Fütter mich - Cornelia Travnicek - ebook

Fütter mich ebook

Cornelia Travnicek

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Opis

Fabelhaft, verrückt und ungeschminkt: Erzählungen von Cornelia Travnicek. Das Mädchen, das sich pausenlos auf die Waage stellt, um jedes Gramm zu kontrollieren; der Mann, der seine Freundin bis zur Bewegungsunfähigkeit mästet; das autistische Kind, das mit Vorliebe bunte Gegenstände verspeist: Die junge österreichische Autorin Cornelia Travnicek serviert ihren Lesern elf Geschichten, die gleichzeitig amüsieren, berühren und zum Nachdenken anregen. Ihre Protagonisten sind allesamt dem Hunger zum Opfer gefallen: dem Hunger nach Liebe, Anerkennung oder Schönheit. Wie in ihrem Erfolgsroman "Chucks" erzählt Cornelia Travnicek auch im Erzählband "Fütter mich" Geschichten, die direkt aus dem Leben gegriffen sind: ungeschminkt, geradlinig und ohne Pathos, dafür mit einer gehörigen Prise subtilem Humor. • berührend, komisch, verrückt: Erzählungen, die durch den Magen gehen • Gewinnerin des Publikumspreises beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt 2012 • prämierte Verfilmung ihres Romans "Chucks"

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Cornelia Travnicek

Fütter mich

Erzählungen

Inhalt

Cover

Titel

Wo wir sind

Im Baum die Elster

Eklipse

Ouroboros

Alere – Fütter mich

Marasmus

Vulpes vulpes

Secundum Haec

Orthos Orexi

Der Riss im Morgen

Wer wir sind.

Impressum

Über die Autorin

Weitere E-Books

Cornelia TravnicekFütter mich

Wo wir sind

Heimat ist da, wo man sich aufhängt.

(Franz Dobler)

Isabell dachte nach. Sie schnippte mit ihrem Finger die halb gerauchte Zigarette Richtung See und blies imaginären Rauch aus. Denn in Wahrheit rauchte Isabell nicht. Sie tat allenfalls das, was man gemeinhin als Paffen bezeichnet. Thomas lächelte, als er sie ansah. Sie haben doch recht, sagte sie, irgendwie.

Vielleicht war es die Hintergrundstrahlung, der natürlich beschleunigte Zerfall. Eigentlich sollte sich hier das Leben schneller verändern, sollten die Dinge stärker mutieren. Aber die Frösche im See hatten alle zwei Augen und nicht mehr. Es kam ihr manchmal vor, als wäre genau das Gegenteil von Veränderung der Fall. Sie sah den Wellenkreisen nach, wie sie sich wieder in der glatten Wasseroberfläche verloren. Ein ruhiger Tag. Wie die meisten. Das Gespräch, das sie mit Thomas geführt hatte, ließ sie nicht mehr los.

Weißt du das Neueste, hatte er gesagt. Und obwohl man in so kleinen Dörfern selten umhinkam, das Neueste zu wissen, hatte sie es nicht gewusst. Der alte Schwarzer hat sich umgebracht, hatte er gesagt. Warum denn, hatte sie gefragt. Der dachte wohl, er hätte Krebs, antwortete Thomas. Hm, machte sie. Dabei hatte er gar keinen. Hat seine Diagnose falsch verstanden. Thomas lachte kurz verlegen. Find ich jetzt nicht lustig, hatte sie gemeint. Darauf hatte er nichts mehr gesagt.

Eigentlich, sagte er jetzt, solltest du deine Zigarette nicht in den See schmeißen. Sie gab ihm keine Antwort. Eine einzige Zigarette verschmutzt 10.000 Liter Wasser, fügte er hinzu. Klugscheißer, dachte sie. Und wenn schon, sprach sie aus. Kannst ja reinspringen und sie wieder rausfischen, murmelte sie leiser. Thomas warf Steinchen ins Wasser und zupfte an den Grashalmen neben seinen Schuhen. Ein leichter Wind war aufgekommen und sie spürte, wie sich ihre Haut zusammenzog und sich die feinen Härchen am Nacken aufrichteten. Der Sommer war hier immer so plötzlich vorüber.

Sag was. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an. Was soll ich sagen? Er trotzte. Erzähl du mir was. Würdest du dich auch erschießen, fragte sie ihn. Ich weiß nicht. Sie sah ihm zum ersten Mal seit langem wieder direkt ins Gesicht. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Sie wusste, dass er die Wahrheit sagte. Aber alle hier tun das, wenn sie denken, es wäre an der Zeit, sagte er, das ist normal. Vielleicht muss man das hier können, meinte sie.

Am Sonntag sah sie den Kindern hinterher, die vor ihr über die Heide liefen. Sie belauschte die Gespräche der Eltern, die ihr in ein paar Schritten Abstand folgten. Familienausflügler hatte sie lieber als die Schulklassen und die Pensionistenvereine. Bis zum ersten Stein war es nicht mehr weit. Ein Stück Bergfundament. Wenn sie die Kinder im Kreis um sich scharte und ihnen eine der mystischen Geschichten erzählte, behielt sie stets die wohlwollenden Gesichter der Mütter in ihrem Augenwinkel. Es roch nach trockenem Gras, denn der Sommer war kurz und heftig gewesen, die Hitze hatte die Heide verbrannt. Sobald man vom Licht in den Schatten trat, fröstelte einen. Der Herbst dauerte hier nicht mehr als zwei Wochen. Nur wenige Besucher kamen im Winter, die Winterbesucher waren von einer anderen Art. Sie wollten keine geführten Wanderungen und vorgegebenen Wege. Die meisten von ihnen waren alleine.

Wie sie da gelegen hatte, das Loch im Hals, durch das der Schlauch verlief. Die spitze Nase, die Richtung weißer Decke zeigte. Die Bewegungslosigkeit.

Sie kannte den Weg. Der Rhythmus ihrer Schritte war der Takt ihrer Gedanken. Sie dachte an Wien, an das Stück Himmel, das sie im Ausschnitt ihres Fensters über dem Wohngebäude auf der anderen Straße hatte sehen können. Eines der Kinder kam angelaufen. Isabell, Isabell. Das Mädchen zog an ihrer Hand. Sie bemühte sich, in gebückter Haltung hinter ihm herzulaufen. Isabell, schau mal. Kinder hatten nie Scheu, einen beim Vornamen zu nennen. Die anderen sprangen kreischend um sie herum. Auf dem Weg lag ein regungsloser Käfer. Schwarz und so lang wie einer ihrer Finger. Der Chitinpanzer glänzte in der Sonne, die Zangen bewegten sich nicht. Ein Junge stieß ihn mit einem Stöckchen an. Das ist ein Hirschkäfer, quietschte das Mädchen, das Isabells Hand noch immer nicht losgelassen hatte. Ja, sagte Isabell und nickte. Sie nahm dem Jungen das Stöckchen ab und stieß selbst damit gegen den Käfer. Er bewegte sich immer noch nicht. Er stellt sich nur tot, sagte sie, der hat nur Angst. Weil wir so groß sind, vermutete der Junge. Genau, sagte Isabell, lasst uns weitergehen. Die Eltern folgten ihnen einer nach dem anderen und jeder betrachtete im Vorbeigehen den toten Hirschkäfer.

Als die letzte der Familien in ihr Auto gestiegen war, winkte Isabell noch einmal. Durch die spiegelnden Glasscheiben sah sie blondes Haar auf dem Rücksitz. Das Feuerzeug ging zweimal aus, bevor die Zigarette endlich anfing zu brennen. Sie mochte das Knistern, das entstand, wenn sie kräftig die Luft durch die Zigarette einsog. Ihr Mund war voll Rauch. Sie versuchte, Ringe daraus zu formen, während sie ihn langsam ausblies. Sie musste nicht rauchen, das wusste sie. Sobald sie den Rauch tief einatmete, begann sie zu husten. Sie warf die Zigarette nach der Hälfte zu Boden und trat da­rauf herum. Trockenes Heidegras brennt leicht und schnell. Vielleicht schneller als man laufen könnte.

Gerade in dem Moment, in dem sie die Mikrowelle einschaltete, stand Thomas auf einmal in ihrer Küche. Sie schlug mit dem Geschirrtuch nach ihm. Du hast mich erschreckt! Er lachte nur und legte ihr die Hände um die Hüften. Sie spürte seine Knochen auf ihre treffen. Lass mal, sagte sie und entwand sich seinem Griff. Was gibt es denn Gutes zu essen bei dir? Er schnupperte laut und zog die Nase kraus. Das riecht ja gar nicht. Wie soll es auch, ist ja noch in der Verpackung, gab sie zurück. Du hast aber Löcher in das Plastik gemacht, oder? Ja, hab ich. Der rote, ölige Saft des Chilis war ihr auf den Pullover gespritzt, als sie mit einer Gabel in die Folie gestochen hatte. Einmal, zweimal, immer wieder. Bis sie der Meinung war, dass es nun reichen würde. Vielleicht stech ich mal keine Löcher rein, sagte sie, während sie die Schale beobachtete, die sich in der Mikrowelle im Kreis drehte. Thomas stellte sich neben sie und sah ebenfalls zu, wie sich ihr Abendessen drehte, so, als wäre das eine interessante Ballettaufführung. Warum, wollte er wissen. Einfach so, sagte sie, damit ich zusehen kann, was passiert.

Wo wir sind, ist oben. Das, stand im Internet, sagen die Waldviertler mit einem Augenzwinkern. In Wien hatte sie im fünften Stock gewohnt, Altbau, ohne Aufzug. Direkt unter dem Dach. Die umliegenden Häuser waren alle noch ein oder zwei Stockwerke höher gewesen. Wenn sie sich aus ihrem Fenster gelehnt hatte, konnte sie in die farblose Schlucht zwischen den Häusern sehen. Es war ein unansehnlicher Teil von Wien gewesen, einer, dem nicht einmal Graffitis frische Farbe verliehen. Im Sommer wurde es unerträglich heiß in den Zimmern und im Winter musste sie einen Schal tragen. Ihre Finger waren klamm geworden, wenn sie an ihren Skulpturen gearbeitet hatte. Später wärmte sie ihre Hände immer über einem Topf mit kochendem Wasser. Mit Ton konnte sie nur im Frühling oder im Herbst arbeiten. Im Sommer wurde er schnell spröde, trocknete aus und ließ sich schwer formen. Im Winter wurden die Hände am feuchten Ton zu kalt. Einmal waren zwei ihrer Finger über mehrere Stunden ganz weiß und taub, sie dachte schon, sie wären erfroren. Nur langsam war das Gefühl zurückgekommen.

Sie war nachher im Bett liegen geblieben, einfach nicht gegangen. Als der Schlauch schon lange fort war. Ihre Freundinnen hielten ihre Hand. Geh nach Hause, sagten sie, schlaf dich aus. Aber in ihrer Wohnung war sie vom einen Ende des Raumes zum anderen gewandert, wieder und wieder. Irgendwann war sie im Wohnzimmer zusammengebrochen und am Teppich eingeschlafen.

Thomas sah ihr beim Essen zu. Sie bemühte sich, möglichst geräuschlos zu essen und mit geschlossenem Mund zu kauen. Dabei betrachtete sie eingehend das Ziffernblatt der Kuckucksuhr an der Wand. Immer noch erschreckte es sie, wenn der mechanische Vogel plötzlich heraussprang und rief. Am schlimmsten war zwölf Uhr. Was machst du heute noch? Sie schluckte erst hinunter, bevor sie ihm eine Antwort gab. Lesen. Gehst du gar nicht weg heute Abend? Sie lachte trocken. Keines der beiden Dorfwirtshäuser war für sie eine Alternative zum jeweils anderen. Ein paar von uns wollen weiter weg fahren. Wohin, fragte sie nach. Das wissen wir noch nicht, wir treffen uns erst mal hier und dann sehen wir weiter. Sie trafen sich immer erst hier und sahen dann weiter. Aber weiter war immer nur bis zum nächsten Bier. Ich glaube, ich bleibe lieber zu Hause, sagte sie. Du könntest auch zu mir kommen und wir könnten fernsehen. Warum, glaubst du, besitze ich selbst keinen Fernseher, fragte sie ihn, nur damit ich dann zu dir zum Fernsehen gehe? Sie schloss die Augen. Die Mädchen am Bildschirm. Du bist schwierig, sagte er. Sie zuckte nur mit den Schultern.

Zwei Wochen später lag morgens der erste Raureif über der Heide. Die Steine waren von feinen Eiskristallen überzogen, die man mit dem Fingernagel abkratzen konnte. Sie folgte zwei Wanderern mit einigem Abstand. Für heute waren keine Gruppen angemeldet. Ihr Atem kondensierte in kleinen Wölkchen.

Fast zu spät, hatte der Mann im weißen Kittel gesagt. Sie hatte an ihren Beinen hinunter gesehen. Fast zu spät. Sie hielt sich ihre Hand auf Augen­höhe und sah durch die Finger.

Ihr Haus duckte sich an den Hügel. Wenn man es von der Seite betrachtete, konnte man den Eindruck erhalten, es stehe schief, würde etwas zur Seite hängen. Das Holz war mit der Zeit fast schwarz geworden. Von den grünen Fensterläden blätterte der Lack. Sie seufzte, wenn sie an den Stoß Brennholz dachte, der lange nicht so hoch war, wie er sein sollte vor dem Winter. Sie würde Thomas um Hilfe bitten müssen. Nachdem sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, legte sie die Wollschlange vor den Türspalt. Der Schlange fehlte schon lange eines ihrer Hosenknopfaugen. Sie zog sich die gestrickten Socken mit den Ledersohlen über die Füße. Der alte Holzboden knarrte mit jedem Schritt. Die Teppiche hatte sie alle aus ihrer Wohnung in Wien mitgebracht. Sie stellte den Emailleteekessel auf den Herd und setzte sich in ihren Schaukelstuhl und starrte in den Vorgarten.

Du musst fortgehen, hatten ihre Freundinnen gesagt, raus, unter Menschen. Fortgehen, hatte sie wiederholt und dabei an etwas ganz anderes gedacht als Clubs und Diskotheken. Ihr habt recht, hatte sie irgendwann gesagt und war hierher gezogen. Im Umkreis von einem Kilometer lagen nur zwei andere Häuser, eines davon unbewohnt. Einmal war sie dort gewesen, die Holztür war mit einem Vorhängeschloss abgesperrt, das längst verrostet war. Sie hatte die Tür aufgetreten, sodass die Eisenkette brach. War verwundert gewesen über ihre eigene Kraft. Drinnen im Haus lag der Staub millimeterdick auf den Möbeln. Von dort hatte sie den Schaukelstuhl mitgenommen. Und die Fotografie eines ernst dreinblickenden, schwarzhaarigen Mädchens. Die Tür hatte sie mit der Kette wieder zugebunden, so gut es ging.

Ihr Telefon klingelte. Sie hob ab. Ich bin’s. Außer Thomas rief sie nie jemand an. Ich habe eine Idee, die wird dir gefallen, versprach er. Da bin ich aber mal gespannt, antwortete sie und versuchte, ironisch zu klingen. Er war ein guter Freund, sie mochte ihn gerne. Ich habe hier eine Packung Schokoladeneis und ein großes Stück Zitronenkuchen. Und? Sie wartete. Damit werde ich jetzt zu dir kommen. Ist das eine Drohung? Er lachte. Sie schluckte nur. Außerdem bringe ich ein paar neue CDs mit und ein paar Zeitschriften. Da lachte sie auch. Bis gleich, sagte sie und legte auf.

Ich weiß, was heute für ein Tag ist, sagte er zu ihr und griff nach ihrem linken Unterarm, der bei näherer Betrachtung genauso schief stand wie ihr Haus. Trümmerbruch. Isabell schloss die Augen. Sie spürte wieder, wie die Bodenhaftung auf ein­mal nicht mehr vorhanden war. Ich will nicht darüber reden, sagte sie zu Thomas. Du musst nicht, sagte er. Das Aufeinanderprallen von Körper und Boden. Die Musik im Radio, die eben noch ­fröhlich geklungen hatte. Aber ich wollte dich heute nicht alleine lassen. Er streichelte ihren Arm. Dass er einfach nicht mehr reagiert hatte. Die Kälte. Der feuchte Schimmer auf der Straße vom ­Abendregen. Sie presste ihre Lippen zusammen. Es ist schon drei Jahre her, sagte er, du musst wieder ­anfangen. Sie nickte. Ihre Lippen glänzten vom Fett des ­Zitronenkuchens.

Bei alten Hunden macht man das doch auch, hatte Thomas gesagt. Ich weiß nicht. Sie hatte ihren Kopf geschüttelt. Das ist normal hier. Normal. Sie hatte kurz gelacht. Bevor jemand anders für dich entscheiden muss, wie und wo du stirbst, hatte Thomas gemeint. Ihre Brust war eng geworden. Vielleicht, hatte sie gesagt, vielleicht muss man das ja können, sich erschießen. Sie hatte auf einem Grashalm gekaut und die warme Feuchte der Erde war durch ihre Hose gedrungen.

Nachts sah sie den Irrlichtern zu, wie sie in flackernden Bewegungen über dem Moor schwebten. Zu Hause, das ist bei dir selbst, hatte sie einmal zu sich gesagt. Sie hatte ihre Hand zur Faust gepresst, als sie den Schlauch aus ihrem Hals zogen. Eines der Irrlichter verschwand für einen Moment und tauchte neben einem zweiten wieder auf. Sie dachte an das Erstaunen der Kinder, dass es ausreichte, einen der großen Granitsteine mit einem Finger zu berühren. Mit einer Kinderhand. Und schon kam alles ins Wanken.

Im Baum die Elster

Sie drückte vorsichtig mit ihren Daumen die feuchte, schwarze Erde fest. Das Pflänzchen war von einem nahezu überirdischen Grün, aber so klein, so zerbrechlich. Man durfte es nicht anfassen, oder es würde vergehen. Sie liebte ihre Pflanzen. Mit den erdigen Fingern strich sie sich die Haare aus der Stirn, hinterließ einen schmutzigen Streifen auf ihrer Haut. Dann drückte sie den Rücken durch, um den Schmerz daraus zu vertreiben. Es war noch früh am Morgen und das Gras nass vom Tau, sie spreizte die Zehen und bohrte sie in die Erde. Nachdem sie alle achtzehn Pflänzchen in ihre neuen Töpfe gesetzt hatte, hob sie das Tablett hoch und trug es zurück in das Gewächshaus.

Die Tasse mit dem angeschlagenen Rand, die Lieblingstasse ihrer Mutter, schob sie immer beiseite, wenn sie einen Becher für den Kakao von Jan suchte.

„Steh endlich auf!“, rief sie zum dritten Mal. Ein paar Minuten später hörte sie das Tappen von Füßen auf der Holztreppe. Am Ende der Treppe wurde das Geräusch vom Teppich verschluckt. Ohne sich umzudrehen sagte sie: „Du hast deinen Pullover verkehrt herum an.“ Er hatte seinen Pullover immer verkehrt herum an, das Innere nach außen, das Hintere nach vorne gedreht. Jan sagte nichts. Er blieb in der Tür stehen, bis sie seinen Kakao genau in die Mitte der Länge des Tisches gestellt hatte, den Löffel so, dass er nach rechts aus der Tasse ragte. Dann ging Jan mit genau sieben Schritten zum Tisch, kletterte auf den Stuhl und trank die Tasse zur Hälfte leer.

„Hallo Mia!“ Sie winkte nur kurz zurück und versuchte, beim Einparken nicht in die Autos der Mütter zu fahren. Durch das geöffnete Fenster gab sie Jan sein Jausenpacket nach draußen. Wäre sie eine der Mütter, würde sie wohl jetzt Dinge sagen wie „Sei brav“ oder „Pass gut auf dich auf“, aber sie war nicht Jans Mutter, sondern seine große Schwester, darum sagte sie nichts, und machte nur das Grußzeichen der Vulkanier. Jan erwiderte den Vulkaniergruß und ging dann geradewegs auf das Schultor zu, mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern. Sie sah ihm kurz nach, bevor sie weiterfuhr und noch einmal im Vorbeifahren ihrer Freundin Caroline winkte, die einen Kinderwagen durch den Morgen schob.