Gefängnis des Alltäglichen - Pjotr Pawlenski - ebook

Gefängnis des Alltäglichen ebook

Pjotr Pawlenski

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Opis

In diesen mit Anastasia Belyaeva, Ilja Danishevski und Wladimir Velminski geführten Gesprächen gewährt der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski Einblick in sein radikales Denken, das Aktionen wie ›Bedrohung‹ zugrunde liegt, bei der er im November 2015 die Tür des russischen Geheimdienstes FSB anzündete. "Zweifellos arbeite ich mit dem Begriff der Freiheit. Das ist eines der zentralen Elemente, dessen Sinn im System der Vorstellungen furchtbar entstellt wurde. Deswegen spreche ich vom ›Gefängnis des Alltäglichen‹ und davon, dass das wirkliche Gefängnis im Verhältnis dazu ein Erholungszentrum sein kann."

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Gefängnis des Alltäglichen

Fröhliche Wissenschaft 104

Pjotr Pawlenski

GEFÄNGNIS DES ALLTÄGLICHEN

Gespräche

Aus dem Russischen von Maria Rajer

Herausgegeben und eingeleitetvon Ilja Danischewskiund Wladimir Velminski

INHALT

GELEITWORT

1.ÜBER DIE ORDNUNG

2.ÜBER DIE SPALTUNG

3.ÜBER DIE BINDUNG

4.ÜBER DIE SORGE

5.ÜBER DIE KONTROLLE

GELEITWORT

Ein Gespräch mit einem Künstler, in welcher Form auch immer, sei es ein förmliches Interview, ein Gespräch unter Freunden oder ein zensierter Briefwechsel, beinhaltet immer etwas von Obskurität. Worum soll es in so einem Gespräch gehen und was verspricht man sich davon? Redet man über die Arbeit des Künstlers und bekommt man im günstigsten Fall eindeutige Aussagen, beraubt man sich jedoch eigener Interpretationen und Sichtweisen. Mit Fragen nach dem Werdegang, versucht man ihn in eine Schublade der Tradition zu schieben, in die er vielleicht nicht passt oder auch nicht passen möchte. Befragt man den Künstler nach Fakten und Ideen zu seinen bisherigen und zukünftigen Projekten, kann so ein Gespräch schnell zum Verhör werden.

In den hier versammelten »Gesprächen« mit dem Aktionskünstler Pjotr Pawlenski haben wir versucht, solche Sackgassen zu umgehen - und, so viel vorab, es ist uns nicht immer gelungen. Dem Bestreben, einem der zurzeit spannendsten Künstler, der dem verdrängten Unmut seines Volkes einen Ausdruck verleiht, genauer nachzuspüren, konnten wir nicht wiederstehen.

Die Aufzeichnungen begannen 2015 mal in Moskau, mal in St. Petersburg; Aktionen wie Naht, Kadaver und Fixierung, mit denen Pawlenski sowohl gegen die Steuerungsmechanismen der unterschiedlichen Regime – der politischen Macht, des ideologischen Apparats der Kirche, der polizeilichen und justiziellen Ordnung – als auch gegen die heutige Reaktionslosigkeit und Apathie der russischen Gesellschaft auftrat, lagen schon ein paar Jahre zurück. Dagegen wirkten die beiden folgenden Aktionen noch stark nach: die Aktion Freiheit, mit der Pawlenski Verbundenheit mit dem ukrainischen Volk auf dem Maidan symbolisierte,1 sowie die darauf folgenden aus der sowjetischen Epoche nachwirkenden Dogmen der strafpsychiatrischen Ausgrenzung, die der Künstler in der Aktion Abtrennung vorführte. Nicht zuletzt wurde die Wirkungskraft dieser Aktionen durch Russlands innen- und außenpolitische Situation verstärkt, das Land hat sich in ein Dilemma manövriert. Schließlich führte Pawlenski am 9. November die Aktion Bedrohung durch, zündete die Tür des russischen Geheimdienstes an und landete im Gefängnis.2

Aktion NAHT

23. Juli 2012, vor der Kasaner Kathedrale in St. Petersbrurg

Aktion KADAVER

3. Mai 2013, vor dem Stadtparlament in St. Petersbrurg

Aktion FIXIERUNG

10. November 2013, »Tag der Polizei«, Roter Platz, Moskau

Aktion FREIHEIT

23. Februar 2014, Malo-Konjuschenny-Brücke vor der Auferstehungskirche in St. Petersburg

Aktion ABTRENNUNG

19. Oktober 2014, Mauer des Serbski-Wissenschaftszentrums für Sozial- und Gerichtspsychiatrie, Moskau

Aktion BEDROHUNG

9. November 2015, Hauptgebäude des Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation (FSB) in Moskau

Oksana Shalygina, Pawlenskis Gefährtin, übermittelte uns den Wunsch des Eingesperrten, die Gespräche fortzuführen. Im Bewusstsein, dass unsere Fragen die zensierenden Kontrollen passieren müssen, haben wir die Kommunikation weitergeführt.

Dieses Buch ist das Ergebnis unserer »Gespräche«.

Ilja Danischewski, Wladimir Velminski

Moskau/Berlin

1Vgl. dazu Pjotr Pawlenski, Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst. Verhör, hg. v. Ilja Danischewski, Wladimir Velminski, Berlin 2016.

2Zu den genannten Aktionen und der gesamten Dokumentation der politischen Kunst vgl. Pjotr Pawlenski, Aktionen, hg. v. Ilja Danischewski, Wladimir Velminski, Berlin 2016.

1. ÜBER DIE ORDNUNG

Hast du Kinder?

Ja, zwei Mädchen. Im Prinzip sind sie mehr oder weniger Teil des Prozesses. Sie sind bei den Vorbereitungen und allen anderen Dingen dabei. Obwohl ich ihnen am Anfang nie erkläre, was ich mache und wozu. Und natürlich nehme ich sie nie zu den Aktionen mit. Denn wenn das Ganze losgeht, weiß man nie, wie es sich entwickelt. Überhaupt wäre es seltsam, seine Kinder zu etwas mitzunehmen, das die Rechtsschützer beharrlich als gesetzeswidrige Handlungen bezeichnen, die mithilfe von »verbrecherischen« Absprachen organisiert werden. Kinder wären in dem Fall natürlich ein Ablenkungsfaktor. Aber später zeige ich ihnen die Dokumentation. Mich interessieren ihre Fragen und welche Assoziationsketten sie bilden, wie sie das Geschehen wahrnehmen.

Das Wichtigste ist aber, dass sie noch nie etwas erschreckt hat. In Wirklichkeit sind diese endlosen Gespräche darüber, dass jemand erschreckt werden könnte, dass es eine Darstellung von Grausamkeit und sogenannter Gewalt gegen sich selbst wäre, dass man damit sich selbst quälen würde und die Gefühle der Stadtbewohner und Touristen … Das alles ist natürlich eine Lüge. Ich sehe mir die Reaktionen der beiden genau an, noch nie war eine von ihnen erschrocken. Es interessiert sie, was da passiert ist, ob etwas wehgetan hat.

Es interessiert sie auch das, was die Bilder nicht zeigen – wie sich das Geschehen weiterentwickelt hat, was auf dem Polizeirevier passiert ist usw. Ihre Fragen klingen eher so: »Wie hast du das festgenagelt?« »Einfach so, es ist doch Haut.« Ich antworte ganz ruhig, dass es Haut ist und dass nichts weiter dabei ist. Sie hatten einfach nicht verstanden, wie ich das gemacht habe. Es sind ganz einfache Fragen: »Hat es weh getan?« – »Nein.«

Und wie erklärst du es ihnen?

Ich erzähle es wie eine Geschichte: Ich bin da und da hingefahren, habe das und das getan. Ich könnte noch hinzufügen: »um die Situation der Menschen zu zeigen«. Aber dann wird die Erklärung schon kompliziert.

Ist die komplizierteste Erklärung, die du ihnen je gegeben hast: »Im Land ist alles so schlecht, deswegen protestiere ich«?

Noch nicht einmal das. Ich könnte eher etwas sagen wie: Ich zeige, in welcher Situation sich ein Mensch befindet, der Angst hat. Ein Mensch, der fixiert wurde und der zulässt, dass man das mit ihm macht. Aber auch das tue ich nicht. Ich erzähle es eher wie eine Geschichte: Sie sind gekommen …

Deine ältere Tochter ist in der ersten Klasse, wenn ich das richtig sehe…

Nein.

Warum nicht?

Weil man Kinder dazu zwingt, Uniformen zu tragen. Alle werden durch gleichfarbige Röcke und Hosen unifiziert. Das ist ein klares Zeichen von aufkommendem Totalitarismus.

Meinst du das ernst?

Natürlich, die Schuluniform ist ein Zeichen. Es ist irrelevant, in welcher Institution es vorkommt. Es ist Unitarismus. Den gibt es auch bei Religionen.

Schuluniformen sind Zeichen von aufkommendem Totalitarismus?

Ja.

Herrscht in England Totalitarismus?

Ein ehemaliges Höllenimperium. Die Schuluniform ist ein Zeichen. Die Sex Pistols werden da immer noch verboten. Oder lies doch mal was über Margaret Thatcher.

Ich weiß genug über Margaret Thatcher, gut, dann gab es eben mal eine Eiserne Lady, jetzt gibt es sie nicht mehr und die Uniformen sind geblieben.

Auch über ihren Umgang mit der Irish National Liberation Army? Thatcher ist weg, aber die Sex Pistols werden immer noch verboten.

Hältst du die USA auch für einen totaliären Staat?

Nur weil es ein kapitalistisches System gibt, bedeutet es noch nicht, dass ein Staat keinen totalitären Kern haben kann. Sieh dir an, was man in den USA mit den Anarchisten von Chicago gemacht hat. Oder wie sie Emma Goldman ausgewiesen haben. Mir fallen gleich sicher noch ein paar psychiatrische Diagnosen ein, die sie erfunden haben: Drapetomanie, Dysästhesie.

Ich möchte nur darauf hinaus, dass beispielsweise die Harvard-Uniform überhaupt nichts mit Erscheinungen des Totalitarismus zu tun hat. Verstehst du?

Tu ich, allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass jede Uniform ganz unmittelbar etwas mit Totalitarismus zu tun hat. Es ist eine klare Ausradierung der Identität und eine Unterordnung unter die Allgemeinheit. Nur ist das bei bestimmten Regimes deutlicher sichtbar als bei anderen, wo die Anzeichen eher diffus sind.

Eine Harvard-Uniform ist nichts für die Allgemeinheit. Und die Oxford-Uniform auch nicht. Weißt du was aus deren Absolventen wird? Alles andere als gewöhnliche graue Mäuschen in untergeordneten Positionen. Ihre Uniform ist wie ein Abzeichen – »Ich bin einer der klügsten und vielversprechendsten Menschen meiner Generation.«

Die SS-Uniform war auch ein Abzeichen: Ich bin einer der klügsten und vielversprechendsten der ganzen Menschheit.

Das ist nicht ganz richtig, bei der SS war alles komplizierter. Die Bedeutung einer Harvard-Uniform ist immer dieselbe…

Ich spreche von Zeichen. Es kann keine Armee ohne Uniformen geben. Und jede Armee basiert auf brutalen totalitären Strukturen. Eine mörderische Disziplin ist die Grundlage ihrer Überlebensfähigkeit in Kriegszeiten. Wie soll man einen Staat nennen, der nach dem einfachen militärischen Prinzip einer mörderischen Disziplin lebt?

Soll das heißen, dass alle Staaten, in denen es Schuloder Universitätsuniformen gibt, nach diesem Prinzip leben?

Ein großes totalitäres System setzt sich aus vielen Zeichen zusammen. Das ist eines davon. Je mehr Zeichen, desto totalitärer die Struktur. Es ist offensichtlich, dass es in Nordkorea etwas mehr von diesen Zeichen gibt als in den USA, deshalb wirkt Nordkorea auch totalitärer.

Wie passen dann die afrikanischen Republiken in diese Theorie?

Genauso, nur ist das Bild ein anderes. Leni Riefenstahl hat sich sehr für die weiße wie auch für die schwarze Ästhetik interessiert. Dafür bekam sie so einige Anschuldigungen, du weißt selbst welche. Hör mal, was Afrika betrifft, ist es sowieso jenseitig. Ich habe neulich einen Film über Neokolonialismus gesehen. Westliche Kolonialisten fahren mit ihren Missionaren nach Afrika und es beginnt die zivilisatorische Hölle. Nach einem Jahr ihrer Arbeit sitzen die afrikanischen Kinder in Uniformen auf der Schulbank. Die afrikanischen Männer marschieren im Gleichschritt in Uniformen. Und die Frauen zerren weiße BHs über ihren Schmuck.

Denkst du nicht daran, dass deine Tochter Konflikte mit ihren Altersgenossen bekommen könnte?

Nein, tu ich nicht. Und ehrlich gesagt, ist mir das egal. Was für Konflikte könnte sie denn bekommen? Ich denke, wenn sie Konflikte hat, wird sie diese lösen können. Davon gehe ich aus. Welche Art Konflikte? Dass man sie nicht versteht?

Ja, dass man sie nicht versteht. Kinder sind grausam. Sie könnten anfangen, sie zu hänseln, wenn sie in einen Informationsraum kommen, in dem es deine Aktionen gibt. Denn für den Großteil der Bevölkerung, deren Kinder ja die Klassenkameraden deiner Tochter sein werden, ist es befremdlich und unverständlich – für die bist du einfach ein stadtbekannter Irrer. Die Kinder werden die Position der Eltern übernehmen. Sie sagen: »Wir haben die Tochter eines modernen Künstlers in unserer Klasse.« Und die Eltern erwidern: »Ach, dieser Typ, der seine Eier an den Roten Platz nagelt?« Deine Kinder werden immer wieder mit so etwas konfrontiert sein. Hast du darüber nie nachgedacht?

Das, was du gerade beschreibst, ist der Bereich der Perspektive. Bei der Polizei reden sie sehr gern darüber.

Das betrifft die Frage, wie man sich selbst auf dem Weg zur eigenen Aktion am besten Hürden baut. Ich kann dazu sagen, dass ich mit vielen Situationen konfrontiert war und eine Vorstellung davon habe, wie die Leute es wahrnehmen. Diese überschwänglich emotionale Reaktion findet man eigentlich nur im Internet. Wenn ich im wirklichen Leben mit Menschen zu tun habe, stelle ich in der Regel fest, dass die Leute es sehr wohl verstehen.

Ich hatte nur einmal einen Streit mit einem Mann in der Metro. Es war noch nicht einmal ein Streit, er ist einfach hysterisch geworden, als er mich erkannt hat. Er hat mich in der Metro wiedererkannt – es war ein relativ junger Mann – und hat angefangen, mein Aussehen mit Bildern aus dem Internet abzugleichen und durch die Bahn zu rennen. Alle sitzen da, der Zug fährt. Und er rennt durch die Bahn und fordert die Menschen auf, sich gegen mich zu erheben, sich irgendwie zusammenzutun. Kein Einziger hat ihn unterstützt. Er hat den Leuten immer wieder sein Smartphone hingehalten und sie haben einfach abgewunken – ein herumrennender Bürger eben. Ich habe ihre Reaktionen genau beobachtet. Nachdem es ihm nicht gelungen war, Unterstützung zu bekommen, ist er dazu übergegangen, mich zu beschuldigen, ich hätte das Land erniedrigt, ihn erniedrigt, den Platz, sonst noch irgendwas. Ich habe den Leuten angesehen, dass auch wenn sie mich erkannt haben … In ihren Augen war keinerlei Unverständnis oder Wunsch, sich auf mich zu stürzen. Es ist viel wahrscheinlicher, dass Menschen verstehen, als dass sie nicht verstehen.

Und was die Kinder betrifft, die Grausamkeit der Kinder … Ich weiß nicht.

Erziehst du die Kinder irgendwie besonders, damit sie in der Lage sind, sich gegen das zu wehren, womit sie aller Wahrscheinlichkeit nach konfrontiert sein werden?

Vielleicht gebe ich ihnen einige Fertigkeiten mit. Die Ältere – weil beide keinen Kindergarten oder ähnliche Strukturen besucht haben – spielt Schach und geht boxen. Die Jüngere geht nur zum Boxen, für Schach ist sie noch ein bisschen zu jung.

Ich dachte mir schon, dass deine Kinder auf jeden Fall Kampfsport betreiben müssen.

Das liegt vermutlich eher daran, dass es zwei Mädchen sind. Sagen wir, es ist eine Art Überlegung zum Thema der Stellung der Frau und dazu, dass der Frau durch bestimmte Institutionen, unter anderem auch durch den Feminismus, eine Opferrolle aufgezwungen wird. Der Feminismus betont ständig: Eine Frau ist immer Opfer und ein Mann könnte sie schlagen. Niemand kann irgendwen schlagen. Das ist immer eine Frage der Einstellung. Geschlagen wird nur jemand, der zulässt, dass man ihn schlägt. Und weil sie Mädchen sind, würde ich nicht wollen, dass sie so etwas zulassen.