Inselstolz - Gerhard Waldherr - ebook

Inselstolz ebook

Gerhard Waldherr

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Opis

Sie leben an der Schnittstelle zwischen Land und Meer. Dort, wo der Wind wohnt und der Blick endlos ist. Wo morgens die Dünen glühen und abends kein Schiff mehr geht. Wie von einer Laune der Natur hingetupft liegen die norddeutschen Inseln und Halligen in der Gischt. Ihre Bewohner leben fernab von der Hektik der modernen Welt. Und sind doch mit ihr verbunden durch Schifffahrt, Handel und Tourismus. Es ist ein Leben, das geprägt wird von den Launen der Natur, der Faszination des Meeres und einer bewegten Historie. Lassen Sie sich diese Geschichten erzählen von Sylts Austernprinzessin, Borkums singendem Wattführer und Helgolands Robbenvater. Folgen Sie dem Chronisten von Amrum in die Zeit der Strandräuber, dem fliegenden Koch von Baltrum in die Lüfte und einem Schatztaucher in die geheimnisvollen Tiefen der Nordsee. Begleiten Sie Memmerts Vogelwart, Hooges Krankenpfleger und Pellworms Postboten, der für zwei Empfänger bis Süderoog geht. Und erfahren Sie, wie ein Bauer auf Langeneß die verheerende Sturmflut von 1962 erlebte, der Inselwirt von Neuwerk seine Gäste durch einsame Nächte begleitet und ein junger Musiker aufbricht nach Los Angeles, an der Filmmusik für Baywatch mitwirkt und doch nicht loskommt von Föhr. 25 große Erzählungen von Menschen, die sind wie ihre Heimat. Rau, charmant und einzigartig. Liebenswert, dramatisch und voller Überraschungen. Immer anders und nicht zu fassen. Inselstolz ist eine Hymne auf Norddeutschlands kleine Welten vor der Küste und das große Herz ihrer Bewohner.

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Eine Insel mitten im Meer, eine Insel,da ist das Leben nicht schwer,kein Stress, keine Arbeit, kein Berufsverkehr.Ich träume oft davon, wie schön es wär’.

Farin Urlaub: ›Insel‹

Land in Sicht !

Natürlich erzähle er uns gern alles über sein Leben auf Deutschlands einziger Hochseeinsel, ließ uns der Robbenvater ausrichten. Aber bitte später. Erst müsse er sich um das Neugeborene kümmern: eine Kegelrobbe, die ausgerechnet auf der kurzen Piste des Helgoländer Flughafens zur Welt gekommen war. Diese kleine Anekdote klingt wie erfunden. Doch sie ist wahr, wie alle Geschichten in diesem Buch. Rolf Blädel, der Tierschützer, und die anderen Männer, Frauen und Kinder, die Sie in Inselstolz kennenlernen, führen ein Leben, von dem Millionen träumen. Fernab von den Staus, der Hektik und dem Stress der Städte, umgeben von Meer und Wind, getaktet nach dem ewigen Rhythmus von Ebbe und Flut. Wer Inseln wie Spiekeroog, Juist oder Baltrum besucht, entschleunigt den Alltag. Bollerwagen statt BMW, Gummistiefel statt Krawatte, Brandungsrauschen statt Autobahnlärm. Fast 20 Millionen Mal im Jahr übernachten Gäste auf den Nordseeinseln – doch nur etwa 50.000 Einheimische leben auf den Wellenbrechern vor der Küste.

Inseln haben seit Jahrhunderten die Fantasie beflügelt und Literaten inspiriert, ob Robert Louis Stevenson, der die Schatzinsel als Schauplatz für seinen Piratenklassiker erfand, oder Daniel Defoe, der mit Robinson Crusoe noch heute Aussteigerträume befeuert. Inseln sind von einer besonderen Magie. Sie versprechen eine überschaubare, abgeschlossene Welt. Sie sind eigen. Sie bieten einen Mikrokosmos, ein Leben mitten im Meer. Und diese Welt ist nur wenige Seemeilen entfernt. Dort, wo der Wind wohnt und der Blick endlos ist. Wo morgens die Dünen glühen und abends kein Schiff mehr geht. Wie von einer Laune der Natur hingetupft liegen die norddeutschen Inseln und Halligen in der Gischt. Vor den Küsten Nord- und Ostfrieslands oder – wie Helgoland – mitten im Meer. Ihre Bewohner leben fernab von der Hektik der modernen Welt. Und sind doch verbunden durch Schifffahrt, Handel, Tourismus. Es ist ein Leben, das geprägt wird von der Faszination des Meeres und einer bewegten Historie.

In diese kleinen Welten wollen wir mit Inselstolz eintauchen. Wir lassen Menschen, die wir nach monatelanger Suche ausgewählt haben, ihre Geschichten erzählen. Ganz persönlich, ganz nah, ganz authentisch. Unsere Autoren leihen ihnen eine Stimme. Jede Geschichte wurde vom Protagonisten autorisiert. Da ist zum Beispiel der Pellwormer Postbote Knudsen: Mit geschultertem Rucksack trägt er Briefe, Karten und Postwurfsendungen zur Hallig Süderoog. Die Mädchen Merle und Malin berichten, wie es ist, ohne Disco und Shoppingtouren aufzuwachsen. Die Inselfriseurin Uda Haars, deren Familie seit Generationen dafür sorgt, dass man auf Juist »schicke Köppe« hat. Oder der Wattführer Albertus Akkermann, der seine Führungen stimmgewaltig auf dem Akkor­deon begleitet, nicht mit Shantys, sondern mit eigenen Liedern, Musik von Jacques Brel oder – nach Wunsch – mit Jump von Van Halen.

Manche unserer Inselbewohner, wie Christoph Tüte Schmiegel, folgten dem Lockruf und siedelten vom Festland über. Andere, wie Ruth Hartwig-Kruse auf Nordstrandischmoor, sind seit Generationen tief verwurzelt auf ihrer Insel und reihen sich ein in die Tradition ihrer Vorfahren – in ihrem Fall vor allem der Frauen. Viele Männer hielten das einfache und in den Wintermonaten einsame Leben nämlich nicht lange durch. Auch davon erzählt dieses Buch: Ein Insulaner lebt immer »am Rande der Gesellschaft«, wie es der Norderneyer Bernd Flessner ausdrückt. Man darf festhalten: Es schadet nicht. Flessner wurde zu einem der weltbesten Surfer.

Inselstolz – das sind 25 Erzählungen von Menschen, die sind wie ihre Heimat: rau, charmant und einzigartig. Liebenswert, manchmal dramatisch, oft voller Überraschungen. Inselstolz ist eine Hymne auf Norddeutschlands kleine Welten vor der Küste und das große Herz ihrer Bewohner.

Wir wünschen viel Lesespaß!

Uwe Bahn / Gerhard Waldherr

Willi Jacobs, Jahrgang 1950, stammt aus einer alten Fischerfamilie in Neuharlingersiel. In der Hochsaison legt er jeden Tag in Spiekeroog und Neuharlingersiel ab und an, um Touristen das Meer, die Fischerei und die Seehundsandbänke näherzubringen. Regelmäßig finden auf der »Gorch Fock« auch Andachtsfahrten statt. Jacobs ist verheiratet, hat drei Töchter und einen Sohn.

Willis Welt

Seine Familie fährt seit Generationen zur See. Den Fischer-Beruf hat Willi Jacobs schweren Herzens aufgegeben. Aber er kann nicht davon lassen, das Netz auszuwerfen.

Es war im Juli 2009, wir hatten Gäste an Bord und fuhren Richtung Langeoog. Gerade passierten wir die Seehundbänke vor der Insel, als ein Kollege über Funk hektisch eine Warnung durchgab. Im nächsten Moment konnte man nichts mehr sehen. Ich wusste nicht, woher der Sturm kam, es wirbelte einfach aus allen Richtungen.

Meine Gäste fragten mich: »Haben Sie Angst?« Und ich sagte: »Ich habe Gottvertrauen in die Mannschaft und in meinen Kutter.«

Die Mannschaft, das war mein Decksmann Richard, der kommt aus dem Ural. Guter Mann, er fährt schon seit 1999 zur See. Und mein Boot, meine Gorch Fock, die habe ich gemeinsam mit meinem Vater bauen lassen. Ich weiß, was die abkann.

Die Bültjewerft baute unseren Familien-Fischkutter 1971. Das waren die einzigen in Ostfriesland, die noch Holzarbeiten machten. Gleich im darauffolgenden Frühjahr erhielten wir die Zulassung für Ausflugsfahrten. Fisch fangen und Gäste an Bord empfangen – ich habe immer beides gekannt. Schon mein Vater und mein Großvater waren sehr flexibel, wenn es darum ging, das Geld für die Familie zu verdienen. »Irgendwas läuft immer«, pflegte mein Großvater zu sagen. Und wenn nicht, schoss er eben einen Seehund und handelte mit dem Tran.

Die Jacobs sind schon seit 1840 Fischer und Seefahrer, vermutlich noch länger. Die Jungen lernten von den Alten, so war das auch bei mir. Als ich klein war, erzählte mein Großvater mir Geschichten und brachte mir Knoten bei. Der Hafen von Neuharlingersiel war unser Spielplatz, wenn auch nicht ungefährlich. Ich war ungefähr fünf, als ich fast abgesoffen wäre. Meine Cousine und ich spielten mit einem Boot am Kai, stießen es fort und zogen es an einem Strick wieder heran. Ich wagte mich zu weit raus, fiel plötzlich ins Wasser – und ich konnte nicht schwimmen. Meine Cousine konnte mich gerade noch herausziehen. Wie ernst die Geschichte war, kann man an der Belohnung ablesen, die sie für ihre Rettungsaktion bekam: einen silbernen Löffel, mit ostfriesischen Ornamenten verziert.

Mit fünfzehn begann ich meine Ausbildung an Deck der Gorch Fock, so hieß schon damals der Kutter meines Vaters. Die Fischereischule in Büsum, die Motorenprüfung, das nautische Fischereipatent, das packte ich alles locker. Seit 1997 gehöre ich selbst dem Prüfungsausschuss der Fischereischule an. Mein Problem war: Ich wurde immer seekrank. Mein Vater ging damit gut um, aber es half ja nichts, ich musste da durch. Wenn die Krabben an Deck kamen, kämpfte ich gegen die Seekrankheit und schuftete. Gott sei Dank wurde das besser, als ich erwachsen wurde.

Wir fischten Krabben und Plattfische, also Seezungen und Schollen, im Frühjahr und im Herbst. Jahrelang fuhr ich oft nachts raus zum Fischen, weil ich mich nach den Gezeiten richten musste und wir tagsüber die Ausflugsgäste an Bord hatten. Das waren die härtesten Monate im Jahr. In manchen Nächten fiel ich todmüde ins Bett, nur um zwei Stunden später wieder aufzustehen.

Wir Fischer hatten gute Zeiten in den 80er-Jahren, bis Anfang der 90er. Da zog ich auch mal 1000 Kilo Plattfisch aus der Nordsee. An Krabben bis zu 1500 Kilo. Und das alles in kurzer Zeit, wir liefen immer nach spätestens zwölf Stunden wieder in den Hafen. Wenn die Marktpreise stimmen, kann man als Fischer gut leben.

Was einem wie mir, der aus einer alten Fischerfamilie kommt, heute fehlt, ist die Freiheit. Wir haben früher nach Instinkt gefischt. Das ist vorbei. Seit Ende der 80er-Jahre haben uns die Behörden stets mehr Vorschriften gemacht. Was man wann fangen darf, und wie viel. Ich bin fast dankbar, dass mein Vater diese Entwicklung nicht mehr erleben musste. Er starb 1998.

Trotzdem machte ich noch viele Jahre weiter mit dem Fischen. Die harten Nachtschichten ließ ich irgendwann sein. Und vor ein paar Jahren sagten meine Ärzte: »Sie müssen kürzer treten.« Sie hatten Recht. Es ging nicht mehr.

Dafür haben wir immer noch die Touristen. Mit denen gemeinsam werfe ich noch das Grundschleppnetz aus und erkläre, wie man fischt. Das passt prima zur anderen großen Tradition in meiner Familie. Wir waren immer gastfreundlich. Wenn die Spiekerooger ihr Schiff verpassten, klopften sie bei uns an die Tür. Meine Großmutter bereitete Tee oder Kaffee zu, und sobald es die Tide zuließ, brachte mein Großvater die Leute hinüber auf die Insel, auch bei Nacht.

Wir haben ein großes Herz. Ganz egal, wer da kommt. Mein Vater machte seit den 50er-Jahren Kutterfahrten mit körperlich behinderten Kindern vom Anna-Stift in Hannover, die ihre Ferien in einem der Kinderheime auf Spiekeroog verbrachten. Die waren immer die letzten Gäste der Saison, im Oktober. Im Sommer wäre das zu anstößig gewesen, so waren die Zeiten. Ich habe die Tradition vor ein paar Jahren wieder aufgenommen. Bei uns an Bord ist jeder willkommen. Die meisten Gäste kommen, um die Ursprünglichkeit von Spiekeroog zu genießen. Die Insel hat ihren dörflichen Charakter erhalten und einen bemerkenswerten Waldbestand, vor allem Kiefern. Und natürlich wollen die Leute die Seehunde sehen. Mein Großvater hat sie noch mit der Flinte gejagt, heute bejagen wir sie mit den Kameras.

Streng genommen könnte ich sogar noch schießen. Ich bin Wattjagdführer und dürfte kranke Tiere erlegen. Wenn Gäste an Bord sind, lasse ich das Gewehr natürlich beiseite. Wir holen die Kranken dann an Bord und bringen sie zur Seehundaufzuchtstation in Norddeich, wo sie eingeschläfert werden.

Im Sommer fahre ich jeden Tag raus, ich werde das machen, solange ich kann. Meine Frau hat mich schon immer dabei unterstützt – sonst könnte ich meinen Beruf gar nicht ausführen. Ich habe großes Glück: Mein Sohn und meine drei Töchter haben meine Leidenschaft für die Seefahrt offenbar geerbt. Ich hoffe, dass einer von ihnen die Familientradition weiterführt. Seit einiger Zeit bekomme ich Hilfe von meiner jüngsten Tochter Anna-Lena. Die fährt schon oft mit und übernimmt auch mal das Steuer. Anna-Lena sagt, sie wird einmal beides machen: Touristen und Krabbenfischerei. Warum auch nicht? Die Krabben halten die Fischerei an unserer Küste noch aufrecht.

Und dass eine Frau auf einem Kutter am rechten Platz ist, hat schon meine Tante Sophie bewiesen. Sie fuhr in den 30er-Jahren mit ihrem Vater, also meinem Großvater, auf Krabbenfang. Als Tante Sophie noch lebte, sagte sie über Anna-Lena: »Die ist so wie ich früher war.«

Meine Kinder wissen aber auch um die Gefahren auf See. Spätestens, seit der Sturm über die Gorch Fock hinwegfegte. So ein Unwetter hatte ich nie zuvor erlebt. Später erfuhr ich, dass zwei Kanufahrer gerade noch gerettet werden konnten. Für uns hätte es übel aussehen können, wenn wir etwas in die Schraube bekommen hätten oder der Motor versagt hätte. Über die Brennstoffpumpe machte ich mir am wenigsten Sorgen, die hatten wir kurz zuvor überholen lassen. Und nach zwanzig Minuten war der Spuk auch vorbei.

Ein paar Tage später aber hatten wir einen Schaden, ausgerechnet an unserer Pumpe. Mich traf es wie ein Schlag: Wenn uns das im Orkan passiert wäre, dann wäre es eng geworden da draußen.

Man muss eben Gottvertrauen haben.

Bernd Flessner, Jahrgang 1969, ist auf Norderney geboren und startete von dort eine in Deutschland einmalige Karriere als Profi-Surfer. Er gewann zahlreiche Europa- und Weltmeistertitel sowie Deutsche Meisterschaften.

Sein Revier

Der Norderneyer Bernd Flessner ist der beste Windsurfer, den Deutschland je hatte. Er wuchs im idealen Surfrevier auf, verdankt der Insel viel und hat sich doch von ihr entfremdet.

Beim Windsurfen erlebe ich Momente, die jeden normalen Menschen in totale Begeisterung versetzen würden. Ich schnappe meine Ausrüstung, fahre zum Strand und los. Lande auf einer Sandbank und stehe allein in der Nordsee. Weiter nach Baltrum, ich schaue bei der Surfschule vorbei, fahre zurück und mache Halt beim alten Wrack des Muschelkutters. Keine Menschenseele, Pudersand, Tausende von Muscheln, blauer Himmel, perfekter Wind. An der Südseite von Norderney surfe ich zurück, vorbei an Naturschutzgebiet und Hafen. Solche Eindrücke kann man nicht kaufen.

Leider erlebe ich die Schönheit dieser Augenblicke nur noch selten. Sie sind zur Gewohnheit geworden. Seit ich zwanzig bin, verdiene ich mit Surfen mein Geld. Wenn ich auf dem Brett stehe, ist das schon lange kein Spaß mehr, sondern hartes Training. Eins kommt hinzu: Ich tue mich seit einiger Zeit schwer mit dem Inselleben.

Das mag mit dem vergangenen Winter zu tun haben. 25 Jahre lang habe ich in Südafrika überwintert, immer von November bis März schlug ich in Kapstadt mein Trainingslager auf. Ich war überhaupt die meiste Zeit des Jahres auf der ganzen Welt unterwegs. Erst jetzt habe ich mal wieder einen Winter in der Nordsee durchlitten. Furchtbar. Die Fähre fährt seltener, die Hotels haben geschlossen, die meisten Restaurants auch. Wochenlang dieser Ostwind, und das bedeutet: Kälte, Regen. Jetzt steht fest: Es wird hier keinen weiteren Winter für mich geben.

Viele loben das Reizklima der Insel. Super für die Bronchien, na klar, aber nur für Menschen vom Festland. Für uns Insulaner wäre die Bergluft besser. Ich bin sowieso dauergeplagt von der Entzündung der Nasennebenhöhlen, eine typische Windsurfer-Krankheit. In diesem grässlichen Norderneyer Winter wurde ich die Grippe wochenlang nicht los. Sicher, ich hätte nach Kapstadt fliegen können wie all die Jahre zuvor. Aber bei so etwas bin ich geradlinig: Ich hatte mir vorgenommen, mal wieder einen Winter hier auszuharren. Das musste ich durchziehen.

Aber es ist nicht nur das Wetter. Inselleben ist hart, manchmal fühle ich mich wie am Rande der Gesellschaft. Seit einiger Zeit lebe ich getrennt von meinen Kindern, sie leben auf dem Festland. Dazwischen ist die Fähre. So brauche ich für Hin- und Rückweg drei Stunden statt eine, und das zweimal die Woche.

Unsere Insel ist klein, jeder kennt jeden. Viele sagen: Ach, wie schön! Von wegen! Viele quatschen in alles mögliche rein und beklagen den Ausverkauf der Insel. In Wahrheit kassieren viele selbst ab, wenn sich die Gelegenheit bietet, zeigen aber mit dem Finger auf den anderen und sagen: Du darfst das nicht. Auf Norderney gibt es viele Häuptlinge und wenige Indianer.

Viele Inselbewohner gucken gegen den Tellerrand und nicht darüber hinaus. Mich nervt diese Mentalität, deshalb ließ ich mich 2011 zur Wahl des Stadtrats aufstellen, als Parteiloser. Ich bekam auch sehr viele Stimmen, aber über die Liste zogen andere ins Inselparlament.

Früher habe ich die Kehrseiten der Insel gar nicht gesehen. Im Gegenteil: Meine Kindheit war ein Traum und die Insel unser Abenteuerspielplatz. Einen besseren Ort kann man Kindern nicht wünschen, behütet, frei von Kriminalität und Randale. Wir hatten das Schwimmbad, Wälder, Dünen und Strand. Drei Rasenplätze zum Fußballspielen. Nicht umsonst kommt Werder Bremen seit zehn Jahren vor jeder Saison zum Trainingslager. Ich spielte auch nicht schlecht – in meiner Jugend stand ich in der Niedersachsenauswahl.

Wir waren noch die geburtenstarken Jahrgänge, vier Züge hatte die Schule, hundert Kinder in meinem Jahrgang, hundert ein Jahr drüber, hundert ein Jahr drunter. So viele waren wir! Nach Schulschluss rannten alle los, Fußballspielen, schwimmen, surfen. Wir fuhren mit der Fußballmannschaft aufs Festland und traten auf mit breiter Brust: Wir sind Norderneyer!

Damit das klar ist: Diese Insel hat meine Karriere enorm befördert. Ein besseres Revier in Deutschland findest du nicht. Ich kann hier Auto fahren – das ist auf vielen Inseln bekanntlich verboten – und mein Material in fünf Minuten an jeden Fleck der Insel bringen. Auf Sylt geht das nicht so schnell. Für Norderney spricht auch die perfekte Lage zum Wind: Ich will ihn von der Seite haben, jedenfalls auf keinen Fall ablandig. Weht es aus Süden, gehe ich auf die Südseite. Kommt der Wind von Norden, wechsele ich auf die Nordseite. Wind und Wellen sprechen sowieso für die Nord- und gegen die Ostsee.

Kein Wunder, dass die Surfszene auf Norderney schon in den Pionierjahren des Sports aufblühte. Der erwachsene Schwiegersohn unserer Nachbarn, Frank, brachte den Sport 1975 auf die Insel. Ein Jahr später brachte er mir das Surfen bei.

Ich war sieben, und als Kind lernt man ja alles durch Spielen. Am Strand aufs Brett legen, ein bisschen rumpaddeln, das war Abenteuer. Wir hatten auf der Südseite zwar eine Surfschule, aber das meiste brachte ich mir selbst bei. Eine ausgefeilte Didaktik war sowieso noch nicht entwickelt. Außerdem kamen jedes Jahr neue Bretter auf den Markt, neue Manöver verbreiteten sich. Windsurfen wuchs in den 80er- und 90-Jahren zur Trendsportart, und Norderney war mittendrin.

Ich muss so zehn oder elf gewesen sein, als sich der Traum in mir festbiss: Ich will Profi werden. Natürlich gehören auch Glück, Ehrgeiz und Talent zu einer großen Karriere. Aber ohne diesen Traum geht es nicht. Du musst am Tag 24 Stunden an den Traum denken, ihn leben, spüren, schmecken und essen – denn die Ernährung spielt eine große Rolle. Ich bin mit Windsurfen im Kopf aufgestanden und zu Bett gegangen, nachts habe ich davon geträumt.

Meinen ersten World Cup fuhr ich 1989, im Jahr darauf wurde ich Profi. Ich lebte meinen Traum und stand vor der nächsten großen Frage: Was muss ich tun, um nicht nur einer der besten, sondern der beste Windsurfer der Welt zu werden? Die Antwort lautet: Du musst deinem Ziel alles unterordnen. Schau dir einen Sebastian Vettel an. Den mag ich sehr, aber im Wettkampf kennt er keine Freunde. Ich fürchte, ich war zu bescheiden und zu zaghaft. Man muss aber auch mal nach vorn preschen und das Maul aufreißen. Diese Härte bekommst du nur schwer, wenn du auf Norderney aufwächst. Mein Selbstbewusstsein wäre an einem anderen Ort vermutlich besser gereift.

Unser Bürgermeister und unser Kurdirektor haben meine Leistungen immer gewürdigt – das kann man aber bei Weitem nicht von allen hier sagen. Als würde individueller Erfolg das Inselklima vergiften. Ich habe eine lange Karriere hingelegt. Wurde 1990 Profi, kam in die Nationalmannschaft, kämpfte mich 1991 bis auf Platz 7 der Weltrangliste, im Jahr darauf der erste Deutscher-Meister-Titel. Im Laufe der folgenden Jahre wurde ich 16 Mal deutscher Meister, gewann 39 nationale Einzeltitel und drei Weltmeistertitel. Ich war Dauersieger aller deutschen Regatten und dominierte eine Sportart über 26 Jahre. Deshalb verwundert es mich bis heute, dass mir der Vorsitzende unseres Segelvereins, dessen Mitglied ich ja bin, kein einziges Mal gratuliert hat. Kein Brief, kein Anruf, in all den Jahren.

Für viele Leute auf Norderney bin ich immer noch der kleine Bernd, der mit der Blechtrommel um den Weihnachtsbaum gelaufen ist und Fußball gespielt hat. Ich kenne viele Topsportler, in Deutschland und der ganzen Welt – die bekommen in ihrer Heimatstadt für gewöhnlich eine Menge Anerkennung, sie stehen in der Presse, laufen über rote Teppiche und werden Sportler des Jahres. Nicht falsch verstehen: Ich habe es auf Ruhm und Ehre gar nicht abgesehen, aber ich habe mich oft nach etwas mehr Anteilnahme gesehnt. Das braucht man einfach als Sportler, das motiviert einen, gerade in einer Einzelsportart wie Windsurfen. Auf Norderney habe ich das Gefühl: Du wirst kleingehalten – bewusst oder unbewusst. Dass ich all diese Titel gewonnen habe, wurde für viele Leute hier so normal wie Ebbe und Flut, nicht mehr der Rede wert. Auf Sylt fühlt sich das anders an: Da wissen die Leute, was ich erreicht habe, und das lassen sie mich spüren.

So prägte auch Norderney meinen Charakter. Mit Anfang zwanzig wurde mir das klar: Wenn ich der Beste der Welt werden will, muss ich mich ändern. Auch mal Dreckschwein sein. Ein Egoist, dem alles andere egal ist. Ich hätte mich mental von dieser Insel lösen müssen – und auch geografisch. Nach Hawaii ziehen, so wie es alle Topleute tun. Dort herrschen einfach die besten Bedingungen: Wind, Wetter, Wellen. Hawaii aber mag ich bis heute nicht. Gerade am North Shore, wo die Profis trainieren, ist mir zuviel Getue, da herrscht ein enormer Dünkel unter den Einheimischen. Das ging so weit, dass wir Europäer regelrecht angefeindet wurden. Für mich war Heimat wichtiger. »Mein Hawaii heißt Norderney«, habe ich mir gesagt, so heißt es doch in diesem Schlager.

Mein Vater starb, als ich acht war, das war hart. Meine Schwester ist sieben Jahre, mein Bruder zehn Jahre älter. Trotzdem hat mich meine Mutter nie hier festgehalten, sondern unterstützt, auch wenn ich oft auf Reisen war. Sicher war sie traurig, aber ich kam ja immer zurück. Genossen habe ich das natürlich auch: Ich komme nach Hause, meine Mutter macht Essen und wäscht meine Klamotten, ich gehe mit den Jungs an den Strand und surfe.

Als ich 33 war, starb meine Mutter. Danach schwand diese Unbeschwertheit, seither hat sich mein Blick auf die Insel gewandelt. Viele meiner Freunde haben Familie und sind fortgezogen, haben Karriere gemacht, als Pilot oder als Manager. Ich war noch erfolgreich, aber die Faszination für meinen Beruf ließ allmählich nach. Profi sein, das hat viel mit Selbstaufgabe zu tun. Es sei ein Wunder, dass ich das so lange durchgehalten habe, hat mir ein guter Freund und früherer Surf-Profi oft gesagt.

Und dann gibt es sie doch, diese Tage, die Spaß machen. Wenn ich mal mit einem Kumpel surfen gehe, der Wind kommt von der Seite, zweieinhalb Meter hohe Wellen, genau richtig zum Springen. Dieses Lebensgefühl steckt noch in vielen Leuten, die in den 80er-Jahren surften, aber nicht mehr oft auf dem Brett stehen. Es lässt sich doch wieder herauskitzeln.

Ich glaube, so ist es auch Kalle Sigges ergangen. Er führt das Strandhotel Georgshöhe, wo ich seit jeher das Fitnessstudio nutze. Er war ein begeisterter Surfer, als ich mit sieben zum ersten Mal auf dem Brett stand. Und meine abenteuerliche Fahrt von Norderney nach Sylt 2011 hat uns wieder neu zusammengebracht. Er steuerte das Begleitboot.

Einmal quer über die Deutsche Bucht surfen, das hatte nie jemand versucht. Die Idee dazu hatte ich schon über zwanzig Jahre gehegt. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Kumpel Eilt Wessels 1991 von Norderney nach Helgoland surfte, das liegt ja immerhin auf halbem Weg. Wir waren kaum angekommen, da sagten wir: Als nächstes fahren wir nach Sylt.

Dafür braucht es aber perfekte Bedingungen. Wind aus Westen, mit der Stärke 5 bis 6, und das muss über Stunden konstant sein, auf der gesamten Strecke. Außerdem benötigten wir eine Sondergenehmigung, damit Kalle mit seinem Boot die großen Schifffahrtslinien kreuzen durfte. Ich als Surfer habe damit gar keine Probleme.

Und vor Schiffen war mir nie bang. Wenn ich einen 300-Meter-Pott erspähe, fahre ich schon mal bis auf dreißig Meter ran und mache Fotos. Da sagen sicher viele: Wie abgefahren ist das denn! Oder unsere Fähren rammen, ein beliebtes Spiel. Ich nehme mein Slalombrett und begleite die, fahre zwischen den Schrauben, sodass du vom Fahrzeugdeck meinen Mast berühren kannst. Einmal sprang ich von der fahrenden Fähre runter. Erst das Brett, dann ich hinterher. Viele halten das bestimmt für verrückt, aber ich beherrsche diese Sportart. Zum Glück weiß das auch der Steuermann.

Von Norderney nach Sylt zu surfen ist für einen Profi anstrengend, aber machbar. Das Problem ist der Kopf. Es geht vier Stunden in die gleiche Richtung. Das machst du sonst nie, es kommt ja immer eine Halse oder Wende. Die Belastung ist also extrem einseitig. Ich fahre am Strand los und fahre und fahre. Ich schaue auf die Uhr, und es sind erst fünf Minuten vergangen.

Nichts gegen diese schöne Hochsee-Insel, aber das Schlimmste an dem Sylt-Abenteuer war Helgoland. Der rote Felsen tauchte irgendwann schräg rechts vor mir auf. Ich sah ihn fast zwei Stunden lang, weil er so hoch aus dem Meer ragt. Das machte mich fast wahnsinnig, ich dachte: Das kann nicht sein, diese Drecksinsel will nicht näher kommen! Ich fuhr an ihr vorbei, und danach sah ich sie, wann immer ich zurückblickte, wieder eine Ewigkeit lang.

Zwischendrin schoss mir durch den Kopf: Ich ziehe gerade meinen Traum durch. Kein Land mehr in Sicht. Mutterseelenallein auf der Nordsee. Segler kennen das, Surfer nicht. Spektakulär. Wie oft im Leben surfe ich von Norderney nach Sylt? Genau einmal. Und wie üblich bei solchen Dingen: Es passieren Missgeschicke, die sonst nie passieren.

Ein Flüchtigkeitsfehler, das Segel kippte nach vorn und wurde von der Deutschlandfahne von Kalle Sigges Boot aufgespießt. Zum Glück nur ein kleines Loch, ich konnte das Segel weiterbenutzen. Ein neues aufzuziehen hätte uns sicher 25 Minuten gekostet – fraglich, ob die Windverhältnisse lang genug angehalten hätten.

Endlich kam Land in Sicht, da war ich wie gedopt. Eine letzte Verpflegungspause, und beim Wasserstart das nächste Malheur: Das Brett schoss nach vorn, und ich rammte mir die Finne ins Bein. Ist mir nie zuvor passiert. Kurz danach war es geschafft, am Strand von Hörnum war nur noch Freude. Nach Sylt in vier Stunden, das schafft mit dem Auto keiner.

Für mein Karriereende habe ich mir Sylt ausgesucht, der World Cup im September. Dort fing meine Profi-Laufbahn an, dort soll sie enden. Ich habe zusammengerechnet: Zwei Jahre meines Lebens habe ich auf Sylt verbracht. Mit den Syltern verstehe ich mich gut, weil ich Insulaner bin, wie sie. Ich sehe dort nur das Positive. Die schönen Häuser von Kampen. Fahre hoch zu Gosch, gehe in die Sansibar und treffe Freunde. Sylt hat ähnliche Probleme wie wir auf Norderney – aber ich nehme sie nur auf meiner eigenen Insel wahr: der Zoff, die Engstirnigkeit, der Neid.

Das ist eigentlich sehr schade, denn wir haben ja so viel Gutes, und unsere Urlauber genießen das. Die Magie, die Romantik und Schönheit, die Ruhe. Wenn ich zu den Nachbarinseln rübersurfe, mein Zeug am Strand ablege und umherspaziere, habe ich dieses Urlaubsgefühl selbst.

Ich wünsche mir, dass ich mich häufiger daran erinnere, welch ein Segen Norderney auch sein kann. Und was für ein Glück ich habe.

Uda Haars, Jahrgang 1961, ist Chefin des traditionsreichen Friseursalons »Haars« und vermietet Ferienwohnungen. Sie engagiert sich für die Inselstiftung Juist.

Zwischen den Dauerwellen

Im Salon von Uda Haars geht es nicht nur um Föhnen und Schneiden. Ihr Studio ist ein Treffpunkt und die Friseurmeisterin könnte so etwas sein wie die Inselchronistin mit Schere. Wenn sie wollte.

Uda, haste schon gehört?« Diese Frage stellt man mir häufig. Mein Friseursalon Haars in der Wilhelmstraße ist inzwischen der einzige auf Juist. Haars ist kein Künstlername oder eine Erfindung. Ich heiße wirklich so. Haars, ein lustiger Nachname für eine Friseurin. Das ist so, als würde ein Rennfahrer Toni Vollgas heißen oder ein Ärztin Alexandra Autsch. Auf meinen zehn Frisierstühlen geht es nicht nur um Schneiden, Waschen, Föhnen, soviel ist klar. Die neuesten Geschichten, Geheimnisse oder das, was davon übrig geblieben ist, das ganze informelle Inselleben spielt zwischen Trockenhauben und Gala. Ich erfahre meist zuerst, wer mit wem Streit hat, wer sein Haus verkauft oder wer krank ist. Haars könnte eine Börse für Klatsch und Tratsch sein, wenn man wollte.

Ich will das lieber nicht.

Gerüchte machen schnell die Runde auf unserer Insel, denn weit haben sie es nicht. 1772 Menschen leben auf 53° 41' Nord, wenige hundert Meter neben dem siebten Breitengrad, der genau durch den Hafen verläuft. Wer mit dem Flugzeug anreist, der sieht, dass Juist – zwischen Borkum und Norderney gelegen, also in der Inselkette Ostfrieslands die zweite Insel von links – ein spezielles Eiland ist. Siebzehn Kilometer lang, aber nicht mal einen Kilometer breit, sieht meine Insel von oben aus wie ein Schlauch aus Dünen. An der schmalsten Stelle misst Juist nur fünfhundert Meter. Wegen der schmalen Fahrrinne und starken Tiden braucht die Fähre anderthalb Stunden zu uns. Manchmal sitzt sie auf einer Sandbank fest und muss von den Seenotrettern freigeschleppt werden.

Töwerland nennen wir unsere Insel auch, vom friesischen töver, Zauber, und Juist ist auch nach mehr als fünfzig Jahren mein Zauberland. Ich liebe meine Insel, den Strand, die Natur, die Leute, die hier wohnen. Schon als Kind habe ich in den Dünen gespielt. Cowboy und Indianer, es war eine Jugend wie in einem Kinderbuch von Astrid Lindgren. Mein Freund wohnt ein paar Inseln weiter, auf Wangerooge, da bin ich regelmäßig. Manchmal fahre ich zu einem Seminar und jedes Jahr zur Friseurmesse nach Düsseldorf, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Ab und zu gönne ich mir einen Urlaub. Aber sonst bekommt man mich nicht runter von meiner Insel.

Ich bin geboren auf Juist, wie mein Vater und meine Oma. Meine Urgroßeltern sind sehr früh nach Juist gezogen und haben geholfen, die Insel zu beleben. Opa Rudolf Haars kam 1919 mit einem Friseurstuhl an. Meine Großmutter, die nach Hannover geschickt worden war, um in gutem Hause zu lernen, wie man einen Haushalt führt, hatte ihn in einem Park kennengelernt. Die Insulaner sagten: »Bring ihn mit, Johanna!« Der damals einzige Frisör war als Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen. Zunächst arbeitete Opa Rudolf in einer Baracke, doch schon bald lief das Geschäft so gut, dass er einen Laden im Hotel Friesenhof in der Strandstraße pachten konnte. Meine Eltern haben dann 1959 in der Wilhelmstraße das Haus ihrer Eltern vergrößert und einen Salon eröffnet. Nach Opas Tod lösten sie den Salon in der Strandstraße auf.

In den goldenen Zeiten, den 1960er-Jahren, gab es fünf Friseursalons auf Juist. Die Menschen gingen damals häufiger in den Salon: die Herren, um sich rasieren zu lassen, die Damen, damit die Haare hochgesteckt wurden. Doch wir haben auch heute reichlich zu tun. Die meisten Kunden sind Stammgäste, die jedes Jahr und oft mehrmals zum Urlaub kommen. Einige machen seit Generationen auf Juist Ferien vom Alltag. Ich habe Kinder aufwachsen sehen und durfte beobachten, wie sich Familien entwickeln. »Na Uda, wie war der Winter?«, fragen sie dann. »Was gibt es Neues?«

Ich habe nichts gegen einen gepflegten Plausch, doch Lästereien mag ich gar nicht. Dann schweige ich einfach, das sagt genug. An meiner alten Anker-Kasse, die vorne auf dem Tresen steht, ist ein Aufkleber: »Arschlecken dreifuffzig, mit Rasieren dreiachtzig.« Auch private Probleme mag ich eigentlich gar nicht wissen. Was soll ich denn dazu sagen? Und es ist nicht schön, wenn jemand die ganze Zeit redet, ohne Punkt und ohne Komma, und man irgendwann das Gefühl bekommt, dass die Ohren sausen. Im Allgemeinen sind unsere Kunden aber wirklich freundlich und gut gelaunt. Sie sind in Urlaubslaune, sie haben Zeit, sie sind entspannt und großzügig. Ich habe einen Vergleich, denn ich habe auch schon in Deutschland gearbeitet. Als ich noch jünger war und mir mein Töwerland für einige Jahre zu eng wurde. Meiner beruflichen und persönlichen Entwicklung tat das gut. Schon während der Lehrzeit schickten mich meine Eltern in den ruhigen Wintermonaten fort. Nach Forchheim in Oberfranken und nach Darmstadt, und als Gesellin arbeitete ich saisonal im Kleinwalsertal, in Zermatt, München und Frankfurt. Als 1990 mein Vater starb, blieb ich auf Juist, um meine Mutter zu unterstützen.

Was alle Insulaner umtreibt, ist der Ausverkauf der Insel. Das ist vermutlich auf allen Eilanden Thema. Immer mehr solvente Herrschaften vom Festland kaufen sich eine Wohnung oder ein Haus, das sie untervermieten oder nur selten nutzen. Für uns Ureinwohner wird das Leben immer teurer, die Lebensqualität nimmt ab. Wenn es weiter so geht, werden irgendwann nur noch Touristen und Saisonkräfte hier wohnen, und die Insel wird in den kalten Monaten leer stehen wie ein altes Haus. Ich merke es am Konfirmationstag. Es ist nur noch eine Handvoll junger Menschen, die ich am Sonntagmorgen zu kleinen Damen und Herren frisieren darf. Die Konfirmation ist ein Höhepunkt des Jahres. Dann schließe ich schon um 7.30 Uhr den Laden auf, und die Damen der Insel bekommen »schicke Köppe«, wie ich das nenne.

Ich mag das ja gerne im Winter, wenn es ganz einsam ist. Wenn wir unter uns sind. Wenn der Wind um die Häuser heult und der Ostwind den Sand über den Strand fegt. Ist der Sturm etwas eingeschlafen, gehe ich am Spülsaum spazieren und schaue, ob etwas Interessantes für mich angetrieben ist. Anschließend mache ich es mir bei einem heißen Ostfriesentee mit Kluntjes gemütlich. Ich liebe es auch, wenn wir eingeschneit sind und die Fähre wegen des Eisgangs nicht anlegen kann. Ich mag die Einsamkeit und die Stille. Ruhe haben wir immer reichlich auf unserer kleinen Insel, aber im Winter ist es immer besonders schön. In früheren Zeiten muss es dramatisch gewesen sein, wenn Juist einfror. Heute haben wir alle Tiefkühlschränke voller Pizza und Gemüse, und nur frische Lebensmittel können knapp werden. Wenn die Fähre nicht fährt, landen trotzdem die Flieger auf Juist. Muss schon viel passieren, dass die mutigen Piloten der FLN nicht abheben. Von mir aus darf es aber Tage geben, an denen gar niemand kommt.

Wenn ich alles festhalten würde, was ich so erlebe, dann könnte man mich eine Inselchronistin mit Schere und Föhn nennen. Ist aber nicht so. Abends, wenn ich den Laden abschließe, habe ich das meiste schon wieder vergessen.

Jonny Vestering, Jahrgang 1937, geboren in Emden, arbeitet als »Türmer« im Wasserturm, dem Wahrzeichen der Insel Langeoog. Nach ihm wurden das Stadion der Insel und eine nah gelegene Straße benannt. Er ist seit 1958 verheiratet. Seine Tochter führt die familieneigene Pension. Der Sohn, der ebenfalls Jonny genannt wird, betreibt eine physiotherapeutische Praxis in Pyrmont.

Vom Stürmer zum Türmer

Er ist der erfolgreichste Spieler in der Geschichte des deutschen Insel-Fußballs. Über 1500 Tore erzielte Jonny Vestering für den TSV Langeoog. Und noch immer ist er ein Aufsteiger: Täglich erklimmt der frühere Stürmer die Treppen des denkmalgeschützten Wasserturms.

Unter meinem tatsächlichen Namen kennt mich hier auf Langeoog kaum jemand. Der ist Jan-Gerhard Vestering. Als Jonny Vestering dagegen bin ich auf der Insel eine Berühmtheit. Es gibt ein Jonny-Vestering-Stadion und eine Jonnys Straat. Alle Männer in meiner Familie werden seit Generationen Jonny genannt. Gesprochen: Jonnie. Aber ich bin derjenige, der diesen Namen auf die Stadiontafel gebracht hat. Und darauf bin ich verdammt stolz.

Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als diese Ehrung verkündet wurde. Es war im Jahr 1987 nach einem Fußballspiel des TSV Langeoog. Jemand sagte zu mir: »Jonny, wir wollen dir etwas zeigen.« Ich wusste von nichts. Dann wurde eine Blechtafel enthüllt mit meinem Namen. Ich war so platt, ich konnte überhaupt nichts sagen. Normalerweise werden Straßen, Stadien oder egal was ja erst etliche Jahre nach dessen Tod nach einem Menschen benannt. Aber die Langeooger haben das gemacht, als ich noch lebte. Die haben sich gesagt: Komm, wir machen das und fertig. Sie wollten mich damit für meine Verdienste um den Verein ehren, bei dem ich schon im Alter von neun Jahren Mitglied geworden war.