Echte Geier kotzen nicht - Hans Ehgartner - ebook

Echte Geier kotzen nicht ebook

Hans Ehgartner

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Opis

Was haben ein Geier mit Gusto auf Crèmetörtchen, ein angekokelter Pinguin und Caesars Toga gemeinsam? Vor allem eine jede Menge Humor. Hans Ehgartners Textkreationen-Sammelsurium bringt Satire grandios auf den Punkt - Wort für Wort!

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Willkommen …

Literatur im Kastanienwäldchen

Dame gegen König

Am goldenen See – oder: Das Evangelium der Frösche

Satisfaktion

Die Flaschenpost

Der Ball der Pinguine

Godot kommt, aber es ist niemand mehr da

Das Urteil des Paris

Der Palankin

Eine Komödie im Grünen

Breze essen

Der Aufstand der Kiesel – oder: Stonehenge On The Rocks

Mein Bach und ich

Der Traum des Zeremonienmeisters

Dilemma mit Büstenhaltern

Tempo, Tempo, Totengräber!

Über die korrekte Verteilung im Aufzug

Echte Geier kotzen nicht

Fallstudien

Kleine Käfer nach Elysium

Die Dame ohne Unterleib – oder: Die Dame mit Unterleib

Bääär!

Spiridon der Schmuggler

Philemon und Baucis – oder: Spinnen beim Liebesspiel

Caesars Toga

Die Treppe nach Siebenbrunn

Das Geräusch, das ein Kanaldeckel macht, wenn man auf ihn tritt

Persönliche Fehde mit dem Wind

Ali Baba und die ungefähr vierzig Räuber

Ein Wintermärchen

Die Vertretung

Die Träume des Herrn Janosz

Der Maulwurf, niemals nüchtern

Der Troubadour

Flamingostehen

Am Ende der Nahrungskette

Vor Gibraltar hatten wir die Pest an Bord

Bismarck und die Rechtschreibung

Der Dorfdepp

Auf zum Landgasthof!

Holen Sie sich den Survival-Guide!

Seines Zeichens Sanduhrfabrikant

Glückskekse

Adam Forever

Das geheime Leben des Ferdinand Pfeiffer

Herder und die Frauen

Die Sache mit der Arche

Die Apokalyptischen Reiter: B-Mannschaft

Die Souffleurkasterl-Vendetta

Advent ohne Adventskalender

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2019Vindobona Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-946810-51-3

ISBN e-book: 978-3-946810-52-0

Lektorat: Yvonne Kramelhofer

Umschlagfoto: Alphaspirit | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag

www.vindobonaverlag.com

Willkommen …

… in meinem kleinen Panoptikum vergnüglicher Geschichten. Es gibt sie noch, die Unerbittlichen, die Verschrobenen, die Kleinkrämer neben den Großkrämern, die sich dem Schweren, dem Nervenkitzel und dem politisch Brisanten entsagen, ja geradezu entgegenstemmen. Denn es gibt Zeiten, da wollen wir um die Ecke sehen. Da wollen wir mit unseren Sehnsüchten umgehen, als wären sie Schmetterlinge. Frei lassen wir sie flattern. Wir bäumen uns auf unter der Last unserer Libido, wagen den Regentanz im Rhabarberbeet und betreten die Zeitmaschine wie andere den 7.13-Uhr-Bus. Das ist die Zeit, da wir Krummes lieber mögen als Gerades, anderen in die Karten gucken und aus jedem Frosch einen Prinzen machen.

Hier in diesem Buch haben sich fünfzig Geschichten versammelt, ein Bacchanal kleiner Werklein, die frech und vergnügt ihr Auge aufschlagen. Das Geschehen hält sich meist in Grenzen: kein Weltreich zerbröckelt, kein Generationenkonflikt schwelt, keine Charakterstudie stellt in Frage, kein Mordfall wird aufgeklärt, nicht einmal eine leidenschaftliche Liebe entfaltet sich. Aber dennoch kommt irgendwie alles vor, eingedampft, miniaturisiert, hier eine Andeutung und da ein Zipfel, wie eine Haifischflosse, die plötzlich, ganz winzig, aber bösumflort, am Horizont auftaucht.

Oft ist es nur eine Situation, die fasziniert, eine Konstellation, ein Wort, ein Bild als Ausgangspunkt, von dem aus das zarte Fädchen der Phantasie weiterläuft, in wilde Träume hinein, kunterbunte Fabelwelten und sprühende Assoziationen. Kuriositätenkabinette und Liebeslauben wechseln mit Gespenstergrotten und Spiegellabyrinthen. Kaum ist man der einen Geschichte entronnen, gerät man der nächsten in die Falle. Netze werden ausgelegt. Gruben ausgehoben. Jede Geschichte besitzt ihren eigenen Reiz und ihre eigene Schlinge.

Ihren Schluß finden die Geschichtchen, indem sie sich entweder eine Pointe aussuchen, die dem eben konsumierten Wörterteig noch eine zusätzliche Rosine beschert: am Ende des Konzerts ein Paukenschlag. Oder sie läuft wie eine Welle ans Ufer und versickert sanft im Sand: am Ende des Konzerts die Triangel. Eins aber haben sie alle gemeinsam, die Histörchen: die ausschweifende, augenzwinkernde, schillernde und vor allem federleichte Phantasie.

Vorhang auf!

Hans Ehgartner

München, den 9. September 2018

Literatur im Kastanienwäldchen

Sobald der Schriftsteller ahnt, daß seine sprudelnde Phantasie einer Erneuerung bedarf, begibt er sich in die freie Natur. Da gibt es viel frische Luft, und dann ist ihm, als ob man alle Fenster des Menschen aufrisse und frische Luft bläst gleichermaßen durch Körper und Geist! Also begab ich mich in den nahegelegenen Forst, weil Forste vor Natur nur so strotzen.

Warmes Sonnenlicht zwinkerte durch die Baumkronen und begleitete mich auf meiner Suche nach einem ruhigen Plätzchen. Es roch nach feuchtem Holz, und wo es nach feuchtem Holz riecht, ist unverdorbene Wildnis – ausreichend Raum und Gelegenheit zu Erneuerung und Ruhe.

Vor mir öffnete sich eine schmucke, helle Lichtung. Ich stand überflutet von Sonnenlicht, es zwinkerte nicht mehr nur, es blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an, so daß ich meine schließen mußte, um nicht geblendet zu werden. Der Boden fühlte sich weich an, wahrscheinlich Moos.

Nachdem ich meine Augen wieder geöffnet hatte, schlüpfte ich aus den Schuhen, klemmte sie mir unter den Arm zu meiner Schreibmappe und schritt über den Moosteppich auf ein Kastanienbäumchen zu, das sich am Rande der Lichtung zu imposanter Größe emporgeschwungen hatte und sein Blätterdach wie ein Cocktailschirmchen der Sonne entgegenstreckte. In seine rauhe Haut war ein Herz geschnitzt; Zeit, Witterung und Wachstum hatten es leicht zu einer Grimasse verzerrt, so daß es nun eher einem umgekehrten, langgezogenen Tropfen Herzblut glich, einem im Feuer verknitterten Rosenblatt. Ich lächelte und konzentrierte mich auf die Schreibmappe und das Moos zwischen meinen Zehen.

War das nicht ein nettes Plätzchen, von Romantik gesättigt, ideal zur Wiederaufladung müden Dichtergeistes? Ich streckte meine Zehen und setzte mich auf einen einladenden, furchigen Strunk neben der Kastanie – wahrscheinlich ein direkter Vorfahre derselben. Ich setzte mich also auf den Strunk, schlug meine Mappe auf und öffnete weit die Tore meiner Inspiration.

Ein Städtchen ersann ich, beschaulich, in ein Tal eingesenkt, dazu ein Bächlein und eine Mühle, klipp klapp. Ein paar Worte über den Wind, der durch das Städtchen streicht –

Merklich frischte der Wind auf. Hui, fuhr er durch meine Blätter! Ich wie toll über das Moos und mit gymnastischem Schwung meine Papiere wieder eingesammelt.

So. Immer mit der Ruhe. Gab es eine unsichtbare Parallele zwischen meinem Satz und der Wirklichkeit? Ich ließ einen Bussard über dem Städtchen kreisen. Dann sah ich nach oben durch das Blätterwerk. Tatsächlich: Auch über der Kastanie kreiste ein Bussard. Mit einem Aufschrei hopste ich vom Stunk. Was für eine Teufelei war hier im Gange?

Tolldreiste Möglichkeiten jagten durch mein Hirn. Jetzt bloß nichts schreiben über Dinge, die meine Idylle stören würden, zum Beispiel über Gewitter oder Schulausflüge! Wie wär’s mit etwas Angenehmem? Ich schrieb: Ein Mädchen in frühlingshafter Gestalt schlendert anmutig zum Dorfbrunnen.

Nichts. Kein Mädchen.

Vielleicht sollte ich bescheidener beginnen. Etwas über eine Portion Vanilleeis oder einen blühenden Tannenzapfen.

Irgendwo im Wald schrien junge Vögel.

Mein Blick fiel auf einen Fliegenpilz, der schief in die Gegend glotzte. Außen war er schon ein wenig angeknabbert. Die Kappe glühte feuerrot, darüber wie draufgesprenkelt eine Handvoll weißer Punktpigmente. Sie wissen schon, solche, die dem Fliegenpilz sein giftiges Aussehen geben und die Lurche fernhalten. Aber irgendetwas anderes, Nichtlurchiges, hatte weniger Skrupel und aus der Kappe einen ordentlichen Bissen herausgerissen – vermutlich ein Käfer mit einem verzinkten Magen.

Mein Kopf war mittlerweile voller Ideen, die sich an den Händen faßten und im Kreis tanzten. Ich beugte mich über meine Mappe und wollte weiterschreiben, als ich eine Spur winzig kleiner, rotzfrecher Tapser bemerkte, die quer über das Papier führte. Als ob sie das schon durchstrichen, was ich noch gar nicht geschrieben hatte. Ich konnte gerade noch den Schweifbusch des flüchtenden Eichhörnchens sehen, dann war es auch schon in der Krone der Kastanie verschwunden.

Wieder schrien Vögel. Da hatte jemand Hunger. Bevor meine kleine Gedankenpolonaise ins Stocken geriet, beschloß ich, den hungrigen Vögeln eine Mutter herbeizuschreiben. Einen Augenblick später nur flatterte es schon geschäftig, und zwischen dem Grün der Bäume erschien eine Vogelmama mit einem zappelnden Roßkäfer im Schnabel.

Ein weiterer Tupfen in der persönlichen Welt des Schriftstellers. Schriftsteller sind Schöpfer. Sie erbauen ihre eigenen Welten. Sie bilden die Wirklichkeit nicht ab, sondern interpretieren sie anhand ihrer eigenen individuellen Realität. Auf dieselbe Weise, wie ich den Vogel erschaffen hatte, könnte ich das Bild wieder kippen. Zum Beispiel mit Hilfe des Roßkäfers. Was würde passieren, wenn ich ihn, sagen wir mal, auf das Zehnfache seiner Größe anwachsen ließe? Das Abschlingern der Vogelmama verspräche einiges an Dramatik. Allein die Jungvögel würden weiter nach Futter quäken und meinen Gedankenreigen stören.

Ich beschloß, es noch einmal mit dem Mädchen zu versuchen. Dorfbrunnen, Frühling, hübsch – meine Konzentration war beispielhaft und untadelig. Bald darauf raschelte es rechterhand – es klappt, es klappt! Eine prachtvolle Maid erschien auf der Lichtung. Nun, tatsächlich war es eine Schwammerlsucherin mit einem Korb in der Hand. Aber es hätte eine Maid sein können. Wir wollen da nicht kleinlich sein. Rasch setzte ich sie über die Schwammerlsituation auf der Lichtung ins Bild. Wir warfen einen gemeinsamen Blick auf den angeknabberten Fliegenpilz, dann verschwand die Maid-Schwammerlsucherin wieder zwischen den Bäumen linkerhand.

Als es Abend wurde und die sinkende Sonne die Blätter der Kastanie sanft vergoldete, packte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Heimweg. Mit meinem Waldroman „Wie der Köhler zu einer neuen Axt kam und dabei vom Müller übers Ohr gehauen wurde“ war es nichts geworden. Dafür hatte ich eine Geschichte über das reine und unverfälschte Leben.

Dame gegen König

Ein englischer Professor nannte Schach einmal ein „nettes und abstruses Spiel, in dem zwei Gruppen von Püppchen so bewegt werden, daß sie aufeinandertreffen“. Was er nicht erwähnte, war, daß diese Püppchen eine zarte, winzige Seele besitzen, tief in ihnen drin – und ganz und gar nicht wild darauf sind, aufeinanderzutreffen.

Im Grunde genommen sind Schachfiguren eine illustre Bande von Sentimentalisten. Sie lachen, wenn sie das Spiel gewinnen. Wenn man sie schlägt, werden sie mißmutig. Ja, und sie lieben Jazzmusik.

Da sind die Bauern. Sie hassen es, nach vorne geschickt zu werden.

„Immer das gleiche“, sagt ein weißer Bauer grimmig zu seinem Nachbarn, während sie unaufhaltsam vorwärtsmarschieren, „uns schicken sie nach vorne und sie selber bleiben hübsch in Deckung.“

„Vergiß nicht“, keucht der Nachbarbauer, „daß es gegen die Schwarzen geht.“

„Bauern wie wir. Glaubst du, daß sie uns gerne entgegenmarschieren? Ihre schwarzen Hintern sind genauso schwer wie die unseren.“

Auf der linken Flanke taucht eine Rotte schwarzer Bauern auf. Sie haben ängstliche Gesichter, und ihre Augen flackern bei jedem neuen Zug. Das Keuchen eines Läufers wird hörbar. „Die linke Flanke“, schreit er, „mein Gott, die linke Flanke!“

„Zum Teufel mit der linken Flanke“, murren die weißen Bauern. „Wir wollen wissen, was mit uns hier geschieht.“

„Zurück!“, befiehlt der Läufer, „nichts wie zurück!“

Die Bauern drängen sich enger zusammen. Einer beginnt zu singen. „Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht –“

„Geschniegeltes Gesindel“, erwidert der Läufer und dreht auf seinem Sockel.

Da ist auch der König. Er sieht ständig niedergeschlagen drein. Dicke Furchen haben sich in seine Stirn gegraben, und jede Sorge gleicht einem Raben, der am Rande des Feldes auf die Aussaat wartet. Seine zusammengekniffenen Äuglein wandern unruhig über das Brett, als befürchte er das Schlimmste. Als ahne er die auf allen vierundsechzig Feldern lauernden Gefahren, die Finten und Fallen, die der Gegner ihm wie Hundehäufchen über den Weg streut. Die feindlichen Figuren grinsen ihn an wie aufgeschnittene Melonen.

Speziell die Springer sind ihm nicht geheuer. Man hat ihm oft genug beteuert, Pferde seien die Freunde des Menschen, wie könnten sie ihm ein Leid zufügen? Doch er traut ihnen so wenig wie ein Krokodil einem Handtaschenfabrikanten.

Auch die Bauern kann er nicht leiden. Nicht nur, daß sie heimlich an einer Petition für zusätzliche Kaffeerationen arbeiten, sie bezeichnen sich auch ständig als die wahre Seele des Schachspiels. Vor allem aber pflegen sie bei jedem Gambit zu meckern. Das wurmt den König, und nicht selten wispert er mit seinen beiden Spionen, den Läufern, in einer stillen Ecke des Schachbretts.

Diese beiden opportunistischen Burschen sind den Bauern schon lange ein Dorn im Auge. In den Versammlungen drängen sie deshalb darauf, wenigstens einen der beiden abzuschaffen. „Ich muß zwei haben“, erklärt der schwarze König ruhig. „Einen für hin und einen für her. Einen der kommt, und einen, der geht.“

Des Königs ärgster Dorn in der Pfote ist seine Gemahlin, die Dame. Schon die offensichtliche Schwarzweißmalerei des Spiels gibt ihr Anlaß zu endlosen Tiraden. „Bei Schwarz und Weiß“, meint der König, „kann man am besten sehen, wer zu wem gehört.“ Doch die Dame sieht das Schwarz anders. „Anthrazit“, faucht sie, „meine Farbe ist Anthrazit, du despotischer Schwachkopf!“ Nun, das mag sein, was es will. Auf jeden Fall ist es Majestätsbeleidigung.

Sooft der König ein Damenopfer anordnet – ausschließlich aus taktischen und logischen Erwägungen heraus –, läßt sie eine fürchterliche Schimpfkanonade auf ihn nieder; ob er auch die Folgen dieses Gemetzels bedacht habe, das er da an ihr veranstalte; ob das der Dank sei für die besten Jahre ihres Lebens; ja, daß sie sich geradezu wegwerfe, sie, die beinahe einen echten Jadekönig bekommen hätte.

Einmal, als er ihr den Rücken zuwandte, hat sie sich in seinen Hermelinkragen geschnäuzt. Da hat er sich furchtbar gegiftet.

Das Schlimmste aber ist seine Krone, dieses drückende, kalte, alberne Ding, diese Mischung aus selbstherrlichem Talmi und aristokratischem Katzenjammer. „Ein König braucht eine Krone!“, stellte die Dame unumwunden fest. „Das ist das Zeichen seiner Würde und seiner Macht. Im Übrigen steht sie dir gut.“ Gut stehen? Er sah einfach albern darin aus. Wie ein Schmock. Würde, Macht – viel lieber wäre ihm ein Wikingerhelm, mit zwei mächtigen Hörnern rechts und links. Metgefüllt. Wann immer er Durst verspürte, ließen sie sich abschrauben, und er könnte einen kräftigen Schluck nehmen.

Eines Tages hatte es der König satt, weiterhin die Mißbilligung seiner Person hinzunehmen, und er faßte einen folgenschweren Plan.

Das Schachspiel war bereits in vollem Gange, da nahm der schwarze König seinen Königsläufer beiseite und raunte ihm mit Verschwörermiene zu: „Du bist ein gescheiter Kerl, Königsläufer. Du warst mir immer treu ergeben, und ich will diese Treue nicht unbelohnt lassen.“ Er legte seinen Arm um die Schultern des Läufers. „Damit ich weiß,wiegroßzügig ich sein werde, habe ich einen Auftrag für dich. Ach, es ist weniger ein Auftrag als ein Gefallen, um den ich dich bitte. Du kennst die Frauen“, und der Läufer wiegte seinen Kopf verständig hin und her, „Die Königin und ich sind, wie du sicher bemerkt hast, nicht immer einer Meinung. Ich möchte ihr einen kleinen Streich spielen. Dazu dürft ihr, du und deine Kameraden, die schwarze Dame nicht mehr decken. Wenn eine weiße Figur die Dame angreift, tut so, als hättet ihr es nicht bemerkt. Für euch ist sie nicht mehr auf dem Brett, hast du verstanden?“ Der schwarze Läufer nickte.

Der Befehl machte die Runde, ging von Figur zu Figur. Im Nu wußte jedermann Bescheid. Der Damenturm zwinkerte dem König lustig zu, und sogar die acht Bauern strahlten, als hätten sie eben den Bobby-Fischer-Orden gewonnen. Einer der Springer allerdings meldete Bedenken. In der Studentenjobvermittlung habe man ihm nichts davon gesagt. Wenn hier irgendwelche krummen Dinger abliefen, dann will er nichts damit zu schaffen haben. Er sei ausschließlich hier, den weißen König mattzusetzen. Es folgte eine kurze Diskussion, in der das Wort «Zahnstocher» wie beiläufig erwähnt und sehr detailliert das Verfahren geschildert wurde, ausgediente Figuren zu denselben zu verarbeiten. Danach war er wundersamerweise kooperationsbereit.

Bald stand man im tollsten Gefecht. Rechts und links schwere Opferkombinationen. Hier gewann ein Läufer eine freie Linie. Dort trieb der Turm die Bauern in Scharen vor sich her. Wo eine Idee Raum gewann, schlug eine andere tragisch fehl und riß die Mitte gefährlich auf. Dann kam der Augenblick, wo die schwarze Dame in Bedrängnis geriet.

„He, Bauer auf C 4! Schlag den vorwitzigen weißen Turm, der mich angegriffen hat!“

Der Bauer rührte sich nicht.

„Wirst du wohl den Turm schlagen, du wurmstichiger Bastard! Und nimm die Hände aus den Hosentaschen!“

Der Bauer schätzte die Seitenlänge des Quadrats ab, auf dem er gerade stand, multiplizierte sie mit neun und zog das Ergebnis von der Anzahl der bisher gespielten Züge ab. Nur den Turm schlagen, das tat er nicht. Deutlich war zu erkennen, wie die Stelle der Dame, die man gemeinhin mit dem Begriff «Busen» bedachte, zu wogen begann. Nach Hilfe spähend sah sie sich um. Rechts daneben knobelte der schwarze Läufer mit dem Springer. Der Bauer auf F 3 las die Schachspalte der Tageszeitung.

Die schwarze Dame war vor Empörung so bleich geworden, daß sie sich kaum noch von der weißen Dame unterschied. „Na schön“, entschied sie. Ein Blick wie ein Diamantbohrer traf den schwarzen König, der bereits Blut und Wasser schwitzte, dann zog die Dame die rechte Augenbraue hoch – und trat spöttisch lächelnd zur Seite.

Es folgte Matt in zwei Zügen.

Man nennt Schach das königliche Spiel. Das Spiel der Könige ist es nicht.

Am goldenen See – oder: Das Evangelium der Frösche

Die Glut des Sonnenuntergangs schwebte flüssig und schwer über den Bäumen. Warme Maibrisen fächelten über den See, der zart und golden, gleichsam in schimmernder Rüstung, zwischen den Hügeln glänzte. In feinen Stößen pritschelten seine Wellen an die Ufersteine. Eine Handvoll Rosenblätter, lustig aufgebogen, trieb romantikschwer auf dem Wasser: sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich …

Im dämmrigen Zwielicht, solange man einen weißen Bindfaden noch von einem schwarzen unterscheiden kann, erwacht eine eigene kleine Welt zum Leben: die Welt der Frösche. Sie setzen sich auf die Seerosenblätter und schaukeln. Und widmen dem Abend eine anspruchsvolle musikalische Soiree.

Leopold, ein vornehmer, maßlos distinguierter Frosch, dem nur noch das habsburgische Monokel im linken Auge fehlte, hatte beschlossen, heute nicht mitzusingen. Oder zu quaken, wie es Banausen nannten. Stattdessen saß er träumend auf seinem Seerosenblatt und lächelte in den Vorsommer. Ein Platschen warf ihn aus seinen Gedanken.

Raoul hüpfte auf die Seerose. „Hola!“, sagte er.

„Herrgott, Mariandjoseff“, ächzte Leopold. „Mußt du dich immer so anschleichen? Mir wäre beinahe das Herz stehengeblieben.“

Raoul grinste wie ein Breitmaulfrosch, obwohl er doch ein Teichfrosch war. „Ich finde, es macht die Sache ein wenig …“, und hier suchte er nach dem richtigen Wort, „… farrrbigerrr!“ Auf seiner Zunge lag ein fröhlicher portugiesischer Akzent.

„Von allen brasilianischen Bastarden mußte es ausgerechnet du sein, der sich in diesen Teich verirrte.“

„Du kannst es leugnen, mi amigo, aberrr deine Augen verrrraten dich: Ich bin dein Lieblingsbastarrrrdo.“

„Es wimmelt hier in der Gegend von Menschenkindern“, sagte Leopold. „Warum nimmt dich nicht eins in seinem Einmachglas mit nach Hause?“

„Vielleicht wollen sie sich nicht mit einem Südamerrrikanerrr anlegen?“

„Dazu müßten sie erst herausfinden, daß du einer bist.“ Leopold klemmt sich sein imaginäres Monokel fester unter die Augenbraue und sah aus wie ein Baron. „Geruhe er mir mitzuteilen: Worin unterscheidet sich ein Frosch aus Brasilien von einem europäischen Frosch?“

„Wir sind schnellerrr und cleverrrerrr. Und wirrr haben einen unwiderrrstehlichen Charrrme“, kam die Antwort von Raoul wie aus der Pistole geschossen.

Das letzte Glühen am Himmel verblaßte, alles wurde wie Glas. Der See erbleichte. Er lag da wie Blei, wie eingedickt. Weißgrau wie eine ohnmächtige Jungfrau. Trocken, fast schnippisch schob sich der Mond auf die Bühne.

Träge surrte eine Fliege vorbei. Raoul blickte ihr beiläufig nach, genetisch kribbelte es in seinem Rachen.

„Und?“, fragte Leopold. „Wie ist es gelaufen? Hast du sie geküßt?“

„Natürrrlich. Aberrr sie ist auch keine Prrrinzessin. Dabei warrr ich mirrr so sicherrr … Vielleicht haben wirrr das Buch falsch verrrstanden?“

„Aber nein, ich schwöre es dir bei den Schenkeln meiner Schwester! Küß den Frosch, heißt es, dann macht es – Puff! Ob Mensch oder Frosch den Frosch küßt, ist nicht festgelegt. Was kann man falsch daran verstehen? Das ist das Evangelium der Frösche: Küsse jeden Frosch. Mit Geduld und Glück küßt du irgendwann eine Prinzessin.“

Beide schauten sich an. Es entstand eine betretene Pause.

„Natürlich“, ergänzte Leopold, „geht es um das KüssenweiblicherFrösche.“

„Natürrrlich“, bestätigte Raoul rasch, während eine kleine Röte seine Backen überflog. „Aberrr ganz verrrstanden hab‘ ich das noch nicht: Wirrrd derrr Frrrosch, den man küßt, zurrr Prrrinzessin oderrr man selbst zum Prrrinzen? Und was passiert, wenn mich eine Prrrinzessin küßt? Gibt’s dann zwei Menschen oderrr zwei Frrrösche?“

Die Fragen verhallten unbeantwortet auf dem Teich. Denn mittlerweile war der Zeitpunkt der musikalischen Soirée herangerückt. Auf den Seerosenblättern hatte sich schon eine ordentliche Menge Frösche versammelt.

Es schmatzte einmal, zweimal, dreimal, wie ein Taktstock, der auf das Dirigentenpult klopft. Für einen Augenblick trat erwartungsvolle Stille ein. Alle Frösche bogen ihre Rücken durch. Dann begann einer zu quaken, erst leise, dann immer lauter, ein zweiter gesellte sich hinzu, und im Nu wurde daraus ein mächtiges, brausendes Durcheinanderkonzert. Von überall her auf dem Teich quakte und quabbelte es, hoch und tief, langgezogen und Stakkato, jeder Frosch war Solist und Chor zugleich. Bisweilen folgten sie einer gemeinsamen Melodie, meist aber bestand der Klangteppich aus einzelnen Fasern, die wie Glühwürmchen über dem Teich zitterten.

Ein Mondstrählchen überhuschte die Szene. Leopold und Raoul nahmen nicht an dieser Soirée teil. Sie kauerten stumm und unbeweglich auf ihrem Seerosenblatt. Sie sahen aus wie zwei Terrakottafiguren im Garten eines österreichischen Großherzogs.

„Hat es jemals »Puff!« gemacht?“, flüsterte Raoul.

„Niemals“, erwiderte Leopold.

„Darrrum das Monokel.“

„Ja“, sagte Leopold. „Man muß fest an den Prinzen glauben.“

Die Soirée verzitterte in der Abendluft. Ein paar letzte verirrte Quaker schwebten noch über den Seerosen, dann verschluckte die hereinbrechende Nacht die letzten Hinweise auf das Konzert. Einer nach dem anderen verschwanden die Frösche wieder, bis nur noch Leopold und Raoul auf den Seerosenblättern hockten.

„Um Mitterrrnacht soll bei Midinette noch ein Parrrty steigen“, meinte Raoul. „Ich glaube, ich werrrd‘ mal rrreinschneien. Da ist sicherrr noch jemand, der geküßt werrrden möchte.“

„Ich hoffe für uns beide, daß diese ganze Schmuserei nicht für die Katz ist“, stellte Leopold nüchtern fest. „Sonst wäre mein Monokeltalent tragisch vergeudet! Vor allem: Wie erkläre ich das Ganze meiner Freundin Sissi?“

Raoul murmelte noch etwas wie „blödes Buch“, dann rutschte er von der Rose und schwamm in langen Stößen davon. Leopold starrte eine Weile den See an, der ätherisch und silbern im Mondlicht flimmerte.

Satisfaktion

Die große Pendeluhr im Salon schlug zwölfmal: Bong – Bong – Bong – (für Fans des Lokalkolorits entsprechend oft zu ergänzen).

Ein Butler in schwarzer Livree, hochherrschaftlich und steif, die Schultern zurückgezogen, ernsten Blickes, trat aus dem Nebenzimmer und schritt durch den Salon. Jeder Zoll an ihm dokumentierte den im Schlosse herrschenden strengen Sinn für Etikette. Eine Prozession, die aus einem einzigen Menschen bestand. Er öffnete die Rechte der beiden Flügeltüren zum Speisezimmer und prozessierte hinein.

Es war ein bemerkenswertes Speisezimmer. Das Bemerkenswerte war nicht der achteckige, hohe Raum, von dessen brauner Kassettendecke ein schwerer Kronleuchter schwebte. Das Bemerkenswerte war auch nicht der weiche, ornamentierte Teppich aus feinem Gewebe, der jeden Schritt vollständig verschluckte. Es war erst recht nicht das große Fenster, das die ganze südliche Front einnahm und aus einer einzigen riesigen Scheibe aus venezianischem Glas bestand. Das, was das Speisezimmer wirklich bemerkenswert machte, war der Tisch in seiner Mitte. Lang, schmal, ein Band zwischen Appetit und Noblesse, reichte er von einem Ende des Raumes bis zum anderen. Wenn man an solchen Tischen Platz nahm, konnte man ziemlich sicher sein, daß die Leute am gegenüberliegenden Ende in einer anderen Zeitzone saßen.

Zahlreiche Schüsseln und Teller, gefüllte Karaffen, Obstschalen, mehrere mächtige Kandelaber, ein achteckiges Kristallflakon und eine Vase mit Gladiolen siedelten auf dem massiven Holz. Zuerst kam ein Teil dieses Arrangements, dann lange nichts, in der Mitte standen die Kandelaber, dann wieder lange nichts und schließlich folgte der Rest. Wie ein kleines, hauseigenes Wikingerschiff, das man zur Tafel umfunktioniert hatte.

An der Spitze des Tisches – und zwar an dem Ende, wo sich die Schüsseln am gewaltigsten häuften – thronte die massige Gestalt Hugo Raimunds von Lamberg, des Grafen von Lamberg. Schwarzes, an den Schläfen leicht ergrautes, lockiges Haar floß auf kräftige Schultern. Dazu ein Anzug aus blauer englischer Seide, der durch seinen weiten Schnitt des Grafen Gestalt weniger klobig erscheinen ließ. Er nippte gerade an einem Glas Burgunder. Am anderen Ende des Tisches saß Henriette von Lamberg, Gemahlin des Letzteren. Mit ihrem feingeschnittenen Gesicht – manche würden es schön nennen –, und vor allem mit ihrer vielleicht etwas zu mageren Figur, bildete sie ein willkommenes Pendant zum Grafen von Lamberg.

Helles Sonnenlicht schwebte im Zimmer, brach sich in den Karaffen, legte sich auf die herben Züge Hugo Raimunds von Lamberg und alberte im Schmetterlingskasten herum. Ein einzelner Strahl traf das Tablett, das der Butler in seinen weißen Handschuhen hielt, und ließ es aufblitzen.

Auf dem Tablett lag ein Telegramm.

Man hatte eben das Hauptgericht aufgetragen. Hugo Raimund von Lamberg starrte still auf seine Nimbs Navarin aux pommes. Seine Miene drückte Mißmut aus.

„Was für ein vornehmer Name für so unfeines Zeugs – Henriette, meine Liebe …“ Die letzten Worte rollten über die ganze Länge der Tafel zu Henriette von Lamberg und ließen sie von ihrem Entrecôte mit Pilzen aufblicken.

„Ja, Hugo Raimund?“

„Wollen wir tauschen? Du weißt, daß ich Nimbs Navarin nicht mag.“ Der Graf von Lamberg bemerkte den Butler, der steif und unbeweglich auf dem Teppich stand. „Maximilian! Wie oft habe ich schon gesagt, daß ich Hammel nicht ausstehen kann! Ob das Nimbs oder Nippes oder sonstwie parfümiert heißt: Hammel bleibt Hammel! Müssen erst ein paar Köpfe rollen, bevor man in diesem Haus meinen Anordnungen Folge leistet?“

„Schon gut, Maximilian“, beschwichtigte Gräfin Henriette. „Geben Sie ihm mein Entrecôte.“

„Sehr wohl, Frau Gräfin“, erwiderte der Butler. Er lief um den Tisch herum, nahm den Teller von Gräfin Henriette, auf dem sich das Entrecôte mit den Pilzen befand, wanderte die sechzehn Platten des Tisches entlang zum Grafen, vertauschte die Gerichte, wanderte die sechzehn Platten wieder zurück zur Gräfin und servierte ihr die Nimbs Navarin mit einer leichten Neigung des Kopfes. Dann faßte er Posto neben dem Grafen.

Man aß eine Weile stumm vor sich hin.

Der Butler räusperte sich.

„Was gibt es, Maximilian?“ fragte Graf Hugo Raimund und nahm sein Glas mit dem Burgunder wieder auf.

„Dieses Telegramm ist eben abgegeben worden, Herr Graf.“

Graf Hugo Raimund von Lamberg griff nach dem Kärtchen und las den Text, wobei seine Augenbrauen erstaunt nach oben schossen. „Was? Der Graf von Orsini-Rosenberg fordert mich? Das ist stark!“ Er blickte seine Frau an. „Also das ist eine Frechheit!“

„Du verweigerst die Satisfaktion?“ erkundigte sich Henriette von Lamberg.

„Verweigern? Nein. Das heißt, ja. Oder vielmehr, das ist unglaublich. Satisfaktion, das heißt doch Genugtuung, die verlangt doch nur der Beleidigte. Nicht der Beleidiger. Das ist doch keine Vernunft!“ Vor Aufregung schüttete er ein wenig Burgunder auf seinen Anzug. Er fuchtelte herum wie ein Bretone und wurde immer wilder, bis sich schließlich seine ganze Entrüstung in einem fürchterlichen Tritt gegen das Schienbein des Butlers entlud, der stöhnend zusammenbrach. Mit schmalen Augen blitzte Hugo Raimund von Lamberg über die sechzehn Platten des Tisches zu seiner Gemahlin. „Das ist unglaublich. Ich erwische den Herrn in der denkbar kitzligsten Situation mit dir – und er will dafür von mir Genugtuung haben.Ervonmir!“

„Du hast ihn beleidigt.“

„Ich habe bloß die Wahrheit gesagt.“

„Du hast ihn einen Hundsfott genannt.“

„Er ist ein unausstehlicher Snob!“

„Na also. Und du verlangst, daß er sich nicht in seiner Ehre gekränkt fühlt? Er darf doch keinen Schimpf hinnehmen, Hugo Raimund.“

Hugo Raimund von Lamberg schnaufte einmal kurz durch. Wenn hier einer Schimpf hinzunehmen drohte, dann war ja wohlerdas. Schon verspannte sich sein Nacken. Und da ein Lambergscher Nacken eine gewisse Masse besaß, konnte sich auch ordentlich was verspannen. Vielleicht sollte er jetzt mit einem kühnen Streich den Tisch zertrümmern. Oder den Schmetterlingskasten von der Wand reißen und durch das Fenster mit dem venezianischen Glas schmeißen. Oder einfach nur dasitzen und den Weinfleck auf seinem Anzug anglotzen. Schließlich entschloß er sich dazu, dem Butler noch einen Fußtritt zu geben.

„Nehmen wir einmal an“, schnaufte Hugo Raimund von Lamberg und rieb sein schmerzendes Gelenk, denn der Butler war dem zweiten gräflichen Tritt ausgewichen, so daß sein Herr nur das Tischbein getroffen hatte, „nehmen wir einmal an, ich lasse mich darauf ein.“ Hier machte er eine kleine dramatische Pause. „Er könnte mich erschießen“, sagte er.

„Das wäre schlimm“, entgegnete Gräfin Henriette. „Trauerschwarz steht mir nicht.“

„Alternativen?“

„Nicht daß ich wüßte.“

„Fein“, murmelte Graf Hugo Raimund und tupfte mit seiner Gabel die letzten Reste Crêpes Suzette auf seinem Teller zusammen. Er überlegte sich, in wie viele kleine Splitter das Fenster wohl zerspränge, wenn er den Schmetterlingskastendochhindurchschmisse.

Draußen am Eingangstor schellte die Klingel. Der Butler verschwand für einen Augenblick und kam dann wieder. Traditionsgemäß faßte er Posto neben dem Grafen und räusperte sich.

„Ja, Maximilian?“

Eben sei ein Bote von Schloß Welzenegg angekommen, berichtete der Butler. Er brächte schlimme Nachricht: Die Gräfin Elisabeth Orsini-Rosenberg habe ihren Gemahl, den Grafen Sigismund Orsini-Rosenberg, erschossen, als sie von dessen Affäre mit Gräfin Henriette von Lamberg erfahren habe. Es hieß, zuerst habe sie den Tisch im Speisezimmer zertrümmert, darauf Sigismunds Schmetterlingssammlung durch das große Panoramafenster geschmissen und ihn schließlich selbst mit einer alten Vorderladerpistole getötet.

„Siehst du Henriette“, meinte Graf Hugo Raimund von Lamberg später, als sie gemeinsam beim Sherry in der Bibliothek saßen, „Dasnenne ich eine Alternative!“

Die Flaschenpost

Denken wir uns doch einmal dahin, wo’s warm ist. In die Südsee zum Beispiel. Karibik. Das Wasser ist kristallklar, durchfunkelt von warmem Sonnenlicht. Im Hintergrund drücken sich ein paar Kokospalmen ins Bild. Ansonsten straffer, wolkenloser Himmel. Wir bleiben in Küstennähe, genießen die tropischen Gewässer. Wo das Sonnenlicht die Oberfläche fleckig erscheinen läßt. Dann wieder seichte Gebiete, wo sich der Sand wie eine Dünenwüste erstreckt. Bald treffen wir auch auf Korallenriffe: Etwa das breite Wallriff dort drüben oder den hübschen Atollring direkt vor uns. Reiche voller Wunder! Zu einer riesigen Kolonie aufgeworfene Steinformationen, mit Schneiden, Spitzen, Kugeln und Kammern. Zierlich sind die Hecken, die auf wild zerklüfteten Blöcken wachsen, und alle sehen sie aus wie kleine, ins Meer geworfene Paläste verwunschener Prinzessinnen. Wuchtige Knollengewächse, hirn-, geweih- und buschförmig, strecken sich unter zarten, farbigen Fächern, und es herrscht eine solche Prachtentfaltung, daß selbst die englischen Kronjuwelen zu einem Haufen Kieselsteine herabsinken. Kleine Hohltiere, eben die Korallen, haben dieses Paradies errichtet, mit Röhren, Fußplatten, Etagen, Nischen, Erkern und Alkoven – ein wahres Miniatur-Atlantis.

In einem solchen Reich geschehen eine Menge seltsamer Dinge.

Ein hungriger Seestern erklettert die Korallenstöcke und stülpt seinen Magen über sie. So etwas sieht man in der Südsee alle Tage.

Ein paar Süßlippen und Clownfische flimmern durch das sonnendurchfunkelte Wasser und gehen ihren Tagesgeschäften nach, die darin bestehen, in flinker Jagd Sonnenstrahlen zu haschen. Zu einer großen, dunklen Fisch-Wolke geballt, verscheucht ein Schwarm Korallenfische einen Kraken, der in ihr Territorium eingedrungen ist und offenbar ihre Heimkoralle besetzen will. Der Schatten gleicht verwirrend dem langnasigen Profil eines steirischen Oberschullehrers. Auch das ist völlig normal für die Südsee.

Ein melancholischer Riffhai, der gerade ein paar Langusten und das Nummernschild eines australischen Lkws gefrühstückt hat, läßt sich von der Strömung treiben und denkt daran, wie angenehm es wäre, zur Abwechslung einmal einen gefüllten Krapfen zwischen die Zähne zu bekommen. Was besonders normal für die Südsee ist.

Eine Flasche schaukelt auf den Wellen, was sicher nicht normal für die Südsee ist.

Wir wollen mal annehmen, daß es früher eine Flasche war, das Ding da, das da herumschaukelt, diese trübe, von leichtem Grünschimmer überzogene, salzverkrustete Angelegenheit. Sie schwappt vorwitzig über das Wasser und jagt dem Schwarm Korallenfische einen solchen Schreck ein, daß sie augenblicklich den steirischen Oberschullehrer aufgeben und in wirrer Panik auseinanderstieben.

Nun geht von einer Flaschenpost nichts unbedingt Gefährliches aus; zumindest nichts, wovor sich kleine Korallenfische hüten müßten. Es sind vielmehr oft recht merkwürdige, zerbrechliche Seegüter, die aus Testamenten Verzweifelter, Abschiedsgrüßen an das Vaterland oder Hilferufe anderer Schiffbrüchiger bestehen. Die Korallenfische jedoch wissen nicht, was eine Flaschenpost ist, und selbst wenn sie es gewußt hätten: Wenn man klein ist und zudem ein Korallenfischchen, muß man immer vom Schlimmsten ausgehen.