Gehen, ging, gegangen. Königs Erläuterungen. - Jenny Erpenbeck - ebook

Gehen, ging, gegangen. Königs Erläuterungen. ebook

Jenny Erpenbeck

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Opis

Königs Erläuterung zu Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen - Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben. In einem Band bieten dir die neuen Königs Erläuterungen alles, was du zur Vorbereitung auf Referat, Klausur, Abitur oder Matura benötigst. Das spart dir lästiges Recherchieren und kostet weniger Zeit zur Vorbereitung. Alle wichtigen Infos zur Interpretation. - von der ausführlichen Inhaltsangabe über Aufbau, Personenkonstellation, Stil und Sprache bis zu Interpretationsansätzen - plus 4 Abituraufgaben mit Musterlösungen und 2 weitere zum kostenlosen Download ... sowohl kurz als auch ausführlich. - Die Schnellübersicht fasst alle wesentlichen Infos zu Werk und Autor und Analyse zusammen. - Die Kapitelzusammenfassungen zeigen dir das Wichtigste eines Kapitels im Überblick - ideal auch zum Wiederholen. ... und klar strukturiert. - Ein zweifarbiges Layout hilft dir Wesentliches einfacher und schneller zu erfassen. - Die Randspalte mit Schlüsselbegriffen ermöglichen dir eine bessere Orientierung. - Klar strukturierte Schaubilder verdeutlichen dir wichtige Sachverhalte auf einen Blick. ... mit vielen zusätzlichen Infos zum kostenlosen Download.

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EPUB

Liczba stron: 160




KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN

Band 341

Textanalyse und Interpretation zu

Jenny Erpenbeck

GEHEN, GING, GEGANGEN

Sabine Hasenbach

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen

Zitierte Ausgaben: Erpenbeck, Jenny: Gehen, ging, gegangen. Stuttgart: Klett Verlag, 2017. (Zitiert als K) Erpenbeck, Jenny: Gehen, ging, gegangen. München: Penguin Verlag, 2017. (Zitiert als P)

Über die Autorin dieser Erläuterung: Sabine Hasenbach hat Mineralogie (mit den Nebenfächern Mathematik, Physik und Chemie) an den Universitäten Köln und Bonn sowie Literaturwissenschaft (mit den Nebenfächern Psychologie und Soziologie) an der FernUniversität in Hagen studiert, wo sie mit einer Arbeit über Katherine Mansfield graduiert worden ist. Sie wohnt in Düsseldorf und arbeitet an der dortigen Heinrich-Heine-Universität. In ihrer Freizeit läuft sie Langstrecke.

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

1. Auflage 2018

ISBN 978-3-8044-7039-2

© 2018 by C. Bange Verlag, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelabbildung: picture alliance / ROPI

Hinweise zur Bedienung

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Jenny Erpenbeck: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Die Flüchtlinge auf dem Berliner Oranienplatz

Moderne deutschsprachige Literatur: Flucht und Asyl

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

Biografie und Historie

3. Textanalyse und -Interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

3.3 Aufbau

Die Montage

Intertextualität

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Hauptfigur Richard

Die Flüchtlinge

Raschid

Osarobo

Karon Anubo

Awad

Apoll, der Junge

Ithemba

Rufu

Nebenfiguren

Detlef

Sylvia

Anne

Deutschlehrerin

Weitere Personen

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

3.6 Stil und Sprache

Erzählersprache

Figurensprache

Erzählperspektive und Erzählverhalten

Themen und Motive

Stilmittel

3.7 Interpretationsansätze

Flucht und Vertreibung

Über das Wesen der Zeit

4. Rezeptionsgeschichte

Im Spiegel der Rezensionen

In der Literaturwissenschaft

5. Materialien

Die Flüchtlingskrise in Deutschland

Rechtlicher Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland

6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen

Aufgabe 1: **

Aufgabe 2: ***

Aufgabe 3: **

Aufgabe 4: **

Literatur

Zitierte Ausgabe

Sekundärliteratur

Übergreifende Darstellungen – Literatur

Übergreifende Darstellungen – Geschichte

Übergreifende Darstellungen (Libyen, Tuareg, Nigeria)

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

Damit sich jeder Leser in unserem Band rasch zurechtfindet und das für ihn Interessante gleich entdeckt, hier eine Übersicht.

Im 2. Kapitel beschreiben wir das Leben Jenny Erpenbecks und stellen den zeitgeschichtlichen Hintergrund dar:

Jenny Erpenbeck wurde am 12. März 1967 in Berlin geboren, wo sie derzeit lebt.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund ihrer Romans ist die Besetzung des Berliner Oranienplatzes durch afrikanische Flüchtlinge von Oktober 2012 bis April 2014. Gehen, ging, gegangen ist der deutschen Gegenwartsliteratur zuzuordnen.

Im 3. Kapitel bieten wir eine Textanalyse und -interpretation.

Gehen, ging, gegangen – Entstehung und Quellen:

Erpenbeck führte Gespräche mit den ehemaligen Besetzern des Oranienplatzes und begleitete sie ein Jahr durch ihr Leben.

2015: Publikation des Romans als gebundene Ausgabe im Knaus Verlag, München.

2017: Publikation der Taschenbuchausgabe im Penguin Verlag, München.

Inhalt:

Mit einem Protestcamp auf dem Berliner Oranienplatz fordern afrikanische Flüchtlinge Bleiberecht und Arbeit. Richard, ein frisch emeritierter Professor für Altphilologie, wird durch die Medien auf sie aufmerksam und sucht Kontakt mit ihnen. Angesichts der aussichtslosen Situation der Afrikaner, die inzwischen nach Absprachen mit dem Senat den Platz geräumt und verschiedene Unterkünfte bezogen haben, wird Richard zum Helfer und Handelnden. Er begleitet die Afrikaner bei Behördengängen, kauft für die Familie eines ghanaischen Flüchtlings ein Stück Land und macht aus seinem Haus für die inzwischen mit dem Ausreisebescheid konfrontierten Männer eine Heimunterkunft.

Aufbau, Chronologie und Schauplätze:

Erpenbeck arbeitet in Gehen, ging, gegangen mit dem strukturbildenden Element der Montage: sprachliche, stilistische und inhaltlich unterschiedliche Texte werden zusammengefügt und arrangiert.

Die Handlung (Narrativ) des überwiegend chronologisch erzählten Romans ereignet sich von August 2013 bis zum Frühjahr 2014. Schauplatz ist Berlin.

Hauptpersonen:

Hauptfigur ist Richard, um den sich alle anderen gruppieren:

emeritierter Professor und Witwer, einsam

unterstützt die Flüchtlinge

Flüchtlinge:

Raschid (Nigerianer, „der Blitzeschleuderer”)

Osarobo (aus Niger, löst bei Richard Vatergefühle aus)

Karon Anubo (Ghanaer, muss seine Familie ernähren)

Awad (Ghanaer mit posttraumatischer Belastungsstörung)

Apoll, der Junge (Tuareg aus Niger, fasziniert Richard)

Ithemba (Nigerianer, Koch)

Rufu (aus Burkina Faso, zutiefst einsam)

Richards Freunde und weitere Nebenfiguren.

Stil und Sprache:

Jenny Erpenbeck arbeitet mit

einer einfachen, zurückgenommenen Erzählersprache

einer individuell geprägten Figurensprache

wechselndem Erzählverhalten (auktorial dominiert)

erlebter Rede

Motivwiederholungen mit verknüpfender Funktion

Interpretationsansätze:

Auf folgende Interpretationsansätze gehen wir näher ein:

Flucht und Vertreibung

Über das Wesen der Zeit

2. Jenny Erpenbeck: Leben und Werk

Jenny Erpenbeck (*1967) © picture alliance / Donatella Giagnori / Eidon/MAXPPP/ dpa

2.1 Biografie

JAHR

ORT

EREIGNIS

ALTER

1967

Berlin (DDR)

Jenny Erpenbeck wird am 12. März als Tochter der Übersetzerin Doris Erpenbeck und des Physikers und Psychologen John Erpenbeck geboren.

1985

Berlin

Erpenbeck legt das Abitur ab.

18

1985– 1987

Berlin

Ausbildung zur Buchbinderin

18–20

1987– 1988

Berlin

Jenny Erpenbeck arbeitet als Requisiteurin und Ankleiderin an diversen Theatern.

20–21

1988– 1990

Berlin

Studium der Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität

21–23

1990– 1994

Berlin

Studium der Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin

23–27

1995– 1997

Graz

Erpenbeck übernimmt die Regieassistenz am Opernhaus.

28–30

1998

Inszenierungen als freie Regisseurin an deutschen und österreichischen Häusern, u. a. an der Berliner Staatsoper

31

1999

Berlin

Erpenbeck gibt ihr schriftstellerisches Debüt mit dem Roman Geschichte vom alten Kind.

32

2001

Berlin

Der Erzählband Tand erscheint. Für die darin enthaltene Erzählung Sibirien wird Erpenbeck mit dem Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt ausgezeichnet.

34

Klagenfurt

Mehrere Aufenthaltsstipendien (Ledig Rowohlt House in New York, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf)

2002

Berlin

Geburt ihres Sohnes. Vater ist der Dirigent Wolfgang Bozic.

35

2004

Berlin

Der Roman Wörterbuch wird publiziert. Erpenbeck erhält den GEDOK-Literaturförderpreis.

37

2006

Sylt

Erpenbeck ist Stipendiatin der Stiftung kunst:raum sylt quelle (Sylter Inselschreiberin).

39

2007– 2008

Frankfurt

Erpenbeck schreibt als Kolumnistin für die FAZ[1].

40

2008

Frank­furt/Main

Der Roman Heimsuchung erscheint. Dafür wird Erpenbeck mit dem Solothurner Literaturpreis, dem Heimito-von-Doderer-Literaturpreis und dem Hertha-Koenig-Literaturpreis ausgezeichnet.

41

2009

Berlin

Publikation gesammelter Kolumnen Dinge, die verschwinden.

42

Hannover

Erpenbeck erhält den Preis der LiteraTour Nord.

2010

Eisen­hütten­stadt

Auszeichnung Erpenbecks mit dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt

43

2012

München

Erscheinung des Romans Aller Tage Abend

45

2013

Darmstadt

Erpenbeck wird Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt.

46

Aalen

Sie erhält den Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen,

Koblenz

den Joseph-Breitbach-Preis der Stadt Koblenz

Lippstadt

und den Thomas-Valentin-Literaturpreis.

2014

Neumünster

Auszeichnung Erpenbecks mit dem Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster

47

Berlin

und dem Ver.di-Literaturpreis Berlin-Brandenburg für Aller Tage Abend.

Lüneburg

Erpenbeck übernimmt die Heinrich-Heine-Gastdozentur an der Leuphana Universität.

2015

München

Publikation von Gehen, ging, gegangen. Das Buch wird auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gesetzt. Erpenbeck erhält den Independent Foreign Fiction Prize, den Europäischen Literaturpreis sowie den International Booker Prize für Aller Tage Abend.

48

Berlin

Sie wird Mitglied der Berliner Akademie der Künste.

2016

Lübeck

Thomas-Mann-Preis

49

2017

Hannover

1. April: Uraufführung der Oper Lot von Giorgio Battistelli mit einem Libretto von Jenny Erpenbeck.

50

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

ZUSAMMENFASSUNG

Der Berliner Oranienplatz wurde von Oktober 2012 bis April 2014 von afrikanischen Flüchtlingen besetzt, die dadurch Bleiberecht und Arbeitserlaubnis zu erzwingen hofften.

Durch eine Vereinbarung mit dem Senat wurde der Platz schließlich geräumt. Diese Thematik steht im Mittelpunkt von Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen.

Die Flüchtlinge auf dem Berliner Oranienplatz

Im Herbst 2012 zogen zahlreiche afrikanische Flüchtlinge[2] unter Verstoß der Residenzpflicht[3] aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin, um gegen die deutsche Asylpolitik im Allgemeinen und die Unterbringung in „Lagern, gegen die Residenzpflicht und gegen das Arbeitsverbot“ im Besonderen zu protestieren.[4] Zuerst ließen sie sich am Brandenburger Tor nieder, dann besetzten sie den Kreuzberger Oranienplatz, wo sie in Zelten kampierten. Der damalige grüne Bezirksbürgermeister Franz Schulz ließ sie gewähren. Im Dezember 2012 besetzten 100 Flüchtlinge vom Brandenburger Tor und vom Oranienplatz die leer stehende Gerhart-Hauptmann-Schule. Erpenbeck verweist darauf auf S. 29 K/S. 33 P[5] ihres Romans.

Schule und Oranienplatz entwickelten sich in der Folge zu rechtsfreien Räumen. Schwerpunkt der politischen Debatten über das Vorgehen der Afrikaner war der Oranienplatz. Frank Henkel, CDU-Innensenator Berlins, wollte die Verhältnisse nicht länger hinnehmen und prüfte im August 2013 die rechtlichen Möglichkeiten einer Räumung ohne Zustimmung der Bezirksregierung. Dieses Vorhaben konnte nicht realisiert werden. Lebten die Afrikaner bisher in Zelten, begannen sie im März 2014 mit dem Bau von Holzbuden. Mit dieser Entwicklung konfrontiert machte Dilek Kolat, Senatorin für Integration (SPD), den Flüchtlingen ein Angebot: Sie sollten den Oranienplatz sowie die Gerhart-Hauptmann-Schule räumen. Als Dankeschön bot der Senat einen Wohnheimplatz, Hilfe zum Lebensunterhalt und eine gründliche, individuelle Prüfung der persönlichen Situation an.

Einige der Protestierenden hofften auf eine Verbesserung ihrer Situation und wollten kooperieren, andere trauten dem Angebot nicht und befürchteten, sich erneut in überfüllten Mehrbettzimmern wiederzufinden, um dann abgeschoben zu werden. Dies führte zur Spaltung der Gruppe.

Im April 2014 bauten die kooperativen Afrikaner ihre Hütten und Zelte ab und bezogen Unterkünfte in Friedrichshain und Marienfeld. Die Räumung verlief zunächst friedlich. Im Laufe des Tages spitzte sich die Situation dann allerdings zu, es kam zu Auseinandersetzungen und tumultartigen Szenen, ausgelöst durch einige wenige Flüchtlinge, die den Platz nicht verlassen wollten, und eine große Zahl linker Aktivisten, die sich auf die Seite der Ausharrenden geschlagen hatten. Schließlich griff die Polizei ein.

Flüchtlinge campieren auf dem Oranienplatz, um für ihr Bleiberecht in Deutschland zu protestieren. © picture alliance / dpa

Beinahe alle Anträge jener Flüchtlinge vom Oranienplatz, die sich nach der Räumung vom Senat registrieren ließen, wurden abgelehnt. Sie sollten in die Bundesländer zurückkehren, wo sie sich entsprechend der Residenzpflicht aufzuhalten hatten und wo ihre Asylverfahren bereits liefen, oder in das EU-Land, in das sie als erstes nach ihrer Flucht eingereist waren (Dublin II[6]). In den meisten Fällen war das Italien.

Moderne deutschsprachige Literatur: Flucht und Asyl

Die Schutzbefohlenen (2013) von Elfriede Jelinek.[7] Der Text ist eine scharfe Kritik der europäischen Asylpolitik vor dem Hintergrund einer Kirchenbesetzung durch 60 Asylanten vom Januar 2013 in Wien und der Havarie eines Flüchtlingsschiffes 2013 vor Lampedusa mit Hunderten von Toten.

Mein Vaterland war ein Apfelkern (2014) von Herta Müller.[8] Die in Rumänien geborene Herta Müller erzählt autobiografisch von der Auseinandersetzung mit einem kommunistischen Regime, ihrer Emigration und dem Ankommen in einem für sie fremden Deutschland 1987.

Gehen, ging, gegangen (2015) von Jenny Erpenbeck.

Die Texte thematisieren den Verlust der Heimat und die europäische Asylpolitik.

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

ZUSAMMENFASSUNG

Jenny Erpenbeck thematisiert in ihren Romanen die Korrelation von Biografie und Historie. Ihr Romanerstling Geschichte vom alten Kind (1999) ist in dieser Hinsicht ein Solitär, da er sich nur auf den biografischen Aspekt beschränkt. Der Roman Gehen, ging, gegangen (2015) zeigt gebrochene Biografien vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskrise.

Biografie und Historie

In ihrem Romandebüt Geschichte vom alten Kind von 1999 erzählt Erpenbeck eine Art Kaspar-Hauser-Geschichte.[9] In einer Berliner Geschäftsstraße wird ein dickes und ungewöhnlich großes Kind gefunden. Der hinzugerufenen Polizei kann es nur sagen, dass es 14 Jahre alt ist. Das Geschöpf kommt in ein Kinderheim, wo es sich vollkommen zurückzieht. Als es aufgrund seiner Adipositas schließlich schwer erkrankt, stellt sich heraus, dass es sich um eine 30-jährige Frau handelt.

Der Roman Wörterbuch von 2004 basiert auf einem authentischen Fall: Während der Militärdiktatur in Argentinien 1976 bis 1983 wurde ein Mädchen von den Mördern seiner Eltern großgezogen. Erpenbeck übernimmt dies als Modell für ihren Roman. Die Handlung vollzieht sich in einem namenlosen totalitären Staat und die Hauptfigur beginnt, die Bedeutung von Wörtern zu hinterfragen, wodurch sich Stück für Stück ihre wahre Biografie entfaltet. Erpenbeck spürt nach, wie Machtstrukturen in Sprache eingehen und zeigt, dass Sprache ein Vehikel der Gewalt sein kann. Gleichzeitig hat sie hier ihr Thema gefunden: Die Korrelation von Biografie und Historie.

Dieses Thema nimmt sie in dem Roman Heimsuchung von 2008 erneut auf. Erpenbeck erzählt anhand der Bewohner eines an einem märkischen See gelegenen Sommerhauses von politischen Umbrüchen der letzten hundert Jahre. Sie spiegeln sich in den Lebensläufen der verschiedenen Bewohner. Das Haus ist dabei sowohl Schauplatz als auch Metapher: Schauplatz für menschliches und politisches Schicksal, Metapher für das Vergehen der Zeit und der Spuren, die das Vergehen hinterlässt.

In dem mehrfach ausgezeichneten Roman Aller Tage Abend von 2012 perfektioniert Erpenbeck ihr Thema. Aller Tage Abend ist eine Fünffach-Biografie. Entsprechend besteht der Roman aus fünf in sich abgeschlossenen Büchern, an deren Ende die Protagonistin jeweils stirbt. Im ersten Teil erzählt Erpenbeck von einem jüdischen Kind, das 1902 in der galizischen Stadt Brody geboren wird und acht Monate später verstirbt. Durch die Darstellung des mütterlichen Trauerrituals porträtiert Erpenbeck die damalige osteuropäisch-jüdische Alltagskultur. Im zweiten Teil des Buches findet der Leser eine alternative Biografie. Das Kind ist inzwischen eine 18 Jahre alte junge Frau, die mit ihrer Familie in Wien lebt. Im dritten Teil des Romans lebt die Protagonistin 1939 in Moskau, wohin sie als Kommunistin mit ihrem deutschen Mann geflohen war. Es ist die Zeit der Schauprozesse, und ihren eigenen überlebt sie nicht. Die vierte Alternativbiografie führt nach Ost-Berlin im Jahr 1962, wo die Protagonistin als hochdekorierte DDR-Schriftstellerin in einem Ostberliner Pflegeheim lebt und dort auch ihr Leben beendet. Im fünften und letzten Teil des Buches erlebt die Protagonistin als Greisin in einem Berliner Pflegeheim den Zusammenbruch der DDR 1989. Somit erzählt Aller Tage Abend eine mögliche Biografie und ist gleichzeitig ein Portrait des 20. Jahrhunderts.

Gehen, ging, gegangen von 2015 schließlich thematisiert mit der Flüchtlingskrise ebenfalls ein historisches Geschehen verbunden mit der Darstellung individueller Flüchtlingsbiografien.

3. Textanalyse und -interpretation 3.1 Entstehung und Quellen

ZUSAMMENFASSUNG

Erpenbeck verfasste Gehen, ging, gegangen aus Interesse an gebrochenen Biografien und ungewöhnlichen Fluchtgeschichten. Sie sprach mit ehemaligen Besetzern des inzwischen geräumten Oranienplatzes und begleitete sie ein Jahr durch ihr Leben.

2015: Veröffentlichung des Romans als gebundene Ausgabe im Knaus Verlag, München

2017: Publikation der Taschenbuchausgabe im Penguin Verlag, München

In einem Interview mit dem Journalisten Thomas Frey[10] äußerte sich Jenny Erpenbeck zur Entstehung von Gegen, ging, gegangen. Selbst in einer Familie aufgewachsen, zu deren Geschichte Flucht und Vertreibung gehören, interessierten sie „schon immer die Brüche in Biografien, die Übergänge“[11]. Außerdem verfolgte sie „schon seit vielen Jahren die Fluchtgeschichten von Menschen, die aus Ländern, die wir kaum kennen, zu uns kommen“[12]. Ihr familiärer Hintergrund, ihr Interesse an schwierigen Lebensläufen und ihre Recherche exotischer Fluchtgeschichten ließen sie schließlich Gehen, ging, gegangen schreiben.

In einem weiteren Interview erläutert Erpenbeck, dass sie mit ehemaligen Besetzern des Oranienplatzes zahlreiche Gespräche geführt hat:

„Ich habe mit Flüchtlingen gesprochen und deren Geschichten im Buch verarbeitet, aber dokumentarisch ist der Roman nicht.“[13]

Außerdem hat Erpenbeck diese Menschen ein Jahr durch ihr Leben begleitet. Dabei wollte sie wissen, wie sie ihre schwierige Situation bewältigen:

„Nach der Räumung des Oranienplatzes bin ich in ein Heim im Wedding gegangen, in dem ein Teil der Gruppe kurze Zeit untergebracht war, und habe dort Flüchtlinge gefunden, die Englisch oder Italienisch sprachen. Ein ganzes Jahr lang habe ich dann diese Menschen in ihrem Alltag und bei vielen Quartierwechseln begleitet. In der Zeit dieser Recherche habe ich sicher weniger Zeit mit dem Schreiben verbracht, als mit den Flüchtlingen selbst. Mich interessiert, wie diese Menschen mit dem Zustand des erzwungenen, jahrelangen Wartens umgehen, womit sie sich herumschlagen müssen, was sie bewegt und wovor sie Angst haben.“[14]

Über die Rolle des Protagonisten Richard äußert sich Erpenbeck wie folgt:

„Richard ist Wissenschaftler, das heißt, er ist von Berufs wegen neugierig – aber er wahrt auch die Distanz des Beobachters. Und wie jeder DDR-Bürger weiß er, wie es sich angefühlt hat, wenn man nicht zur sogenannten großen, weiten Welt gehörte. Bei der Wende dann ist ja jeder DDR-Bürger durch die Erfahrung der Fremdheit hindurchgegangen, und zwar unabhängig davon, ob mit Begeisterung oder Betroffenheit. Das ist ein ungeheurer Erfahrungsvorsprung, der Richard bei seiner Begegnung mit den Flüchtlingen zugutekommt, sozusagen ein objektiver Anknüpfungspunkt für Gespräche über Fremdheit. Es ging mir nicht darum, einen Moralisten ins Zentrum meines Buches zu stellen, sondern darum, eine Bestandsaufnahme zu machen.“[15]

Im Jahr 2015 auf die Aktualität ihres Buches angesprochen bedauert Erpenbeck, dass sich die Verhältnisse für die Flüchtlinge nicht geändert haben: „Aber ja, es passt leider mehr denn je zur aktuellen Situation.“[16]

3.2 Inhaltsangabe

ZUSAMMENFASSUNG

Auf dem Berliner Oranienplatz haben afrikanische Flüchtlinge, die über Italien nach Deutschland gelangt sind, ein Protestcamp aufgeschlagen. Sie protestieren für ein Bleiberecht und die Erlaubnis, arbeiten zu dürfen. Richard, ein unlängst in den Ruhestand versetzter Professor für Klassische Philologie, der nicht weiß, was er mit seiner Zeit anfangen soll, wird durch die Medien sowohl auf das Camp aufmerksam und auf eine von Flüchtlingen besetzte Schule. Angeödet von seinem Leben als Ruheständler sucht er zunächst die Flüchtlinge in der Schule auf, flieht aber angesichts der dort herrschenden Zustände. Einige Tage später fährt er zum Oranienplatz und beobachtet die Szenerie dort. Richard beschließt, mit den Afrikanern auf dem Oranienplatz Kontakt aufzunehmen.