Ramme sucht Beweise - Hildegard Schumacher - ebook

Ramme sucht Beweise ebook

Hildegard Schumacher

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Opis

In der Gärtnerei war ein Kirschendieb und hat auf seiner Flucht drei Scheiben zerschlagen. Als Gärtner Barbel Rammes verlorengegangenes Mathematikheft als Beweisstück vorlegt, ist allen klar, dass Ramme nicht nur ein Dieb sondern auch ein großer Feigling ist. Denn Ramme leugnet die Tat. Nur wenige Kinder und seine Mutter vertrauen ihm. Um seine Unschuld zu beweisen, muss Ramme den wahren Täter suchen. Nach und nach finden sich weitere Beweisstücke: Fingerabdrücke und ein aus einer Jacke herausgerissener Fetzen. Ramme und seine noch verbliebenen Freunde Eva und Schnitz erweisen sich als Meisterdetektive. Es ist wie verhext. Sie haben immer wieder neue Ideen, wie man den Täter überführen kann, doch alles scheint vergebens. Bis Ramme an seinem 13. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk erhält. Ein spannender Kinderkrimi für Kinder ab 11 Jahre. INHALT: Fressen Haie Champignons? Damit Brabbel recht hat, soll ich schwindeln Ich bin ein Luftloch Die Butterdose rutscht mir aus der Hand Aus der Sache wird nichts Ich soll meinem Hund die Flöhe zählen Bist ein prima Freund! Ich hab’s mit Absicht getan Geheime Pläne müssen geheim behandelt werden Mein Beil Die Kirschen schmecken wieder Das Barometer steht auf Sturm Seine Jacke hat’s leider bloß erwischt Mutti ist überrascht Der Dreckfleck ist kein Dreckfleck Geklappt Fachleute schütteln das aus dem Ärmel Total futsch! Mir kriecht eine Gänsehaut über den Rücken Das mit der Kuh war Schwindel Willst du ewig als Schandfleck herumlaufen? Ich bin dein Mann, Ramme! Dreizehn soll eine Glückszahl sein? Fallen Sie nicht über Gittis Geburtstagsgeschenk, Herr Frisch! Ich will ihn nicht mehr sehen Die Wellen lecken an unsern Zehen

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Impressum

Hildegard und Siegfried Schumacher

Ramme sucht Beweise

ISBN 978-3-95655-213-7 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1965 im Kinderbuchverlag, Berlin

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Fressen Haie Champignons?

Die Sonne hat mich wach gekitzelt. Mein Bett steht so, dass sie mich jeden Morgen findet. Ich blinzle zur Uhr.

Sie stammt von Muttis Großmutter und sieht aus wie ein Schweizerhäuschen. Oben in der Mitte ist eine Klappe, hinter der ein rot-blau-weißer Kuckuck sitzt. Er schnarrt die halben und die vollen Stunden aus. Ich fresse einen Besen, wenn der Vogel ein Kuckuck ist. Der Uhrmacher hat bestimmt nie einen gesehen. Der bunte Schreihals stößt die Tür von innen auf und krächzt heiser: „Kuckuck!“ Es ist erst halb sechs.

Auf dem Hof dröhnt das Motorrad auf. Zuviel Gas. Jetzt knattert Vati mit seiner RT auf die Genossenschaftsfelder. Sie kennen ihren Brigadier genauso wie die Traktoren und Kombines.

Im Stall setzt das Schweinekonzert ein. Mariechens Brummelbass muht die Begleitung. Mutti klappert mit den Futtereimern. Soll ich aufstehen und ihr helfen? Doch, wenn ich die Beine anziehe, steinschwer hängt’s in den Waden. Vorsichtig hebe ich den linken Arm, er plumpst aufs Deckbett zurück. Meine Glieder brauchen noch ein wenig Ruhe. Bin ich erst an der Ostsee, muss Mutti auch allein füttern.

Herr Frisch, unser Klassenlehrer, geht mit uns auf Ferienfahrt. Auf einer Insel werden wir zelten. Wir freuen uns mächtig darauf.

Ich liege da und gucke auf die kleinen Blumen der Tapete. Weil sie aber gar nichts mit einer Insel zu tun haben, schließe ich die Augen. Eine Insel. Ringsherum Wasser. Wir können überhaupt kein Land sehen. Ob wohl hohe Wellen sind? Höhere als auf unserem Waldsee bestimmt.

Am Nachmittag will Peter mit mir angeln gehen, aber Eva habe ich versprochen, Champignons suchen zu helfen. Ich kenne viele Stellen auf den Koppeln zwischen Krähenbergen und Mückenbruch. Ich kenne sie besser als Schnitz, der in der Schule immer so dämlich zu Eva hinstarrt. Champignons hole ich mit ihr. Zum Schluss schütte ich ihr meine in den Korb, so ganz einfach: Hier, Eva, meine schenk ich dir. Peter gebe ich die Kahnschlüssel und erzähle ihm, dass ich zu Hause helfen muss.

Bin ich gemein zu Peter? Er ist ein prima Kumpel. Aus Mädchen macht er sich nichts. Er liebt grobe Sachen: boxt mit Jungen, strolcht durch den Wald, lauert hinter der Angel, um den Hecht zu überlisten. Eva ist auch prima. Wie sie meine Jacke gestopft hat! Nicht einmal Mutti hat den Schaden bemerkt. Eva kann ein Geheimnis hüten, und flink ist sie wie ein Sommerwind.

Erzähle ich Peter von der Champignonsuche, wird er eingeschnappt sein, vielleicht dummes Zeug reden ... von Braut und so. Ich werde ihm doch nur die Kahnschlüssel geben.

Angeln kann ich später an der Ostsee. Dort fange ich nur große Fische. Kahnfahren, pah! Bald steige ich auf einen Ostseedampfer. Ein Kapitän sieht was von der Welt. Er fährt über alle Meere: Ostsee, Nordsee ... Ozean ... Wellen ... Wellen ... Sturm. Windstärke zwölf. Ich steuere das neuste Schiff unserer Flotte, schlank und schnittig. Die Atomturbinen brummen. Einen Augenblick tanzt mein Schiff oben, dann saust es ins nächste Wellental. Oben - unten, oben - unten. Mir macht das Schaukeln nichts aus, ein Kapitän ist seefest. Nur die anderen, die haben sich unter Deck verkrochen und jammern. Wellen sind das! Hoch wie der Kirchturm von Krahnow. Nein, höher! Ich könnte bequem auf den Wetterhahn spucken.

Überall schwimmen Fische, länger als mein Arm, riesengroße. Es sind Haie. Sie glotzen mich an. Ob sie sich wundern, dass ich Kapitän bin? Sollen sie sich wundern.

Ihre breiten, schwarzen Mäuler klappen auf und zu. Sie verschlingen etwas: Champignons - lauter Champignons! Ich schreie: „Die gehören Eva!“ Ran an das Torpedorohr! Ich haue auf den Zündknopf. Es rumst wie hundert Donnerschläge. Der Torpedo zischt wie eine Seeschlange aus dem Rohr. Die Haie türmen. Ihre Schwanzflossen peitschen durch die See.

Mit einem Senknetz fische ich die Champignons aus dem Wasser. Immer wieder. Es ist schon ein großer Berg.

„Aufstehen, gleich sieben!“

Vor Schreck falle ich über Bord. Aber nein, ich liege in der Stube vor meinem Bett. Mit beiden Händen wische ich mir über die Augen. Dann sehe ich mich vorsichtig um, ob ich wirklich zu Hause bin. Tatsächlich, alles fort: Schiff, Meer, Haie, Champignons.

„Bist du auf?“, ruft Mutti vom Hausflur die Treppe herauf.

„Ja“, antworte ich.

Ich gucke in den Wandspiegel und muss lachen. Sieht so ein Kapitän aus? Zerknautschtes Nachthemd und plierige Augen, die Haare stehen ab wie die Stacheln beim Stachelschwein.

„Beeile dich, Caspar!“

Caspar heiße ich, Caspar Ramm.

Ein ganz alberner Vorname. Wie das meine Eltern übers Herz bringen konnten! Das ist so ein Tick, mein Vater sagt dazu Familientradition. Die ältesten Söhne heißen bei uns immer Caspar. Vati auch. Schade, dass ich allein bin und keinen älteren Bruder habe. Meinen Jungen nenne ich bestimmt nicht so, dem suche ich einen vernünftigen Namen aus.

Meist werde ich Ramme genannt. Das finde ich prima. Es klingt gewaltig, als wenn dem nichts widerstehen kann.

Neuerdings sagt Eva Cass zu mir. Sie findet das schick. Ich ziehe mir die Turnhosen an und kommandiere: „Los, Ramme, waschen!“

Damit Brabbel recht hat, soll ich schwindeln

Ehe ich meine Brotbüchse in die Schulmappe stecke, sehe ich nach, was Mutti für mich zurechtgemacht hat: eine Butterstulle und eine mit Schmalz, auf beiden liegen dicke Scheiben Bratwurst. In Ordnung.

Der Wecker zeigt drei Minuten vor halb acht an. Die Uhr geht mindestens fünf Minuten vor. Bis zur Schule sind es knapp zweihundert Meter. Ich habe viel Zeit. Trotzdem lange ich nach dem Hausschlüssel auf dem Küchenschrank.

Seit einiger Zeit hole ich morgens Eva Lanz ab. Ihren Eltern gehört der Nachbarhof. Früher habe ich mich immer mit Peter und Hotti getroffen. Sie gehen später von zu Hause los. Wegen Eva foppen mich die beiden. Was sie nur wollen? Schließlich sind wir Krahnower eine Pionierbrigade, Eva ist Brigadier. Seinen Brigadier soll man immer unterstützen, besonders wenn man weiß, dass er die Brigade voranbringt. Allein schafft es Eva nicht, hauptsächlich wegen Peter. Dem schmeckt alles Lernen nach Wermutkraut, weil er ein Faulpelz ist. Von Dummheit keine Spur, zur Klassenspitze könnte er zählen. Bloß jeder Regenwurm in der Angelbüchse ist ihm lieber als die ganze Schulmappe. Wenn Peter was vom Lernen hört, wird er störrisch wie Schocks Esel.

Vati ist auch dafür, dass ich Eva unterstütze, denn er kennt Bremsklötze aus eigener Erfahrung. „Junge“, sagt er, „früher pflügten sie auf ihren Handtuchfeldern haarscharf am Grenzrain entlang. Heute ist alles ein Feld, aber Wege breiten sich wie Autobahnen zwischen die Schläge. Früher geizten sie wie Hamster, um jede Ähre bückten sie sich krumm. Heute latscht mancher über Garben, ohne das Kreuz zu biegen. Da wird noch viel Wind über den Acker streichen, bis der letzte begreift, dass auch der dünnste Kälberschwanz ihm gehört und auch in der Genossenschaft erst gesät und dann geerntet wird.“ Bei Peter liegt es mit der Schule um kein Haar anders.

Eva und Schnitz gehören zu den Besten in unserer Klasse, die reinsten Rekordläufer im Lernen. Damals, als Herr Frisch Eva zum Brigadier vorschlug, bölkte Peter los: „Von Weibern lass ich mir nichts befehlen!“ Sein Zwillingsbruder Hotti quasselte ihm natürlich wie immer alles nach. Kein Wunder, Peter schafft ihn ja auch. Bei Peter passt der Familienname Schlagschmidt. Wenn Hotti in der Klemme steckt und Dresche fürchtet, huscht er hinter Peters breiten Rücken wie ein Küken zur Glucke. Peter plustert sich auf und steht ihm bei. Aber, dass Hotti im Klassenstand wie ein Fußkranker unter den letzten hinkt, kümmert Peter nicht. Ihm genügt es, wenn Hotti nach seiner Pfeife tanzt. Die Zwillinge wollten lieber Schnitz als Brigadier haben. Na ja, Peter weiß, dass Eva die Arbeit ernst nimmt, und Schnitz hat immer wenig Zeit. Fehlows gehört der Dorfkonsum. Weil Schnitz viel zu Hause helfen muss, war er für Eva. „Als Gruppenkassierer sitze ich schon auf einem Posten“, sagte er.

Als Peter, Hotti und ich bei den Rechenaufgaben eine Panne erlebten, gingen wir zu Eva. „Du, Eva, gib uns mal schnell dein Rechenheft!“, forderte Peter.

Sie musterte ihn von oben bis unten.

„Na, los! Bist du nun unsere Brigadetante oder nicht?“

Eva sagte: „Natürlich!“ Sie strich mit der Hand über ihren Schnippelpony.

„Na also“, grunzte Peter, „du willst doch aus uns die beste Truppe machen. Oder nicht?“ Eva sah uns der Reihe nach an. In ihrer Mappe suchte sie das Mathebuch. „Was habt ihr?“ Ich schlängelte mich neben Eva und zeigte ihr die Aufgabe. Von Peter erhielt ich einen Rippenstoß. „Wir brauchen nur ihr Heft!“, schnauzte er. Eva ließ sich nicht stören. Sie begann, die Aufgabe zu erklären, Hotti und ich setzten uns zu ihr an den Tisch, nur Peter stand rum. Eva tat, als merkte sie das nicht. Weil ihn keiner aufforderte, verging ihm sein Dickkopf. Es imponierte mir mächtig, wie sie ihn an die Arbeit heran kriegte.

Ich sperre die Haustür zu. Jeden Morgen ist das meine Aufgabe, denn ich gehe als letzter vom Hof. Den Schlüssel lege ich zu Rolf in die Hundehütte.

Rolf ist ein prima Wachhund. Er springt an mir hoch und lässt sich den Kopf kraulen. Lange darf ich nicht bummeln, trotzdem nehme ich Rolfs Schüssel und pumpe sie voll Wasser. Es wird heute bestimmt heiß. „Pass schön auf!“ Ich streichle Rolfs Rücken und mache mich auf den Weg.

Eva ist noch nicht fertig. Sie bindet sich gerade das Blautuch um den Hals. Mädchen sind langsamer als Jungen.

„Hier!“ Sie schiebt mir eine Schnecke hin.

Es ist eine mit dicken Streuseln. Eva weiß, dass ich die gern esse. Jeden Morgen lässt sie eine für mich übrig. Ich könnte zu Hause auch Schnecken essen, aber dann müsste ich wie Eva um sieben zum Bäcker fahren. Ich beiße von der Schnecke rundherum ab, weil ich mir die Mitte mit dem dicksten Zuckerguss bis zuletzt aufhebe.

In der Zeit gießt Eva ihre Rankeltöpfe auf dem Fensterbrett.

„Hast du deine Diktatberichtigung?“

Ich nicke. Alle Tage überprüft sie zwischen Streuselschnecke und Schulweg, ob ich zum Unterricht bereit bin. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich brauche ihre Fragen nicht mehr zu fürchten.

„Und die Matheaufgaben?“

Fast wäre mir der Bissen aus dem Mund gefallen. Verflixt, die habe ich vergessen! Schnell nehme ich meine Mappe hoch, durchsuche sie und finde das Heft nicht. Es ist weg, einfach verschwunden. „Du, Eva, mein Heft ist nicht da.“

„Hast du’s zu Hause liegen lassen?“

„Gestern Nachmittag habe ich die Mappe gar nicht angefasst.“

„Hast du’s in der Schule vergessen?“

„Bestimmt nicht. Ich gucke jeden Tag unter meiner Bank nach.“ Mir ist die Sache rätselhaft. Ich überlege hin und her, aber Eva lässt mich nicht lange nachdenken. Sie stellt die Blumenkanne beiseite und holt ein neues Heft aus ihrem Regal.

„Hier, nimm das leere Heft! Rechne schnell!“

„Jetzt? Es ist zwanzig vor acht. Das schaffe ich nicht.“

„Du schaffst es.“ Sie legt das Buch auf den Tisch und kommt an meine Seite. „Fang an!“, drängelt sie und schiebt mir ihren Füller zwischen die Finger.

Die erste Aufgabe rechne ich allein.

Zehn Minuten vor acht.

Bei der zweiten hilft Eva.

Fünf vor acht.

Und die dritte. Sie legt mir einfach ihr Heft vor die Nase und diktiert. Ich lasse den Federhalter sinken und sehe sie erstaunt an. Sonst hat sie sich immer so, wenn einer abschreiben will.

„Mach schon!“, befiehlt sie.

Also ran! Die Zahlen fliegen auf das Papier.

„Schmiere nicht so!“ Sie stützt sich mit einer Hand auf die Stuhllehne, mit der anderen auf den Tisch und beobachtet genau, dass alles fehlerlos wird. Der Pferdeschwanz fällt ihr über die Schulter und kitzelt mich im Nacken. Das lenkt mich furchtbar ab.

Zwei Minuten vor acht.

Geschafft!

Wir packen blitzschnell alles zusammen, schließen die Haustür ab und stürmen los. Wir haben Glück. Der Schulbus mit den Kindern aus den anderen Dörfern ist noch nicht da. Das kommt ab und zu mal vor. Dann warten die Lehrer mit dem Stundenbeginn. Zuerst haben wir Mathe bei Herrn Frisch. Er kommt nicht allein. Herr Barbel, der Gärtner unserer Genossenschaft, ist bei ihm. Wir nennen ihn Brabbel, weil er so viel auf uns schimpft. Er hat prima Obst in der Gärtnerei, deshalb besuchen wir ihn manchmal. Meistens sieht Brabbel uns nicht. Gefangen hat er selten einen. Vati hat mir solche Streifzüge streng verboten. Ich verstehe, warum: Er ist Brigadier. Bisher habe ich mich in diesem Jahr an seine Anordnung gehalten. Es fiel mir nicht leicht, aber ich will Vati das Leben nicht extra schwer machen. Er sagt: „Die Genossenschaft kann deine paar Kirschen verschmerzen. Nur jeder hat das gleiche Recht. Um viele Mäuler zu stopfen, brauchst du viel Futter, doch dabei bleibt es nicht. Im Sack trägt man mehr weg als im Bauch. Uns fehlt es in den Ställen, aber auf ein paar Höfen japsen die Schweine vor Fett. Wir beide wollen mit zu den Ehrlichen zählen, dann brauchen wir keinem Blick auszuweichen.“ Ich habe mir fest vorgenommen, Vati nicht zu enttäuschen.

Ich wundere mich, dass Brabbel zu uns kommt. Im Unterricht haben wir oft Besuch: der Vorsitzende, der Bürgermeister, Mitglieder vom Elternbeirat, auch Vati. Das finde ich schrecklich. Brabbel habe ich sonst nie in der Schule gesehen, denn er hat keine Kinder. Er geht nach hinten und setzt sich auf die letzte Bank.

„Schularbeiten vor!“

Der Unterricht beginnt wie immer. Brabbels Besuch scheint nichts weiter zu bedeuten, aber sein Gesicht sieht aus, als sollte ein Unwetter losbrechen. Brabbels Augen schießen Blitze, und die Brauen drohen wie schwarze Regenwolken. Ein Blitz traf mich, als er vorbeimarschierte.

Herr Frisch kontrolliert meine Aufgaben. Ich werde ganz klein. Ob er sie durchstreicht? Der Rotstift zittert in seiner Hand. Er blättert den Deckel um. „Ein neues Heft und so geschmiert, Caspar?“

Ich stehe auf und lasse den Kopf hängen. Was soll ich darauf antworten? Er hat leider recht.

„Hast du keine Zeit zu Hause?“ Er ist merkwürdig ruhig.

„Doch.“

„Hm“, macht er und geht weiter.

Da habe ich noch mal Glück gehabt.

»Herr Frisch hat alle Hefte überprüft. Plötzlich fragt er mich: „Von wem hast du abgeschrieben, Caspar?“

Ich werde blass vor Schreck. Darum hat Herr Frisch meine Rechenaufgaben nicht durchgestrichen. Eine Nase hat er dafür! Was soll ich tun? Eva verraten? Das wäre eine Schufterei. Eva nimmt unser Gesetz ernst: Pioniere helfen einander. Deshalb lässt sie uns ja nie abgucken. Und bei mir war’s doch nur ein ganz kleines Stück und ganz ausnahmsweise. Wenn wir die vergessenen Aufgaben nur fünf Minuten früher entdeckt hätten, abschreiben wäre nicht infrage gekommen. So aber? Herr Frisch baut auf Evas Ehrlichkeit als Brigadier. Ich kann sein Vertrauen zu ihr nicht vermasseln. Das würde sie niederschmettern. Was mach ich bloß? ... Schweigen! Das ist reine Notwehr. Ich antworte überhaupt nicht, sondern tue zur Tarnung furchtbar beleidigt.

„Wer hat Caspar abschreiben lassen?“

Stille.

Frag nur, denke ich.

Da zirpt Eva wie eine Grille: „Ich!“

Muss sie das sagen? Er kann doch nichts wissen.

„Wann?“

„Heute Morgen.“

Sie fängt an zu heulen. Das ist meist so bei Mädchen. Nicht, dass sie losbrüllt, nein, wie Regentropfen an einer Fensterscheibe kullern ihre Tränen über die Wangen. Sicher denkt sie, dass ihr Herr Frisch nun nie wieder glaubt.

„Aber Eva!“

Herr Frisch spricht leise, doch schön vorwurfsvoll, dass einem ganz mulmig wird. Schimpfen gleitet leichter ab. Nun ist es für mich Zeit zu retten, was zu retten ist. Durch mich ist Eva reingeschliddert. Ich darf sie nicht im Stich lassen. Ich muss ihr beistehen. „Herr Frisch, das ist, das ist, weil ich mein Heft nicht finden konnte.“

„Ach!“

„Nein, bestimmt nicht“, sage ich schnell. „Heute Morgen fragte Eva nach meinen Aufgaben, und da war das Heft weg. Ich rechnete noch einmal. Abgeschrieben habe ich nur die letzte Aufgabe. Wir hatten keine Zeit mehr.“

„Deine Schularbeiten hattest du gestern erledigt?“

Ich nicke.

„Im verschwundenen Heft?“

„Natürlich!“ Das ist Schwindel, ich weiß. Darf ich erzählen, dass ich keine Aufgaben hatte? Das bringt die schönste Ordnung durcheinander. Am Ende denkt Herr Frisch, ich suche Ausreden. Es ist nur eine Notlüge, Evas wegen.

„Soso“, dröhnt von hinten Brabbels Bassstimme.

Alle in der Klasse drehen sich zu ihm um. Besuch mischt sich sonst nie ein. Herr Frisch winkt ab. Er lässt sich nicht hineinreden. „Na schön, es ist erledigt.“

Erleichtert setze ich mich. Ich habe ihn überzeugt.

Herr Frisch steht einen Augenblick ganz still. Er fasst sich an die Schläfen und denkt nach. Wir sehen gespannt zu ihm hin.

„Heute ist Herr Barbel zu uns gekommen“, beginnt er.

So eine Neuigkeit, wir haben doch Augen im Kopf.

„Herr Barbel beschwert sich.“

Pause. Wir spitzen die Ohren.

„Gestern Abend hat einer von euch einige Scheiben des Gewächshauses entzweigeworfen.“

„Jawohl, mit meinen Holzpantinen!“, grollt Brabbel von der letzten Bank.

Ich grinse, denn ich stelle mir vor, wie Brabbel jemand die Tüffel gibt, damit der die Scheiben einschmeißen kann. Andere kichern.

„Ihr habt keinen Grund zum Lachen.“ Dabei sieht Herr Frisch mich allein an. Er hat die Panne mit meinen Schularbeiten noch nicht vergessen. Mein Gesicht wird feuerheiß, und ich gucke weg.

„Erst hat derjenige Kirschen gestohlen.“

„Und den Baum hat der Bengel verschandelt! Mit einem Ast ist er runtergebrochen“, ergänzt Brabbel.

„Pflückt eure eigenen Kirschen! Warum geht ihr zur Gärtnerei der Genossenschaft?“

In mir kribbelt es vor Lachen. Wie Herr Frisch sich das vorstellt: gehen, vielleicht noch mit einem Spazierstock! So gemütlich ist das nicht. Meine Hose hatte ich mir voriges Jahr dabei zerrissen. Stacheldraht auf dem Zaun ist gemein.

„Als Pionier muss man Vorbild sein!“

Jetzt fängt er damit an. Weiß er nicht, wie langweilig das ist?

„Ihr wisst, das Gewächshaus gehört zur Gärtnerei und die Gärtnerei zu unserer Genossenschaft. Eure Eltern sind Mitglieder der Genossenschaft. Sie gehört ihnen und euch. Werft ihr mit Absicht zu Hause die Fensterscheiben ein? Zerreißt ihr euch mit Absicht die Sachen? Nein, so dumm seid ihr nicht, euch selbst zu schaden. Na also! Und die Genossenschaft? In einigen Jahren stellt ihr den Vorsitzenden, den Agronomen, die Brigadiere, Schweizer, Gärtner, Traktoristen und tragt dann die Verantwortung. Wenn ihr Schaden anrichtet, schadet ihr euch. Seid ihr eure eigenen Feinde? Das glaube ich nicht.“ Punkt! klopfen seine Finger auf den Tisch. „Nun gut, was gestern Abend geschah, war eine Dummheit, meinetwegen ein Streich. Es war unüberlegt. Der Kopf ist zum Denken da und keine Verzierung.“ Herr Frisch sagt es ganz ruhig. „Ich erwarte, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Ich erwarte aber auch, dass derjenige sich sofort meldet!“ Er sieht uns abwartend an.

Ich bin gespannt, wer sich meldet.

Es steht niemand auf.

Wie die Mädchen uns anstarren! Wo steckt nur der Feigling? Feigheit kann ich auf den Tod nicht leiden. „Vielleicht war’s jemand aus einer anderen Klasse?“, fragt Gitti.

„Nein“, sagt Herr Frisch, „er sitzt unter uns.“

So ’n Dämlack, wenn der ehrlich ist, dann ist es halb so schlimm. Ich kenne doch unseren Klassenlehrer. „Der brockt sich schön was ein“, flüstere ich Schnitz zu.

„Scht!“, zischt er mich an.

„Ich erwarte, dass derjenige sich meldet“, wiederholt Herr Frisch. Nichts rührt sich. Junge, Junge, den Feigling gucke ich nicht mehr an. Herr Frisch weiß, wer es war, ganz sicher. Eine Chance will er ihm geben.

Brabbel kann nicht mehr an sich halten. „Schlappschwanz!“, knurrt er, „Schlappschwanz!“

Ich ziehe den Kopf ein. Ich schäme mich für den Täter.

„Ich erwarte, dass derjenige sich meldet.“

Obwohl Herr Frisch sehr leise spricht, verstehe ich ihn gut. So still ist es sonst nie in der Klasse. Ein Brummer summt gegen die Fensterscheibe. Er lärmt wie ein Düsenjäger, scheint es mir. Herr Frisch blickt mich an. Seine Augen lassen mich nicht los. Was will er von mir? Soll er endlich weggucken! Ich fange an zu schwitzen. Glaubt er vielleicht, ich ...? Am liebsten würde ich schreien: Ich habe bei Brabbel nicht geklaut!

„Caspar!“

Wie ich aufgestanden bin, weiß ich nicht. Ich bin mächtig verdattert. Mir ist ganz wirr im Kopf. Nichts habe ich mit der Sache zu tun. Gestern Abend habe ich geangelt. Peter war dabei. Nur kleine Fische. Unsere Enten haben sie gefressen.

„Caspar, hast du uns nichts zu sagen?“

Ich spüre, wie sie von mir abrücken. Eva auch? Ihre Augen reißt sie weit auf, als wolle sie mich fragen: Das ist doch nicht wahr? Natürlich ist es nicht wahr! Aber irgendetwas schnürt mir die Kehle zu. Ich bringe keinen Ton heraus und schüttle den Kopf.

„Lügner!“, donnert Brabbel.

Ein Lügner soll ich sein? Das wischt mir den Kopf klar, das wirft mich herum. Siedehitze jagt mir in die Schläfen. Ich brülle zurück: „Ich bin kein Lügner! Sie sind ein Lügner.“

„Bengel!“ Brabbel springt auf. Herr Frisch ist schneller bei mir. „Schrei nicht so!“, herrscht er mich an. „Herr Barbel hat dein Rechenheft gefunden. Hier!“ Er zeigt es mir. „Du hast es verloren, als du über den Zaun zurückgeklettert bist.“

Hastig greife ich danach. Tatsächlich, es ist mein Heft. Auf dem Deckel steht deutlich:

Mathematik

C. Ramm

Klasse 6

C. Ramm. Meinen Vornamen schreibe ich nicht aus. Ich bin sprachlos. „Wie erklärst du dir das?“

Ich zucke mit den Schultern. Erklären? Woher soll ich wissen, wie Brabbel zu meinem Heft gekommen ist. Ich selbst habe es gesucht.

„Caspar, du hast gelogen! Deine Hausaufgaben stehen nicht drin. Ich konnte sie nicht finden.“

Schön reingeritten habe ich mich. Musste ich vorhin die dumme Lüge auftischen?

„Erzähle, Caspar, wo warst du gestern?“ Herr Frisch legt mir eine Hand auf die Schulter, als wolle er mir das Sprechen erleichtern.

„Ich, ich war angeln“, beginne ich zögernd.

„Weiter!“

„Mit Peter zusammen.“

Der fährt sofort hoch. „Ich war nicht dabei, Herr Frisch! Ich bin früher gegangen. Hotti, du bist Zeuge! Wann war ich zu Hause?“

„F-f-früher!“, stottert er. Einige lachen.

„Dussel!“, sagt Peter, „um sieben!“

„Jaja, sieben!“

„Na also!“ Peter reckt sich. „Sehen Sie, Herr Frisch! Caspar ist noch geblieben.“

Caspar hat er gesagt. Sonst nennt er mich selbst im Unterricht Ramme.

Herr Frisch winkt ab. „Schon gut, Peter. - Also Peter war fort. Was dann?“

„Dann habe ich weitergeangelt“, sage ich patzig. Als wenn ich nicht allein angeln könnte!

„Bis wann?“

Nächstens schleppe ich unseren Wecker mit, grollt es in mir, bisher habe ich mich auf mein Magenknurren verlassen. Überhaupt, die ganze Fragerei! Habe ich es nötig, mich ausfragen zu lassen? Trotzdem quetsche ich heraus: „Bis es dunkel wurde.“

„Richtig!“, brabbelt Brabbel, „um diese Zeit war es.“

Ich schiele ihn an. Wie ein Uhu sieht er aus mit seinen buschig abstehenden Augenbrauen.

„Auf welchem Weg bist du nach Hause gegangen?“

„Bis zur Chaussee, dann geradeaus“, stoße ich hervor.

„Lauselümmel!“, schimpft Brabbel. „Du willst uns einen Bären aufbinden! Den Schlehenstieg bist du entlanggepirscht, über meinen Zaun maracht und auf den Süßkirschenbaum am Treibhaus geklettert.“

„Stimmt das, Caspar?“

„Nicht den Schlehenstieg“, rufe ich, „die Chaussee bis nach Hause! Und Abendbrot habe ich dann gegessen.“

„Papperlapapp!“ Brabbel lacht grimmig. „Auf dem Kirschbaum!“ Er tatzt mir auf den Rücken. „Vollgeschlagen hast du dir den Bauch, bis der Ast abgebrochen ist. Das Krachen habe ich auf dem Hof gehört. Ich rein in den Garten, du rauf auf den Zaun! Mein erster Holzpantoffel traf dich, der zweite flog übern Stacheldraht. Den hast du zurückgefeuert, mitten ins Gewächshaus rein. Drei Scheiben sind kaputt!“ Er rüttelt mich.

Er soll mich loslassen! Ich spanne die Muskeln stramm, dass ich stocksteif bin. Du alter Brabbel, ich war’s nicht! möchte ich ihm ins Gesicht schreien. Überhaupt, er hat zuerst geschmissen! Das gibt er selbst zu.

„Caspar!“ Herr Frisch zieht mich aus Brabbels Reichweite. „Du hast dich selbst verraten. Beim Hinüberklettern fiel dein Mathematikheft in den Garten.“