Engel der Notaufnahme - Robert Lesslie - ebook

Engel der Notaufnahme ebook

Robert Lesslie

0,0

Opis

Eine 15-Jährige hat furchtbare Bauchschmerzen – aber ihre Mutter will nicht wahrhaben, dass sie schwanger ist. Eine zerstrittene Familie versöhnt sich am Sterbebett des Vaters. Der einsame Slim wollte nur etwas Essen, Wärme und Gesellschaft; und ein betrunkener Bürgermeister blamiert sich ziemlich: Sie alle waren in der Notaufnahme des Krankenhauses von Rock Hill. Freude und Trauer, Alltag und Wunder, Leben und Tod liegen hier eng beieinander. Dr. Lesslie erzählt Begebenheiten aus dem Alltag der Notaufnahme, die zum Schmunzeln anregen, berühren und immer wieder auf die grundlegenden Fragen hinweisen.

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Der SCM-Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Dieses E-Book darf ausschließlich auf einem Endgerät (Computer, E-Reader) des jeweiligen Kunden verwendet werden, der das E-Book selbst, im von uns autorisierten E-Book-Shop, gekauft hat. Jede Weitergabe an andere Personen entspricht nicht mehr der von uns erlaubten Nutzung, ist strafbar und schadet dem Autor und dem Verlagswesen.

ISBN 978-3-7751-7216-5 (E-Book) ISBN 978-3-7751-5586-1 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

© der deutschen Ausgabe 2014 SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title: ANGELS IN THE ER Copyright © 2008 by Robert D. Lesslie, MD Published by Harvest House Publishers, Eugene, Oregon 97402 www.harvesthousepublishers.com

Dieses Buch ist nicht dazu gedacht, professionelle medizinische Hilfe zu ersetzen. Bitte wenden Sie sich in diesen Fällen an einen Arzt. Weder der Autor noch der Herausgeber übernehmen die Verantwortung für eventuelle negative Folgen, die dadurch entstehen könnten, dass in diesem Buch enthaltene Informationen umgesetzt werden.

Die Geschichten in diesem Buch haben sich tatsächlich zugetragen. Alle eindeutig identifizierbaren Personen haben dem Autor und dem Herausgeber die Genehmigung erteilt, ihre Namen zu nennen und ihre Geschichten und/oder ihre Lebensumstände – auch in zusammenfassender oder veränderter Darstellung – zu schildern. Bei allen anderen Personen wurden die Namen, Umstände und Details ihrer Lebens- und Krankengeschichte abgeändert, um die Privatsphäre der Betreffenden zu schützen.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Übersetzung: Herta Martinache Umschlaggestaltung: Jens Vogelsang, Aachen Titelbild: shutterstock.comSatz: Lieverkus Media, Wuppertal

Für Barbara,meinen ganz persönlichen Engel

Inhalt

Grundriss der Notaufnahme des Allgemeinen Krankenhauses Rock Hill

Engel in unserer Mitte

Kapitel   1 – Eine ganz normale Nacht

Kapitel   2 – Stammgäste

Kapitel   3 – Eine unerwartete Wende

Kapitel   4 – Wir sind alle gleich

Kapitel   5 – Schmerz und Trauer

Kapitel   6 – Generationsprobleme

Kapitel   7 – Der Dämon Alkohol

Kapitel   8 – Es muss ein Wunder sein

Kapitel   9 – Lasst die Kinder zu mir kommen

Kapitel 10 – Die leise, feine Stimme

Kapitel 11 – Finstere Mächte

Kapitel 12 – Wenn es kein Morgen mehr gibt

Kapitel 13 – Geduldsproben

Kapitel 14 – Wenn das Leben zu Ende geht

Kapitel 15 – Wer ist mein Nächster?

Kapitel 16 – Engel in der Notaufnahme

Anmerkungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Grundriss der Notaufnahme des Allgemeinen Krankenhauses Rock Hill

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Engel in unserer Mitte

Ich arbeite seit fünfundzwanzig Jahren in der Notaufnahme, und in dieser Zeit habe ich viel gelernt. Ich weiß mit absoluter Gewissheit, dass unser Leben an einem seidenen Faden hängt. Ich habe begriffen, dass Demut wahrscheinlich unsere größte Tugend ist. Und ich bin davon überzeugt, dass wir uns die Zeit nehmen sollten, unsere tiefsten Gefühle mit den Menschen zu teilen, die uns wirklich wichtig sind.

Ich bin auch zu dem Schluss gekommen, dass Engel in unserer Mitte sind. Sie kommen vielleicht in Gestalt eines Freundes, einer Krankenschwester oder eines völlig Fremden. Und manchmal sind sie unsichtbar, eine fast unmerkliche und doch reale Gegenwart, die uns führt, tröstet und schützt.

Die Notaufnahme ist ein schwieriger Ort, sowohl für Patienten als auch für die, die sich um sie sorgen. Die großen Herausforderungen dieses Ortes bieten gleichzeitig die Gelegenheit, Zeuge der größten Wunder und Geheimnisse zu werden, die dieses Leben zu bieten hat. In einer Haltung tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit habe ich in diesem Buch einige meiner Gedanken und Erfahrungen zu Papier gebracht.

Dr. Robert Lesslie

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Kapitel 1

Eine ganz normale Nacht

Auch wenn ich durch das dunkle Tal des Todes gehe, fürchte ich mich nicht, denn du bist an meiner Seite.

PSALM 23,4

Alle schauten zum Haupteingang. Wir hatten das Schreien und Rufen gehört, insbesondere das markerschütternde Klagen einer jungen Frau. Im nächsten Augenblick sprangen die automatischen Türen auf und eine Gruppe von fünfzehn oder zwanzig jungen Leuten drängte in die Notaufnahme. Sie trugen einen jungen Mann. Seine Arme und Beine baumelten unkontrolliert am Körper, und sein Kopf rollte von einer Seite auf die andere. Sein T-Shirt war blutgetränkt.

»Hilfe!«, schrie jemand aus der ersten Reihe der Schar. »Jimmy ist angeschossen worden!«

Wir eilten alle zur Tür. Jeff Ryan, der Pflegedienstleiter in dieser Nacht, erreichte den Verletzten als Erster. »Folgen Sie mir!«, wies er die Leute an, die Jimmy trugen. »Und lassen Sie ihn nicht fallen.«

Er führte die Gruppe zum Trauma-Raum und rief der Sekretärin im Vorbeigehen zu: »Rufen Sie den Sicherheitsdienst!«

An der Türschwelle drehte sich Jeff um, nahm den blutenden jungen Mann auf seine Arme und trug ihn in die Mitte des Raums. Als er ihn vorsichtig auf den Untersuchungstisch legte, traten ein paar Gruppenmitglieder zögernd in den Trauma-Raum.

»Nein!«, sagte Jeff energisch, und sofort blieben sie stehen. »Sie müssen draußen warten!«

Kaum jemand hinterfragte Jeff Ryans Autorität. Er war Anfang dreißig, 1,85 Meter groß und wog gut hundert Kilo. Er arbeitete bereits in der Notaufnahme, als ich in Rock Hill ankam, und bald erkannte ich, dass er einer der besten Krankenpfleger war, mit denen ich je zusammengearbeitet hatte.

Er sah aus wie ein großer Teddybär, aber etwas in seinen Augen machte einem klar, dass er trotz seines freundlichen Äußeren nicht mit sich spaßen ließ und jederzeit explodieren konnte. Ich habe ihn einige Male explodieren sehen … und wehe dem, der ihm dann in die Quere kam. Wir nannten Jeff unseren »Vollstrecker«.

Nach wenigen Minuten lag Jimmy völlig ausgezogen auf dem Rücken. Er hatte eine Infusion mit isotonischer Kochsalzlösung in jedem Arm. Ein Blasenkatheter war gelegt, und er wurde durch eine Nasensonde, die mit einer elastischen Binde an seinem Kopf befestigt war, mit Sauerstoff versorgt.

Ich untersuchte seinen Unterleib ein zweites Mal. Ein einziges Einschussloch, genau über dem Bauchnabel. Offensichtlich war das die Eintrittswunde, aber eine Austrittswunde gab es nicht. Er war bei Bewusstsein und sprach, seit wir ihn auf den Untersuchungstisch gelegt hatten. Seine Vitalfunktionen waren anfangs akzeptabel, der Blutdruck nur leicht erniedrigt. Dies verbesserte sich rasch mit der Infusionsflüssigkeit, und jetzt schien sein Zustand stabil. Die Laboranten kamen herunter und bestimmten die Blutgruppe für eine spätere Transfusion. Diese wollten wir so schnell wie möglich vornehmen. Sam Wright, der Chirurg vom Bereitschaftsdienst, wurde benachrichtigt. Glücklicherweise war er noch im Krankenhaus – er befand sich im Operationssaal und war gerade dabei, einen Eingriff abzuschließen.

Ein paar Minuten später hatte ich ihn am Apparat. »Ich habe einen Neunzehnjährigen hier in der Notaufnahme mit einer einzelnen Schusswunde im Abdomen. Er ist bei Bewusstsein, und seine Vitalfunktionen sind stabil. Es gibt aber keine Austrittswunde. Laut Röntgenbild ist die Kugel irgendwo in der Nähe der rechten Niere. Sie sieht recht klein aus, vielleicht eine 0,22.« Das Kaliber hatte ich geraten, aber das war nicht so wichtig.

»Bereitet ihn für die Operation vor«, antwortete Sam über die Freisprechanlage. »Wir müssen ihn wahrscheinlich aufschneiden und sehen, was los ist. Ich mache den Blinddarm fertig, den du mir vorhin geschickt hast, dann warte ich im OP.«

»Gut. Bis er zu dir kommt, hat er wahrscheinlich schon eine Einheit Blut bekommen.«

»In Ordnung.« Dann war er weg.

Jeff machte ein paar Notizen in der Patientenakte.

»Ist Dr. Wright im OP für ihn bereit?«, fragte er mich.

»Ja, sobald wir alles erledigt haben«, antwortete ich.

Er nahm die Akte, trat neben den Untersuchungstisch und kontrollierte die beiden Infusionen. Dann steuerte er auf die Tür zu.

»Ich hole Hilfe, dann bringen wir ihn rüber«, murmelte er, während er die Tür hinter sich schloss.

Ich schaute Jimmy an und fragte ihn: »Sind Sie sicher, dass wir niemanden anrufen sollen? Familie? Verwandte?«

Diese Frage war ihm bereits mehrmals gestellt worden, und jedes Mal lautete seine Antwort, dass niemand behelligt werden solle. Die »Freunde«, die ihn in die Notaufnahme gebracht hatten, waren auch keine Hilfe.

Sobald Jimmy im Trauma-Raum lag, hatten sie sich aus dem Staub gemacht. Vielleicht hatten sie gehört, dass Jeff den Sicherheitsdienst angefordert hatte, oder sie vermuteten, dass bereits ein paar Polizeiwagen unterwegs waren. Warum auch immer, sie waren verschwunden.

Wir waren allein im Zimmer, und ich wartete auf das Transport-Team.

»Ich werde es nicht schaffen, Herr Doktor«, erklärte er nüchtern.

Diese unverblümte Aussage überraschte mich. Ich schaute ihn an und überprüfte seine Hautfarbe, dann den Herzmonitor, um sicher zu sein, dass mir nichts entging. Sein Zustand schien recht stabil.

»Jimmy, alles wird wieder gut. Ich weiß, das ist kein Vergnügen für Sie, aber es ist eine glatte Wunde, und Dr. Wright bringt das alles wieder in Ordnung. Vielleicht ist der Darm verletzt oder irgendetwas anderes, aber er flickt das wieder zu, und in ein paar Tagen bist du zu Hause.«

Ich brauchte mich nicht anzustrengen, um zuversichtlich zu klingen, denn ich meinte wirklich, was ich sagte. Es würde eine Routine-Operation werden. Leider sahen wir zu viele Fälle wie diesen. Bald würde es ihm wieder gut gehen. Er war jung und gesund.

Er war jetzt ganz ruhig und starrte still zur Zimmerdecke hinauf. Seine Arme lagen seitlich von ihm, ein Laken bedeckte ihn bis zur Hüfte. Er war an viele Schläuche angeschlossen, aber sein Zustand war stabil, und er sah gut aus.

»Nein«, entgegnete er ruhig und schicksalsergeben und starrte immer noch die Zimmerdecke an. »Aus dem Operationssaal komme ich nicht mehr lebendig heraus.«

Sein Ton und seine Worte gingen mir nahe. Ich musste ihm Mut machen.

»Jimmy …«

Bevor ich weitersprechen konnte, ging die Tür auf, und die beiden Männer des Transport-Teams traten ein. Sie trafen die erforderlichen Vorbereitungen und fuhren die Liege zur Tür. Ich trat beiseite.

Als Jimmy schon halb aus der Tür war, drehte er den Kopf und schaute mir in die Augen.

»Ich überlebe das nicht.«

»Alles wird gut, Jimmy«, erklärte ich ihm noch einmal, dann war er weg.

Natürlich würde ich recht behalten. In ein paar Stunden konnte ich es ihm persönlich sagen. Ich schaute auf die Uhr an der Wand. Es war halb eins.

Um ein Uhr humpelte ein neunzehnjähriges Mädchen herein und wurde von der Schwester, die für die Ersteinschätzung (Triage) zuständig war, in Zimmer 2 geführt. Sie war in ein Loch getreten (direkt vor einer der Kneipen in unserer Stadt) und hatte sich den rechten Knöchel verstaucht. Er war ziemlich geschwollen, und wir mussten röntgen, um sicher zu sein, dass er nicht gebrochen war.

Kaum hatten wir sie in einem Rollstuhl zur Röntgenabteilung geschickt, als die Tür des Haupteingangs aufschwang. Der Rettungsdienst brachte eine fünfundzwanzigjährige Frau direkt in den Kardiologie-Raum. Sie litt seit Jahren an einer Nierenkrankheit und hatte extrem hohen Blutdruck. Vergangene Nacht hatte sie wahrscheinlich einen Schlaganfall gehabt.

Sie atmete, reagierte aber nicht auf Schmerzreize oder Ansprache. Wir brauchten daher schnell eine CT-Untersuchung des Kopfes.

Nach wenigen Minuten war die Liege mit ihr unterwegs zur Radiologie.

Ich stand in der Schwesternstation und machte Eintragungen in den Akten dieser beiden Patientinnen. Aus einem arbeitsreichen Abend wurde eine arbeitsreiche Nacht. Plötzlich hörte ich hinter mir eine unbekannte Stimme kreischen. Sie schrie mir beinah ins Ohr.

»Wo ist meine Kleine? Wo ist sie?«

Erschrocken drehte ich mich um und stand einer Frau mittleren Alters gegenüber. Sie trug einen blau-weiß gestreiften Bademantel, der notdürftig von zwei großen Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde. Darunter lugte ein schwarzes, bodenlanges Seidennachthemd hervor. Ihre Füße steckten in knallroten Pantoffeln, die in der Form irgendeines nicht identifizierbaren flauschigen Tieres gestaltet waren.

Doch mein Blick wurde von ihrem Kopf angezogen. Sie hatte riesige rosafarbene Lockenwickler im Haar, die von irgendetwas zusammengehalten wurden, das ich nicht richtig erkennen konnte. Ich schaute etwas näher hin und stellte fest, dass es eine übergroße Damenunterhose war.

»Wo ist Naomi?«, fragte sie in den Raum. »Ihre Freundin hat gesagt, dass sie hier ist!«

Sie schaute sich um und suchte hektisch nach ihrer Tochter. Dann trat sie auf einen der Untersuchungsräume zu, und ich konnte sie gerade noch daran hindern, den Vorhang zur Seite zu ziehen.

»Guten Abend, ich bin Dr. Lesslie. Kommen Sie mit mir, wir helfen Ihnen, Ihre Tochter zu finden.«

Sie hielt inne, schaute mich an und machte Anstalten, etwas zu sagen. Dann drehte sie den Kopf leicht zur Seite, blickte mir über die Schulter. Sie deutete auf den Flur und schrie mit weit aufgerissenen Augen: »Meine Kleine. Was habt ihr mit meiner Kleinen gemacht?«

Mit einer ausladenden Handbewegung schob sie mich beiseite, stieß mich gegen die Theke und rannte den Flur entlang.

»Meine Kleine! Was habt ihr mit ihr gemacht?«, schrie sie noch einmal.

Unsere junge Schlaganfall-Patientin kam vom CT zurück. Sie lag ausgestreckt auf der Krankenliege, noch immer nicht ansprechbar, und wurde den Flur entlang in ihr Zimmer geschoben.

»Schaut sie an! Ihr habt sie umgebracht!« Jetzt schrie die Frau noch lauter. Sie polterte an den Röntgenassistenten vorbei, stieß einen von ihnen zur Seite und packte das Gesicht des Mädchens.

»Sie ist tot! Ihr habt sie umgebracht!«

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Sie verdrehte die Augen und schaute nach oben.

Dann ein markerschütternder Schrei: »Jesus! Hilf mir, Herr!«

Jeff ging auf die Frau zu. Normalerweise hätte er versucht, sie zu beruhigen und in einen Nebenraum zu führen. Solche Gefühlsausbrüche waren in der Notaufnahme nichts Außergewöhnliches, und obwohl sie unerfreulich waren, hatten wir uns daran gewöhnt. Doch für unsere anderen Patienten war so etwas neu, und ein paar neugierige Köpfe spähten hinter den Vorhängen hervor und versuchten, einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Sie wollten der Frau nicht zu nahe kommen. Offensichtlich war sie völlig ausgerastet.

»Wer hat das getan? Wer hat meine Kleine umgebracht?«

Jeff wandte sich ihr zu. »Hören Sie, sie ist nicht tot. Sie ist bei uns in guten Händen.« Sanft tätschelte er ihr die Schulter.

Die Frau blieb jedoch völlig unzugänglich und wandte sich brüsk ab.

»Ich will wissen, wer das getan hat!« Jetzt klang ihre Stimme bedrohlich. Sie richtete ihren Blick auf mich und machte einen Schritt auf mich zu. Drohend zeigte sie mit dem Finger auf mich: »Ich werde Sie verklagen! Das wird Ihnen noch leidtun! Ich werd’s Ihnen zeigen!« Es folgte eine detaillierte Aufzählung all der Dinge, die auf mich warteten, dann wandte sie sich wieder der jungen Frau zu und strich ihr über die Stirn. Noch einmal nahm sie den Kopf des Mädchens liebevoll in die Hände.

»Mein Schatz, was haben sie mit dir gemacht? Was haben sie nur mit dir gemacht? Ich …«

Sie hielt mitten im Satz inne, und blieb reglos stehen. Ihr Kopf neigte sich von einer Seite auf die andere, während sie das Gesicht des vor ihr liegenden Mädchens betrachtete. Entgeistert riss sie die Augen auf. Plötzlich wurde sie von einer Bewegung im Flur abgelenkt und schaute hoch. Es war unsere Patientin mit dem verletzten Knöchel. Sie hielt die Röntgenbilder auf ihrem Schoß und wurde im Rollstuhl in die Notaufnahme zurückgefahren.

Unsere verstörte Mutter richtete sich auf und ließ den Kopf der jungen Frau auf die Liege zurückfallen.

»Da ist ja meine Kleine!« Sie stürmte den Flur entlang, strahlte erleichtert und breitete die Arme weit aus. Die Sicherheitsnadeln, die ihren Bademantel zusammengehalten hatten, gaben schließlich nach, der Bademantel flog auf und flatterte rechts und links neben ihr her. Als sie am Rollstuhl angekommen war, kniete sie nieder und umklammerte ihre Tochter. Sie drückte sie an sich und wiegte sie hin und her.

»Geht es dir gut, mein Herzchen? Ist alles okay mit dir?«

Es gab nichts zu sagen oder zu tun. Wir standen einfach sprachlos da.

Es war halb fünf, und ich wurde allmählich müde. Ich brauchte unbedingt noch eine Tasse Kaffee, damit ich bis zum Sonnenaufgang durchhielt.

Auf dem Weg zum Personalraum sah ich Sam Wright im Flur herankommen. Er trug immer noch die OP-Haube und den OP-Kittel. Sie waren schweißgetränkt, und ich bemerkte Blutspritzer von seinen Knien bis zu den Schuhen.

Er ließ sich auf einen Stuhl in der Schwesternstation fallen, riss sich die OP-Haube vom Kopf und feuerte sie in einen Mülleimer in der Nähe.

»Mann, war das hart«, stieß er hervor und schüttelte den Kopf.

Ich ging zu ihm und setzte mich neben ihn. Er sprach über Jimmy. »Was hast du gefunden, Sam?«, fragte ich.

»Wir haben ihn in den OP gebracht und auf den Operationstisch gelegt. Kaum war er anästhesiert, ist sein Blutdruck gesunken. Zuerst nicht viel, aber dann ging er richtig in den Keller. Ich habe ihn aufgemacht, und da war überall Blut. Ich habe versucht, die Aorta abzuklemmen, damit ich überhaupt sehe, was los ist. Die Blutung kam von einer Stelle, an die ich nicht rankam, und ich habe sie einfach nicht unter Kontrolle gebracht.«

Er machte eine Pause, schaute mich an und schüttelte den Kopf.

Dann fuhr er fort: »Die Kugel hat die Aorta seitlich aufgerissen und ist direkt unter der Niere stecken geblieben. Sonst hat sie nichts getroffen. Erstaunlich. An dem Riss muss sich sofort ein Blutgerinnsel gebildet haben, deshalb hat er nicht viel geblutet. Jedenfalls nicht, bis er im OP war. Das Gerinnsel hat sich gelöst, und dann gab’s kein Halten mehr. Acht Bluteinheiten. Das Blut war schneller auf dem Boden, als wir es in ihn hineingepumpt haben. Wir haben unser Möglichstes getan.« Er schaute auf seine Armbanduhr. »Dreieinhalb Stunden lang haben wir alles versucht.«

Er schwieg, sank erschöpft in sich zusammen und starrte auf den Boden.

»So was ist hart, Robert. Ich weiß nicht, was ich sonst noch hätte tun können.«

Wir saßen schweigend da. Jeff kam mit zwei Tassen schwarzem Kaffee und stellte sie auf die Theke. Keiner von uns rührte sich.

Sam sagte: »Und du hattest recht. Es war eine kleinkalibrige Kugel, ich glaube 0,22.«

Die Notaufnahme und Rock Hill und der Rest der Welt um uns herum gingen weiter. Und ich dachte an Jimmys letzte Worte.

Die Notaufnahme. Hier passiert alles Mögliche. Sie ist der ideale Ort zur Beobachtung und Erforschung des menschlichen Daseins. Wir erleben sämtliche Gefühle, zu denen Menschen fähig sind, und zwar in einem angespannten und aufgeladenen Umfeld. Die Vorschriften darüber, was schicklich und gesellschaftlich akzeptiert ist, sind außer Kraft gesetzt. Man macht sich keine Sorgen mehr um das, was andere über einen denken könnten. Wo sonst würde man einen fünfzigjährigen Bankkaufmann sehen, der in einem Krankenhaushemd im Flur umherspaziert und sich nicht darum schert, dass völlig fremde Leute sein nacktes Hinterteil sehen können?

Aber in der Notaufnahme sind wir alle nackt. Unsere Stärken und Schwächen werden offen und manchmal auf schmerzhafte Weise zur Schau gestellt. Das gilt für Patienten genauso wie für Ärzte. Als Krankenhausmitarbeiter, seien wir Krankenpfleger oder Arzt, Pflegehelfer oder Sekretärin, erkennen wir schnell die Grenzen unserer Bereitschaft und Fähigkeit, mit anderen zu fühlen, Opfer zu bringen und eingefahrene Strukturen zu verlassen. Es ist möglich, Dinge nicht an sich heranzulassen, sich ein dickes Fell zuzulegen … doch das hat seinen Preis.

Schließlich ist die Notaufnahme der Ort, an dem der Glaube eines jeden von uns auf die Probe gestellt wird. Unsere Überzeugungen erweisen sich als hilfreich und tragfähig, oder wir erkennen, dass sie falsch und destruktiv sind, und werfen sie über Bord. Hier können wir lernen, wer wir sind und ob der Grund, auf dem wir bauen, trägt. Und manchmal ist die Notaufnahme auch ein Ort, an dem wir unseren Glauben finden können.

Auf den folgenden Seiten lernen Sie Menschen kennen, die durch dieses dunkle Tal hindurchgegangen sind. Ihre Erlebnisse und Kämpfe können uns dabei helfen, inmitten der Dunkelheit Gnade und Frieden zu finden.

[Zum Inhaltsverzeichnis]

Kapitel 2

Stammgäste

Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen. Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, und ihr habt mich gepflegt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.

MATTHÄUS 25,35-36

Die Notaufnahme bedeutet allen möglichen Menschen alles Mögliche, doch zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört es, die Menschen aufzufangen, die sonst nirgends hingehen können. Mitunter ist sie der einzige Ort, an dem sich überhaupt jemand um sie kümmert.

Es scheint schwer vorstellbar, dass jemand die Notaufnahme als einen Ort des Trostes und der Gemeinschaft betrachtet, doch gerade das erleben wir jedes Jahr an Weihnachten. Die meisten Menschen wollen diese Tage zu Hause oder mit Angehörigen und Freunden verbringen, und eine Fahrt in die Notaufnahme wäre für sie ein notwendiges Übel, das man nur auf sich nehmen würde, wenn man ernstlich krank oder verletzt wäre. Doch für einen großen und weitgehend unsichtbaren Teil unserer Gesellschaft ist das anders. Jahr für Jahr kommt bis zum späten Vormittag eine stetig steigende Zahl von Menschen zu uns, die eigentlich gar nichts bei uns zu suchen haben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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