Draußen vor der Kathedrale - Luis Antonio Tagle - ebook

Draußen vor der Kathedrale ebook

Luis Antonio Tagle

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Opis

Luis Antonio Tagle ist Erzbischof von Manila, doch seine Bedeutung reicht weit über die Philippinen hinaus. Neben anderen weltkirchlichen Aufgaben ist er seit 2015 Präsident der Caritas Internationalis. Er gilt als Stimme Asiens in der Kirche. Als zweitjüngster Kardinal nahm er am Konklave 2013 teil und zählt zu den wichtigsten Stützen von Papst Franziskus, wenn es um Gerechtigkeit für die Armen geht. Hier erzählt er, was ihn prägte, was ihm wichtig ist, worauf er hofft, wie er den Glauben versteht, wie er die Rolle der Kirche und der Religionen in der Welt sieht ? persönlich, engagiert, bewegend.

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Inhalt

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

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Luis Antonio Tagle

Draußen vor der Kathedrale

Mein Leben, meine Hoffnungen

Herausgegeben von Gerolamo Fazzini und Lorenzo Fazzini

Aus dem Italienischen von Gabriele Stein

Patmos Verlag

Inhalt

Einleitung

1 Einer aus dem Volk

2 Ein Arzt weniger, ein Priester mehr

3 Priester, um von den Armen zu lernen

4 Zweite Liebe Theologie

5 Manila, Philippinen

6 Asien heute und morgen

7 Die Ökologie und die »Genugtuung« der Enzyklika Laudato si’

Zum Abschluss …

Anmerkungen

Einleitung

»Mein ehemaliger Theologieprofessor ist in den nächsten Tagen in Rom, er heißt Luis Antonio Tagle. Er ist inzwischen Bischof in einer Stadt in der Nähe von Manila. Vielleicht wäre es interessant, ihn zu interviewen.« Es war im Jahr 2005, als Fabio Motta, Missionar des Päpstlichen Instituts für die aus­wärtigen Missionen (PIME) und damals gerade auf den Philippinen stationiert, der Monatszeitschrift Mondo e Missione diesen Vorschlag machte. Tagle würde nach Rom kommen, um an der Eucharistie-Synode teilzunehmen. Dass der Bischof – mit seinen 48 Jahren der jüngste Teilnehmer an dieser Kirchenversammlung – so rasch zusagte, war eine angenehme Überraschung. Das Interview, das im November 2005 erschien, offenbarte einen erstaunlichen Menschen mit einer ausgeprägten und tiefgründigen Theologie und von außergewöhnlicher pastoraler Sensibilität.

Szenenwechsel. Oktober 2012, die Skandale (Vati­leaks, »Maulwürfe«, Vatikan-Bank, pädophile Kleriker …), die die katholische Kirche während des Pontifikats Benedikts XVI. erschüttern, haben ihren Höhepunkt erreicht. Wieder sind es die Patres des PIME, die den italienischen Verlag EMI auf ein Buch von Bischof Tagle hinweisen, der inzwischen Erzbischof von Manila und gerade von Benedikt zum Kardinal ernannt worden ist. »Hier hast du seine Handynummer, ruf ihn an: Du wirst sehen, er ist sehr zuvorkommend«, so die Worte von Pater Piero Masolo, auch er ein ehemaliger Tagle-Schüler. Gesagt, getan: Einige Tage vor dem feierlichen Konsistorium erklärte sich der angehende Purpurträger zu einem Gespräch bereit und gab seine Genehmigung dazu, dass mit Easter People erstmals eines seiner Bücher in italienischer Übersetzung erschien (Gente di Pasqua). Was als halbstündiges Treffen geplant war, dauerte über zwei Stunden. Und am Ende waren wir uns einig: Wir waren einem echten Seelsorger begegnet, einem bescheidenen und leidenschaftlichen Mann, der sich – als einzige Chance, in den Augen der Welt glaubwürdig dazustehen ‒ für die Kirche ein »Bad der Demut« wünschte.

Das Konklave von 2013 – das mit der Wahl von Papst Franziskus enden sollte – macht Tagle weltbekannt. Immer wieder fällt sein Name beim Papst-Toto der Journalisten, das auf den überraschenden Amtsverzicht Benedikts XVI. folgt. Die öffentliche Meinung – und natürlich nicht nur die italienische – beginnt, sich mit dem Gesicht und dem (menschlichen und geistlichen) Profil des philippinischen Kardinals vertraut zu machen. Aufmerksameren Beobachtern waren sein persönliches Format, sein intellektueller Werdegang und seine pastorale Leidenschaft schon seit längerem aufgefallen.

»Tagle ist ein Mann des Evangeliums, der es wirklich versteht, von Jesus Christus zu erzählen«, weiß Enzo Bianchi, Prior der Kommunität von Bose, über ihn zu sagen. »Er hat das Charisma Johannes Pauls II. und das theologische Format Benedikts XVI.«, verkündet die Los Angeles Times. »Tagle hat den Geist eines Theologen, die Seele eines Musikers und das Herz eines Seelsorgers«, so der führende Vatikankenner der Vereinigten Staaten, John Allen. Während des Vorkonklaves 2013 definiert ihn der Corriere della Sera in eher nüchternem Ton als »aufstrebende Persönlichkeit der östlichen Kirche«, während Repubblica auf seine »Doppelbegabung« verweist: »feinsinniger Theologe und aufmerksamer Seelsorger mit einem Blick für das Leben der Armen«.

Und doch blieb auch nach dem Konklave, als sich der Medienrummel gelegt hatte, eine Frage unbeantwortet: Wer ist dieser Tagle wirklich? Warum hinterlässt er einen solchen Eindruck, bereits dann, wenn man ihn zum ersten Mal hört? Woher kommt dieser Kardinal, der als Bischof nicht einmal ein Auto hatte (»Ich bin lieber mit dem Bus gefahren, da kam ich leichter mit den Leuten in Kontakt«) und sich als Kardinal nicht selten einfach »in Zivil« kleidet? Dieser Kirchenfürst, der den typischen Pomp so vieler kirchlicher Würdenträger nicht mag? Warum halten ihn viele – nicht zuletzt sein amerikanischer Mentor Father Joseph A. Komonchak – für einen der brillantesten und fähigsten Theologen der letzten Jahre? Diese Fragen haben uns neugierig gemacht und in uns den Wunsch geweckt, sie dem Kardinal selbst zu stellen – der sich jedoch sträubte, weil er nicht über sich selbst reden wollte, ohne gleichzeitig ein Zeugnis des Glaubens und der Dankbarkeit abzulegen. So entstand die Idee zu diesem Buch, einer Autobiographie in Dialogform.

Noch bis vor wenigen Jahren war Luis Antonio Gokim Tagle – Gokim ist der Familienname seiner Mutter, die aus China stammt ‒ in der westlichen Welt fast ausschließlich im engeren Kreis der Theologen bekannt: Er hatte einen Beitrag zu Giuseppe Alberigos monumentaler Geschichte des II. Vatikanischen Konzils (Grünewald/Peeters) verfasst und Jahre zuvor in Bologna an den Versammlungen der Stiftung für Religionswissenschaften teilgenommen – Treffen, zu denen Wissenschaftler und Historiker aus ganz Europa und darüber hinaus zusammenkamen. In Rom war er seit 1997 Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission gewesen, in die ihn der damalige Kardinal Ratzinger, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und Vorsitzender der besagten Kommission, berufen hatte.

In den darauffolgenden Jahren arbeitete Tagle immer häufiger in vatikanischen Gremien mit: 1996 wurde er zum »Experten« (»Peritus«) auf der Asien-Synode ernannt, 2005 vertrat er die Philippinen auf der Eucharistie-Synode und 2008 auf der Synode über das Wort Gottes. In beiden Fällen wählte ihn die Versammlung von Bischöfen aus aller Welt in den postsynodalen Rat, jenen Arbeitskreis also, in dem die Ergebnisse der Beratungen festgehalten werden. 2012 wurde Tagle auf der Synode über die Neuevangelisierung zum stellvertretenden Vorsitzenden der Kommission für die Abschlussbotschaft ernannt; auch diesmal wählte ihn die Versammlung in den postsynodalen Rat. Papst Franziskus machte ihn sowohl 2014 als auch 2015 zu einem der Präsidenten der Familiensynode.

Die Aufgaben, die Papst Franziskus ihm anvertraut hat, sind zahlreich: Er ist Mitglied der Kongregation für das katholische Bildungswesen, Mitglied der Päpstlichen Räte für die Familie (hier gehört er dem Leitungsausschuss an), für die Migranten und für die Laien. 2015 schließlich wurde er zum Vorsitzenden von Caritas Internationalis und zum Präsidenten der Katholischen Bibelföderation gewählt.

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis von rund zehn Begegnungen und langen Interviews, die wir sowohl am Philippinischen Kolleg in Rom als auch in Tagles philippinischer Residenz im Bezirk Intramuros geführt haben, dem »alten Herzen« von Manila, wo die Straßennamen und Gebäude noch an die Zeit erinnern, als das katholischste aller asiatischen Länder eine spanische Kolonie war. Dort hatten wir Gelegenheit, in sachlich-schlichter Atmosphäre mit ihm und seiner »Familie« (zu der auch eine Person mit Behinderung gehört) gemeinsam zu Mittag zu essen.

Wir haben Tagle im Lauf dieser langen und eingehenden Gespräche viele Fragen gestellt. Anschließend hat er sich trotz seiner unzähligen nationalen und internationalen Verpflichtungen die Zeit genommen, das gesamte Manuskript durchzusehen, zu überarbeiten, zu korrigieren und zu ergänzen. Daher können die Herausgeber guten Gewissens erklären, dass das vorliegende Buch vom Kardinal persönlich verfasst worden ist, der darin von sich selbst erzählt und in aller Demut und Aufrichtigkeit seine Sicht auf die Welt, auf den Glauben und auf das Leben erläutert. Darüber hinaus haben wir ihn sowohl in Italien als auch in Manila zu verschiedenen Gelegenheiten bei der Arbeit beobachten können. Und schließlich sind wir mit einer Reihe von Personen in Kontakt gekommen, die Tagle als Seelsorger erlebt haben (oder noch immer erleben).

Im Gespräch mit dem Kardinal haben wir sein Leben und seine Entscheidungen Schritt für Schritt Revue passieren lassen. Gleichzeitig hat sich der Blickwinkel mit jeder Etappe seines menschlichen, geistlichen und kirchlichen Reifeprozesses geweitet und auf den Kontext ausgedehnt, in dem das Evangelium zu einer Geschichte im Heute werden soll. Es ist und bleibt eine Autobiographie – aber eine, in der unser Gesprächspartner mit seinen Aussagen über den Glauben, die Kirche und die Herausforderungen der Welt und der Gesellschaft auch so manches »heiße Eisen« angepackt hat.

Während dieses Buch entstanden ist, haben wir viele Beispiele für die einmalige, zuvorkommende Art des Kardinals und insbesondere für seinen aufmerksamen Umgang mit den Menschen erlebt. Deshalb war die Arbeit an diesem Band für uns in erster Linie eine herausragende persönliche Erfahrung: ein Weg, den wir in der Gesellschaft eines Mannes zurückgelegt haben, dessen Terminkalender insbesondere in der letzten Zeit, da sich seine vatikanischen und internationalen Ämter vervielfacht haben, vor Terminen und Anfragen förmlich aus den Nähten platzt. All das hat jedoch seiner guten Laune und auch seiner Fähigkeit keinen Abbruch getan, die Probleme mit seinem schon sprichwörtlich gewordenen Lachen oder mit einer köstlichen Anekdote zu relativieren. Eine besonders unvergessliche erzählte er uns auf dem Franziskanischen Festival 2014 in Rimini: »Nach meinem Vortrag auf dem eucharistischen Kongress in Québec 2008 kommt ein Kardinal auf mich zu: ›Exzellenz, danke für Ihren Vortrag‹, sagt er zu mir. ›Darf ich fragen, ob Sie mir den Text überlassen würden? Ich würde ihn sehr gern noch einmal lesen. Ich bin der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio.‹ Natürlich habe ich ihm das Skript gegeben. Zu meiner Überraschung fing er daraufhin an, mir aus Buenos Aires persönliche Briefe nach Imus zu schreiben, wo ich Bischof war. Ich habe ihm nie geantwortet, ich hatte einfach keine Zeit. Stellen Sie sich nur vor, wie wertvoll diese Briefe heute wären!« Und dann lacht er schallend, um die Bewunderung herunterzuspielen, die der spätere Papst dem jungen Bischof Tagle entgegengebracht hatte.

Auch in unseren Gesprächen hat Kardinal Chito (so wird er in seiner Familie genannt, es handelt sich um eine Abkürzung der Verkleinerungsform Luisito) es nicht an witzigen Bemerkungen und an Lachern fehlen lassen – die bisweilen für Irritationen sorgten, weil die Interviewpartner es sich nicht erklären konnten, woher der Prälat die Kraft zu dieser Ironie und Leichtigkeit nahm, obwohl die Sorgen, die auf ihm lasten, und die Probleme, die ihn bedrängen, so manchen von uns in Angst und Schrecken – und in Stress! ‒ versetzen würden. Wir würden uns wünschen, dass die Leserinnen und Leser darüber genauso staunen können wie wir. Und dass sie eine Ahnung davon bekommen, dass die überraschende Gelassenheit und heitere Freude, die dieser Mensch beständig ausstrahlt, tief im Allerhöchsten wurzeln.

Gerolamo und Lorenzo Fazzini

1 Einer aus dem Volk

»Jedes Mal, wenn mich ein Schweizergardist im Vatikan mit ›Eminenz‹ anredet, wundere ich mich. Ich ein Kardinal? Ich fühle mich noch immer wie Gokim Tagle, ein einfacher Priester, den der Herr berufen hat, zu dienen.« – Es ist keine falsche Bescheidenheit, die der »Baby-Kardinal« hier an den Tag legt (Tagle war einige Jahre lang der Zweitjüngste im Kardinalskollegium). Es entspricht dem Naturell von Bischof Chito (unter diesem Spitznamen kennt man ihn zuhause, und er selbst benutzt ihn in seinem Twitter-Account), sich dem anderen in aller Bescheidenheit und ohne jegliche Formalitäten zur Verfügung zu stellen. Dieser Stil wurzelt in seiner persönlichen Geschichte: der Geschichte eines Mannes, der in einer ganz einfachen und tiefreligiösen Familie aus dem Volk großgeworden ist.

Heute ist Kardinal Tagle eine Persönlichkeit von internationalem Format, Oberhaupt eines der bevölkerungsreichsten Erzbistümer der Erde, Theologe von Weltruf (er hat in den USA und in Italien studiert und in den verschiedensten Regionen des Globus die Ehrendoktorwürde erhalten) und in vielen Ländern, vom Weltwirtschaftsforum in Davos bis hin zur Bischofs­synode in Rom, ein geschätzter und gefragter Redner. Doch das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist, ist zutiefst von der Volksfrömmigkeit geprägt, den traditionellen Gebeten, der Marienverehrung … Dies ist ein unauslöschlicher Teil seiner Geschichte, der auch seinen pastoralen Stil beeinflusst hat.

Denn um den Menschen Tagle zu verstehen, muss man bei den familiären und kulturellen Wurzeln dieses Mannes beginnen, die eng mit der philippinischen Identität verbunden sind. Und diese wiederum ist von einem tief im Volkstümlichen wurzelnden Christentum und einem ausgeprägten Sinn für Familie und Gastfreundschaft gekennzeichnet.

Heute gilt Tagle vielen als einer der Kardinäle, die dem Stil und dem Lehramt von Papst Bergoglio am nächsten stehen, wie auch die zahlreichen Ämter beweisen, die Franziskus ihm anvertraut. Das ist nicht weiter verwunderlich: Sein Verhalten und seine Worte weisen dieselbe Einfachheit und Liebens­würdigkeit im Umgang mit den Menschen auf, wie wir sie beim argentinischen Papst zu schätzen gelernt haben.

*

Erzählen Sie uns etwas von Ihrer Familie …

Die Familie meiner Mutter stammt aus der Gegend von Dagupan in der Provinz Pangasinan im Norden der Insel Luzon. Meine Mutter, Milagros Gokim, hat chinesische Vorfahren. Ihr Vater war als Junge gemeinsam mit einem Onkel aus geschäftlichen Gründen von China auf die Philippinen gereist und dann dortgeblieben: Er heiratete und kehrte nicht mehr nach China zurück. Meine Großmutter mütterlicherseits war ebenfalls philippinisch-chinesischer Abstammung.

Die Familie meiner Mutter war sehr groß, sie hatte acht Geschwister. Mein Großvater arbeitete für eine Zigarrenfabrik, und meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt. Es waren sehr fleißige Leute.

Die Familie meines Vaters stammte aus Imus, einer kleinen Stadt in der Provinz Cavite, 25 Kilometer südlich von Manila. Mein Vater, Manuel senior, hat seinen Vater früh verloren; er war während der japanischen Besatzung bei einer Bombenexplosion ums Leben gekommen. Mein Vater wurde dabei verletzt. Er hat noch heute Bombensplitter in seinem Körper. Meine Großmutter väterlicherseits hat die Familie meines Vaters durchgebracht, alle fünf Kinder: vier Töchter und einen Sohn, meinen Vater. Sie hat mit ihrer Schwester in einem Restaurant als Köchin gearbeitet. Weil sie alleinerziehend war, musste meine Großmutter sehr hart arbeiten. Bei den Mahlzeiten in der Familie war sie oft nicht dabei, weil sie sich um das Restaurant kümmern musste. Später bekam sie Magenkrebs, an dem sie mit 69 Jahren starb.

Vater und Mutter waren normale und einfache Leute: Sie haben beide bei der Bank gearbeitet, der Equitable Bank: Dort haben sie sich auch kennengelernt. Sie haben am 26. August 1956 geheiratet. Ich bin ein Jahr später, am 21. Juni 1957, in einem Krankenhaus in Manila zur Welt gekommen. Aber mit der Familie haben wir immer in Imus gelebt. Ein Jahr nach mir wurde meine Schwester Irma geboren, doch sie ist wenige Minuten nach der Geburt gestorben. Mein Bruder Manuel junior kam 1962 auf die Welt. Er lebt seit einigen Jahren in den Vereinigten Staaten. Nach ihm hatte meine Mutter noch eine vierte Schwangerschaft, die aber mit einer Fehlgeburt endete.

Wie es damals in einigen philippinischen Familien üblich war, lebte die Familie meines Vaters bei uns im Haus: meine Urgroßmutter väterlicherseits, die 93 Jahre alt geworden ist, meine Großmutter väterlicherseits, die Geschwister meines Vaters (nur seine ältere Schwester war verheiratet, sie hatte drei Kinder) und fünf Cousins und Cousinen. Da wir alle zusammenlebten, haben wir gelernt, sorgfältig mit Zeit und Raum umzugehen, Dinge zu teilen und Opfer für das gemeinsame Wohl aller zu bringen.

Glauben Sie, dass Sie von Ihrer Herkunft und Ihrer Fami­liengeschichte her noch etwas »Chinesisches« an sich haben?

Ich glaube, dass ich einige chinesische Eigenschaften geerbt habe, auch wenn mein Großvater den größten Teil seines Lebens auf den Philippinen verbracht hat. Ich erinnere mich noch an einige Bräuche, die er gepflegt hat: dass er zum Beispiel, um seine Mutter zu ehren, Lebensmittel vor ihr Foto gelegt und dazu ein paar Weihrauchstäbchen angezündet hat, dass er das neue Jahr mit Knallkörpern und Feuerwerk begrüßt hat oder auch, dass er bei den Mahlzeiten mit der Familie immer so viel aufgefahren hat. Nach chinesischer Sitte kann und muss man alle Ausgaben kontrollieren, aber nicht die für das Essen! Neben diesen Angewohnheiten haben wir von unserem chinesischen Großvater gelernt, alten Menschen mit Respekt zu begegnen, der Familie gegenüber loyal zu sein, einfach zu leben, das heißt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren; wir haben den Wert der Erziehung und eine Arbeitsethik kennengelernt, die auf Motivation, Sorgfalt und Treue basiert.

Als ich neun Jahre alt war, bat mich mein Großvater, Chinesisch zu lernen, weil keines seiner Enkelkinder Chinesisch sprach. Einen ganzen Sommer lang bekam ich Privatstunden bei einer Chinesin und lernte Mandarin und Hokkien. Die anderen Kinder im Kurs waren jünger als ich, deshalb war ich ihnen in den Lektionen voraus. Aber ich hatte keine Möglichkeit, das Chinesische zuhause oder in den normalen Schulstunden zu üben. Also ging ich irgendwann nicht mehr hin. Heute tut es mir leid, dass ich mit dem Chinesisch-Unterricht nicht weitergemacht habe.

Wo sind Sie zur Schule gegangen?

Meine Eltern schickten mich an eine Schule in der Stadt Parañaque, etwa 15 Kilometer von zuhause entfernt; sie wurde von Scheut-Missionaren aus Belgien geleitet, also von Mitgliedern der Kongregation vom Unbefleckten Herzen Mariens. Das waren ganz einfache Priester mit einem wirklich bescheidenen Lebensstil. Sie konzentrierten sich auf das, was für die christliche Erziehung der Jugendlichen wichtig war. Sie wollten nicht, dass wir viel Geld ausgaben; sie sagten uns, wir sollten unser Geld für unsere Familien sparen. Also mussten wir unsere Schulbücher nicht kaufen, sondern durften sie kostenlos bei der Schule ausleihen: Jeder Schüler war gehalten, sorgfältig mit seinen Büchern umzugehen, weil wir sie am Ende zurückgaben; wer pfleglich damit umgegangen war, musste nichts bezahlen. Dieser Stil, den die Scheut-Patres mir beibrachten, hat mir sehr dabei geholfen, das Prinzip der »Bewahrung« zu verstehen, das ja auch für die Schöpfung gilt: Dem Menschen wird etwas anvertraut, das ihm nicht gehört, sondern das er als ein Erbe an andere weitergeben muss.

Bei den belgischen Missionaren lernten wir Schüler eine große Einfachheit kennen, eine gelebte Armut und Aufmerksamkeit für die Armen und eine klare Auffassung davon, was im Leben Vorrang hat. Sie erlaubten uns keinerlei Ablenkungen; sie gewöhnten uns daran, uns auf den Weg zu konzen­trieren, der direkt vor uns lag. An einen der belgischen Missionare erinnere ich mich noch besonders gut, ich meine Pater Paul Foulon, meinen Lehrer, der auch der Schulleiter war. Er war sehr streng, aber auch ein kluger Mann. Als Kinder hatten wir Angst vor ihm, sogar sein Schatten flößte uns Ehrfurcht ein; doch als wir dann älter wurden, begriffen wir, wie sehr er seine Schüler liebte. Heute ist er im Ruhestand; er lebt in Belgien, aber wir haben noch Kontakt zueinander.

Was erscheint Ihnen von all den Dingen, die Ihre Eltern Sie von klein auf gelehrt haben, noch heute besonders bedeutsam?

Meine Großeltern und meine Eltern haben mir eingeschärft, hingebungsvoll und hart zu arbeiten: »Wenn du etwas machst, dann mach es gut«, das war einer ihrer Grundsätze. An ein anderes Motto erinnere ich mich auch noch deutlich: »Sei für die anderen ein guter Nachbar … Wenn jemand dich um etwas bittet, dann tu es, wenn du kannst!« Vor allem anderen jedoch haben meine Eltern mich den Glauben gelehrt. Sie haben während des Krieges sehr gelitten. Mein Großvater väterlicherseits war ja, wie schon gesagt, 1944 während des Krieges bei einer Bombenexplosion ums Leben gekommen. Meine Großmutter blieb zurück und musste allein für meinen Vater und seine vier Schwestern sorgen. Mein Vater, der damals 14 Jahre alt war, war ebenfalls verletzt worden. Und meine Großmutter arbeitete hart in einem kleinen Restaurant, das ihrer Schwester gehörte, damit sie ihre Kinder zur Schule gehen lassen konnte. Die Familie meiner Mutter kam aus einer anderen Gegend, sie waren umgezogen, weil sie einen Ort suchten, wo es sicherer war, denn als Chinese war ihr Vater bei den japanischen Behörden damals nicht gut angesehen. Doch sie haben überlebt: weil sie an Gott geglaubt haben und daran, dass man einander helfen muss. Als wir noch klein waren, haben sie uns immer viele Geschichten über den Krieg erzählt, und ich war sehr überrascht, dass sie es geschafft haben, sich in so schweren Zeiten über Wasser zu halten. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass der Glaube und die gegenseitige Hilfe die Menschen stark machen können: Das habe ich von ihnen gelernt. Zusammenfassend kann ich sagen, dass mein Glaubensweg dank meiner Familie, der Kontakte zu den Priestern der Gemeinde und der Missionare an der Schule ein ganz normaler Weg gewesen ist.

Wie würden Sie Ihre religiöse Erziehung beschreiben?

Ich bin mit dem Glauben großgeworden, vor allem in meiner Familie, die eine ganz normale Familie war: Sie bestand aus hart arbeitenden Menschen und sie hat mich zu einfachen Werten erzogen: dem Glauben, der Familie, der Liebe zur Kirche, guten Manieren, gesunden Grundsätzen. Meine Eltern haben sich sehr in der Kirche engagiert. Von meiner Mutter habe ich gelernt zu beten, sie hat mit mir die einfachen Gebete der christlichen Tradition gebetet: das Vaterunser, das Avemaria, den Rosenkranz … Mit drei Jahren kannte ich die wichtigsten Gebete und konnte allein den Rosenkranz beten.