Gesundheits- und Berufspolitik für Physiotherapeuten und weitere Gesundheitsberufe - Josef Galert - ebook

Gesundheits- und Berufspolitik für Physiotherapeuten und weitere Gesundheitsberufe ebook

Josef Galert

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Opis

Die Heilmittelberufe haben in den vergangenen 20 Jahren einige berufspolitische und ausbildungsreformative Prozesse angestoßen: von der rasch zunehmenden Akademisierung über die Forderung nach mehr Eigenverantwortung bis hin zur Kritik an der prekären Entlohnung. Das Werk stellt die gesundheitspolitischen Akteure, Strukturen und Prozesse sowie die momentane berufspolitische Situation der Physiotherapeuten vor und gibt einen Ausblick auf deren berufspolitische Probleme und Forderungen. Das Buch soll allen Gesundheitsfachberufen, im Speziellen die Physiotherapie, im Hinblick auf die zunehmende Akademisierung und Professionalisierung ein hilfreiches Lehrbuch und Nachschlagewerk sein.

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Josef Galert

Gesundheits- und Berufspolitik für Physiotherapeuten und weitere Gesundheitsberufe

Grundlagen, Stand und Ausblick Ein praxisnahes Lehrbuch für Ausbildung, Studium und Beruf

Verlag W. Kohlhammer

Mit Dank an Lena, Oscar, Lore und allen unerwähnten Unterstützern!

 

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Gesetzestext

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-030758-2

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-030759-9

epub:    ISBN 978-3-17-030760-5

mobi:    ISBN 978-3-17-030761-2

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Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

1 Von der Gründung der gesetzlichen Krankenversicherung und der Begründung der Heilgymnastik

1.1 Gründung der Gesetzlichen Krankenversicherungen

1.2 Bismarck, Beveridge und das Marktmodell

1.3 Selbstverwaltung im Gesundheitswesen

2 Das deutsche Gesundheitswesen – gesundheitspolitische Strukturen, Akteure, Institutionen und die Krankengymnastik

2.1 Solidarität, Subsidiarität und das Wirtschaftlichkeitsgebot

2.2 Aufgaben der deutschen Gesundheitspolitik

2.3 Gesetzgebung

2.3.1 Gesetzentwurf

2.3.2 Beratungen

2.3.3 Bundesrat

2.3.4 Gegenzeichnung und Veröffentlichung

2.4 Ausschüsse im Deutschen Bundestag – der Ausschuss für Gesundheit

2.5 Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

2.6 Landesgesundheitsministerien

2.7 Kassenärztliche Vereinigung (KV)

2.8 Kostenträger

2.8.1 Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)

2.8.2 Private Krankenversicherung (PKV)

3 Die Entwicklung zum aktuellen Gesundheitssystem und zur Physiotherapie

3.1 Gesundheitsreformen

3.1.1 1976 bis 1982: Kabinett Helmut Schmidt II-III – SPD-FDP – Gesundheitsministerin Antje Huber (SPD)

3.1.2 1982 bis 1998 Kabinett Helmut Kohl I-V – CDU/CSU-FDP

3.1.3 1998 bis 2005 Kabinett Schröder I-II – SPD-Bündnis 90/Die Grünen – Gesundheitsministerinnen Andrea Fischer (Bündnis 90/Die Grünen, bis 2001) und Ulla Schmidt (SPD)

3.1.4 2005 bis 2009 Kabinett Merkel I – CDU/CSU-SPD – Gesundheitsministerin Ulla Schmidt SPD

3.1.5 2009 bis 2013 Kabinett Merkel II – CDU/CSU-FDP – Gesundheitsminister Philipp Rösler/Daniel Bahr (FDP)

3.1.6 2013–2017 Kabinett Merkel III – CDU/CSU-SPD – Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU)

3.2 Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR-G)

3.3 Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA)

3.4 Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-SV)

4 Vom Weisungsempfänger zum emanzipierten Professional

4.1 Vergütung und Grundlohnsumme

4.2 Blankoverordnung, FCP und DA

4.3 Qualifikation und Arbeitsmarkt

4.4 Eine Kammer für die Heilberufe – Nutzen oder Schaden

4.5 Verpflichtung zum Qualitätsmanagement

4.6 Anmerkungen und Ausblick

5 Physiotherapeutische Vertretung in der Gesundheitspolitik – die Physiotherapie-Verbände

5.1 IFK – Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten

5.2 VDB – Berufs- und Wirtschaftsverband der Selbständigen in der Physiotherapie

5.3 VPT – Verband Physikalische Therapie

5.4 ZVK – Deutscher Verband für Physiotherapie – Physio Deutschland

5.5 Bund vereinter Therapeuten e. V. (BvT)

5.6 SHV – Spitzenverband der Heilmittelverbände e. V.

5.7 World Confederation for Physical Therapy – WCPT

6 Der Gesundheitspolitik nahestehende Institute

6.1 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)

6.2 Bundesversicherungsamt (BVA)

6.3 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

6.4 Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI)

6.5 Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG)

6.6 Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

6.7 Paul-Ehrlich-Institut (PEI – Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel)

6.8 Robert Koch Institut (RKI – Bundesinstitut für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten)

6.9 World Health Organization (WHO)

6.10 Gesundheitspolitik in der Europäischen Union (EU)

Glossar

Adressen

Bundesministerien und -regierung

Physiotherapieverbände

Parteien

Wichtige übergeordnete Einrichtungen

Literaturverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Vorwort

 

 

 

 

 

Die erwerbsmäßige Ausübung von Bewegungstherapie hat in den vergangenen rund 100 Jahren verschiedene Wandlungen durchlaufen. Neue Therapiekonzepte und die spezielle Pädagogik für die Physiotherapieausbildung haben dabei viele Dekaden lang das Interesse der berufstätigen und später der sich akademisierenden Kollegen1 bestimmt. Die Gesundheitspolitik stand nie sonderlich im Focus von Ausbildung und Studium. Wer heute in der Praxis tätig ist, hat es somit schwer, relevante gesundheitspolitische Entwicklungen einzuschätzen und für die eigenen beruflichen Interessen mit fundiertem Wissen einzutreten, wohl auch, weil das Gesundheitswesen in dem Ruf steht, die »wahrscheinlich komplexeste Branche der Welt« zu sein.2

Genau hier setzt das Anliegen dieses Buches an: Es soll engagierten und interessierten Therapeuten sowie Studenten und Dozenten der Gesundheitsberufe, also der Physiotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Logopädinnen, Masseuren und med. Bademeister, Orthoptistinnen, Podologinnen, Hebammen und im weitesten Sinne auch den Angehörigen der Pflegeberufe, einen gut verständlichen Überblick über die sie betreffenden Strukturen, Institutionen und Akteure des deutschen Gesundheitswesens vermitteln.

Der Aufbau des Buches folgt einem roten Faden, so dass es vom Anfang bis zum Ende durchgehend gelesen werden kann. Zugleich sind die einzelnen Kapitel aber in sich abgeschlossen und somit auch als gezielte Informationsquelle zu bestimmten Themen nutzbar. Im ersten Kapitel wird das deutsche Gesundheitssystem in seinen historischen und systemischen Grundlagen vorgestellt. Das zweite Kapitel befasst sich mit dem deutschen Gesetzgebungsverfahren, den maßgeblichen staatlichen Institutionen im Gesundheitswesen, wie auch mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den Kostenträgern wie sie seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland existieren. Im dritten Kapitel werden die gesundheitspolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und die währenddessen neu entstandenen Institutionen in den Blick genommen. Der Fokus liegt dabei auf den für die Heilberufe relevanten Bereichen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den aktuellen berufs- und gesundheitspolitischen Problemen und Forderungen der Heilberufe. Im fünften Kapitel werden die der Physiotherapie nahestehenden Verbände und Organisationen vorgestellt. Das sechste Kapitel benennt die weiteren gesundheitspolitischen Institutionen und deren Rolle innerhalb des Gesamtsystems. Angefügt ist ein Glossar mit über 100 Stichwörtern aus der Gesundheitspolitik und den Gesundheitswissenschaften. Leser des Buches finden im Glossar Erläuterungen zu den Stichwörtern, die im Text kursiv gedruckt sind. Weitere Lesehilfen sind Marginalien sowie die Fettung bestimmter Wörter, die deren Bedeutung im jeweiligen Kontext hervorheben soll. Fette und kursive Wörter sind dementsprechend wichtige Begriffe, die im Glossar erklärt sind. Die Anmerkungen in den Fußnoten beinhalten zahlreiche Zusatzinformationen, die jedoch den Lesefluss im Text nicht unterbrechen sollen. Die gesonderten Exkurs-Blöcke vermitteln schließlich weiteres Wissen zum Umfeld des Gesundheitssystems.

Das vorliegende Buch hat das Ziel, die vor allem ambulant tätigen3 Physiotherapeuten und Angehörige anderer Gesundheitsfachberufe umfassend zu informieren und sie damit zur politischen Mitgestaltung zu befähigen.

Konstruktive Rückmeldungen sind ausdrücklich erbeten und können gerne per E-Mail an die Adresse [email protected] geschickt werden.

Josef Galert, Berlin im Februar 2016

 

 

 

1     Wenn in einem Buch die geschlechtsneutrale Personenbeschreibung beibehalten werden soll, stößt man im Deutschen auf die Probleme der Gleichbehandlung oder der Lesegewohnheit. Da es in diesem Buch um die Gesundheitsfachberufe geht, die traditionell und aktuell mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, müsste das grammatische Genus fast durchgehend weiblich sein. Da es aber auch die Akteure aus Politik, Verwaltung und in historischen Kontexten behandelt – die immer noch vornehmlich männlich sind – versuche ich eine Mischung beider Geschlechtsbezeichnungen einzuhalten. Es sind jedoch durchgehend bei jeder Personenbeschreibung beide Geschlechter gemeint.

2     »Remove politicians and other amateurs from operative decision-making in what might well be the most complex industry on the face of the Earth: Healthcare!« (Björnberg 2013).

3     Laut der »Physio-Deutschland Angestellten Umfrage 2015« sind dies gut 77 % aller PTs (Physio-Deutschland 2015a).

Abkürzungsverzeichnis

 

 

 

 

 

BMG

Bundesministerium für Gesundheit

BvT

Bund vereinter Therapeuten

DA

Direct Access

FCP

First Contact Practitioner

G-BA

Gemeinamer Bundesausschuss

GKV

Gesetzliche Krankenversicherung

GKV-SV

Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband)

HeilM-RL

Heilmittel-Richtlinie

HeilprG

Heilpraktikergesetz

MPhG

Masseur- und Physiotherapeutengesetz

IFK

Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten

IQWiG

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

IQTiG

Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen

K(Z)V

Kassen(zahnärztliche) Vereinigung

PKV

Private Krankenversicherung

PPV

Private Pflegeversicherung

SGB

Sozialgesetzbuch

SHV

Spitzenverband der Heilmittelverbände

SVR-G

Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen

VDB

Berufs- und Wirtschaftsverband der Selbständigen in der Physiotherapie

VPT

Verband Physikalische Therapie

ZVK

Physio Deutschland – Deutscher Verband für Physiotherapie

1          Von der Gründung der gesetzlichen Krankenversicherung und der Begründung der Heilgymnastik

Grundsätze

Das organisierte deutsche Gesundheitssystem – zusammengehalten von den Grundsätzen der Selbstverwaltung, Solidarität und Subsidiarität – ist eines der ältesten Gesundheitssysteme der Welt. Die Betrachtung des deutschen Gesundheitssystems beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts, zeigt die Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg auf, skizziert die in immer kürzeren Abständen unternommenen Reformbemühungen 100 Jahre später und endet im Jahr 2015. Dabei erfährt die Physiotherapie an ihren markanten Stellen im Zeitstrahl, bis zu ihren aktuellen Problemen und Forderungen, entsprechende Erwähnung.

Die damalig dringlichsten Gesundheitsprobleme hatten häufig hygienische und infektiöse Ursachen (Labisch 1992). Durch wertvolle Weiterentwicklungen der Mikroskopie- und Labortechnik hatte die Medizinwissenschaft seit den 1850er Jahren große Entdeckungen auf den Gebieten der Mikrobiologie und Infektionslehre gemacht. Das förderte die neue »lokalpathologische Idee« (Hunze 2003), wonach der Ort des Symptoms die behandlungsbedürftige Ursache beherbergt. Dieses mechanistische Krankheitsverständnis (biomedizinisches Krankheitsmodell) löste im 19. Jahrhundert die vorherige ganzheitliche Sichtweise sukzessive ab. Die daraus resultierende Spezialisierung der Ärzte verhalf den Orthopäden zur Etablierung ihres Fachbereichs und nebenbei auch zur erfolgreichen Gründung zahlreicher privater Heilanstalten – den Vorläufern ambulanter Rehabilitationseinrichtungen und Therapiepraxen mit noch hauptsächlich männlichen Heilgymnasten als weisungsgebundene Hilfskräfte (Riechardt 2008).

Die Gesundheitspolitik im Kaiserreich Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand vornehmlich noch aus der Bemühung, die Wehr- und Arbeitskraft des Volkes zu erhalten, so die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu steigern und die nationale Sicherheit zu gewährleisten (Schmiedebach 2002). Der Mensch war in der Hochzeit der Industrialisierung wieder Mittel zum Zweck, humanistische Gedanken hatten wenige starke Fürsprecher. Erst als das Gemeinwohl der Gesellschaft und die kommunale Ordnung durch die zunehmenden Arbeitsunfälle, das frühzeitige Versterben und die allgemein schlechten Lebensbedingungen zu zerbrechen drohte, wurde die Bedeutung gesundheitspolitischer Maßnahmen erkannt (Müller 2002, S. 150). Die Gründung des modernen Sozialstaats erfolgte durch , der mit den Gesetzen zu den Sozialversicherungen zwischen 1883 und 1889 eher seine politischen Gegner – die Sozialdemokraten – im Blick hatte. Diesen wollte er die Anhänger aus der Arbeiterklasse von den Gewerkschaften weg an das Kaiserreich binden (Simon 2013, S. 30). Diese Strategie scheiterte jedoch in Teilen, da die sozialpolitischen Parteien ebenso an Zuspruch und Mitgliedern gewannen wie die neu gegründeten Krankenkassen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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