Ein verrückter Hühnerhaufen - Dagmar Chidolue - ebook

Ein verrückter Hühnerhaufen ebook

Dagmar Chidolue

0,0

Opis

Was, im Saustall soll Lilli wohnen? Pfff. Das stinkt doch! Aber dann sieht (und riecht) Lilli ihr neues Zuhause auf dem Land und muss zugeben, dass Papa den alten Stall wirklich wohnlich gemacht hat. Nach und nach lernt sie die verschrobenen Dorfbewohner kennen, das Nachbarsmädchen Sara und die Jungs von nebenan, die sich nur auf "Galaktisch" unterhalten und mit ihrem riesigen Hund schrecklich nerven. Langsam legt das Stadtkind Lilli seine Angst vor den vielen unterschiedlichen Vier- und Zweibeinern in der Umgebung ab. Mehr noch, schon bald wird sie zu einer richtigen Tierretterin: Sie befreit ein Kätzchen aus einer Schlinge, hilft einem Entenküken aus einem Teich und rettet einen Igel. Damit ist sie ganz schön beschäftigt. Dabei muss sie doch auch die Hühner im Auge behalten, die Carola vom Forstamt ihr geschenkt hat und die nun fröhlich den Garten um den alten Saustall aufscharren – damit sie nicht der Bussard holt … Dagmar Chidolue erzählt gewohnt warmherzig, fröhlich und mit viel Augenzwinkern in der Stimme. Ein neuer sommerlicher Band für die Reihe mit dem "Vintage"-Rücken!

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 173

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Dagmar Chidolue

Ein verrückter Hühnerhaufen

ISBN eBook: 978-3-649-62332-8

© 2017 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Dagmar Chidolue

Illustrationen: Olivia Vieweg

Lektorat: Maren Jessen, Frauke Reitze

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-67035-3

Fuchs und Hase

Der Wagen brummt die endlose schmale Straße entlang. In leichten Kurven führt sie an hügeligen grünen Wiesen und Feldern vorbei. Die Wiesen haben gelbe Tupfen, und das Getreide wogt im Wind, als wäre es ein Meer.

Papa kutschiert das Auto und Mama dreht sich hin und wieder lächelnd zu mir um.

Ich weiß nicht recht, wie ich mich fühlen soll. Doch … ein bisschen wie umgekrempelt.

Bisher haben wir in der Stadt gelebt. Und jetzt sollen wir hier auf dem Land wohnen! Ich muss nach diesen Sommerferien in eine andere Schule gehen. Alle werden mich angucken, weil ich die Neue in der vierten Klasse bin. Davor habe ich Bammel.

Heute ist unser offizieller Umzugstermin. Unsere Möbel sind schon hier; wir haben in der alten Wohnung zwei Tage lang auf Matratzen geschlafen, die auf dem Boden lagen.

Jetzt zeigt Mama nach draußen, in den Himmel, und lässt das Fenster auf ihrer Seite nach unten surren.

»Schaut mal … der Bussard da …«

Ah ja! Ich kann den Vogel sehen, ganz, ganz oben kreist er, ohne einen Flügelschlag. Hat er eine Beute entdeckt? Auf der abgemähten Wiese ist nichts zu erkennen … keine Maus … kein Hase … nichts.

Papa biegt von der geteerten Straße in eine Art Feldweg ab. »Ich nehme eine Abkürzung«, sagt er.

Ach so … er kennt sich hier bereits gut aus.

Aber nun strampeln zwei Radfahrer vor uns her, bleiben stur nebeneinander und versperren den Weg. Ich höre, wie Papa durch die Zähne zischt.

Mama legt beruhigend ihre Hand auf seinen Arm. »Es sind doch Kinder«, meint sie.

Die Radfahrer sind zwei Jungs, einer auf einem dunkelblauen Fahrrad und der andere auf einem roten mit aufgeklebten weißen Blitzen. Die Jungs schauen sich grinsend an. Die fahren extra nicht zur Seite!

»Soll ich mal hupen?«, fragt Papa.

Er muss stoppen, weil die beiden Jungs angehalten haben. Sie schauen ebenfalls hoch in den Himmel. Aha … der Bussard. Und in diesem Moment stößt er hinab. Anscheinend hat er ein Opfer gesichtet. Wie ein Pfeil saust er in die Tiefe. Oh, oh … er wird sich doch nicht den Hals brechen?

Aber nein. Zielgerade schießt er auf den Boden zu, auf die kurz gemähte Wiese, und greift sich mit den Krallen die Beute. Eine kleine Maus. Also ist es wohl ein Mäusebussard, der sich seine Mahlzeit geholt hat. Trotzdem: arme Maus, arme Maus!

Durch das heruntergelassene Seitenfenster kann ich die Jungs reden hören.

Der eine sagt: »Absturz auf dem Planeten Florrum! Was jetzt, Commander? Hinter uns lauern Eindringlinge mit negativer Aura. Ich hab kein gutes Gefühl.«

»Warten wir’s ab«, erwidert der andere. »Außerdem haben wir Energieverlust! Mein Bedarf ist groß, Captain. Wenn wir nicht gleich eine Pizza online bestellen, haben wir ein echtes Problem.«

»Aber die Weltraumpiraten könnten uns folgen. Was haben die für eine Mission hier am äußersten Rand der Galaxis?«

»Cool bleiben, Captain. Das sind doch nur Wesen von der Rostlauben-Armee.«

»Eine scharfsinnige Feststellung, Commander!«

Und dann treten sie wieder in die Pedale, die Jungs, und zischen ab.

Die haben sie doch nicht alle!

Jetzt rumpelt das Auto über Kopfsteinpflaster. Grünberg! Wir sind da!

Sieht aus, als würde es hier nur vier, fünf Straßen geben. Und diese niedrigen Häuser! Höchstens eine Etage oder anderthalb.

Wir fahren durch das Dorf. Ein Marktplatz, ein Supermarkt, eine Apotheke, ein Café … ein Schloss gibt es auch noch. Da steht es, hoch und abweisend. Wer bloß auf die Idee gekommen ist, hier so ein großes Ding hinzustellen? Mit Schlossturm und Schlosspark. Sicherlich irgend so ein Fürst von anno dazumal.

Mama zeigt auf die gegenüberliegende Seite, wo einige Gebäude dicht gedrängt stehen. Noch ein Torbogen. Und daneben … »Das ist meine Bibliothek«, sagt sie. Mama hat dort nämlich eine Stelle bekommen.

Sie sagt schon »meine«. Als ob sie in diesem Ort bereits zu Hause wäre. »Und irgendwo dahinter …«, sie deutet mit dem Arm nach vorne, »… irgendwo dahinter ist auch deine Schule, Lucie.«

Ich antworte mal nicht, weil mein Herz heftig gegen die Rippen schlägt.

Es ist totenstill im Ort. Alle Leute scheinen beim Mittagessen zu sein. Oder im Tiefschlaf! Hier sagen sich jedenfalls Fuchs und Hase Gute Nacht.

Nun ist es nicht mehr weit bis zu unserem Haus. Na ja … Haus! Als Papa das Auto in einer kleinen unbefestigten und grasbewachsenen Ausbuchtung vor dem Grundstück parkt, sehe ich als Erstes eine Bruchbude. Was für ein Gerippe! Das Ding hat noch nicht mal Wände – nur Fachwerkbalken, ohne was drin. Und wo sollen wir wohnen?

Papa lacht. »Im Saustall natürlich!«

Wie bitte? Herr Wiese, jetzt spinnst du aber!

Wir steigen aus, und ich laufe zu dem hohen Holztor, durch das man in den Garten gehen kann. An der Seite liegt Bauschutt auf einem Haufen.

Und dort hinten … da steht ein Haus, das ähnelt auf einer Seite einer großen hellgrauen Garage. Die Rückwand, also zur Gartenseite hin, hat große, schmale Fenster. Davor befindet sich eine Holzterrasse.

»Na?«, fragt Papa mit verschmitztem Lächeln und legt den Arm um mich. »Was sagst du jetzt?«

»Das ist doch kein Saustall!«, sage ich.

»War’s aber mal«, behauptet Papa.

Ein Schweinestall?

Ich bin platt. Obwohl … Papa ist schließlich Architekt und versteht was von Häusern.

»Wenn das Denkmalamt mitmacht, dann kann ich hoffentlich später mein Büro da einrichten«, sagt Papa mit einem Blick auf die Bruchbude. »Und oben könnten wir Zimmer für Feriengäste ausbauen.«

»Und innen, im Saustall?«, frage ich ein bisschen bang. Hoffentlich riecht es da nicht nach Schwein!

Oh! Drinnen empfängt mich gleich unser altes rotes Sofa. Es steht in einem großen Wohnraum mit Essplatz und offener Küche. Alles fremd und doch vertraut. Und nebenan, im Abstellraum, der ebenfalls nach draußen führt, ist bereits die Waschmaschine angeschlossen.

Oben – Treppe rauf – sind zwei Zimmer eingerichtet, eins für meine Eltern und eins natürlich für mich.

Auf meinem Schreibtisch steht schon mein grüner Happy-Sound-Wecker und vom Fensterbrett her begrüßt mich meine goldene Little-Puss-Winkekatze.

Ich bin total überrascht. Der Saustall sieht toll aus! Und draußen im großen Garten grünt und blüht es. Das Laub der hohen Bäume rauscht, wenn der Wind hindurchfährt.

Vielleicht werde ich mich hier ja doch wohlfühlen … Jetzt sind wenigstens erst einmal Sommerferien.

Rolfi

Ich schlendere über den Rasen in den hinteren Teil des Gartens, der ziemlich verwildert ist. Über den holprigen Untergrund schleiche ich immer weiter hinein in die Wildnis. Es summt und brummt um mich herum wie toll. Bienen, Hummeln … Hoffentlich gibt es hier keine Wespen.

Hinter dem völlig zugewachsenen Fahrradschuppen kämpfe ich mich durch das Dickicht der Gräser und mannshohen Büsche bis zum Bach, der das Grundstück begrenzt. Vielleicht schaffe ich es sogar drüberzuspringen! Dann könnte ich noch weiter laufen, über den brachliegenden Acker, der vor mir liegt.

Der Bach ist nur ein Rinnsal, ein schmales Bächlein, aber an einer Stelle hat er sich zu einem kleinen Teich ausgebreitet.

Da bewegt sich doch was!

Ich gehe in die Hocke. Ohhh … dort sitzt tatsächlich ein kleiner Frosch und schnappt nach Luft. Ob man den anfassen kann? Wenn ich mich traue! Ich kenne mich mit Tieren in freier Wildbahn gar nicht aus, weil ich bisher immer nur im Zoo gewesen bin – geschützt hinter einem Zaun! Und natürlich im Naturkundemuseum. Aber die ausgestopften Tiere dort sind ja nicht lebendig.

Ich knie mich hin und strecke die Hand aus. Sind Frösche eigentlich genauso glitschig wie Fische?

Zum Glück will der Frosch gar nicht angefasst werden. Mit einem kleinen platschenden Hüpfer taucht er ab.

In diesem Moment fliegt etwas auf mich zu. Was ist denn das für ein blödes Vieh? Es hat grau gesprenkelte, platte Flügel und kommt immer näher. Das Insekt attackiert mich richtig. Es will sich auf meinen Arm setzen. Ich versuche, es fortzuscheuchen, aber es ist beharrlich und schwirrt mir direkt ins Gesicht. Ich schlage wild um mich. Ob das eine Bremse ist? Die Viecher sind gefährlich! Sieben Stiche können ein Pferd töten! Ja! Das habe ich schon mal gehört! Und vielleicht reichen schon drei oder zwei Stiche, vielleicht auch nur ein einziger Bremsenstich, einen Menschen zu erledigen. Ich hau ab, so schnell ich kann, bahne mir einen Weg durch Gestrüpp und Dickicht und laufe über die Wiese auf den morschen Bretterzaun zu, der an der Seite zum Nachbarn steht. Ich schaue mich um, ob die Bremse mir folgt, stolpere und knalle hin. Zum Glück bin ich auf einem weichen Sandhaufen gelandet. Es tut nicht besonders weh. Trotzdem ist mir ein Schreck in die Glieder gefahren.

Und es kommt noch schlimmer! Plötzlich steht da ein riesiger Hund vor mir, ein schwarzer Köter mit weißen und rostbraunen Fellflecken, der mich wütend anknurrt. Es gibt zwar noch den morschen Zaun zwischen uns, aber ob der Hund da nicht einfach drüberspringen kann?

Ich komme mir total ausgeliefert vor und verberge den Kopf zwischen meinen Armen. Ich will nichts mehr sehen und nicht mehr gesehen werden!

Doch der Hund hinter dem Bretterzaun gibt keine Ruh. Jetzt fängt er auch noch an zu bellen! Davon kriege ich eine richtige Gänsehaut. Ich spüre es am ganzen Körper, überall, im Bauch, im Kopf und in den Beinen. Mein Herz schlägt bestimmt doppelt so schnell!

Ob ich rückwärtskriechen soll? Vorsichtig hebe ich den Kopf.

Der Hund hat sich aufgerichtet, steht jetzt auf seinen Hinterbeinen und stützt sich mit den Vorderpfoten an den wackligen Zaunlatten ab. Womöglich stößt er noch den Zaun um! Mann, ich sterbe gleich vor Angst!

Endlich erklingen von drüben Stimmen. Sofort hört der Hund auf zu bellen.

»Feindliches Objekt im Anflug auf Punkt Drei- Fünf!« Das ist die eine Stimme – und die andere, mit einem kichernden Unterton, sagt: »Aber sie ist doch allein in der weißen Hölle.«

Dann wieder die erste, etwas tiefere Stimme: »Haben wir denn ihre Koordinaten?«

Ich richte mich auf. Hinter dem Zaun haben sich die zwei Jungs von vorhin eingefunden. Die mit den Fahrrädern! Sie stehen da, gaffen rüber und machen sich offensichtlich lustig über mich. Und schon fängt auch der Hund wieder mit seinem Radau an und hört und hört nicht auf.

Da kommt Papa. Ein Glück!

»Ey, Jungs!«, sagt er ziemlich laut. »Was soll das hier?«

»Oh, oh, Commander«, sagt einer der beiden, der bestimmt der jüngere ist. Er hat helle Haare und ein breites Gesicht. »Fällt dir jetzt ein brillanter Plan ein?«

»Abtauchen!«, sagt der andere, der mit den dunkleren Haaren, der einfach … nach Junge aussieht. »Das ist ein Humanoide. Wir sind geliefert, der Befreier von Orange-1 ist uns überlegen!«

»Abtauchen!«, sagt der andere, der mit den dunkleren Haaren, der einfach … nach Junge aussieht. »Das ist ein Humanoide. Wir sind geliefert, der Befreier von Orange-1 ist uns überlegen!«

Ich rapple mich auf. Meine Knie sind grün, braun und ganz verdreckt. Von den Händen klopfe ich mir den Sand ab. Wenn nur der Hund nicht immer so bellen würde! Dieses Untier. Das macht einen ja verrückt!

Ein Pfiff ertönt, vom Nachbarhaus her. Also dort, wo die blöden Jungs sicherlich wohnen.

Ein Pfiff … und der Hund hält seine Schnauze.

»Also, Krüger …«, höre ich Papa sagen.

Aha, die kennen sich wohl, Papa und dieser Krüger. Papa war ja auch oft genug in diesem Kaff, um am Saustall und im Garten zu arbeiten.

»Ruf mal deinen Hund zurück! Und bring ihm bei, dass wir jetzt eure Nachbarn sind.«

Noch ein Pfiff und der Hund schleicht sich.

Krüger kommt näher. Herr Krüger eigentlich, aber ich sag mal Krüger, wie Papa. Er ist bestimmt der Vater von den Jungs. »Geht in Ordnung«, sagt er – und an seine Jungs gewandt: »Dass ihr euch in Zukunft ordentlich benehmt, Freunde! Habt ihr mich verstanden? Wir haben nämlich wieder Nachbarn, Herrn und Frau Wiese und deren Tochter. Also?«

Schweigen.

Krüger fährt fort: »Habt ihr was gesagt? Ich hab nichts gehört!«

Die Jungs haben ihre Köpfe gesenkt, schweigen aber weiterhin.

»Kerle, Kerle, Kerle, ich rede mit euch!«

Der jüngere der beiden hebt den Kopf, sieht seinen Vater mit einem herausfordernden Blick an. »Falsches Passwort!«, sagt er. Und wie er dabei grinst!

»Was war das, Timm? Mit wem spreche ich hier eigentlich? Mit der Luft? Was ich meine, ist … ihr Jungs passt mir auf Rolfi auf! Nicht dass ich wieder so einen Krawall höre! Das Mädchen …«

»Das ist Lucie«, wirft Papa ein.

»… ja, also …«, macht der Vater der beiden weiter, »zeigt euch mal von eurer netten Seite, Jungs. Oder braucht ihr eine Bedienungsanleitung? Eure Mutter war auch mal ein Mädchen.«

»Pfff!« Das ist wieder der kleinere Junge. Der mit dem breiten Grinsen.

Krüger schaut ihn scharf an. Dann wandert sein Blick zu dem älteren. »Habt ihr mich verstanden?«

»Yes, Sir!«, sagt der Junge.

Der jüngere murmelt: »Jooo, ist gebongt«, und dann beide im Chor: »Roger! Roger!«

Herr Krüger sagt entschuldigend zu Papa: »Die Bengel sind halt viel allein. Weil wir beide arbeiten, meine Frau und ich, oft im Schichtdienst. Aber sie haben ja den Hund …«

»… das Ungeheuer vom roten Planeten«, unterbricht ihn der kleinere der Jungs grinsend und will verschwinden.

Doch sein Vater schnappt ihn am Schlafittchen.

»Also, das ist Timm«, sagt er an uns gewandt, »dritte Klasse.«

»Blödsinn«, sagt der Junge. »Ich komme schon in die vierte!«

Krüger zeigt auf seinen älteren Sohn. »Und Torben ist in der vierten Klasse, das heißt …«

»Das heißt, dass ich nach den Ferien in die fünfte komme, Papa!«, sagt der dunkelhaarige Bruder.

»Schlauberger«, meint sein Vater.

»Nee … Besserwisser«, sagt der jüngere der beiden frech.

Heißt das etwa … heißt das, dass ich mit diesem Timm in der gleichen Klasse sein werde? Das darf nicht wahr sein!

Die Jungs haben sich jetzt weiter hinten in ihren Garten verzogen und balgen dort mit dem Hund herum.

Krüger sagt: »Unser Rolfi, also der Hund, das ist ein prima Wachhund. Dafür ist so ein großer Sennenhund auch da. Aber Schiss brauchst du nicht vor ihm zu haben, Mädchen. Er will nur zeigen, wer hier der Herr ist.«

Ja … drüben bei euch … aber nicht bei uns!, denke ich.

»Und lass dir von den Jungs nicht alles gefallen«, sagt Krüger noch zu mir, bevor er abdüst.

Na, das werde ich mir merken.

Rasenmäher

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil es so ruhig ist. Oder doch wegen der ungewohnten Geräusche? In der Stadt war immer gleichmäßiger Verkehrslärm zu hören, ein unablässiges Brummen und Rauschen. Hier … sind die Geräusche anders. Vögel zwitschern sich die Kehle aus dem Leib. Und ein Blöken dringt zu mir herauf, bäh-bäh, mäh-mäh.

Ich springe aus dem Bett. Von meinem Fenster aus kann ich in unseren Garten und den der Nachbarn schauen. Weil die Bruchbude die Sicht aber zum größten Teil versperrt, ist das Grundstück, wo die beiden übergeschnappten Jungs wohnen, nicht besonders gut einzusehen. Auf der anderen Seite … bei den Leuten, die ich noch nicht kenne … sehe ich Schafe auf der Wiese. Dort wachsen nicht so viele Bäume wie bei uns.

Die Schafe grasen und grasen und grasen. Und sie blöken! Als ob sie sich unterhalten würden. Eins fängt an und ein anderes antwortet, bäh-bäh, mäh-mäh. Und dazwischen noch ganz andere Geräusche … grunz, grunz. Was? Können Schafe grunzen? Das muss ich gleich mal überprüfen! Ich springe die Treppe runter.

»Halt, halt!«, ruft Papa. »Du willst doch nicht im Schlafanzug nach draußen laufen?«

»Na, das fehlte noch!«, stimmt Mama zu.

Pöh, die Schafe stört das doch nicht!

Schnell ziehe ich mir die Klamotten von gestern an, obwohl die ganz schön staubig sind. Aber es ist doch egal, wie man zu Hause rumläuft. Keine Schule! Und es ist Sommer, einfach Sommer.

Ich schlüpfe nach draußen, durch die Terrassentür und über die Holzplanken direkt in den Garten. Gut, dass der Zaun auf dieser Seite stabil ist. Und besser noch, dass es nur ein halbhoher Drahtzaun ist. Ich kann also prima drüber hinwegschauen.

Huch! Wie viele Schafe laufen denn dort im Garten herum? Warum habe ich die gestern noch nicht bemerkt? Ach ja … wegen der Aufregung mit Rolfi!

Die Schafe haben aufgehört zu grasen und glotzen verblüfft zu mir herüber. Als ob sie noch nie einen Menschen gesehen hätten. Und solche Schafe wie die hier habe ICH auch noch nie zu Gesicht bekommen!

Es sind keine weißen Schafe und keine schwarzen. Es sind braune, kastanienbraune, mit einem zotteligen Fell und einem kurzen Schwänzchen. Bei einigen ist das Fell sogar schwarz gefleckt. Unbeweglich stehen die Tiere da und starren mich an.

»Tzzz, tzzz, tzzz«, mache ich. Damit will ich sagen, dass ich lieb bin und dass die Schafe mal an den Zaun kommen sollen. Weil ich sie nämlich anfassen möchte.

Aber die Schafe sind doof. Eins flitzt los, rast über die Wiese und die anderen Schafe folgen ihm im Galopp. Da stehen sie dann in der hintersten Ecke und gucken sich um. Mann, ich tue euch doch nichts! Nun

Nun kommt die Nachbarin. Die scheint nett zu sein, sie lächelt. Über ihren Jeans trägt sie ein weites T-Shirt. Und obwohl in ihrem Garten überall Schafsköttel herumliegen, läuft sie barfuß.

»Na, hallo«, sagt sie. »Jetzt ist es bald geschafft, nicht wahr? Habt ihr es euch schon wohnlich gemacht? Sieht doch toll aus, das Haus, oder?«

»Der Saustall?«

Die Frau lacht. »Ja, den meine ich. Das mit dem Fachwerkhaus dauert wohl leider noch ein Weilchen. Der Denkmalschutz will erst seinen Senf dazugeben, stimmt’s? Irgendwann ist aber auch das ausgestanden.«

Ich nicke und zeige auf die Schafe. »Haben die Angst vor mir?«

»Vielleicht«, sagt die Frau. »Das sind keine gewöhnlichen Schafe, wie du siehst. Es sind Kamerunschafe und die sind ein wenig scheu, lassen sich nicht gerne anfassen. Übrigens … ich heiße Carola und du bist bestimmt Lucie.«

»Machst du Pullover daraus?«, traue ich mich zu fragen. Ich meine … Pullover aus der Wolle.

Carola lacht wieder, aber bevor sie antwortet, ruft sie über ihre Schulter nach hinten: »Sara! Komm doch mal!«, und an mich gewandt: »Sara ist meine Tochter. Wie die sich freuen wird, dass endlich noch ein Mädchen in der Straße wohnt!«

Da kommt sie hinter einem Schuppen um die Ecke, diese Sara. Sie ist ein paar Zentimeter größer als ich, schlaksig, trägt zerfranste Shorts und ein schief hängendes T-Shirt. Sie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich. Sie hat ihre dunklen Haare im Nacken locker zusammengebunden. Meine Haare hängen einfach lang hinunter.

Carola sagt zu ihrer Tochter: »Lucie denkt, ich mache vielleicht Pullover aus den Schafen.«

Nee, so habe ich das nicht gemeint!

Sara prustet los. »Klär sie doch auf, Mutter!«, sagt sie und dann zu mir: »Hi.«

Ja … »Hi.«

Sie nennt ihre Mutter Mutter. Das habe ich noch nie gehört. Und diese Mutter gibt mich jetzt einfach an ihre Tochter ab. »Macht ihr beide euch mal bekannt, Sara. Ich muss nämlich schleunigst ins Forstamt. Schließlich habe ich auch noch einen Job. Tschüs, Lucie, tschüs, mein Mädchen.« Sie schickt ihrer Tochter einen Luftkuss hinüber.

»Tja«, murmelt Sara und schaut ihrer Mutter nach, »so ist sie eben, immer in Eile, immer was zu tun.« Dann wendet sie sich an mich: »Und du?«

Was … ich?

»Hast du Angst vor Schafen?«

»Nö.«

»Jedenfalls machen wir keine Pullover aus ihnen. Die behalten nämlich ihr Fell, weil sie auch im Winter draußen sind. Es sind unsere Rasenmäher.«

Aha.

»Komm doch rüber!«

Ich nicke – die beiden, Carola und Sara, haben ja offensichtlich keinen Hund – und will schon zum Gartentor laufen.

Aber Sara sagt: »Warte, kletter einfach über den Zaun. Da sind doch Dachpfannen aufgeschichtet, da kannst du rüber.«

Na, wenn ich die mal nicht kaputt mache!

Vorsichtig steige ich auf den Stapel. Zum Glück wiege ich ja keine hundert Kilo.

Alles geht gut. Ich bin oben. Sara reicht mir die Hand, damit ich über den Zaun und auf der anderen Seite auf eine abgedeckte grüne Regentonne klettern kann. Die Rasenmäherschafe stehen immer noch eng zusammengedrängt in der Ecke drüben, bäh-bäh,mäh- mäh. Und jetzt höre ich auch wieder dieses Grunzen dazwischen.

»Wer macht denn dieses Hngkrrr, Hngkrrr?«, frage ich.

»Das ist Susi«, erwidert Sara. »Willst du sie sehen?«

»Ja …« Ich mache einen Satz runter auf den Boden und laufe, barfuß, wie ich bin, über den abgegrasten Rasen. Sara hat auch keine Schuhe an. Hier muss man einfach all die Schafsköttel vergessen.

Und dann ist dort … Susi.

Susi ist ein Schwein. Fast genauso haarig und fellig wie die Kamerunschafe. Das gibt’s doch nicht!

»Susi ist ein Wildschwein«, sagt Sara. »Mutter hat sie allein gelassen im Wald gefunden, und zwar sehr früh in diesem Jahr. Keine Bache weit und breit.«

»Bache?«

»Die Schweinemama! Irgendwas muss passiert sein, dass die Frischlinge …« Ich sehe sie wohl ziemlich dumm an und Sara erklärt: »So nennt man die kleinen Wildschweine, falls du’s nicht weißt. Also, wahrscheinlich ist die Susi von der ganzen Rotte getrennt worden. Mutter hat dann abgewartet und …«

»Sind große Wildschweine nicht gefährlich?«, unterbreche ich sie.

»Ja, sicher, deswegen hat sie sich das Ganze erst mal aus der Entfernung angesehen. Nur … kein Schwein kam zurück, kein Mutterschwein.«

»Die Bache«, werfe ich ein.

Sara nickt. »Und da hat Mutter Susi mitgenommen und wir haben sie mit der Flasche aufgezogen.«

»Geht das denn so einfach?«, frage ich.

»Na ja.« Sara wiegt den Kopf hin und her. »So einfach war das nicht. Aber Mutter hat gute Kontakte, zum Förster und auch zu den Landwirten hier. Von wegen … was Schweine so fressen, also … Wildschweine. Und sie konnte die kleine Susi ja nicht verrecken lassen.«

»Auf keinen Fall«, stimme ich ihr zu.

»Irgendwann müssen wir sie wieder freilassen«, fährt Sara fort. »Jetzt ist sie erwachsen, also fast erwachsen. «

»Und zankt sie sich nicht mit den Rasenmähern?«

Sara grinst. »Eigentlich nicht. Susi hat kapiert, dass die Kameruner sie gar nicht in ihrer Nähe haben wollen. Anfangs hat sie noch versucht, sich mit ihnen anzufreunden. Mutter sagt: Sie hat um ihre Liebe gebettelt. Aber irgendwann hat sie aufgegeben.«

Todesmutig halte ich dem Schwein meine Hand hin. Aber es ist wirklich ein ziemlich ausgewachsenes und großes Schwein, oha! Ich möchte es lieber doch nicht an meinen Fingern schnuppern lassen und ziehe meine Hand schnell wieder zurück. Dafür streichle ich Susi kurz und fahre ihr einmal über das Rückenfell. Es fühlt sich an wie die Borsten einer Wurzelbürste.

»Lucie! Lucie!«, ruft Papa da.

Was ist? Vermisst er mich jetzt schon? Oder soll ich ihm bei irgendwas helfen?

»Ich komme!«, rufe ich zurück und frage Sara: »Willst du mit? Ich meine … es sind doch Ferien.«

»Ja klar«, sagt Sara. »Ich war noch nie bei euch.«

»Auch nicht nebenan, bei den Jungs?«