Andy, Chef der Familie - Hildegard Schumacher - ebook

Andy, Chef der Familie ebook

Hildegard Schumacher

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Opis

Andy ist noch nicht 10 Jahre alt, als seine Mutter für ein halbes Jahr nach Moskau zum Studium geht. Fast 150 Hinweise der Mutter schreibt er in sein Heft, denn Mutti hat ihn zum Chef über Vati und die zweijährige Schwester Anke erklärt. Vati ist Kreisschulrat und kommt meist sehr spät von der Arbeit nach Hause. Was gibt es da nicht alles zu erledigen? Anke muss in die Krippe gebracht und pünktlich abgeholt werden und auch so immer betreut werden. Die Wohnung und die Wäsche ist zu reinigen, täglich steht der Einkauf an, dazu die Essenzubereitung und der schreckliche Abwasch. Andy weiß oft nicht, wo ihm der Kopf steht, obwohl er sich mit Vati in die Arbeit teilt und „neuen Methoden“erfindet. Dazu kommt natürlich die Schule und das Fußballtraining. Spannend und mit viel Humor schreiben die beiden Autoren über den Eifer des Jungen, manche Panne und – hilfsbereite Freunde.

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Impressum

Hildegard und Siegfried Schumacher

Andy, Chef der Familie

ISBN 978-3-95655-217-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1976 im Kinderbuchverlag, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

Andy, sagte ich mir, irgendwas geht los, und zwar bald! Ich brauchte nur meine Eltern anzusehen. Vati hat ein lustiges Gesicht. Er lacht gern. Doch nun fehlten die zwei feinen Falten, mit denen er aussieht, als ob er heimlich grinst, die Mundwinkel hingen ihm herab wie ein Schnauzbart, der traurig ist, und seine Stirn glich einer Hindernisstrecke.

Muttis Gesicht ist mehr nachdenklich. Mir kam es noch nachdenklicher und länger vor. Und warum schimpfte sie nicht, als ich den Mülleimer in der Küche umstieß? Nein, sie stöhnte nur und fegte wortlos alles auf. Selten gelingt es mir, Mutti zu verflunkern. Aber ich schaffte es zweimal, mit ungeputzten Schuhen zur Schule zu traben. Alarm, sagte ich mir da, Alarm!

Ich sprach mit Anke darüber, als ich sie am Nachmittag von der Kinderkrippe abholte.

Anke ist zwei, knapp acht Jahre jünger als ich, und ich hole sie fast immer ab. Darin bin ich Fachmann. Die Stütze der Familie, wie Vati sagt.

Anke soll ein Nachkömmling sein, so hörte ich es einmal von Mutti. Eher trifft es für sie zu, finde ich, denn Mutti hat Mühe, hinter Anke herzukommen, wenn die etwas auf dem Kieker hat.

Ich hielt Anke fest an der Hand, damit sie mir nicht auskneifen konnte. Viele Autos fahren durch Freibach.

„Anke“, sagte ich, ,,bei uns zu Hause schiebt sich was zusammen.“

„Dadadada“, sagte Anke.

„Hm“, machte ich. „Du hast es also auch bemerkt.“

„Dada“, sagte sie.

„Bist ein kluges Kind.“

„Papa“, sagte Anke.

„Wieso Papa?“, fragte ich. „Kann genauso gut mit Mutti zusammenhängen. Abwarten, Anke.“

„Dada.“

Wir waren uns einig, und ich versprach ihr, weiter ein offenes Auge zu haben.

Als wir zu Hause anlangten, stand Vatis Trabi schon auf dem Hof, es war erst vier durch, und das kommt nicht öfter vor als Bananen im Konsum.

Vati arbeitet wie Mutti in Falkenwalde, unserer Kreisstadt. Sie liegt genau fünf Kilometer von Freibach entfernt. Vati ist der Chef aller Schulen. Kreisschulrat nennt er sich. Sonst kommt er später nach Hause, weil er auf vielen Sitzungen herumsitzen muss. Unsere Mutti fährt dann mit dem Bus, oder sie stoppt ein Auto. Für dreiunddreißig sieht sie noch sehr hübsch aus. Sie braucht nie lange zu warten.

Mutti gibt Russisch und Deutsch an der erweiterten Oberschule in Falkenwalde. Meist hat man es schwer, wenn die Eltern Lehrer sind. Oje, oje, rutscht mal eine Drei unter die Zensuren, gleich ist Theater da! Ein Glück, dass Vati und Mutti nicht so verrückt denken. Ihnen ist ein richtiger Junge lieber als ein Musterkind. Aber das glauben die meisten Lehrer von einem Schulratvater nicht, und das ist mein Unglück. Ich brauch nur einmal schief dazusitzen oder die Backen aufzublasen, schon spricht es sich herum. ,,Andy, nimm dich zusammen“, sagt Vati dann. Dabei zucken die Falten um seinen Mund, als müsste er lachen. Wirklich, Vati ist ein menschlicher Vater.

An diesem Nachmittag saßen Mutti und Vati im Wohnzimmer am Tisch. Kein Heft, kein Buch, keine Akte. Sie saßen nur da und guckten sich an, es war ganz still, und ich las es ihnen vom Gesicht ab, dass sie ratlos waren.

„A-a!“, sagte Anke.

Diese zwei Buchstaben sind für uns ein Signal. Wir sind sehr stolz, dass Anke sauber ist. Darum stürzte ich gleich los und holte den Topf einfach ins Wohnzimmer. Wie oft sieht man seine Eltern schon ratlos?

Mutti protestierte nicht. Ohne ein Wort befreite sie Anke von überflüssigem Anziehzeug.

Als habe dieser Zwischenfall Vati die Sprache wiedergegeben, sagte er nun: „Andy, nimm Platz!“ Er zeigte auf unsern ledernen Ohrensessel, den er sonst dem Besuch anbietet. Ich lehnte mich zurück und legte die Arme auf die Seitenstützen. Schade, dass meine Füße noch nicht bis zur Erde reichen, wenn ich so breit in diesem Sessel sitze.

Familienberatung. Ich sollte helfen, weil Vati und Mutti nicht weiterwussten. Anke spielte in der Ecke. Sie ist nicht stimmberechtigt.

,,Also …“, begann Vati und verstummte.

Das wurde ein schwerer Fall. Ich runzelte meine Stirn genau wie er. Es denkt sich besser.

,,Also“, fing er noch einmal an, „das ist ...“

„Ja“, sagte Mutti, ,,so ist das, weißt du.“

Wer soll daraus schlau werden? Ich sagte: „Ihr schleicht wie Mertens Katze um den heißen Brei.“

„Dauernd redet ihr mir dazwischen!“, schimpfte Vati. „Nun lasst mich doch! Das ist nicht einfach!“ Er schlug auf die Tischplatte. So aufgeregt kannte ich ihn nicht. „Also Mutti kann nach Moskau ... Studieren ... Russisch. Sie braucht es für den Unterricht.“

„Sechs Monate“, sagte Mutti. „Ich möchte ja, aber ...“

„Ein ziemlich langer Schulweg“, stellte ich fest.

Da setzte sich Mutti ganz aufrecht hin. „Nein! Nein, ich mach das nicht!“

„Was!“, rief ich. „Das machst du nicht?“

Mich haute es glatt um. Sechs Monate Moskau! Jeden Tag Soljanka essen, über den Roten Platz spazieren, den Genossen Lenin besuchen, Metro fahren. Tag für Tag! Und Moskauer Eis soll einsame Klasse sein! „Unserm Vati“, sagte ich, „dem bringst du eine Flasche echten Wodka mit.“

„Ich kann euch nicht mit allem allein lassen.“

„Anke kann ich auch auf den Topf setzen“, sagte ich, „genau wie du.“

„Dada“, brabbelte Anke in ihrer Ecke.

Mein Angebot veranlasste Vati, Mutti für Moskau zu agitieren.

„Siehst du, Andy ist ein vernünftiger Junge. Wir schaffen die Arbeit schon.“

„Klar“, sagte ich, „die schaffen wir, Vati. Bloß du darfst dich nicht vorm Abtrocknen drücken, wie es deine Mode ist.“

„Ach!“, sagte er mit großer Handbewegung. „Wir organisieren uns alles hin.“

„Topp, Mutti, du fährst!“

Und damit war es beschlossene Sache.

2. Kapitel

Wenn ich jetzt sage, Vati holte den Trabi aus der Garage und kutschierte mit der gesamten Familie zum Schönefelder Flughafen, dann ist das schnell geschehen. Schneller, als es geschah. Die paar Tage, die Mutti bis zu ihrer Abreise freihatte, vergingen zwar ritsch, ratsch, doch mussten tausend Sachen erledigt werden.

Mutti trabte einkaufen, füllte Kühlschrank und Speisekammer wie für eine Hungersnot, sie wusch, bügelte, nähte und stellte die Wohnung auf den Kopf. Staubsauger, Eimer, Schrubber wurden mir in die Hand gedrückt. Mir war, als wollte Mutti mich zum Raumpfleger qualifizieren.

Dazu die Hinweise und Anordnungen, die ich sauber nummeriert in ein Heft schreiben musste. Vati hatte es gut. Er kam spät nach Hause, ich aber früher als sonst, denn Fräulein Baumann, unsere Klassenlehrerin, war krank, und es fielen eine Menge Stunden aus. In der Schule kann man abschalten, wenn es einem nicht gefällt. Mutti hielt mich die ganze Zeit in Galopp.

,,Andy“, sagte sie, „vergiss nicht, dass sonnabends die Treppe gewischt werden muss.“

Ich notierte es unter Nummer achtundneunzig.

„Und erinnere Vati daran, dass er vor dem Schlafengehen das Wohnzimmer lüftet.“

„Dann schlaf ich schon“, sagte ich.

„Du schreibst ihm einen Zettel. Den legst du als Gedächtnisstütze auf den Tisch.“

Unpraktisch, die dauernde Kritzelei! Ein Pappschild wollte ich machen und beim Gutenacht-Sagen an die Tür hängen, und ich hielt auch dies in meinem Heft fest.

Während ich mir den Bleistift hinters Ohr klemmte, legte Mutti plötzlich ihren Wäschestapel statt in den Schrank wieder auf den Tisch zurück und setzte sich. „Wie wird das mit euch nur werden? Übermorgen bin ich fort, und dann ...“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte ich schnell, denn mir wurde selbst ganz komisch eng im Hals, als ich sie so sitzen sah. „Wir halten uns genau an das Heft.“

Mutti lächelte, aber es sah nicht froh aus. „Ach, was ist das schon?“

„Sehr viel“, sagte ich. „Sollst mal sehen, es klappt alles. Kannst mir ruhig noch mehr diktieren.“

Da nahm sie meine Hand. „Gut, mein Junge, ich verlass mich auf dich, und nun schreib auf, dass ihr immer sofort auf jeden Brief antwortet. Das ist wichtiger als alles Saubermachen.“

Natürlich war es das allerwichtigste. Ich schrieb es deshalb besonders groß in das Heft.

Am Morgen von Muttis Reisetag war ich bei einhundertzweiundvierzig angekommen, und die letzten Hinweise notierte ich auf dem Flughafen. Hätte die Maschine nur eine einzige Minute Verspätung gehabt, wäre Mutti sicher noch Nummer einhundertfünfzig eingefallen.

Dauernd hatte sie Vati gesagt: „Wenn du etwas nicht weißt, frag Andy, der hat es aufgeschrieben.“ Als sie bereits durch die Sperre gegangen war, rief sie es ihm wieder zu, und das waren ihre letzten Worte. Dann winkte sie nur noch, wir winkten zurück, und Anke schrie: „Mamamamamam!“ Mutti zog ihr Taschentuch hervor, der Strom der Reisenden schob sie in eine Tür, ich sah nichts mehr als fremde Gesichter.

Vati legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „Nun müssen wir uns allein durchschlagen, mein Sohn.“

„Da steht alles drin“, sagte ich und klopfte gegen meine Brusttasche, in der das Heft steckte. Ich hielt mich dicht an Vatis Seite. Weder das Heft noch ich durften verloren gehen. Es wäre ein Riesenunglück für den Rest unserer Familie.

Draußen suchten wir uns eine Stelle, von der wir die großen silberblinkenden Maschinen gut sehen konnten. Anke ritt auf Vatis Schultern. Endlich entdeckten wir Mutti, die mitten in einer Menschenmenge zu ihrem Flugzeug ging. Wir schrien wie die Wilden. Mutti sah sich sofort um, drängelte sich aus der Reihe und winkte.

In ihrem langen Mantel wirkte sie viel größer, als sie ist. Überhaupt fand ich sie mächtig schick in all dem neuen Zeug. Dafür hatte Vati gesorgt. Unsere Berliner Großmutter meinte, es müsste einen Haufen Geld gekostet haben. Keine Ahnung hat sie, Vati bezahlt mit Scheck. Gegen Muttis Studierreise war Großmutter auch. „Soweit weg und so lange“, hatte sie gesagt. „Wenn das man gut geht!“

„Hoffentlich lassen sie unsere Mutti wieder her“, sagte ich.

„Wieso?“, fragte Vati.

„Na, so schön wie sie aussieht?“

Vatis Stirn faltete sich. Um ihn zu trösten, sagte ich schnell: „Aber sie hat ja uns.“

Und wie Mutti uns hatte! Noch oben auf der Treppe zur TU winkte sie, als müsste ihr der Arm abfliegen. Gleich würde sie den Reisedrops bekommen. Ganz für umsonst, und beim Landen wieder. Ich hatte schon mal einen gekostet. Der schmeckt vielleicht! So nach Luft und Zitronen- und Apfelsinenbäumen weit weg.

Die Turbinen dröhnten. Die TU begann zu rollen. Immer schneller. Sie erhob sich. Ein Silberpfeil flog davon. Und obwohl er fortflog, war es mir, als bohrte sich dieser blitzende Pfeil in meine Augen.

Vati räusperte sich. Er sagte: „Na, Andy, mein Junge?“

„Ich habe Mutti winken sehen. Am Fenster.“

„Ja, ja“, sagte er, „mir war es auch so.“

Anke ritt noch immer auf seinen Schultern. Sie brabbelte vor sich hin: „Mamam, Mamam. Weg.“

„Sie kommt wieder“, sagte Vati.

„Bald“, sagte ich.

Es war ja nur ein halbes Jahr, sechs Monate. Sechs Monate? Plötzlich fand ich, dass sich das nach einer schrecklich langen Zeit anhörte. Viele, viele Tage waren es!

Trotz der anderen Maschinen und der eiligen Menschen erschien mir der Startplatz leer. Alle flogen nur ab. Niemand kam an. Und wir standen und guckten. So, als ob gleich etwas geschehen müsste. Vielleicht kehrte Muttis TU um. Vielleicht hatte sie dem Piloten zugerufen: „Zurück! Ich muss nach Hause! Ich kann nicht ...“

Aber nein, die vielen Vorräte, all die Konserven und Weckgläser, das Heft in meiner Tasche. Was Mutti anfing, das führte sie auch durch, und nicht jeder durfte in Moskau studieren. Mit dem Heft hatte Mutti mich zum Chef der Familie ernannt. „Vati“, sagte ich, „wir müssen los. Anke soll pünktlich ins Bett.“ Und ich klopfte auf meine Brusttasche.

Die Luft begann zu dröhnen. Ein riesiger Silbervogel rollte auf das Flughafengebäude zu. „Fieger!“, jubelte Anke.

Es kommen auch Maschinen an.

Fremde Leute stiegen aus. Sechs Monate sind eine Ewigkeit. Ich drehte mich um und ging zum Auto.

3. Kapitel

Ich zog um. Mutti hatte den Vorschlag gemacht, ich sollte in ihrem Bett schlafen, damit mein Zimmer länger staubfrei bliebe. Einsparung. Ich wäre an diesem ersten Abend ohne Mutti auch nicht gern allein gewesen.

Anke hatte sich bloßgestrampelt. Ich deckte sie zu, und dabei fiel mir mein Hinweisheft ein. Richtig, unter Nummer siebenunddreißig stand: Anke muss um neun noch einmal auf den Topf gesetzt werden.

Es klappte hervorragend, obwohl sie die Augen nicht aufmachte und fast umgekippt wäre, aber sie stimmte kein Nachtgebrüll an. Kaum hatte ich sie ins Bett gelegt, steckte sie den Daumen in den Mund. Mutti will das nicht. Doch Mutti war nicht da. Ich ließ Anke wenigstens den Daumen.

Vati saß an seinem Schreibtisch im Wohnzimmer. Ich hängte das Pappschild mit dem Lüftungshinweis an die Tür. Die Farbe war noch feucht. „Du brauchst dich nicht mehr um Anke zu kümmern“, sagte ich, „ist alles erledigt.“

„Danke“, sagte Vati.

„Musst nur nachher gucken, ob sie auch zugedeckt ist.“

„Mach ich“, sagte er.

„Und bleib nicht mehr so lange auf!“

Abends ist er schlecht von seinem Aktenkram wegzukriegen. Ich sollte ihn an sein Bett erinnern, aber Mutti wollte nicht, dass ich es ins Heft schrieb.

Tief kuschelte ich mich in die Kissen. Ich war müde und hellwach zugleich. Sonst musste ich um acht verschwunden sein. Der Wecker zeigte auf viertel zehn. Wir hatten alles geschafft. Sogar den Abwasch. Vati wollte ihn stehen lassen. Ich war dagegen. Mutti wäscht jeden Abend ab, und ich wollte gar nicht erst einreißen lassen, dass Vati sich drückt.

Zuerst stritten wir uns, wer abwäscht und wer abtrocknet. Vati schlug vor, darum zu knobeln. Ich sagte jedoch: „Du trocknest ab und stellst weg. Du bist größer. Ich reich nicht überall heran.“ Das hat ihn überzeugt. Natürlich musste ich ihm sagen, wo verschiedene Sachen hingehören. Wenn er sich weiter Mühe gibt, werden wir unsern Haushalt schon schaukeln. Mutti freut sich, wenn wir ihr schreiben können: Alles klar!

Ob sie schon schlief? Wenn nicht, dann dachte Mutti an uns. Sie war so weit weg. Über zweitausend Kilometer. Bis zur Schule hatte ich es einen Kilometer. Eintausendmal müsste ich hin- und zurückgehen. Wie viele Stunden brauchte man da wohl bis Moskau?

Ich ging aus Freibach hinaus ... Die Straße nach Falkenwalde ... Ich ging und ging ... Die Füße wurden mir mit jedem Schritt schwerer ... Der Wald war dunkel und dicht ... Aber ich ging ...

4. Kapitel

Es klingelte. Immer wieder klingelte es. Der Wecker war das nicht. Da funkte es: das Telefon! Ich sprang aus dem Bett, wetzte hin und sagte: „Schürmann.“

„Andy?“

„Ja, ich“, sagte ich.

„Ist dein Vati da?“

Das klang nach Onkel Martin, Vatis erstem Stellvertreter. „Muss mal nachsehen“, sagte ich und sauste ins Schlafzimmer zurück. Anke stand in ihrem Gitterbett. „Adi!“, begrüßte sie mich. „Adi!“ Bevor ich hallo! oder irgendetwas Gutes zu ihr sagen konnte, rief sie: „A-a!“ Ich versorgte meine Schwester. Das ging vor. Und wenn das Haus abbrannte, es ging vor!

Vati schlief noch. Ganz tief schlief er. Rein zufällig fiel mein Blick auf den Wecker. Zehn vor acht. Verschlafen! Am ersten Tag! Ich raste ans Telefon und sagte: „Vati kommt etwas später. Er musste erst zu unserer Schule.“ Ich legte auf. So, das hatte ich hingekriegt.

Nun aber los!

„Vati, wach auf!“ Ich stürzte an sein Bett und rüttelte ihn munter. „Aufstehen! Gleich acht!“

Wie vom wilden Wolf gebissen, federte er hoch. „Verdammt!“, schrie er und hielt schon die Hose in der Hand. „Ich muss sofort weg!“

„Papa! Papa!“, krähte Anke auf ihrem Topf.

„Ja, ja, mein Kind“, quetschte Vati heraus, spurtete ins Bad und hätte uns fast umgerannt.

Ich hinterher. „Vati“, sagte ich, „sofort ist zu schnell. Wir haben Familie.“

Einen Augenblick stand er starr und guckte mich an, als hätte er mich noch nie gesehen. Dann sagte er.: „Hast recht, Andy, aber beeilen müssen wir uns trotzdem.“ Leider waren wir von Mutti nicht auf diesen Sonderfall trainiert worden. Wollte ich Brot schneiden, hatte Vati denselben Gedanken. Als wir zugleich nach dem Kessel für das Kaffeewasser griffen, übernahm Vati das Kommando. „Kümmere dich um Anke, ich mach das Frühstück.“

Nie war mir aufgefallen, was für widerspenstige Zehen Anke hat. Ich merkte es erst, als ich ihr die Strumpfhose anzog. Ruhig bleiben, ganz ruhig! „Anke“, redete ich ihr gut zu, „sei lieb und mach die Zehen krumm. Warum, das verstehst du noch nicht. Sonst würde ich es dir erklären.“ Die Morgenwäsche war nicht mehr als ein Seiflappenschwenken, und dann schlangen wir das Frühstück hinunter. „Das fängt gut an“, brummte Vati.

Ich erzählte ihm, wie ich ihn bei Onkel Martin entschuldigt hatte. Es beruhigte ihn nicht. Er stopfte uns in den Trabi, gab Anke eilig wie ein Postpaket in der Krippe ab und fuhr mich zur Schule. Ich dachte, er würde den von mir angekündigten Besuch wahr machen, doch er fragte nur: „Soll ich dich in die Klasse bringen?“

Ich sah es ihm an, dass er lieber darauf verzichten würde. Klar, ein Schulrat, der verschlafen hat, liefert seinen Sohn ab, das war, als ob er Fräulein Baumann erlaubte, auch den Wecker zu überhören. „Lass man“, sagte ich, „das schaff ich allein.“ Und ich stiefelte los.

„Andy, hast du den Wohnungsschlüssel?“

Mann, den hatte ich liegen lassen! „Nein!“, schrie ich und rannte zurück. Er gab mir seinen. Ein Glück, dass ihm das eingefallen war, sonst hätte ich nachmittags mit Anke nicht nur mutterlos, sondern auch heimatlos dagestanden.

Vor unserer Klasse horchte ich. Es war so still, als ob niemand darin säße. Ich klopfte behutsam. Fräulein Baumann öffnete, und ich sagte leise zu ihr: „Es läuft bei uns noch nicht. Startschwierigkeiten.“ Sie verstand mich und nickte nur.

Kaum hatte ich mich hingesetzt, flüsterte Fredi hinter mir: „Kommst du jetzt jeden Morgen zu spät?“

„Quatsch!“, flüsterte ich zurück, doch ich wusste, ich musste etwas unternehmen.

Am Nachmittag versammelte ich unsere drei Weckeruhren um mich. Ich stellte fest, dass sie sich in der Lautstärke unterschieden. Bisher war es unwichtig, denn Mutti hat einen leichten Schlaf.

Unsern braunen Wecker stellte ich zum Vorwecken. Wenn wir weiterschliefen, war es nicht so schlimm.

Der blaue klingelt mit stärkerer Stimme. Ich verstärkte sie, indem ich ihn auf einen umgedrehten Teller setzte. Er sollte uns fünf Minuten vor sechs munter machen.