Friedrich Hecker - Kurt Hochstuhl - ebook

Friedrich Hecker ebook

Kurt Hochstuhl

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Eine der Symbolfiguren der deutschen Revolution der Jahre 1847 bis 1849 war zweifelsohne Friedrich Hecker, der wie kein Zweiter die Epoche des Vormärz prägte. Als socialer Demokrat wusste er die drängenden Probleme der Zeit in klare und eindringliche Worte zu fassen und in politische Handlungen umzusetzen. Dabei scheute er auch vor der revolutionären Tat nicht zurück - ein konsequentes Verhalten, das ihn schließlich in die Emigration zwang. Auch als Farmer in den USA trat er für seinen Traum von politischer und sozialer Freiheit ein, als entschiedener Gegner der Sklaverei und als Offizier im amerikanischen Bürgerkrieg. Bis heute ist der Vorkämpfer einer demokratischen Republik eine der zentralen Erinnerungsfiguren der deutschen Demokratie geblieben. Aus Anlass seines 200. Geburtstages fasst der Band das Leben und Wirken Friedrich Heckers zusammen und erklärt anschaulich, verständlich und kompakt die Bedeutung dieses deutsch-amerikanischen Demokraten.

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Eine der Symbolfiguren der deutschen Revolution der Jahre 1847 bis 1849 war zweifelsohne Friedrich Hecker, der wie kein Zweiter die Epoche des Vormärz prägte. Als socialer Demokrat wusste er die drängenden Probleme der Zeit in klare und eindringliche Worte zu fassen und in politische Handlungen umzusetzen. Dabei scheute er auch vor der revolutionären Tat nicht zurück - ein konsequentes Verhalten, das ihn schließlich in die Emigration zwang. Auch als Farmer in den USA trat er für seinen Traum von politischer und sozialer Freiheit ein, als entschiedener Gegner der Sklaverei und als Offizier im amerikanischen Bürgerkrieg. Bis heute ist der Vorkämpfer einer demokratischen Republik eine der zentralen Erinnerungsfiguren der deutschen Demokratie geblieben.

Aus Anlass seines 200. Geburtstages fasst der Band das Leben und Wirken Friedrich Heckers zusammen und erklärt anschaulich, verständlich und kompakt die Bedeutung dieses deutsch-amerikanischen Demokraten.

Dr. Kurt Hochstuhl ist Leiter des Staatsarchivs Freiburg im Landesarchiv Baden-Württemberg.

Mensch – Zeit – Geschichte

Herausgegeben von Peter Steinbach, Julia Angster, Reinhold Weber

Die Herausgeber: Professor Dr. Steinbach lehrt Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Professor Dr. Julia Angster lehrt Geschichte Großbritan- niens und Nordamerikas an der Universität Kassel. Dr. Reinhold Weber ist Publikationsreferent bei der Landeszentrale Baden-Württemberg und Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen.

Kurt Hochstuhl

Friedrich Hecker

Revolutionär und Demokrat

Verlag W. Kohlhammer

Alle Rechte vorbehalten © 2011 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart

Print: 978-3-17-021626-6

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-023312-6

epub:

978-3-17-023311-9

mobi:

978-3-17-026015-3

Inhalt

Vorwort

Herkunft, Jugend, Ausbildung (1811–1836)

Die Politik wird zum Schicksal (1836–1847)

Politische Sozialisation in Mannheim

Politik als Aufgabe und Beruf

Das politische Alter Ego: Gustav Struve

Der Deutschkatholizismus – eine nationale Kirche als Vorläufer eines nationalen Parlaments?

Die Fronten scheiden sich – Offenburg, 12. September 1847

Das merkwürdige Jahr 1848 – Gärung in Europa

Die Februarrevolution

Die Märzereignisse

Enttäuschung in Frankfurt

Die republikanische Schilderhebung

Zwischenstation in Muttenz

„Die Freiheit verhüllt ihr Haupt!“ – Friedrich Hecker in den USA

Erster Aufenthalt in den Nordamerikanischen Freistaaten

Zwischen zwei Welten! Friedrich Heckers Ankunft in den USA

Farmerjahre

Einmischen in die politische Debatte

„Ich bin ein Amerikaner“ – Friedrich Hecker und der amerikanische Bürgerkrieg

Im Herbst des Lebens – Friedrich Hecker als Unterstützer von Carl Schurz

Weiblichkeit und Weiberrechtelei – zum Frauenbild Friedrich Heckers

Reise nach Deutschland

Tod und Nachwirken

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Stichwortverzeichnis

Vorwort

„Einsam und trotzig, wie alle, die mit feurigem Kern im Herzen die Schranken des Bestehenden durchbrechen.“

Viktor von Scheffel, Ekkehard

Die Revolution als Fest, so stellten sie sich dar, die zahlreichen Gedenkfeiern zum 150. Jahrestag der deutschen demokratischen Revolution der Jahre 1847 bis 1849. Wie kaum einem anderen historischen Thema gelang es diesem Ereignis am ausgehenden 20. Jahrhundert vor allem in Baden, neben Frankfurt unzweifelhaft Hauptort des deutschen Revolutionstheaters, Massen zu erreichen und damit historische, aber auch politische Identität zu vermitteln, flächenhaft und schichtenübergreifend. Auf Freiheitsfesten wurde Barrikadenwein gereicht, Kartätschenwürste verspeist und Freiheitsbier getrunken, schwarz-rot-goldene Kokarden zierten die Freiheitsfreunde, die, wenn es beliebte, auch allerlei Nippes mit nach Hause nehmen konnten. Mit weitem Abstand an der Spitze rangierten dabei Devotionalien, die in Verbindung mit dem Namen Friedrich Hecker standen: Hecker-Taler, Hecker-Figuren, Hecker-Pralinen, Hecker-(Nougat-)Kugeln, Hecker-Weine, natürlich rot, Hecker-Blusen und unangefochten an Nummer eins, der Heckerhut. Einen solchen stülpte sich auch der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel über, als er im September 1997 in Offenburg eine Ausstellung zur Offenburger Versammlung von 1847 eröffnete.

Dies wurde von vielen als geradezu frivole Aneignung progressiver, freiheitlicher und republikanischer Traditionen durch einen wertkonservativen Politiker angesehen und damit als Widerspruch in sich selbst. Tatsächlich darf als sicher angenommen werden, dass Friedrich Hecker, jene vorwärts stürmende, dynamische und fast durch nichts zu bremsende politische Urgewalt des 19. Jahrhunderts auch in Konfrontation zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten (und all seinen Vorgängern und Nachfolgern) geraten wäre, so sie sich denn begegnet wären. Abgesehen von den immer mit Leidenschaft und häufig mit Zorn ausgetragenen Diskussionen um die Frage, wem die Geschichte gehört, kann das Auftreten Erwin Teufels mit dem Heckerhut allerdings auch unter einem ganz anderen Aspekt betrachtet werden. War es nicht auch äußeres Symbol für die Wertschätzung eines Mannes, der durch sein Wirken auf der politischen Bühne und trotz seiner weniger glücklichen Taten in der revolutionären Arena Entwicklungen vorweggenommen und eingeläutet hat, deren umfassende Wirkungen erst nach langen und leidvollen Umwegen in der demokratischen Staatsform zum Tragen kommen, die die Geschicke unseres Landes seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945, und der friedlichen Revolution im Osten Deutschlands, 1989/90, wesentlich prägt?

Wer war dieser Mann, der 1848 wie 1998 geradezu als Inbegriff der demokratischen Revolution galt und gilt, was machte und macht ihn so populär, was ließ ihn – diesseits wie jenseits des Atlantiks – zu einem einflussreichen, von seinen Gegnern häufig auch gefürchteten Menschen werden?

Der bedeutende Biograph Joachim Fest hat historische Größe einst an der Frage festgemacht, ob ein Mensch das Denken und Fühlen seiner Zeit zu bündeln vermag und daraus allgemein gültige politische Verhaltens- und Handlungsstrategien zu ziehen in der Lage ist. Friedrich Hecker konnte beides in herausragender Weise. Liberalismus, Soziale Frage, das Verhältnis von Staat und Kirche, Freiheit der Bildung, parlamentarische Teilhabe aller an den Geschicken des Staates, Ablösung des Obrigkeitsstaates, Aufhebung der stehenden Heere und deren Ersetzung durch den Bürger in Uniform, Einführung und Anerkennung allgemeiner und universeller Bürger- und Menschenrechte, Aufhebung der Sklaverei waren die Oberbegriffe, die das Denken und Fühlen der Menschen bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika wesentlich geprägt haben. Wie kaum ein anderer seiner politischen Weggefährten verfügte der Rechtsanwalt aus Eichtersheim über die Fähigkeit der Veranschaulichung der dahinter wirkenden politischen und sozialen Gemengelagen und keiner vermochte die Analyse und damit die Kritik des Bestehenden, den politischen Gegenentwurf und die zu dessen Umsetzung erforderlichen Handlungsanleitungen populärer und wirksamer zu vermitteln als er.

Wer mit auf die Reise zur Entdeckung dieses vielschichtigen, z. T. widersprüchlichen, häufig unbequemen Charakters geht, wird viele tausende Kilometer und Meilen zurücklegen, muss dabei mehrmals den Atlantik überqueren, bekannte und unbekannte Städte und Gegenden streifen, um schließlich feststellen zu dürfen, dass es Friedrich Hecker überall da, wo er sich politisch einmischte, um die Verwirklichung seines Ideals der Freiheit des Einzelnen in einem auf gerechter sozialer, wirtschaftlicher und politischer Grundlage basierenden freiheitlichen Staatswesen gegangen ist. Auch wenn er 1881 verstarb, ist – zumindest im übertragenen Sinne – Friedrich Heckers Reise auch 200 Jahre nach seiner Geburt nicht zu Ende.

Mein Dank gilt Frau Prof. Dr. Julia Angster, Kassel, Herrn Prof. Dr. Peter Steinbach, Mannheim, und Dr. Reinhold Weber, Stuttgart, den drei Herausgebern, für die Aufnahme des Manuskripts in diese Reihe, dem Kohlhammer-Verlag, namentlich Dr. Daniel Kirn, und ganz besonders meiner Frau Doris, die als Erstkorrektorin akribisch die vielen Leichtsinns- und Flüchtigkeitsfehler aufdeckte und mich auf logische Fehler oder Satzkonstruktionen hinwies, die selbst mir beim Wiederlesen ein Rätsel blieben.

Notgedrungen übernimmt der Autor, auch weil er schlichtweg nicht weiß, wem er sie sonst zuschieben kann, die Verantwortung für inhaltliche und alle sonstigen Fehler.

Kurt Hochstuhl, im Dezember 2010

Herkunft, Jugend, Ausbildung (1811–1836)

Die Französische Revolution des Jahres 1789 hatte das Ancien Regime in Europa zum Wanken gebracht. Die Versuche der alten Mächte, der revolutionären Bedrohung durch kriegerische Konfrontation Herr zu werden, verkehren sich ins Gegenteil. Unter dem Ansturm der französischen Revolutionstruppen, die ab 1799 in Napoleon Bonaparte ihre nationale Führungsgestalt finden, zerbricht schließlich 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Mit der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich verlieren zahlreiche deutsche Fürsten ihre dortigen Besitzungen. Entschädigt werden sie durch den Reichsdeputationshauptschluss des Jahres 1803, der die bisherigen politischen und rechtlichen Grundlagen des Alten Reichs außer Kraft setzt. Fast sämtliche geistlichen Herrschaften werden säkularisiert und kleinere weltliche Herrschaften mediatisiert. Einer der großen Profiteure dieses Prozesses ist die kleine Markgrafschaft Baden, die um nicht weniger als das Vierfacheihres ursprünglichen Umfangs anwuchs und deren Bevölkerungszahl sich innerhalb eines Jahrzehnts annähernd versechsfachte. Damit einher ging eine Standeserhöhung des badischen Markgrafen, der 1803 zum Kurfürsten und schließlich 1806 zum Großherzog ernannt wurde. Die territorialen wie die Standesveränderungen überdauerten den Untergang Napoleons und wurden, ergänzt durch kleinere Modifikationen, im Friedensschluss des Wiener Kongresses und der Deutschen Bundesakte vom 8. Juni 1815 bestätigt. Letztere regelte als eine Art Grundgesetz auch den Aufbau des Deutschen Bundes, der trotz seiner föderativen Struktur vom größten Bundesstaat Österreich dominiert wurde. Das in der Bundesakte gegebene Versprechen, „landständische Verfassungen“ in den 37 Einzelstaaten des Deutschen Bundes einzuführen, wurde nur teilweise gehalten.Im März 1818 erstach der radikale Burschenschaftler Karl Ludwig Sand in Mannheim den Dichter August von Kotzebue, der als Feind der Burschenschaft und ihres Ringens um Deutschlands Einigung und Freiheit galt. Dieses Attentat diente dem österreichischen Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich zum Vorwand, der beginnenden liberal-konstitutionellen Entwicklung im Deutschen Bund Einhalt zu gebieten und ein nach ihm benanntes Unterdrückungssystem durchzusetzen, das konsequent jede freiheitlich-liberale Regung unterdrückte, eine allgegenwärtige Zensur einführte und den obrigkeitlichen Überwachungsstaat perfektionierte. Mit der durch die Karlsbader Beschlüsse in Mainz eingerichteten Zentraluntersuchungskommission wurde eine eigene Überwachungsbehörde geschaffen, die sich ausschließlich der Verhinderung „demagogischer“ und revolutionärer Umtriebe im Deutschen Bund widmete.

Doch die Idee von nationaler Selbstbestimmung und die Sehnsucht nach liberaler Weiterentwicklung der in den Verfassungen der Einzelstaaten angelegten Entwicklungsmöglichkeiten ließen sich auch nicht durch noch so ausgeklügelte Überwachungsmechanismen gänzlich unterdrücken.Im Gefolge der französischen Julirevolution des Jahres 1830 brachen in Belgien, Italien und Polen revolutionäre Bewegungen aus, deren gemeinsames Ziel die Loslösung von den sie beherrschenden europäischen Großmächten war. Überall im Deutschen Bund stießen diese Bewegungen auf große Sympathien der Bürger; besonders die Begeisterung für den Kampf der Polen gegen das zaristische Russland nahm fast massenhafte Züge an. Auch wenn regionale Unruhen in mehreren Bundesstaaten, wie Braunschweig, Hannover, Sachsen und Kurhessen, meist schon nach wenigen Tagen niedergeschlagen werden konnten, genügte allein das Wissen um die Macht der Straße, um einzelne Regierungen zu einer Lockerung des Überwachungsstaates und auch zu weitreichenden Reformgesetzen zu bewegen. Das Hambacher Fest, jene weithin beachtete Kundgebung des radikalen südwestdeutschen Liberalismus, auf dem die „vereinigten Freistaaten Deutschlands“ und das „konföderierte republikanische Europa“ von den über 20 000 Teilnehmern gefordert wurden, bot den alten Mächten jedoch den Vorwand, wieder energischer gegen die liberalen und demokratischen Regungen im Volk vorzugehen. Öffentliche Kundgebungen, Volksversammlungen und die politischen Vereine wurden mit Verbot belegt, und auf österreichische Initiative die Einzelstaaten des Deutschen Bundes auf das monarchische Prinzip festgelegt. Eine weitere Verschärfung erfuhr der obrigkeitliche Überwachungsstaat 1833, als ein von Burschenschaftlern und Handwerkern verübter Angriff auf die Frankfurter Wache, der als Auftakt einer allgemeinen nationalen und demokratischen Erhebungin Deutschland gedacht war, kläglich scheiterte.

Der 1834 auf preußische Initiative ins Leben gerufene Deutsche Zollverein ermöglichte den zollfreien Warenverkehr zwischen den einzelnen Staaten, eine Angleichung des Zollrechts und die schrittweise Schaffung eines einheitlichen Münz-, Maß und Gewichtssystems. Vorbote und Symbol zugleich der Industriellen Revolution in Deutschland war die Einweihung der ersten deutschen Eisenbahn 1835 zwischen Nürnberg und Fürth.

In den turbulenten Anfängen des 19. Jahrhunderts bildete das Jahr 1811 einen gewissen Ruhepunkt. Die Welt, in den zurückliegenden Jahren durch Napoleon Bonaparte in Atem gehalten, schien Luft zu holen und Kraft zu sammeln, um sich für die kommenden Auseinandersetzungen zu wappnen. Zumindest in Mitteleuropa schwiegen das Jahr über die Waffen und die durch die napoleonische Flurbereinigung neu geschaffenen Nachfolgestaaten des untergegangenen Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation fanden endlich Zeit, sich ihrer inneren Konsolidierung zu widmen und auf den Trümmern der zerschlagenen absolutistischen Staaten neue, moderne Strukturen aufzubauen. Das Großherzogtum Baden hatte ein Großteil der Arbeit schon in Angriff genommen. Vor wenigen Jahren noch eine kleine Markgrafschaft, hatte es durch Geschick und kluge (auch Heirats-)Politik verstanden, sich zu vergrößern und war so durch kaiserliche Gnade zu einem gefestigten Mittelstaat geworden, der als Teil des Rheinbundes eng mit Frankreich liiert war. Hervorragende Beamte, die dem greisen,1728 geborenen und seit Jahrzehnten regierenden Fürsten Karl Friedrich von Baden selbstlos zur Seite standen, hatten schon nach den ersten Gebiets- und damit verbundenen Bevölkerungszuwächsen begonnen, dem aus vielen heterogenen Teilen gebildeten Staat eine neue, einheitliche Verwaltungs-, Organisations- und Rechtsstruktur zu verpassen. Auf die unterschiedlichen Traditionen der einzelnen Gebietsteile konnte dabei keine Rücksicht genommen werden. Das von Johann Friedrich Brauer entworfene, eng an den französischen Code Civil angelehnte Badische Landrecht war am 1. Januar 1810 in Kraft getreten und hatte ein umfassendes Zivilrecht geschaffen, das das bürgerliche Leben im gesamten Staat einheitlich regelte und dem wirtschaftlichen Leben Rechtssicherheit gewährte. Dem Landrecht unterworfen waren auch der ritterschaftliche und standesherrliche Adel im Großherzogtum, der im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses und der Auflösung des Alten Reichs seine reichsunmittelbare Stellung und damit einen Großteil seiner Privilegien verloren hatte. Dazu zählten auch die Herren von Venningen, einem seit Anfang des 14. Jahrhunderts im Kraichgau ansässigen Rittergeschlecht. Als Mitglied im Ritterkanton Kraichgau hatte die Familie bis 1806 die Ortsherrschaft über zahlreiche Gemeinden in der Umgebung von Sinsheim ausgeübt. Davon ließ sich offensichtlich gut leben, zählten doch die von Venningen zu den reichsten Adelsfamilien des Kraichgaus. Auch wenn die Ortsherrschaft u. a. über Neidenstein, Eichtersheim, Zuzenhausen und Eschelbronn 1806 an das Großherzogtum Baden übergegangen war, blieb die ökonomisch dominierende Stellung der Familie in ihren Dörfern unangetastet. Der umfangreiche Grundbesitz wurde land- und forstwirtschaftlich genutzt und durch einen Rentamtmann (Finanzbeamten) verwaltet. 1811 war dies der königlich-bayerische Hofrat Josef Hecker, der sich um die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie von Venningen kümmerte. 1777 in Edingen am Neckar geboren, hatte Josef Hecker im Jahre 1809 Wilhelmine von Lueder, Tochter eines hohen Beamten aus der Herrschaft Pfalz-Simmern geheiratet, und sich mit ihr in Eichtersheim im Amtshaus, in unmittelbarer Nähe des Wasserschlosses seines herrschaftlichen Arbeitgebers, niedergelassen. Im Jahre 1811 kündigte sich der erste Nachwuchs an. Angesichts dieses freudigen Ereignisses werden die Neuigkeiten aus aller Welt, soweit sie in die beschauliche Idylle Eichtersheims überhaupt vordrangen, kaum die ihnen gebührende Aufmerksamkeit in der Familie Hecker erfahren haben. Dass Napoleon am 25. März 1811 den Anbau von Zuckerrüben in seinem Einflussbereich anordnete, um so die durch die Kontinentalsperre ausbleibenden Rohrzuckerimporte aus Westindien auszugleichen, wird einen weitsichtigen Ökonomen sicher interessiert haben. Dass daraus eine europäische Zuckerindustrie entstehen sollte, die auch die wirtschaftliche Entwicklung des Großherzogtums wesentlich beeinflussen sollte, war damals sicher nicht abzusehen. Gleiches galt für das Turnen in Deutschland, das mit der am 19. Juni in der Berliner Hasenheide erfolgten Einweihung eines ersten Übungsplatzes durch Friedrich Ludwig Jahn seinen Anfang nahm. Große Aufmerksamkeit, ja Trauer und Bestürzung löste dagegen die Nachricht vom Tode des Großherzogs Karl Friedrich aus, der am 10. Juni 1811 im 83. Lebensjahr und nach 65 Jahren an der Spitze der Markgrafschaft und des Großherzogtums in Karlsruhe verstorben war. Auch wenn mancher in den neuen Gebieten der vermeintlich guten alten Zeit nachtrauerte, genoss die Person des Herrschers landauf, landab einen guten Ruf. Weit über die Grenzen hinaus galt er als Musterbeispiel eines aufgeklärten absolutistischen Fürsten, der in seiner langen Regierungszeit viele Bereiche des öffentlichen Lebens behutsam weiterentwickelt und gefördert hatte. Neben der Abschaffung der Folter, 1767, und der Leibeigenschaft im Jahre 1783 wurde er vor allem für seine von den französischen Physiokraten beeinflusste Förderung der Landwirtschaft bekannt. In ihr erblickte er die Quelle allen Reichtums, mit neuen Anbaumethoden und Produkten, aber auch z. B. der Einführung einer obligatorischen Brandversicherungskasse suchte er diesen konsequent zu mehren. Selbst Goethe, der 1775 kurz am Karlsruher Hof verweilte, war von der Person des Markgrafen beeindruckt:

„Der regierende Herr Markgraf, als einer der fürstlichen Senioren, besonders aber wegen seiner vortrefflichen Regierungszwecke unter den deutschen Regenten hoch verehrt, unterhielt sich gern von staatswirthlichen Angelegenheiten“,

vertraute er seinen Aufzeichnungen an. Bleibende Verdienste hatte sich Karl Friedrich auch bei der Reorganisation der Universität Heidelberg erworben, die er aus dem geistigen und wirtschaftlichen Mittelmaß, in dem sie das ganze 18. Jahrhundert über verharrt war, herausführte und zu einer modernen, bald auch wieder renommierten Lehranstalt machte. Als Zeichen der Anerkennung hatte die Universität den Namen des ersten badischen Großherzogs dem Namen ihres Stifters hinzugefügt und nannte sich fortan Ruprecht-Karls-Universität.

Das ganze Land trauerte um den Verlust, der umso schmerzlicher empfunden wurde, als dem Nachfolger Karl Ludwig, dem zweiten Großherzog von Baden, der Ruf eines unsicheren, unentschlossenen und damit schwachen Herrschers vorauseilte.

Abb. 1: Das Amtshaus in Eichtersheim (heute Friedrich-Hecker-Haus)

Doch dies wird den Rentamtmann Josef Hecker im beschaulichen Eichtersheim nicht übermäßig beunruhigt haben. Sein Hauptaugenmerk richtete er in der zweiten Jahreshälfte 1811 auf die Schwangerschaft seiner Frau. Sorgen machte er sich zweifelsohne, ob das Kind wie seine Ehefrau die Geburt gesund überstehen oder, wie so viele zur damaligen Zeit, in den ersten Lebenstagen vom Kindbettfieber hinweggerafft werden würden. Seine Hoffnungen wurden erfüllt. Am 28. September brachte Wilhelmine Hecker einen gesunden Jungen zur Welt, dem die stolzen und glücklichen Eltern die Vornamen Friedrich Franz Karl gaben. Drei weitere Geschwister sollten nachfolgen. 1812 kam Bruder Karl, der ab 1830 in Heidelberg Medizin studierte, dort 1835 promovierte und sich ein Jahr später in Freiburg für Chirurgie und Augenheilkunde habilitierte. Von 1839 bis zu seiner Pensionierung 1871 als Professor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg lehrend, verstarb Karl Hecker im Jahre 1878. Auf Bruder Karl folgte Schwester Henriette, die später in Mannheim einen gewissen Cron heiratete und in Heidelberg kinderlos verstarb. Die jüngste im Bunde war Anna Maria Charlotte, die später Dr. Heinrich Tiedemann, den jüngeren Bruder des am 11. August 1849 in Rastatt standrechtlich erschossenen Revolutionärs Gustav Tiedemann heiratete und nach der Revolution mit ihm in die USA auswanderte.

Wenig ist bekannt über Friedrichs Verhältnis zu seinen Eltern und seine Jugendjahre in Eichtersheim. Sein Vater war politisch geprägt von der Französischen, der Großen, Revolution und ihren auch nach Deutschland exportierten Ideen. Diese Überzeugungen vertrat er auch in der Öffentlichkeit, ja selbst seinem adligen Herrn gegenüber. So gehörte er zu den maßgeblichen Verfassern einer Eingabe des unterländischen Adels an den Großherzog Karl im November 1815, in der gegen ein neues Ertragssteuersystem protestiert wurde. Natürlich ging es darin in erster Linie um die Sicherung wirtschaftlicher Sonderinteressen des Adels, dessen zukünftige Stellung im neuen Großherzogtum noch nicht geregelt war. Indem die Eingabe jedoch die baldige Einführung von Landständen und damit die Umsetzung der im selben Jahr in Wien verabschiedeten Bundesakte forderte, formulierte sie schon früh das Prinzip der politischen Partizipation des Staatsvolkes an den öffentlichen Angelegenheiten, das zum politischen Hauptthema des noch jungen Jahrhunderts werden sollte. An den freisinnigen, ja oppositionellen Geist, der in seinem Vaterhaus herrschte, erinnerte sich Friedrich Hecker in späteren Jahren gerne; sein Vater wiederum stand Zeit seines Lebens zu den politischen Ideen seines Sohnes, auch wenn er darunter zeitweise schwer zu leiden hatte.

Dass der Venning’sche Amtmann Josef Hecker allerdings seine beiden ältesten Söhne in die Eichtersheimer Volksschule schickte, wo sie mit den Kindern der Bauern und Tagelöhner unterrichtet worden wären, scheint zweifelhaft. Vielmehr dürften sowohl Friedrich wie Karl von einem Privatlehrer auf ihren Eintritt in das Mannheimer Karl-Friedrich-Gymnasium vorbereitet worden sein. Im Jahre 1820 war es für Friedrich so weit. Er verließ sein Elternhaus in Eichtersheim und kam nach Mannheim, in jene Stadt, die ihn entscheidend prägen sollte. Hier reifte er zu der Persönlichkeit heran, die später die Massen zu begeistern vermochte. Seine Leistungen im Gymnasium waren gut, sein Betragen „gesetzlich und anständig“. Für besonders erwähnenswert im Abgangszeugnis der Schule hielt die Direktion seine schon in jungen Jahren ausgeprägten rhetorischen Fähigkeiten, die ihm sein Leben lang erhalten bleiben sollten.

Ende November 1830 immatrikulierte sich Friedrich Hecker an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg als Student der Rechtswissenschaften. Die Wahl des Studienortes hatte sicher nicht nur landsmannschaftliche Beweggründe. Natürlich war Heidelberg die Landesuniversität für den nördlichen, protestantisch geprägten Teil des Großherzogtums Baden. Aber sie war auch nach dem Übergang an Baden im Jahre 1803 durch tief greifende Reformen aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt worden und zu einer viel beachteten Universität mittlerer Größe in Deutschland angewachsen, die, was ihre Studentenzahlen anbelangte, nur von Berlin, München, Leipzig, Breslau, Halle und Göttingen übertroffen wurde. So immatrikulierten sich 1830 erstmals über 800 neue Studenten in Heidelberg,1802 waren es gerade mal deren 48 gewesen. Dieser Aufschwung kam nicht von ungefähr. Ihre Attraktivität verdankte die Heidelberger Alma Mater in erster Linie den zahlreichen herausragenden Gelehrten, die an ihr wirkten. Einen besonderen Aufschwung hatte dabei die rechtswissenschaftliche Fakultät genommen. Waren in der ausgehenden kurpfälzischen Zeit mehr als die Hälfte der Studenten in der philosophischen Fakultät, der Rest bei den Juristen und Theologen eingeschrieben gewesen, hatte sich dieses Verhältnis gänzlich umgekehrt. Nunmehr belegten knapp 60 % der Studierenden die rechtswissenschaftlichen Disziplinen, die von berühmten Hochschulprofessoren gelehrt wurden. In erster Linie ist dabei Anton Friedrich Justus Thibaut (1772–1840) zu nennen, der schon 1814 in einer Denkschrift „Über die Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuchs für Deutschland“ die Kodifizierung des Zivilrechts auf der Grundlage des französischen Code Civil gefordert hatte. Im Studenten Friedrich Hecker fand er einen begeisterten Adepten, der schon während seiner Studentenzeit die Einheit des Rechts als notwendige Vorstufe für die Einheit der Nation erkannte, und diese Grundüberzeugung bei zahlreichen Gelegenheiten immer wieder betonte.

„Wenn die Nation nach außen stark und selbst bei ihrer jetzigen Zerstückelung kräftig sein soll, so gibt es nur ein Mittel, welches darin besteht, die Nation einig zu machen, dadurch, dass ein und dasselbe Recht sie durchdringe. Das Recht ist die Milch der Erziehung und der gemeinschaftlichen Bildung, und nur die Gemeinschaft des Rechts vereinigt in der Tat die Nation zu einem Einigen.“

Friedrich Hecker vor dem Badischen Landtag,15. April 1844.

Weit distanzierter war sein Verhältnis zu Karl Salomo Zachariae (1769–1843), einem ebenfalls renommierten Rechtsgelehrten, der in Heidelberg Staatswissenschaften lehrte. Sowohl in seinen Vorlesungen wie auch in seiner politischen Funktion als Mitglied der Ersten Kammer und als Landtagsabgeordneter verteidigte er die Prärogativen der Krone und der Standesherren, für die er gerne – so Hecker – „fett dotierte Gutachten“ verfasste.

Abb. 2: Das Hambacher Fest 1832: Freiheit und Einheit

Am stärksten geprägt haben dürfte ihn allerdings Carl Joseph Anton Mittermaier (1787–1867), bei dem Hecker deutsches Privat- und Handelsrecht, Strafrecht, Zivil- und Strafprozessrecht hörte. Mittermaier, seit 1829 Mitglied der badische Gesetzgebungskommission und ab