Fundamentalismus - Wolfgang Wippermann - ebook

Fundamentalismus ebook

Wolfgang Wippermann

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Opis

Fundamentalistische Strömungen finden sich in allen Weltreligionen: Judentum, Buddhismus, Christentum, Hinduismus etc. Wolfgang Wippermann stellt sie alle vor und ordnet sie historisch wie aktuell-politisch ein. Er zeigt Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Fundamentalismen auf. Ein Buch, das unverzichtbar für alle ist , die sich mit einem der wichtigsten Phänomene unserer Zeit beschäftigen wollen oder müssen.

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Wolfgang Wippermann

Fundamentalismus

Radikale Strömungen in den Weltreligionen

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © Getty Images

Dieses Werk wurde vermittelt von

Aenne Glienke | Agentur für Autoren und Verlage

www.AenneGlienkeAgentur.de

ISBN (E-Book) 978-3-451-34694-1

ISBN (Buch) 978-3-451-30476-7

Inhalt

Schlimmer als OpiumWas ist Fundamentalismus?Einleitung

1. „In God we trust“ – ProtestantischerFundamentalismus in den USA

City upon a hill · Pursuit of happiness · Awakenings · Mormon · Ku-Klux-Klan · Christian front · Enemy within · Empire of evil · Clash of civilizations · Fazit

2. „Cruzada“ – Katholischer Fundamentalismus in Spanien

Reconquista · Inquisition · Fundamentalistischer Absolutismus · Liberalismus und Sozialismus · Faschismus und Carlismus · Opus Dei · Transición · Fazit

3. „Orthodoxie“ – Orthodoxer Fundamentalismus in Russland

Cäsaropapismus · Kirche und Antisemitismus · Kirche und Nationalismus · Kirche und Faschismus · Kirche und Kommunismus · Kirche und Demokratie · Fundamentalisten und Faschisten · Fazit

4. „Dschihad“ – Islamischer Fundamentalismus im Nahen und Mittleren Osten

Islam und Islamismus · Kalifen und Assassinen · Turcophobie und Orientalismus · Fundamentalismus und Nationalismus · Amin al-Husseini und die PLO · Hassan al-Banna und die Muslimbrüder · Ruhollah Khomeini und der islamistische Gottesstaat im Iran · Fazit

5. „Gusch Emunim“ – Jüdischer Fundamentalismus in Israel

Hirten und Herrscher · Propheten und Freiheitskämpfer · Widerstand und Untergang · Rabbiner und Märtyrer · Reform und Assimilation · Zionisten und Fundamentalisten · Fundamentalismus und Zionismus in Israel · Fazit

6. „Bharatiya Janata“ – Hinduistischer Fundamentalismus in Indien

Religiöser und politischer Hinduismus · Hinduismus und Islam · Hinduismus und Kolonialismus · Hinduismus und Nationalismus · Hinduismus und Demokratie · Der Ayodhya-Konflikt · Fazit

7. „Dalai Lama“ – Buddhistischer Fundamentalismus in Tibet

Buddhismus · Tibet · Widerstand · Pazifismus · Fazit

Grenzen der ToleranzWie gefährlich ist der Fundamentalismus?Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Endnoten

Schlimmer als OpiumWas ist Fundamentalismus?Einleitung

„Religion ist das Opium des Volks“ – hat Marx gesagt. Hatte er recht? Ist Religion wie Opium? Macht sie die Menschen schläfrig und hindert sie am aktiven politischen Handeln?1 Nein! Marx hatte nicht recht. Religion kann schlimmer als Opium sein. Religion kann die Menschen wie die Drogen Kokain und Crack aufputschen und aggressiv machen.

Doch zuvor muss die Religion zur Ideologie gemacht werden, mit der die Angehörigen von politischen und religiösen Organisationen ihre jeweiligen religiösen Dogmen und politischen Ziele zu legitimieren und zu verwirklichen suchen. Wenn dies geschieht, haben wir es mit „Fundamentalismus“ zu tun. Fundamentalismus ist eine Ideologie,2 durch welche die Religion politisiert, die Politik dagegen sakralisiert und zur „politischen Religion“3 gemacht wird. Genauer gesagt handelt es sich um zwei Ideologien und um zwei Formen des Fundamentalismus. Der religiöse Fundamentalismus ist nämlich vom politischen Fundamentalismus zu unterscheiden. Diese definitorische Differenzierung ist notwendig, aber schwer einzuhalten, weil es in der Realität fließende Übergänge zwischen beiden Formen des Fundamentalismus gibt. Religiöse Organisationen können nämlich ebenso wie politische zu fundamentalistischen werden, wenn sie eine religiös motivierte Politik betreiben.

Meine Definition des (religiösen und politischen) Fundamentalismus4 unterscheidet sich von zwei weiteren. Einmal von einer sehr engen. Dabei wird unter Fundamentalismus die wörtliche und in keiner Weise infrage gestellte Bewahrung und Übernahme von einigen Kernaussagen einer Religion verstanden. Begriffsgeschichtlich ist diese Definition korrekt, ist der Terminus „Fundamentalismus“ doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einigen amerikanischen Protestanten geprägt worden, die einige Grundsätze des christlichen Glaubens als fundamental und nicht hinterfrag- oder gar veränderbar dargestellt haben. Zu diesen „fundamentals“ wurden die Schöpfung der Welt durch Gott, die Jungfrauengeburt Jesu und seine Auferstehung sowie einige andere in der Bibel beschriebene und vorgeschriebene Dinge und Gebote gezählt.5 Als „fundamentalistisch“ sind dann auch die Bestrebungen von Angehörigen anderer christlicher Konfessionen und anderer Religionen bezeichnet worden, die jeweiligen religiösen Kernaussagen als fundamental und nicht hinterfragbar darzustellen, was mit einem fundamentalistischen, das heißt wörtlichen Verständnis der jeweiligen heiligen Schrift begründet wird.6 Dadurch wird die Religion aber noch nicht zur Ideologie gemacht. Dies ist erst dann der Fall, wenn die Beachtung und Durchsetzung der fundamentalistisch verstandenen religiösen Gebote und Verbote im politischen Raum eingefordert wird.

Nach der zweiten, weit gefassten Definition wird Fundamentalismus als Aufstand und Widerstand gegen Aufklärung, Moderne und Vernunft begriffen.7 Demnach könnten alle Religionen als fundamentalistisch bezeichnet werden. Denn die stehen nun einmal in einem gewissen Widerspruch zur Aufklärung. Einige ihrer Hauptaussagen können nicht mithilfe der Vernunft begründet werden. Auch wenn einige moderne Theologen das Gegenteil behaupten: Religion und Vernunft sind nicht deckungsgleich. Jede Religion ist zumindest in Teilen unvernünftig. Dadurch wird sie aber nicht oder noch nicht fundamentalistisch. Dies ist erst dann der Fall, wenn sie politisiert wird.

Die Definition von Fundamentalismus als Aufstand gegen Aufklärung, Moderne und Vernunft geht aber auch aus einem anderen Grund zu weit. Sind doch keineswegs alle antiaufklärerischen, antimodernen und irrationalistischen politischen Bewegungen als fundamentalistisch zu bezeichnen. Dazu werden sie erst, wenn sie diese Ziele religiös begründen und mit der Berufung auf die Religion durchzusetzen versuchen. Erst durch die Sakralisierung der Politik werden antiaufklärerische, antimoderne und irrationalistische politische Bewegungen und Regime fundamentalistisch.8 Dies berechtigt aber nicht, sie alle als extremistisch, terroristisch und totalitär zu charakterisieren, wie dies in einigen neueren Arbeiten über den Fundamentalismus im Allgemeinen und den islamischen im Besonderen geschieht.9 Fundamentalismus ist von Extremismus, Terrorismus und Totalitarismus zu unterscheiden.

Doch lassen wir diesen Streit um Definitionen und Worte. Der beste Weg, Fundamentalismus zu definieren, ist ohnehin, seine Geschichte zu schreiben. Das wird in diesem Buch versucht.10 Dies jedoch nicht abstrakt und auf einer allgemeinen theoretischen Ebene, sondern sehr konkret und umfassend. Umfassend, weil alle Weltreligionen berücksichtigt werden, und konkret, weil dies anhand ausgewählter Länder geschieht.

Wir fangen mit dem christlichen Fundamentalismus an und behandeln den protestantischen Fundamentalismus in den USA, den katholischen in Spanien und den orthodoxen in Russland. Danach wenden wir uns dem Fundamentalismus in anderen Religionen und Ländern zu und analysieren den islamischen Fundamentalismus im Nahen und Mittleren Osten; den jüdischen Fundamentalismus in Israel; den hinduistischen Fundamentalismus in Indien und schließlich den buddhistischen Fundamentalismus in Tibet.

Wir beginnen meist in der unmittelbaren Gegenwart, um dann jedoch weit in die Geschichte zurückzugreifen, indem wir auf die Entstehung und Entwicklung von religiös-fundamentalistischen Strömungen und politisch-fundamentalistischen Bewegungen in den ausgewählten Ländern eingehen.

Der Bogen, der in dieser globalen Ideologiegeschichte des Fundamentalismus gespannt wird, ist einerseits sehr weit, andererseits aber, was die Auswahl der Länder angeht, auch sehr begrenzt. Beides bedarf der Begründung. Alle Weltreligionen wurden berücksichtigt, um dem Vorwurf der Einseitigkeit und Einäugigkeit zu begegnen. Ein solcher kann der heute modisch gewordenen Kritik des islamischen Fundamentalismus durch Angehörige anderer Religionen gemacht werden. Vor allem christliche Kritiker des ‚islamistischen Splitters‘ neigen dazu, den ‚fundamentalistischen Balken‘ im eigenen Auge zu übersehen.

Problematischer und schwieriger zu begründen ist die Auswahl der Länder. Dass der hinduistische Fundamentalismus am Beispiel Indiens und der jüdische Fundamentalismus am Beispiel Israels behandelt werden, ist sicherlich ohne Weiteres einsehbar. Gute Gründe gibt es auch, die Darstellung des islamischen Fundamentalismus auf den Nahen und Mittleren Osten und des Buddhismus auf Tibet zu begrenzen. Doch warum wurden Geschichte und Gegenwart des protestantischen Fundamentalismus in den USA, des katholischen in Spanien und des orthodoxen in Russland analysiert? Soll damit suggeriert werden, dass es diese Varianten des christlichen Fundamentalismus nur in diesen Ländern gegeben hat? Nein, keineswegs! Diese Länder wurden deshalb ausgewählt, weil die religiös-fundamentalistischen Strömungen und die politisch-fundamentalistischen Bewegungen hier besonders bedeutsam waren und immer noch sind.

Was können wir11 in Deutschland12 aus der gesamten globalen Ideologiegeschichte des Fundamentalismus lernen? Ich meine Folgendes und stelle folgende These bzw. hier noch Hypothese auf: Fundamentalismus in jeglicher Form und Gestalt ist gefährlich. Dies aber nur dann, wenn politisierte religiöse Dogmen und religiös begründete politische Zielvorstellungen gegen die universalistischen Werte von Menschenrecht und Menschenwürde verstoßen und wenn ihre Verwirklichung nicht mit den demokratischen Prinzipien und Regeln vereinbar ist.13 Geschieht das, sind die Grenzen der Toleranz überschritten.

Doch dies ist, wie gesagt, meine These bzw. Hypothese, die ich im Folgenden näher begründen, aber keinem aufdrängen möchte. Stattdessen möchte ich sie mit meinen Lesern diskutieren. Aus diesem Grund ist das vorliegende Buch in einer dialogischen und zugleich knappen Form gehalten und in einer allgemein verständlichen Sprache geschrieben. Es wendet sich an einen – hoffentlich – breiten Leserkreis, der sich informieren und sich mit meinen kritischen Thesen auseinandersetzen möchte.

1. „In God we trust“Protestantischer Fundamentalismus in den USA

„In God we trust“ steht auf den amerikanischen Eindollarnoten. Eine merkwürdige Verbindung von Gott und Geld, die von vielen Europäern als anstößig empfunden wird. Die US-Amerikaner sehen das jedoch anders. Sie vertrauen nicht nur auf Gott, sie glauben auch an ihn. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2002 sollen es 90 Prozent von ihnen sein. Ein Ergebnis, das durch den subjektiven Eindruck, den ausländische Besucher der USA haben, bestätigt wird. Vor allem Deutsche nehmen mehr als verblüfft wahr, dass die Kirchen voll sind. Und dies keineswegs nur zu Weihnachten, sondern wirklich an jedem Sonntag.

Deutsche und Europäer erstaunt auch, dass Amerikaner den Namen Gottes oft und gern in den Mund nehmen und sich auf ihn berufen: Amerikanische Staatsbürger begrüßen sich nicht selten mit „God bless you“; amerikanische Präsidenten beenden ihre Reden meist mit einem „God bless America“. Und amerikanische Beamte leisten ihren Treueid auf die „one nation under God“. Gemeint sind die USA, die von vielen Amerikanern als „God´s own country“ bezeichnet und verherrlicht werden.

Andererseits stellen Deutsche und viele Europäer ebenso erstaunt fest, dass in den USA Kirche und Staat strikt voneinander getrennt sind, weshalb es hier keine Kirchensteuern, keinen Religionsunterricht in staatlichen Schulen und keine religiösen Symbole in staatlichen Behörden gibt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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