Die Riesenwelle - Hildegard Schumacher - ebook

Die Riesenwelle ebook

Hildegard Schumacher

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Opis

Die Klassen 4a und 4b stehen im Wettbewerb um gute Leistungen. Als der Klassenleiter der 4a vorübergehend beide Klassen übernehmen muss, gibt es Schwierigkeiten, weil die 4b den für sie neuen Lehrer ablehnt und die 4a sich vernachlässigt fühlt. Wie sich mit Hilfe der Erwachsenen aus diesem Gegeneinander ein freundschaftliches Miteinander entwickelt, erzählt ein Schüler der 4b, Klaro Isenhard, der einen Vater hat, der Kranbauer ist und dreimal Die Riesenwelle an der Teppichstange drehen kann. INHALT: Meine Familie Wie mir die Haare zu Berge standen Wie Mischa und ich Herrn Zwiemann verfolgten und wie sich das Auge des Gesetzes schloss Wie einer „4b wie Bumskopp“ denkt und sich damit irrt Wie ich zu einem echten Schnupfen kam Wie drei Luftballons bei drei Männern das Gleichgewicht störten Wie mir ein Veilchen erblühte Wie wir in Großvaters Stube unsere Waffen schmiedeten Wie Mama und ich über das Leben nachdachten Wie Mama als Diplomatin auftritt Wie wir beschlossen, unsere Pioniertücher himmelblau zu färben Wie ich meine Jagdbeute ausschlug Wie ich Brüderschaft machte Wie Vati mich aufklärte Wie Kathi und ich langlagen Wie Schnippelhans mir einen Wegweiser aufstellte Wie Bines Plan uns in Bewegung setzte Wie mich ein Majorbrief auf Schleichwege führte Wie Laufkatzen über mich hinwegsetzten Wie ich mich zum Manöver rüstete Wie ich das Ehrentuch trug und vom Feind beschossen wurde Wie wir von Schulschwänzen, Schwarzmarkt und der tapferen Eva hörten Wie die Wolke vom Mond fortflog Ich habe meine Riesenwelle geschafft

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Impressum

Hildegard und Siegfried Schumacher

Die Riesenwelle

ISBN 978-3-95655-227-4 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1973 im Kinderbuchverlag, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Meine Familie

Ich heiße Klaro. Bei Großvater und bei Mama nicht. Aber sonst fast überall. Den Namen hat sich Vati ausgedacht. Er liebt Klarheit. Ich auch. Darum sage ich gern: „Klar!“

Natürlich liebt Vati noch mehr. Zuerst uns, dann seine Arbeit, den Montage-Eber im Kranbau, Autos, die Natur - und so weiter. Bloß über Gefühlssachen redet er nicht. Höchstens, dass er mal sagt, er sei stolz, dass er mit seinen achtunddreißig Lenzen dreimal Riesenwelle schaffe, das mache ihm so leicht keiner nach.

Wir turnen öfter zusammen an der Teppichstange, die Vati wie ein Reck gebaut hat. Er dreht sich mit mächtigem Schwung wie ein Propeller um die Stange. Es sieht wunderbar leicht aus, so, als könne er fliegen.

Das ist Riesenwelle, und dazu braucht man Riesenkraft. Für mich ist Riesenwelle noch nichts, aber ich trainiere. Unser Sportlehrer staunt, was ich schon kann. Oft sagt er zu mir: ,,Mach weiter so, Isenhard!“

„Das is ’n Name - Isenhard“, sagte Großvater neulich, der, bevor er auf Rente gehen musste, ein Schmied war. „Isen is nämlich Eisen und ganz was Besonderes - fest und biegsam in einem.“ Er strich mit seinen knochigen Fingern über den Schlüssel, der im Schraubstock klemmte und passrecht gefeilt werden sollte. „Is man bloß Ersatzarbeit für unsereinen. Aber so ’n Vorschlaghammer, zwölf Pfund, Junge, und wie die Funken stieben!“ Großvater holte aus, setzte dann jedoch nur die Feile an den Schlüssel. „Trotzdem - altes Eisen bin ich noch lange nicht, Karlemann. Nee, ich nicht! Und einer muss ja euren Kram besorgen, wenn ihr auf Arbeit seid.“

Auf Arbeit sind wir für Großvater alle: ich und meine beiden großen Schwestern in der Schule, Vati als Brigadier im Kranbau, wo auch Mama arbeitet, nur bei den technischen Zeichnern. Großvater arbeitet genauso viel, nennt es aber Euren-Kram-besorgen und Rumpusseln. Er ist eben ein bescheidener Mensch. Großvater hält unser Haus in Schuss und heizt, er baut und schlossert in seiner Kellerwerkstatt. Alles macht er. Bis auf Einkaufen und Küchenzeug. „In Frauensachen misch ich mich nicht ein“, sagt er, und dabei bleibt er. Großvater ist ein echter Isenhard. Was er nicht will, das will er nicht.

Zum Beispiel Carlo, meinen richtigen Vornamen. „Neumod’scher Romanfirlefanz!“ soll er zu Mama gesagt haben, als sie mit mir aus dem Krankenhaus kam und ich zum ersten Mal die Luft in der Wasserstraße 12a einatmete. Seitdem schenkt er ihr jahrein, jahraus zum Geburtstag und zu Weihnachten ein Kochbuch. Lesen bilde zwar, meint er, doch die beste Bildung sei die, von der wir was Vernünftiges haben. Auf diese Weise hat uns Großvater zu Feinschmeckern gemacht und Mama hintenherum ein Hobby anerzogen. Alle halbe Jahre wechselt sie je nach Großvaters Geschenk in ein anderes Land. Wir haben schon auf sibirisch, ungarisch, mexikanisch und werweißwie gespeist.

Mittwochs aber, wenn ich um zwölf rauskomme und den sich an diesem Tag ewig wiederholenden Schulmilchreis schwänze, kocht Großvater für uns beide Pellkartoffeln. Wir piken sie samt Butter- und Heringsstückchen mit unserm Taschenmesser vom Papier und spachteln, bis uns der Bauch prall hervorsteht. „Karlemann“, sagt Großvater, „was Besseres gibt’s nicht.“ Dann trinkt er einen Klaren zur Verdauung, und ich hebe die Flasche mit der grünen Waldmeisterbrause, die er beim Einkauf für unser Pellkartoffelgelage, seinem einzigen Einkauf, nie zu besorgen vergisst. „Nichts Besseres vom Nordpol bis zum Südpol!“, sage ich und proste ihm zu.

Mit Großvater kann man gut Heimlichkeiten haben. Nicht, dass wir unsere Familie damit kränken wollen.

Doch kann man alles allen auf die Nase binden? So findet unser Gelage stets in Großvaters Keller statt. Dort versteckt er den alten gusseisernen Kochtopf, und wir wedeln lange den Kochdunst aus dem Fenster, damit uns niemand auf die Schliche kommt und meine prompt einsetzende Appetitlosigkeit durchschaut. „Carlo“, sagt Mama am Abendbrottisch - auch das wiederholt sich jeden Mittwoch -, „ist es wieder der Milchreis, mein Kind?“ Ich bin bald zehn und kann es nicht leiden, wenn sie „mein Kind“ sagt. Deshalb stöhne ich, schließe die Augen und sperre den Mund auf, und sie schiebt mir einen Teelöffel voller Zucker und Baldriantropfen hinein. Diesen Geschmack mag ich. Trotzdem stöhne ich ein zweites Mal und seufze: „Ja, Mama, der Milchreis!“

Ich habe unsere gesamte Familie vom häuslichen Milchreis befreit, den außer Mama niemand gern isst, nicht mal auf holländisch mit Rosinen und brauner Butter. Nur meine Zwillinge müssen ihn einmal wöchentlich in der zweiten Essenpause, das ist die für die Großen, in sich hineinlöffeln. Gar nichts schadet es ihnen! Jutta und Marlene dürfen so schon eine Menge, was ich nicht darf: länger aufbleiben und fernsehen und sich aufs Leben der Erwachsenen vorbereiten, wie Vati sagte, als er ihnen erlaubte, sonnabends zwischen 15 und 17 Uhr seine Bücher zu benutzen.

Mit den Büchern ist es so: Wir haben Vatis Bücher und unsere Bücher. Unsere Bücher stehen frei und öffentlich auf Leiterregalen im Wohnzimmer. Das sind ein Duden, Mamas Kochbücher, Romane, was für Jungs, was für Mädchen oder für beide und Großvaters Bilderbücher von Wilhelm Busch. Dreihundertvierundsiebzig hab ich gezählt. Sie gehören allen. Jeder darf darin lesen, wann er will. Vati auch. Wir sind nicht so. Aber er - was macht er? Er hütet seine Bücher wie der Lindwurm den Nibelungenschatz und schließt sie ein. Hinter Glas. Damit du sie ja bestaunen kannst, und darunter sind siebenundvierzig Nachschlagewerke! Junge, was da für Wörter, die ich noch nicht kenne, drin sind. Wenn Vati Freizeit macht, stapelt er seine Bücher um sich auf und vergräbt sich darin. Ich steh davor und wünsch mir, dass ich mich wöchentlich wenigstens zwei Stunden aufs Leben der Erwachsenen vorbereiten darf. Vati sieht mich nicht. Niemand sieht er. Mama könnte schwarz-weiß-kariert bemalt Spitzenballett vor seinem Büchergebirge tanzen oder kopfstehen und mit den Zehen schnipsen, er würde nicht den Blick heben. Sonst ist Vati Klasse. Wir sind uns mächtig ähnlich. Wenn wir beide vorm Fernseher hocken und Sport gucken, gefallen uns stets dieselben Sportler. Gewinnen sie, hauen wir uns gegenseitig auf die Schulter. Mama finden wir auch egal schön, und wir sind egal stolz, dass sie zweimal hintereinander Aktivist geworden ist. Sie ist die beste technische Zeichnerin vom Kranbau. Auf Jutta und Marlene sind wir nicht weniger stolz. Sie sehen schick aus. Der schwarze Eckhard, der auch in die zehnte Klasse geht, rennt ihnen schon lange nach. Jetzt scheint er Jutta schöner zu finden. Wie ein Känguru hüpft er um sie herum. Er hätte lieber Marlene nehmen sollen. Sie ist weniger frech und gleicht Mama am meisten. Außer schick sind Jutta und Marlene gut in der Schule und tüchtig im Haushalt. Natürlich verkneifen Vati und ich uns ein lautes Lob. Sie werden leicht übermütig, und davon hat man nur sein Wunder. Wie neulich. Verkehrte Welt wollten sie spielen, uns Männer zum Abwaschen rankriegen! Sogar Mama behexten sie. Also in Küchenfragen mischen wir uns nicht ein! Zwei zu drei standen wir uns gegenüber: zwei Männer - drei Frauen. Da kam Großvater, und wir glichen aus zum drei zu drei. Unentschieden.

Was nun?

„Jeder macht seins wie immer“, schlug Vati vor. „So springt die meiste Freizeit für alle raus. Ist doch logisch, nicht?“ Wir einigten uns, dass es logisch wäre. Jutta ließ schon das Abwaschwasser einlaufen, als sie auf einmal sagte: „Gut, jeder macht seins. Vati, du bist für unser Auto und den Garten zuständig, und beides ist ’ne Schau. Doch was tut eigentlich unser lieber Klaro mit seinen zehn Jahren?“

Alle guckten mich an. Sie schienen vergessen zu haben, dass ich erst in drei Monaten zehn werde. Leider hat Jutta recht, ein festes Amt habe ich nicht. Ich knurrte: „Aber dein Laufbursche sein, das ist nichts, was?“

„Ph“, machte sie, „du langsame Schnecke ...“

Vati stoppte sie mit einer Handbewegung ab. Ich hoffte schon, er hätte sich meiner neun Jahre erinnert. Ihm musste jedoch das schaue Lob wie Honig geschmeckt haben, denn er sagte: „Jutta, du bringst etwas wirklich Wichtiges zur Sprache. Klaro braucht eine Aufgabe in der Familie!“

Ich wusste gleich, nun rettet mich keiner mehr. Arbeitsteilung ist ein zu beliebtes Thema bei uns. Wie verrückt schaltete ich, damit ich selbst auf einen Vorschlag käme, der mir in den Kram passt. Und - „Von jetzt ab putz ich Mamas Schuhe!“, platzte ich heraus. Die sind klein, Mama ist eine kleine Frau, und meine Treter muss ich sowieso jeden Abend wienern. Mama gab mir einen Kuss. Vati strahlte und sagte: „In Ordnung, und meine putzt du mit!“

Verflixt! Total übersehen hatte ich, dass er nur zur Schuhbürste greift, wenn Mama ihm stumm, doch mit einem ganz besonderen Lächeln seine Oderkähne vor die Füße stellt. Nummer 45, Mammutgröße! Daran putzt man - schlecht gerechnet - seine zehn Minuten. Während Vati sich verstohlen die Hände rieb, multiplizierte ich: 70 Minuten in der Woche, 300 im Monat, 3650 im Jahr, wenn es kein Schaltjahr ist. Das sind in zehn Jahren mehr als 36000 Minuten! Mir wurde schwindlig ... Etwas eisig Kaltes weckte mich. Ich erblickte Juttas Gesicht über mir. Ihre langen schwarzen Wimpern klimperten auf und ab. „Was hast du denn, Klarochen?“, fragte sie zuckersüß und schwappte mir noch eine Ladung Eiswasser ins Gesicht. Ich verschluckte mich daran, sprang prustend auf die Füße und wollte auf sie los. Da erwachte Mama ebenfalls aus der Schreckensstarre, in die ich sie versetzt hatte, und brachte mich sofort zu Bett. Obwohl ich mich wehrte! In der Nacht träumte ich, ich hätte unputzbare, ewig glänzende Schuhe erfunden, deren Spitzen nicht mal durch Fußballspielen beschädigt werden können. Ich war wirklich glücklich.

Wir sind eine glückliche Familie - trotz kleiner Plänkeleien oder vielleicht gerade deswegen -, und wir wohnen in einem Haus, wie es sonst niemand in der Stadt hat.

Großvater und Vati haben es ganz allein nach 1945 aus einer Ruine aufgebaut. Das letzte in der Wasserstraße ist es. Schön hell verputzt, aber schmal wie ein Handtuch lehnt es sich an ein großes altes Mietshaus an. Über Großvaters Kellerwerkstatt liegen Wohnzimmer und Küche mit der Veranda hintenheraus, wo wir essen. Im nächsten Stockwerk schlafen Mama und Vati. Marlene und Jutta haben dort auch jede ihr kleines Zimmer. Oben unterm Dach wohnt Großvater in seiner weiß getünchten Giebelstube, nebenan ich in meiner schrägen Kammer. Nachts lassen wir die Tür dazwischen auf. Ich lausche abwechselnd Großvaters Schnarchen und dem Wind, der ums Haus saust und nicht herein kann.

Mit keinem würd ich tauschen, und jeden Morgen pfeif ich so munter wie ein Vogel. Ich gehe gern zur Schule. Sie macht Spaß, weil Frau Hinrichs unsere Klassenlehrerin ist. Seit dem ersten Tag. Bei ihr begreife ich alles im Handumdrehen. Wir können was, das sagt sogar der Direktor. Als Oberster muss er es wissen. Und er sagte, darum seien wir beim Fahnenappell vor den großen Ferien Thälmannpioniere geworden.

Wir standen zwischen den Fahnenmasten, wir und die andere dritte Klasse. Aber so gut wie wir ist die nicht! Alle von der Ersten bis zur Zehnten guckten auf uns. Ich war gespannt und aufgeregt, und ich dachte: Jetzt kommt es, gleich bist du ein größerer Mensch! Es hieß jedoch nur: Wir übernehmen euch in die Thälmannpioniere, und dann klatschten alle. Das war es. Ehe wir uns versahen, standen wir wieder auf unserm alten Platz in den Reihen der anderen. Ich fühlte mich nicht ein bisschen größer als vorher. Wir waren übernommen, so, als wenn man Pakete von einem LKW auf den nächsten lädt, und basta!

Nun merkt man das Wachsen ja nicht sofort. Deshalb prüfte ich mit Großvater nach. Ich stellte mich in seiner Stube an die Tür. Wie immer legte er mir seinen Zollstock auf den Kopf und zog einen Strich. Nicht einen halben Zentimeter war ich seit dem Vortag gewachsen. Ich war enttäuscht.

Ich steig gern auf den Aussichtsturm. Schon von der ersten Plattform sehe ich mehr als von der Bergkuppe, auf der der Turm steht. Bin ich bis zur Spitze geklettert, ist die Welt noch weiter. Sie dehnt sich bis zu den blauen Bergen am Himmelsrand aus. Aber ich möchte auch hinter die Berge sehen. Deshalb wäre ich am liebsten der größte Mensch. Ich hab gedacht, wenn ich Thälmannpionier werde, geht das Wachsen schneller. Großvater sagt, es komme nicht auf die Größe an, sondern auf den Verstand. Er wisse das aus Erfahrung. Wie soll ich etwas verstehen und erfahren, wenn ich es nicht gesehen habe?

„Man nicht so wild mit den jungen Pferden“, sagte Großvater darauf, „du musst Geduld haben, Karlemann!“

Die ganzen großen Ferien über hatte ich Geduld. Ich half auch nach. Jeden Tag hing ich an der Teppichstange, um mich in die Länge zu dehnen. Zusätzlich machte ich Klimmzüge und turnte. Nach vier Wochen hing ich schon die doppelte Zeit. Gewachsen bin ich nur anderthalb Zentimeter. Hoffentlich geht es im neuen Schuljahr schneller.

Wie mir die Haare zu Berge standen

„In der nächsten Zeit wird manches anders werden“, sagte Frau Hinrichs und setzte sich.

Ich wunderte mich, weil ich mich nicht erinnern konnte, dass sie jemals am Lehrertisch gesessen hätte, wenn sie uns etwas Wichtiges mitteilen wollte. Wir sperrten die Ohren auf. Niemand wackelte mit dem Stuhl oder spielte mit seiner Federtasche. Manches-anders-werden, dröhnte es mir im Gehörgang, und ich dachte, das kann nichts Gutes sein. Frau Hinrichs hatte sich verändert, fand ich. Mächtig rund sah sie aus, gar nicht mehr sportlich und schick und kein bisschen Sommerferienfarbe, sondern richtig käsig. Wie Braunbier und Spucke, würde Großvater sagen. Ohne dass sie ein Wort darüber verloren hatte, wurde mir klar: Dieses Anderswerden hing mit Frau Hinrichs zusammen.

Bestimmt hab ich sie aus großen Augen angestarrt, denn sie fragte: „Was hast du, Klaro?“ Heiß stieg es mir in den Kopf, meine Ohren begannen zu glühen. Bevor ich etwas hervor stottern konnte, sagte Frau Hinrichs: „Für einige Monate werde ich nicht bei euch sein.“

Da wurde mir eiskalt. Vor Schreck. Ohne Frau Hinrichs ins neue Schuljahr? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hörte deutlich, dass niemand es sich vorstellen konnte. Micha neben mir stöhnte auf. Lutz schlug sich auf den Mund, als müsse er seinen Schreck zurückstopfen. Bine holte tief Luft und fragte: „Aber warum denn?“

„Na ja“, sagte Frau Hinrichs, ihr Gesicht rötete sich ein bisschen, „wisst ihr ... Also ..., ich bekomme ein Kind.“

„Natürlich!“, platzte Pauke heraus und schlug sich vor die Stirn.

Ein Kind! Dass Pauke so tun konnte, als wäre es das Natürlichste von der Welt! Klar, ich war auch mal geboren worden. Aber wozu musste Frau Hinrichs ein Kind bekommen? Sie hatte uns, 27 Kinder. Mir war es nun nicht mehr recht, dass Frau Hinrichs vor einem Jahr geheiratet hatte, obwohl wir alle zur Nachfeier eingeladen waren und so viel Kuchen essen konnten, wie wir wollten. Der hatte geschmeckt. Wenn wir damals geahnt hätten, was noch kommen würde, hätten wir jedoch lieber auf den Kuchen verzichtet!

Lutz jammerte: „Wo ich doch bloß bei Ihnen Mathe begreife!“ Rasmus brabbelte vor sich hin, als bereitete er eine Rede vor. Bei Bine blinkerten Tränen. Pauke fragte: „Und was nun?“

„Na, ’ne Neue“, knurrte Micha wie ein Kettenhund, der unerwünschten Besuch verjagen will.

„Wir wollen keine andere!“, rief ich in das Gejammer hinein.

„Keine andere“, sagte Frau Hinrichs, „eine Vertretung.“

Das hörte sich viel weniger gefährlich an. Ich konnte gleich klarer denken, und mir fiel ein Ratschlag von Großvater ein: Lass nicht die Ohren hängen, Karlemann. Und wenn es noch so dick kommt, der Mensch muss mit allem fertig werden! Mit der Vertretung wollte ich schon fertig werden.

Rasmus war auch fertig: Er erhob sich und schwenkte seine langen, dünnen Arme. Es wurde still, denn Rasmus ist ein großer Redner. „Frau Hinrichs“, begann er - seine Stimme klang so überzeugend, dass ich Hoffnung schöpfte, er würde Frau Hinrichs überreden, die Vertretung sei gar nicht erst nötig -, „wir werden eine Musterklasse sein. Stets prima Schularbeiten. Selbst Pauke wird nicht mehr schmieren. Wir versprechen es. Wir werden lernen, lernen, nochmals lernen. Keinen Fissel Ärger sollen Sie mit uns haben. Großes Ehrenwort, Frau Hinrichs! Wenn Sie nur bei uns bleiben!! Auch sonst helfen wir: tragen Ihre Tasche nach Hause, kaufen ein, holen die Kohlen aus dem Keller, wischen sogar auf ...“

Leicht fiel es Frau Hinrichs nicht, in diesem Augenblick zu lächeln, ich spürte es. „Ach, Kinder“, sagte sie, „ach, ihr ...“ Ganz ratlos sah sie aus. Plötzlich atmete sie tief auf. „Kohlen tragen, ich habe doch Fernheizung!“ Und sie schien sehr erleichtert, als sie es heraushatte.

Rasmus schluckte, schlug aber gleich darauf vor: „Dann fahren wir eben das Kind an die frische Luft. Jeden Tag ein anderer, der Reihe nach. Nicht wahr?“ Dabei guckte er sich um, und wir gaben unsere Zustimmung. Ich auch. Doch Kinderwagenschieben, wie das bei einem Jungen aussieht! Und wenn das Baby nun brüllte? Soweit ist es noch nicht, lass dich nicht von der Hauptsache ablenken, Klaro, befahl ich mir. Was ist die Hauptsache? „Behalten Sie uns doch!“, sagte ich und machte genauso treue Bitte-bitte-Augen wie Bine. „Können Sie es nicht wenigstens versuchen?“, stocherte Rasmus nach.

„Aus alter Freundschaft“, drängelte Pauke.

„Bitte“, hauchte Bine, und alle begannen auf Frau Hinrichs einzureden.

„Warum hat sie denn das Kind nicht in den Ferien gekriegt“, flüsterte Micha mir zu, „da hatte sie Zeit genug!“

Ich hatte keine Ohren für ihn. Frau Hinrichs sah mir immer mehr nach Braunbier und Spucke aus. Schon fürchtete ich, sie würde vom Stuhl kippen, und ich machte mich bereit, sie aufzufangen. Doch sie wischte sich die feinen Schweißtröpfchen ab, die auf ihrer Stirn blinkten, und setzte sich ganz aufrecht hin. Laut war es nicht mehr. Ich wollte Frau Hinrichs trotzdem irgendwie helfen und zischelte: „Ruhe!“

„Es geht wirklich nicht“, sagte sie. „Manche Frauen müssen sich dann sehr schonen und noch früher als sonst mit ihrer Arbeit aufhören. So ist das bei mir. Der Arzt ordnet es an. Das Kind soll gesund geboren werden, und es braucht eine gesunde Mutter, die es gut versorgen kann. Versteht ihr das?“

Ich nickte, Micha nickte, wir nickten alle.

„Ich will keine schlechte Mutter sein“, sagte Frau Hinrichs leise.

Wir wollten es auch nicht. Ich dachte an Mama, die Marlene und Jutta und mich bekommen hatte. Wir sind gesund, sie ist eine gute Mutter. Aber schwer muss es sein, das Kinderkriegen und so. Vielleicht hatte Frau Hinrichs Angst. Ich bekam auch Angst. Mir war zumute, als säße ich im Operationssessel beim Zahnarzt und er zückte schon die Zange. Dabei strahlte die Sonne in die offenen Fenster, und die Spatzen schilpten wie verrückt auf dem Schulhof.

Die vierte Klasse ohne Frau Hinrichs ...

„Und nun?“, fragte Bine.

„Herr Zwiemann wird euch übernehmen.“

„Wer?“, brauste Pauke auf.

„Herr Zwiemann“, wiederholte Frau Hinrichs.

Mir standen die Haare zu Berge.

„Ein Unglück kommt selten allein“, stöhnte Micha, und das Gezeter brach los.

Herrn Zwiemann, den wollten wir nicht! Er hat die 4 a. Seine Klasse liegt im Wettbewerb dicht hinter uns. In Sport und Mathe sind wir besser. Eindeutig! In Deutsch gleich. Aber bei uns ist mehr los. „4b wie Bumskopp“ nennen die von Herrn Zwiemann uns. Was dasselbe wie Dussel heißen soll. Wir rufen dafür: „4a wie Affe.“ So gern haben wir uns.

Kathi Klamann von der 4a kann ich noch weniger leiden. Mama arbeitet mit ihrer Mutter zusammen und schleppt die Streberliese ab und zu in unser Haus. Dann soll ich mit ihr spielen. Doch auf dem Boden fürchtet sie sich vor Spinnen, im Keller sind es die Mäuse. Und überhaupt. Ich drück mich am liebsten, wenn es auf Familienbesuch zu Klamanns geht. Kathi ist ein Vorbild für dich, sagt Mama, in allen Fächern Eins. Ph, und nicht mal ’nen Frosch anfassen!

Natürlich findet Kathi Herrn Zwiemann prima. Was der für eine lange spitze Nase hat! Die steckt er nun in unsere Klasse. Bestimmt hat er sich nach der Vertretung gedrängelt, damit sie uns unterkriegen können, er und seine 4 a. Dass er bloß zu seiner Klasse halten würde, war für mich klarer als Großvaters Verdauungsschnaps.

„Brmm-brmm“, brummte Pauke, „von Zwiemann lass ich mir nicht den Verstandskasten anbohren.“

Frau Hinrichs fuhr ihn an: „Andreas!“

„Ist doch wahr“, maulte er.

„Ich erwarte von euch“, sagte Frau Hinrichs, und sie stand sogar auf, wenn sie sich auch an der Tischkante festhalten musste, „dass ihr euch ordentlich betragt. Verstanden?“

„Na ja“, knurrte Pauke. Sicher, damit sie sich nicht noch mehr aufregen sollte. So nervös kannten wir Frau Hinrichs nicht.

Friedlicher fuhr sie fort: „Passt auf, ihr findet euch zurecht. Ihr seid groß und selbstständig. Und ich bin nicht aus der Welt. Versprecht ihr mir, dass ihr euch zusammennehmt?“