Kirschenkosten - Hildegard Schumacher - ebook

Kirschenkosten ebook

Hildegard Schumacher

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Opis

Christine Hollmann steht ihrem dickschädeligen Großvater gewiß in nichts nach, wenn ihre Kriegslisten naturgemäß auch verschiedenen Objekten gelten. Weil ihre Eltern ihr nicht erlauben wollen, mit ihren fünf Freunden zum Zelten zu fahren, fährt sie schließlich ohne diese Erlaubnis fort. Nach ihrer Rückkehr ist sie jedoch nicht etwa länger über ihre Großfamilie, dafür aber zutiefst über ihren Klassenkameraden Matthias enttäuscht, der sich weit mehr für Mathe als für Mädchen begeistern kann. Als die Schule wieder beginnt, nimmt er ihr gegenüber immer häufiger einen belehrenden Tonfall an, der sie verletzt. Stück für Stück demontiert er selbst das Bild vom Strahlenden Ritter, das sie sich von ihm gemacht hatte. Während Christine sich bisher in ihrem Kaff am Rande der Welt gefühlt hat, häufen sich in diesem denkwürdigen Jahr die unangenehmen Ereignisse, von denen der Kummer mit Matthias nur der Anfang war. Um sich über ihre Gefühle klar zu werden, beginnt sie, ein Buch zu schreiben. Aber muss Matthias, dieser fantasielose Knochen, sie ausgerechnet bei Mathe-Bolle damit verpfeifen? Wie ein Lauffeuer breitet sich die Kunde aus: Christine schreibt. Und da sie verstockt von ihrem Hobby nicht lassen will, setzt sie sich bei fast allen Lehrern voll in die Nesseln. Trost findet sie nur nachmittags bei ihrem Plüschlöwen, den ihr Wolfgang geschenkt hat. Er selbst weilt fern, doch bald beginnen die Telegrafenleitungen zwischen Berlin und Hollershoh immer heftiger zu rauschen!

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Impressum

Hildegard und Siegfried Schumacher

Kirschenkosten

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

ISBN 978-3-95655-231-1 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1978 im Verlag Neues Leben, Berlin und 1985 unter dem Titel „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ in der Franckh’schen Verlagsbuchhandlung, Stuttgart.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

2. Kapitel

Hammerschläge schallten durchs Fenster. Großvater begann auf dem Hof zu wirtschaften. Nach ihm kann man die Uhr stellen, es war zwei. Um zwei wollten wir uns an der Blänke treffen! Ich sprang auf, rannte zum Spiegel. Rote Karnickelaugen, verquollene Nase. So konnte ich vor meine Freunde nicht hintreten. Schon gar nicht vor Matthias. Überhaupt, was sollte ich sagen? Dass ich nicht mitdurfte? Mich auslachen lassen, weil meine Eltern mich nicht für voll nahmen? Ich überlegte, ob ich schnell krank werden könnte.

Aber außer im Frühjahr bin ich ein Musterbeispiel für Gesundheit. Was sollte ich nur machen?

Ich ließ kaltes Wasser einlaufen, tauchte das Gesicht ein und klimperte mit den Augenlidern lange auf und ab. Mein Schönheitsrezept für klare Augen stammte aus Omas altem Doktorbuch. Tatsache, es half. Ich kämmte das verwuschelte Haar glatt, und als ich mich danach überprüfte, verriet nichts mehr die verlorene Schlacht. Der Weg zur Blänke ist lang. Bis dahin musste mir etwas einfallen!

Die Strecke bis zur Badesteile war an diesem Tag jedoch viel zu kurz. Ich fühlte mich auf meiner Schwalbe wie ein Akrobat. Ich musste kurven und über Höcker und durch Löcher, sodass ich überlegte, ob ich einfach zu Boden gehen sollte. Kleiner Unfall, nicht schlecht. Vor allem musste es echt aussehen, aber dazu fehlte mir der Mut.

Die Badestelle tauchte auf. Ich bremste und sah in fünf miesepetrige Gesichter. „Hallo“, sagte ich, „ist was?“

„Sanne darf nicht mit.“

Es klang wie der erste Satz einer Grabrede. Trotzdem wurde mir leichter, stand ich doch nicht so allein da. Ich war Sannes Eltern direkt dankbar, und einen Augenblick lang erschien mir mein Geständnis überhaupt nicht schwer. Ausgerechnet Matthias musste Salzsäure auf die aufkeimende Wahrheitsliebe schütten. „So was Unmodernes!“, sagte er.

Ich schluckte auf der Stelle mein Geständnis hinunter.

Sanne fing an zu heulen. Ich konnte sie gut verstehen. Noch immer saß ich auf der Schwalbe, und auch mir war zum Heulen zumute. Mechanisch drehte ich ab und zu am Gas und ließ die Maschine aufbrüllen.

„Stell bloß deinen Schlitten ab“, sagte Ecki. „Du machst mich völlig fertig!“

Wenn er gewusst hätte, wie fertig ich war! Sollte ich mich genauso anstarren lassen wie Sanne? So blöd mitleidig? Was mussten die zu Hause einem auch wie Riesensaurier auf die Seele latschen!

Seele … Das Wort hakte sich in mir fest. Kein Doktor, kein Professor hatte die Seele je entdeckt. Die alten Poeten redeten wahrscheinlich auch nur davon. Keiner kann sagen, wo sie sitzt. Nicht einmal Oma. Ich aber fühlte sie. In mir drin, im Hals saß sie. Da musste sie sitzen, da drückte es so.

Mit ziemlich kratziger Stimme sagte ich: „Heul nicht Sanne, du kannst wirklich nichts dafür.“

Sie schnaubte lange in ihr Taschentuch und fragte dann: „Was machen wir nun?“

Sie wusste gar nicht, wie recht sie hatte mit diesem „wir“.

„Holzköpfige Eltern!“, schimpfte Ecki. „Und so ein unschuldiges Kind muss darunter leiden.“

Sanne heulte sofort wieder los. Ecki legte einen Arm um sie, und sie stieß ihn nicht weg wie sonst. Es schien Ecki sehr recht zu sein, dass er Sanne endlich schutzbedürftig neben sich hatte. Am liebsten hätte ich genauso an Matthias' Schulter geheult und alles hinter mir gehabt:, doch mich störte Eckis Ausspruch. Ich durfte meine Niederlage nicht eingestehen. Holzköpfig! Bis ins Jahr zweitausend waren meine Eltern blamiert. Und das, wo Vati in aller Öffentlichkeit so große Töne von Jugend und Vertrauen geredet hatte. Außerdem hatte er nicht nein, sondern nur na ja gesagt. Vielleicht ließ sich das „na“ noch streichen.

Um Sanne zu trösten, brubbelte Ecki etwas von schreiender Ungerechtigkeit in seinen Bart. Auf den war er sehr stolz, obwohl er sich bisher nur schattig von den Ohren zum Kinn und unter der Nase hinzieht und mehr ein symbolischer Bart ist. Nach einem tiefen Seufzer sagte Ecki: „Was machen wir nun? Passieren muss etwas. Wir können nicht ewig wie trauernde Hinterbliebene an der Blänke hocken.“

„Fahren wir zu Sannes Eltern“, schlug Matthias vor.

„Um sie aufzuklären“, stimmte Gerd zu.

„Und wenn sie wieder nein sagen?“, sagte Sanne schluchzend.

Ohne zu bedenken, dass meine Frage wie ein Bumerang auf mich zurückkommen könnte, fragte ich: „Wie steht es denn bei euch?*'

Natürlich, bei Matthias war die Sache klargegangen wie immer, aber dann großes Schweigen.

Bärbel hob ein wenig die Schultern und sagte: „Ihr kennt ja meine Eltern. Zuerst haben sie dumm geguckt. Ich hab ein Stück geheult und geschworen, dass ihr alle samt und sonders mitdürft, und auf einmal waren sie einverstanden. Trotzdem, ganz geheuer ist es ihnen nicht.“

Gerd klopfte Bärbel auf die Schulter. „Du hast Psychologie bewiesen, Menschenkenntnis. Und wer kennt seine Eltern nicht? Bei mir gab es keine Diskussion.“ Er legte eine Kunstpause ein, und als er die Spannung auf der rechten Höhe glaubte, zwinkerte er uns Mädchen zu. „Euch drei hab ich natürlich aus Sicherheitsgründen gar nicht erst erwähnt.“

„Ach so“, sagte ich enttäuscht.

„Ach so“, echote Gerd zurück. „Ach so! Schließlich bin ich Fachmann für Elektrizität, hab öfter mal ’nen Schlag gekriegt. Warum soll ich meine Eltern unnötig aufregen? Man muss es nur zu nützen wissen, dass jeder von uns in einem andern Kaff wohnt.“

„Genau meine Überlegung“, stimmte Ecki zu. „Dorfgrenze gleich Informationsstopp. Meine Leute haben gefragt, wer mitkäme. Ich habe geantwortet: Der Sekretär für Kultur und Bildung.“

„Den gibt es doch gar nicht“, sagte Sanne.

„Na eben“, sagte Ecki.

Verdammt, schaffte man es denn nur mit Schwindelei!

„Und wie war es bei dir, Tine?“, fragte Gerd. „Hast du auch ’ne Story auf Lager?“

Eine Sekunde drohte mein Herz stillzustehen. Ich verfluchte mich, dass ich diese Fragerei inszeniert hatte. Bärbel half mir jedoch ungewollt aus der Klemme, indem sie abwinkte und sagte: „Na, bei Tine!“ So machte ich ebenfalls eine Handbewegung, die totale Bedeutungslosigkeit andeutete, und erklärte, was der Wahrheit völlig entsprach: „Oma ist dagegen.“

Das löste einen Lachorkan aus. Dabei hatte ich gar keinen Witz machen wollen. Aber ich atmete doch auf, dass mir gerade Omas Ablehnung zuerst eingefallen war.

Ecki wurde als erster ernst. Er nickte wie ein weiser Marabu. „Klar, du hast vernünftige Eltern, genau wie Matthias. Ihr beide wisst gar nicht, wie gut ihr es habt.“

Das Gesicht brannte mir, während Ecki unentwegt sein Preislied auf Matthias’ und meine Eltern weitersang und Vati zum Halbgott aufpolierte. Ich hätte Ecki eine andere Geschichte erzählen können. Aber durfte ich den elterlichen Mythos zerstören? Vati hatte viel zu schön bei der Prämienverteilung geredet. Ein Leiter darf nicht zweizüngig reden, sonst platzt seine Autorität.

Ich stoppte Eckis Lobgesang, indem ich vorschlug, ins Wasser zu gehen, doch er wollte erst die Sache mit Sanne ins Lot bringen. Er wurde überstimmt. Das musste mit kühlem Kopf angegangen werden.

3. Kapitel

Wie gut das Wasser tat! Matthias schwamm an meiner Seite. Ich legte mich auf den Rücken und ließ mich von der Blänke treiben, und alles, was mich bedrückte, sank wie unnützer Ballast auf Grund, ich war nur noch Schiff, Besatzung und Kapitän in einem. So wollte ich bleiben, mich treiben lassen, weiter und weiter, bis in den Strom, ins Meer, wo die Wellen mich wiegen würden, auf und nieder, unablässig. Irgendwann würde ich mit dem Kopf an einen neuen Kontinent stoßen. Vielleicht war es auch eine Insel. Eine ruhige, grüne Insel. Immer Sonne, das Meer weit und blau - und Matthias die ganze Zeit neben mir. Ohne ein Wort, einfach so. Auf der Insel, da wären wir Schiffbrüchige. Schiffbrüchig mir Matthias, und er war so verwegen wie Marlon. Und dann musste er einen automatischen Feuerstein erfinden für unser Lagerfeuer, eine Muschelkettenschleifmaschine und einen Kokosnussöffner, und ich sah ihm über die Schulter hinweg zu. Jeden Morgen stieg er auf die hohe Palme vor unserer Hütte, um mir frische Kokosmilch zu holen. Eine Sonnenuhr für den Tag und eine Sternenuhr für die Nacht erfand er, obwohl wir überhaupt keinen Zeitmesser vermissten. Aber ein wenig Luxus braucht der Mensch selbst auf einet Inser. Nach Jahren vielleicht fährt ein weißes Schiff vorbei, wir zünden ein großes Feuer an und lassen uns retten. Doch nur, wenn wir es wirklich wollen.

Ich breitete die Atme aus und sagte zu Matthias: „lch bin ein Schiff auf hohem Meer. Schlepp mich ab.“

„Motorschaden?“, fragte er.

„So ähnlich“, sagte ich.

Matthias nahm meine Hand und zog mich mit sich fort. So hatte er mich schon einmal bei der Hand genommen und abgeschleppt.

Das war in der Schule, zu Anfang der achten Klasse, Jahrtausende weit zurück. Damals war ich wütend auf Matthias, der neu in unsere Klasse gekommen war. Mathe-Bolle, der gerade unser Klassenlehrer geworden war, hatte mich neben ihn gesetzt. Seit der Ersten aber hatten Bärbel und ich zusammengesessen, wie es sich für Freundinnen gehört, und nun behauptete Mathe-Boile auf einmal, wir quasselten zu viel. Da er nichts von unserm Kommunikationsdrang hielt, musste ich von meinem Platz weichen. Wir maulten. Es half nichts. Matthias hatte es nicht leicht mit mir. Die erste Stunde hatte kaum begonnen, schon legte er ein tomatenfarbenes Dauerrouge auf. Bärbel und ich amüsierten uns und nannten ihn heimlich Ritter Ketchup.

Trotzdem hat Matthias mich gerettet. Und das war so: Wir schrieben eine Mathearbeit. Unser Mathe-Bolle mag mich nicht. Das kann ich ihm nicht verdenken, ich bin nun mal kein Mathe-As. Für die Arbeit hatte ich sogar gelernt, doch wie es so ist, wenn einem das Muss im Genick sitzt, ich war furchtbar nervös. Das Mathezeug verfitzte sich in meinem Kopf wie Kraut und Rüben und schließlich fand ich nicht mehr hinaus aus dem Irrgarten der mathematischen Logik. Ich versuchte auf Matthias’ Heft zu schielen. Vergeblich. Mathe-Bolle hatte seine Überwachungsferngläser ausgefahren. Endlich bemerkte Matthias meine Not. Er löste die Mittelseiten des Heftes und schrieb mir darauf seine Arbeit ab, alles bis auf die letzte Aufgabe, die hatte er noch nicht. Einen Matthias bedachte Herr Bolle nicht mit seiner Aufmerksamkeit, der galt als unbestechlich. Als er die mir zugewandte Hefthälfte hochklappte, drehte Mathe-Bolle sich weg, und in diesem Augenblick schob Matthias mir die Doppelseite zu. Ich schrieb ab mit fliegender Feder und brachte sofort das Heft nach vorn. Geistig war ich total weggetreten. Mathe-Bolle erkundigte sich, ob ich alles hätte. Mir reichte, was ich hatte.

Erst als ich auf dem Platz saß, fiel mir ein, dass die Seiten von Matthias in meinem Heft lagen. Mir wurde schlecht vor Angst, und Matthias bekam mit, um was es ging. Noch war er nicht fertig mit seiner Arbeit, aber nun ging er nach vorn. Er opferte mir seine Eins, er musste sie opfern, und er schrieb sonst nur Einsen in Mathe. Er legte sein Heft auf den Stapel, und dann nahm er es noch einmal hoch mit meinem zusammen. Mathe-Bolle fragte, was los sei. Er sei sich nicht sicher, müsse noch einmal nachsehen, so etwa sagte Matthias, und er ließ die beiden Seiten aus meinem Heft verschwinden.

Die erste Rettungsaktion für mich, die Matthias weiß Gott nicht nötig gehabt hätte, hatte eine zweite für uns beide von ihm verlangt. Ich fand ihn unendlich edel und bedankte mich. Schon gut, sagte er, das war das erste und letzte Mal, Chris. Und nach einer Pause: Wenn du willst, bring ich dir Mathe bei.

Diesmal wurde er nicht rot, und er sagte Chris, wie noch nie jemand zu mir gesagt hatte. Matthias benahm sich wie ein Mann, fand ich, und ich bemerkte plötzlich, dass er ein Stück größer war als ich und überhaupt gut aussah. Ich wollte also bei ihm Mathe lernen, und ich sah mit der Zeit sogar durch und bekam ein zwar nicht schöpferisches, aber immerhin ohne größere Pannen funktionierendes Wissen in dieser schwierigen Wissenschaft.

Damals in der Achten strich ich das Ketchup, nannte Matthias für mich meinen Ritter, und das sagte ich nicht einmal Bärbel.

Noch immer zog Matthias mich mit sich fort. Ich lag auf dem Wasser, hielt die Augen geschlossen, blinzelte höchstens ab und zu durch silbrige Tropfen, die mir aufs Gesicht spritzten. Ich spürte die leichten Wellen vorbeigleiten. Ewig hätte Matthias mich so ziehen können!

„Wir müssen zurück, Chris“, sagte er.

Jammerschade, dass man immer und immer wieder auf die Erde zurück muss.

4. Kapitel

Sannes Eltern brauchten wir nicht im Haus zu suchen. Sie waren in ihrem individuellen Stall beschäftigt. Ecki hielt als erster eine Forke in der Hand. Wir begriffen und griffen ebenfalls zu.

„Volldampf!“, zischelte Ecki mir ins Ohr. „Gemeinsame Arbeit schafft eine solide Basis für Gespräche.“

Eigentlich gab es nachher nicht mehr viel zu reden. Sannes Vater brummte etwas Unverständliches, peilte zu seiner Frau hinüber, und Sannes Mutter guckte unsicher zurück. So tüchtige junge Leute! Ecki verstärkte den guten Eindruck, indem er Sannes Eltern mit entsetzlich treuem Blick ansah. Natürlich, sie plagte die gleiche Angst wie Mutti. Noch dazu, weil Sanne ihre Jüngste und das einzige Mädchen ist. ihre drei Brüder sind schon lange verheiratet. Dass fünf Mann hoch angerückt kamen, die - so musste es scheinen - ganz selbstverständlich die Erlaubnis für die Zelttour erhalten hatten, machte Sannes Eltern weich. Sie wollten sich nicht von der Mehrheit unterscheiden, und ihr Vater sagte tatsächlich: „Tja, wenn ihr alle dürft, dann soll sich unsere Susanne nicht ausschließen.“ Ihre Mutter seufzte. „Meinst du, Vater? Aber ihr wisst ja, na ja, ihr wisst schon, und dabei wurde sie rot.

Wir senkten den Kopf und nickten, um zu zeigen, dass wir schon wüssten

Nach diesem Erfolg überlegte ich, ob ich nicht doch Farbe bekennen und meine. Freunde mit zu uns schleppen sollte. An Arbeit zur diplomatischen Einführung mangelte es nicht. Ich stellte mir Vatis Gesicht vor, wenn wir plötzlich vor ihm stünden und er sich nicht drücken konnte wie beim Mittagessen. Ich sagte jedoch nichts zu meinen Freunden. Abwarten wollte ich und ohne Familienanhang mit ihm reden, mit ihm allein.

Merkwürdig, bei Matthias als Einzigem hatte keine Familie abgebremst. Hatte er besondere Eltern? Etwas so Besonderes war mir bisher nie aufgefallen. Seine Eltern arbeiten in Vatis LPG, der Vater als Hauptbuchhalter. Zu Hause ging es, soweit ich es beurteilen konnte, sehr ruhig zu. Sachlich müsste man es nennen. Wir Hollmanns sind heftiger und mehr frei von der Leber weg. Nur Mutti ist eine Ausnahme, wenn sie auch diesmal explodiert war.

Aber hatte ich meinen Eltern je Anlass zur Klage gegeben? Meine Eins Komma drei sieben hatte einen Begeisterungssturm ausgelöst. In diesem Punkt brauchte ich mir nichts vorzuwerfen, wenn es auch in Mathe und Physik dünner stand. Eine schwache Stelle konnte man durchaus haben. Wo gab es denn noch Allroundtypen oder - wie man früher sagte - Universalgenies? Vati und ich, wir waren ganz schön gebildet und der Familie weit voraus. Auf dem neusten Stand befanden wir uns. Von Vati verlangte es die LPG und von mir die Schule, und da ich Lehrerin werden wollte, musste ich mich auch später auf dem neuesten Stand halten. Bei Mutti war es anders. Sie hatte zwar das Abi, aber das war lange her, und studiert hatte sie nicht. Sie war nur Hausfrau und Großvaters rechte Hand im Stall. Schweine mussten sein, gewiss. Doch ob es ausreichte, wenn man sich wie Großvater ausschließlich mit Schweinen befasste? Felix zählte noch nicht, obwohl er sich gut anließ, und Oma war ausschließlich Kapazität im Überirdischen. Zu ihrem Leidwesen fragte bei uns niemand danach. Luise, sagte Großvater höchstens, Luise, du bist unser Billett fürs Paradies. Warum also konnten sie sich nicht angewöhnen, mich als selbstständigen Menschen anzusehen, wie es mein Zeugnis schwarz auf weiß aussagte?

Zugegeben, das Leben ging auch nachmittags nach der Schule weiter. Aber ich war voll eingedeckt mit Hausaufgaben und meiner Pionierklasse, die ich als Vorübung auf meinen Beruf betreute, sauste als Mitglied der FDJ-Leitung durch die Gegend, und nach der gesellschaftlichen Arbeit weihte Oma mich in die Geheimnisse des häuslichen Herdes ein. Für Affären blieb keine Zeit. Und wenn ich Matthias auch als meinen ganz individuellen Ritter ansah, ein Raubritter ist er nicht. Warum also das ganze Theater? Man konnte nur mit den Achseln zucken und denken: typisch Eltern!

Inzwischen waren die anderen bei materiellen Problemen angelangt. Ecki riss mich aus meinen Gedanken, indem er mich aufforderte, einen großen Kochtopf mitzubringen. „Und vergiss den Deckel nicht! Ein Gesicht machst du, als wenn du auf dem Mond hockst.“

„Und ’ne Pfanne“, redete Gerd auf mich ein, „die größte, wegen der Fische.“

„Unnötiger Ballast“, fiel Ecki ihm ins Wort, „die braten wir am Spieß.“

„Nee“, sagte Gerd, „schön links und rechts in Butter auf kleinem Feuer. So werden sie am besten. Also eine Pfanne, Tine, verstehst du?“

Ich nickte und ließ sie streiten und reden. Mir wurde immer klarer, dass ich trotz allem Vatis Ansehen nicht aufs Spiel setzen wollte und meine Sorgen für mich behalten musste. Als Außenseiter saß ich unter meinen Freunden. Zum ersten Mal ein Außenseiter, Alle durften, sogar Sanne, und ich ... Am liebsten hätte ich geheult. Selbst das musste ich mir verkneifen und wie ein stummer Fisch einsam auf kleinem Feuer rösten. Gerd und Ecki aber stritten noch immer über Bratplötzen und Fischsuppe und taten, als müssten sie täglich Tausende im Gastmahl des Meeres beköstigen.

Matthias zeigte auf der Karte, wohin wir fahren wollten.

„Auch so was wie ’ne Kneipe da?“, erkundigte sich Gerd und ließ endlich von seiner Fischkochkunst.

„Willst du kneipen oder zelten?“, fragte Bärbel.

„Ein kleines Helles als Schlaftrunk ist keineswegs zu verachten.“

Bärbel zuckte mit den Schultern. „Hauptsache, dass Disco ist.“

Gerd stöhnte, und Ecki lächelte sauersüß, weil Sanne wie elektrisiert aufsprang und rief: „Auf denn zum ...“ Weiter kam sie nicht. Gerd hielt ihr den Mund zu und herrschte sie an: „Kräh das nicht in die Welt hinaus! Die besuchen uns sonst wie im Pionierlager, und dann fragen sie: Friert ihr auch des Nachts nicht, Kinderchen? Wascht ihr euch immer schön die Ohren, und esst ihr tüchtig eure Teller leer?“

„Und wo habt ihr denn den Sekretär für Kultur und Bildung?“, fügte Bärbel hinzu.

„Erzählt, was ihr wollt“, ordnete Ecki an, „meinetwegen, dass wir an den Nordpol fahren oder in die Sahara, nur nicht, wo es wirklich hingeht.“

Matthias sagte jedoch: „Unsinn, warum sollen wir uns verstecken!“

Er wurde überstimmt.

Dass ich zu allem kaum ein Wort gesagt hatte, war niemand aufgefallen, nicht einmal Matthias, und das war gut so. Die zu Hause konnten mich keinesfalls wie einen Fisch in die Pfanne hauen!

5. Kapitel

Als ich die Schwalbe zu Hause in der Remise abstellte, kam Felix angeschlendert. „Na?“, fragte er.

„Na“, sagte ich.

„Auftanken, Tine?“

Schaden konnte es auf keinen Fall. „Randvoll.“

„Ich würde Vati draußen abfangen“, schlug er vor, als könnte er meine Gedanken lesen Er kannte sich schon ganz schön aus in unserer Familie! Ich musterte unsern Hof. Arbeitsspitze. Großvater und Mutti wirtschafteten im Stall, Oma in der Küche. „Ich drück dir beide Daumen“, sagte Felix.

Wirklich, es gelang mir, Omas Augen und Ohren zu entkommen. Bis hinter das Hoftor roch es nach gebratenem Speck und Zwiebeln. Bratkartoffeln also, Oma glich die Erbsensuppe bei Felix aus. Sie meint es sehr gut mit uns. Bloß unsere Art ist heute anders. Oma erzählt gern von früher. Vom Federreißen an den langen Winterabenden. Da wurden die Gänsefedern vom Herbstschlachten für die Aussteuerbetten gerissen, und die jungen Leute trafen sich und machten sich einen Spaß daraus. Dann singt Oma uns das endlose Aufzähllied vor, das dabei gang und gäbe war:

Ist das nicht die Fed'rritzmutter?

Ja, das ist die Fed’rritzmutter!

Gibt sie uns nicht Milch und Butter?

Ja, sie gibt uns Milch und Butter.

Fed’rritzmutter,

Milch und Butter ...

Bei den Antworten und dem immer länger werdenden Kehrreim brummt Großvater mit und grient sich eins. Wenn Oma das merkt, ruft sie: Ja, du griene man! Trotzdem muss auch sie lachen, und dann grinst Großvater so, dass ihm sein Schnauzbart bis an die Ohren reicht. Ob es bei den beiden in der Federreißstube mit der Liebe losging? Solche Informationen sparte Oma aus. Doch das war ja das Prinzip der Erwachsenen. Wenn man fragte, hieß es nur: Aber Mädel!

Das Federreißen ging reihum von Hof zu Hof, der Tanz sonnabends genauso. Die Tenne wurde gefegt, kein Halmchen durfte herumliegen, ein Schifferklavier und schummriges Licht. In einer Scheune ist das Licht immer schummrig. Das erwähnt Oma natürlich nicht. Großvater erwähnt es. Er macht sich einen Spaß daraus, Oma aufzuziehen, und so, ohne dass sie es beabsichtigen, kam man dann zu seinen Informationen über die gute alte Zeit, in der es nicht so astrein zugegangen war, wie sie immer taten. Genau genommen war ich dagegen ein schneeweißes Unschuldslamm.

Mit dem Tanz auf der Tenne und den Federreißabenden musste es ohne viel Organisation gegangen sein. Das war damals so eine Art Jugendklub. Heute kann ein Jugendklub natürlich nicht auf einer Tenne tagen. Im Bereich unserer Groß-LPG tagte er bis auf die Sonnabend-Disco im Kulturhaus hauptsächlich auf dem Papier und in Hollershoh noch nicht mal dort. Wir lagen hinter den märchenhaften sieben Bergen.

Ökonomisch lagen wir da keinesfalls. Die LPG war dabei, sich nach dem letzten Schrei zu entwickeln. Schrei hin. Schrei her, Vati gibt selbst zu, dass früher mehr los war, und meist heißt es: Jugendfreunde, wer nimmt Rüben in Pflege? Wer hilft bei der Ernte? Wer sammelt Kartoffeln nach?

Aber sonst konnte man versauern und am Gängelband der Familie grasen.

Ich lief an den Holunderbüschen vorbei. Ais ich klein war, hatte Vati aus ihrem Holz eine Knallbüchse für mich gebaut. Holunderholz ist weich. Am Findling stoppte ich meinen Sturmmarsch. Dort fällt das Land zum Bruch steil ab. Ich erkletterte den Granitblock, sah hinunter auf die Straße. die sich aus der Ebene zu mir emporschlängelte, und verfolgte sie bis Stresenau. Noch war kein Moskwitsch in Sicht. Ich ließ die Kirche rechts und die Schule links liegen und hielt vor Matthias’ Haus. Meine Schwalbe hatte schon oft vor diesem Haus geparkt. Und wenn ich Vati überzeugt hatte und erst am See war mit Matthias ...

Ich sah ihn vor mir, braun gebrannt und schlank. Er war kein Packer wie Gerd, auch nicht von Eckis überdimensionaler Länge. Matthias war proportioniert und männlich wie Marlon, und die Kühnheit, die kam noch. Wie ich ihn so vor mir sah, musste ich an Paris, diesen jungen Hirten bei den alten Griechen, denken, nach dem drei Göttinnen zugleich verrückt waren. Jede wollte von ihm den Apfel. Er aber hatte nur einen. Historische Versorgungsschwierigkeiten. Es ist alles schon einmal da gewesen. Ob Matthias mir den Apfel gegeben hätte?

Motorengeräusch, leise erst, ließ mich aufhorchen. Ob das Vati war? Ja, er war es. Sein Moskwitsch näherte sich der Steigung mit großer Schnelligkeit. Was sollte ich sagen? Wie anfangen? Stocksteif stand ich da auf dem Granitblock Je näher der Moskwitsch kam, desto mehr breitete sich Leere in meinem Kopf aus. Jugend und Vertrauen, das allein blieb übrig. Ich nahm alle Kraft zusammen. Die Höhe, auf der ich stand, passte. Von dieser Höh; herab musste ich kühl, sachlich, lakonisch ... Wenn Vati mich sah und bremste, dann ...

Er bremste nicht.

Hatte er mich nicht gesehen, oder wollte er mich nicht sehen? Ich ragte doch wie eine Freiheitsstatue unübersehbar empor! Ich sprang vom Findling und schrie: „Halt! Halt!“ Er war längst vorbei, er hatte nicht gehalten, und ich rannte hinterher.

Die Wut gab mir Kraft und Schnelligkeit. Doch auf wen war ich so wütend? Auf ihn? Auf mich? Warum hatte ich mich ihm nicht in den Weg gestellt, sodass er halten musste? Warum nicht?

6. Kapitel

Als ich zu Hause durch das Hoftor fegte, stoppte Felix mich. „Vati ist geladen", flüsterte er.

„Ich auch“, sagte ich, ohne zu flüstern. Ich wollte Vati sofort zur Rede stellen!

Felix packte mich am Arm. „Großvater gewittert in der Remise.“

Was hatte ich mit Großvaters Gewitter zu schaffen? Ich wollte weiter, aber Felix hielt mich fest. „Mit Vati“, sagte er.