Ein Atelier in der Provence - Charlott Ruth Kott - ebook

Ein Atelier in der Provence ebook

Charlott Ruth Kott

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Opis

Seit 1981 ist die Malerin regelmäßig im Atelier in der Provence. Im Atelier konnte sie viele Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern kennenlernen. Im Buch schreibt die Malerin und Bildhauerin über Exkursionen, die Entstehung von Bildern, Grafiken und das Künstlerleben. Erlebnisse mit »Malweibern« auf Reisen in ferne Länder. Geschichten, die sie erlebte, erträumte, die ihr von den Künstlerinnen und Künstlern erzählt wurden. Abends am Brunnen oder unter dem Sternenhimmel, mit dem Rotwein der Provence. Vom Duft der Kräuter, einem Himmel mit und ohne Wolken, dem Mistral, der aus dem Norden kommt, und von Schirmpinien in der Camargue erzählt die Autorin voll Leidenschaft. Über Liebe, Trauer - Licht und Schatten. Über das diffuse, besondere Licht der Provence, das die bekannten, berühmten Maler zu allen Zeiten angezogen hat.

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Charlott Ruth Kott

Ein Atelier in der Provence

Erzählung Begegnung mit Kunst und Künstlern

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Umschlaggestaltung und Illustrationen

Mit Bildern der Autorin Charlott Ruth Kott

Copyright Charlott Ruth Kott

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Es war einmal

Gedanken wandern

bei Tag und Nacht –

zurück, nach vorn

im Strom des Lebens

Die Zeit ist unfassbar,

unendlich, unhaltbar –

Vergleiche von

Erlebnissen, Erfahrungen,

Geschehnissen –

in Tagen des Glücks,

der Trauer und Liebe

Einführung

Die Lust und Notwendigkeit, künstlerisch und schöpferisch tätig zu sein, Form und Gestalt zu kreieren, sind das Leben von Charlott Ruth Kott. Eine Kraft, die sich seit frühester Zeit in ihr geformt hat, aber erst in den Jahren, die den Verpflichtungen als Mutter dreier Kinder folgten, in der Malerei, der Graphik und der Skulptur Gestalt und Sprachrohr gefunden hat.

Seitdem ist die Künstlerin unermüdlich auf der Suche nach Ausdrucksformen, die ihrer Sicht auf die Welt gerecht werden, ihrer Sehnsucht nach künstlerischer Neuschöpfung Raum geben.

Dabei hat das Wort schon immer eine Rolle im Werk von Charlott Ruth Kott gespielt:

Als Gegenstand ihrer Malerei in jener transzendenten Botschaft der menschlichen Existenz, die mit dem Satz »Am Anfang war das Wort« tief in die Gründe der westlichen, der christlichen Kultur hineinreicht und sogar weiter nach den Urgründen des Menschseins spürt. Aber auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit, das Durchdringen der eigenen Arbeitskräfte und der Vergewisserung des künstlerischen Weges sind Themen, die die Künstlerin stets aktiv angenommen und um deren Formulierungen sie gerungen hat.

Wie schmeckt Blau?

Diese Zeile aus Malereigedanken aus dem Jahr 1997 skizzierte bereits »Ein Meer von blauen Gedanken«, wie Heinrich Heine es formulierte, den Versuch, Wortbilder zu schreiben, pointierte poetische Skizzen zu umreißen.

Skizzen, die nicht die Pastelle und Erdbilder, die Aquarelle und Graphiken erklären sollen, sondern ihnen und ihrer Entstehung eine neue Dimension geben und dem Hörer wie dem Betrachter im Einklang von Text und Bild einen erweiterten Blick auf die Künstlerin ermöglichen.

Nun hat sich Charlott Ruth Kott einen neuen Pfad erschlossen, der noch tiefer in das Werden ihrer eigenen Kunst dringt: Die bisherigen autobiographischen Skizzen münden mit dem vorliegenden Buch in eine umfassende Beobachtung ihres Lebens als Künstlerin.

Charlott Ruth Kott spiegelt ihr Leben in den Begegnungen mit Menschen und Orten ihrer eigenen Künstlerinnenexistenz – eine mutige Öffnung, die tief in die bislang zumeist verborgenen und sehr privaten Entwicklungsmäander reicht.

In der Spiegelung der jahrzehntelangen Suche nach den für sie stimmig erscheinenden Ausdrucksformen öffnet die Autorin die Türen zu der Malerin und Bildhauerin.

Wir sind eingeladen, eine schillernde vielfältige Künstlerin neu zu entdecken.

Dr. Annette Boldt – Stülzebach

Die Malerin in der Provence

Am Morgen

Nichts hält mich im Haus –

Das Bild in meinen Gedanken

Leuchtet in den Farben

Der Provence

Bepackt mit Mappe

Rucksack und Malhocker

Finden die Füße

Den Weg zum Motiv –

Gehend über das weite Land

Gehend

Umweht vom Duft

Der Kräuter und Blüten

Durch Gräser – benetzt

Von Tränen der Nacht

Einatmen die Farben

Geblendet

Vom diffusen Licht

Des Himmels –

Vom Mohn in roter Erde

Vor dem Motiv sitzend

Mit dem Bogen aus Bütten

Träumend –

Schwelgen in Farben

Auf die Seele hören

Der Tag neigt sich dem Ende zu

Ein guter Tag für Malerei –

Erschöpft, beglückt

Gehend durch ein Weinfeld

Über die Wiese am Bach

Gedanken

Beim Anschauen der Arbeit

Wer gab mir die Kraft –

Das Werk zu erschaffen

Dankbar, fragend, staunend

Schmecke ich noch immer –

Die Farben

Des Himmels und der Erde

Erste Reise in die Provence 1981

Charlott R. Kott 2. von links mit Malkollegen aus

Deutschland und Australien

Notizen der Malerin

Es gibt in meinem Leben Augenblicke, sie können auch länger andauern, dann löse ich mich in der Malerei auf und die Malerei in mir.

Das geschieht sehr oft und stark an anderen Orten, zum Beispiel in der Provence, in Ägypten, Italien oder in Tunesien.

Wobei diese »Orte« nicht immer einer Stadt gleichzusetzen sind. Mehr wohl in der Unendlichkeit – im Ursprung.

Beim Malen des Ölbildes »Sonnengesang« erfasste mich eine große Liebe. Meine Gedanken weilten wieder in Assisi, in Umbrien.

Wenn ich heute vor dem Bild stehe, finde ich auch mich – das Wunder der Natur ist mir nah.

Wie schmeckt Blau?

»Blau« ist für mich nicht nur eine Farbe, auf die Mischung kommt es an, im Leben, Arbeiten und besonders in der Malerei.

Farbig ist und war mein Leben – geprägt durch die Aufenthalte in der Provence, mit viel Licht und Schatten, ich schmecke das Blau.

Die Malerin in der Provence

»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …«

Worte von Hermann Hesse.

Bezaubernd sind und waren meine Erlebnisse in der Provence, mit Künstlern vieler Nationen.

Von der Kunst besessen sein, ein Miteinander im Geist, kämpfen um jedes Werk ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeiten.

Diskussionen zu ertragen, wenn die Mitmenschen anderer Meinung über die Arbeiten sind. Höhen und Tiefen annehmen, sich jedoch treu bleiben, auch wenn es einmal schwierig in der Gemeinschaft ist.

Gemeinschaft im Atelier, auch das ist es, warum ich seit 35 Jahren immer wieder nach Séguret reise. Sich einfügen, allein sein können, wenn man möchte, dabei immer auf die Stimme der Seele hören. Durch einige Schicksalsschläge konnte ich zwei Jahre nicht im Atelier in der Provence leben und arbeiten. Mein Heimweh nach diesem kleinen Paradies war riesig.

Endlich – ich sitze wieder auf der Terrasse und schaue in die Ebene von Séguret. Vor wenigen Stunden ging die Sonne als orange-roter Feuerball unter.

Zuerst war es stockdunkel, doch nun ist der Himmel mit Sternen übersät und der abnehmende Mond beleuchtet silbrig die vor mir liegende Landschaft.

Ein traumhafter Juli-Himmel, lauer Wind wiegt Zweige und Sträucher in den Gärten an der Stadtmauer. Es duftet süßlich, schwer von Früchten, die an Pfirsich- und Aprikosenbäumen vergessen überreif leuchten.

Von der Terrasse aus sehe ich in Richtung Sablet und zu den Ouvèzefelsen. Viele Lichter blinzeln im Dunkel der Nacht. Eine unendliche Weite breitet sich aus. Die Lichter vom Flughafen Orange sind zu sehen.

Heute bin ich allein hier, entsinne mich, dass es nicht das erste Mal ist, dass Künstler absagten.

Vieles hat sich seit 1981, als ich den ersten Studienaufenthalt für einen Monat hatte, geändert. Meine Gedanken gehen zurück zum Anfang, als Herr Arthur Langlet mich am Bahnhof in Orange abholte. Er hielt ein Passbild von mir in der Hand und fragte nach meinem Namen.

Als wir das Gepäck aus der Aufbewahrung holen wollten, war es noch nicht da. Herr Langlet tröstete mich mit den Worten: »Dafür zeige ich Ihnen den ›Arc de Triomphe‹ in Orange.« Und das am Morgen um sieben Uhr.

Der Künstler Arthur Langlet hat das Atelier im Jahr 1957 für Künstleraufenthalte gegründet. Künstler aus vielen Nationen konnte auch ich kennenlernen. Immer Stipendiaten aus Japan und zweimal im Jahr aus Münster, Letztere waren sehr gute Graphiker.

Oft konnte ich zweimal im Jahr kommen, für mich ist Séguret zur zweiten Heimat geworden, mein kleines Paradies.

Dabei fällt mir folgende Sage ein:

»Als Gott alle Erdteile mit Mensch, Tier, Pflanzen, Bergen, Wüste, Meer und Flüssen geschaffen hatte, blieb von jedem etwas übrig.

Gott dachte nicht lange nach und gab alle Reste in das Stück Land, das wir die Provence nennen. Er rief erfreut aus, das soll mein Paradies auf Erden sein!«

Der Ort Séguret ist eines der schönsten Dörfer Frankreichs, in der Provence. Es ist umgeben von Weinfeldern, Zypressenhecken, Pinien und kleinen Gärten an der Stadtmauer.

Die Burg, Häuser und die Stadtmauer wurden im zwölften Jahrhundert erbaut. Der seit Römerzeiten erbaute Ort liegt in 250 Metern Höhe über dem Rhônetal. Séguret wird von der einen Seite durch das Massiv der Dentelles de Montmirail und von der anderen Seite vom Mont Ventoux beschützt. Seit meinem ersten Aufenthalt hat sich im Ort vieles geändert.

Es gab zum Beispiel einen Laden für Brot, allerlei Lebensmittel, Schreibwaren, Kosmetikartikel, Seifenzeug, Wurstwaren und vieles mehr. Bei uns in Deutschland Tante-Emma-Laden genannt.

In diesem Lädchen holten die Einwohner und auch wir Künstler auf Zeit am Morgen das Brot und alles, was gebraucht wurde. Als dieser Laden vor einigen Jahren geschlossen wurde, übernahm das örtliche Bistro den Verkauf.

Im Bistro gab es fast alles zu unterschiedlichen Zeiten. Wie in Frankreich üblich, immer am Morgen frisches Baguette und Croissants. Lustig, in der Nacht die Einkäufe zu tätigen und Milch oder Seifenzeug zu kaufen, wenn es fehlte.

Doch nun hat dieser Besitzer gewechselt. Es gibt im Ort seither keine Möglichkeit zum Einkaufen.

Ein weiteres Restaurant und der Salon de Thé laden Touristen und die Künstler ein.

Der Geheimtipp seit Jahren: In der Ebene von Séguret besitzt Madame Monique ein Lebensmittellädchen und das Hotelchen.

In sieben Kilometern Entfernung liegt der Ort Vaison-la-Romaine. Dort sind die römischen Ausgrabungen zu besichtigen und an jedem Dienstag in der Woche ist Markt.

Der Markt ist seit vielen Jahren der schönste und älteste Markt in der Provence. Darauf freue ich mich Jahr für Jahr, auch wenn ich nichts einkaufen möchte. Auf die herrlichen Düfte, Geräusche, Blumen, Obst, Gemüse, exotischen Speisefischen, dazu Menschen, Musik und Leben in allen Gassen.

Nichts als Malerei

Nichts als Malerei war mein größter Wunsch, seit ich denken kann. Vorerst begnügte ich mich mit der Gestaltung in allen Variationen, denn es dauerte noch viele Jahre, bevor ich mit der Malerei und Bildhauerei beginnen konnte.

Die Ausbildung in der Gutenbergschule Leipzig zur Schriftsetzerin brachte mir erste Erfolge mit der Schrift, Gestaltung und im Umgang mit Farben, dem Zeichnen und Entwerfen.

Das Kennenlernen verschiedener Papiersorten war und ist auch in der Malerei von Vorteil. Ich liebe Papiere und habe immer einen größeren Vorrat im Atelier.

1979 – Nicht mehr ganz jung, um noch einmal ein neues Leben zu beginnen, wagte ich den Sprung einer Neuorientierung. Endlich konnte mein Traum von der Malerei und Graphik Wirklichkeit werden. Im Kurs an der Volkshochschule in Braunschweig arbeitete ich an einer Mappe für die Bewerbung zur Kunsthochschule.

1980 empfahl mir ein Lehrer, nach Frankreich in das ›Atelier Artistique International de Séguret‹ zu fahren. Er kannte den Künstler von seinen Provencereisen.

Da ich Bedenken hatte, angenommen zu werden, schrieb Herr Hinrichs an den Künstler Arthur Langlet und empfahl mich.

Ich wurde aufgefordert, Fotos meiner Arbeiten und meinen Lebenslauf zu schicken.

Im Januar 1981 kam der Brief mit der Bestätigung für den ersten Studienaufenthalt im Atelier.

Seit dem ersten Aufenthalt war ich fast jedes Jahr in der Provence, in Séguret. Heute kann ich mit Gewissheit sagen, es hat meine gesamte künstlerische Laufbahn, mein Leben überhaupt, beeinflusst. Dort konnte ich viele interessante, bekannte und auch unbekannte Künstlerinnen und Künstler aus anderen Ländern treffen, durch das Schauen lernen.

Zurück in Deutschland habe ich immer großes Heimweh nach Séguret, nach der Provence überhaupt. Nicht ohne Grund malten viele der bekannten Impressionisten und Expressionisten, Künstlerinnen und Künstler aus vielen Ländern in der Provence.

Der Hauptgrund ist das Licht.

Matisse schrieb einmal:

»Als mir klar wurde, dass ich jeden Morgen dieses Licht wiedersehen würde, konnte ich mein Glück kaum fassen.«

Dieses Gefühl hat auch mich überfallen, dazu der Duft, die Wärme, Farbigkeit, die Leichtigkeit und der Himmel der Provence.

Der Gegensatz:

Die graue und rosa Provence.

Wichtig ist für mich, diese Geschichten von Künstlern und Künstlerinnen aus verschiedenen Ländern zu erzählen – loszulassen.

Es spielt dabei keine Rolle, ob ich sie selbst erlebte.

Viele Ereignisse finden dank der Erzählbarkeit statt.

Rue des Poternes

Rohrfederzeichnung 2009

Erster Studienaufenthalt 1981

In den ersten Jahren war es nicht so einfach, einen Platz im Atelier zu bekommen. Künstler vieler Nationen nahmen Aufenthalt für mindestens einen Monat.

Ich malte erst seit einem Jahr. In der Volkshochschule kam es zu einem Gespräch mit dem Kunstlehrer Herrn W. Hinrichs. Er sah, wie gut ich mit Farben umgehen konnte, wie ernst es mir mit dem Lernen, Gestalten und Malen – nichts als Malerei – war.

Im Frühjahr 1980 erzählte ich, dass es mir endlich möglich sei, eine Reise zu unternehmen. Daraufhin erzählte Herr Hinrichs begeistert von seinen jährlichen Reisen in die Provence, schilderte Südfrankreich in den schönsten Farben und sagte: »Für Sie wäre es das Beste, einmal in ein Atelier in diese märchenhafte Landschaft zu fahren, um das besondere Licht der Provence, das Licht der Maler, einzufangen.« Er lächelte verträumt und weitere Malschüler stellten sich neben uns.

»Im vergangenen Jahr, auf meiner Fahrt durch die Vaucluse, kam ich zufällig in den Ort Séguret und konnte dort den Künstler Arthur Langlet, seine Frau und einige anwesende Künstlerinnen und Künstler kennenlernen.

Herr Langlet zeigte mir die Werkstätten und lud mich für einige Tage in das Atelier ein«, sagte der Lehrer.

»Es gibt im Atelier keinen Unterricht, Herr Langlet bietet jedoch Kurse für Lithographie und Radierung an und hilft bei dem Drucken kleiner Auflagen. Die Fotowerkstatt kann ebenfalls genutzt werden. Korrekturstunden für neu entstandene Arbeiten kann man bei dem Künstler Herrn Arthur Langlet buchen. Was meinen Sie dazu, junge Frau, ist das etwas für Sie?«

Erstaunt sah ich den Lehrer an: »Ja sicher, ich glaube aber kaum, dass ich, die Anfängerin, genommen würde. Wo könnte ich mich dafür bewerben?«

»Für einen Aufenthalt im ›Atelier Artistique International de Séguret‹ sollte man sich möglichst schon im Herbst für das kommende Jahr bewerben. Ich gebe Ihnen die Adresse, Sie legen dem Brief einen Lebenslauf und einige Fotos Ihrer Arbeiten dazu.«

Da ich zu dieser Zeit noch in keiner Weise von meinem Können oder Talenten überzeugt war, bat ich Herrn Hinrichs, für mich nach Séguret zu schreiben und mich zu empfehlen. Lächelnd versprach er es.

Im Herbst des Jahres 1980 bekam ich einen Brief aus Frankreich. Frau Langlet teilte mir mit, dass ich die besagten Fotos und eine Vita schicken möchte.

Sie und ihr Ehemann würden danach entscheiden, ob und wann ich für einen Monat kommen könnte. Meine Spannung wuchs von Tag zu Tag. Ich malte erst seit einem Jahr, es war wenig, was ich dieser Prüfung für würdig hielt.

Große Freude, im Dezember kam die Nachricht auf meine spärliche Fotodokumentation. Meiner Reise stand nichts im Weg, der erste Aufenthalt für einen Monat war reserviert. Ich war beglückt und aufgeregt zugleich.

Mit Herrn Hinrichs besprach ich, was für Material für die Reise geeignet wäre. Er sagte mir, ich müsse unbedingt eine Feldstaffelei aus Metall mitnehmen, denn der Mistral sei ein starker, kalter Wind, der aus dem Norden kommt.

Selbst Van Gogh hatte immer große Schwierigkeiten mit dem Wind, obwohl er einen mit Steinen gefüllten Jutesack an die Staffelei band. Der Wind riss sie wieder und wieder um.

Außerdem hatte ich für mein Kommen den Monat April bestätigt, ohne zu wissen, dass es dann besonders windig und kalt sein würde. In den mittelalterlichen Gebäuden kann zum Teil im Winter nicht geheizt werden, die Mauern heizen sich erst im Sommer wieder auf.

Ich machte mir ebenfalls keine Gedanken darüber, dass ich kein Wort Französisch sprach. Denn ein Wörterbuch kam mit in das Reisegepäck.

Im März des Jahres hatte ich mich von meinem Ehemann getrennt, eine erste Atelierwohnung bezogen, es begann ein neues, selbstständiges Leben voll Ungewissheiten.

Neugierig auf das Leben mit der Malerei, 44 Jahre jung, was sollte mir geschehen? Meine drei Söhne waren aus dem Haus und selbstständig.

Seit meinem fünften Lebensjahr wollte ich malen. Durch viele Widrigkeiten in meinem Leben, konnte ich damit erst jetzt beginnen. Dass die Malerei und Bildhauerei einmal mein Beruf werden könnte, dachte ich noch nicht.

Ich wollte ursprünglich Publizistik studieren und musste, wie in der DDR üblich, erst einen praktischen Beruf erlernen. In der Gutenbergschule und zeitgleich im Betrieb ›Deutsche Graphische Werkstätten Leipzig‹ wurde ich zur Schriftsetzerin ausgebildet. Auch während der Ehezeit arbeitete ich teilweise in diesem Beruf.

Wichtig war, dass ich als Schriftsetzerin den Umgang mit Farben, Papieren und Schriften beherrschte, da es mir jetzt und immer wieder zugutekommt, hilfreich in der Malerei und Graphik ist. Besonders bei dem Gestalten von Künstler-Büchern.

Zu meinem ersten Aufenthalt 1981 in Séguret

Am ersten April begann für mich die große Fahrt in eine andere Welt. In Braunschweig hatte ich mir das nötige Material, einen Malhocker und eine Feldstaffelei, gekauft. Den großen Koffer mit Farben, Leinwänden, Kleidung, Sonnenhut und Malblöcken hatte ich per Bahn vorausgeschickt, was heute leider nicht mehr möglich ist.

Ich konnte mir nur eine einfache Fahrkarte mit Sitzplatz, keinen Liegewagenplatz leisten. Das bedeutete leider ab Braunschweig 21 Stunden Zugfahrt, inklusive Umsteigezeiten.

Erstes Umsteigen in Hannover in einen Zug nach Basel. In Basel in einen Zug Richtung Marseille. Ab Basel hatte ich zum Glück eine Platzkarte, der Zug war übervoll. Eine lange Fahrt, was würde mich erwarten?

Undefinierbare Gerüche und Geräusche im Wagen ließen mich nicht einschlafen.

Gegen drei Uhr in der Nacht war der Ort Valence endlich erreicht – wieder umsteigen.

Inzwischen war es der erste April und Frühling in der Vaucluse, es wehte ein lauer Wind, roch nach Frühling und nach Frankreich.

Diese Gerüche werde ich im Leben nie mehr vergessen. Wenn ich heute in Avignon ankomme, sagt mir der Duft, ich bin wieder zu Hause.

Die Fahrt sollte erst gegen fünf Uhr weitergehen, also suchte ich den Warteraum auf.

Der Warteraum in der zweiten Klasse war überfüllt, Menschen lagen schlafend auf Bänken und Tischen. Das kannte ich so noch nicht.

Sehr müde begab ich mich in den Warteraum der ersten Klasse, er war fast leer. Sofort kam ein Bahnbeamter und verlangte meine Fahrkarte, sah sie an und verwies mich des Raumes.

Bepackt mit Mappe, Reisetasche, Hut, Schirm und Staffelei ging ich aus dem Bahnhofsgebäude hinaus auf die Straße und lehnte mich an eine Wand, das Gepäck dicht an mich gepresst.

Es dauerte nicht lange und Männer, Franzosen, kamen auf mich zu, sie sprachen mich an, wollten etwas von mir. Obwohl ich sie nicht verstand, erahnte ich ihre Wünsche.

Unweit von mir standen leicht bekleidete Frauen, sie hatten kein Reisegepäck dabei. Es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder in den Wartesaal der ersten Klasse zu gehen, und ich wurde erneut hinausgebeten. Nach geraumer Zeit versuchte ich es wieder, um sitzen zu können.

Es ging gut, der Beamte kam nicht noch einmal. Als es heller wurde, fuhr der Zug nach Orange, meinem Endziel entgegen. Es waren nur vier Wagen und eine Menge Reisende, viele Spanier, auf dem Bahnsteig, denn es war Wochenende.

Schnell stieg ich in den ersten zu erreichenden Wagen, der Zug fuhr ab.

Keine Beleuchtung, es war dunkel im Gang. Ein Schaffner verlangte meine Fahrkarte, redete auf mich ein, nahm meine Hand und zog mich zum Ende des Wagens. Nun merkte ich, dass ich im Schlafwagen für Männer gelandet war. Der Schaffner schloss die Tür zum nächsten Wagen auf, ich freute mich, dachte, er würde mir einen Sitzplatz besorgen.

Weit gefehlt, er warf mich förmlich auf den Perron des nächsten Wagens und schloss die Wagentür hinter mir ab.

Der Perron war voll besetzt, Männer saßen auf dem Boden, ich musste auf einem Bein stehen, das andere hing zwischen Staffelei und Reisetasche.

Die Mitreisenden sahen mich mitleidig an, mir ging es schlecht. Lyon kam in Sicht, einige Reisende stiegen aus, ich konnte besser stehen.

Ich sah die Rhône, die Sonne ging auf! Sonne im Tal der Rhône, ein überwältigender Anblick, ich fieberte der nächsten Station Orange entgegen.

Kein Mensch erwartete mich am Bahnsteig in Orange, kein Schild: »Hier nach Séguret«, war zu sehen. Ich ging durch einen Tunnel, um in die Bahnhofshalle zu gelangen und … dort stand ein kleiner Mann in kurzer Hose. Er sah freundlich aus, hatte ein Bärtchen und lustige, listige Augen strahlten mich an. Arthur Langlet mit meinem Passfoto in der Hand, so war es vereinbart.