem Sattel

„Theorie ist das Wissen, die Praxis das Können.Immer aber soll das Wissen dem Handeln vorausgehen.“

Oberst Alois Podhajsky

Autor und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

Sicherheitstipps:In diesem Buch sind Reiter ohne splittersicheren Kopfschutz abgebildet. Dies ist nicht zur Nachahmung empfohlen. Achten Sie bitte immer auf entsprechende Sicherheitsausrüstung: Reithelm, Reitstiefel/-schuhe, Reithandschuhe und gegebenenfalls eine Sicherheitsweste beim Reiten.

IMPRESSUM

Copyright © 2015 by Cadmos Verlag, Schwarzenbek

Gestaltung und Satz: www.ravenstein2.de

Coverfoto: Neddens Tierfotografie

Fotos im Innenteil: Neddens Tierfotografie, sofern nicht

anders angegeben

Grafiken: Desmond O´Brien, sofern nicht anders angegeben

Lektorat der Originalausgabe: Claudia Weingand

Konvertierung: S4Carlisle Publishing Services

Deutsche Nationalbibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

eISBN: 978-3-8404-6391-4

INHALT

(Foto: Neddens Tierfotografie)

Vorwort

Das Rad muss nicht neu erfunden werden

Berufsreiter versus Hobbyreiter

Vom reitweisenübergreifenden Lernen

Grundlegendes zur Arbeit mit dem Pferd

Über dieses Buch

Der Kappzaum in der Geschichte

Von Pluvinel bis Newcastle

Der Kappzaum im 17. und 18. Jahrhundert

Kappzaum mit Dornen

Der Kappzaum in der Gegenwart

Ist die Anwendung eines Kappzaums immer pferdegerecht?

Die Bestandteile des Kappzaums

Kappzaumeisen

Backenstück und Umlaufriemen

Kinn- und Ganaschenriemen

Modelle

Kappzaumeisen

Mode und Farbe

Modell der Spanischen Hofreitschule

„Englischer“ Kappzaum aus Messing

Kappzaum in „schwerer Ausführung“

Die spanische Serreta

Portugiesische Kappzäume

Kappzaum der Camargue: das Caveçon

Andere Kappzäume

Andere gebisslose Zäumungen

Der HSH-Schulzaum: Gastkapitel von Fritz Stahlecker

Anatomie und Druckpunkte

Anatomie des Pferdekopfs

Die sieben Druckpunkte

Möglichkeiten der Verschnallung

Exkurs: Wirkungsweise des Reithalfters

Kappzaum pur

Kappzaum und Trense

Kappzaum und Stangenzaum (Kandarenzaum)

Verwendung des Kappzaums am Boden

Wirkung

Bevor wir mit der Arbeit beginnen

Führen am Kappzaum

Laufenlassen und Anlongieren

Longieren

Exkurs: Das Auge des Pferdes

Von der Longe zur Doppellonge

Von der Doppellonge zum Langen Zügel

Übungen vor dem Aufsitzen

Klassische Handarbeit

Verwendung des Kappzaums beim Reiten

Gedanken zum Reiten

Grundlegendes für die Praxis

Gebisslos reiten mit Kappzaum

Kappzaum und Trensengebiss

Kappzaum und Kandarengebiss

Vom Kappzaum bis zur blanken Stange

Pflege des Kappzaums

Sattelseife versus Öl

Der maßgefertigte Kappzaum: Hinweise für den Sattler

Fakten zu den Einzelteilen

Maßangaben

Individuelle Führzügel

Anhang

Danke

Endnoten

Literaturverzeichnis

VORWORT

Desmond O´Brien mit Stute Matthilde. (Foto: Neddens Tierfotografie)

Mein Name ist Desmond O´Brien. Ich wurde 1962 in Dublin, Irland, geboren, bin jedoch in Österreich aufgewachsen. Meine Mutter ist Österreicherin, mein Vater Ire. Mein Bruder Kevin ist eineinhalb Jahre jünger als ich und ebenfalls Reiter. Im Gegensatz zu mir hat er aber zusätzlich einen „anständigen“ Beruf erlernt.

1974 begannen Kevin und ich mit dem Reiten. Wir lernten es von der Pike auf: Stall ausmisten, Pferde putzen, satteln, zäumen. Wir hatten Unterricht an der Longe, danach genossen wir eine Grundausbildung im Viereck (Dressur und Springen) und im Gelände. In den Wintermonaten fanden Theorieabende statt: Wir bekamen Einblicke in die Anatomie des Pferdes, lernten die Fußfolge in den Gangarten, die korrekte Einwirkung des Reiters, Hufschlagfiguren oder Abmessungen im Parcours kennen. Zusätzlich wurden wir mit Zaum- und Sattelkunde, Huf- und Beschlagskunde, Fütterungslehre, Veterinärkunde und weiteren Themen rund ums Pferd vertraut gemacht. Aufhalten beim Schmied war für uns genauso selbstverständlich wie das Einlagern von Heu und Stroh und das Reparieren der Koppelzäune.

Beim Reiten selbst hielt sich unsere Begeisterung für Dressur anfangs in Grenzen.

Springen war einfach eine größere Herausforderung! Allerdings haben wir sehr schnell herausgefunden, dass gut dressurmäßig gearbeitete und damit durchlässigere Pferde sicherer an den Sprung heranzubringen und im Tempo besser zu regulieren waren. Durch die Dressurarbeit hat Springen noch mehr Spaß gemacht. Als dann allerdings das Geländereiten dazukam, wurden wir vor neue Aufgaben gestellt: Es ging frisch vorwärts, bergauf, bergab und über natürliche Hindernisse. Hier wussten wir die solide Grundausbildung erst wirklich zu schätzen! Was lernen wir aus diesem kleinen Exkurs in meine reiterliche Laufbahn? Das Eine bedingt das Andere.

1978 wurde ich als Eleve an der Spanischen Hofreitschule zu Wien aufgenommen. Dort lernte ich im Prinzip dasselbe nochmal, allerdings deutlich umfassender. Ich war überzeugt davon, dass alle Reiter so zu reiten beginnen und dieselben Grundlagen vermittelt bekämen wie ich. Als ich zu unterrichten begann, wurde mir klar, dass sich diese Vorstellung als Irrtum erwies.

Das Rad muss nicht neu erfunden werden

Die Eleven der „Spanischen“ werden dazu angehalten, während ihrer Ausbildung diverse Bücher zu lesen (etwa die von Alois Podhajsky, Wilhelm Müseler, Waldemar Seunig, Gustav Steinbrecht oder François Baucher, um nur einige zu erwähnen). Das kam mir entgegen, weil ich gern lese. Heute enthält unsere private Bibliothek mehr als 600 Bücher zum Thema Pferd, mehrere Meter davon werden von „Reitlehren“ eingenommen, vorzugsweise von denen der alten Meister. Sie weckten mit ihren Erzählungen und Ausführungen den Wunsch in mir, mehr übers Reiten zu lernen. Die Reiter vergangener Generationen standen vor denselben Problemen wie wir und entwickelten bereits Lösungen. Reiter der Gegenwart brauchen das Rad also nicht neu zu erfinden. Warum sollten wir nicht aus den Fehlern anderer lernen? Umsetzen muss das geschriebene Wort dennoch jeder für sich. Bei der Lektüre der Reitlehren früherer Zeiten sollte man unbedingt beachten, dass sie für „gestandene Reiter“ geschrieben wurden. Ein unabhängiger Sitz und eine gute Körperkontrolle (die Kontrolle der eigenen Muskulatur) wurden also vorausgesetzt!

Auch wichtig: Jeder Buchautor hat seine eigenen Erfahrungen und fasst sie in seine Worte. Somit gibt es viele Bücher mit ähnlichem Inhalt, der jedoch immer anders beschrieben ist. Der interessierte Leser muss also nur „seinen“ Autor finden.

Berufsreiter versus Hobbyreiter

Wenn man es genau nimmt, übe ich also keinen Beruf aus, sondern fröne meinem Hobby – der Arbeit am und mit dem Pferd. Und das bis zu 16 Stunden täglich. Genial, oder?

Wer von den vielen Freizeitreitern hat schon die Möglichkeit, sich den ganzen Tag mit Pferden zu beschäftigen?

An der Spanischen Hofreitschule konnte ich zuschauen, wie erfahrene Kollegen arbeiten, und konnte, zunächst unter Aufsicht, eigene Erfahrungen sammeln. Bei Unklarheiten standen mir stets hochqualifizierte Fachleute mit Rat und Tat zur Seite. Das Glück haben viele Reiter nicht und landen in Internetforen mit fachlich zweifelhafter Beratung …

Der Unterschied in der Reitpraxis (0-35000 Reiteinheiten) zwischen Berufs- und Freizeitreiter ist gewaltig. (Tabelle: Desmond O´Brien)

Sehen wir dem Problem ins Auge: Berufsreiter haben die Möglichkeit, sich intensiver mit der Materie Pferd auseinanderzusetzen als jemand, der täglich acht Stunden seinem Beruf nachgeht, beim Einkaufen hilft, sich um seine Familie kümmert und für das Pferd nur ein bis zwei Stunden täglich aufwenden kann. Letzteres trifft auf den Großteil der arbeitenden Bevölkerung zu.

Reitet ein „Privatreiter“ ein Pferd pro Tag (und das an fünf bis sechs Tagen die Woche), so ergeben sich in einem Jahr etwas mehr als 300 Reiteinheiten, in zehn Jahren vielleicht 3.000. Ein Berufsreiter reitet zehn bis 15 Pferde pro Tag, das sind in einem Jahr mindestens 3.000 Reiteinheiten, in zehn Jahren bis zu 35.000. Diese Erfahrung macht einen sehr großen Unterschied aus, vor allem wenn man bedenkt, dass viele Freizeitreiter gemeinsam mit ihrem oft wenig ausgebildeten Pferd zu lernen beginnen. Ich gehe außerdem davon aus, dass die Berufsreiter (zumindest die Bereiter an den Hofreitschulen) auf Schulpferden (Endnote 1, siehe Seite 150) lernen und dadurch gleich von Beginn an mit einem höheren Ausbildungsniveau vertraut gemacht werden. Allerdings muss sich der Pferdebesitzer „nur“ mit seinem eigenen Pferd verständigen können, der Profi mit verschiedenen. Reitlehrer sollten also alles in ihrer Macht Stehende tun, um dem Pferdebesitzer bei der Verständigung mit seinem Pferd zu helfen. Das ermöglicht wiederum dem Reitlehrer, das Gelernte umzusetzen, zu probieren, Erfahrung zu sammeln. Nicht zuletzt bietet das Unterrichten interessierter Schüler die Möglichkeit, aus der Ferne auf das Pferd einzuwirken, quasi „ferngesteuert“ (Endnote 2) zu reiten.

Reitlehrer sollten alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihren Schülern mit ihrem Pferd zu helfen. (Foto: Neddens Tierfotografie)

Auch das hilft herauszufinden, was richtig und was falsch ist (wobei das, was heute „falsch“ ist, morgen, bei fortgeschrittener Ausbildung, schon wieder „richtig“ sein kann).

Vom reitweisenübergreifenden Lernen

Ich wurde durch verschiedene Wendungen des Schicksals zum „Reittrainer Dressur“. In meiner Freizeit sah ich dem damaligen Sattlermeister der Spanischen, Friedrich Grabenwöger, bei seiner Arbeit zu, arbeitete mit, erlangte Grundkenntnisse der Sattlerei und wurde später Sattlermeister.

Weil ich mich in der Terminologie von Fahrgeschirren nicht auskannte, nahm ich an einem Fahrkurs beim Wiener Fiaker Leopold Hewera teil und legte die Prüfung zum Fahrabzeichen ab. Auch das führte zu mehr Verständnis fürs Reiten: zum Beispiel zur Erkenntnis, wie wichtig es ist, in der Wendung mit der äußeren Leine beziehungsweise dem äußeren Zügel nachzugeben (Endnote 3). Leopold war eine unerschöpfliche Quelle des Wissens. Egal, welche Frage ich zum Thema Fahren stellte – er wusste immer eine Antwort. Er vermittelte mir auch viele historische Informationen: zum Fahren, zu den Geschirren, zur Stadt Wien, sogar zum Kaiserhof – immer in anschauliche, lehrreiche Anekdoten verpackt.

Als Sattler lernte ich unter anderen die Sattlermeister Karl Niedersüß und Uli Deuber (Gründer von Deuber & Partner) kennen, beide sehr innovative Kollegen mit hohem Fachwissen in allen Bereichen des Sattelbaus.

Sie betrachten Probleme auch mal aus einer anderen Perspektive. Ich lernte von ihnen, wie sich der Sattel auf das „Bewegungsgefüge Pferd“ auswirkt und wie der Sattler dem Pferd helfen kann. Auch haben sie meinen Blick für die verschiedenen Reiterexterieure geschärft. Auch von Fritz Weiss, Vizepräsident der deutschen Sattler, habe ich in nächtelangen Fachgesprächen viel über Sättel gelernt. Es ist schön, dass es Fachleute gibt, die mit ihrem Wissen nicht hinterm Berg halten. Das wird auch bei den jährlich stattfindenden Sattlertagungen deutlich, die jedem Sattlermeister offen stehen. Aus einer ganz anderen Perspektive werden Zäume und Sättel von Restauratoren gesehen: Martina Poyer aus der „Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museum in Wien“ hat mir die Augen dafür geöffnet.

WER MEINEN WEG NOCH BEEINFLUSSTE

Ein zufälliges Zusammentreffen mehrerer Personen, die am Reiten im Damensattel interessiert waren, führte zur Gründung der „Interessengemeinschaft zur Förderung des Reitens im Damensattel in Österreich“ (www.damensattel.at) und zur Weiterbildung in England. Ich wurde zum „A-Instructor Damensattel“ und knüpfte viele internationale Kontakte zu Spezialisten auf diesem Gebiet, allen voran Roger Philpott. Gemeinsame Schüler aus der Westernreiterei stellten den Kontakt zu Mike Bridges her. Er ist Cowboy, internationaler Westerntrainer und Buchautor. Er bildet Bridlehorses aus, die einhändig auf blanker Kandare geritten werden. Wenn man Mike zuhört, könnte man meinen, er sei mit Pluvinel zur Schule gegangen. So viele Unterschiede bestehen gar nicht zwischen den Reitweisen. Bestätigt wurde diese Feststellung auch in Gesprächen mit Pedro Torres (Working Equitation), Jean Claude Dysli (Western) und Volkhard Lehner (ehemaliger Bereiter an der „Spanischen“). Reinhard Mantler, der Horsemanship praktiziert, aber eine klassische Ausbildung hat, und Hans Treml, Experte für die Kommunikation mit dem Pferd über Körpersprache, halfen mir, mehr über Pferde zu lernen. Carola Lind, unter anderem Tierkommunikatorin, hat mir gezeigt, wie viel „positives Denken“ im Umgang mit Pferden und im Leben an sich bringen kann. Durch Andrea Jänisch (international anerkannte Gangpferdetrainerin) lernte ich viel über Gangpferde. Ich begriff, dass es keine verschiedenen Reitweisen gibt, sondern nur gute oder schlechte Reiterei (Endnote 4). Über den Hufschmied der „Spanischen“, Karl Jänicke, habe ich Prof. Hans Geyer von der Veterinärmedizinischen Universität Zürich kennengelernt. Beide haben mir viel über Hufe und deren Funktion für den Bewegungsablauf des Pferdes vermittelt. Über den Bewegungsablauf des Menschen lernte ich sehr viel von Dr. Josef Kastner und Prof. Eckart Meyners.

Es gibt noch unzählige andere Menschen, die mich das Reiten aus einem anderen Blickwinkel sehen ließen. Ihr Wissen ist allen „öffentlich zugänglich“, jeder kann mit ihnen sprechen, von ihnen lernen.

So, und was hat das alles mit Ihnen zu tun? Ich möchte Sie durch mein Beispiel ermutigen, sich intensiv mit der Arbeit mit dem Pferd zu beschäftigen. Neugierde ist ein sehr positives Element des Lernens. Lesen Sie, reden Sie mit Fachleuten und hinterfragen Sie immer wieder Behauptungen und Anweisungen. Viele „Grundsätze“ werden abgeschrieben und als gegeben hingenommen. Ein Beispiel ist die Wirkungsweise der Kandare: Ich habe viel darüber gelesen, der Umgang mit der Stange wurde mir von Könnern (Bereiter der „Spanischen“) erklärt und kontrolliert, bei den diversen Reitlehrerausbildungen wurde immer wieder darauf eingegangen. Ich habe dieses Wissen im Unterricht weitergegeben. Trotzdem vermittelte mir Dressurausbilder Fritz Stahlecker (siehe Gastkapitel von Fritz Stahlecker: „Der HSH-Schulzaum“) nach vielen Jahren eine andere Betrachtungsweise, die – ich habe es überprüft – wirklich der Realität entspricht. Reiten kann sehr komplex sein! Und es ist interessant, wie sich eine Information am Rande an einer ganz anderen Stelle positiv auswirkt.

Es ist richtig, dass nicht alle Reiter diese Möglichkeiten haben, sich so umfassend zu informieren. Allerdings stehen doch viele davon Ihnen, Ihrem Reitlehrer, Ihrem Sattler und anderen Interessierten ebenfalls zur Verfügung. Bilden Sie sich aus den Meinungen verschiedener Fachleute Ihre eigene! Ergänzen Sie sie mit jeder Information, die Sie bekommen können. Auch vom Zuschauen kann man lernen. Probieren Sie es aus. Der Vorteil am Erweitern des Wissensschatzes liegt auf der Hand: Man lernt viel. Der Nachteil: Jede beantwortete Frage führt zu weiteren. Und am Ende erkennt man, wie wenig man eigentlich weiß.

Grundlegendes zur Arbeit mit dem Pferd

Pferd und Reiter sind ein Team, jeder hat seinen Aufgabenbereich. Der Reiter sollte für die Anweisungen zuständig sein, das Pferd für die Ausführung. Im wirklichen Leben tauschen die beiden manchmal kurzfristig die Rollen. Damit das Teamwork gelingt, muss der Reiter wissen, wann das Pferd was wie, am besten auch warum, machen soll. Und natürlich, wann welche Hilfe wie und warum zum Einsatz kommen muss, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen.

MOTIVATION UND AUSRÜSTUNG

Die Ausrüstung des Pferdes sollte so angepasst sein, dass sich das Pferd wohlfühlt und sich ganz auf seinen Part konzentrieren kann, ohne durch Schmerzen abgelenkt zu werden.

Ein Wanderer mit drückendem Rucksack oder unpassenden Schuhen wird auch weniger Freude an seiner Freizeitbeschäftigung haben, als er mit passender Ausrüstung hätte.

Wir reiten doch, weil es uns ein tolles Gefühl gibt. Wie oft sind wir nach dem Reiten glücklicher als vorher? Wie oft laden wir dabei unsere Batterien wieder auf? Wie oft können wir „abschalten“ und unsere Lebensqualität dadurch verbessern? Und all das verdanken wir dem Pferd! Wir sollten also alles daransetzen, den Partner Pferd zu motivieren, wenn wir so viel Positives aus dem Umgang mit ihm ziehen. Viele Pferde haben mehr Spaß auf der Koppel in ihrer Herde als beim Reiten. Erbringt es für uns Leistung, sollte es das gern tun. Loben Sie Ihr Pferd – gern mit Begeisterung, seien Sie ruhig emotional. Loben Sie es so, wie Sie gelobt werden wollen! Hat das Pferd keinen Spaß bei seiner Zusammenarbeit mit uns, gibt es uns ein weniger gutes Gefühl – und um eben jenes Gefühl geht es doch.

Über dieses Buch

Ich werde von meinen Schülern sehr oft zum Thema „Kappzaum“ befragt. Das hat mich überrascht, weil der Kappzaum an der Spanischen Hofreitschule Teil des täglichen Lebens ist. Die Verwendung des Kappzaums ist dort so selbstverständlich, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass es Reiter gibt, die davon noch nie etwas gehört haben, noch nie zugesehen haben, wie er genutzt wird, geschweige denn selbst damit gearbeitet haben. Leider gibt es diese Reiter sehr wohl und das möchte ich ändern. Also erkläre ich meinen Schülern immer wieder gern den Kappzaum und die Möglichkeiten, ihn zu verwenden. Ich versuche, Vor- und Nachteile der einzelnen Modelle zu besprechen (ein Unterfangen, das ohne die verschiedenen Kappzäume schwer umzusetzen ist – man hat ja nicht immer alle Modelle im Koffer). Auch zeige ich in der Praxis, wie Reiter den Kappzaum nutzen können. Dabei überzeuge ich viele Skeptiker: Die Reaktion der Pferde gibt der Verwendung von Kappzäumen recht.

Nun hat sich die Gelegenheit ergeben, mich zu diesem wichtigen Thema in Form des vorliegenden Buches zu äußern. Das Ergebnis liegt vor Ihnen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit dem Buch und hoffe, es beantwortet einige Ihrer Fragen und hilft Ihnen bei der Arbeit mit Ihrem Pferd!

Anmerkungen am Rande: Lesen Sie das ganze Buch. Es gibt bei der Arbeit mit Pferden Regeln – und Ausnahmen. Einige davon werden weiter hinten im Buch besprochen. Auch möchte ich erwähnen, dass ich, wenn ich von „Reitern“ spreche, natürlich auch die Reiterinnen meine. Des Weiteren möchte ich betonen, dass dieses Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es gibt so viel zum Thema Pferdeausbildung zu sagen, dass weder ein Buch noch ein Reiterleben dafür ausreicht.

Pluvinel, Erfinder der Pilaren, verwendete unter anderem den Kappzaum aus Seil.

Aus: Pluvinel, L‘Instruction du Roy en l‘Exercise de monter à Cheval ..., ISBN: 3-487-06658-0, Georg Olms Verlag, Hildesheim. (Mit freundlicher Genehmigung des Georg Olms Verlags)

DER KAPPZAUM

in der Geschichte

Der Kappzaum ist zunächst einmal ein „gebissloser Zaum“. Das mittelhochdeutsche Wort zoum (althochdeutsch zaum) beschreibt ein Seil oder einen Riemen. Die ersten Zäume, die dem Pferd angelegt wurden (man geht davon aus, dass bereits um 3500 v. Chr. Pferde als Reittiere verwendet wurden, erste Nachweise gibt es um das Jahr 2800 v. Chr.), bestanden aus einem Rohlederhalfter, das um die Nase geknotet oder durch das Maul geführt wurde. Die Indianer in Nordamerika hatten später übrigens dieselbe Idee wie die ersten europäischen Reiter.

Später wurden dem Pferd zwei kurze Stangen aus Horn oder Geweih, die mit einer kurzen Schnur verbunden waren, über die Nase gebunden. Durch die kneifende Wirkung („Nussknackereffekt“) konnten Pferde leichter unter Kontrolle gehalten werden. Diese Wirkung haben gebrochene Gebisse bis heute. Das erste Gebiss mit Nussknackerwirkung tauchte übrigens 1400 v. Chr. auf.

Es gab interessanterweise in verschiedenen Regionen der Erde immer wieder sehr ähnliche Erfindungen – oft unabhängig voneinander und oft zeitgleich. In unterschiedlichen Kulturkreisen haben sich allmählich verschiedene Reitweisen entwickelt. So haben die Ritter der nördlichen Heere (in der Region der heutigen Bundesrepublik Deutschland oder des heutigen Frankreichs etwa) sowohl ein gebrochenes Gebiss (Trense) als auch ein ungebrochenes Hebelgebiss (Kandare) verwendet. Die Ritter der südlichen Heere (zum Beispiel auf der Iberischen Halbinsel) haben Kappzäume und ungebrochene Hebelgebisse verwendet, jedoch keine gebrochenen. Diese Tradition hat sich durch die Eroberung der „Neuen Welt“ durch die Südeuropäer bis heute in Teilen Amerikas erhalten. So beginnen Cowboys die Ausbildung ihrer Pferde in Kalifornien heute noch gebisslos (Bosal) und stellen später auf Kandare um. Dasselbe gilt für viele Reiter in Spanien, Portugal und der Camargue.

Unsere alten europäischen Reitmeister verwendeten zur Ausbildung ihrer Pferde immer wieder den Kappzaum. Sie erkannten offenbar den Vorteil des maulschonenden Werkzeugs. Wie schon erwähnt, werden die Eleven der Spanischen Hofreitschule angehalten, Bücher dieser „alten Meister“ zu lesen (die meisten dieser Bücher sind übrigens auch heute noch erhältlich). Das geschieht schon während der Ausbildung an der Longe, die immerhin zwischen einem Dreivierteljahr und eineinhalb Jahren dauert. So verfügt der junge Schüler über ein fundiertes Wissen, das sich über die Generationen als „richtig“ erwiesen hat.