Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben - Binyavanga Wainaina - ebook

Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben ebook

Binyavanga Wainaina

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Opis

Binyavanga Wainaina nimmt seine Leser mit auf die Reise durch sein Leben von den 1970ern bis in die heutige Gegenwart. Er erzählt von einer Kindheit in der urbanen Mittelklasse Kenias, der Studienzeit im Südafrika des gesellschaftlichen Wandels, den ersten schriftstellerischen Versuchen bis zum literarischen Durchbruch. Starke sinnliche Erlebnisse mischen sich mit landschaftlichen Eindrücken, gleichzeitig wird die Bedeutung von Familie, Volk und Nation vor dem Hintergrund der sich wandelnden politischen Szenerie immer wieder in Frage gestellt. Ob Wainaina sich an den Haartrockner im Frisörladen seiner Mutter erinnert, an die Musik Michael Jacksons oder an ein Familientreffen in Uganda - er tut dies so liebevoll wie respektlos, so hinreißend komisch wie melancholisch und immer mit sprachlichem Witz und scharfem Blick auf die Brüche unserer Zeit.

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AFRIKAWUNDERHORN

Reihe für zeitgenössische afrikanische Literatur

Herausgegeben von Indra Wussow

BINYAVANGA WAINAINA

EINES TAGES WERDE ICH ÜBER DIESEN ORT SCHREIBEN

ERINNERUNGEN

AUS DEM ENGLISCHENVON THOMAS BRÜCKNER

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch litprom-Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V.

Titel der Originalausgabe:

One Day I will write about this place

© 2011 Binyavanga Wainaina

Lektorat: Moritz Ahrens, Angelika Andruchowicz

© 2013 Verlag Das Wunderhorn GmbH

Rohrbacherstraße 18

D-69115 Heidelberg

www.wunderhorn.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift liche Genehmigung des Verlags reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Gestaltung: sans serif, Berlin

Umschlagabbildung: plainpicture / Readymade-Images / Philippe Levy Foto

S. 2: © Jerry Riley

ISBN 978-3-88423-454-9 (ebook)

Für Mum im Himmel & für Babs in Naks

Für Jim, für Ciru (unajua ka-magic ketu kadogo),

für Chiqy Für Wee William Wilberforce, für Bobo,

für Mary Rose, Emma und Eddy

Für AN – du weißt schon …

Alles, alles Liebe und Danke.

Die Namen einiger Personen wurden geändert, um ihre Privatsphäre zu schützen.

KAPITEL 1

Nachmittag. Wir spielen hinter dem Haupthaus Fußball, gleich bei der Wäscheleine. Jimmy, mein Bruder, ist elf und meine Schwester Ciru ist fünfeinhalb. Ich bin der Torwart.

Ich bin sieben und habe immer noch keine rechte Ahnung, warum anscheinend alle um mich herum wissen, was sie tun und warum sie es tun.

»Du bist nicht fett.« Das sagt Mum mir immer wieder. »Du bist pummelig.«

Ciru hat den Ball. Sie ist klein und schmal und goldig. Sie hat spitze Ellbogen und ein Lächeln so klar wie eine Bleistiftzeichnung. Ganz ebenmäßig gräbt es sich in ihre Wangen. Sie rennt auf Jimmy zu. Der ist groß und stark und dunkel.

Sie ist der Star ihrer Klasse. Wir haben 1978, und wir gehen alle drei in die Lena Moi Primary School. Ciru durfte letztes Trimester eine Klasse überspringen. Jetzt ist sie in Standard Two wie ich, im Klassenzimmer nebenan. Im ersten Trimester in Standard Two hat sie alle hinter sich gelassen und war Klassenbeste. Dabei ist sie die Jüngste. Alle anderen sind schon sieben.

Regungslos stehe ich zwischen den Metallstangen, die wir als Tor benutzen, und schaue zu, wie Ciru und Jim spielen. Stoßweise strömt mir der warme Atem aus den Nasenlöchern am Mund vorbei und teilt mir das Kinn. Ich kann das rosa leuchtende Fleisch meiner Lider sehen. Zufällige Geräusche dringen mir in die Ohren: Autos, Vögel, die Klingeln der Black Mambas, Kinderstimmen aus der Ferne, Hunde, Krähen und die Nachmittagsmusik des staatlichen Radiosenders. Kongo-Rumba. Vor unserem Grundstück unterhalten sich Leute in Sprachen, deren Klang ich kenne, von denen ich aber kein Wort verstehen oder gar sprechen kann, Luhya, Gikuyu.

Mein Lachen ist weit weg, tief in mir, wie bei einem Auto, das am Morgen nicht starten will, wenn der Zündschlüssel umgedreht wird. Es ist immer Ciru, die in der Schule die Beste ist, mit blauen und roten und gelben Sternchen auf jeder Seite. Immer ist es Ciru, die im weißen Kleid am Parents’ Day dem Ehrengast – Mr. Ben Methu – die Blumen überreichen darf. Wenn wir baden, spritzen und lachen und raufen wir und bald erfasst uns ein Tränenfieber oder ein Lachanfall.

Sie windet sich, den Ball vor den Füßen, um Jimmy herum und kommt auf mich zu. Ich bin bereit. Ich bin konzentriert und federe in den Knien. Ich warte auf den Ball. Jimmy rennt, um ihr den Ball abzunehmen; sie verkeilen sich und keuchen. Vor wenigen Augenblicken noch war die Sonne ein einziger gleißender Strahl. Jetzt ist sie in die Bäume gefallen. Im ganzen Garten toben tausend winzige Sonnen, blinzeln kugelförmig durch die Lücken im Laub und feuern tausende Strahlen ab. Die Strahlen fallen auf Äste und Blätter und zersplittern in zahllose kleinere vollkommene Sonnen.

Ich lache, als Ciru lacht, und in ihrem Lachen finde ich mich, und wir fallen hin und halten einander fest. Ich kann spüren, wie das Lachen in ihr anschwillt, noch bevor es aus ihr herausbricht, und da steigt es auch in mir hoch.

Ich weiß, wie ich mit ihren Launen umgehen muss, und ich weiß, wie ich mit Jimmys Launen umgehen muss. Meine Launen trampeln sich immer gegenseitig auf den Füßen herum, wenn ich unter Menschen bin. Sicher sind sie nur, wenn ich allein bin. Oder wenn ich in den Tag hineinträume.

Ciru lacht laut, ihr Mund ist weit offen und rot. Der Ton springt mich an, geflügelte Klangflächen, aber ich bin schon verloren. Arme und Beine und Ball sind vergessen. Die tausend Sonnen atmen. Sie atmen ein, legen sich matt und kühl zwischen die Blätter, und ich passe meine Atemzüge ihrem Rhythmus an; dann atmen sie aus und pusten Licht, das meinen Körper wärmt. Ich will mich schon völlig darin aufgehen lassen, als mir ein Gedanke kommt.

Die Sonne splittert gar nicht in Stücke.

Sie zersplittert nicht in körperlose Einzelteile, wenn sie in die Bäume und Dinge fällt. Jedes Sonnenstückchen bleibt immer eine vollständige kleine Sonne.

Ich fahre wieder in meine Arme und Beine und stehe im Tor und will Jimmy und Ciru die tausend Sonnen erklären. Ich bin ganz aufgeregt. Diesmal werden sie mir glauben. Ich werde nicht wie sonst oft als Dummkopf dastehen, wenn ich das sage und sie dastehen, mich ansehen, die Augen verdrehen und mir sagen, ich hätte nicht mehr alle Murmeln im Sack, Dassichdasnochmalsagensoll. Sie kommen näher. Jimmy schreit. Bevor ich wieder voll und ganz bei mir bin, platzt in meinem Ohr ein Loch auf. Der Ball trifft mich mitten ins Gesicht. Ich gehe zu Boden.

Toooor. Tausend Sonnen entladen sich in feuchtem Gelächter; sogar das Radio lacht. Ich schaue hoch und sehe, wie sie sich beide über mich beugen, schweißtropfend, die Hände in den Hüften.

Jimmy verdreht die Augen und sagt: »Du hast sie doch nicht mehr alle.«

»Ich hab Durst«, sagt Ciru.

»Ich auch«, meint Jim, und schon sind sie auf und davon, und ich will aufstehen und mit ihnen mitrennen. Mein Gesicht tut weh. Juma, unser Hund, leckt mir das Gesicht. Ich schmiege mich an seinen Bauch; meine Nase stupst in sein Fell. Die Sonne ruht unter den Bäumen, der Himmel ist klar, und ich bin nicht mehr zerteilt und in der Gegend verstreut. Ich rapple mich hoch und springe auf die Beine. Juma winselt wie ein jaulender Automotor. Ich pumpe meine Füße vorwärts, hole meine Stimme hervor und schwinge sie wie ein Lasso, um ihren Durst-Beschluss einzufangen.

»Hey!«, schreie ich. »Ich auch, ich hab auch Durst!«

Sie hören mich nicht.

Sie laufen nicht in Richtung Küche, und ich renne ihnen hinterher, mit Juma auf den Fersen, im Garten durch hohe Büschel aus ungemähtem Gras und kurve wie sie um Babas Traktoren herum, schlage Bogen, um Hundescheiße auszuweichen, renne im Kikuyu-Gras durch Schatten und abklingende Sonne, vorbei an kleinen Termitenhügeln und Haufen mit vergessenen landwirtschaftlichen Ersatzteilen, die sich hinter der Hecke stapeln, die das Wohnhaus von den Hütten der Hausangestellten trennt. Dann biegen sie ab und rufen Hi zu Zablon, dem Koch, der in weißem Unterhemd und blauen Hosen gerade Geschirr spült und nach Lifebuoy-Seife und Holzkohle riecht. Ich rufe auch Hi und kann jetzt ganz gut mit ihren Bewegungen mitfliegen. Sie halten kurz an und biegen dann auf unsere übliche Rennpiste von den Hütten der Hausangestellten hin zur Küche.

Dort hole ich sie ein. Juma stupst die Nase gegen Jims Beine, und ich sehe zu, wie sie aus Gläsern die kühle Flüssigkeit hinunterstürzen, sehe, wie es ihnen die Wangen und den Hals hinunterläuft. Jim hat gelernt, ein ganzes Glas Wasser in einem einzigen Zug auszutrinken. Es fließt die Speiseröhre hinab, Murmelbläschen, die durch eine weiche, durchscheinende Klangröhre rollen wie bei einem Frosch.

Er knallt das Glas auf den Tresen, rülpst, dreht sich um und sieht mich an.

Was ist Durst? Das Wort splittert in hundert kleine Sonnen. Ich hebe mein Glas und sehe hoch. Ciru schaut mich an. Auch ihr Glas ist schon leer, als sie sich mit dem Unterarm die Lippen abwischt.

Ich bin in meinem Zimmer. Allein. Vor mir steht ein Glas Wasser. Ich will versuchen, es so wie Jimmy hinunterzustürzen. Dieses Wort: Durst, durstig. Es steckt voller Entschlusskraft. Es treibt einen zu schnellem Handeln. Wörter, denke ich, müssen konkrete Dinge sein. Es kann doch nicht sein, dass sie nur deren Andeutungen sind, unscharfe Bilder: vereinzelte, wandelbare Wahrnehmungen?

Manchmal machen wir uns den Spaß und stibitzen Babas alte Golfbälle und werfen sie ins Feuer. Am Anfang rollen sie sich in einer Art Ekstase ein, als streichle man eine Katze. Dann beulen sie sich aus, beginnen zu blubbern und zu hüpfen, dann schießen sie wie Gewehrkugeln aus dem Feuer, gehäutet und frei. Unter der Haut befinden sich fest gewickelte Gummibänder, und die können wir jetzt ausrollen, und uns ansehen, wie die Bälle immer kleiner und kleiner werden, und die Gummibänder werden länger und länger, sodass es unmöglich scheint, dass sie aus diesem kleinen, harten Ball kommen.

Ich möchte so gewiss Durst haben wie Jimmy und Ciru.

In Wasser steckt mehr Form und Präsenz als in Luft, aber es ist eben farblos. Hast du erst einmal die Form des Wassers im Mund, entdeckst du deinen Körper. Weil Wasser rein ist. Es macht, dass du deinen Mund schmeckst, die Röhrenform deiner Kehle spürst und fühlst, wie dein Bauch zum Ball wird, wenn du trinkst.

Ich rülpse. Und reibe mir den Magen, weil es dort grummelt. Ich spiele mit dem Wasserhahn und mir fällt auf, dass das Wasser weiß wird, wenn man den Hahn voll aufdreht. Wasser hat Gestalt und Form und Richtung, wenn es mit Geschwindigkeit aus dem Hahn braust. Ich halte die Hand unter den Hahn und spüre, wie fest es ist.

Der Umriss eines Gedankens nimmt Gestalt an. Luft und Wasser und Glas. Wenn Wind sich schnell bewegt, gibt er der Luft Form; wenn Wasser sich schnell bewegt, nimmt es Form an. Vielleicht … Vielleicht ist Glas Wasser, das sich mit Übergeschwindigkeit bewegt? Wie im Fernsehen, wenn der Superheld sich so schnell fortbewegt, schneller als die Verwischung hinter ihm, dass er tausendmal schon wieder bei sich ankommt, bevor man überhaupt sieht, dass er sich rührt.

Nein. Nein. Durst ist … ist … eine schmerzende Leere, ein kleiner, hilflos schnappender Fisch an Land. Er treibt dich aus dem Überallundnirgendwo der Luft heraus, aus deinem atmenden Ich; du bist dann ein Strömen, ein unbeweglicher, fließender Ort, ein trinkendes Ich. Durst kommt eine Stufe vor dem Hunger. Der wohnt in einem festen Körper, einem Körper, der riechen, schmecken, sehen kann und Farben braucht. Ja genau!

Trotzdem – ich kann immer noch nicht sagen, warum das Wort mich so unsicher und grüblerisch macht. Ich schaffe es nicht, dass mir das Wasser mühelos die Kehle hinunterfließt. Es steigt mir in die Nase und nimmt mir den Atem. Andere Leute leben in einer Wörterwelt, und Begriffe wie Durst haben besitzen in ihrer Wörterwelt Länge, Breite und Höhe, haben eine feste Beschaffenheit, eine blinde Zugehörigkeit wie Hände und Zehen und Bälle und Türen. Sobald sie ihr Wort aussprechen, beginnt ihr Körper zu handeln, bestimmt und genau.

Ich stehe immer da und sehe zu, wie die Leute kühn nach dem Ruf der Wörter handeln. Ich kann ihnen nur folgen. Sie scheinen weder zu stolpern noch in die Löcher zu fallen, die ihre Überzeugung nicht sieht. Also muss ihre Sicherheit die richtige Welt sein. Ich setze das Glas ab. Irgendetwas stimmt mit mir nicht.

Wir sind auf dem Nachhauseweg von einem Familientag in Molo. Wir knabbern House-of-Manji-Kekse.

Letzte Woche hat sich Beatrice, die mit mir in eine Klasse geht, das Bein gebrochen. Sie haben ihr Bein mit weißem Gips überzogen. Der Wasserboiler bei uns zuhause ist mit weißem Gips überzogen. Beatrices Zehen sind dicke, graue Zecken. Der Wasserboiler ist ein plumper Zylinder hinter weißem, pappighartem Zeug, wie Beatrices neues Bein. Sie hat jetzt Krücken.

Crunch, Knuspern, heißt etwas zerbeißen, damit man die knisternde Süße schmeckt. Crunch – Knack! Eclairs. Crutches – Krücken fallen um und zerbrechen. Crutch – Krach!

Kekse.

Uganda, das Heimatland meiner Mum, fiel und zerbrach. Crutch, Krach!

Ugandas Präsident, Feldmarschall Amin Dada, verspeiste seinen Minister zum Abendessen. Den Kopf des Ministers bewahrte er im Kühlschrank auf. Sein Sohn trägt die gleiche Uniform wie er. In den Fernsehnachrichten stehen sie nebeneinander und nehmen eine Parade ab.

Ich döse. Ciru schläft tief und fest. Jimmy bittet Baba anzuhalten, weil er pinkeln muss.

Ich merke sofort, dass ich auch pinkeln muss.

Wir halten auf dem Buckel über einem Tal, das sich unter uns zu einem Puzzle aus Gärtnereien verläuft. Ich wollte schon immer mal an den Bruchlinien dieses Puzzles entlangwandern. Da draußen, in der Ferne, wartet die Welt, unbestimmt, unscharf und bezaubernd.

Ich möchte durch die Säume gleiten und auf die andere Seite hinüber.

Nachdem ich gepinkelt habe, gehe ich einfach weiter: ins Tal hinunter, vorbei an Unkraut jätenden, erstaunt aufblickenden Mammas, über einen schmalen Bach, durch eine Rinder-boma, deren Boden mit Dung bedeckt ist.

Sieh nur, sieh mal den Fieberbaum!

Sein Blätterdach ist wuschelig, die Rinde glänzt in Grün und Gold. Es sieht aus, als sei er mit spitzem Bleistift von der Seite gezeichnet, damit er seine scharfen Kanten jedem in die Seele schneiden kann, der ihn aus der Ferne betrachtet. Man klettert nicht auf ihn hinauf; er hat Dornen. Dieser Baum ist die Akazie.

Sie ist zum Träumen gemacht.

Ich bin enttäuscht, dass diese ganze ferne Landschaft, blau und dunstig, wie sie zunächst war, immer wirklicher wird, je näher ich ihr komme: Da gibt es keine Unbestimmtheiten, an denen die Klarheit verschwimmt, an der die Gewissheit kraftlos wird und die Träume wirklich werden.

Einige Zeit später sehe ich, wie mein Bruder Jimmy hinter mir her gerannt kommt. Damit fängt ein neues, spannendes Spiel an: ihn auf Abstand zu halten, immer schneller zu rennen.

Ich verwandle mich in einen Gummiriesen, einen Superhelden, den die Cartoon-Geschwindigkeit immer länger werden lässt. Ich bin so lang wie die Entfernung zwischen ihm und mir. Die Welt aus Licht und Wind und Klang schlägt mir ins Gesicht und ich werde schneller und schneller.

Wenn ich mich anstrenge, kann ich sie in mich aufsaugen, kann das ganze Vorbeizischen der Welt in mir aufnehmen. Ich beiße die Zähne zusammen, stähle meinen Bauch.

Er kommt, der Augenblick kommt.

Wenn ich diesen Augenblick richtig erwische, kann ich meine Sinne aus mir herausplatzen und in der Welt aufgehen lassen, die ich dann wie einen Wagen hinter mir herziehe. Wie einen Golfball, der aus dem Feuer schießt. Nein! Nein! Nicht wie ein Golfball! Da flatterte die Welt sinnlos hinter mir her, wie … wie der Umhang eines Superhelden.

Frei werde ich sein, frei von meiner Schwerfälligkeit, frei von Ciru, von Jimmy, von Träumen über Idi Amin. Die Welt wird zu Streifen aus blendendem Licht. Mein Körper reißt sich vom Vorbild der anderen los, wie ein Klettverschluss.

Später wache ich auf der Rückbank des Autos auf.

»Da sind wir«, sagt Mum immer gern, wenn wir zuhause ankommen. Meine Haut glüht, und Mums sanfte Knöchel streichen mir über die Stirn. Draußen kann ich zehntausend heiße, prickelnde Grillen im Chor zirpen fühlen. Ich möchte mir die Kleider herunterreißen und meine Haut in der knisternden Nacht nackt sein lassen. »Shhh«, flüstert sie, »shh, shh«, und ein rosa schmeckender Sirup läuft mir die Zunge herunter, und Babas starke Arme legen sich unter meine Knie. Ich werde zwischen die gebügelten Laken geschoben, die wie eine Lasche über die Decke zurückgeschlagen sind. Mum zieht sie mir über den Kopf. Ich bin ein Brief, denke ich, ein heiß brennender Brief, und ich sehe eine große, sirupklebrige Zunge, die sich daran macht, den Umschlag anzulecken und mich darin einzuschließen.

Ein paar Minuten später bin ich hoch und tapse hinüber zu Jimmys Bett.

KAPITEL 2

Sophia Mwela wohnt im Nachbarhaus. Sophia geht in meine Klasse. Sie ist Klassensprecherin. Ich sitze neben ihr, aber sie redet kaum mit mir. Sie ist immer Klassenbeste, wie Ciru. Ihre Familie ist reich und piekfein. Die Mwelas sprechen durch die Nase wie die Leute im Fernsehen, wie die Leute aus England oder Amerika. Wir sagen wrengwreng dazu. Ihr Haus hat ein Obergeschoss, und sie haben einen Butler und einen Fahrer mit Livree. Sie nehmen Klavierunterricht.

Ihr Vater arbeitet für Union Carbide. Er ist der Chef und deshalb arbeiten sogar Weiße für ihn. Ciru und ich werden es denen mal so richtig zeigen. Wir werden uns als Amis verkleiden. Das ist meine Idee.

Ciru und ich fallen in Mums Kleiderschrank ein. Ich setze mir eine von ihren Afro-Perücken auf, schminke mich mit Lippenstift und ziehe hochhackige Schuhe an, die ich mit Klopapier ausstopfe. Ich sage zu Ciru, dass sie sich auch in Schale werfen soll. Nein, sagt sie. Wir wollen so tun, als ob ich ihre Cousine aus Amerika wäre. Ich pudre mir das Gesicht, und wir müssen niesen. Ein leuchtendes Midi-Kleid. Ein Maxi für mich. Ich schiebe mir massenweise rosa Big-G-Kaugummi-Würfel in den Mund. Wir klettern auf den Baum, Ciru und ich, auf den Baum, der unsere Hecke von deren trennt.

Wir rufen Sophia.

»Sophiaaah«, brüllt Ciru. Wir kichern.

»Sophiaaanh«, brülle ich, so richtig amerikanisch. »Sow-phiaaanh.«

Sophia kommt, würdevoll, den Kopf zur Seite geneigt, die Stirn gerunzelt, wie eine ernstzunehmende Person, wie jemand, der etwas weiß, von dem wir keine Ahnung haben.

»Das ist meine Cousine Sherry aus Amerika. Sie ist Negerin«, sagt Ciru.

»Haaangi. Wrengwreng«, sage ich ganz amerikanisch, wiehere durch die Nase und lasse eine kleine Kaugummiblase vor dem Mund platzen. Mir fallen gleich die High Heels ab.

»Ich komm von Ohi-ow. Laas Angelis. Airrrprrrt, Baarston. Wrengwreng …«

Ich fächle mir Luft ins Gesicht und mache einen Kussmund wie die Frau auf der Lux-Seife. Dann lasse ich die Lippen schmatzend platzen. Mpah!

Sophia fragt: »Wie ist es in Ohio?«

»Oh, groovy. Is so richtig wrengwrengwreng.«

Ich sage: »Bin mit Pan Am gekommen. Mit ner siebnfiersiebn …«

Sie dreht den Kopf und nickt. Sieh nur! Sie glaubt’s!

Ich zucke mit den Schultern: »Bin einfach nur mal innen Jet, weißnich wann ich zurückfliege.«

Sie wendet sich ab.

»Ruf mich an. Meine Nummer is fünf-fünf-fünf …«

Am nächsten Tag petzt Sophia allen in der Klasse, dass ich die Kleider meiner Mutter angezogen und so getan hatte, als käme ich aus Amerika.

Sie kriegen sich gar nicht mehr ein vor Lachen.

Jimmy verdreht gern die Augen und sagt so groovy amerikanische Sachen wie: »Du hast doch nicht mehr alle Murmeln im Sack« und »Daskannstdulautsagen.«

Tausende Murmeln – jede mit einem Gummiband an deinem Verstand befestigt – werden von ihm in die harte, glatte Welt verstreut, die er vor sich sieht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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