Die Väter haben Herlinge gegessen - Gustav Wied - ebook

Die Väter haben Herlinge gegessen ebook

Gustav Wied

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Opis

Ein sarkastischer Roman über die Zustände in der dänischen Gesellschaft zu Ende des 19. Jahrhunderts.

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Die Väter haben Herlinge gegessen

Gustav Wied

Inhalt:

Gustav Wied – Biografie und Bibliografie

Die Väter haben Herlinge gegessen

Auftakt

Vorgeschichte

Nacht. In der Villa Seemann.

Auf Havslundegaard

Bei den alten Seemanns.

Im Familienhaus.

Auf Hvidgaard.

Schluß

Epilog

Die Väter haben Herlinge gegessen, Gustav Wied

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849639846

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Gustav Wied – Biografie und Bibliografie

Dänischer Schriftsteller, geboren am 6. März 1858 in Holmegaerd, Nakskov, verstorben am 24. Oktober 1914 in Roskilde. Wied war der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, der sich in den verschiedensten Berufen versuchte, bis er sich 1890 als freischaffender Schriftsteller niederließ. Seine Erzählungen sind von skurrilem Humor aber auch ätzender Satire geprägt, mit denen er die Menschen seiner Heimat schilderte. Wied thematisierte in seinem Werk sein kritisches Verhältnis zur Gesellschaft, welches von einem tiefen Pessimismus begleitet wird. Am 24. Oktober 1914 tötete sich Gustav Johannes Wied in Roskilde.

Wichtige Werke:

Dansemus (1905)Knagsted (1902)Livsens ondskab (1899)Slægten (1898)

Der Text ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar; zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein, und ist im Einzelnen zu finden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Wied

Die Väter haben Herlinge gegessen

Georg Brandes in Bewunderung und Freundschaft

Man füttere seine Karauschen und mache seinen Whisky stärker

Auftakt

Grausamer Isidor, weshalb saßest Du die ganze Zeit bei Mutter und plaudertest mit ihr? Merktest Du nicht, daß ich die ganze Zeit vom Fenster aus zu Dir hinüberblickte und immer bleicher wurde, nur vor Sehnsucht, wie eine kleine, kranke Blume, die nach der Sonne verlangt? Ich liebe Dich, Vetter Isidor, ich liebe Dich, daß ich schreien könnte! Weißt Du, was ich des Abends tue, wenn ich ins Bett komme? Ich nehme das Taschentuch, das Du neulich draußen im Entré verlorest und nicht wiederfinden konntest und lege es über mein Gesicht und träume von Dir bis ich einschlafe, es riecht so wundervoll nach Deinem Parfüm, und nun habe ich mir beim Kolonialwarenhändler Ingerslev selbst eine Flasche Violette Russe gekauft.

Ach, kleiner süßer, lieber Vetter Isidor, wenn Du zu uns auf Besuch kommst, dann ist es als ob die Sonne schiene, und ich könnte ruhig die ganze Zeit auf einem Schemel zu Deinen Füßen sitzen und Dich ansehen, ohne müde zu werden; aber das darf ich ja nicht, da Du verheiratet bist. Die Mädels machen sich über mich lustig, weil ich so gern von Dir sprechen möchte, aber nun nenne ich Deinen Namen nie mehr und wenn ich es gar nicht lassen kann, dann gehe ich in eine Ecke und spreche ganz leise vor mich hin: "Isidor, ich liebe Dich!" Und manchmal, wenn Türk und ich unten in meinem Häuschen sind, dann spreche ich laut von Dir, und ich glaube, Türk versteht mich, denn er sieht mir betrübt in die Augen, und dann weine ich, und er leckt mich über das Gesicht; was mache ich mir daraus, ob ich Bandwürmer bekomme; ich würde gerne krank werden und sterben, denn dann würden Dir die andern wohl mein Tagebuch senden, und Du würdest mit Liebe an Deine kleine S. denken, deren Herz gebrochen ist. Aber um eines will ich Dich bitten, Isidor, und das ist, daß Du kein ulkiges Bild von mir zeichnest mit brennendem Herzen oder so etwas darauf, wie Du es immer tust, denn ich liebe Dich so treu, glaube mir, daß man sich darüber nicht lustig machen darf, und kannst Du es nicht lassen, mich zu zeichnen, Isidor, willst Du mir dann vor Gottes Angesicht geloben, es nicht den Schwestern zu zeigen? Ach wie gerne möchte ich doch richtig krank werden, denn dann würde Dir Rositta wohl erlauben, an meinem Bett zu sitzen und meine Hand zu halten, wenn ich sterben müßte, denn darauf kannst Du Dich verlassen, wenn Rositta krank würde und stürbe, und Du Dich dann mit mir verheiratest, dann würde ich Euren Kindern wohl eine gute Mutter sein und ich würde alle Tage mit ihnen auf den Kirchhof gehen und ihnen von ihr erzählen; aber unsere höchsten Wünsche werden ja hier in dieser traurigen Welt niemals erfüllt. Leb' wohl, süßer, kleiner, geliebter Vetter Isidor, nun wollen ich und Türk ein bißchen unten im Strandwald spazieren gehen.

Dein bis in den Tod S.

Es ist wahr, als Du gegangen warst, legte Mutter die Karten, um zu sehen, ob ich den bekäme, den ich auf der ganzen Welt am liebsten hätte; aber ich bekam ihn nicht. Du kannst mir's glauben, ich habe was geweint!

Natürlich hatte es Mutter auf meine Bitte getan, denn sie weiß natürlich gar nichts.

###

Es war auf dem Rittergute Havslundegaard an einem Spätnachmittag im September.

Die vier Schwestern standen oben im großen Schlafzimmer der Gnädigen im ersten Stock hinter den Gardinen verborgen und lugten hinaus:

"Er kann es nicht! Er tut es nicht!" sagte Anna, die gegen ihre Gewohnheit Feuer und Flamme war.

"Doch, paß' auf, er tut es!" nickte Charlotte.

"Ja, aber er kann es doch nicht ... Mutters wegen!"

"Pah!" pustete Frederikke. "Was glaubst du, macht der sich daraus."

Aber die kleine fünfzehnjährige Sophie, die jüngste, die im Gegensatz zu ihren schlanken blonden Schwestern schwarzhaarig und dunkel war, trat bleich vor Zorn einen Schritt ins Zimmer zurück; ihre Hände waren geballt, und ihre braunen Augen funkelten.

"Tut er das," sagte sie, "so betrachte ich ihn nicht mehr als meinen Vater!"

"Ha! das wird er wohl ertragen können!" lachte Frederikke.

In diesem Augenblick ertönte es atemlos von Charlotte:

"Da ist der Wagen!"

Und die Mädchen stürzten wieder an die Fenster...

Aber es war nur ein Arbeitswagen, der auf dem gepflasterten Wege zwischen dem Vorwerk und dem Burghof daherrumpelte.

"Weiß eine von euch, wo Mutter steckt?" fragte Sophie dann.

"Sie hat sich wohl in die Kapelle eingeschlossen."

"Daß sie das Leben aushalten kann!"

"Sie kann es, weil sie eine Heldin ist!"

"Sie lebt für uns Kinder!"

"... Aber da drüben steht sie ja!" rief Frederikke plötzlich.

"Wo? Wo?" ertönte es von den andern.

"Hinter der Gardine in der Plättstube."

"Ja, wahrhaftig! ... Laßt das – nicht so herüberstarren! ... Ja, es wäre Sünde, wenn sie entdeckte, daß wir sie gesehen haben!" Die Augen der kleinen Sophie flammten.

"Ich könnte Vater totschlagen," sagte sie.

Frederikke deutete eifrig mit dem Finger hinaus:

"Und seht mal, da steht Olga hinter den Fliederbüschen!"

"Und Ane hat die Brauhaustür angelehnt!" ergänzte Anna.

"Und seht mal, den Gärtner der schleicht drüben unter den Akazienbäumen umher!"

"Und da kommen die drei Alten aus dem Asyl!"

"Die haben keine Angst!"

"Nein, denn die halten es mit Mutter!"

"Das tut wohl der ganze Hof!" nickte Sophie.

Im selben Augenblick erklang das Knallen einer Peitsche und das Stampfen von Pferdehufen.

"Da ist der Wagen!"

Die Mädchen standen einen Augenblick in atemloser Spannung.

"Bei Gott im Himmel, sie sitzt da!" entfuhr es dann Anna.

"Und im Landauer! In Mutters eigenem Wagen!" ergänzte Charlotte.

"Und er ist herabgelassen!" erklang es entrüstet von Frederikke.

Aber die kleine Sophie sprang außer sich auf einen Stuhl:

"Ich reiße das Fenster auf," sagte sie, ihre Lippen bebten, und die Stimme war belegt von nicht mehr einzudämmendem Weinen. "Ich reiße das Fenster auf und rufe ihr nach: Hündin!"

"Aber bist du denn verrückt, Mädel!" Anna riß die Schwester vom Stuhl herunter und vom Fenster fort, dessen Flügel sie schon geöffnet und zurückgestoßen hatte, daß sie klirrend gegen die Mauer flogen. "Du weißt doch, daß Mutter das nachher bloß ausbaden muß!"

Sophie riß sich los und wollte wieder vorstürzen, und als sie von den andern zurückgehalten wurde, da warf sie sich mit dem Gesicht nach unten vor ihnen auf den Fußboden und brach in ein hysterisches Schluchzen aus.

Der Landauer hatte indessen das Hauptportal erreicht, und der Kutscher knallte wieder laut mit der Peitsche.

Auf dem Rücksitz des Wagens saß "die Hündin" aufgetakelt und ausstaffiert, einen federgeschmückten Hut mit Rosen und flatternden Bändern auf dem Kopf. Die kleinen, stechenden, schwarzen Augen in dem recht hübschen Gesicht fuhren unablässig an den Fenstern und Türen des Hauptgebäudes hin und her, während die dicken behandschuhten Finger nervös an den Spitzen des übertrieben eleganten Umhanges zupften und ihre fetten, sackigen Wangen röter und röter wurden.

So saß sie ein paar Minuten und wartete, immer erregter infolge der Situation.

Das war wieder einer seiner gewöhnlichen närrischen Einfälle, daß sie hier vorrollen und ihn abholen sollte, während er hätte zum Wirtschaftsgebäude fahren und sie mitnehmen müssen. Hier saß sie, allen Leuten auf dem Gut zum Gelächter ...! Und es sähe ihm ähnlich, wenn er selbst hinter dem Fenster stünde und sie auslachte!

In ihrer Erregung kam es ihr vor, als höre sie es ringsum aus den halbdunklen Ecken und Winkeln des Gebäudes murmeln und kichern. Und plötzlich entdeckte sie auf der Bank dort vor dem "Asyl" die drei Alten, die eifrig gestikulierend die Köpfe zusammensteckten und flüsterten.

Satan auch, daß sie nicht kurz und bündig nein gesagt hatte, als er vorschlug, daß der Wagen mit ihr hierauf fahren solle ...!

Die Sonne war allmählich hinter den Linden im Park versunken. Die Schatten auf dem Hofplatz wurden länger und länger. Das große rote Gebäude, das jetzt im Abenddämmer einen fast blauschwarzen Ton bekam, lag wie ausgestorben. Nicht ein Laut war zu hören, nur hin und wieder ertönte ein leises klagendes Pfeifen von den offenstehenden Fenstern im ersten Stock, das vom Zugwind schwach hin und her bewegt wurde ...

Ein Flug Saatkrähen und Raben ließ sich krächzend und lärmend auf dem Turmdach nieder.

Das Frauenzimmer im Wagen fuhr zusammen und richtete seinen derben Körper auf: "Lars, der Herr hat uns gewiß nicht gehört. Knall' noch 'mal mit der Peitsche!"

Der Kutscher rührte sich nicht.

Da stieß sie in rasender Wut mit dem Absatz gegen den Wagenboden, daß es schallte:

"Kann Er nicht hören, Er Schafskopf, wenn man mit ihm redet! Noch 'mal knallen, sag' ich!"

Aber ohne sich zu rühren und ohne Ordre zu parieren brummte der Kutscher träge und widerwillig, als koste es ihm eine Überwindung, den Mund zu öffnen:

"Immer sachte, Mamsellchen Hellmer; der Herr zeigt sich schon, wenn es ihm paßt ..."

###

Bald darauf wurde die Tür geöffnet, und der Gutsbesitzer Herr Niels Uldahl-Ege, trat heraus. Er war ein kleiner, magerer Mann, mit wohlgepflegtem weißem Haar und Bart; hübsch und fein anzusehen, aber mit ein paar großen wasserblauen, unzuverlässigen Augen.

"Ist das eine Art, mich hier den ganzen Hof zum Gelächter sitzen und warten zu lassen!" keifte das Frauenzimmer im Wagen augenblicklich los.

Er blinzelte nervös mit den Augen:

"Na na, Mathilde, du sitzest ja ganz gut ... und ich komme ja schon. Hast du auch den Koffer nicht vergessen?"

"Nein, der steht bei Lars."

Uldahl sah sich schnell und scheu um. Dann stieg er in den Wagen und setzte sich neben seine Dame. Er nahm dort nicht viel Raum ein.

Plötzlich packte ihn die Mamsell hart am Arm. "Sieh mal, sieh mal," sagte sie und deutete zu den Fenstern der Plättstube im östlichen Flügel hinüber – "da drüben steht deine Frau! Grüße sie!"

Es blitzte im Blick des Gutsbesitzers böse auf, und er nahm tief und zermoniell seinen Hut ab. Gleichzeitig bekam er einen seiner kleinen pikanten Einfälle: Die liebe Familie sollte noch mehr gedemütigt werden; die Töchter hatte er doch noch so einigermaßen unter der Fuchtel.

"Anna!" rief er zum Fenster des eisten Stockes empor. "Anna und ihr andern Mädels, kommt herunter und sagt hübsch Adieu zu Vater und der guten Mamsell Hellmer!"

Die Mamsell lachte höhnisch.

"Hach, die werden sich schön hüten!"

Niels Uldahls Gesicht wurde dunkelrot.

"Anna!" brüllte er dann, außerstande sich zu beherrschen, "komm' augenblicklich herunter und bring' deine Schwestern mit!"

Aber jetzt drehte der Kutscher sich halb auf dem Sitz um, erhob die Peitsche und sagte mit seiner bedächtigen Stimme:

"Mit Verlaub, gnädiger Herr, die Fräuleins sind gewiß weggegangen – spazieren."

"So–e? Hast du sie gesehen?"

"Ja ..."

"Wo sind sie hingegangen?"

"Sie sind vor einem halben Stündchen nach dem Strandwalde zu gegangen."

Uldahl wußte, daß Lars log; aber er war froh, daß er die Sache nicht weiter zu verfolgen brauchte.

"Das hättest du ja gleich sagen können, du Schafskopf! ... Fahr' los! ... zur Station ... Aber ein bißchen fix!"

Lars zog die Zügel an und der Wagen schwenkte vor der Tür ab.

Als sie an der Bank vor dem "Asyl" vorüberfuhren, schielte Mamsell Hellmer hinüber um zu sehen, ob die Alten aufstehen und grüßen würden. Aber sie waren verschwunden. Die Bank stand leer.

Da räkelte sie sich in dem weichen Landauer bequem zurück.

"Jetzt hätten wir nur noch Vergnügen vor uns!"

Auch Niels Uldahl lehnte sich erleichtert gegen die Wagenpolster:

"Jetzt wollen wir heraus und uns einmal gründlich amüsieren, Mathildchen!"

"Hündin!" erklang es da plötzlich über den Hofplatz wie ein Schrei von einer lauten und gellenden Mädchenstimme – "jetzt fährt Gutsbesitzer Uldahl-Ege fort mit seiner ..."

Ein Fenster wurde klirrend zugeschlagen. Es klang, als würde die Stimme gleichsam von dem Ton abgehackt.

###

Es war, als ob man auf Havslundegaard zu neuem Leben erwachte, wenn der Gutsbesitzer verreist war.

Sogar die drei Alten drüben im "Asyl" wurden gleichsam jünger und sicherer. Sie gingen gerader über den Hofplatz, wenn sie zu den Mahlzeiten in die Herrschaftsküche mußten. Und sie lugten nicht scheu und gedrückt zum Turmzimmer im Parterre hinüber, wo der "Brotherr" residierte.

Nicht daß er ihnen etwa irgendwie zu nahe gekommen wäre; im Gegenteil, er gab ihnen alles, was ihre alten Herzen begehrten: Essen, Kleidung, Obdach und Brennholz. Aber es ging eine böse und schwere Luft von ihm aus. Mamsell Ingwersen behauptete, daß ihr Asthma sich verschlimmere, wenn der Herr zu Hause wäre. Sie sagte, seine Nähe sei zu fühlen, wie wenn im Sommer ein Gewitter unten hinter dem Strandwald läge und brütete, ehe es losbräche; man wüßte nie, was daraus werden könne. – Aber war er dann vom Hofe abwesend, nur für einen Nachmittag in die Stadt gefahren, gleich war auch der Druck gehoben und das Asthma besser.

Mamsell Ingwersen war 80 Jahre und hatte der Familie Uldahl seit ihrem achten Jahre gedient.

Sie hatte die ganze Weltgeschichte erlebt, sagte sie; hatte als Gänsemädchen bei dem Vater des Staatsrats auf Egesborg begonnen und als Kammerjungfer der Staatsrätin geendigt. Und saß jetzt als Stiftsdame auf Havslunde.

Infolge dieses ihres Alters und ihrer Carrière war Mamsell Ingwersen natürlich aus eigener Machtvollkommenheit die vornehmste im Asyl.

Hinter ihr an Jahren und Rang kam gleich Mamsell Rottböl. Sie war nur 70 Jahre alt und hatte vier Kinder gehabt, die alle gestorben waren. Da hat man sich eben auch das versucht, sagte sie. Sie hatte sich und die Kinder mit Nähen ernährt. Von den Vätern sah sie nämlich nie etwas nach den Katastrophen. Aber sie nähte und nähte. Der "Nähfinger" an ihrer linken Hand war noch ganz schwarz und voller schwarzer Pünktchen von der Nadel. Und die Kinder hatte sie aufgezogen und wollte gerade ein wenig Freude und anderen Nutzen von ihnen haben. Aber da gingen sie hin und starben, eines nach dem anderen, ehe sie noch ihr zwanzigstes Jahr erreicht hatten. Mamsell Rottböl wurde ein bißchen dumm im Kopf von diesen häufigen Todesfällen und sollte ins Armenhaus. Aber da ersparte ihr die brave Frau Uhldahl diese Schmach und gab ihr einen Platz im Asyl.

Am niedrigsten im Range stand Madame Lurvadt. Sie war 65 und war standesamtlich verheiratet gewesen; worauf sie sich bei gewissen Wortwechseln mit der Rottböl etwas einbildete. Im übrigen hatte sie keinen besonderen Grund auf ihre Ehe zu pochen. Sie war auf den Hof gekommen, um im Garten zu arbeiten, aber da ihr Mann sie schließlich mit Schlägen traktierte und dann auf den Boden warf, während er selbst mit seinen unzüchtigen Weibsleuten im Erdgeschoß rumorte, so hatte Frau Uldahl in ihrer Herzensgüte sich ihrer angenommen und dem Tyrannen verboten, wieder seinen Fuß auf die Schwelle von Havslunde zu setzen.

Die drei Damen waren also die ehrwürdigen Bewohnerinnen des Asyls.

###

"Ingwersen! Seid Ihr zu Bett?"

Es wurde angeklopft, die Tür öffnete sich und Frederikke steckte ihren blondlockigen Kopf hinein. Die Asylstube sah um diese Abendstunde seltsam geheimnisvoll aus, groß und nur von einer kleinen Lampe mit niedrigem Fuß erhellt, die auf einem Tisch in der Ecke bei den Fenstern stand. Der erste Eindruck, den der Raum machte, war, daß er zur Leichenstube "bezogen" worden sei. Die weißen Gardinen vor den Fenstern, die weißen Mauern, die weiße Decke und die weißen Betten. Und dann im Halbdunkel inmitten all dieses Weißen die drei dunkelgekleideten Weibchen auf ihren weichen lautlosen Filzschuhen herumwackelnd.

"Ich sollte fragen, ob ihr Lust hättet, mit uns anderen Kaffee zu trinken?"

"Ja, aber, Herrje, Frederikchen, wir wollten ja eben schlafen gehen ...!" ertönte es erschreckt von der Ingwersen.

"Ja, wir wollten eben schlafen gehen, Frederikchen", ... repetierte die Rottböl.

Sie hatten alle drei die Hauben abgenommen und saßen jetzt jede auf einem Stuhl mit den Haarnadeln im Munde und flochten die "Rattenschwänzchen" für die Nacht.

Aber Madame Lurvadt, das junge Blut, brachte geschwind ihre Kopfbekleidung wieder an der richtigen Stelle an, stopfte die Flechten in die Höhe und sagte:

"Können wir so gehen?"

"Ja gewiß könnt ihr! Beeilt euch nur! Dann laufe ich hinüber und sage, daß ihr kommt ..."

Der Wahrheit die Ehre – die Alten hatten seit dem Abendessen auf diese Einladung gewartet. Es pflegte stets drüben im Herrschaftsflügel eine Kaffeefête stattzufinden, wenn der Herr verreist war ... Aber zuletzt hatten sie die Hoffnung für diesen Tag ganz aufgegeben; und ohne sich einander mitzuteilen, hatten sie alle drei denselben Gedanken gehabt: daß die Fräuleins es natürlich nicht fertig brächten, heute eine Fête zu geben, nach dem Tort, der ihrer Mutter angetan worden war, daß Mamsell Hellmer ihnen allen vor der Nase im Wagen der Frau vorgefahren kam ...

Und nun war doch Fräulein Frederikke gekommen und hatte sie eingeladen!

Fröhlich und eilig hatten sie die Hauben aufgesetzt, die Tücher über die Köpfe gezogen und das Blendlaternchen angezündet.

"Lurvadt, puste!" kommandierte die Ingwersen.

Und die Lurvadt pustete die Lampe aus, sie hatte am meisten Atem.

Und mit Pantinen über den Filzschuhen balancierten nun "die Asyle" im Gänsemarsch über den dunklen Hofplatz.

Die Ingwersen mit der Blendlaterne an der Tête.

Diese Kaffeefêten, mit denen die Abreise des Gutsherrn gefeiert wurde, fanden in der Küche statt. Zehn Stühle wurden um den großen, weißgescheuerten Mitteltisch aufgestellt, einer an jedem Ende und vier an jeder Seite. Man hatte seinen bestimmten Platz: Frau Uldahl saß am oberen Tischende; dann kamen die "Fräuleins" und die Mädchen mit den Alten in ihrer Mitte, und ganz unten saß, als einziger Herr, Türk auf seiner Bank neben Fräulein Sophie. – Zwei große Messingkaffeekannen und Schalen mit selbstbereitetem Gebäck aus den Blechdosen in der Speisekammer gingen die Reihe herum. Und wenn die erste Tasse geleert war, steckten die Fräuleins ihre Pfeifen an, und das Vergnügen ging los.

Sobald die "Asyle" heute Abend in die Küche kamen, sahen sie, daß für die Frau kein Stuhl bereitgestellt worden war.

"Mutter hat Kopfschmerzen," sagte Anna.

"Wir sollten grüßen," fügte Charlotte hinzu.

Doch die übrigen Stühle standen auf ihren Plätzen. Die große Hängelampe über dem Tisch leuchtete mit festlichem Glanz. Die Tassen waren herumgestellt; und von den ockergelben Wänden strahlten die blanken Kupfergeräte.

"Lurvadt, puste!" sagte die Ingwersen.

Und die Lurvadt pustete gehorsam die Handlaterne aus.

Die Köchin Ane kam vom Herd mit den gefüllten Kaffeekannen.

"Da!" sagte sie. "Bitte schön! Hier ist das Labsal!"

Aber doch dachten sie alle dasselbe, daß gewiß heute Abend aus dem Vergnügen nicht viel werden würde, da Frau Line nicht hier war ...

"Wollen wir uns jetzt heransetzen?"

Charlotte faßte Mamsell Ingwersen unter und führte sie zu Tisch. Die anderen folgten schweigend nach. Der Kaffee wurde eingeschenkt und das Backwerk herumgereicht.

"Sophie! Du vergißt ja an Türk!" sagte Anna.

Aber Sophie blieb unbeweglich sitzen. Ihre Augen waren rot vom Weinen, und die Muskeln um ihre Lippen bebten.

Die Alten schielten hilflos zu ihr hinüber ...

Da stand Frederikke auf und lief zu Türk, der in seinem Korb hinter dem Herde lag – er war ein großer weiß- und braungefleckter Bernhardinerhund mit ein paar tief melancholischen Augen.

"Sieh' an, hier liegt der Pascha und macht sich breit!" sagte sie. "Schämt er sich nicht? Alle Damen sind schon zu Tisch gegangen!"

Türk hob den Kopf, sah sie mit einem ersterbenden Blick an und leckte ihr die Hand.

"Ja, schon gut," lachte sie und rüttelte ihn am Ohr. "Aber komm jetzt!"

Das Geflecht des Korbes knackte und krachte unter den schwänzelnden Bewegungen des Hundes, aber aufstehen tat er nicht.

"Willst du aufstehen, du Schlafmütze, sonst werf' ich dich heraus! Du sollst doch an den Tisch und Kaffee kriegen!"

Wieder schrie und knackte der Korb; aber Türk blieb wo er war.

"Er ist doch nicht etwa krank?" tönte es von der Ingwersen.

Das Fräulein legte sachverständlich eine Hand auf die Schnauze des Tieres ... sie war kalt und feucht, wie es sich für eine Hundeschnauze gehörte.

"Nee, der ist bloß faul ... Ach, Ane, du bist so kräftig, komm und wirf ihn heraus."

Ane kam eilends herbei und packte zu ... Türk machte sich gleichsam schwer und sandte ihr einen vorwurfsvollen trostlosen Blick zu. Aber sie stieß nur immer drauf los und brachte den Korb auf die Schmalseite. Der Hund machte einen Satz nach vorn, um nicht herauszukugeln und gleichzeitig hörte man einen rasselnden und gellenden Laut, der ihm sozusagen über den Fußboden nachhüpfte.

Die Köchin ließ den Korb los und schlug die Händen zusammen:

"Ach, so liegt die Sache!" sagte sie. "Er ist wieder auf Liebschaft ausgewesen!"

Die ganze Gesellschaft brach in ein Gelächter aus. Selbst Fräulein Sophie lachte.

"Aber Hund ...!" sagte sie.

Türk stand vollständig gelähmt mitten im Zimmer. Den Kopf verbarg er fast zwischen den Vorderpfoten und der Schwanz hing beschämt zu Boden ... Und an diesem Schwanz baumelte, mit einem Stück Bindfaden festgebunden eine alte, gichtbrüchige und zerbeulte Blechkasserolle – an diesem Orte ein Symbol der Ausschweifung und des Leichtsinns.

"Pfui–i! So ein scheußlicher, alter Bummler!" sagte Frederikke mit erhobenem Zeigefinger.

Und all die andern Frauen sagten ebenfalls: Pfui–ii!

Aber bald darauf saß der Verbrecher auf seiner Bank am Tischende neben Fräulein Sophie und schlabberte schuldlos: holöp holöp! Kaffee und Backwerk hinunter, was in einem Spülnapf auf einem Stück Wachstuch vor ihm serviert wurde.

Die Fräuleins zündeten ihre Pfeifen an und das Plaudern und Scherzen begann.

Und plötzlich ergriff Fräulein Frederikke die Kasserolle, die obdachlos an der Erde zu ihren Füßen lag.

"So eine müßte man Vater anbinden", sagte sie, und setzte den Gegenstand schallend auf den Tisch inmitten des Kaffeeservice.

6.10.

Frau auf Havslundegaard war schon einmal verheiratet gewesen.

Mamsell Ingwersen berichtet, daß Niels Uldahl, als er nun vor gut zwanzig Jahren durch das Dorf Husum drüben westlich im Lande gefahren kam, wo er bei einem gleichgesinnten Großgrundbesitzer drei Tage lang zur Jagd usw. geweilt hatte, im Vorbeirollen ein großes, blondes Weib mit bloßen Armen und vollem Busen im Kruggarten herumgehen und Obst pflücken sah. Sie war köstlich anzusehen, üppig und rund wie die Äpfel, die sie sammelte. Ihr feines regelmäßiges Gesicht und goldblondes Haar leuchtete in der Sonne. Und es lag in ihren Bewegungen, wenn sie langsam die Arme erhob und die Früchte über ihrem Kopf brach, eine eigenartige, ruhige, fast faule Anmut.

Ein rieselndes Behagen durchzuckte Niels Uldahl.

"Wer ist das?" fragte er den Kutscher.

"Das ist Madame Reimers, die Frau des Krugwirts."

"Kehr um und fahre ins Haus!"

Und während der Kutscher Ordre parierte, sprach der Herr für sich:

"Der Stoffel von Krugwirt, was zum Teufel soll der mit dem prachtvollen Frauenzimmer!"

Acht Tage und Nächte wohnte Niels Uldahl im Krug von Husum. Und als er am Abend des neunten Tages fortfuhr, saß Lina Reimers neben ihm. Die wildesten Gerüchte über diese Affäre liefen um. Aber endlich befestigte sich die Version, daß Uldahl dem Krugwirt die Frau für bare zehntausend Kronen abgekauft hätte. – Und als der Exgemahl nach einem halben Jahre den Krug verkaufte und nach Amerika reiste, war man fest davon überzeugt, daß die Sache sich so verhielt.

Und so hat Reimers mit der Sage nichts mehr zu schaffen ...

Um diese Zeit, also vor reichlichen zwanzig Jahren, lebten und regierten noch der alte Staatsrat und seine ausländische Frau auf dem Stammsitz des Geschlechtes, Egesborg.

Der Sohn Franz, der Jüngste, hatte Kragholm und Niels hockte auf einem kleineren Hofe, Thorsminde, da er ja als der Älteste den Hauptbesitz übernehmen sollte, wenn die Eltern starben –

Hier auf Thorsminde etablierte Niels sofort Madame Reimers als seine Gattin zur rasenden Erbitterung der Familie. Aber daraus machten die Liebenden sich wenig. Sie erzeugten mitsammen zwei Töchter, und Niels schrieb, sobald er nur den Fuß vor die Tür gesetzt hatte, die glühendsten Briefe an seine Line. Und als die gesetzliche Frist nach der Scheidung verstrichen war, verheiratete er sich standesamtlich mit ihr.

Und nun geschah es, daß Madame Lina Reimers, die bisher von der Familie geradezu verleugnet, da sie endlich auf Egesborg als Frau Niels Uldahl präsentiert wurde, gleich alle für sich gewann, durch ihre Schönheit, ihre Sanftmut und ihr seltsames, großes naives Herz, das kein Falsch kannte. –

Das waren die glücklichsten Jahre in Lines und Niels' Zusammenleben. Uldahl, dessen langer Junggesellenstand eine ununterbrochene Orgie von Trunk, Spiel und Weibern gewesen war, hielt sich zu Hause und freute sich seiner Frau. Und mit ihr war Ordnung und Sparsamkeit ins Haus gekommen. Keine wilden Zechgelage mehr, wo der Wein floß und die Geldscheine flogen, und die erschreckten Dienstmädchen spät nachts bleich hinter den abgeschlossenen Kammertüren saßen. – Jetzt waren Poker und Bakkarat vom L'hombre abgelöst worden, wobei die Verlustlisten freilich auch mehrere Ellen lang sein konnten, das aber doch nie so weit ausartete, daß man "Kopf oder Schrift" um einen Prämienstier oder eine Haushälterin spielte. Die Spieltische waren ins Wohnzimmer hineingebracht worden, und dort saß in der Sofaecke die stattliche Frau des Hauses und ließ ihre klaren blauen Augen vom Strickzeug oder Nähzeug zu den Herren bei den Punschgläsern hinüberwandern und ermahnte zum Frieden und zur Versöhnung, wenn sie zuweilen zusammengerieten und auf die grünüberzogenen Mahagonitische schlugen, daß die Jetons in die Höhe flogen.

"Na, na, Heine, Gutsbesitzerchen, schonen Sie die Möbel! ..."

Und Gutsbesitzer Heine sprang vom Stuhl auf, bog seinen klobigen Körper zum Sofa hinüber und sagte:

"Meine Gnädige ... alles für die Damen!" Und das Spiel wurde in Ruhe fortgesetzt, bis zur nächsten Explosion.

Um elf Uhr zog sich die Hausfrau zurück, während die Herren Spalier bildeten und sich verneigten. Und wenn sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, fiel es nicht einem von ihnen ein, ein saftiges Wort vorzubringen, obwohl sie ihr alle in Gedanken weiterfolgten – bis auf ihr Lager.

Nur der Ehemann konnte zuweilen irgend eine obscöne Bemerkung fallen lassen im schadenfrohen Triumph darüber, daß sie gerade seine Bettgenossin war.

Aber da schlug Gutsbesitzer Heine wieder auf den Tisch:

"Halt's Maul, Uldahl!"

Und Gutsbesitzer Torsen und Kammerjunker Frölich bekamen womöglich noch rötere Köpfe und Hälse, wie vorher, und sagten:

"Du bist ein Schwein, Niels!"

– – – Aber geradezu rührend wurde das Wesen dieser halbgezähmten Bären, wenn spät nachts ihre Wagen vor der Tür vorfuhren; sie schalten die Kutscher aus, weil die Wagenräder zu stark auf den Pflastersteinen lärmten und weil die Pferde stampften und unruhig waren. Und draußen im Entree, das auf Thorsminde unmittelbar an das Schlafzimmer stieß, schlichen sie herum und sprachen flüsternd miteinander und stolperten über ihre eigenen schwankenden Beine, um Frau Line nicht zu wecken ... "da drinnen".

Und ihre Augen waren voller Sehnsucht und Cognac, wenn sie auf die geschlossene Schlafzimmertür blickten...

Denn das war das Merkwürdige bei Frau Uldahl, daß sie trotz ihrer blonden Ruhe und ihrer ganzen keuschen, ein wenig lässigen Erscheinung gerade auf die Sinne dieser Männer eine stark erotische Wirkung übte. Sie sahen in ihr wahrscheinlich den Typus jenes reinen, weißen Weibes, vor dem sie einst im ersten furchtsamen Erwachen ihrer Mannheit im Traume gekniet hatten. Und nun sahen sie plötzlich nach einem Leben in Brunst und Enttäuschung den Gegenstand der Träume leibhaftig vor ihren Augen wandeln.

Daher wohl zugleich ihr Respekt und ihr Begehren. –

Auch Niels Uldahl hegte selbst in den Jahren, in denen er am wildesten und bösartigsten gegen seine Gattin raste, immer noch einen gewissen mystischen Respekt vor ihr ... einen Respekt freilich, der ihn reizte und aufregte, und die verbissene Raffiniertheit seiner Bösartigkeit noch erhöhte.

Aber in der Zeit auf Thorsminde ging alles noch ruhig und gut. Und als das Paar später nach dem Tode des Staatsrats und seiner Frau nach Havslundegaard übersiedelte, lebte es auch hier in den ersten Jahren einigermaßen verträglich. Frau Line gebar ihrem Manne im ganzen sieben Töchter, von denen die drei ältesten in zartester Jugend starben, während die anderen allmählich zu blühenden und blondlockigen jungen Weibchen heranwuchsen, wie es einst ihre Mutter gewesen, als Niels Uldahl sie am Morgen der Zeiten im Apfelgarten des Husumer Kruges gesehen hatte.

Nur Fräulein Sophie war, wie gesagt, dunkelhaarig und braunäugig. Mamsell Ingwersen sagte, daß sie ihrer Großmutter, der Staatsrätin gliche, die ja "irgendwo da unten in der Wärme" geboren worden war.

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Es gab im Park von Havslunde, wo dieser sich bis auf ungefähr dreihundert Ellen zum Strande hinunterdehnte, eine große halbkreisförmige Lichtung, genannt der "Baderasen". – Wenn man oben auf der hohen Steintreppe des Gartensaales stand und über die Brücke des Burggrabens blickte, dann sah man die Lichtung bei sonnigem Wetter wie einen goldgrünen Teppich am Ende der langen Lindenallee liegen. Und hinter dem Teppich wieder lag ein schmaler Streifen leuchtenden weißen Sandes, und dann kam die Bucht mit ihren blaugrauen Wogen ...

Hier hinunter verlegte Frau Line an Sommervormittagen nach dem Frühstück ihre ganze Kinderstube mit deren Inventar von Ammen, Kinderwagen, Wiegen, Kindern und Spielzeug.

Es war ein Gewimmel wie von einer Völkerwanderung, wenn der Zug durch die Lindenallee ging. Und wenn man hier unten auf dem Rasen sein Lager aufschlug, wurde der Laut von Stimmen, Gelächter und Tumult weit über die Wasser der Bucht hinausgetragen ...

Auf einer hochlehnigen weißgestrichenen Sprossenbank, die im Laufe der Zeit von den Mädels "Platz der Gnädigen" genannt wurde, saßen dann Frau Line und Mamsell Rottböl mit einem Stapel Kinderzeug zwischen sich und nähten, stopften und besserten aus, während die Kindermädchen und die größeren Kinder im Sonnenschein spielten und die Ammen im Schatten unter den Bäumen mit den Wiegen beschäftigt waren. Denn es kam vor, daß man auf Havslunde in diesen Jahren zwei Säuglinge auf einmal zu versehen hatte, eines fast nur reichliche neun Monate älter als das andere ...

Wenn Frau Uldahl hier auf ihrer Bank in der Mitte ihrer Kinder saß, umgeben vom sicheren und schirmenden Schutz des Parkes und Gutes, so war sie vollständig zufrieden und glücklich. Und in solchen Stunden empfand sie, wie in ihr eine tiefe Dankbarkeit emporwuchs gegen den Mann, der sie all dessen hatte teilhaftig werden lassen, der sie, gerade sie, zur Begleiterin seines Lebens erwählt und treu zu ihr gehalten hatte in den Jahren, als alle gegen sie standen und offen und im Verborgenen daran gearbeitet hatten, ihn von ihr fortzuziehen... Und wenn sie ihm deshalb ohne irgend eine Art von Weigerung ihre Arme öffnete und sich seinen heißen und ungezähmten Sinnen bereitwillig zu überlassen schien, so geschah es für sie eher, um eine Dankesschuld abzutragen, als etwa gerade deswegen, weil ihr Blut in vollem Einklang mit dem seinen flammte und siedete.

Und noch aus einem anderen Grunde war sie ihm stets gefällig und gehorsam, obwohl seine erotischen Ansprüche an sie im Laufe der Jahre sich in immer seltsamerer und seltsamerer Weise äußerten. Sie sah nämlich ein, jetzt, da sie ihn so tief kennen gelernt hatte, daß, wenn sie sich in diesem Punkte seinem Willen nicht blindlings beugte, die scheinbar so gleichmäßige und friedliche Harmonie ihres Zusammenlebens zerstört sein würde. Deshalb zwang sie sich und war ihm gehorsam, auch wenn ihre unverdorbene und keusche Natur sich immer wieder in schamhaftem Protest erhob.

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Es lag in der Lichtung, auf der Grenze zwischen Rasen und Strand ein Badehaus. Die Tür lag nach dem Meere zu und von einem weißgestrichenen Mast über ihr wehte ein langer danebrogsfarbener Wimpel.

In diesem Badehause lebten und wohnten die Kinder, als sie älter wurden, fast den ganzen Sommertag. Sie kleideten sich im Hause an und aus, lagen und dehnten sich am Ufer und ließen sich von der Sonne durchglühen, wateten hinaus und duckten sich in den Wogen, kamen, leuchtend vor Nässe, wieder zurück, kugelten sich im Sande und ließen sich gegenseitig damit bewerfen, daß ihre behenden Körperchen aussahen, als wären sie gepudert, wenn sie wieder in das Wasser hinausplätscherten ...

Dies war Kinderspiel in Tag und Sonne. Aber ringsum in der Gegend schlich das Gerücht umher, daß, wenn die Nacht hereinbrach und nur der Mond über dem Wasser der Bucht leuchtete, am Ufer hier unten zwei andere weiße und nackte Menschenkinder "spielten" – der Herr auf Havslundegaard und seine gehorsame Frau.

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Da trat vor ungefähr 15 Jahren jenes Ereignis ein, das mit einem Schlage und für immer eine Mauer zwischen den Eheleuten errichtete.

Viele nannten Frau Uldahls Benehmen damals geradezu töricht und sinnlos, denn, Herrgott, wir leben doch nun einmal in der Welt! – Aber sie handelte wie sie handelte, weil sie infolge ihrer unkomplizierten und gradlinigen Natur nicht anders konnte.

Es war ein Maientag mit Sonne und singenden Lerchen.

Niels Uldahl hatte beim Frühstück im Namen der Kinder die Lehrerin scherzhaft ersucht, ihnen des herrlichen Wetters wegen den Unterricht zu erlassen.

Dies war gnädigst bewilligt worden, und Frau Line war mit der kleinen damals 5–6 jährigen Anna in den Strandwald hinabgegangen, um Anemonen zu pflücken.

Aber nach einer halben Stunde kommt das Kind ganz verstört vor Weinen und Verzweiflung in die Küche gelaufen und erzählt, Mutter wäre unten im Tannenwalde umgefallen und könne nicht aufstehen und wolle nicht antworten.

Aber als sie eiligst hinunterliefen, die Mamsell und die beiden Stubenmädchen, nachdem sie erst den Diener Jürgen auf die Suche nach dem Hausherrn geschickt hatten, trafen sie auf dem Fußwege über die eingefriedigte Wiese Frau Uldahl, die langsam dem Hof zuschritt. Die Hände hielt sie fest gegen den Unterleib gepreßt, und nur Schritt für Schritt schleppte sie sich vorwärts ... Sie war damals hochschwanger mit ihrer jüngsten Tochter Sophie.

"Aber gnädige Frau! Sind die gnädige Frau krank geworden?"

"Ja .."

Und behutsam führten sie Line heim und brachten sie zu Bett. Und während sie noch um sie herumliefen und sich mühten, stand plötzlich Niels Uldahl bleich und aufgeregt in der Tür des Krankenzimmers:

"Was ist hier los?"

"Die Gnädige ist krank geworden ..."

"Na–a, das ist wohl nicht so schlimm ... ich werde läuten, wenn wir euch brauchen ..."

"Ja, aber, gnädiger Herr ..."

Er stampfte wütend mit dem Fuß auf.

"Hinaus, sage ich!"

Und die Weiber schlichen ab ...

Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, trat Niels zum Bett.

"Verzeih', daß ich heftig wurde: aber die Frauenzimmer haben mich gereizt ..."

Frau Line antwortete nicht.

Da lächelte er dumm, riß sich zusammen und sagte entschlossen und verwegen:

"Ist das nun etwas, was man sich so zu Herzen nimmt ... was Teufel, das bißchen Kuß an einem Frühjahrstage! Hi, hi! Du weißt doch, du und ich, wir leben so miteinander, daß keiner ernstlich zwischen uns kommen kann."

Sie blickte verwirrt zu ihm empor.

"Ja, Niels, ja ..." sagte sie, "aber ich möchte lieber warten und ein andermal mit dir sprechen ... Ich bin so müde."

"Hum'. Dann ist es wahrhaftig deine eigene Schuld. Du hättest es ja ruhig und gemütlich nehmen können, als die Bagatelle, die es ist. Nicht? Meinst du nicht auch, daß es deine eigene Schuld ist?"

"Gewiß ... aber laß mich jetzt ein wenig allein, Niels."

"Wie du willst."

Er ging bis dicht vor das Bett und beugte sich über sie.

"Wir beide, die wir so gut miteinander leben, wie niemand anders ..." flüsterte er zärtlich und faßte sie um.

Sie entzog sich ihm scheu und hastig; ihre Augen weiteten sich angstvoll.

"Hä!" lachte er böse, "hi, hi! Ja, du bist in der Tat eine nette Mimose. Und es steht dir gut, nach alledem, was zwischen uns vorgegangen ist ... Aber das ist für dich schlimmer als für mich!"

Und er verließ das Zimmer und warf die Tür hinter sich zu ...

Als er fort war, schloß Frau Uldahl die Augen und lag still da. Ab und zu glitt gleichsam ein Schauer von Schmerz über ihr Gesicht, denn die Gedanken ließen ihr keine Ruhe ... Es war die "Bagatelle" geschehen, daß sie auf ihrem Spazierweg unten im Strandwalde Niels auf einem Grabenrande zwischen den Tannen sitzend gesehen hatte in heißer Umarmung mit der Lehrerin der Kinder. Und im selben Augenblick war Frau Line zu Boden gesunken, wie in die Kniee gezwungen von einer großen grausamen Hand, die ihr die Stahlfinger um das Herz gepreßt hatte ...

Aber es war nicht gerade der Umstand, daß Niels ein anderes Weib geliebkost hatte, der ihr das tiefste Weh verursachte, denn sie hatte lange genug gelebt, um zu begreifen, daß die Männer ohne Skrupel soviel Gunst und Huld annehmen, wie sie kriegen können. Nein, was ihr die bitterste Qual verursachte, war, daß sie sich in all diesen Jahren vergeblich seinen kranken Sinnen hingegeben hatte. Das hatte sie jetzt, als sie ihn nun plötzlich und unvorbereitet eine andere, eine neue begehren sah, mit einem so starren Entsetzen ergriffen, daß sie einen Augenblick geglaubt und gehofft hatte, es sei ihr Tod ..... Den Kindern zuliebe und dem Heim zuliebe hatte sie sich geopfert. Und weil sie wußte, daß er krank war. Und weil er sie wirklich einmal geliebt hatte, was seine Briefe bewiesen, und weil sie jetzt Mitleid mit ihm empfand. Und weil er sie damals zu seiner Gattin gemacht hatte. Und weil, und weil, und weil ...!

All dies kreiste in ihrem Gehirn; und alles miteinander lief unweigerlich auf diesen einen entsetzlichen Gedanken hinaus: daß nun alles vergebens war ...!

Es klopfte an die Tür und die Mamsell trat ein:

"Wie geht es der gnädigen Frau?"

"Ja, danke ... es geht schon besser ..."

"Sollen wir Buttermilchsuppe oder Fleischbrühe mit Milch zum Vorgericht geben, gnädige Frau ...?"

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Reichlich 14 Tage lang hielt sich Niels Uldahl vom Krankenzimmer seiner Frau fern. Aber jeden Morgen gab der Diener Jürgen seine Karte an der Tür ab und erkundigte sich nach dem Befinden der Gnädigen. – Zuletzt lag ein ganzer kleiner Stapel von Visitenkarten auf ihrem Toilettentisch:

Niels Uldahl-Ege Havslundegaard

Da endlich, mitten in der dritten Woche, eines Vormittags zur vorschriftsmäßigen Besuchszeit stellte sich der Herr Gutsbesitzer selbst ein.

Er war in schwarzem Rock, hellen Beinkleidern und Lackstiefeln (jedoch ohne Handschuhe und Hut). Und er traktierte seine Frau mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. Bezeugte ihr seine Freude darüber, daß sie sich wieder wohl befände und sprach die Hoffnung aus, sie bald unten in den Wohnzimmern zu sehen.

Über die Lehrerin und den Tannenwald fiel kein Wort. Und nach Verlauf einer halben Stunde zog er sich höflichst zurück, um nicht zu "fatiguieren" ...

Aber am Abend desselben Tages, als alle zur Ruhe gekommen waren, drang er berauscht und lärmend in das Schlafzimmer ein und verlangte sein eheliches Recht. Und Frau Line mußte ihm drohen, Hilfe herbeizuläuten, ehe sie ihn wieder hinausbugsieren konnte.

Noch ein paar Mal versuchte er sich seine alte Macht über sie zu erzwingen. Das erste Mal dadurch, daß er bettelte und weinte und sich auf die Kniee warf und bereute und Buße und Besserung und ewige und unverbrüchliche Treue gelobte:

Sie wäre doch seine einzige und wirkliche Liebe! – das zweite Mal dadurch, daß er in trunkener Raserei Hand an sie legte und sie zu Boden schlug und schrie, er wollte sie nackt aus dem Hofe zu dem "Bauerngesindel" zurückjagen, von dem sie gekommen sei.

Aber Frau Line blieb unbeugsam. Und sie ließ ihr Bett aus dem bisherigen gemeinsamen Schlafzimmer hinaus und in einen Raum neben der Kinderstube tragen.

Welches Manöver er augenblicklich damit beantwortete, völlig aus dem ersten Stock auszurücken und sich als Märtyrer in zwei kleinen Räumen im Parterre-Geschoß des Turmes zu etablieren ...

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Es waren fürchterliche Jahre, die jetzt folgten. Und hätte Frau Uldahl nicht diese fast reflektionslose Ergebung in ihr Schicksal gehabt, deren entschiedenes Gepräge ihr Leben in guten wie in bösen Tagen zeigte, so hätte sie diese Zeit wohl auch kaum überstehen können ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen.

Aber nun war es im Gegenteil, als ob sie mit dem Unglück wüchse, größer, umfangreicher, überlegener würde. Ja, es entwickelte sich sogar bei ihr allmählich eine Art melancholischen Humors, der sie die Ereignisse von oben herunter ansehen ließ, und der in den wunderbaren Tagen bei ihr erwacht war, als ihres Mannes chevalereske Visitenkarten sich auf ihrem Toilettentisch aufhäuften. Lächelnd, aber durch Tränen betrachtete sie das Leben und seine Erscheinungen, weise und naiv zugleich wie "das Volk", dem sie entstammte ...

Aber wie dieses Volk nicht recht leben und gedeihen kann, ohne etwas zu haben, dem es im Glauben und in Träumen sein Haupt zuneigen kann, so hatte auch sie ihre Chimäre zu Trost und Erquickung in schweren Stunden – nämlich die so verkannte und so verachtete Kunst des Kartenlegens.

Sie hatte diese segensreiche Zuflucht schon als Kind kennen gelernt, da sie nach dem Tode ihrer Eltern in das Haus ihrer Großmutter kam, einer zu jener Zeit berühmten alten Frau, die allerdings selbstverständlich an Gott und seinen leibhaftigen Gegensatz glaubte, die aber doch stets in kritischen Augenblicken – in ihren eigenen sowie in denen anderer – ihre Zweifel bekam und deshalb nach den Karten als den einzigen Allwissenden und Unfehlbaren griff ...

Indessen hatte Frau Line in den ersten glücklichen Jahren ihrer Ehe so gut wie alle Religionsübung an den Nagel gehängt – das Glück hat bekanntlich keine Narkose nötig. Aber als die Sorgen und die Enttäuschung und das Schisma kamen, flüchtete sie aufs neue zu ihrem Gott zurück, um Kraft und Heilung zu finden. Und Stunde für Stunde konnte sie nun mit ihren Karten dasitzen und durch sie die Gewißheit und Sicherheit erlangen, die mehr wert ist als aller Verstand. Denn war ihr die Prophezeihung beim ersten Mal nicht günstig, so legte sie sich die Karten immer wieder, bis das Resultat schließlich der Erwartung entsprach. Und war ihr das Glück unweigerlich abhold, so hatte sie ja als einen letzten Balsam aller Briefe Niels aus den guten Jahren ...

Sie hatte sich eine Art "Kapelle" in der kreisrunden Turmkammer des ersten Stockes eingerichtet. Und da saß sie dann hinter Schloß und Riegel und befragte ihre Karten und las alte Liebesbriefe.

Und gleichzeitig lag ihr Mann in dem unmittelbar darunterliegenden Turmzimmer und schlief den nächtlichen Rausch aus, den ihm sein Martyrium immer häufiger auferlegte ...

So fanden sie beide Ruhe.

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Joachim Uldahl-Ege hieß der einzige lebende Bruder des Staatsrats. Er war um diese Zeit 70 Jahre alt, Junggeselle und besaß den Hof Groß-Ravnsholt, ein paar Meilen südlich von Havslunde. Er war ein kleiner, vierschrötiger Baumstamm mit schneeweißem Haar und Bart und einer Stimme so tief und donnernd, daß die Kinder sich versteckten, wenn sie sie hörten. Außerdem war er lahm und stützte sich wo er ging und stand auf einen dicken Elfenbeinstab, der seine vollen fünf Pfund wog und aus einem einzigen Zahn geschnitten war.