Gehwegschäden - Helmut Kuhn - ebook

Gehwegschäden ebook

Helmut Kuhn

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Opis

Thomas Frantz ist Schachboxer, Flaneur aus Instinkt, freier Journalist ohne Aufträge. Die Motivation, dem Leben noch eine feste Struktur abzuringen, ist begrenzt. Frantz lässt sich durchs Großstadtleben treiben, von den Kabbalisten zu schlaflosen Swingern, von der Demo der Prekarianer in die Wettbüros Neuköllns und den alten Westen, der wortwörtlich abkackt. Unbarmherzig kommentiert er, was er sieht: das Heer derer, die sich mit Diplom und Aushilfsjobs direkt in die internationalen Märkte hineinträumen und dabei in Streetart, Esoterik und Pecha-Kucha-Nächten einen Rest von Lebenssinn suchen. Er recherchiert die Geschichte der ehemaligen SED-Verwaltungszentrale, zuvor Hauptquartier der Hitlerjugend und davor Kaufhaus jüdischer Geschäftsleute, die von Londoner Heuschrecken mit großzügiger Ignoranz gegenüber den Grausamkeiten der Geschichte in einen Society-Club und Wellnesstempel umgebaut wird. Wie Berlin überhaupt zu einem gewaltigen Spielplatz mutiert ist und sich aufteilt in Zonen von Invitrokindern und verwahrlosten Jugendlichen. Frantz, der notorische Chronist, seziert mit wachsender Wut, was ihn tagtäglich an Lügen umgibt. Als schließlich die bezaubernde junge Doktorandin Sandra durch sein Leben fegt wie der Hurricane Katrina, könnte alles noch einmal anders werden. Mit brillanter fragmentarischer Ästhetik, in scharfsinnigen und grotesken Miniaturen beschreibt Gehwegschäden die schleichende, gewaltige Veränderung einer Gesellschaft, in der gradlinige Lebensgeschichten längst der Vergangenheit angehören. Mit literarischen Vorbildern wie Döblins Berlin Alexanderplatz und Musils Der Mann ohne Eigenschaften nimmt es dieses Buch mit einem Thema auf, das keine klassische Form mehr zulässt, und das evident wird in einer Stadt, in der die auf Gehwegschäden hinweisenden Schilder an jeder Ecke zur Normalität geworden sind: Es wird hier nichts mehr repariert, wir haben uns abgefunden.

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Cover

Titel

Helmut Kuhn

GEHWEGSCHÄDEN

Roman

Widmung

Für M.

Textbeginn

Am Anfang und am Ende einer normalen Berliner Straße taucht ein Wort auf: Gehwegschäden. Es steht am Anfang und am Ende des Gehwegs. Es ist ein kleines weißes Schild. Darauf steht das Wort in schwarzer Schrift. Gehwegschäden. Das Wort ist umrahmt. Es weist darauf hin, dass der Bürgersteig brüchig ist.

Das Wort hängt am Pfosten einer Laterne, einer Ampel, an einem Verkehrsschild, wo immer es sich anbringen lässt. Findet es kein Wirtsschild, bekommt es einen eigenen Pfahl, einen zweizölligen Rohrpfosten aus feuerverzinktem Stahl mit Erdanker und Rohrkappe.

Das Schild hängt am Wirtsschild oder steht auf seinem Rohrpfosten in der Höhe der Unterkante zwei Meter. Die Richtlinie der Unterkante zwei Meter ist festgelegt in den allgemein verbindlichen Gesetzestexten und Verwaltungsvorschriften der HAV (Hinweise für das Anbringen von Verkehrszeichen).

Gehwegschäden. Das Wort bedeutet, es wird hier nichts mehr repariert: Wir haben resigniert, wir haben uns abgefunden.

IST

1. Der Intellectual Fight Club. Von Jesus hat Thomas Frantz gelernt: Der härteste Schlag ist nicht die Gerade, es ist der Haken

»Achtung mal jetzt.«

»Kommt mal alle her«, sagt der dicke Daniel. »Stellt euch auf und hört zu. Es gibt neun K.-o.-Schläge. Fangen wir oben an.«

Der dicke Daniel grinst.

»Der Schlag zur Schläfe«, sagt er. »Erschüttert den gesamten Schädel. Mit dem rechten oder mit dem linken Haken. Ohne Handschuh ausgeführt, ich sage das zur Vorsicht, mit voller Wucht, das heißt Einsatz des Körpergewichts und des Drehmoments aus der Hüfte – kann das tödlich sein. Vorausgesetzt, die Damen und Herren, wir treffen auch genau. Dazu braucht man gar nicht viel Kraft. Masse mal Geschwindigkeit? Na? Noch im Kopf? Friederike?«

»Genau. Kraft.«

Der dicke Daniel grinst.

Jesus schüttelt den Kopf.

Nicht das Schach bestimmt das Boxen, das Boxen bestimmt das Schach. Es geht um Kontrolle. Und um nichts anderes geht es hier. Das Adrenalin kontrollieren. Adrenalin schießt in den Kopf. Es sackt beim Boxen in die Beine. Du musst flüchten oder angreifen, auf dem Brett wie im Ring. Der Trick ist: das Adrenalin beim Schach zu kontrollieren. Das ist Schachboxen.

»Zweitens. Die Kinnspitze. Die Gerade zum Kinn. Klar. Haben wir reichlich geübt. Der Klassiker unter den K.-o.-Punkten.«

Der dicke Daniel nimmt sich Friederike vor. Er demonstriert den Schlag zu ihrer Kinnspitze in Zeitlupe. Jesus verfolgt seine Bewegungen mit skeptisch großen Augen. Es ist dem kleinen Kubaner anzusehen, dass er anderer Meinung ist.

In einem Schachbox-Kampf treten zwei Sportler abwechselnd im Schach und im Boxen gegeneinander an, bis durch eine Entscheidung in einer der beiden Disziplinen ein Sieger feststeht. Begonnen wird mit einer Schachrunde. Ein Kampf geht über elf Runden, sechs Runden Schach und fünf Runden Boxen. Eine Schachrunde dauert vier Minuten, die Boxrunde drei Minuten. Zwischen den Runden liegt eine Pause von einer Minute.

Der dicke Daniel stellt Friederike zurück in die Reihe.

»Drittens: der Kehlkopf. Wenn man da eine draufkriegt, sehr schmerzhaft. Die Luft bleibt weg, der Kehlkopf schwillt an. Zum Kotzen. Das tut tagelang weh, man ist am Husten, am Würgen, kann kaum schlucken. Scheußlich.«

Der dicke Daniel macht eine Leichenbittermiene.

Jesus will etwas sagen, aber der dicke Daniel würgt ihn mit einer Handbewegung ab. Jesus stellt sich an ein Wandpolster. Er ist beleidigt.

Die jeweilige Schachrunde hat keinen Einfluss auf die nächste Boxrunde. Die Boxrunde hat einen sehr direkten Einfluss auf die nächste Schachrunde. Nach drei Minuten im Ring ist der Körper auf achttausend Umdrehungen. Die Muskeln sind derart übersäuert, dass man kaum noch die Arme heben kann. Man nennt diesen Zustand blau. Das Gehirn hat Erschütterungen mit einer Gewalt zwischen 150 und 320 Kilogramm oder einer Geschwindigkeit von 180 bis 340 Stundenkilometern ausgehalten. Das entspricht dem Gewicht eines Ochsen oder einem Tornado der Stufe drei. Gleichzeitig produziert das Nebennierenmark Adrenalin mit dem Ehrgeiz eines Dampfstrahlers, weil es denkt, es wird abgeschlachtet. Es fällt schwer, sich in diesem Zustand auf etwas von der Größe eines Krippenjesus auf einem irritierenden Muster zu konzentrieren.

»Viertens: die Halsschlagader. Seht ihr? Hier?«

Der dicke Daniel haut sich selbst an den Hals.

Jesus beginnt seinen Tanz am Wandpolster mit leichten Schritten.

Ein Schachboxkampf endet durch Schachmatt, K.o., Ablauf der Bedenkzeit, Disqualifikation oder Aufgabe. Endet das Schachspiel remis, entscheidet die Punktwertung im Boxen. Endet auch der Boxkampf unentschieden, gewinnt der Kämpfer mit den schwarzen Figuren. Wenn das Schachbrett nach der Boxrunde in den Ring getragen und dort aufgebaut wird, hat man seinen letzten Zug vergessen. Man schnappt nur noch nach Luft. Man hat alles vergessen. Manchmal sogar seinen Namen.

Der dicke Daniel drückt sein Kinn auf die Brust und hält dabei seine Hornbrille mit dem Handschuh fest.

Jesus kontert abseits mit leichten Schlägen. Jab, Gerade, links, rechts, Aufwärtshaken.

»Ra-ra-ra-ra!«

»Also. Warum halten wir Boxer den Kopf immer tief? So? Und niemals hoch?«

Er klingt wie Donald Duck.

»Damit man uns nicht am Kehlkopf oder an der Halsschlagader trifft!«

Der dicke Daniel nimmt den Kopf hoch und klingt wieder normal.

»Immer darauf achten. Niemals den Kopf hochnehmen, ich weiß, das ist ein natürlicher Reflex, ich will dem Schlag ja ausweichen, von ihm weggehen, aber aufpassen. Immer schön den Kopf runter, bitte, fast bis auf die Brust. Übt das!«

»Ra-ra-ra-bamm! Y Bap!«

Jesus’ Adern treten auf seinem kahlen Kopf hervor, seine Haut glänzt. Der kleine muskulöse Körper ist zum Platzen gespannt. Seine Bewegungen sind die eines Salsatänzers.

Es geht nicht um Fitness. Es geht nicht um einen Body, mit dem man aussieht wie aus der Deodorantwerbung. Ziel des Schachboxens ist nicht das Sixpack auf dem Cover von Men’s Health. Das ist eine Zeitschrift für Idioten, die noch in Ronald Reagans Supi-Yuppie-Zeitalter leben und glauben, durch Schönheit und Fitness Reichtum und Glück zu erlangen. Es geht nicht um Traumfrauen. Es geht nicht um den Mann fürs Leben oder stubenreine Wochenabschnittspartner.

»Fünftens: der Schlag zur Herzspitze. Blitzschnell unter der Führungshand des Gegners weggetaucht, und Bamm! So!«

Der dicke Daniel taucht blitzschnell unter einer imaginären gegnerischen Führungshand weg und feuert eine Rechte raus.

»Darauf lauern so einige. Der Holyfield hat mal so eine kassiert. Die linke Führungshand kommt, man taucht mit dem Kopf seitlich oder darunter weg, so, und platziert die rechte Gerade parallel unter der Führhand des Gegners zur Herzspitze. Idealerweise ist das ein so genannter Mitschlag«, sagt der dicke Daniel.

»Das heißt, die Rechte schnellt im selben Moment los wie die Linke des Gegners. Ich hab selbst mal einen K.o. zur Herzspitze bekommen. Da bleibt das Herz für kurze Zeit stehen, es kommt kein Blut mehr im Kopf an, man steht da und weiß gar nicht, wie einem geschieht …«

Der dicke Daniel streckt die linke Führungshand vor. Er wendet den Kopf zur Seite, stoppt die Bewegung, verdreht die Augen hinter den Brillenrändern und knickt in den Knien ein. Er verharrt in dieser dümmlichen Position, bis alle außer Jesus gelacht haben.

»… bevor man zusammensackt. Das Dumme dabei ist, wenn man Pech hat, kassiert man noch zwei, drei Dinger zum Kopf, bevor’s Richtung Ringboden geht. Gut. Sechs. Der Solarplexus. Klar, kennt ihr alle. Jeder schon mal eine ins Dreieck gekriegt, im Kindergarten, in der Schule, beim Fußballspielen. Das ist hier der rechte oder linke Aufwärtshaken, oder auch ’ne abgetauchte Gerade. Bupp – Luft weg. ’ne ziemliche Zeit. Reicht sogar für eine Ohnmacht.«

Es geht um Kontrolle. Das Adrenalin kontrollieren. Das kann sehr hilfreich sein. Wenn schon am Morgen Gewitterstürme von Adrenalin über der Matratze dräuen, ist die Kontrolle des Stresshormons durchaus von Nutzen. Wenn Panik wie ein Psychopath mit laufender Kettensäge hinter der Badezimmertür lauert, ist es gut, die Reduktion von Adrenalin zu üben. Angst, Versagen, Kündigung im Urin? Runterschrauben. Schulden, Dispo, Rechnungen im Spiegel? Runterschrauben. Gänsehaut, Gefäßverengung, Schweißausbruch, Erweiterung der Bronchien am Frühstückstisch? Runterschrauben. Endpleite und Vollstreckung im Kaffeesatz? Herzfrequenz und Blutdruck senken. Langsam atmen. Schachboxen ist eine Philosophie. Nicht im Sinne von Leben. Im Sinne von Überleben.

Der dicke Daniel verdreht die Augen und grinst wieder. Wie ein General läuft er in der Boxhalle auf und ab und inspiziert seine Leute. Sie stehen kerzengerade.

Jesus hat sich in sein Wandpolster verbissen. Wie ein irrer Derwisch tanzt er davor herum und drischt auf die weiß darauf markierten Trefferflächen ein.

»RA-RA-RA-DA-BAB! Eh? RAMMBAMMBA! DABDAB! He!«

Daniel wirft einen missbilligenden Blick auf seinen Co-Trainer am Wandpolster. In atemberaubend schneller Folge klatschen die Hände des alten Kubaners auf. Er keucht und schreit. Seine dunklen Augen funkeln.

»RA-RA-RAB-DAB-DAB!«

»Gut. Sieben? Wer weiß es?«

Thomas Frantz meldet sich.

»Ja?«

Die Leber.

»Richtig.«

Der dicke Daniel verschränkt die Arme hinter dem Rücken.

»Der Leberhaken. Die Spezialität des Gentlemanboxers wie auch unseres Weltmeisters. Auch die kurze Rippe genannt.«

»RA-RA-RA-RA-RA-RA …«

Jesus schlägt die Nähmaschine: Füße und Hände bewegen sich im selben Staccato, als wolle er gleichzeitig eine Rinderhälfte weich klopfen und eine Treppe hinaufrennen.

Der dicke Daniel versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Er schreitet die Reihe der Schachboxer mit vorgebeugtem Oberkörper ab.

»Nein, nicht da, Friederike.«

»DAB! Y DAB-DAB! YAB!«

Der dicke Daniel bleibt stehen und wippt auf den Zehenspitzen.

»Die Leber liegt rechts. Also mit der Linken. Du haust einen kurzen Haken mit der Linken. So! Siehst du? Schön trocken. Im Eifer des Gefechts eine ganz fiese Nummer.«

Der dicke Daniel wiederholt die Demonstration des Leberhakens. Er tänzelt seiner enormen Masse zum Trotz ausgenommen leichtfüßig einen Halbkreis und jabbt. Selbst Jesus unterbricht für einen Moment seine Schläge und wirft einen anerkennenden Blick auf den ersten Trainer.

»Du beschäftigst den Gegner oben ganz fleißig, der zieht natürlich die Doppeldeckung hoch und zusammen, du siehst ihm genau in die Augen, du haust mal ’ne Rechte, so …«

Der dicke Daniel schlägt eine rechte Gerade.

»… dann lässt du die Linke einfach fallen, merkt der gar nich, sieht der gar nich, und ziehst sie kurz aus der Drehung rüber zum Rippenbogen. So! Noch mal: Das ist keine Frage der Kraft. Wenn man die Leber genau trifft, dauert es ein paar Sekunden, und es zieht ein bestialischer Schmerz durch den ganzen Körper. Ist auch was Feines für die Kneipe, meine Herrn.«

Gelächter.

»NO!«

Jesus ist mit zwei Sprüngen neben Daniel gelandet.

»NO NO NO!«

Er sieht die Schachboxer wild gestikulierend an.

»Was habe i gesagt? He? Hab i gesagt, linke Hake ist wie rechte Hake mitte Drehung! He? Immer mitte Drehung!«

Jesus schlägt wieselflinke Haken in die Luft. Oberkörper und Hüften stehen beim Abstoppen der Faust in einem Winkel von ziemlich exakt 90 Grad zu ihrer Ausgangsposition.

»So! So! Y so! Und wenn i hier bin, kann i glei rechte Hake schlagen: so! Y so! Ra-ra-ra-ra! Eh?«

Jesus grinst.

»Äh ja, gut. Hört auf Jesus. Also acht. Welche Organe haben wir noch? Nieren? Nein, Otto. Der Nierenschlag ist verboten, aber es bleiben noch der Milzhaken, rechts, und neun, der Magen. So. Und jetzt an die Geräte. Jeder sucht sich ein Gerät. Nach jeder Runde wechseln wir das Gerät. Bandagen wickeln, Handschuhe an. Wer in zwei Minuten nicht am Gerät steht, macht 40 Liegestütze. Zeit läuft!«

Der dicke Daniel klatscht in die Handschuhe. Jesus trollt sich wieder an sein Gerät. Die Schachboxer keuchen, sie sind noch außer Atem vom Aufwärmtraining. Es sind ungefähr vierzig an diesem Abend. Darunter ein Drittel Frauen. Freischaffende Anwälte, Webdesigner, Journalisten. Alle schwitzen. Praktikanten, Studenten, mies bezahlte Dozenten. Manche sehen aus, als hätten sie mitsamt Sportkleidung gebadet. Künstler, Kulturmanager, auftragslose Architekten. Alle mit Anfang dreißig schon fast am Ende. Schauspielerinnen, Teilzeitinformatiker. Die gesamte Palette. Alle, die sich irgendwie in einer prekären Situation befinden und nicht wissen, was nächste Woche ist. Schachboxen ist ihre Strategie. Nicht im Sinne von Clausewitz. Im Sinne von Tyson. Der dicke Daniel haut noch mal in die Handschuhe. Alle flitzen zu ihren Sporttaschen und wickeln ihre Bandagen. Schachboxen ist ihre Kommunikation. Nicht im Sinne von Du. Im Sinne von Ich.

Das Aufwärmtraining dauert eine halbe Stunde. Seilspringen, Situps, Liegestütze, Scherensprünge und Hampelmänner. Immer im Wechsel. Joggen vom Schachschrank zum Ring und zurück. Kniehebelauf, Anfersen, um die Sandsäcke herum, wobei Hopser-, Seiten- und Rückwärtslauf einhergehend mit kontrapunktischem Armkreisen und verschiedenen Schlagkombinationen geübt werden. Dreißig Minuten ohne Pause. Am Ende zerstört der dicke Daniel mit der Ankündigung einer dreiminütigen Schubkarrenjagd jede Hoffnung auf Erholung. Diejenigen Teams, die von ihren Verfolgern eingeholt werden, haben 40 Liegestütze zu absolvieren.

Der dicke Daniel ist ihr Trainer. Jesus ist der zweite Trainer. Er hat das Boxen in Havanna auf dem Schulhof gelernt. Mehr als 400 Kämpfe hat er bestritten. Vom Boxerinternat bis nach Montreal und Ostberlin. Er hat Leute trainiert, die gegen Holyfield, Botha und Klitschko angetreten sind. Jetzt ist er fast sechzig, und er lebt von diesem Minijob in einer Einraumwohnung in Marzahn. Der dicke Daniel ist hoch bezahlter Medienconsultant. Jesus und der dicke Daniel können sich nicht leiden. Jeder weiß es besser. Der dicke Daniel ist ein kühler Kopf. Jesus boxt mit Liebe.

Manchmal macht Anti-Terror-Frank das Training. Anti-Terror-Frank ist der Weltmeister, und dann ist das Training härter. Anti-Terror-Frank bildet in Afghanistan Polizisten aus. Er duldet überhaupt keine Mätzchen. Wer jammert, hat noch vierzig Prozent, sagt er. Schlappmachen ist keine Option. Frank hat im Training wenig Humor und überhaupt kein Verständnis. Jede Anti-Gehorsam-Haltung wird umgehend geahndet. Frank hat Thomas Frantz im Ring zu vielen aufregenden Nahtoderfahrungen verholfen. Aber Frank ist Halbschwergewichtler. Der dicke Daniel ist Schwergewicht wie Thomas Frantz und damit häufiger Gegner.

Der dicke Daniel ist ein Schmutzboxer. Schnell, intelligent, unsauber. Er lässt einen immer schlecht aussehen. Man nennt diese Boxer auch Stinker. Für einen solchen Stil muss man was vom Boxen verstehen und das Beste aus seinen Defiziten machen – im Fall des dicken Daniel: Zwergwuchs. Den Takt des anderen zu zerstören und seine Aktionen zu unterbinden, um selber zu treffen, kann auch gutes Boxen sein. Sieht halt scheiße aus. Vor allem für den anderen.

Sein Stil ist völlig unorthodox. Er verwendet die fiesesten Kombinationen. Rechter Körperhaken, sofort gefolgt vom rechten Kopfhaken. Ohne Anwendung der Linken. Die Tyson-Kombination. Völlig arrhythmisch, und man deckt natürlich nach der ersten Rechten automatisch die linke Seite ab. Oder die Kombination Jab, rechte Gerade, rechte Gerade, Jab. Auch arrhythmisch, und er legt die Wucht erst in die zweite Gerade. Damit knackt man jede Doppeldeckung. Die zweite Rechte geht immer durch. Nach der Aktion kugelt er sich sofort ein. Seine muskulösen Arme versiegeln die gesamte Trefferfläche am Körper bis auf einen schmalen Streifen Bauchspeck über der Gürtellinie, während seine listigen kleinen Augen über den Handschuhen auf die geringste Blöße lauern. Für ihn ist die Verteidigung der bessere Angriff. Sie verbraucht weniger Kraft. Verteidigen heißt nicht: auf den Schlag warten. Verteidigung heißt: flexibel manövrieren. Der dicke Daniel ist praktisch ein Guerillakämpfer. Ein Vietcong, der sich in eine Erdhöhle gräbt und wartet, bis der Bombenteppich verraucht ist. Man kann ihn überhaupt nicht vorausberechnen. Nur ahnen, was er vorhat. Gern schlägt er auch den rechten Cross von oben runter, ganz und gar ohne Jab und Warnung, und gleich darauf unten links die kurze Rippe rein. Dann windet er seinen Körper wie einen Schraubstock und quirlt mit den Armen, bis man in den Seilen hängt und überhaupt nicht mehr weiß, wo rechts und links ist. Thomas Frantz hat das schon oft erlebt.

Ebenso schräg ist sein Schachspiel. Es ist voller Fallen. Er spielt auf Seekadettenmatt, Königsgambit und versucht sogar das Schäfermatt. Als Frantz begriffen hatte, wie er das Königsgambit vermeiden konnte, indem er nicht den e-Bauern zwei Felder vorzog, sondern Bauer c6 spielte, damit aber ungewollt Caro-Kann einleitete, war er wieder nach nur sechs Zügen matt gewesen. Der dicke Daniel hatte im fünften Zug einfach die Dame vor den König gesetzt, um die Sache im nächsten durch Springer d6 perfekt zu machen. Frantz hatte übersehen, dass sein e-Bauer gefesselt war. Der dicke Daniel grinste. Er vertraut darauf, dass sein Gegner die Fallen nicht kennt. Das klappt. Thomas Frantz ist oft der Verzweiflung nah. Er ist kein allzu guter Schachspieler, viel zu sehr verlässt er sich auf spontane Eingebungen und kennt sich in der Schachliteratur überhaupt nicht aus. Der dicke Daniel schon. Frantz hat das begriffen und einige Partien studiert, hasst aber nach wie vor Daniels ewige Springergabeln. Frantz besucht einmal in der Woche den Unterricht. Den gibt ein blonder Junge, der Großmeister ist und dessen Name in der Schachwelt mit Ehrfurcht ausgesprochen wird. Frantz versteht nicht immer, was der Junge an der Magnettafel tut. Aber er lernt, so gut er das noch kann.

Schachboxen ist nicht irgendein Hybridsport wie Biathlon oder Iron Man. Es ist nicht einfach eine Kombination aus Sportarten, die nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Es ist keine Verrücktheit wie Crosseinradfahren oder alpines Extrembügeln, keine Dummheit wie Melonenkerne weitspucken, während man auf einem wütenden Bullen sitzt. Es geht um Kontrolle, um den nächsten Zug. Zwölf Minuten. Das ist das Zeitlimit im Schnellschach. Zwölf Minuten für die Summe aller Züge. Man muss schnell ziehen, aber nicht hektisch. Man muss entschlossen manövrieren, aber nicht aus dem Bauch heraus handeln. Man muss ohne zu zögern im nächsten Moment zuschlagen, aber die Aggression im Ring kontrollieren. Man muss lernen, nicht getroffen zu werden und die richtige Kombination im richtigen Moment zu schlagen.

Als er mit dem Schachboxen begann, hatte sich Thomas Frantz noch bei seinen Gegnern entschuldigt, wenn er sie aus Versehen getroffen hatte. Frantz hatte versucht, sich zu decken, so gut es ging, und er schlug seine Jabs mit der Führhand und auch die schnellen Geraden mit der Schlaghand auf die Deckung des Gegners; er zielte auf die Handschuhe anstatt auf das Gesicht. Er wollte niemandem wehtun. Nicht aus einer Angst heraus, der Geschlagene könne wütend werden und im Gegenzug ihn, Frantz, verletzen oder ihm wehtun. Nein, es war ein überzogener Altruismus gewesen, schien es Frantz, wie eine scheinheilige Bergpredigt. Denn warum stellte er sich dann in einen Ring? Bis er zu begreifen glaubte, dass etwas nicht stimmte in diesem Verhältnis aus Geben und Nehmen. Dass ihm etwas aus der Balance geraten war, dass er diese Balance nie gehabt hatte. Im Leben, fand Thomas Frantz, sollte man doch mehr geben als nehmen. Ein Defizit in diesen Zeiten, wie er feststellte. Thomas Frantz, dieser Hüne, hatte geglaubt, er könne die butterweiche Kinderseele in seinem Körper wie in einem Kokon aus Gewebe und Muskeln schützen. Aber das funktionierte in einem Ring nicht. Auch wenn er es mit schwächeren Gegnern zu tun hatte, die er ohne Mühe hätte verdreschen können, steckte er immer nur ein. Zunächst zollten sie seiner Gestalt durch große Vorsicht einen gewissen Respekt. Aber sobald sie merkten, dass Frantz von seiner Kraft und Masse gar keinen Gebrauch machte, schlugen sie umso öfter und härter zu. Bis es Frantz zu bunt wurde. Dann unterbrach er den Kampf und nuschelte seinem Gegner durch den Mundschutz zu, dies sei ein Sparring und er möge seine Schläge bitte besser kontrollieren. Bis er einmal einem Mann gegenüberstand, der von den anderen Schachboxern The Snake genannt wurde.

Er kam vom Tae-Kwon-Do. Er hielt seine Fäuste nicht wie die anderen, Rechte am Kinn, Linke vor dem Körper, sondern streckte beide Arme fast waagerecht nach vorne und drehte die Handrücken zur Decke; so hielt er den Gegner auf Abstand. Seine Bewegungen hatten tatsächlich etwas Schlangenhaftes. Zudem war er Rechtsausleger. Er boxte sparsam und abgezockt, bewegte sich nur lauernd und wartete, bis Frantz in seine Fänge lief. Dann schlug er blitzschnell und sehr hart zu. Frantz sah Sterne. Die Erschütterung, wenn Snakes Faust an seinem Kopf eintraf, schmerzte ihn. Frantz wurde wütend. Aber er hatte gelernt, seine Emotionen im Ring zu kontrollieren. Er drehte das Spiel um. Er stand reglos in der Ringmitte, bis Snake die Aktion eröffnete und in Frantz hineinlief. Frantz verpasste ihm einen trockenen Haken mit der Linken zur Schläfe. Plötzlich lag Snake am Boden. Er war umgefallen wie ein Sack Kartoffeln. Frantz erschrak. Er hatte ihn nicht einmal hart getroffen. Sofort entschuldigte sich Frantz, half ihm auf, und im weiteren Verlauf der Runde, in der Snake sehr vorsichtig boxte, bot ihm Frantz mehrmals die halboffene Deckung an, als wolle er Snake die Gelegenheit geben, die Balance wiederherzustellen. Erst sehr viel später, er war längst zu Hause und saß lesend im Sessel, empfand er eine heimliche Freude. Kindlicher Stolz durchfuhr ihn. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben jemanden niedergestreckt.

An den Säcken, Maisbirnen und Wandpolstern stehen die Schachboxer und üben den linken Körperhaken. Man hört sie stöhnen, schubweise Luft aus Nase und Hals stoßen, man hört das dumpfe, helle, klatschende Geräusch auf Leder treffender Hände. Man hört Jesus. Wie er flucht und anfeuert und lacht. Caramba, muchacho! Man hört tiefe, schrille, giftige Kehllaute und Daniels Kommandos.

»Und … Schlag!«

Nur Thomas Frantz übt einen anderen Schlag.

»Und … Schlag!«

Er hat sich in den rechten Kopfhaken verbissen.

»Und … Schlag!«

Wie ein Besessener schlägt er zu. Wie ein Berserker drischt er auf den schweren Sack ein, immer wieder auf die gleiche Stelle. Auf die imaginierte Schläfe seines Gegners.

»Und … Schlag!«

Er ist noch etwas größer als er, dieser Gegner, stellt Frantz sich vor. Er versucht, den Effet des Schlages aus der Drehung der Schulter und der Hüfte zu holen. Gleichzeitig legt er, allen Belehrungen Daniels zum Trotz, so viel Arm- und Schulterkraft in den Schlag hinein, wie er nur hat. Thomas Frantz stößt dabei einen Stimmlaut aus. Er entlädt sich im Moment der auftreffenden Faust. Er spürt, welche Energie er freisetzt.

»Und … Schlag!«

Nach den Schlägen der Schachboxer rasseln die Ketten über den Säcken. Thomas Frantz spürt die Wucht seines Schlags, er ist fasziniert von der Kraft dieses Aufpralls, des Geräuschs, es ist ein Schlag wie ein Gesamtkunstwerk. Nur wenn alle Komponenten aufs Genaueste zusammenwirken, ist diese Wucht zu erzeugen.

»Und … Schlag!«

Jahrzehnte hat Thomas Frantz geglaubt, geirrt in der Annahme, der härteste Schlag eines Menschen sei die rechte Gerade. Von allen Tritttechniken verschiedener Kampfsportarten einmal abgesehen, denn Tritttechniken haben ihn nie interessiert und außerdem ist er wenig gelenkig und bekäme die Beine gar nicht über die Hüfte hinaus.

»Und … Schlag!«

Rasseln. Keuchen. Kehllaute.

Nein. Es ist der rechte Kopfhaken. Kurz ausgeführt. Nicht der lange Haken auf der Außenbahn, der die Doppeldeckung umgeht. Es ist der Kurze. Der kurze Schlag ist ansatzlos. Kompromisslos. Bedingungslos. Drehung, Verlagerung der Körpermasse, Schnellkraft und Schlag! Man sieht ihn nicht kommen, diesen Schlag. Man kann ihn nicht einmal ahnen. Seit Thomas Frantz diesen Schlag übt, das sind nun schon vier Jahre, hat er beständig daran gefeilt. Er hat es bei diesem Schlag zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Und … Schlag! Dieser Schlag ist der Tod. So stellt er sich das vor.

»Und … Schlag!«

Er ist wie berauscht davon.

»Und Zeit …!«

– »Ra-ra-ra-ra! Y Dab!«

Thomas Frantz schnauft. Er schwitzt. Er hört das Keuchen der Boxer. Das Leder des Sacks ist in Höhe seines Gesichtes nass, das Gerät schwingt noch leicht nach, nass von seinem Schweiß, seinem Speichel, Frantz stoppt diese Bewegung und hält ihn fest, seinen Gegner, nass von seiner Ekstase. Er umarmt ihn fast zärtlich.

Im nächsten Moment sitzen die Schachboxer im Schneidersitz am Boden. Hocken auf den Bänken, im Ring vor ihren Brettern. Die Schachuhren ticken. Thomas Frantz ist konzentriert. Das will gut überlegt sein, und dann schnell gezogen, die gleiche Hand schlägt auf die Uhr, Tack. Die Verabredung ist: ’ne halbe Stunde auf die Fresse hauen ist okay. Tack. Die Verabredung ist: Läuft die Uhr ab, ist’s aus. Tack. Die Verabredung ist: Teil einer Welt zu sein, in der nur der mittelbar nächste Zug zählt. Tack. Mitglied in einem Club zu sein, in dem man lernt, sich intelligent durchzuschlagen. Tack. Insigne dieser Mitgliedschaft ist ein Ring. Tack. Ein silberner Ring, auf dem ein Boxhandschuh einen Springer hält. Tack. Wie in einer Sekte. Tack. Schachboxen ist eine Utopie. Nicht im Sinne von morgen. Im Sinne von jetzt.

2. Thomas Frantz döst und hört die Geräusche nicht. Eine Psychogeographie der Heimat

Im U-Bahnhof Alexanderplatz lehnt ein Mann an einem Pfeiler, den Kopf in der T-Form des Eisenpfeilers vergraben. Er trägt einen Anorak und spricht laut, ununterbrochen. Er sagt Züge an, als wäre er ein Bahnhofsansager. Der nächste Zug nach Pankow, Ankunft zwanzig Uhr dreiundzwanzig. Der Zug nach Vinetastraße mit einiger Verspätung. Voraussichtliche Ankunft zwanzig Uhr zweiundzwanzig. U5 nach Hönow, der nächste Zug wird in zwölf Minuten erwartet, voraussichtliche Abfahrt zwanzig Uhr sechsundzwanzig.

Ein Junge schleicht über den Bahnsteig, er trägt ein Kapuzenshirt, er spricht eine Frau an, die Frau verneint. Der Junge senkt den Kopf, zieht weiter. Vor den Abfalltonnen hält ein Mann und greift hinein. Der nächste Zug nach Pankow, voraussichtliche Ankunft in acht Minuten, bitte Vorsicht am Gleis.

Der Zugansager ist jeden Tag im U-Bahnhof Alexanderplatz und sagt Züge an. Manchmal steht er neben der Tür des Schaffnerhäuschens der Linie 2 und sagt Züge an. Manchmal verändert er die Zeiten. Ein andermal befindet er sich am unteren Ende des Bahnsteigs vor dem Tunnelübergang zur S-Bahn und sagt Züge an. Dann wandert er hinüber auf den Bahnsteig der Linie 5. Er fährt hinauf auf den Hochbahnsteig der S-Bahn und sagt Züge an. Er ist der Ansager vom Alexanderplatz, er steht an den Gleisen des Bahnhofs und sagt Züge an. Bitte beachten Sie beim Aussteigen die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante. Der nächste Zug nach Hönow in vier Minuten.

Der Kapuzenjunge schleicht an Verkaufsständen vorbei. Kleine gläserne Boxen auf dem Bahnsteig. Der schnelle Bagel. Hot Dogs. Ein Asiate wendet Nudeln in seiner Box. Jolly Nudelbox. Der Kapuzenjunge wirft einen hungrigen Blick durch die Scheibe. Passengers travelling to Hauptbahnhof please change here. Der Ansager lehnt jetzt an der Box des Bahnpersonals. Zurückbleiben, bitte. Der nächste Zug nach Pankow erreicht den Bahnhof um zwanzig Uhr zweiunddreißig, der Ansager vom Alexanderplatz kreuzt den Bahnsteig zur gegenüberliegenden Seite.

Am Alexanderplatz reißen sie den Damm auf. Für einen unterirdischen Parkplatz. Man geht auf Brettern. Die Elektrischen fahren über den Platz die Keibelstraße herauf zur Torstraße zum Rosenthaler Platz und über die Spandauer Straße zum Hackeschen Markt. Psychogeographie. Erforschung der genauen Gesetze und exakten Wirkungen des geographischen Milieus, das, bewusst eingerichtet oder nicht, direkt auf das emotionale Verhalten des Individuums einwirkt.

Rechts und links sind Straßen. In den Straßen steht Haus bei Haus. Die sind vom Keller bis zum Boden mit Menschen voll. Unten sind die Läden. Münzstraße. Fußparadies, Birkenstock, orthopädische Einlagen, Stützstrümpfe aller Art sowie Thrombose auf Langstreckenflügen. New Asia Imbiss, gebraten Eierreis mit Hühnerfleisch, Soja, Chinakohl zwei achtzig, Rindfleisch Sukiyaki, Bambus und Cola vier Euro zehn. Kiosk und Cut & Go, jede Frisur, Waschen, Trocknen zehn Euro, Trinkgeld überflüssig, versichert der Geschäftsführer gegenüber einer Kundin, die Belegschaft verdient reichlich, sagt der Geschäftsführer, 28 Jahre, bitte Nummer ziehen, Single, Erdbeerallergiker, acht bis zweiundzwanzig Uhr außer Sonn- und Feiertag, Urlaub nimmt er nicht, Urlaub kennt er nicht, überflüssig. Adidas, flagship store, outlet & powered by emotion. Bei Heinz und Inge, kaltes Bier und warme Herzen. Diesel Jeans. Neue Schönhauser Allee, House of Hair, Boutique, Blumenladen und Ballettausstattung, Herrenkonfektion und Maßanfertigung, gegenüber Monsieur Vuong, Wan-Tan-Suppe acht Euro fünfzig, Mitte-Schickeria und Kreativinfoelite. Daneben Club mit Astra-Bier-Ausschank und Astra-Werbeplakat im Fenster (zwei aufgetakelte Tunten mit Astra-Bier in der Hand, darunter: Auf diesem Bild sind vier Eier versteckt). Youth Hostel mit angeschlossenem Restaurant Sweet Home Alabama, Creole, Soul Food & West Indies, in der Küche stehen Chinesen, zwei Euro zehn die Stunde, Toilette über den Flur, Treppe runter, zweiter Gang links, Treppe wieder rauf, fünfzig Cents. Torstraße: Trash. Armeefahrräder, Handgranaten, Feldküchenutensilien, Tarnnetze, Matrosenhemden aus russischen Beständen. Neo Tokyo, Manga und Hentai, daneben Gula Sor, Russische Lebensmittel und Getränke, Pelmeni, Piroggen, Wodka. Luxa Döner Kebab. Weltreiseführerberühmte Tanzwirtschaft Kaffee Burger und Russendisko. Straßenkiosk in vietnamesischem Mafiabesitz. Schönhauser Tor, Apotheke, Last Cathedral, ein Fußballfeld des Gothic unterirdisch. White Trash Fast Food (heute: DJ Africa Mbaata und Swing Dance Orchestra), gegenüber Backshop, Reisebüro Safari, Kookaburra Stand-up Comedy (gestern: Bank im Saldo, menschen-tiere-rezessionen, Neues von der Krone der Schöpfung) und Clean-Team-Reinigung.

Jede Nacht fährt die schmutzige Wäsche der Stadt über die Grenze nach Polen. Ein Mann mit schwarz gefärbten Haaren und Dauerwelle streichelt zwanzig Uhr fünfzehn seinen kleinen Hund und verlässt das Hinterhaus Rückerstraße 7. Er steigt in einen weißen Ford Transit und kommt zwanzig Uhr dreißig zur Abholung der roten Säcke. Transport der Säcke per Lieferwagen nach Stettin, er trägt schwarze Jeans und spitze, schwarze Stiefel, zwanzig Uhr zweiundfünfzig, der Mann hat die Säcke geladen, und sein Hund in der Rückerstraße 7 bellt in der Erdgeschosswohnung, einundzwanzig Uhr einunddreißig, der weiße Ford Transit passiert die Bundesstraße 107 und biegt auf den Zubringer. Fahrt nach Stettin zwischen achtzig und hundertzehn Minuten. Dort Aufenthalt, Reinigung des Inhalts der roten Säcke, der Mann trinkt Kaffee aus der Thermoskanne und isst ein mitgebrachtes Brot. Vier Uhr vierzig, der Mann kauft vor der Grenze eine Stange Zigaretten, sein Zubrot, Rückfahrt und Auslieferung der Säcke nach Schönhauser Allee, Clean-Team, sechs Uhr zweiundzwanzig, vor dem White Trash Fast Food randaliert ein zweiunddreißigjähriger Ire, während eine achtundfünfzigjährige dickleibige Frau in einem weißen Kittel und geblümter Bluse eine Tür öffnet, sie schwitzt und ist außer Atem, weil vier Minuten zu spät, hat aber noch den Kontrollanruf rechtzeitig abgenommen, draußen schreit der Ire, es ist ihr letzter Job und letzte Chance, sechs Uhr zweiundvierzig, es piept, Polizeisirene, letzte Ausfahrt Backshop drei Euro achtzig die Stunde, ein Schwall von frischem Brötchenduft und heißem Unterdruck schlägt ihr ins Gesicht, als sie die gläserne Klappe des Ofens öffnet.

Über den Läden und hinter den Läden aber sind Wohnungen, hinten kommen noch Höfe, Seitengebäude, Quergebäude, Hinterhäuser, Gartenhäuser, Schönhauser Allee, nicht weit von der Torstraße entfernt, da ist das Haus, wo sich Frantz verkrochen hat.

1.–3. Etage: Hotel Europa, DZ 55 EUR, EZ mit Du/WC 40 EUR, EZ ohne Du/WC 35 EUR, für jede weitere Person 10 EUR, für einen Hund 5 EUR. Saalvermietungen, Hochzeit, Trauerfall, Verein bis 80 Personen, und schon ist alles im Leben gesagt und nichts ausgelassen. Das Linoleum riecht nach Salmiak und die Kissen nach den Träumen derer, die darauf schliefen.

Im Vorderhaus, 4. Etage: Praxis für Psychotherapie und Coaching sowie Psychiatrischer Verband PrenzlBANDE und Erste Berliner Psychiatrische Vereinigung gegen Gewalt. Dort kracht es gewaltig. Dort übt man mit Patienten das Werfen von Sandsäcken auf den Boden, auf die Matte, schön so, Jungs, gut gemacht, weiter so, Skinheads, Türsteher, Türkengangs, Petty Crime sowie häusliche Gewalt, einhergehend mit befreiendem Schreien vor, während oder nach simuliert gewaltkritischer Situation, lasst mal so richtig los, Jungs, nur keine Hemmungen, haut ordentlich rein, das könnt ihr doch, oberste Etage (96 m², Kü, Bad, Balkon, Laminat) daher wieder teilgewerblich zu vermieten. Seitenflügel Erdgeschoss links wie rechts Webhosting, Domain Services, Server Housing, Connectivity, E-Commerce, Business solutions & All we are saying is give peace a chance.

Seitenflügel, 1. Etage rechts: Herr Ceminsky. Ein Mann in Unterwäsche. Ein Mann mit weißen Haaren, schlechten Zähnen, kräftigen Beinen und einem dicken Bauch. Er geht in seiner Wohnung auf und ab, zwei Zimmer, Küche, Bad. Es riecht faulig in diesen Wänden. Er hört ein dumpfes Krachen, gefolgt von einem martialischen Schrei. Seit einem Jahrzehnt häuft der Mann an. Dinge. Er häuft von einem Zimmer in das andere. Nützliche Dinge. Es ist nur ein kleiner, schmaler Gang übrig geblieben, der es ihm erlaubt, von einem Zimmer in das andere zu gelangen und zur Toilette. Krachen, ein Schrei. Er sucht etwas. Immer wieder läuft er von einem Raum in den anderen durch den schmalen Gang. Manchmal eckt er an. An den Wänden Regale. Seine Arme und Beine übersät von Kratzern und Flecken. In den Regalen: defekte Mixer, defekte Staubsauger, Fernsehapparate und VHS-Videorecorder. VHS kommt wieder, da ist er sicher. Das wird gebraucht werden, in der Zukunft. Haartrockner, Radios, Standuhren, Waschmaschinen, übereinander, hintereinander. Auch dann wollen die Menschen sauber sein. Zylinder, Mischbatterien, Kühlschränke. Das alles wird er einmal reparieren. Gegenwärtig befindet er sich noch in der Phase des Sammelns. Des Anschaffens und Hortens. Tastaturen, Tonbandgeräte. Er baut sich ein Lager auf. Wenn er einmal über genügend Rohstoffe verfügt, wird er in die Phase der Aufarbeitung eintreten. Lampen, Kaffeemaschinen. Wenn diese Phase abgeschlossen ist, wird er alles verkaufen. So etwas braucht Geduld. Ausdauer und eine gewisse Zähigkeit, das kann man dem Mann in Unterwäsche nicht absprechen. Er verfolgt einen Plan. Unruhig läuft er herum. Er sucht etwas. Er wartet auf einen Anruf. Von Olaf. Mit Olaf tauscht er Rohstoffe. Gemeinsam bilden sie ein Netzwerk über ganz Mitte und Prenzlauer Berg. Es sind schon fünf. Olaf, Heidrun, Mahler, der Rollo und er. Gemeinsam durchstreifen sie die Stadt mit Handkarren. Sie beliefern sich gegenseitig mit weggeworfenen Staubsaugerbeuteln und ausgebauten Radiotransistoren. Die anderen verkaufen schon. Er hat einen Plan. Der Mann in Unterwäsche wartet auf einen Anruf und das versprochene Kabel für den Kobold. Erst wenn die Zeit gekommen ist, wird er alles verkaufen. Erst in der Zeit danach. Er sucht nach dem grünen Kobold. Dann werden sie alles brauchen, was er hat. Es fehlt ihm für den grünen Kobold noch der Beutelhalter. Dann baut er sein Imperium auf. So was braucht Zeit. Sein Freund wird bald anrufen, Geduld. Sein Teekessel pfeift. Der Mann in Unterwäsche hustet. Er kramt in seiner Unterhose nach dem Tabaksbeutel, schlägt sich zur Küche durch und ritzt sich an der Steckverbindung einer Schwarzlichtröhre den linken Arm ein Stück auf.

Seitenflügel, 1. Etage links: Elvira. Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit. Ein Teekessel pfeift. Jemand im Haus hustet und flucht. Elvira sitzt vor ihrem Laptop und tippt. »Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht – eine (geschlechter-)gerechte Verteilung eine Menschenpflicht! Dies war eine der wesentlichen Aussagen der Fachtagung Steter Tropfen höhlt den Stein – Frauen im Widerstand für ein Menschenrecht auf Wasser vom 22. bis 24. April in Berlin.« Das schreibt Elvira. Sie sitzt an ihrem Laptop am Fenster und sieht hinaus in den Innenhof.

Dort steht eine einzelne Kastanie, sie treibt schon aus, schnell geht das jetzt, bald wird sie in roter Blüte stehen. Für die Bäume war sie schon immer, dafür kämpft sie. Elvira. Schauspielerin, Charakter, Film, Theater, Straße. Model, Umweltaktivistin und Lesungen, Allah schützt vor Sonnenbrand – ein Themennachmittag über seelische Erlebnisse muslimischer Frauen. Die Wohnungen sind klein in diesem Seitenflügel. Nicht so ausladend wie die im Vorderhaus und ein Zimmer weniger. Der Baum schlägt aus. Für die Bäume, gegen den Beton, war sie immer. Hunderte Anwohner haben damals am Landwehrkanal in einer Menschenkette mit ihr demonstriert. Elvira schreibt. Das tut sie ehrenamtlich. Hauptberuflich Hartz IV. Dazu vermietet sie. Ihr Schlafzimmer. Schönes Studio, 20 m², Küche, Bad, in bester Lage in Mitte. An Touristen. Dazu gibt sie Feldenkrais, 50 Euro die Stunde. Elvira schreibt. Faxe, die sie an Journalisten verschickt. An Aktivisten. An Freunde, an alle. Die Kastanie im Hof schlägt aus, Scheiß-Touristen. Kotzen sie an. Bald wird sie eine neue Aktion starten. Wie die Baumaktion. Eine elegante Aktivistin ist sie, hat die Zeitung geschrieben, damals. Sie trug ein schmales Tuch um den Hals, sie hat sich vom Grünflächenamt ein Foto schicken lassen. Darauf ist ein Baum zu sehen, grausam von zwei Metallstangen gestützt. Ein Foto wie eine Kreuzigung. Das Foto klebte auf allen Info-Tischen der Bürgerinitiative. Was es sagen sollte, ist klar. Feengleich war sie. Auch das hat die Zeitung geschrieben. Wie sie da so symbolisch die Menschenkette gegen die Fällungen am Landwehrkanal anführte, 17 Bäume, und sich dann symbolisch auszog am Baum, feengleich, und anlehnte an den Stamm, der Schal flatterte im Wind, als wolle sie die Schändung auf ihre Art, ihre unvergleichlich wehrlose Art so symbolisch über sich ergehen lassen. Sie hat einen politischen Auftrag zu erfüllen. Ist sie nicht ausgezeichnet worden für die Baumaktion beim Wettbewerb FrauenLebenVielfalt in einer feierlichen Preisverleihung im Bundesumweltministerium durch die Parlamentarische Staatssekretärin und Biodiversitätsexpertin und Schirmfrau? Leider wurde der 1. Preis in der Kategorie Erwachsene gleich zweimal an andere vergeben. Für eine Dokumentation über kulturelle Vielfalt in Kreuzberg und diese dummen Unkräuter-Fotos. Biologische Vielfalt hieß das. Vielfalt. Wo doch die Bäume gefällt werden, wo gibt’s da Vielfalt? Sieht frau’s mal wieder. Die Feenaktion war ihnen nur den 2. Preis wert. Ist ja auch mit einem Bauunternehmer verheiratet, die Schirmschlampe. Warum sind Sie Schauspielerin geworden, hat eine Zeitung sie gefragt. Weil ich einen politischen Auftrag zu erfüllen habe. Und den erfüll ich auch. Elvira schreibt:

»120 TeilnehmerInnen aus Wissenschaft, Gewerkschaften, Frauen-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen – unter ihnen Frauen aus Bolivien, Kuba, El Salvador, Mexiko, Peru, Kolumbien und Uruguay – diskutierten kritisch die Auswirkungen von Privatisierung, Verschmutzung und Verschwendung von Wasser auf die Lebensbedingungen von Frauen.« Das schreibt Elvira. Sie geht ans Fax. Elvira wählt eine Nummer. Das Gerät zieht die erste Seite ein.

Seitenflügel, 3. Etage rechts: Jesper. Wo ist bloß das Set-Walkie-Talkie? Er wird das brauchen, ab morgen. Jesper hört eine Abfolge unterschiedlicher Töne, als drücke jemand die Wiederholungstaste eines Handys, Hundstage, gefolgt von einem Brummen. Außendreh ab sieben bis einundzwanzig Uhr, Hundstage werden das, Tage, an denen das Licht nie ausgeht. Irgendwo pfeift ein Teekessel. Jesper ist sein richtiger Vorname. Das Set-Walkie-Talkie liegt neben der Nachttischlampe. Und der Drehplan? Der Name stammt aus dem Norwegischen, der Mann kommt aus Bremen. Den Nachnamen hat er sich selbst gegeben. Jens. Der ist besser als Stockhammer. Jesper Jens. Der Name wird ihn weiterbringen. Wie lange macht der das schon? Der Drehplan liegt auf dem Schreibtisch unter einer Zeitung. Drei Jahre? Vier?

Morgen: Verena versucht, Leon eifersüchtig zu machen. Mittag: Verena will Leon zeigen, dass sie mehr als nur ein Betthäschen ist. Nachmittag: Verena will Leon mit allen Mitteln zum Auszug bewegen. Nachmittag: Verena kann ihre wahren Gefühle für Leon kaum noch verbergen. Abend: Verena wird schmerzlich bewusst, dass sie mit Leon nicht mehr als eine Affäre hat.

Berlin-Film-TV-Equipment-München. Gelbe Sicherheitsjacke. Haufen Assis, alle unterbezahlt. Statisten kriegen wenigstens 50 Euro am Tag. Jesper ist groß, ist schlank, hart wie Stahl, er ist zu mehr geboren als zur Beleuchtung.

Morgen: Verena beendet ihr Techtelmechtel mit Leon. Mittag: Leon ist schon abgemeldet, und Verena wird in Folge 4126 Anna als Prostituierte entlarven.

Fast wie im richtigen Leben. Der Neue bringt ordentlich Wirbel ans Set. Taifun. Deutschtürke. Der hat Jesper noch gefehlt. Was will der Türke am Set? Der Türke bringt doch nicht mal ’n richtigen Satz raus. Ich weiß den Text, er fällt mir bloß grad nicht ein. Ha. Taifun Balaba. Gut. Der Name is nich schlecht. Hat er sich ausgedacht.

Morgen: Verena genießt die Nähe zu Hakan. Mittag: Verena kann ihre Gefühle für Hakan kaum noch verbergen. Nachmittag: Verena gesteht Hakan ihre Liebe. Nachmittag: Elisabeth souffliert Hakans Liebesgeständnis an Verena.

Und wo, bitte, findet das statt? In Leons Club oder in Verenas Redaktion? Jesper trägt sein blondes Haar angeklebt. Gescheitelt. Jesper steht vor dem Spiegel in seinem kleinen Flur. Plakate: Keinohrhasen, Knockin’ on Heaven’s Door, Manta, Manta. Drum rum Weihnachtskerzengirlanden. Jespers lange, dünne, epilierte Beine stecken in kurzen Hosen und Pumps, der Schweiger ist nichts dagegen. Hemd aufgeknöpft bis zum glatten Solar, Ärmel hochgekrempelt bis über den Bizeps, wenn er sich bewegt, dann sieht er im Spiegel die Sägemuskeln über dem Abdomen.

Abend: Verena erträgt Hakans Nähe nicht länger. Morgen: Verena fühlt sich Hakan hilflos ausgeliefert. Mittag: Hakan ermutigt Verena, sich zu ihrer Liebe zu bekennen. Nachmittag: Verena wirft Hakan raus.

Jesper Jens, ein Mann in Pumps. Erschlagen von seiner Schönheit. Blau wär besser. Wo is bloß das blaue Hilfiger? Schmutzig. Brauch ich morgen aber. Jesper stopft ein Hemd in die Waschmaschine, schüttet Pulver rein, 30 Grad. Ma sehen. Ich hab da so eine Idee. Da könnt ich Englisch ganz gut für brauchen.

Seitenflügel, 4. Etage rechts: Selma & Sally. What a difference a day makes. Sally hört ein Rauschen, es kommt aus einer Leitung irgendwo in der Wand, gefolgt von einem Pumpen, Walzen, Saugen.

Darling, say: Hallo!

Hello.

Say: I-ch heiße Selma, darling.

Ick heise Selma.

Goood! Try again: I-ch hei-sss-e Selma!

I-ck heise Selma.

Goood! Say: I-ch bin funf Jah’e alt!

I-ck bin pfumf Jah’e alt.

Goood!

Mom, when’s Daddy gonna come home?

Oh, i-ch glaube um a-cht Uh’ heute Abend, Schatz.

Mom, can I go ride my bike with him then?

Fah’adfah’en?

O yeah o yeah!!

Oh, na good. Selma: was heißt to ride?

’eiten.

Goood! ’eiten, ’itt, ge’itten!

Selma lacht und quietscht.

Mom, can I get some apple juice?

Sure, darling.

Sally steht auf. Sie geht zum Kühlschrank und stellt eine Tüte Apfelsaft auf den Küchentisch. Sie holt ein Glas aus dem Küchenschrank, RANGEDANGEDANGDANG, Sally erschrickt, RANGEDANGEDANGDANG, das Glas fällt ihr aus der Hand, THIS IS THE SILLY FROG, RANGEDANGEDANGDANG RANG RANG, es ist Selmas Handy, das Glas ist auf dem Boden, Selmas Handy auf dem Küchentisch brummt und hüpft wie ein kleiner Frosch, RANG RANG, Mom, Mom, it’s Daddy! RANGEDANGDANG, THE SILLY STUPID FROG, Selma lacht und quietscht vergnügt.

Seitenflügel, 5. Etage rechts: Anna, Hunger hat das Tier nicht, rangdangedangdang, the silly stupid frog, Lara spitzt die Ohren und öffnet die feuchten Augen. Ihr Kopf fährt hoch. Rangedangedangdang rang rang, sie fiepst in ihrem Körbchen, Grind liegt unter ihren dunklen Augen, enough now, Selma, stop it!

Rang Rang, Ra-

Herzinsuffizienz. Arthrose in Schultern, Becken und Sprunggelenken sowie eine Zyste im Gebärmutterhals, die sich eventuell zum Streukrebs entwickeln könnte. Selbst einem Hund bleibt letztlich nichts erspart. Kann man nix machen, hat der Tierarzt gesagt. Kommen Sie, wenn der Hund genug hat. Rot gerändert die Augen, sie fiepst. Anna steht vom Schreibtisch auf und beugt sich über das Körbchen, wie ein Welpe leckt Lara Annas Hand, ganz warm. Die letzten Monate konnte sie sich die Treppen nur noch mit Mühe hinaufschleppen, jede der achtundachtzig Stufen, jetzt trägt Anna ihren Hund, fast vierzig Kilo die schwere Dame, alle achtundachtzig Stufen hinauf und hinab, zweimal am Tag. Mit großen traurigen Augen hängt der Hund an seinem Menschen. Mit großen traurigen Augen hängt Anna an ihrem Deutschen Schäferhund. Hunger hat das Tier nicht mehr. Am liebsten die Flasche. Wie am Anfang, in Odessa, als Anna das Hündchen bekommen hat, Uliza Petraja im dritten Bezirk, am Ende schließt sich doch der Kreis, kommen Sie, wenn der Hund genug hat, dann machen wir Schluss. Anna streichelt ihren Hund, legt den Kopf auf das Fell, hört ein Pochen. Langsam, leise, jemand lacht. Anna aus der Ukraine. Anna, die raus wollte aus Odessa mit Lara und Deutsch lernte. Anna, die raus will aus Deutschland und Norwegisch studiert. Anna, die lernt und leidet wie ihr Hund. Kommen Sie, wenn der Hund genug hat – jemand lacht –, kommen Sie …

Seitenflügel, Dachgeschoss links: Burkhardt und Sändi. Dieses schöne, unbeschwerte, junge Lachen. Dieses hübsche Schwafeln im Wechsel mit seinem röchelnden Bariton, ein Lachen wie vor dem Sündenfall. Er: Norddeutscher. Sie: Österreicherin. Er: Pokerspieler. Sie: Debeka Versicherungen, Sekretariat mit Aspiranz zum Außendienst. Es ist eine dieser Allianzen, die vom Glück nur so gesegnet sind. Zwei Zimmer, 85 m², zwei Terrassen. Das mietet er alleine, 985 Euro warm, aber sie schon halb eingezogen, er hat es nur noch nicht bemerkt. Eigentlich macht sie Webdesign, aber da ist wegen massiven Überangebots momentan nichts zu holen. Ach Bärchen, uns is so wohl. Er hat in London gelebt, Eigentumswohnung gekauft. Sagst du mir Bärchen, nenn ich dich Hasi. Hasi lacht. Das haste jezz davon. Und wohler könnt uns schon sein, zum Beispiel in Thailand. Sagt er. Vermietet in London. Bringt nicht schlecht Geld. Phuket, dreimal im Jahr sechs Wochen. Ach Bärchen, Hasi, des klingt guad. Lacht so herzlich. Kleine Inseln, einsame Hütten, Hängematte. Immer auf der Suche nach The Beach. Sie: die Berg. Immer: die Eltern. Kleine, heile Dorffamilie, im Sommer Tennisschule, im Winter Skiverleih. Es ist eine dieser Allianzen, die einfach richtig klappen. Burkhardt bringt mit in diese Allianz: zwei Aluminiumkoffer mit Samples und Videos von Jugde Dredd bis Zorro. Sändi bringt mit: eine Trompete, Nussschnaps von zu Haus und Tiroler Speck. Eine Matratze, Stehlampe, Computer, Laptop, Yucca-Palme und Orangenbäumchen mit Schleifchen noch drum vom Geburtstag mit Burger und Nussschnaps auf der Terrasse, anschließend chillen im Watergate mit Blick auf die Oberbaumbrücke und flachlegen zu Haus. Diese Allianzen passen immer. Fast schon idiotensicher. Nicht aufregend, aber auch nicht kaputtzukriegen. Nicht die große Liebe, aber lebensfähig, das hat Burkhardt kurz vor seinem Vierzigsten schon rausgekriegt, es muss ja auch lebensfähig sein, darauf sie, die Sändi, Mitte zwanzig, des is ja klar, olles ondere wär a a Hirngspinst, gei, spinnst, darauf er, lachend: ja, gell, spinn ich, darauf sie: na ehm ned. Keine Liebe, nur Glück. Das heißt: Sie, die Sändi, liebt schon ein wenig mehr als er, der Burkhardt, glaubt sie, nur er weniger bis gar nicht. Ist ihm alles ein bisschen einerlei, dem Burkhardt, bisschen fade, aber ja. Trauert manchmal noch der Bulgarin nach, der Burkhardt, in London ist die jetzt. Wär er mal dortgeblieben! Die Österreicherin aber da. Die bleibt auch da, wohnt schon halb hier, er weiß es bloß noch nicht.

Sie liegen auf der Matratze.

Er spielt Seven Card Stud und Texas Hold’em. Sie hätt gern studiert, wie die Sebi, ihre Schwester. Jeden Tag telefonieren sie, die Sändi und die Sebi, Skype, und verfallen am Bildschirm in ihren alten Babytalk. Haddu gut geslafen? Jooo! Tu ma bald wieda Löffelchen slafen? Jooo! Er liebt Ring Games und Turniere. Sie hätt halt gern studiert, hätt auch Wirtschaft sein können auf Fachreife wie die Sebi. Er fasst ihr in den Schritt. Burkhardt liebt Bob Dylan, hört aber jetzt Lovely Day, das ist ihr Lieblingslied, jeden Tag hört sie es. Burkhardt träumt davon, nichts als Pokerspieler zu sein, knechtet aber fünf Tage die Woche bei smoothpoker.de, einer Internetbude in Moabit. Es sind Trickser, die miese Betrügerbude mit Firmensitz auf Malta. Die Sändi stöhnt. Er schiebt ihn rein, Löffelchenstellung, das hat sie am liebsten, todsicher. Sie stöhnt. Jo, bitte! Tu’s, bitte, er ächzt, tu’s mir, Lovely day, dieses junge Stöhnen, Seafood jeden Freitag, weil sie katholisch, ist ihm auch Thai wie Sushi, Hauptsache ficken, sie jetzt: huuuuijooo, er spritzt ab, sie: jooohaaaa, er streichelt ihr Haar und klapst zärtlich auf ihren Hintern.

Ah, lovely.

Burkhardt setzt sich auf.

Er macht es sich auf dem Kissen an der Wand bequem, nimmt einen Arm hinter den Kopf, knipst den Fernseher an und zappt durch. Sändi steht auf, hopserläuft vergnügt im kurzen Hemdchen in die Wohnzimmerküche, setzt sich an den Tisch, pult an ihrer großen Zehe und spielt hernach Trompete.

Dieses Pfeifen, Summen, Krachen, Trompeten, Lachen, Poltern im Haus, nur Thomas Frantz hört nichts da oben in seiner Bude, Seitenflügel Dachgeschoss rechts, fast nicht einmal das Stöhnen nebenan hat er gehört, er nahm es erst ein wenig zeitverzögert wahr, als baute er dieses stimmliche Geräusch in seinen Wachtraum ein, aber sag mal: Ficken die da wirklich am helllichten Tag bei offenem Fenster?

Thomas Frantz liegt auf seinem Bett. Er fühlt sich schwer, er ist müde und faul. Das ist nicht ganz gewöhnlich. Thomas Frantz ist ein Mann, der sich sonst sehen lassen kann. Der sich bewegt unter den Menschen wie ein Fisch im Wasser. Kein Hai, kein Hering, irgendwas dazwischen. Kein kleiner Fisch in einem großen Becken. Kein großer Fisch im kleinen Becken. Irgendwas dazwischen. Vielleicht wäre er ein dicker roter Zackenbarsch mit scharfen Zähnen und sanften, weichen Lippen. Tatsächlich hat er etwas von einem schottischen Whiskytrinker, dieser schwere, starke Mann mit seinen rötlich blonden Locken und leicht anfälliger Haut, seiner Fröhlichkeit und eingemachten Melancholie, seinem Lachen, Starrsinn, zarten Gekränktheit. Er hat studiert, Geschichte, Spanisch und das Theater, er hat gelernt im Leben. Er war Kellner und Staplerfahrer. Leichenwäscher und Fahrradkurier. Er war Stringer fürs britische Fernsehen, ITN Channel 4 News, dreimal vor der Kamera mit seinen langen Zotteln seinerzeit, man wollte in London halt auch mal Exotisches aus Krautland sehen. Er war Reporter gewesen, er war die Urlaubsvertretung vom Nachrichtenmagazin für Dumme. Jahrelang hat er da geschrieben, man rief ihn an, wenn’s brannte. Er war Reisender und Beobachter. Madrid, Los Angeles. Er war frei gewesen. Karibik, Seychellen. Frei von Zwängen und frei vom Angestelltsein, frei von Konferenzen und frei von Intrigen, ein König unter den Menschen. Er war im Kosovo wie in Afghanistan, er ist ein Adoptivkind und dennoch auf dem Internat gewesen. Secondhand nennt er das manchmal und erklärt damit seine Vorliebe für Flohmärkte und Second Life. Er hat nichts Gespartes aus dieser Zeit. Wenn ihm mehr Geld blieb, als er durchbrachte, gab er es weg. Er kaufte fünfzig Weihnachtsgeschenke für ein Kinderheim. So was. Er lud Männer, die auf der Straße lebten, in ein Restaurant zum Essen ein. Schenkte es einer Bettlerin und sagte: Machen Sie mal Urlaub. So was. Er hat gelebt und vom Leben schon eine Zeichnung, eine Narbe auf der Stirn, dunkle Flecken liegen auf seiner Seele (und die ersten auf der Lunge?).

Jetzt holt ihn diese Freiheit ein. Frantz ist zerrissen, wie er da auf seinem Bett liegt, voll von Selbstzweifeln und Agonie, in seinem Bücherregal stapeln sich Walt Disneys Lustige Taschenbücher, Entenedition, neben Lucky Luke und Gaston Lagaffe, wechselweise schmerzen ihn Bauch, Herz und Kopf, diesen robusten Spross einer ihm nicht bekannten Mutter, manchmal auch die Bronchien, in der Mitte seine Lieblingsromane, oben die Judaika, Reiseführer, Bildbände.

Zorpia sagt: »Auch Tina interessiert sich für Literatur.«

Zorpia sagt: »Auch Kevin interessiert sich für Literatur.«

Thomas Frantz ist Mitglied von communities. Er gruschelt, hat Freunde bei Facebook, Xing und Zorpia zum Beispiel, an manchen Tagen quillt sein virtueller Briefkasten über, es kommen ständig neue Freunde hinzu. Regelmäßig schreibt er etwas. Sein Blick fällt auf ein Kinderspielzeug in diesem Regal. Es ist ein Mann aus Blech, der auf einem blauen Motorrad sitzt. Der Mann trägt einen Halbschalenhelm und Fliegerbrille. Er ist vornübergebeugt, wie um den Luftwiderstand zu verringern. Es ist ein altes Motorrad, vielleicht aus den Fünfzigern, mit einer dicken Lampe und Nummernschild quer auf dem vorderen Schutzblech stehend. Alles daran ist aus Blech, sogar die Reifen. In der Mitte sind Stützräder angebracht, darunter eine Mechanik. Man konnte es einmal aufziehen und fahren lassen. Frantz hat das Spielzeug auf einem Flohmarkt entdeckt. Eine Erinnerung stieg in ihm auf, die Erinnerung an sein erstes, sein liebstes Kinderspielzeug, seinen Katerlinger. Die Mechanik war längst kaputt, aber Frantz erkannte den Motorradfahrer wieder. Er hatte ihn damals Katerlinger genannt, niemand wusste warum, sein Blick fällt auf den Katerlinger, und da durchfährt ihn: Nichts ist Halt. Nichts mehr übrig. Keine Kindheitserinnerung bleibt, wenn sie nicht wieder an ein Kind weitergegeben wird. Das Spielzeug im Regal, das Fotoalbum, von der Neumutter liebevoll geführt, ist nicht Freude, sondern Schmerz, weil das Leben da drinnen nur noch in ihm selbst existiert. Als sei es dort gefangen und für jeden anderen vollkommen ohne Belang; Losigkeit.

Zorpia sagt: »Auch Svetlana interessiert sich für Literatur.«

Zorpia sagt: »Auch Markus interessiert sich für Literatur.«

Was ist die Quintessenz seines bisherigen Lebens? Haltlosigkeit. Wann das begann? Haltlosigkeit und eine gewisse Konsequenz. Wahrscheinlich schon in seiner Kinderheit, wie er das nennt. Es hat nie aufgehört. Eine gewisse Konsequenz gepaart mit dem Talent, durchzukommen. Er war die Figur des Ned Rise in T. C. Boyles Wassermusik. Der Simplicissimus in Grimmelshausens Dreißigjährigem Krieg. Ismael, Melvilles einzig Überlebender der Katastrophe. Durchkommen, überleben, um jeden Preis, so hart sind Heimkinder, immer nur unterbrochen von Phasen relativen Halts. Die Adoptiveltern, Phase eins. Durchkommen, gemischt mit Brillieren, Rekordschulwechsler. Phase zwei. Das waren neue Freunde in der neuen Schule. Das war ein Verein, der Sport, der ihm Halt gab. Brillieren gefolgt von Selbstzerstörung. Phase drei. Das waren die Jahre des Internats, und auch in dieser Zeit nur ein kurzes Jahr des relativen Halts, das waren wieder neue Freunde und eine neue Freundin nach dem Internat, und dann, Phase vier, in den Jahren im Ausland, wieder Haltlosigkeit, nur unterbrochen von Chaos. Selbstzerstörung und Wiederauferstehung. Fegefeuer und Selbstreinigung. Losigkeit. Das ist das Band, das sein Leben durchzieht. Dieser Zustand führt zu Angst. Führt zu Verzweiflung, zu Exzess. Nur in diesem Zustand kann er die Losigkeit überwinden, sie austricksen, ihr ein Schnippchen schlagen. Wiederauferstehung und Hoch. Zorpia sagt: »Auch Roger interessiert sich für Literatur.« Rausch ist Medizin. Hoch und Fall. Folge der Losigkeit. Der Zustand jenseits des Normalstands heißt Freiheit. Heißt Selbstsicherheit. Heißt träumen. Heißt: magst ruhig sein. Wann hat das angefangen?

Zorpia sagt: »Auch Jimmy interessiert sich für Literatur.«

Zorpia sagt: »Auch Olga interessiert sich für Literatur.«

Zorpia sagt: »Auch Bernd interessiert sich für Literatur.«

Zorpia sagt: »Auch Ignieseka interessiert sich für Literatur.«

Zorpia sagt: »Auch Margit interessiert sich für Literatur.«

Er kann sich an Bilder erinnern, Schemen, kurze, warme Momente wie Wellen, deren Abebben umso kälter ist, ein Nebel aus Assoziationen, aus Geräuschen und Farben, und als er da so liegt, auf seinem Bett, den Blick auf ein Stück Schrank, eine Pflanze, ein Blatt im Raum geheftet, spürt er in Wellen die Losigkeit in sich aufsteigen, ein Meer, in dem er zu schwimmen versucht; er liegt auf dem Bett und treibt vor sich hin, oder hinter sich her, wie man’s nimmt. Es wohnt ihm eine alte Männlichkeit inne, die unterlegt ist von Bildern wie aus einem Schwarzweißwestern oder der Melodie eines Johnny-Cash-Songs. Der Lächerlichkeit dieser Bilder kann er sich nicht verschließen. Gleichzeitig verleihen sie ihm eine Kraft und Wärme, die ihn im höchsten Sinne erfüllen, und er leidet darunter, dass die Stimmen seiner Kinderheit mit seiner Wirklichkeit nicht in Deckungsgleichheit gebracht werden können. Ist das nicht kalter Kaffee in einem albernen Blechnapf am Lagerfeuer eines Filmstudios? Eine Sozialisation, die vor einem Röhrengerät der sechziger Jahre stattgefunden hatte und nicht durch natürliche Reibung an einem real existierenden Vater erlernt worden war?

Zorpia sagt: »Auch Dennis interessiert sich für Literatur.«

Wie sich ein Kind auf einer Schaukel gefühlt stundenlang in den Rausch schwingen kann, so lässt er sich fallen, hineinsinken in das Wachdämmern. Ob Boxen, ob Bier, das Rauschhafte daran ist nicht zu verkennen. So ist das. Warum findet er keinen Halt? Vielleicht, weil da nichts ist? Weil ihm da niemand sagt, wer er ist und was er tun soll? Weil da nichts ist, das ihn an die Hand nimmt und ihm sagt: Mach dir heut ein Gulasch. Nein, nicht das blaue, nimm das rote Hemd. Und vergiss nicht den Termin mit dem Bauherrn aus London um drei. Weil er sich doch dauernd selbst entscheiden, weil er sich doch immer selbst an die Hand nehmen muss; statt einfach eine Münze zu werfen, Kopf oder Zahl?

Zorpia sagt: »Du solltest dich auch für Autos interessieren.«

Zorpia sagt: »Du solltest dich auch für Filme interessieren.«

Thomas Frantz ist ein Mann, der mit der Zeit geht, der sich ein IT-Wissen angeeignet hat, der Anteil hat am blühenden elektronischen Leben um ihn herum, der aufgehoben ist im Netz, er kennt sich aus; und doch ist überall Leere, Losigkeit, an einem Morgen, Nachmittag wie diesem.