Hier wächst nichts - Jörg Pfenningschmidt - ebook

Hier wächst nichts ebook

Jörg Pfenningschmidt

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Opis

Die beiden versierten Gartengestalter Jörg Pfenningschmidt und Jonas Reif berichten mit viel Beobachtungsgabe, einem guten Schuss Selbstironie und Sarkasmus aus ihren und fremden Gärten. Hier können Sie lesen, was andere Gartenbücher gerne verschweigen: Kinder gehören nicht in den Garten, Männer können keine Sträucher schneiden und Rosen sind komplett überflüssig. Eine humorvolle Abrechnung mit dem vermeintlichen Versprechen des „Pflegeleichten“, der „Ökowohlfühlwelt“, Easy-Gardening-Ratgebern und Architekten.

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Dich will ich loben: Häßliches, du hast so was Verläßliches.

Das Schöne schwindet, scheidet, flieht – fast tut es weh, wenn man es sieht.

Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, und Zeit meint stets: Bald ist’s soweit. Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer. Das Häßliche erfreut durch Dauer.

Robert Gernhardt

JÖRG PFENNINGSCHMIDT

JONAS REIF

Hier wächst nichts

NOTIZEN

AUS UNSEREN

GÄRTEN

Inhalt

Garten

Wie ich Gärtner wurde

Die Besorgten

Der weiße Tod oder die Schneebeeren-KITA

Wir und das Tier

Blümchenscheiß

Kinder im Garten?

Der Neophyt des Monats

WIN WIN

Straßenbegleitgrün

Husum und Gomorrha

Ein paar Gedanken zu Pflanzenverboten

Easy Gardening

Quer durchs Land

The Times They Are A-Changin’

Ein Picknick der Fantasie

Real Fake

Neue Pflanzen

Zappen

Das Märchen vom Goldenen Kompost

Sichtschutz

Sichtschutz: The good, the bad and the ugly

A Rose is a Rose, is a Rose.

Die Besten Rosen für den Garten

Mein schwuler Spaten

Konnichiwa!

Japanische Gärten in Japan

First CUT is the deepest

Endlich: Der Steingarten der sieben Jahreszeiten.

Schotter ohne Ende

Silbersommer Drive-In

Silbersommer Drive-In 2: Die neuesten Stauden-Mischpflanzungen

Baumschutz in Deutschland

Vintage

Tod dem Schneck!

Das heilige Grün

Profi-Grün

Enzyklopädie der gärtnerischen Ausreden.

Marshmallows

Niemals!

Ich und das Jenseits

Neues von den Neuheiten

Auch Nr. 70.001 kann die Verbesserung sein

Zucht und Auslese

Sieben gute Neuheiten

Drei Wünsche

Wie geht’s?

Mein schöner Beruf (Teil I)

Gärtner Pötschke

… und wie Gärtner heute aussehen.

Ich und die Hopis

Nebentätigkeit

Die Giersch-Frage

Ein lieber alter Freund

Gegen den Giersch

Mein schöner Beruf (Teil II)

Lucy und ich

Little Shrimp

Die Freuden des Pflanzenmarktes

Jäger und Sammler

Beratungsresistent

Gartenbesuch

Die Hölle …

… kann so schön sein

Grüner Boom & grünes Elend

Lesen!

Wie ich Gärtner wurde

Ein kostenloses Beratungsgespräch

Bildquellen

Literaturverzeichnis

Impressum

Garten

Ein Garten ist ein abgegrenztes Stück Land, in dem Pflanzen (siehe auch Gartenarbeit, Schädlinge, Krankheiten, Siechtum) gepflegt werden.

Gärten werden nicht nur mit dem Ziel angelegt, sich daraus zu ernähren (Nutzgarten, Sporadische Gemüseschwemme und Brokkoliallergie), sondern auch, um einem spirituellen (Gartenbuddha) oder therapeutischem (THC-Gehalt von Freiland-Cannabis) Zweck zu dienen. Die häufigste Nutzung eines Gartens dient allerdings zur Erholung (Gartenarbeit, siehe Foto nächste Seite), zur Freizeitgestaltung (Gartenarbeit) und zur Kindererziehung (Gartenarbeit).

Etymologie des Wortes Garten

Der deutsche Begriff Garten leitet sich etymologisch vom indogermanischengarten ab. Gemeint sind damit umfriedete Bereiche aus Prunus laurocerasus (Kirschlorbeer-Knast) oder Thuja (florale Depressionen). Das Wort Garten bezeichnet über gotischgarde ursprünglich „das (mit Gerten) umzäunte Gelände“, während die von einem lebenden Zaun umstandene Fläche im Wortfeld Heckenschere zu finden ist. Das versteht jetzt zwar keiner, führt aber direkt zum Begriff Sichtschutz. Schon antike Darstellungen zeigen ummauerte Gärten (die Gabionen von Jericho).

Wichtige Daten der Gartengeschichte [Kurzfassung]

Gartenbau wurde nachweislich erst ab dem 31.10. 2812 v. Chr. betrieben. Davor war Vogelschutzzeit. Erste Beweise für Gartenaktivitäten in der Vorgeschichte der Menschheit finden sich als Kult-Malereien in den Felsengräbern von Beni Hassan (Ägypten). Die in den Stein geritzten Zeichnungen zeigen Männer mit primitiven Laubbläsern.

Ein Gartenhäuschen zum Aufbewahren von Fahrrädern, unnützem Werkzeug und verbotenen Pestiziden wird erstmals um 1300 in der „Großen Heidelberger Liederhandschrift“ von Walther von der Vogelweide erwähnt.

1517 veröffentlicht Martin Luther seine 17 Thesen zur Rasenpflege. Seitdem gilt sein Satz „In der Woche zwier, schadet weder ihm noch mir.“ als goldene Regel zur Häufigkeit des Rasenmähens.

1931 schenkt uns Kurt Tucholsky in seinem Roman „Schloss Gripsholm“ den Ausdruck „die Seele baumeln lassen“. Danach wurden jegliche Bemühungen um eine originelle oder neue Wortwahl bei der Beschreibung eines schönen Gartens eingestellt. Die Seele baumelt jetzt pausenlos auf öden Gartenwebsites, in schnarchigen Gartenbüchern und in jedem Text, der irgendwie süßlich vom Garten schwadroniert. Tucholsky ist der letzte der sich dafür schämen sollte.

Trivia

2017 erscheint eine Immobilienanzeige für den Verkauf eines Hauses mit dem Text „Endlich! Nie wieder Gartenstress: Ein Haus ohne Garten!“. Damit ist der Höhepunkt der abendländischen Gartenkultur erreicht.

Wie ich Gärtner wurde

Als Kind habe ich Gartenarbeit gehasst.

Ich mochte den ganzen Garten meiner Eltern nicht.

Er war ein typischer Garten, wie er Anfang der Sechziger Jahre des letzten Jahrtausends in Folge des Wirtschaftswunders angelegt wurde. Recht groß für heutige Verhältnisse, mit ein paar Obstbäumen, ein paar Beerensträuchern, einem großen Rosenbeet mit der berühmten ‘Gloria Dei’, die von Nelken eingerahmt wurde, ein paar verstreuten Stauden wie Phlox und Eisenhut, ein paar Wacholdern im Heidegarten, einer Hänge-Zierkirsche am Eingang und einem Cotoneaster. Hauptsächlich bestand der Garten aber aus der großen, mittigen Rasenfläche und einigen Serbischen Fichten drum herum. Der Knaller des Gartens war zweifellos das Planschbecken aus Beton (Pool sagte man dazu nicht). Rund zwei Meter tief, innen leuchtend hellblau angemalt, mit einem Beckenrand aus weißen Kacheln, die sich im Laufe der Jahre im Frost auflösten. Das Wasser war natürlich nicht geheizt, wurde aber bewegt von einem lebensgroßen, steinernen Pinguin, der lustig Wasser durch seinen Schnabel spritzte.

Anfang der siebziger Jahre war wohl die Erinnerung an den Hunger der Kriegszeit verflogen, denn es wurde nichts mehr „eingeweckt“ und deshalb verschwanden die meisten Obstbäume. Und das Planschbecken. Und der Heidegarten. Dafür zogen jetzt Rhododendren ein und noch mehr Serbische Fichten. Der Begriff pflegeleicht ist keinesfalls eine Erfindung der letzten zehn Jahre. Der Garten war unendlich öde und erstarrt. Rosen, Rasen, Rhododendron war die Abfolge von der Terrasse des Hauses. Und da mein Fußball öfter entweder in den Rosen landete oder in einer Waschbetonschale mit Geranien, die mitten im Rasen stand, wurde Fußballspielen im Garten verboten.

Statt den Garten nutzen zu können, wurde ich immer häufiger zu seiner Pflege herangezogen. Spannende Arbeiten warteten auf mich. Rasen abharken nach dem Mähen. Laub abharken vom Rasen. Kantenstechen zwischen Rasen und Rosenbeet. Dornenheckenschnitt zusammen harken. Helfen. Schnur halten. Leiter halten. Mund halten. Mal mit anfassen.

Nie im Leben schaffe ich mir einen Garten an!

Allerdings gab es auch andere Gärten in der Nachbarschaft. Gärten mit Stauden wie dem Tränenden Herz und Geißbart, der mich als Kind mit seiner Höhe und den weißen Rispen schwer beeindruckt hat. Diese Stauden fand ich geheimnisvoll und schön, genau wie die Kuhschellen im Urlaub bei meiner Tante in Tirol oder die Buschwindröschen bei uns im nahen Wald.

Der nächste Kontakt mit Pflanzen war viel erfreulicher als der im elterlichen Garten. Ich hatte mehrere Aquarien. Und dazu gehören eben nicht nur Fische, sondern auch Pflanzen. Auf diese Weise bekam ich zum ersten Mal Kontakt mit der botanischen Nomenklatur. Wenn auch nur der tropischen Unterwasserpflanzen. Aber auch da lernt man, dass ohne Rücksicht auf das Wollen einer Pflanze, das Wachsen nicht funktioniert. Und man lernt die Grundzüge der Gestaltung. Denn ob auf der winzigen Fläche eines Aquariums oder der eines Gartens: Die Gesetze, einen Raum interessant zu gestalten, ihm Tiefe zu geben und ihn größer wirken zu lassen als er ist, sind dieselben.

Irgendwann zu dieser Zeit habe ich eine Fahrt durch England gemacht. Auf meiner Tour lag auch Sissinghurst Castle, das laut Reiseführer einen berühmten Garten haben sollte. Ich hatte keine Ahnung, dass man überhaupt Gärten besichtigen kann und dementsprechend unbeholfen bin ich damals durch diese fantastische Anlage gestolpert. Die Besucher, die andächtig die Pflanzenschilder abschrieben und die Pflanzen beim Namen kannten, fand ich nur kurios britisch. Trotzdem ich nicht eine einzige Pflanze kannte, hat mich der Garten beeindruckt und ich kann mich tatsächlich noch genau an die unterschiedlichen Räume dieses Gartens und seine verschiedenen Stimmungen erinnern.

1964 waren Pusteblumen der letzte Schrei.

Mit einem eigenen, rund tausend Quadratmeter großen Garten wurde der nächste Schritt auf dem Weg zum Gärtner getan. Allerdings interessierte mich damals nur die Möglichkeit, durch den Bau eines Teiches meine Fische mit Wasserflöhen versorgen zu können. Den Rest des Gartens habe ich meiner damaligen Frau überlassen. Für Rosen. Für die Bepflanzung des Teiches habe ich den ersten Pflanzenkatalog in die Hand bekommen. Von der Firma Karl Wachter, dem Spezialisten für Wasserpflanzen. Dieser Katalog hatte neben den Wasser- und Sumpfpflanzen auch noch ein großes Sortiment an „normalen“ Stauden im Angebot, die immer mit komischen Kürzeln wie GR1 oder FS2 beschrieben wurden. Die Einordnung der Pflanzen in Lebensbereiche, die hinter diesen Kürzeln stand, fand ich einleuchtend und verständlich.

Daraufhin wurde das Buch von Richard Hansen und Friedrich Stahl „Die Stauden und ihre Lebensbereiche“ gekauft und dann anhand dieses Buches und des Wachter-Kataloges ein erstes Beet im Schatten geplant und bepflanzt. Den Plan habe ich noch. Viel zu kleinteilig und viel zu viel durcheinander würde ich aus heutiger Sicht sagen. Aber keine groben Fehler in der Pflanzenauswahl. Und so ging das weiter. Es kamen mehr und mehr Kataloge ins Haus. Der Rasen wurde immer kleiner, denn hier entstand noch ein Beet und dort noch ein Beet. Alle akribisch geplant und mit Buntstift gezeichnet. Meiner damaligen Frau blieben bei diesem Eifer nur ein paar Rosen im Garten.

Rund drei Jahre später, der Rasen war auf eine Fläche geschrumpft, die knapp zum Aufstellen eines Liegestuhles reichte, erfuhr ich von der Existenz der Gesellschaft der Staudenfreunde, die sich, welch Glück, in zwei Wochen in einem Garten in Hamburg-Langenhorn treffen sollten. Also bin ich dort hingeradelt, habe mich beim Gastgeber Herrn Denkewitz vorgestellt und bin mit vielen anderen an einem Samstag im Mai bei schönstem Wetter durch dessen Garten gegangen. Es war wieder wie einst in Sissinghurst. Beeindruckend, umwerfend, verwirrend, aber ich kannte nicht eine Pflanze. Denn die normalen Pflanzen der Pflanzenkataloge waren hier nicht zu finden. Der Garten war vollgestopft mit Seltenheiten, Raritäten, Sonderformen und Eigenzüchtungen. Für normale Stauden, wie ich sie kannte und in meinem Garten hatte, war hier längst kein Platz mehr. Aber man zeigte Verständnis mit Neulingen wie mir, erklärte alles und gab von den Pflanzenschätzen bereitwillig ab.

Selten habe ich so freigiebige und großzügige Menschen getroffen wie bei den Staudenfreunden in Hamburg, denn mir wurden Pflanzen geschenkt, die es nirgends zu kaufen gab oder für die sonst extrem hohe Preise verlangt werden. „Hier, nimm mal mit!“, hieß es dann, „Und wenn die Pflanze bei mir mal eingeht, dann bekomm ich wieder ein Stück zurück.“

Geprägt durch die Bekanntschaft mit einigen echten Freaks der Staudenszene wurde mein Garten mehr und mehr zum Sammlergarten. Ich habe alles gesammelt und in den Garten geschleppt, was schwierig zu halten, langsam wüchsig oder selten ist. Sammlungen von seltenen Farnen, Elfenblümchen, Schneeglöckchen, Lenzrosen, Alpenveilchen, Phloxen und Salomonssiegeln besiedelten mehr oder weniger erfolgreich zusammen mit Tausenden von anderen Pflanzen meinen Garten. Mehr oder weniger erfolgreich bedeutet, dass die Zahl der Pflanzen, die meinen Garten nicht überlebten, beschämend hoch war. Lilien aus den Bergwiesen des Himalayas fühlen sich in einem Hamburger Vorort nicht wirklich heimisch und geben nach spätestens zwei Jahren einfach auf.

Ständig habe ich den Garten umgebaut, habe wild experimentiert und dabei Erfahrungen gesammelt.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass es gut war, Raritäten und zimperliche Pflanzen einmal kennengelernt zu haben, es für meine Nerven und das Aussehen des Gartens aber erheblich vorteilhafter ist, sich mit den Stauden zu beschäftigen, die gut sind, weil sie in meinem Garten gut funktionieren.

Die Idee, mein erworbenes Wissen über Stauden beruflich zu nutzen, ist mir erst gekommen, als ein Garten- und Landschaftsbauer aus der Nachbarschaft mich gefragt hat, ob ich ihm bei der Bepflanzung eines Gartens helfen könnte. Ich hatte immer gedacht, dass das eigentlich zum Grundwissen seines Berufes gehört, wurde dann aber belehrt, dass man sich im Garten- und Landschaftsbau nur in absoluten Ausnahmefällen mit Stauden und Staudenpflanzungen beschäftigt.

So habe ich begonnen, die Gärten anderer Menschen zu bepflanzen. Als Gärtner habe ich mich zu diesem Zeitpunkt aber nicht bezeichnet. Dafür war ich mir zu unsicher. Ich mache was mit Stauden, war die Antwort auf die Frage nach meinem Beruf.

Ein paar Jahre der Berufserfahrung später habe ich in der Gärtnerei von Ernst Pagels Stauden bestellt. Ich bin nach Leer in Ostfriesland gefahren, um meine Pflanzen abzuholen und mir die Gärtnerei anzusehen. Dort angekommen, wurde ich von Ernst Pagels, dem Züchter einer Vielzahl von unglaublich schönen und dabei robusten Stauden begrüßt. Was ich denn machen würde in Hamburg wurde ich gefragt und wo ich denn gelernt hätte. Ernst Pagels selbst hatte beim Großmeister Karl Foerster gelernt. Ich habe dann erklärt, dass ich in meinem eigenen Garten gelernt hätte. „Na ja“, meinte da Ernst Pagels, „das macht ja nichts. Hauptsache, man hat Freude an der Sache.“ Und dann lud er mich ein, die Gärtnerei zu besichtigen. Fein, machen wir mal. Aber komisch nur, der sonst so hellwache, alte Herr hatte an dem Tag einen absoluten Gedächtnisausfall. Nicht eine Pflanze seiner Gärtnerei kannte er mehr. Immer musste er mich fragen „Na, Herr Pfenningschmidt, kennen Sie die denn? Das ist ja auch eine ganz tolle und stabile … na, wie heißt sie denn noch? Ich komm jetzt nicht drauf!“ Ich durfte dann antworten und dann fiel ihm auch der Name wieder ein. Aber wie hieß doch gleich noch die weiße Schwester dieser Pflanze? Das hatte er auch gerade mal vergessen. So gingen wir rund eine Stunde durch die Gärtnerei und ich füllte seine unerklärlichen „Wissenslücken“ auf. Ernst Pagels kannte kaum eine seiner Pflanzen und musste mich ständig fragen. Dann war gut. Ich wurde zum Tee gebeten und dann sind wir nochmal durch die Gärtnerei. Und plötzlich war sein Kopf wieder klar und er wusste wieder alles. Das lag wohl am Friesentee. Gefragt wurde ich trotzdem noch einmal. Was ich von diesem Miscanthus halten würde? Den hätte er gerade entdeckt. Ich sagte, dass dieses Gras fantastisch aussehe, sehr leuchtend und silbrig. „Ja“, hat er da gesagt, „da haben Sie wohl Recht. Was halten Sie von dem Namen ‘Kristallpalast’?“

Ab diesem Tag bei Ernst Pagels nenne ich mich Gärtner.

VON JÖRG PFENNINGSCHMIDT

DIE Besorgten

Die Kinder waren gerade aus der Kita abgeholt worden, die Mütter standen noch zusammen und unterhielten sich über dies und das, als ein Kind von seiner Mutter dabei beobachtet wurde, wie es ein Stück vertrockneten Hundekot in die Hand nahm und damit spielte. Sie sagt daraufhin: „Ne, bitte nicht, Linus, leg das mal wieder hin. Das ist doch belastet.“

Nun ist es nicht so, dass Hundescheiße stinkt und eklig ist. Sondern das Problem mit Hundescheiße ist die enorme Kontamination mit Schwermetallen und polychlorierten Biphenylen.

Wer heute einen Garten für eine Familie mit kleinen Kindern anlegt, muss bei der Beratung viele, viele Extra-Stunden einplanen, um die elterliche Panik vor Wasser (=ertrinken), Dornen (=Blutvergiftung), Giftpflanzen (=qualvoller Tod), Insekten (=allergischer Schock) und anderen Widrigkeiten der Natur (=Neurodermitis) einzudämmen. Zwar soll der Garten ein Erlebnisraum für Kinder sein, aber wehe das Erleben hat auch eine negative Seite. Brennnessel sind gut für die heimischen Schmetterlinge, aber gibt’s die auch nicht brennend?

Anna-Lena wurde von einer Biene in den Fuß gestochen, wie bekommen wir jetzt den Klee aus dem Rasen? Was sagen Sie einer Mutter, die besorgt zu Bedenken gibt, dass Ben, ihr Jüngster, bestimmt in die Eisenhut-Wurzel beißt wie in eine Bratwurst? „Ja“, sagt sie als ich sie staunend anschaue, „das macht er.“ Ihr Sohn beiße überall hinein. Tja, könnte man jetzt erwidern, die Evolution räumt halt immer die Richtigen ab.

Eine Gartenarchitektin erzählte mir, dass die von ihr im Außenbereich einer Kita geplante Handpumpe abgelehnt worden sei. Die Handpumpe, so wurde ihr mitgeteilt, sei im Prinzip toll, denn dann könnten die Kinder im Matsch spielen. Aber, und das war jetzt der Grund für die Ablehnung, es könnte ein Kind gegen die Handpumpe laufen und sich verletzen. Das klingt vernünftig. Denn Handpumpen sind echte Killer. Jedes Jahr prallen Tausende von Kindern gegen harte Handpumpen und ertrinken dann kopfüber in ihren Buddeleimern.

Zum Glück sorgt diese besondere elterliche Vorsorge manchmal auch für recht vernünftige Ergebnisse. Keanu-Johannes (das ist kein Scherz, das Kind heißt wirklich so), hatte einen Unfall. Er hatte sich auf der Waldorfschule beim Tanzen seines Namens den Fuß verstaucht. Das Unglück geschah beim Tanzen des Bindestrichs. Damit das nicht nochmal passiert, baten seine Eltern die Schule, ihn dort künftig nur noch Jan zu nennen.

Gute Bücher informieren uns darüber, dass fast jede Pflanze für Kinder giftig ist. Selbst der Fingerhut vom Bio-Hof.

Der weiße Tod

ODER DIE SCHNEEBEEREN-KITA

„Auf Spielplätzen können sich die Kleinen mal so richtig austoben – und nicht nur die“ war mein Gedanke, als das Planungsbüro im Bauausschuss seinen Entwurf präsentierte. Abenteuerliche Klettergerüste in Verbindung mit einer noch abenteuerlicheren Farbgebung sollten Grund genug sein für eine lebhafte Diskussion, müsste man meinen. Es gab jedoch keine Wortmeldung. Lag eine raumweite Schockstarre vor? Doch die Augen von Freund und Feind ließen eher auf gnadenloses Desinteresse schließen.

Der Ausschussvorsitzende war kurz davor, den nächsten Tagesordnungspunkt aufzurufen, als eine besorgte sachkundige Einwohnerin Einspruch einlegte: „Also über die Pflanzen müssen wir uns nochmal unterhalten.“ Aufgrund der Farbgebung der zu bauenden Spiellandschaft, einer Mischung aus Las Vegas und Think Pink, war mir das bisschen Randbegrünung gar nicht aufgefallen. Nicht so der besorgten Mitdreißigerin, die hier zu Protokoll geben müsse, dass auf gar keinen Fall Giftpflanzen verwendet werden dürfen. Man konnte dem Planer ansehen, wie er krampfhaft überlegte, ob er Derartiges verlauten lassen hatte (was nicht der Fall war), um dann jedoch in die Offensive zu gehen: „Nein, dies sei ja gesetzlich schon untersagt.“ Der Planer war auf vieles gefasst, nur nicht auf den resoluten Gegenangriff der Jeanne d’Arc des enfants et la prohibition floral: Das hätten womöglich die Kollegen im Nachbarort auch behauptet, bevor sie den neuen Spielplatz vegetativ für die nächsten Generationen kontaminiert hätten – mit Knallerbsen. „Also das muss um jeden Preis verhindert werden“, tönten gleich mehrere wundersam erwachte Ausschussmitglieder.

Mein Einwand, dass mir aus zuverlässiger Quelle (inklusive eigener Erfahrungen) bekannt sei, dass in den vergangenen Jahrzehnten keinem Mensch respektive Kind nur annähernd der Suizid mit Symphoricarpos albus gelungen sei, verhallte im Raum. Statt dessen konnte sich der Planer nur mit Mühe des aufgebrachten Mobs erwehren, indem er mehrfach versicherte, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch keine detaillierte Pflanzenliste vorliege würde, er definitiv nicht die Drei- bis Zwölfjährigen des Ortes auszurotten gedenke und hoch und heilig versprach, jede einzelne Pflanze bei der nächsten Ausschusssitzung quasi vorzukosten.

WIRund das Tier

Ich habe neulich in den finstersten Tiefen des Internets gelesen, dass jemand seinen Buchsbaum von Blattläusen befreit hat, indem er die Läuse fotografierte und dieses Foto dann mit einem Foto ihrer Fressfeinde, Marienkäfer zum Beispiel, in einer Bilddatei auf dem PC zusammenfügte. Das hat die realen Läuse am Buchsbaum so geschockt, dass sie daraufhin sofort flugs den Buchs verlassen haben. Das klappt, ich schwöre. Jedenfalls stand es so im Internet. Allerdings müssen Sie die betreffende Bilddatei nicht Bilddatei nennen, sondern Healing-Sheet. Sonst wirkt es nicht.

Das Ganze heißt Radionik und hat, man ahnt es, mit Wellen und Energie zu tun. Auch wenn ich persönlich es jetzt nicht ganz verstanden habe, wie das funktionieren soll, fand ich die Idee putzig. Ich habe daraufhin ein Bild von Edward Snowden als Bildschirmschoner angelegt und hoffe, jetzt Ruhe zu haben vor Spam, Viren und der NSA.

Die Radionik-Menschen haben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nicht darum ginge, die Läuse zu töten. Die Läuse sollten lediglich den Buchs in Ruhe lassen und verschwinden. Ich glaube, die Geschichte macht deutlich, dass sich unser Umgang mit der Tierwelt geändert hat. Sensibler würde ich sagen.

Mein Vater zum Beispiel war Jäger und kannte noch die klare Trennung in gute, das heißt in essbare oder sonst irgendwie nützliche Tiere und Kroppzeug. Kroppzeug war der nicht schmeckende Rest der Tierwelt und hatte nichts Gutes zu erwarten. Deswegen hätte sich mein Vater sehr gewundert über das, was ich neulich auf einer Packung Rattengift lesen konnte: Ratten Power-Sticks. Diesen Ausdruck nennt man Euphemismus oder auf Deutsch Glimpfwort. Also eine verschleiernde Beschönigung einer an sich unangenehmen Tatsache.

Euphemismen sind nicht neu, was mich aber in diesem Fall verwirrte, war der unklare Adressat. Rattengift ist ein Produkt, bei dem Käufer und Endverbraucher nicht immer identisch sind. Der Endverbraucher, die Ratte, kann nicht lesen und braucht deshalb kein Glimpfwort. Und ich als Käufer möchte bitte nicht, dass meine Ratten nach dem Genuss von teurem Rattengift noch Power haben. Wahrscheinlich ist der Euphemismus für den sensiblen Käufer gedacht. Jemanden, der zwar Panik vor Ratten in seinem Garten hat (Beulenpest!), es gedanklich aber noch nicht bis zum Wort Kroppzeug geschafft hat. Der kauft dann „Power-Sticks“. Oder Wellness-Flocken für Freiland-Nager.

Es scheint allerdings noch Menschen zu geben, deren Verhältnis zum Tier noch sehr traditionell geprägt ist. Ein Kollege aus dem Garten- und Landschaftsbau hat neulich in unserer Pizzeria die Pizza Tonno bestellt. Thunfisch habe sie nicht mehr, sagt die reizende Bedienung. Wegen der vielen Delfine. „Ok“, sagt der Kollege, „dann nehme ich eben mit Delfin.“

BLÜMCHENSCHEISS

Die Besprechung der Gartenplanung verläuft zügig und harmonisch. Das junge Ehepaar versteht sich erstaunlich gut, weiß ungefähr was es will, was es bezahlen kann und ist auch nicht völlig beratungsresistent. Es hätte also ein erfolgreicher Tag werden können mit der Aussicht, einen schönen Garten zu bauen. Und dann kommt der Satz. „Die Antonie hätte ja so gerne ein kleines Beet, in dem sie auch ein wenig gärtnert. Für Gemüse und Erdbeeren und so. Wo bringen wir denn das unter?“

Antonie möchte ein Gemüsebeet? Nie im Leben! Antonie ist sechs Jahre alt und wollte innerhalb der letzten zwei Stunden ein Pferd, einen Hund, ein Schwesterchen, noch ein Pferd, dann eben neue Eltern, einen Swimmingpool und ein neues Handy. Liebe Eltern, es gibt keine Kinder, die ein Gemüsebeet zum liebevollen Gärtnern wollen! Das ist ein Märchen aus Gartenzeitschriften, das so lange wiederholt wurde, bis wir alle es geglaubt haben. Deshalb möchten die Eltern, also in der Regel die Mutti, ein Gemüsebeet, in dem dann ihre Kinder der Welt beweisen sollen, dass die eigene Brut genauso sensibel, nachhaltig und achtsam ist wie die Kinder in den Gartenzeitschriften.

Die Wahrheit ist: Kinder interessieren sich nicht für den Garten. Am allerwenigsten für den eigenen. Ich weiß das, denn auch ich war ein normales, gartenhassendes Kind. Der Garten meiner Eltern war mir so egal wie ein Sack Reis in China. Hätte ein Meteorit unseren Garten ausgelöscht, hätte ich das wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Der Garten war für mich stets nur ein gottloser Ort für Frondienste wie Kantenstechen, Rasen abharken und Johannisbeeren pflücken in der Mückenecke.

Allerdings sind Kinder die Ersten, die heftig gegen die Umgestaltung eines Gartens protestieren und sich dann an Bäume ketten. Ich habe Zwanzigjährige mit Zungen-Piercing erlebt, die geheult haben, weil ihre verrottete Sandkiste einer Pflanzung weichen sollte: „Ihr macht meinen ganzen Garten kaputt!“ Bei der Frage des Rasenmähens und anderer Hilfsarbeiten hieß es bisher eigentlich immer „euer Garten“. Und während die Mutti das Gemüsebeet ihrer Kinder vom Unkraut befreit und davon träumt, mit ihren Lieben ein laktosefreies Bärlauch-Mobile zu basteln, schreibt die Tochter gerade bei WhatsApp an ihre Freundinnen: „Meine Mutter nervt total mit ihrem Blümchenscheiß!“

Und wenn Kinder, so wie Mike, 7 J., dann mal alleine und still die Wunderwelt der Natur erforschen, dann ist es auch wieder nicht richtig.

Kinder im Garten?

Na klar!

Lieber Jörg,

ich mag Deine Texte. Ehrlich.

Aber Deinem „Blümchenscheiß“ muss widersprochen werden.

Vor drei Jahren habe ich meinen Kindern ein Beet „für ihre ersten eigenen Gartenerfahrungen“ zur Verfügung gestellt. Es liegt direkt im Gebäudeschatten. Von der anderen Seite kommt auch kaum Licht ran, weil dort eine Mauer steht. Es ist etwa einen halben Meter breit und zweieinhalb Meter lang. Es war die einzige Ecke im Garten, die ich freiwillig und gerne abgeben wollte. Wir sind damals zu Pflanzen-Kölle gefahren. Dort habe ich den Kindern dann erklärt, warum die Blümchen, die sie selbst in den Einkaufswagen gestellt haben, nicht auf ihrem Beet wachsen würden. Stattdessen haben sie – von mir persönlich ausgesucht – ein paar Gemüsesetzlinge mitgenommen. Die wollten hinter der Mauer aber auch irgendwie nicht wachsen. Doch dann geschah ein Wunder: Aus dem Beet hinter der Mauer wurde eine respektable Baumschule.

Als ich im Sommer Gehölzsämlinge aus dem Beet zupfte, fragte Isabelle mich, was ich denn mit denen vorhabe. Die Antwort, auf dem Komposthaufen beerdigen, fand sie nicht so prima. Da habe ich zu ihr gesagt, dass sie die ja eintopfen und so lange pflegen kann, bis daraus Bäume geworden sind. Die Idee fand Isabelle schon deutlich besser. Wir haben gemeinsam den Kompost gesiebt (die ausgelesenen Regenwürmer wurden anschließend den Hühnern serviert), alte Töpfe gereinigt und mit Erde befüllt. Zuletzt erfolgte die fachgerechte Pflanzung. Inzwischen sind die Linden und Ahorne um sage und schreibe dreißig Zentimeter gewachsen – das hat Isabelle so zumindest gemessen und in ihr Baumschultagebuch geschrieben.

Irgendwann haben Isabelle und Murielle mich dann gefragt, warum Pflanzen so komische Bezeichnungen haben. Ich habe ihnen erklärt, dass man botanische Namen überall auf der Welt kennt und versteht. Wenn alle Menschen auf der Welt botanisch sprechen würden, gebe es sicherlich weniger Missverständnisse, vermutlich sogar weniger Kriege. Das fanden die beiden gut und wollten fortan die Blumensprache lernen. Begonnen haben sie übrigens mit Crocus.

Inzwischen ist die Gartenbegeisterung so groß, dass sie mich gebeten haben, eine Schulgarten-Arbeitsgemeinschaft anzubieten – von ganz alleine! Das letzte Jahr hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Und den Kindern auch (siehe Foto).

Dein Jonas

Der Neophytdes Monats

Es geht um Neophyten. Um böse Neophyten. Das sind Pflanzen aus fremden Regionen, die hier einwandern und in kurzer Zeit alles in Schutt und Asche legen. Depressionen, steigende Spritpreise und schlechtes Wetter sind dann die Folgen. Böse Neophyten benehmen sich wie reiche Russen in einer Ferienanlage.

Die Liste der Verheerungen durch Neophyten ist lang. Das Römische Reich beispielsweise ging nach dem Kontakt mit Ambrosia artemisiifolia unter. In der Nacht zum 16. Januar 1362 wurde die Insel Rungholt vom Sachalin-Knöterich verschlungen. Mecklenburg-Vorpommern wurde durch das Jakobs-Kreuzkraut entvölkert. Das ist zwar gar kein Neophyt und Mecklenburg-Vorpommern war auch nie richtig bevölkert, aber wir wollen hier jetzt nicht kleinlich werden und verharmlosen.