Jan Hus - Pavel Soukup - ebook

Jan Hus ebook

Pavel Soukup

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Opis

Jan Hus (um 1370-1415) war für die katholische Kirche ein Häretiker. In Vielem versinnbildlicht er die Epoche des Spätmittelalters: In der Bemühung, die durch das Große Abendländische Schisma erschütterte Kirche in ihren Urzustand zurück zu setzen, entwirft er ein Reformprojekt, das über die Grenzen des Mittelalters hinaus weist. Sein Feuertod auf dem Konstanzer Konzil 1415 hat ihn zum Märtyrer gemacht. Die Darstellung zeigt Jan Hus in seiner Zeit: Er wird als spätmittelalterlicher Gelehrter und Prediger untersucht, sowie als öffentlich engagierter Intellektueller. Was genau hat ihn auf den Scheiterhaufen gebracht? Als Antwort auf diese Frage entsteht ein mit historischen Argumenten untermauertes Bild von Jan Hus, das die Ereignisse in Böhmen in die europäischen Zusammenhänge einordnet. Das Buch ist ein aktueller Beitrag zum Jubiläum des Konstanzer Konzils.

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Pavel Soukup

Jan Hus

Verlag W. Kohlhammer

1. Auflage 2014

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-021514-6

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-023627-1

epub:    ISBN 978-3-17-023628-8

mobi:    ISBN 978-3-17-025528-9

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

 

 

 

 

1 Vorbemerkung

2 Zur Einführung: Der Angeklagte in Konstanz

3 Magister Jan Hus – ein kurzes Lebensporträt

4 Hus als Prediger – Seine Ernennung zum Rektor der Bethlehemskapelle 1402

5 Prager Wyclifismus und »gelehrte Häresie« – Die erste Verurteilung von Wyclifs Artikeln 1403

6 Jan Hus und die Kirchenreform – Die Synodalpredigten 1405 und 1407

7 Die Universitätskarriere des Magisters Hus – Die Rektorsrede »Macht eure Herzen stark« 1409

8 Die Generation des Kuttenberger Dekrets – Die Prager Universität als mitteleuropäisches Begegnungsort

9 Die hussitische Medienkampagne – Die Appellation gegen das päpstliche Predigtverbot 1410

10 Öffentliches Engagement und politische Unterstützung – Königliche Beschlagnahme der Kirchengüter 1411

11 Anführer einer Protestbewegung – Die Prager Ablassunruhen 1412

12 Der Prozess – Die Appellation an Christus 1412

13 Unsichtbare Kirche und bedingter Gehorsam – Jan Hus’ Buch »Über die Kirche« 1413

14 Das volkssprachliche Schrifttum und die Mission auf dem Land – Die tschechische Postille 1413

15 Das Konzil von Konstanz: Verurteilung und Hinrichtung (1414–1415)

16 Ausblick: Hussitismus und Reformation

17 Glossar

18 Quellen und Literatur

18.1 Quellen

18.2 Literatur

19 Anmerkungen

20 Register

1         Vorbemerkung

 

 

 

Ein auf Deutsch verfasstes Buch, dessen Geschichte sich meistens in Böhmen abspielt, stellt gewisse Herausforderungen technischer Art. Die Schreibweise von Eigennamen richtet sich nach folgenden Prinzipien: Mittelalterliche Personennamen werden in deutscher Form wiedergegeben. Eine Ausnahme bildet Jan Hus, dessen tschechischer Name mittlerweile auch im Deutschen geläufig ist. Wenn kein deutsches Äquivalent vorhanden ist, wird die tschechische Form vor der lateinischen bevorzugt, z. B. Jakoubek statt Jacobellus. Bei Namen böhmischer Städte wird ebenfalls die deutsche Form benutzt; zwecks Identifizierung wird bei erster Nennung in der Regel der tschechische Name in Klammern beigefügt. Bei Dörfern und Marktflecken wird die tschechische Form benutzt (Husinec, Jesenice statt Hussinetz, Jessenitz).

Dieses Buch ist ein Ergebnis des Projektes P405/12/G148 Kulturelle Codes und ihr Wandel im hussitischen Zeitalter, das von der Tschechischen Forschungsgemeinschaft (GA ČR) gefördert wird.

Mein herzlicher Dank für die Durchsicht des Manuskripts und hilfreiche Hinweise gilt Thomas Prügl (Wien). Dank gebührt auch Karel Hruza (Wien), von dem die erste Anregung zu dieser Arbeit ausging.

Prag – Berlin – London, August 2013

Pavel Soukup

2          Zur Einführung: Der Angeklagte in Konstanz

 

 

 

Am 28. November 1415 erhielt Magister Jan Hus, der sich seit mehr als drei Wochen in der Konzilsstadt Konstanz befand, in seinem Quartier Besuch. Es kamen die Bischöfe von Trient und Augsburg als Gesandte des Kardinalkollegs, begleitet vom Konstanzer Bürgermeister und anderen Personen. Ritter Johann von Chlum, der treue Begleiter und Beschützer des Magisters, empfang sie argwöhnisch. Er erinnerte die Besucher daran, dass Hus unter dem Schutz König Sigismunds nach Konstanz gekommen sei, und warnte sie, nichts gegen den Willen des Königs zu unternehmen. Nachdem die Prälaten ihre Absicht kundgetan hatten, stand Jan Hus vom Tisch auf und enthüllte den Bischöfen, die ihn zuvor noch nicht gekannt hatten, seine Identität. »Ich bin nicht hierher nur zu den Kardinälen gekommen«, sprach er,

»und es war niemals mein Wunsch, mit ihnen getrennt zu sprechen, sondern ich bin zum ganzen Konzil gekommen und möchte dort sagen, was Gott mir eingegeben und wonach man mich fragen wird. Trotzdem bin ich auf Verlangen der Herren Kardinäle hin bereit, sofort zu ihnen zu kommen, und wenn man mich etwas fragen wird, hoffe ich lieber den Tod zu wählen, ehe ich eine aus der Schrift oder sonst mir bekannte Wahrheit ableugne.«

Dieses Bekenntnis sollte Hus in Konstanz noch öfters ablegen und es schließlich auch in die Tat umzusetzen.

Hus folgte also den beiden Bischöfen in den Palast des Papstes. Dort wurde er von den Kardinälen zur Rede gestellt:

»Magister Johannes, man redet Vieles und Merkwürdiges von euch, dass ihr zahlreiche Irrtümer festgehalten und im Königreich Böhmen ausgesät habt.«

Hus antwortete in demselben Sinn wie seinen früheren Besuchern:

»Eure Vaterliebe wisse, dass ich, bevor ich einen Irrtum festhalten wollte, lieber sterben möchte. Und seht, ich bin freiwillig hierher gekommen zu diesem heiligen Konzil.«

Nach dem Gespräch bewachte man Hus bis zum späten Abend. In der Nacht wurde er ins Haus des Kantors des Konstanzer Münsters gebracht, wo er eine Woche lang gefangen gehalten wurde. Danach wurde er im Dominikanerkloster am Ufer des Bodensees eingekerkert. Nach der Flucht von Papst Johannes XXIII. vom Konzil lieferte man Hus am 24. März 1415 dem Konstanzer Bischof aus, der ihn dann in der Burg Gottlieben am Seerhein in Haft hielt. Von dort wurde er Anfang Juni wieder in die Stadt zum Verhör gebracht und bis zu seiner Verurteilung und Hinrichtung im Gefängnis des Minoritenkonventes festgehalten.

Ritter Johann von Chlum beschwerte sich noch am Tag von Hus’ Verhaftung bei Papst Johannes XXIII. Später legte er wiederholt bei dem da noch anwesenden Papst sowie bei den Kardinälen Protest ein, jedoch vergeblich. Auch seine öffentliche Erklärung, die er an den Toren des Münsters und anderer Konstanzer Kirchen bekannt machte, half nichts. Der Ritter gab darin allen bekannt,

»dass Magister Johannes Hus, Bakkalar der heiligen Theologie, unter dem Geleitbrief und dem Schutz des durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, des Herrn Sigismund […] nach Konstanz kam, um jedem, der es verlangt, in einer öffentlichen Audienz über seinen Glauben vollgültige Rechenschaft abzulegen. Dieser oben genannte Magister Johannes wurde in dieser Reichsstadt unter dem Geleitbrief meines genannten Herrn, des römischen und ungarischen Königs, in Gewahrsam genommen und wird noch festgehalten.«1

Johann von Chlum bezeichnete hier Hus mit dem formal höchsten Titel, den er besaß, nämlich den eines Bakkalaureus der Theologie. Was er nicht sagte, war, dass Hus immer noch Rektor der Bethlehemskapelle in Prag war und sich als solcher ein außerordentliches Ansehen als Prediger erworben hatte. Hus’ Inhaftierung in Konstanz markierte eindeutig seinen Sturz und besiegelte den Weg zum tragischen Ende. Noch sieben Jahre zuvor hatte er sich der Unterstützung des königlichen Hofes und der Freundschaft des Prager Erzbischofs erfreut. Er hatte sich damals schon Gedanken gemacht, wie man das durch das päpstliche Schisma und den unwürdigen Lebenswandel der Kleriker angeschlagenes Ansehen der Kirche wiederherstellen könne – genau wie die meisten Konzilsväter in Konstanz übrigens auch. Wie sie kritisierte er die Missstände des kirchlichen Lebens und verlangte nach Besserung. Warum also resultierten seine Vorstellungen von notwendigen Reformen in einen so heftigen Gegensatz zum Reformismus der Mehrheit der katholischen Theologen, so dass diese ihn sogar in den Feuertod schickten?

Diese zentrale Frage ist nicht einfach zu beantworten. Hus war in Konstanz mit einer Reihe von Anschuldigungen konfrontiert. Die Anklagen gegen ihn sammelte man bereits seit 1408. Geben aber diese Anklagen allein eine Antwort darauf, wie es dazu kam, dass Hus auf dem Scheiterhaufen endete? Genügt es, die Antwort nur in dem Wortlaut des Urteils zu suchen? Die folgenden Kapitel werden sich mit der Entstehungsgeschichte dieses Urteils beschäftigen. Aus der Sicht eines Historikers sind die Prozessakten nicht der einzige Schlüssel zu dieser Frage. Es gilt weitere Quellen heranzuziehen, die Zeugnis über Ursachen und Gründe der Verurteilung ablegen können, welche uns die Richter nicht verraten haben, welche ihnen zum Teil vielleicht auch gar nicht bekannt waren. Was irritierte die kirchlichen Behörden und weltlichen Machthaber so heftig, was fanden die Konzilsväter an Jan Hus so gefährlich, dass sie ihn liquidierten? Dem Sturz eines angesehenen Predigers und Universitätsgelehrten des späten Mittelalters gerecht zu werden heißt zugleich, etwas über die damalige Gesellschaft, ihr Weltbild, ihre inneren Spannungen und Vorurteile zu erfahren.

Dieses Buch befasst sich mit Jan Hus als einem aussagekräftigen Beispiel einer spätmittelalterlichen Karriere im Schnittpunkt von zeitgenössischen Konflikten. Es erscheint angebracht, bereits an dieser Stelle klar zu machen, was dieses Buch beabsichtigt und was es nicht leisten kann. Erstens bietet das Buch keine Abhandlung über das reichhaltige Nachleben von Jan Hus. Er war eine zentrale Bezugsfigur des utraquistischen Sonderweges im 15. Jahrhundert. Er war der negative Held der barocken Legende, der Makel an Böhmens Rechtgläubigkeit. Im 19. Jahrhundert diente er als ein Integrationssymbol der tschechischnationalen Emanzipationsbewegung. Nicht viel später wurde er in den Darstellungen linksorientierter Historiker zum Vorkämpfer der sozialen Gerechtigkeit. Schließlich ist er für evangelische Kirchen, nicht nur in Böhmen, ein wichtiger Vorläufer (oder auch Mitgestalter) der Reformation. Keinem dieser Aspekte wird im Folgenden ausführliche Aufmerksamkeit gewidmet. Nicht, weil es unwichtig oder uninteressant wäre. In einer der letzten Hus-Monographien wird dem Nachleben gut 40 Prozent des Textes gewidmet.2 Schon daraus ist ersichtlich, dass das Andenken an Hus, sein Nachleben, ein eigenständiges Forschungsfeld bildet, das man in diesem Buch nur im entsprechenden Kontext einbeziehen kann.

Wenn im abschließenden Kapitel das Verhältnis zwischen Jan Hus und der deutschen Reformation erörtert wird, dann geschieht es nicht darum, den böhmischen Reformer als Vorläufer Martin Luthers zu stilisieren. Die im letzten Kapitel gestellte These lautet vielmehr, dass mit dem Hussitentum, also bereits im 15. Jahrhundert, die Reformationsgeschichte beginnt. Anhand des Vergleiches mit der »klassischen« Reformation soll die Bedeutung von Hus für die Entwicklung der böhmischen Gesellschaft des 15. Jahrhunderts beurteilt werden. Allerdings standen damals mehrere Wege offen. Wenn sich die utraquistische Landeskirche der böhmischen Hussiten zu einer Spielart der Reformationskirchen entwickelte, bedeutet das keineswegs, dass Hus selbst diesen Weg einschlagen wollte. Ich gehe aber davon aus, dass für Jan Hus und seine Anhänger der Bruch mit der römischen Kirche unvermeidbar, ja Teil ihres Reformverständnisses war. Es sind diese Ansätze, die zu einer Herausbildung der hussitischen Interessengruppe und zu ihrer Abgrenzung von der Mehrheitskirche führte, was im Folgenden eingehend untersucht werden soll.

Die Darstellung konzentriert sich somit auf die Gestalt des Jan Hus in seiner Zeit. Seine Persönlichkeit verdankt sich in gleicher Weise den Verhältnissen des luxemburgischen Böhmens wie auch dem weiteren Kontext der abendländischen Kirche der Schismazeit. Der Schlüssel zum Verständnis von Hus wird im synchronen Vergleich mit anderen Persönlichkeiten des kirchlichen und universitären Lebens des frühen 15. Jahrhunderts aufgezeigt. Statt eine separate Einführung in die Geschichte und Kultur des Spätmittelalters an den Beginn unseres Buches zu stellen, soll der breitere Kontext in jedem einzelnen Kapitel berücksichtigt werden, wo dies zweckmäßig erscheint. Nur aufgrund eines Vergleiches mit seinen europäischen Zeitgenossen und seinen böhmischen Vorgängern kann dargelegt werden, was an Hus einzigartig und was aus spätmittelalterlicher Perspektive geläufig war.

Die vorliegende Biographie ist gewissermaßen retrospektiv, indem sie nach den Wurzeln der Probleme und Kontroversen sucht, die Hus auf den Scheiterhaufen brachten. Sie schildert seinen Erfolg und seinen Sturz: auf welchen Wegen es ihm gelang, Ruhm zu erlangen und eine Anhängerschaft aufzubauen, warum dies die kritische Aufmerksamkeit der kirchlichen Behörden auf sich gezogen hat, und warum es die Kirche schließlich für unabdingbar hielt, ihn zu beseitigen. Obwohl mir Hus’ Tod als Ausgangspunkt der Fragestellung dient, kann ich mich nicht der Ansicht anschließen, dass die historische Bedeutung von Hus lediglich darin liegt, dass er verbrannt und danach in verschiedener Weise instrumentalisiert wurde. Ein eminent öffentlich tätiger und umtriebiger Gelehrter wie Jan Hus muss für Historiker nicht nur wegen seines Todes, sondern vor allem wegen seines Lebens und Wirkens von Interesse sein. Als solche tatkräftige Gestalt wäre er historisch attraktiv, auch wenn es keine Reformationen, keine Revolutionen und keine Nationalerweckungen in seinem Namen gegeben hätte.

Jan Hus wird in diesem Buch vor allem als ein gut dokumentiertes Beispiel eines spätmittelalterlichen Intellektuellen angesehen, eines in der Öffentlichkeit stehenden Professors, der wegen seiner Ausstrahlung in schwere Konflikte geriet. Es sind eben diese Konfliktsituationen und Kontroversen, die in der historischen Überlieferung die stärksten Spuren hinterlassen haben. Dank dieser Auseinandersetzungen und dank Hus’ posthumem Ruhm haben wir von ihm eine weitaus reichere Kenntnis als von seinen zeitgenössischen Kollegen. Wohl von keinem anderen mittelalterlichen böhmischen Autor ist ein so umfangreiches Werk erhalten; ebenso einzigartig ist seine erhaltene Korrespondenz. Seinen eigenen Schriften schließen sich Aktenstücke und Nachrichten über Hus an. All dies ermöglicht einen Einblick in die Welt eines Gelehrten, welcher bei anderen zeitgenössischen Personen kaum denkbar ist.

Verhältnismäßig breiten Raum wird in diesem Buch der öffentlichen Tätigkeit des Jan Hus gegeben, der Resonanz seiner Predigten und der daraus resultierenden Bildung seiner Anhängerschaft. Diese Fragestellung ist zugegebenermaßen durch die heutige Erfahrungswelt beeinflusst. Das Hus-Bild entsprach immer den Forderungen und Schwerpunkten der jeweiligen Zeit. Es wäre verfehlt, diese Zeitgebundenheit unterdrücken oder gar leugnen zu wollen. Wenn wir heute miterleben, wie politische, bürgerliche und gesellschaftliche Bewegungen mithilfe elektronischer Kommunikationsnetzwerke organisiert werden, ist es kein Wunder, dass die soziale Auswirkung von kommunikativen Handlungen für kulturgeschichtliche Fragestellungen maßgebend ist. Das bedeutet natürlich für dieses Buch nicht, anachronistische Parallelen zwischen der Zeit von Hus und der heutigen Welt zu ziehen, sondern es findet Schlüsselaspekte, durch welche Hus’ Leben und Wirken dem heutigen Menschen überzeugend vor Augen geführt werden kann.

Das Buch ist so aufgebaut, dass jedem Kapitel ein markantes Ereignis vorangestellt wird, das als Ausgangspunkt für die nachstehende Darlegung dient. Die Anordnung dieser Ereignisse entspricht dabei der tatsächlichen Chronologie. Zu besseren Orientierung dient am Anfang des Buches ein kurzer Lebenslauf von Jan Hus. Die problemorientierte Schilderung in den nachfolgenden Kapiteln nimmt jeweils breiteres Material und Quellenbelege aus anderen Phasen seines Lebens mit auf, um das als Ausgangspunkt benutzte Ereignis zu kontextualisieren. Am Ende eines jeden Kapitels wird gefragt, welche Bedeutung das jeweilige Phänomen oder Ereignis im Leben von Hus besaß und ob es zu seiner Verurteilung beigetragen hat. Der Angeklagte und Verurteilte in Konstanz steht somit im Mittelpunkt aller Ausführungen.

3         Magister Jan Hus – ein kurzes Lebensporträt

 

 

 

Als im September 1378 die Kardinäle in Fondi einen Gegenpapst wählten, ahnten sie nicht, dass das daraus resultierende Schisma beinahe 40 Jahre dauern sollte. Clemens VII. begab sich nach Avignon, wo die Päpste bereits in den Jahren 1309–1377 residiert hatten. Die abendländische Christenheit war in zwei Herrschaftssphären gespaltet, eine römische und eine avignonesische Obödienz. Die durch die gesteigerten finanziellen Ansprüche des Kirchenapparats und durch die Verweltlichung der klerikalen Lebensweise ohnehin angegriffene moralische Autorität des Papsttums und der kirchlichen Hierarchie erlitt durch das Schisma eine weitere Einbuße. Eine zweigeteilte Kirche konnte noch schwerer gegen Missstände angehen. Die spätmittelalterliche Gesellschaft, welche durch den Schwarzen Tod, die Pestepidemie der Jahre 1347–1353, starken demographischen und sozialen Verwerfungen ausgesetzt war, wurde durch die kirchliche Krise noch tiefer erschüttert und verunsichert.1

Jan Hus hat die Nachricht von der Kirchenspaltung wohl kaum mitbekommen. Er war damals ein Knabe und besuchte wahrscheinlich die Pfarrschule in der südböhmischen Stadt Prachatitz (Prachatice). Möglicherweise wurde das Schisma in seiner Gegenwart, etwa vom Ortspfarrer, einmal erwähnt. Aber niemand konnte zu dieser Zeit wissen, dass Jan Hus sein Leben dem Kampf gegen die Missstände in der Kirche weihen und schließlich auf einem Konzil, das sich zur Beseitigung des Schismas versammelt hatte, hingerichtet werden würde.

Hus wurde um 1370 (eine jüngere Tradition nennt das Jahr 1369) im Husinec nahe Prachatitz in bescheidenen Verhältnissen geboren. Er entschied sich für eine kirchliche Karriere und schrieb sich an der Prager Universität ein. Im Jahre 1393 erlangte er den Titel eines Bakkalaureus der freien Künste. In späteren Erinnerungen bedauerte er, an studentischen Karnevalsspielen teilgenommen zu haben.2 Er vernachlässigte aber sein Studium keineswegs. Im Jahre 1396 promovierte er zum Magister. Die obligatorische zweijährige Lehrtätigkeit an der Artistischen Fakultät fiel Hus nicht schwer. Er wollte ohnehin weiter an der Universität wirken und fing zügig mit dem Studium an der Theologischen Fakultät an. Im Jahr 1400 wurde er zum Priester geweiht.

Zwei Jahre später wurde Jan Hus zum Rektor der Bethlehemskapelle ernannt und widmete sich fleißig und engagiert dem Predigeramt. Er wohnte in dem mit der Kapelle verbundenen Predigerhaus, so dass die Altstädter Predigtstätte zum wirklichen Mittelpunkt seines Lebens wurde. In den Briefen aus dem Exil und besonders aus Konstanz ließ Hus mehrere seiner Freunde grüßen. Unter diesen waren seine Kollegen aus der Universität, aber auch Laien, zum Teil einfache Leute, die in der Nähe der Bethlehemskapelle wohnten oder dort regelmäßig an Predigten und Gottesdiensten teilnahmen. Im Laufe der zehn Jahre, die Hus in der Bethlehemskapelle wirkte, hat er zahlreiche Freundschaften geknüpft. Seine seelsorgliche Tätigkeit dort war vielseitig und intensiv. Gewöhnlich hielt Hus zwei Predigten am Sonntag und dazu eine bis zwei Predigten pro Woche an Heiligentagen. In der Fastenzeit predigte er täglich, oft sogar zwei Mal am Tag. Auch im Advent intensivierte sich die Predigttätigkeit. Wenn die Sammlung der so genannten Bethlehempredigten (Sermones in Bethlehem) den Sachverhalt getreu widerspiegeln, dürfte Hus an die 280 Predigten pro Jahr vorgetragen haben. Hinzu kamen seine Lehrtätigkeit an der Universität sowie die Pflichten als Theologiestudent. Nach dem Zeugnis des Augustiners Oswald Reinlein hielt Hus neben den erwähnten Predigten noch zwei Vorlesungen pro Tag – vermutlich zum Teil in den mit der Bethlehemskapelle verbundenen Bursen, einer Art Studentenwohnheimen, in denen auch Unterricht stattfand.3

Während man den Alltag von Jan Hus noch einigermaßen rekonstruieren kann, ist dies mit seinem Aussehen nicht so einfach: Die hohe schlanke Gestalt und sein bärtiges, etwas asketisches Antlitz, die uns auf den meisten Abbildungen begegnen, sind den Vorstellungen der frühen Neuzeit verpflichtet. Als Vorläufer Luthers stilisiert, wurde Hus damals in Holzschnitten und Kupferstichen als Gelehrter, d. h. mit den Attributen der zeitgenössischen humanistischen Bildungsschicht abgebildet. Ältere, spätmittelalterliche Abbildungen dürften der Wirklichkeit näher kommen, wenn sie Hus als Priester ohne Bart zeigen. Ebenso schwierig wie das Äußere des Magisters ist es, seinen Charakter nachzuzeichnen. Versuchen wir trotzdem, in wenigen Zügen ein Porträt zu skizzieren. Es ist auffallend, dass nicht einmal seine Feinde Hus grober moralischer Verfehlungen beschuldigten. Die jedem Häretiker des Mittelalters zuteil gewordenen allgemeinen Vorwürfe dürfen uns hier nicht täuschen. Der heimliche Reichtum, der Hus von einigen seiner Kritiker vorgeworfen wurde, hat nie existiert. Das jährliche Einkommen des Rektors der Bethlehemskapelle betrug 20 Schock Prager Groschen, was dem Einkommen aus gewöhnlicher Prager Pfarrei entsprach. Not litt Hus keineswegs, das Geld für die Reise nach Konstanz musste er sich aber von seinen Gönnern ausleihen.

Aus dem üblichen Repertoire von Lastern, die man Ketzern unterstellte, könnte am ehesten der Vorwurf der Hochmut zutreffen, wenn man etwa seine Beharrlichkeit, ja Kompromisslosigkeit in der theologischen Debatte so verstehen will. Andere sittlichen Verfehlungen wie etwa sexuelle Ausschweifungen oder Trunksucht tauchten in der langjährigen Polemik nie auf. Hus hat sich jedenfalls bemüht, der strengen Moral, die er predigte, selbst gerecht zu werden. Da er seinen Schüler Martin von Wolin (Volyně) ermahnte, Kneipenfreundschaften zu vermeiden und sich »mit Weibern nicht zu unterhalten«, kann man davon ausgehen, dass er selbst nach diesem Grundsatz lebte. Dies dürfte ihm nicht immer leicht gefallen sein, denn wir wissen, dass er von durchaus leidenschaftlicher schaftlicher Natur war. In einem Brief erinnerte er sich daran, wie er sich in seiner Jugend beim Schachspielen oft in große Aufregung hineinsteigerte. Er scheint im besten Sinn lebenslustig gewesen zu sein, mit regem Interesse für die Welt um sich herum, das jedoch nie die Oberhand über seinen moralischen Anspruch und seine theologische Verantwortung gewann. In seinen Schriften begegnet uns sein guter Sinn für Humor. Akademische Festreden würzte er mit geistreichen Wortspielen, polemische Schriften mit bissigen Sarkasmen. Nach allem, was wir von ihm wissen, war er kein langweiliger Mensch.4

Hus erlebte zwei böhmische Könige, sechs Prager Erzbischöfe, fünf Könige des Heiligen Römischen Reiches und neun Päpste. Er lebte in einer Zeit der Widersprüche. Böhmen erfreute sich im 14. Jahrhundert eines Aufschwungs, der die nachstehenden Wirren umso dramatischer empfinden ließ. König Karl IV. (1346–1378) war der erste unter böhmischen Herrschern, der auch die römische Krone erlangte; 1355 wurde er Kaiser. Der Aufstieg Prags als kaiserlicher Residenz wurde durch die Gründung und allmählichen Ausbau der dortigen Neustadt verdeutlicht. Die wachsende Bedeutung des Landes spiegelte sich auch in der Erhebung des Prager Bistums zum Erzbistum wider. Dank dem diplomatischen Talent der ersten zwei böhmischen Könige aus dem Haus der Luxemburger, Johann und eben Karl IV., erfuhr ihre mitteleuropäische Domäne auch eine territoriale Ausdehnung: neben Böhmen und Mähren gehörten zur Böhmischen Krone Schlesien, die Lausitz und zeitweise auch die Oberpfalz sowie Brandenburg. Mit dem politischen Aufstieg war auch die kulturelle und künstlerische Blüte verbunden. Jan Hus konnte dem großen Herrscher kaum je persönlich begegnet sein; sein Ruhm lebte aber in Böhmen fort, und auch Hus gedachte des Königs respektvoll in seinen Festpredigten als des Gründers der Prager Universität (1348).

Karls Sohn und Nachfolger Wenzel IV. trat seine Regierung unter besonders schwierigen Umständen an. Das päpstliche Schisma war soeben ausgebrochen. Dazu kam der Generationswechsel in der weltlichen wie auch kirchlichen Verwaltung Böhmens, der Wenzel der bewährten Berater seines Vaters beraubte. Die adelige Opposition in Böhmen und die Intrigen seines Bruders Sigismund, des Königs von Ungarn, komplizierten die Situation für Wenzel noch mehr; zwei Mal wurde er von seinen Gegnern sogar in Haft genommen. Wenzel war den ungemein lästigen außen- und innenpolitischen Problemen, denen er sich konfrontiert sah, nicht gewachsen und wurde 1400 von den vier rheinischen Kurfürsten als römischer König abgesetzt. Nach dem Tod seines Rivalen Ruprecht von der Pfalz fiel die römische Krone jedoch wieder an die Luxemburger: 1410 kam es zu einer Doppelwahl des kurz danach verstorbenen mährischen Markgrafen Jobst und des ungarischen Königs Sigismund. Als Erbe seines kinderlosen Bruders Wenzel griff Sigismund zunehmend in die böhmischen Angelegenheiten ein, was nicht ohne Folgen für Jan Hus blieb.

Die politischen Umwälzungen und die allmähliche Resignation des Königs auf aktive Politik kontrastierten mit dem fortsetzenden kulturellen Aufstieg Böhmens. Die bildende Kunst unter Wenzel IV. mit den Schöpfungen des so genannten weichen Stils stand der karolinischen Zeit in nichts nach. Auch die intellektuelle Produktion der Prager Universität entfaltete sich erst richtig gegen Ende der Regierung Karls und besonders unter seinem Sohn. Während der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, also innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne, haben die böhmischen Länder den kulturellen Vorsprung westlichen Europas nachgeholt und die dortigen Schöpfungen und Errungenschaften der letzten Jahrhunderte rezipiert. Dies gilt besonders für das Bereich der Religion und der Kirche. Die materiellen und organisatorischen Bedingungen der Seelsorge verbesserten sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts dramatisch. Damit stiegen auch die Ansprüche der Gläubigen, und damit verbunden auch der allgemeine Unwille, wenn die Vertreter der Kirche den religiösen und moralischen Ansprüchen nicht gerecht waren. Die auf allgemeine religiöse Erneuerung ausgerichtete Bewegung fand ihre Basis bei charismatischen Predigern, in Zirkeln interessierter Laien, und letztlich auch an der Universität.5

In den 1390er Jahren traf Hus als Student an der Prager Universität eine Gruppe von gleichgesinnten Kollegen. Sie teilten das Interesse für die Philosophie des 1384 verstorbenen Oxforder Professor John Wyclif, und allmählich entwickelte sich auch ihr Eifer für die Kirchenreform. Die theologischen Schriften Wyclifs, die spätestens 1400 dank Hieronymus von Prag in der böhmischen Hauptstadt zur Verfügung standen, lieferten auch im Bereich der Kirchenreform gewaltige Impulse. Den Keim der wyclifistischen Reformgruppe bildeten in den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts neben Hus und Hieronymus auch weitere junge Magister, Jakoubek von Mies (Stříbro) und Stephan von Páleč. Ihr Lehrer, der nicht viel ältere Magister Stanislaus von Znaim (Znojmo), befasste sich damals intensiv mit Wyclifs Lehre vom Altarsakrament und betrat so den heiklen Boden der Dogmatik. Im Jahr 1403 wurden 45 Thesen aus Wyclifs Schriften von der Prager Universität als häretisch verurteilt. Trotzdem verliefen die ersten Jahre des 15. Jahrhunderts für Hus noch ziemlich ruhig. Er arbeitete sogar mit Erzbischof Zbyněk in den Sachen der Klerusreform zusammen und hielt 1405 sowie 1407 die Synodalpredigten.

Diese Zusammenarbeit sollte jedoch bald scheitern. Seit dem Jahr 1408 schlitterte Jan Hus in einen sich verschärfenden Konflikt mit den kirchlichen Behörden. In jener Zeit befand er sich bereits an der Spitze der wyclifistischen Reformbewegung, besonders auch deshalb, weil Stanislaus und Pálec nach Italien abgereist waren, um dort die Anschuldigung Stanislaus’ wegen eucharistischer Häresie abzuwehren. Inzwischen wurde auch Hus wegen seinen kritischen, angeblich aufrührerischen Predigten und wegen seiner Sympathie für die Lehren des John Wyclif beim Prager Erzbischof angeklagt. Der 1402–1411 amtierende Erzbischof Zbyněk Zajíc von Hasenburg zählte zu den Kirchenfürsten, die stets ihren Willen durchzusetzen suchten. Der Konflikt zwischen Wenzel IV. und dem Erzbischof wirkte sich auch auf Hus’ Streit mit Zbyněk aus. Seine Sache rückte den Prediger der Bethlehemskapelle quasi automatisch auf die Seite König Wenzels. Die nachfolgenden Erzbischöfe, Albík von Mährisch Neustadt (Uničov) und seit 1412 Konrad von Vechta, waren dagegen königsnahe Personen. Von ihrer Seite her drohte Hus kaum solche Gefahr wie von Zbyněk. Doch zu dieser Zeit war bereits ein Prozess gegen Hus an der päpstlichen Kurie angestrengt worden.

Die allgemeinen Koordinaten der Causa Hus wurden somit durch die Entwicklung des Großen Schismas bestimmt. Dieses endete nicht mit dem Tod der beiden ersten Rivalen. Dem avignonesischen Papst Clemens folgte 1394 Benedikt XIII. nach, der auch noch während des Konstanzer Konzils Papst war. Für Hus waren die Päpste von Rom von größerer Bedeutung, weil Böhmen zur römischen Obödienz gehörte. Nach dem römischen Papst Bonifaz IX. und Innozenz VII. bestieg 1406 Gregor XII. den Papststuhl. Hus und seine Partei konnten von ihm noch eine Bestätigung der Gründung der Bethlehemskapelle erhalten. Bald jedoch kamen auf Hus und seine Anhänger neue Herausforderungen zu. Für das Jahr 1409 wurde von den Kardinälen beider Obödienzen ein Konzil nach Pisa einberufen, welches das Schisma beenden sollte. Als König Wenzel einen Obödienzwechsel erwog, benötigte er hiefür ein befürwortendes Gutachten der Prager Universität. Die wyclifistischen Magister um Hus, die die Mehrheit der böhmischen Universitätsnation bildeten, zeigten sich bereit, dieses zu erarbeiten. Die böhmische Nation war indes nur eine der vier Prager Universitätsnationen. Mit dem so genannten Kuttenberger Dekret von 1409 gab Wenzel den Böhmen drei Stimmen in der Universitätsverwaltung, der bayerischen, polnischen und sächsischen Universitätsnation zusammen nur eine. Die böhmische Kontrolle über die Universität führte dazu, dass die meisten Mitglieder der drei nichtböhmischen Nationen Prag den Rücken kehrten.

In Pisa wurde das Schisma nicht beseitigt. Das Konzil wählte einen neuen Papst, ohne erwirken zu können, dass die zwei anderen zurücktraten. Das Königreich Böhmen unterstützte nun die Pisaner Obödienz und den aus dem Konzil als Papst hervorgegangenen Alexander V. Die eventuellen Hoffnungen, die Hus mit dem Pisaner Papsttum verband, erwiesen sich schnell als trügerisch. Alexander V. griff in den Prager Streit ein, indem er die Konfiskation aller Schriften John Wyclifs befahl und indem er darüber hinaus Predigten in Kapellen, also auch in der Bethlehemskapelle, verbat. Die Veröffentlichung der Bulle und die Durchführung der darin geforderten Maßnahmen durch Erzbischof Zbyněk im Sommer 1410 verschärften den Konflikt zwischen der hussitischen Gruppe und den kirchlichen Behörden. Hus veranstaltete eine Verteidigung der Schriften Wyclifs an der Universität und legte einen Einspruch gegen die Bücherverbrennung beim Papst ein. Damit wurde sein Gerichtsprozess an der päpstlichen Kurie in Gang gesetzt und er wurde nach Rom vorgeladen. Da er dieser Ladung nicht folge leistete, sondern sich in der Rechtsangelegenheit durch Abgesandte vertreten ließ, wurde er mit dem Kirchenbann belegt.

Johannes XXIII., der dem Papst Alexander V. in der Pisaner Linie nachfolgte, drängte Hus in einen weiteren Konflikt. Als im Frühjahr 1412 Kommissare des neuen Papstes nach Prag kamen und einen Ablass für die Unterstützung eines Kreuzzugs gegen Ladislaus von Neapel anpriesen, widersetzte sich Hus diesem Handel mit der Sündenvergebung. Die antipäpstliche Kampagne fand außergewöhnlichen Zuspruch bei der Bevölkerung, führte jedoch zur Spaltung der wyclifistischen Reformgruppe. Einige der bisherigen Kollegen und Unterstützer Hus’, namentlich die Magister Stanislaus von Znaim und Stephan von Páleč, gaben ihren Wyclifismus auf und wurden zu schärfsten Gegnern von Hus. Auch König Wenzel, der Hus noch im Jahr zuvor unterstützt hatte, wandte sich nun von ihm ab. Die zweite formelle Verteidigung der Wyclifschen Lehren an der Universität konnte daran nichts ändern. Eine weitere Katastrophe folgte bald. Im Oktober 1412 wurde über Hus der verschärfte päpstliche Bann verhängt, weil er nicht vor Gericht erschienen war. Nun drohte jedem Aufenthaltsort von Hus das Interdikt, also die Aussetzung und das Verbot aller Gottesdienste und jeglicher Sakramentenspendung.

Hus entschied sich, aus Prag zu fliehen. Zwei Jahre lang hielt er sich inkognito in Nordwest- und Südböhmen auf, bis ihn die große Kirchenpolitik wieder einholte. König Sigismund und Papst Johannes XXIII. vereinbarten die Einberufung eines weiteren Konzils, diesmal nach Konstanz, um die drei Obödienzen der lateinischen Kirche endlich zu vereinigen und das Schisma zu beenden. Durch eine europaweite Verständigung und die Wahl eines neuen Papstes, Martins V., gelang dies dem Konzil 1417 tatsächlich. Auch Hus hatte sich vom Konzil eine Lösung seiner Causa erhofft. Unter zunehmendem Druck, nahm er im Herbst 1414 die Einladung König Sigismunds an und entschloss sich unter dem vom König zugesicherten freien Geleit, nach Konstanz zu gehen. Hus’ Lebensweg, der hier knapp nachgezeichnet wurde, sollte in Konstanz sein Ende finden. In nächsten Kapiteln werden jene Gebiete des öffentlichen Lebens und des literarischen Schaffens vorgestellt, auf welchen sich Jan Hus besonders hervortat.

4          Hus als Prediger – Seine Ernennung zum Rektor der Bethlehemskapelle 1402

 

 

 

»Wir ernennen den ehrwürdigen Magister Jan von Husinec zum Rektor und Leutpriester in und zur Kapelle der heiligen Unschuldigen, die im Volksmund Bethlehem genannt wird und in der Prager Altstadt liegt und die durch freiwilligen Rücktritt des ehrwürdigen Herrn Stephan von Kolin, des unmittelbar vorigen Rektor dieser Kapelle, ledig geworden ist, welcher Rücktritt in unsere Hände niedergelegt und von uns angenommen und bewilligt wurde.«

So steht es in der Urkunde des erzbischöflichen Vikars Ogier, die er am 14. März 1402 ausstellte und zugleich in die Amtbücher des Erzbistums eintragen ließ. Jan Hus, seit fünf Jahren Universitätsmagister, hatte sich bis dahin vor allem seiner Ausbildung gewidmet, denn selbst nach der Erlangung der Magisterwürde in den Freien Künsten (einem Studium der grundlegenden Wissenschaften wie Grammatik, Rhetorik, Arithmetik oder Astronomie) setzte er sein Studium im Fach Theologie fort. Wie die meisten Universitätsabsolventen damals ließ auch er sich zum Priester weihen, und zwar im Juni 1400. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, bemühten sich diese Priester gewöhlich, an eine Pfründe zu gelangen. Jan Hus hatte sich offenbar nicht als Pfründenjäger hervorgetan. In den ersten zwei Jahren seines Priestertums hielt er gelegentliche Gastpredigten und erregte mit diesen bereits Aufmerksamkeit. Die Ernennung zum Bethlehemsprediger bedeutete für ihn vor allem eine sichere Existenz, aber die Stelle war mehr als das: Das Predigeramt wurde für ihn zur Berufung seines Lebens.1

Die Ernennung zum Prediger an der Bethlehemskapelle erfolgte unter dem Patronat des Gründers ebene dieser Kapelle, Hans von Mühlheim. Dieser Hofmann König Wenzels hatte wohl der Stiftung die nötige politische Unterstützung verschafft. Der eigentliche Anstoß zur Stiftung selbst ging eher von dem Prager Krämer Kříž aus, der das Grundstück zur Verfügung stellte und sich an der Stiftung auch finanziell beteiligte. Die Gründung erfolgte am 24. Mai 1391, dreieinhalb Jahre später wurde der Bau abgeschlossen und die Kapelle eingeweiht. Das schlichte Hallengebäude mit einem gotischen Doppelgiebel war im Stadtbild dominant. Mit seinem unrechteckigen Grundriss umschloss es einen riesigen Innenraum. Bis zu 3000 Besucher fanden darin Platz. Einen vergleichbar großen Raum boten in Prag zu dieser Zeit wohl nur die Domkirchen auf der Prager Burg und auf dem Vyšehrad. Der Neubau von Kříž war so groß, dass bei dicht gefülltem Raum etwa ein Zehntel der Prager Stadtbevölkerung sich dort versammlen und einer Predigt beiwohnen konnte. Die Kapelle wurde vor allem für die Predigt bestimmt. Die Gründungsurkunde betonte, es sei Gottes Gebot, dass sein Wort nicht gebunden, sondern frei verkündet werde, und

Abbildung eines Reformpredigers. Aus dem Druck Processus consistorialis martyrii Io. Huss (1525).

paraphrasierte dazu den Spruch in Jesaja 1,9: »Hätte uns der Herr nicht den Samen des Gotteswortes und der heiligen Predigt gelassen, so wären wir wie Sodom und wie Gomorra.«2

Laut der erwähnten Urkunde wollte die Stiftung Abhilfe für den unbefriedigenden Zustand schaffen, dass »die Prediger, besonders diejenigen der tschechischen Volksprache, sich oft gezwungen sehen, Häuser und Schlupfwinkel auszusuchen«. Der Stifter spielt wohl auf die geheimen Versamlungen der überlebenden Sympathisanten des charismatischen Predigers Milíč von Kremsier (Kroměříž) an. Dieser hatte in Prag Ende der 1360er und Anfang der 1370er Jahre eine Schar von Anhängern um sich versammelt. Milíč hatte ein Haus für ein gemeinsames Leben frommer Priester und Laien, nicht zuletzt ehemaliger Prostituierter, gegründet. In dieser Einrichtung, die er programmatisch Jerusalem nannte, unterhielt er wohl auch eine Predigerschule. Nach Milíčs Tod 1374 wurde diese Einrichtung geschlossen bzw. in ein Zisterzienserkollegium umgewandelt. Die nonkonformistischen Prediger der Milíč’schen Schule wurden jedoch weiterhin von den erzbischöflichen Behörden überwacht. Im Frühjahr 1388 vertraute der Domscholastiker Adalbert Rankonis, der Testamentsvollstrecker Milíčs, den Wiederaufbau von Jerusalem einer Gruppe an, in welcher sich zahlreiche Milíč-Anhänger wiederfanden. Hier begegnen uns unter anderem der Theologe Matthias von Janov und auch der Krämer Kříž. Aus Mühlheims Urkunde kann man folgern, dass Milíčs Bewegung auch 17 Jahre nach seinem Tod in der Form von kleinen, privaten Kreisen fortlebte. In der Bethlehemskapelle, unweit der ursprünglichen Stätte, an der das Jerusalem stand, sollte diese Bewegung nun eine breitere Öffentlichkeit ansprechen.3

Es ist anzunehmen, dass Hus schon vorher Kontakte zu dieser Gruppe gepflegt hatte. Aus einer Zeugenaussage weiß man, dass sich Jan Hus und Hieronymus von Prag im Jahre 1401 im Haus des Bechermachers Wenzel mit Kříž trafen. Ohne die kontinuierlichen Verbindungen der böhmischen Reformer überschätzen zu wollen, ist dennoch eine deutliche Gemeinsamkeit zwischen Milíč und Hus in der starken Betonung der Predigttätigkeit feststellbar. Obwohl sich, wie wir noch sehen werden, die Reformen von Jan Hus in eine Richtung entwickelten, die Milíč nie beabsichtigte, können wir im frühen Stadium der Bethlehemskapelle eine Anknüpfung an dieses Erbe sehen. Auch später, in schwierigeren Zeiten seiner Tätigkeit in Bethlehem, nahm Hus zum Vermächtnis der Gründergeneration Zuflucht. Im Jahre 1410 legte er Berufung gegen die päpstliche Bulle ein, die die Predigt in der Kapelle verboten hatte. Im Text des Einspruches, der wohl von Johannes von Jesenice entworfen worden war, wurde die Bethlehemer Gründungsurkunde zitiert. Im Jahr 1413 rief Hus in seinen tschechisch geschriebenen Auslegungen (Výklady) den Versuch seiner Feinde vom Vorjahr in Erinnerung, Bethlehem zu schließen und abzureißen:

»Einige weltlichen Leute, besonders Deutsche mit einigen Tschechen, strebten an, den Ort, wo das Brot [des Gotteswortes] verteilt wird, niederzureißen, nämlich die Bethlehemskapelle,«

schrieb er dort. Die Anspielung an die Stiftungsurkunde von 1391 ist evident. »Ich fand es angemessen,« offenbarte damals Hans von Mühlheim,

»die Kapelle ›Bethlehem‹ zu nennen, was man ›Haus des Brotes‹ auslegt, mit der Absicht, dass sich dort das gemeine Volk und die Treuen Christi mit dem Brot der heiligen Predigt erfrischen sollen.4

Mühlheim und Kříž hatten vorgesehen, in der Kapelle je eine Predigerpfründe zu stiften. Während Mühlheims Kandidat, Johannes Protiva von Nová Ves, im Sommer 1391 vom Erzbistum bestätigt wurde, stieß der Kandidat von Kříž, Johannes Štěkna, wohl auf Probleme mit den kirchlichen Behörden. Jedenfalls wurde er nie offiziell als Prediger an der Bethlehemskapelle ernannt und Kříž stiftete stattdessen eine Altarpfründe. Interessanterweise wandten sich die beiden ersten Kandidaten für die Bethlehemspredigerstelle später gegen die wyclifistische Reformgruppe. Nach Protiva wurde der Universitätsmagister Stephan von Kolin zum Bethlehemrektor ernannt. Er trat aber bereits 1402 zurück, um die Stelle für Jan Hus frei zu machen. Zu dieser Zeit war das Altarbenefizium von Matthias von Tučapy besetzt, der in der ersten Jahreshälfte 1412 durch einen näher unbekannten Jakob ersetzt wurde. Die vorgesehene zweite Predigerstelle blieb weiterhin vakant. Erst im April 1411 begegnet man Nikolaus von Miličín, einem Schüler von Hus, als zweitem Bethlehemprediger.5

Jan Hus lebte sich wohl schnell in sein neues Amt als Prediger ein. Als Verwalter der Kapelle, die keine Pfarrrechte besaß, sondern sich im Bezirk der Kirche St. Philipp und Jakob befand, musste er mit dem dortigen Pfarrer auskommen. Das Verhältnis zu der heute untergegangenen Kirche – sie stand an der Stelle des heutigen Bethlehemsplatzes – wurde bereits im Vorfeld der Gründung geregelt, als der dortige Pfarrer Ulrich sich gegen Zahlung einer Entschädigung von 90 Groschen jährlich mit der Errichtung der Kapelle und der dazugehörigen Pfründen einverstanden erklärte. Nun schloss Jan Hus mit dem zuständigen Pfarrer Nikolaus Zeiselmeister ein neues Abkommen. Am 1. April 1403 trafen sich beide im Haus des Theologieprofessors Johannes Eliae, um die neuen Verhältnisse zu regeln. Die Entschädigung des Pfarrers wurde im Vergleich zur ursprünglichen Abfindung verdoppelt, wobei die gesungenen Messen in der Bethlehemskapelle eingeschränkt wurden, um der benachbarten Pfarrkirche keine übergroße Konkurrenz zu machen. Doch die zukünftige Anziehungskraft der Bethlehemskapelle bestand ohnehin hauptsächlich in der Predigt. Das entsprach dem Wunsch der Gründer und auch dem Verständnis Hus`.

Schätzungsweise Hus selbst während seiner Zeit als Rektor der Kapelle etwa 3000 Predigten von der Bethlehemskanzel herab gehalten. Diese Zahl erscheint beeindruckend. Waren Ausmaß und Wirkung der Predigten in der Bethlehemskapelle für die damaligen Verhältnisse außergewöhnlich? Mit Blick auf die spätmittelalterliche Predigtintensität im europäischen Vergleich darf man das bestreiten. Die berühmten Prediger jener Zeit waren durchaus daran gewöhnt, große Mengen von Zuhörern anzulocken. Wanderprediger wie der katalanische Dominikaner Vinzenz Ferrer besuchten auf ihren Reisen weite Teile des lateinischen Europas. Dass sie in der Regel nicht ohne die Hilfe von Dolmetschern predigen konnten, minderte die Wirkung ihrer Worte nicht. Die von Predigern angeregten Buß- und Friedensbewegungen hatten besonders in italienischen Städten eine lange Tradition. Ein weiterer Zeitgenosse von Hus, der etwa zehn Jahre jüngere Franziskaner Bernardin von Siena, begeisterte seine Zuhören nicht nur in seiner Heimatstadt, sondern auch in anderen norditalienischen Kommunen. Nicht selten war die Zahl der Interessierten und Neugierigen so groß, dass die Kirchen zu klein waren und die Predigtveranstaltungen auf den Marktplatz verlegt werden mussten. Auf der Piazza del Campo in Siena dürften Bernardin bis zu 20 000 Menschen zugehört haben.

Die erfolgreichsten Prediger der Zeit wussten offenbar ihr Publikum zu fesseln und hatten entsprechende rhetorische und publikumswirksame Techniken entwickelt. Theatralische Predigtvorstellungen mit ausgeprägter Gestik, dialogischen Einschüben und visuellen Hilfsmitteln waren typisch für die Prediger aus den Bettelorden. Gewisser dramatischer Ausdrucksmittel bediente sich aber wohl jeder Prediger. Beliebt waren verschiedene illustrative Geschichten, lebendige Beispiele, erbauliche Allegorien und anschauliche Gleichnisse aus dem Alltagsleben. Ihre intensive Verwendung war aber keine Voraussetzung für den Erfolg einer Predigt. Der Florentiner Dominikaner Giovanni Dominici äußerte sich gegen solchen übermäßigen Gebrauch von Geschichten und aus der (weltlichen) Literatur geschöpften Redeschmuck, wodurch er eigentlich den Predigtstil Bernardins in Frage stellte. Als Dominici im Jahre 1400 aus Venedig heimkehrte, beschrieb ein Besucher seine Predigt in einem Brief wie folgt:

»Ich sage euch, nie zuvor habe ich eine solche Predigt gehört, noch ist eine solche je gepredigt worden. Und es ist sicher, dass die Gottesfreunde sich zu erheben begannen, um den Lebenswandel der faulen Kleriker un der trägen Laien auszumerzen […] Wir alle weinten entweder oder standen mit Staunen vor der klaren Wahrheit, die er den Zuhörern aufzeigte.6

Ein deutliches Zeugnis dafür, welche Wirkung eine sittenkritische Predigt erzielen konnte!

Dem Prager Publikum zurzeit von Jan Hus war eine solche Predigtpraxis durchaus vertraut. Seit den 1360er Jahren konnte es spektakuläre Predigtkampagnen miterleben. Nicht nur die gut bekannten Reformprediger haben das Angebot an erbaulicher Rhetorik gestaltet. Die Predigt war auch ein fester Bestandteil der außerordentlichen Ablassverkündigung, die ebenso zum religiösen Leben der Zeit gehörte. Die auf religiöse Erneuerung zielenden Kampagnen waren nicht in das vorhandene Netz von Pfarr- und Klosterkirchen eingebunden. Die Tätigkeit eines Konrad Waldhausers oder Milíčs von Kremsier standzu der normalen Seelsorge sogar im Widerspruch. Die Prager Pfarrer und Kanoniker sowie die Mitglieder der Bettelorden zählten zu den erbitterten Gegnern der Predigerbewegung. Zumindestens in Mitteleuropa waren es nicht mehr die Mendikanten, welche die Predigtszene dominierten, obwohl die Wiederbelebung der Predigt im 13. Jahrhundert durch sie veranlasst wurde. Nun, im Spätmittelalter, übernahmen Säkularkleriker die Fortsetzung der Predigtbewegung.7

Die für alle Gläubigen erreichbare religiöse Unterweisung durch Predigten zählte zu den wichtigen Zielen der pastoralen Reform. Ein Mittel dazu war die Ausdehnung der durch das Pfarrnetzwerk vermittelten seelsorgerischen Dienste. Wenn die Pfarrer der Nachfrage nach Predigten nicht nachkommen konnten, gründete man spezielle Predigtpfründen, sogenannte Prädikaturen. Böhmen und besonders Prag scheinen in dieser Hinsicht eine besondere Rolle gespielt zu haben, was ein Vergleich mit der Reichsstadt Nürnberg bestätigt. Hier gab es neben den Bettelordenskirchen nur zwei Prädikaturen, eine dritte kam 1426 hinzu. In Prag hingegen finden wir Anfang des 15. Jahrhunderts spezialisierte Predigerstellen an nicht weniger als 14 Pfarrkirchen. Das Interesse am »Predigtbetrieb« bezeugen indirekt auch zahllose erhaltene Predigthandschriften. Vor der Mitte des 14. Jahrhunderts sind aus Böhmen nur vereinzelte Predigtsammlungen überliefert. Aus den 100 Jahren von 1350 bis etwa 1450 sind jedoch insgesamt 140 böhmische Predigtsammlungen (Postillen) bekannt, eine nicht nur im mitteleuropäischen Vergleich beachtliche Zahl. Die meisten von ihnen wurden von den mit der Universität und den Stadtkirchen verbundenen Predigern verfasst. Die Lebendigkeit des Predigtbetriebs ist daher auch ein Indikator für den religiös-kulturellen Aufstieg, den die böhmische Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts durchlebte.8

Jan Hus musste seinen Platz in der städtischen Predigtlandschaft erst finden. Sofort nach seiner Weihe zum Priester begann er zu predigen. In Konstanz erinnerte er sich daran, dass er in seinem ersten Jahr als Prediger ein Predigtenbüchlein verfasst hatte. »Es war, wie ich vermute, das Jahr des Herrn 1401,« schrieb er. Diese Erinnerung scheint richtig zu sein, war er doch im Sommer 1400 geweiht worden. Der Pfarrer Bernhard von St. Michael in der Altstadt hatte Hus anfangs seine Kanzel zu Verfügung gestellt. In einem Brief bemerkte Hus, er habe mehr als zwölf Jahre gepredigt, bevor er sich im Herbst 1412 gezwungen sah, Prag zu verlassen. Das erste volle Kirchenjahr seines Predigens erstreckte sich also vom Advent 1400 bis in den größten Teil der Jahres 1401. Bereits in dieser Zeit musste er sich mit seinen Predigten einen bemerkenswerten Ruf erworben haben, sonst wäre Kříž kaum auf ihn aufmerksam geworden, als er einen Prediger für die Bethlehemskapelle suchte. Johannes Protiva äußerte später über eine der Predigten, von Hus, dass man viel über sie gesprochen habe. In der Folge der Absetzung Wenzels als römischer König drangen nämlich die mit dem neuen König Ruprecht verbündeten Meißener Truppen bis zur böhmischen Hauptstadt vor. Erstmals seit 100 Jahren durchzog ein fremdes Heer das Gebiet des Königreiches, entsprechend groß war die Empörung in der Bevölkerung. Jan Hus beschwerte sich damals von der Kanzel herab, dass die Böhmen ihr Land kaum verteidigt hätten und daher erbärmlicher als Hunde und Schlangen seien, die ihre Höhlen schützten.9

Der Vegleich mit Hunden und Schlangen wie auch die Einbeziehung der Meißener Invasion als aktuelles Thema zeigt Hus bereits in seiner Frühzeit als einen geschickten Prediger. Anschauliche Vergleiche und erbauliche Geschichten findet man auch in seiner ältesten Predigtsammlung, den sogenannten Puncta, die die Anfänge seiner Predigttätigkeit widerspiegelt. Allerdings sind die in Handschriften erhaltenen Predigtsammlungen und Postillen keine wortgetreuen Spiegelbilder der mündlich gehaltenen Predigten, schon gar nicht hinsichtlich ihrer rhetorischen Feinheit. Es kann sich im Fall eines schriftlich überlieferten Predigttextes entweder um Notizen des Predigers handeln, die ihm als Vorlage dienten, oder aber um einen erst nach dem Predigtvortrag schriftlich fixierten Text. Im letzteren Fall kann die Niederschrift entweder vom Prediger selbst nachträglich redigiert, oder von einem Zuhörer aufgenommen und gegebenenfalls überarbeitet worden sein. Relativ nahe am mündlichen Vortrag dürfen die Texte der lateinischen Predigten gewesen sein, die für die Geistlichkeit gedacht waren. Diese Reden, Universitäts- und Synodalpredigten, wurden auf lateinisch vorgetragen, höchstwahrscheinlich so, wie sie in den Kodizes stehen, mit allem rhetorischen Schmuck und großem Anmerkungsapparat. Von Hus sind zwei Synodal- und sechs Universitätspredigten überliefert, darunter zwei feierliche Reden bei der Gedächtnismesse für den Universitätsgründer Karl IV. Diese Predigten hatte Hus natürlich nicht in der Bethlehemskapelle vorgetragen: die Predigten, die er vor einem universitärem Auditorium hielt, fanden in den Altstädter Kirchen St. Gallus, St. Clemens oder St. Jakob statt.10

Die Mehrheit der überlieferten Predigten von Hus stammt aus seiner Tätigkeit als Volksprediger. Obwohl auf Tschechisch vorgetragen, wurden sie zum guten Teil in lateinischer Fassung schriftlich verbreitet. Die Entstehung der erhaltenen lateinischen Predigtsammlungen von Hus kann man sich folgendermaßen vorstellen: Am Ende des jeweiligen Kirchenjahres sammelte Hus seine Unterlagen und bearbeitete sie für ein Buch, das er interessierten Benutzern, wohl Studenten und Predigern, zur Verfügung stellte. Dabei ergaben dann Anspielungen auf aktuelle kirchenpolitische Ereignisse wenig Sinn. Die spontanen und für die Situation aussagekräftigen Sprüche, die uns am meisten interessieren würden, bleiben uns daher verborgen, falls sie nicht von einem Zuhörer – aus Gründen der Bewunderung oder einer geplanten Denunziation – aufgenommen wurden.

In diese Kategorie fallen neben den erwähnten Puncta weitere Sammlungen. In den Collecta, einer Sammlung von Predigten des Jahres 1404/1405, wurden die meisten aktuellen oder polemischen Hinweise getilgt. Auch die Sammlung des Jahres 1411/1412, die Postilla adumbrata