Die Bosheit-Trilogie - Gustav Wied - ebook

Die Bosheit-Trilogie ebook

Gustav Wied

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Opis

Diese humoristisch-satirische Trilogie beinhaltet drei der Hauptwerke des dänischen Schriftstellers, nämlich "Die leibhaftige Bosheit", ""Die Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit" und "Der leibhaftigen Bosheit Opus III".

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DieBosheit-Trilogie

 

Gustav Wied

 

 

 

 

 

Inhalt:

 

Gustav Wied – Biografie und Bibliografie

 

Die leibhaftige Bosheit

 

Die Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit

 

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

Schluß.

 

Der leibhaftigen Bosheit Opus III

 

Schluss

 

 

 

 

 

Die Bosheit-Trilogie, Gustav Wied

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

 

ISBN: 9783849639853

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

 

 

Gustav Wied – Biografie und Bibliografie

 

Dänischer Schriftsteller, geboren am 6. März 1858 in Holmegaerd, Nakskov, verstorben am 24. Oktober 1914 in Roskilde. Wied war der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, der sich in den verschiedensten Berufen versuchte, bis er sich 1890 als freischaffender Schriftsteller niederließ. Seine Erzählungen sind von skurrilem Humor aber auch ätzender Satire geprägt, mit denen er die Menschen seiner Heimat schilderte. Wied thematisierte in seinem Werk sein kritisches Verhältnis zur Gesellschaft, welches von einem tiefen Pessimismus begleitet wird. Am 24. Oktober 1914 tötete sich Gustav Johannes Wied in Roskilde.

 

Wichtige Werke:

 

Dansemus (1905)Knagsted (1902)Livsens ondskab (1899)Slægten (1898)

 

Der Text der Biografie ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar; zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein, und ist im Einzelnen zu finden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Wied

 

 

 

Die leibhaftige Bosheit

 

 

Die Stadt liegt am Fjord. Und von den Spazierwegen, die um die Hintergärten herumlaufen, hat man über das Wasser hinweg eine Aussicht auf ferne Hügel, Wälder und Gehöfte.

 

Es ist eine alte Stadt und eine liebe Stadt mit vielen kleinen, wundervollen Häusern, sonderbaren Straßennamen und winkligen Gassen und Straßen.

 

Und mitten in der Stadt auf einem Hügel liegt die Kirche, groß und weiß, mit bunten Fensterscheiben und zackigen Giebeln.

 

Sie heißt "die Kirche der Weißen Schwestern". Und ihren Namen hat sie aus der Zeit, als die Stadt katholisch war und hinter ihren kiesbedeckten Wällen Klöster und Stiftungen und fromme Schulen barg, wo die Söhne und Töchter der Bürger unter Psalmengesang und Weihrauch lernten, daß das Leben hienieden nur eine Wanderung in Gebet und Entsagung sein soll; eine Reise durch Waldesdickicht, an drohenden Abgründen entlang, wo bei jedem Schritt, den man tut, Tausende von Gefahren auf einen lauern. Und wo man das Ziel nur dann mit heiler Haut und ohne zu straucheln erreicht, wenn man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, ja selbst in der Nacht, seinen Blick und seine Gedanken und all sein Sehnen nicht auf die Welt und auf das, was von der Welt ist, richtet, sondern auf das Eine, Unsagbare und Unfaßliche: daß das Leben hienieden nur ein ewiger Tod, der Tod selber aber die Schwelle des ewigen Lebens ist.

 

Ja, so lebte und lehrte man dazumal. Jetzt war es anders geworden.

 

###

 

Es ist dies nicht so zu verstehen, als wenn die Stadt besonders "gottlos" geworden wäre. Keineswegs! An Sonn- und Feiertagen saß man noch immer in den alten geschnitzten Eichenstühlen in der Kirche der weißen Schwestern und lauschte andachtsvoll den Worten des Geistlichen und den Tönen der Orgel. Man bezahlte ohne Murren seine Steuern und seinen Zehnten an die weltliche und an die geistliche, von Gott eingesetzte Obrigkeit. Man gab den Armen einen Kupferdreier und ein Paar Scheiben Schmalzbrot, wenn sie der Hilfe würdig waren. Und zur Weihnachtszeit strickte die alte Stadt wollene Jacken und warme Unterhosen für die zerlumpten Kinder auf der Straße. –

 

Aber – und darin liege der Unterschied zwischen einst und jetzt, sagten die Moralisten – man tat dies alles: das Kirchengehen, das Schmalzbrotverteilen an die Armen, das Bezahlen der Steuern und des Zehnten, das Stricken von Hosen und Jacken, nicht, weil man es mußte, von einem inneren, unwiderstehlichen Drang getrieben. – Man tat es, weil die Nachbaren es taten.

 

Denn die Stadt war klein. Die Straßen eng und schmal. Man sah einander in die Stuben, roch gegenseitig das Mittagessen.

 

Und es lag ja kein erdenklicher Grund vor, weshalb Frau Lassen nicht am Dienstag mit Rückenbraten und roter Grütze traktieren sollte, wenn sich Frau Heilbunth schon am Sonnabend mit diesen Leckereien wichtig gemacht hatte!

 

Es war Sonnabend, Scheuer- und Putztag. Die Uhr am Kirchturm schlug sieben, und der Straßenlärm hatte noch nicht begonnen.

 

Aber durch die ganze Stadt lief ein unaufhörliches Schwatzen und Kichern von Dienstmägden, die in ihren flatternden baumwollenen Kleidern dastanden und sich mit der einen Hand am Fensterpfosten festhielten, während sie mit der andern die feuchten Branntweinlappen über die Fensterscheiben hin und her bewegten, um sie blitzblank zu machen.

 

"Wo bleibt denn nur der kleine ›Thumsen‹?" rief die lange Engeline, die auf Konsul Mörchs Wohnstubenfenster im ersten Stockwerk losfiedelte, so daß es klang wie Vogelgezwitscher.

 

"Er muß wohl erst trocken angezogen werden!" brummte Telephondirektors fette Rikke von einem andern Fenster herab. Sie hatte eine Stimme, als spreche sie durch ein Drainagerohr.

 

Engeline kreischte vor Lachen und mußte sich mit beiden Händen an den Fensterpfosten festklammern, um nicht herabzustürzen.

 

"Was sagt Rikke? Was sagt sie? Macht Rikke Witze?" erscholl es ringsumher.

 

"Sie sagt, ›Thummelumsen‹ kriegt erst frische Windeln an!"

 

"Hi, hi, hi!" kicherte es im Chor, und die baumwollenen Kleider schwänzelten und wogten in Lachzuckungen.

 

"Ihr Grienliesen!" schalt die alte Dorthe auf der Mansarde und schlug zwei von Fräulein Reiersens Nackenpummeln zusammen; es klang wie Hammerschläge – "alberne Trinen!"

 

Durch das Nonnentor kam ein Bauernwagen gerumpelt. Die Pferde humpelten in kurzem Trabe daher, und der Kutscher saß schläfrig und zusammengesunken auf dem Bock und zwinkerte mit den Augen, als schlief er.

 

Es war ein Bretterwagen, und sein Gerassel über das Pflaster erfüllte die ganze Straße und machte die Fensterscheiben klirren.

 

Ein paar von den Mägden drehten die Köpfe herum und riefen "Guten Morgen".

 

Im selben Augenblick strich ein Windstoß über die Dächer hin, und die baumwollenen Kleider blähten sich wie Ballone.

 

"Hi, hi, hi!" grinste der Knecht, der jetzt plötzlich ganz wach war, und langte mit der Peitsche nach Engeline hinauf – "fette Waden!"

 

"Du Bauernlümmel!" brummte die fette Rikke durch ihr Drainrohr. "Das mag er wohl!"

 

Und abermals erscholl lautes Gekicher aus allen Etagen herab. Der Bauer lachte mit und sah mit einem zugekniffenen Auge zu den Damen hinauf und rumpelte weiter. –

 

Es war die Hauptstraße der Stadt, die sogenannte Südstraße. Die Häuser zu beiden Seiten glichen zwei Reihen abgenutzter Zähne; alte und ungleiche, lange und schmale, breite, kurze und abgestumpfte waren bunt durcheinander geworfen.

 

In einem ganz kleinen "Zahn", einem winzigen, einstöckigen, dreifenstrigen Hause, das zwischen zwei langen Nachbarn eingeklemmt lag, die beide ein zweites Stockwerk und eine Mansarde aufzuweisen hatten, wohnte der vorhin erwähnte "Thumsen".

 

"Karen Thomsens Wäsche- und Garngeschäft" stand über der Ladentür zu lesen.

 

Das Haus war mit Ölfarbe gestrichen, perlgrau mit hellbraunem Sockel. Und von der Straße trat man direkt in den Laden.

 

"Thumsen" hieß Emanuel und war Karens Sohn. "Da ist er!" flüsterte Engeline. Ihr Flüstern klang scharf und deutlich, wie ein Zugwind, der durch eine Türspalte fährt.

 

Die fette Rikke wandte ihren Fleischkloß von Gesicht nach der Straße um und nickte:

 

"Guten Morgen. Herr Thomsen!"

 

"Guten Morgen, Herr Thomsen!" sagte auch Engeline. Und: "Guten Morgen! Guten Morgen!" schallte es von allen Seiten.

 

Aber der kleine Mann da unten tat, als höre und sehe er nichts.

 

Er war mit einer Gießkanne und einem Besen aus der Ladentür herausgekommen und begann jetzt, den Bürgersteig gründlich und sorgfältig zu begießen, darauf nahm er die eine Hälfte der Fahrstraße vor, die rein zu halten ihm oblag. Er begoß beinahe wie nach einem Lineal. Auch nicht ein Tropfen fiel auf den Teil der Nachbarn oder seines Visavis. Und doch war Thomsens rechte Schulter schief. Als das Begießen beendet war, nahm er den Besen und fing an zu fegen. –

 

Ringsumher aus den Haustüren und Torwegen der Straße tauchten jetzt nach und nach Mädchen und Frauen auf, um zum Bäcker und zum Milchhändler zu gehen. Und Knechte und junge, schlaftrunkene Handelsgehilfen öffneten die Laden vor den Schaufenstern.

 

Die Sonne blitzte über den hohen Bäumen der Anlagen auf, und aus den meisten Häusern die Straße hinab sandten die Schornsteine ihren blauen Morgenrauch in die Höhe.

 

"Ich kann, weiß Gott, nicht begreifen, Thomsen, daß Sie tagaus, tagein so fegen mögen!"

 

Der Fuhrknecht aus dem benachbarten Hause war aus dem Torweg getreten und stand nun träge gegen die Mauer gelehnt da und gähnte und streckte sich, so daß es in allen seinen Gelenken knackte und ächzte:

 

"Ich begreife es nicht!" sagte er. – "Und dann müssen Sie ja, den Kuckuck auch, heute abend wieder fegen, es ist ja Sonnabend, Mensch! – Morgen!" fügte er darauf laut und verbissen hinzu, als Thomsen unverdrossen bei seiner Arbeit blieb, ohne zu antworten.

 

"Guten Morgen!" sagte Thomsen höflich, aber ohne den Kopf zu erheben.

 

"Sie sollten sich ein Hörrohr zulegen, so wie Fräulein Reiersen!" sagte der Knecht und verschwand auf den Hof, weil im selben Augenblick nach ihm gerufen wurde. – "Wenn die Leute mit Ihnen sprechen, Sie Esel!" sagte er.

 

Emanuel Thomsen würdigte ihn keiner Antwort. –

 

Ein Wagen nach dem andern rumpelte jetzt durch das Nonnentor. Die meisten hatten hintenauf einen Gitterkäfig, in den ein oder zwei, ja zuweilen sogar drei Schweine hineingepfropft waren. Der Sonnabend war der "Schweinetag" in der Stadt, und die Bauern lieferten an die Schlachterei ab.

 

Sehr verschiedenartig waren die Laute, die die Tiere ausstießen, wenn sie aus ihrem Schlummer geweckt wurden durch den Übergang von der ebenen Landstraße zu dem spitzigen Straßenpflaster.

 

Sie quiekten und schrien laut.

 

Und die Mädchen ringsum in den Fenstern quiekten mit und wehten mit ihren Putztüchern grüßend zu den Bauern hinab.

 

"Hm!" brummte Emanuel, als ein Wagen mitten durch den schön aufgehäuften Kehrichthaufen fuhr, den er auf der Straße vor dem Hause zusammengefegt hatte. – "Kann man sich denn nicht vorsehen?"

 

"Setz' ein Gitter herum!" höhnte der Kutscher. "Ich sollte meinen, die Straße wäre zum Fahren da."

 

"So, ich bin fertig!" rief Konsuls Engeline und verschwand mit einem Hopser durchs Fenster.

 

"Ich auch!" meldete Rikke und kroch mühselig vom Fensterbrett herunter. Sie war so rundlich, daß diese Prozedur von der Seite vorgenommen werden mußte. – "Adieu, Thumsen!" nickte sie, ehe sie das Fenster schloß. "Grüßen Sie Mortensen!"

 

Die Kirchenuhr schlug drei Viertel acht. Alle Läden waren geöffnet, und auf der Straße herrschte reger Verkehr. Man hörte die Türen auf- und zuschlagen und Türglocken klingeln. Zeitungsjungen klapperten pfeifend auf ihren Holzschuhen dahin. Und auf der linken Seite der ganzen Straße glühte die Sonne wie Feuer auf den frischgeputzten Fenstern.

 

"Thumsen" hatte Gießkanne und Besen fortgetragen und war nun bedachtsam damit beschäftigt, den Messingdrücker der Ladentür zu putzen.

 

Die Hebamme Fredriksen kam, ihren Beutel am Arme, vorüber:

 

"Haben Sie Ausdauer bei der Arbeit, Thomsen!" sagte sie, indem sie stehen blieb.

 

"Man muß ja arbeiten, Frau Fredriksen, deswegen ist man ja in die Welt gesetzt."

 

"Na, ich bliebe doch lieber in meinem guten Bett liegen!"

 

"Ja, der Geschmack ist nun einmal verschieden!"

 

Emanuel fuhr unverdrossen fort, auf dem Schloß herumzureiben.

 

"Guten Morgen, Frau Fredriksen!" rief Oberlehrer Klausen von der anderen Seite der Straße herüber. Er machte seinen Morgenspaziergang. "Ist der Storch schon gekommen?" rief er. "So früh im Jahr, hi, hi, hi! – Guten Morgen, Thomsen!"

 

"Guten Morgen, Herr Oberlehrer!"

 

"Ja", sagte Frau Fredriksen. – "Die Jugend ist eifrig, Herr Oberlehrer!"

 

"Hi, hi", lachte der Oberlehrer und ging weiter.

 

"Ein brillanter Mann", sagte die Hebamme und nickte ihm nach. – " Den mag ich leiden!"

 

"Vielleicht etwas reichlich lose Zunge, wenn man Kindererzieher gewesen ist", – meinte Thomsen.

 

"Ach Sie!" spottete die Madame und schlug mit ihrem Beutel nach ihm.

 

"Ja, ja, Frau Fredriksen; aber es gibt doch so viel Unreines hier auf der Welt – –"

 

"Sie sind ein Pedant, Thomsen!"

 

"Man ist, was man ist, Frau Fredriksen – – "

 

"Und ein Versehen!"

 

"Man versteht Sie nicht – –"

 

Thomsen bediente sich niemals des Wortes: ich.

 

"Ja, ich meine, wenn die Sache einmal richtig untersucht würde, so wären Sie gewiß ein Frauenzimmer!"

 

Emanuel errötete und beugte sich tief über seine Arbeit.

 

"Nun, seien Sie nur nicht böse!" lachte die Madame und klopfte ihm gutmütig auf die Schulter. – "So," sagte sie dann, "jetzt muß ich aber nach Hause und in meine Baba! Guten Morgen, Thomsen! Grüßen Sie Ihre Mutter!"

 

Kleine Gruppen von Schulkindern, den Tornister auf dem Rücken oder die Bücher in Riemen oder Schultaschen schlenkernd, kamen die Straße hinab. Die Mädchen für sich und die Knaben für sich. Und wenn sie einander begegneten, wichen die Mädchen immer scheu zur Seite, während die Knaben sie höhnisch ansahen.

 

"Thumsen, Thummelumsen!" sagten ein paar lange Bengel ganz laut, als sie an der Wäschehandlung vorüberkamen und liefen dann schleunigst davon aus Furcht vor den Folgen.

 

Aber der kleine Emanuel kehrte sich nicht daran. Er arbeitete ruhig weiter, eifrig wie ein Mensch, der sich seines Zieles bewußt ist.

 

"Lieber Manuel, willst du nicht hereinkommen und deinen Kaffee trinken, mein Junge?"

 

"Man muß erst fertig sein, Mutter Karen."

 

"Ja, dann trinke ich meinen", sagte Madam Thomsen sanft und ging aus dem Laden in die Hinterstube zurück.

 

"Trinke!" sagte Emanuel.

 

"Wann kommst du?"

 

"In einer Viertelstunde."

 

Und erst als das Türschloß wie lauteres Gold glänzte, sammelte er seine Putzgerätschaften zusammen und ging hinein, um seinen Kaffee zu trinken.

 

Als er die Ladentür öffnete, scheuerte sich eine große, blaugraue Katze liebkosend an seinen Beinen.

 

"Da hat man ja Knors", sagte er mit zärtlicher Stimme und hob trotz der verschiedenen Sachen, die er in der Hand trug, das Tier auf den Arm. "Wie geht es uns denn, Miezemau?"

 

"Mi–au!" sagte Knors und bohrte ihre Schnauze unter seinen Arm.

 

In der kleinen Stube hinter dem Laden saß Madam Thomsen im Lehnstuhl vor dem Fenster und säumte Taschentücher.

 

Das Tageslicht fiel zwischen den Topfgewächsen auf dem Fensterbrett hindurch und legte sich auf ihr weißes Haar und auf ihre frischen, roten Wangen. Sie sah so jung aus. Und ihre klaren, blauen Augen waren sanft und gut.

 

"Jetzt will ich den Kaffee holen, Manuel", sagte sie und erhob sich schnell, sobald der Sohn eintrat.

 

"Danke, danke, Mutter Karen", nickte er und setzte sich auf das Sofa hinter den ovalen, dünnbeinigen Mahagonitisch.

 

Eine weiße, filierte Decke war über den Tisch gebreitet. Und über den Lehnen des Sofas und der Stühle lagen weiße, gehäkelte Decken.

 

"Nun, Knors," wiederholte Thomsen seine Frage an die Katze, die er noch immer auf dem Arme hielt, "wie geht es uns denn?"

 

Knors scheuerte ihr Gesicht gegen seinen Ärmel und machte einen Versuch zu spinnen.

 

Es war eine uralte Katze. Sie hatte das Haar den Rücken entlang verloren, und ihre Ohren waren infolge zahlreicher Liebeskämpfe zerrissen und zerbissen. Es war ein Kater. Und das eine Auge fehlte ihm.

 

"Sind Mäuse in der Falle, Mutter?" rief Thomsen nach der Küchentür zu.

 

"Er hat sie bekommen!" tönte es zurück.

 

"Wie viele waren da?"

 

"Zwei. Aber er macht sich ja nichts daraus."

 

"Nein! Aber es macht ihm Spaß – nicht wahr, Miezemau! Es macht uns Spaß, sie zu sehen und mit ihnen zu spielen?" fuhr er fort und rieb die Schnauze des Tieres mit der hohlen Hand. – "Es macht uns Spaß? Es macht uns Spaß?"

 

Die Katze nieste.

 

"Niest er? Hat er sich erkältet?" fragte Thomsen zärtlich und legte die Katze sorgfältig in die Sofaecke.

 

Madam Thomsen kam mit einem Teebrett aus der Küche.

 

"Hier, lieber Manuel. Trinke nun auch, solange es noch heiß ist."

 

Manuel schnüffelte den Kaffeeduft auf: "Mutter macht den besten Kaffee in ganz Dänemark", sagte er.

 

Die Alte lächelte befriedigt und setzte sich wieder an ihre Arbeit. Jeden Morgen lobte der Sohn ihren Kaffee. Und wenn er es nicht getan hätte, würde sie geglaubt haben, daß er krank sei oder daß ihm etwas Unangenehmes widerfahren wäre.

 

Denn sie lebten in gewisser Weise glücklich miteinander, diese beiden; aber, aber – –

 

Madam Thomsen seufzte und schielte aus den Augenwinkeln furchtsam zu dem "Jungen" hinüber.

 

Knors lag jetzt behaglich zusammengerollt in der Sofaecke und Emanuel trank wohlgefällig schlürfend seinen Kaffee. Von Zeit zu Zeit löste er eine Krume aus seiner Semmel und steckte sie der Katze ins Maul, die sie langsam schmatzend fraß.

 

In der Stube war es behaglich warm. Man war ja erst gegen Ende April, daher war noch Feuer im Ofen. Und die Potpourridose oben auf dem Eckschrank entsendete einen würzigen Duft.

 

"Jetzt ist er da draußen bald fertig!" sagte Emanuel plötzlich. Die Alte zuckte zusammen:

 

"Das hat man ja schon lange gesagt, Manuel."

 

"Es wird ein stolzer Tag werden, wenn man wieder auf das Gut einzieht, Mutter Karen." Die Augen des Sohnes strahlten.

 

"Ach, ja, – aber jetzt haben wir uns hier ja beinahe schon eingelebt."

 

"Dann hat man nicht mehr nötig, vor allen den hochnäsigen Städtern zu kriechen und zu schwänzeln!"

 

"Ich finde, sie sind sehr nett, lieber Manuel."

 

"Zum Dezember muß er herunter!"

 

"Ja, aber du hast ja nicht Geld genug, Manuel!"

 

"Das kommt, Mutter Karen, das kommt! – Zum Dezembertermin muß er herunter. Und dann – – !" Thomsen knipste triumphierend die Finger.

 

"Woher weißt du das denn so genau?"

 

"Von Kaufmann Beck! Der will nicht länger, weißt du! Vaters alter Freund!"

 

"Ach, die Freundschaft – –"

 

"Wir konnten ja damals nicht da bleiben!"

 

"Hätte Beck nur gewollt, so –"

 

"Der Kreditverein war schuld daran. Beck hatte ja die zweite Priorität!"

 

"Ja, Manuel, aber –"

 

"Mutter Karen," sagte der Sohn und wandte sich schnell nach dem Fenster um – "warum widersprichst du einem immer, sobald es sich um das Gehöft handelt?"

 

"Das tue ich ja nicht, Manuel, aber –"

 

"Aber, was?"

 

"Wenn ich nur wüßte, daß es gehen könnte –"

 

"Ist man denn nicht Landmann?" erwiderte der Kleine und kröpfte sich in seiner Sofaecke. – "Ist man nicht Sohn eines Hofbesitzers? Hat man nicht neunzehn Jahre auf dem Mühlenhof gelebt?"

 

"Ja, ja, lieber Manuel, und wenn der liebe Gott seinen Segen dazu gibt, so –"

 

"Gott ist mit uns!" sagte Thomsen sehr bestimmt. – "Das hat man gar manches Mal gemerkt!"

 

"Ja, ja, du sagst ja, daß –"

 

Manuel sah sich mit einem strahlenden Blick im Zimmer um:

 

"Und alle Möbel haben wir! Und man kennt noch jeden Fleck, wo sie stehen sollen!"

 

Aber dann glitt eine Wolke über sein Gesicht:

 

"Wenn nur Mortensen am Leben bleibt!" sagte er.

 

– "Für Knors ist einem ja nicht bange, der hält schon aus. Aber der andere. – Man findet, daß er in letzter Zeit recht jämmerlich geworden ist."

 

"Ach nein, es ist wohl alles beim alten mit ihm –".

 

"Und fünfzehn Jahre haben sie nun hier gelebt und sich nach dem Mühlenhofe zurückgesehnt, ebenso wie wir selber", fuhr Thomsen elegisch fort. "Man hat gar manches Mal Mitleid mit ihnen gehabt. Und an den Möbeln konnten sie ja gar nicht einmal Freude haben –".

 

Er machte eine Handbewegung nach dem großen, altmodischen Mahagonisekretär, der blitzblank poliert unten im Hintergrunde des Zimmers nach der Küchenwand zu stand. Auf dem Sekretär lagen Donnerkeile, Versteinerungen und bunte Muscheln in kleine zierliche Haufen geordnet.

 

"Und das Bild können sie nicht verstehen, so wie wir!"

 

Das Bild war ein Gemälde in grellen Wasserfarben, das über dem Pfeifentisch in der Ecke hing. Es stellte ein schimmernd weißes Bauerngehöft mit safrangelbem Strohdach und grasgrünen Fenstern und Türen vor. Eine Reihe riesenhafter Bäume mit braunroten Stämmen und ungeheuren blaugrünen Blättern umgaben die Gebäude. Und rechts von der Einfahrt schnurrte ein Wasserrad, auf das eine wunderlich dickflüssige Masse herabstürzte, brausend, spritzend und schäumend wie ein Niagara, und mit einem Farbenton wie bläuliche Milch.

 

Das war der Mühlenhof, das Thomsensche Familiengut; und es war in der besten Absicht von Karens Bruder, dem Schullehrer und Küster in Grästed, gemalt und ihr ein Jahr nach ihrem und des Sohnes Umzug in die Stadt geschenkt worden.

 

Und es war der Gegenstand einer fast religiösen Verehrung.

 

Emanuel hatte eine Weile schweigend und grübelnd dagesessen. Jetzt erhob er sich plötzlich:

 

"Gesegnete Mahlzeit, Mutter!"

 

"Wohl bekomm's, mein Junge."

 

"Ja, dann geht man also hinaus und macht den Hofplatz rein."

 

"Tu du das, mein Junge."

 

Thomsen stellte das Kaffeegeschirr auf dem Präsentierteller zusammen, strich mit der hohlen Hand einige Krumen vom Sofa, zupfte ein wenig an der Tischdecke und ging dann durch die Küche hinaus:

 

"Man nimmt den Präsentierteller mit", sagte er.

 

"Danke, Manuel."

 

Madam Thomsen erhob ihr kleines, sanftes Gesicht von der Näharbeit und sah ihm nach. Dann schüttelte sie leise den Kopf und nähte weiter.

 

Im Ofen flammten die Holzscheite auf. Das Zimmer wurde immer wärmer. Und der Teekessel, der beständig in der Ofenröhre stand, fing an zu singen.

 

"Guten Morgen!" sagte Madam Thomsen plötzlich laut und freundlich und nickte und lächelte durchs Fenster. Eine von den Damen des Städtchens ging draußen auf dem Trottoir vorüber und grüßte herein.

 

Ein Holzscheit im Ofen sprang mit lautem Knall, und einige Funken sprühten durch die Ofenklappe.

 

"Aber mein Gott!" sagte die Alte und guckte ängstlich dahin.

 

Die Funken auf dem Fußboden erloschen schnell.

 

Aber so dunkel war es im Hintergrund des Zimmers, daß der Lichtschimmer des Ofens an der Wand hinaufflackerte und zwischen den alten, verschossenen Photographien spielte, die dort in zierlicher Ordnung hingen: eine große in der Mitte mit einem Kranz von kleineren ringsumher. Um den Rahmen der großen war ein Kranz von Immortellen geschlungen. Das war Großvater Thomsen: ein schöner alter Mann mit einem prächtigen weißen Bart, der ihm bis auf die Brust hinabreichte.

 

Dann fiel ein großes Stück Holz vor die Ofenklappe, und die Bilder hingen wieder im Dunkeln.

 

Madam Thomsen hatte die Näharbeit im Schoß ruhen lassen und sah nun da und starrte vor sich hin.

 

Sie dachte an Manuel und an seine fixe Idee:

 

Du lieber Gott, nun hatte sie bald fünfzehn Jahre hier in diesem netten, kleinen Haus gewohnt und sich darin zurechtgefunden und daran gewöhnt. Aber Manuel dachte ja an nichts anderes als an das Gehöft da draußen. Nie schweiften seine Gedanken davon ab. Was er tat und begann, immer lag ihm das Gehöft im Sinn. Sie durften sich kaum noch satt essen, nur damit er Geld beiseite legen konnte. Es war wirklich zur Verrücktheit bei ihm geworden, dieser Wunsch, das Gehöft wieder zu erlangen; er betrachtete es als Ehrensache! Er war ja nach außen immer sanft und demütig, inwendig aber war er so stolz wie ein Papst! Fleißig und akkurat war er, das mußte man ihm lassen; und reinlich! Beinahe zu reinlich, fand sie: und sie war doch ein Frauenzimmer. Und die Leute in der Stadt machten sich ja auch lustig über ihn. Manuel aber ging seinen ruhigen Weg und ließ sie reden – Ach, du lieber Gott, – es mochte ja ganz schön sein, wieder in die alten Räume zurückzukommen! Und die Mühle! Und der Garten! Aber wo wollte er nur das Geld hernehmen? Und er konnte das Gehöft ja nicht bewirtschaften; nein, das konnte er nicht! So lange sie lebte, konnte sie ja mit zugreifen und stützen und raten. Aber wenn sie einmal davon ging. – Ach ja, ach ja, Herr Gott ja! – Aber Manuel mußte wissen, was er tat!

 

Madam Thomsen griff kopfschüttelnd wieder zu ihrem Nähzeug, und die fleißigen Hände arbeiteten emsig weiter.

 

Das Geräusch des Fadens, der die steife Leinwand durchdrang, das einförmige Prasseln des Ofens und das leise Summen des Teekessels wirkten allmählich beschwichtigend auf ihre Gedanken.

 

Wenn von Zeit zu Zeit ein Wagen vorüberrumpelte, erzitterte freilich das ganze Haus, und die Steine und Muscheln auf dem Sekretär klirrten. Aber das störte sie jetzt nicht mehr wie in der ersten Zeit, als sie in die Stadt gezogen waren. Sie sah nur ganz mechanisch zwischen den Blumentöpfen hindurch nach dem Fuhrwerk, wandte dann den Kopf wieder um und nähte weiter.

 

Und aus dem alten Nähtisch, an dem sie saß, stieg ein würziger eingeschlossener Geruch von Lavendeln und Rosen auf. Und der Duft aus der Potpourridose auf dem Eckschrank ward stärker und stärker in dem Maße, wie die Wärme im Zimmer zunahm. Ihre Augenlider fielen halb zu, und die Hände sanken ihr in den Schoß. Dann setzte sie sich tiefer in den Stuhl zurück und stützte den Nacken gegen die Lehne.

 

Einen ganz kleinen Vormittagsschlaf konnte sie nicht entbehren, nein: Nur die Augen zwei Minuten schließen – hi, hi, ihr Mann hatte auch nie hier im Stuhl sitzen können, ohne einzunicken – des Mittags saß er da und – des Abends, und in der Dämmerstunde. – Und, – ja, ja, – das war dazumal, ja – und als er krank wurde. – Ob Manuel wohl daran gedacht hatte, das Bodenfenster zu schließen – falls Sturm kommen sollte, – und die Hühner hereinzulassen – und ob die Scheunentür wohl geschlossen war – Mäuse, – ja, zwei Mäuse in der Falle, – und – ja, ja –

 

Ein leises, schnarchendes Geräusch verriet, daß Madam Thomsen schlummerte. –

 

Da erscholl die Türklingel. Es kam eine Kundin.

 

Die Alte sprang ganz verwirrt vom Stuhle auf und rieb sich die Augen.

 

"Mein Gott!" sagte sie, fuhr hastig glättend über ihr Kleid und lief in den Laden hinaus.

 

###

 

Der Hofplatz hinter Karen Thomsens Haus war sechs Ellen lang und fünf Ellen breit. Auf zwei Seiten wurde er von hohen Nachbarhäusern begrenzt und auf der dritten von einem niederen Holzschuppen mit schrägem Dach.

 

Dieser Schuppen wurde zur Aufbewahrung von Feuerung benutzt. Und dann standen noch einige Packkisten, darin ein Haufen eingepackter Möbel, sowie ein Sägebock und ein Hauklotz.

 

Die niedrige Tür stand offen, und Emanuel war eifrig mit dem Zerkleinern von Brennholz beschäftigt.

 

Es wurde immer heller im Hofe, je mehr die Sonne über dem großen Speicher in dem nach Osten gelegenen Nachbarhofe aufstieg.

 

Endlich erreichte sie den Dachfirst und schien jetzt hell und warm bis in die Ecke hinein, wo die Pumpe stand.

 

Thomsen legte die Axt auf den Klotz und ging in den Hintergrund des Schuppens:

 

"So, Mortensen," sagte er, – "jetzt kann man endlich herauskommen und sich ein wenig sonnen!"

 

Und er trat an das kleine Fenster, das ganz hinten in einer Ecke angebracht war, und hob vorsichtig etwas mit beiden Händen auf und trug es zur Tür hinaus. Es war ein Hahn. Der älteste Hahn, der je in der Christenheit gelebt hatte.

 

Knochenmager, zerzaust und jammervoll! Die Flügel ließ er schlapp an den Seiten herabhängen, und sein Schwanz bestand nur aus zwei struppigen Federn. Die Beine erschienen unnatürlich lang. Aber sie waren hinten mit mächtigen Sporen versehen, die sich rückwärts kreuzten wie ein Paar Schwertklingen.

 

Ohne einen Ton von sich zu geben, ließ er sich über den Hofplatz und in die Ecke tragen, wo die Sonne schien.

 

"Hier kann Mortensen warm und gut stehen," sagte Thomsen und stellte das Tier, unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, auf das Steinpflaster, "hier hat man Sommer!"

 

Mortensen schwankte wie bei Seegang, ehe er festen Fuß faßte. Aber schließlich stand er da. Der Hals hing schlaff und beinahe kahl herab. Die Augen waren geschlossen. Er konnte den Kopf nicht in die Höhe heben: und der runzelige, bräunlich gelbe Kamm fiel matt zur Seite herab. Aber an den stricknadeldünnen Beinen saßen die martialischen Sporen.

 

Er glich einem Schwadronchef von neunzig Jahren.

 

"Es geht einem wohl schlecht?" sagte Thomsen mit unendlicher Teilnahme in der Stimme und strich dem Hahn vorsichtig über den zerzausten Rücken. "Man ist ein Schneider geworden – –"

 

Das Tier wackelte bei der Berührung seiner Hand. Die Augenlider öffneten und schlossen sich, und der Kopf nickte.

 

Emanuel hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand eine Weile in tiefe Gedanken versunken da, wobei er seinen Freund anstarrte. Dann machte er resolut links kehrt und ging wieder an seine Arbeit.

 

###

 

"Knors" und "Mortensen" waren draußen auf dem Mühlenhof geboren, kurz bevor der alte Thomsen starb. Und als das Gehöft ein paar Monate später auf einer Auktion verkauft war und Karen mit ihrem Sohn in die Stadt zog, hatte Manuel die Tiere mitgenommen. Knors hatte von Geburt an Knors geheißen, und Mortensen hatte seinen Namen von einem alten Müllerknecht bekommen, der noch da draußen lebte.

 

Manuel hatte geweint, als würde er gepeitscht, als der Wagen mit ihm aus dem Heim seiner Kindheit rollte. Und Mutter Karen hatte bleich und still an seiner Seite gesessen und ihn beschwichtigt und ihm zugeredet. Knors hatte er auf dem Arm gehabt und Mortensen hatte in einem Deckelkorb zu seinen Füßen gesessen.

 

Das war nun fast fünfzehn Jahre her. Und er war damals neunzehn und war nie zwei Tage hintereinander von seinem väterlichen Hof entfernt gewesen. –

 

Natürlich wurde er in dem Städtchen zum allgemeinen Gespött, dieser kleine, untersetzte Bauernjunge mit dem Vollmondgesicht und den kleinen, rotgeränderten Schweinsaugen. Und dann hing ja außerdem seine eine Schulter noch ein wenig, so daß der rechte Arm, wenn er über die Straße ging, bedeutend länger erschien als der linke.

 

"Er läuft von der Seite", sagte man von ihm. "Er hat nur eine Niere, so wie die Hunde!"

 

Zu Anfang lief nun Manuel gerade nicht sonderlich viel. Er hielt sich eingeschüchtert und ängstlich zu Hause. Und seine Gedanken umkreisten unablässig das Gehöft da draußen, die Mühle und den Garten und alles, was er und die Mutter hatten verlassen müssen.

 

Aber dann, eines Nachts, etwa ein Jahr nach dem Umzug, hatte er einen Traum gehabt. Das heißt, er selber nannte es eine "Offenbarung": Der Vater war ihm erschienen und hatte zu ihm gesagt, daß der neue Besitzer Bankrott machen würde und nach ihm noch zwei Besitzer, und dann würde Emanuel die ganze Herrlichkeit wiederbekommen!

 

In dem Traum war auch etwas verwoben, daß er nicht in Erfüllung gehen würde, falls Knors und Mortensen stürben, ehe sie den Boden ihres Geburtsorts wieder betreten hatten.

 

Am Morgen war Emanuel mit einem großen Entschluß im Herzen erwacht. Er wollte Geld verdienen! Auf jede Art Geld verdienen; und sollte er mit den Latrinenwagen durch die Straßen der Stadt fahren! Die Uhr war erst fünf, und es war noch ganz dunkel. Aber er hatte sein Licht angezündet, sich angekleidet und war zu Mutter Karen hineingegangen, die noch im schönsten Schlummer lag. Sie hatten jeder eine kleine Dachkammer als Schlafzimmer.

 

Madam Thomsen war in ihrem Bett in die Höhe gefahren und hatte den Sohn ganz verwirrt angestarrt:

 

"Herr du meine Güte, Manuel – –!"

 

Manuel aber hatte sich ruhig auf den Stuhl vor ihr Bett gesetzt, das Licht in der Hand – –

 

"Man hat eine Offenbarung gehabt!" sagte er.

 

Mutter Karen fing an zu weinen.

 

"Herr Gott, daß es so weit mit dir gekommen ist!"

 

Und dann fing der Sohn still und beherrscht an, von seinem Traumgesicht zu erzählen, und was der Vater von dem Hof gesagt habe, von den neuen Besitzern und von Knors und Mortensen.

 

Die Alte saß noch immer aufrecht im Bett und lauschte seiner Rede:

 

"Wir Menschen träumen ja so vielerlei, Manuel!"

 

"Ja, – aber man hat Vater leibhaftig vor Augen gesehen, Mutter Karen! Er stand unten am Fußende des Bettes. Und man hörte ihn die Tür schließen, als er ging!"

 

Madam Thomsen schüttelte den Kopf:

 

"Ja, aber das Geld, das Geld!" sagte sie. – "Woher soll denn das kommen?"

 

"Man wird es erfahren!" nickte der Sohn feierlich, "wenn Vater wiederkommt!"

 

"Tut er das denn, Manuel?"

 

"Das hat er gesagt!"

 

"Und du glaubst, daß es möglich ist?"

 

"Man hat ihn ja gesehen!" sagte Manuel mit fanatisch blitzenden Augen. – "Man hat ihn ja gesehen, so deutlich, wie man dich sieht!"

 

Die Alte schwieg. Sie wagte nicht mehr, dem Jungen zu widersprechen. Er sah so sonderbar wirr aus, fand sie, in dieser nächtlichen Dunkelheit.

 

Am selben Tage sollte im Saal des Hotels Auktion abgehalten werden. Die Thomsenschen Möbel standen dort zwischen einem Haufen anderer Sachen. Und sie glänzten förmlich zwischen all dem anderen alten Gerümpel, denn es waren gute, solide Mahagonimöbel. Man hatte Madam Thomsen geraten, sie mit in die Stadt zu nehmen, da man dort voraussichtlich mehr dafür bekommen würde als von den Bauern auf dem Lande. Aber ein Jahr hatten sie in dem kleinen Hause gestanden und alle Ecken und Winkel gefüllt. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, sich davon zu trennen. Aber nun heute um zehn Uhr sollten sie verkauft werden.

 

Aber sobald es hell wurde, ging Emanuel nach dem Auktionslokal und holte die Möbel wieder zurück. Man habe sich besonnen, sagte er, sie müssen bis zu einem anderen Mal warten.

 

Die Stadt lachte, war belustigt und wütend zugleich. Und bei dieser Gelegenheit hatte Emanuel den Beinamen "Thummelumsen" erhalten.

 

Aber ein paar Stunden später waren die Möbel wieder nach Hause gefahren und auf dem Boden und in dem Schuppen auf dem Hof verstaut, so gut es gehen wollte.

 

Madam Thomsen schüttelte ihren weißen Kopf wieder und wieder. Aber sie empfand eine mystische Angst vor der Nacht. Und dann war ja Manuel doch schließlich ein Mann, und sie war nun einmal daran gewöhnt, die Männer als die Klügsten zu betrachten.

 

Dann wurde der Laden eingerichtet.

 

"Vater hat es gesagt", äußerte Emanuel, und da wagte Karen nicht, Einwand zu erheben.

 

"Er ist also wieder bei dir gewesen?" fragte Karen.

 

"Ja, Mutter Karen!"

 

"Und du hast wieder mit ihm gesprochen?"

 

"Ja, über Nacht." –

 

Über den kleinen Thomsen war eine eigene, feste, zugeknöpfte Männlichkeit gekommen, seit er mit dem Jenseits in Verbindung stand. "Die Offenbarungen" hatten ihn aufgerichtet und ihn männlich gemacht. Er hatte ein Ziel. Und er arbeitete mit einer Zehnpferdekraft, um etwas zu erreichen. Vom Morgen bis zum Abend war er in ununterbrochener Tätigkeit. Er richtete selber den Laden ein, tischlerte und hämmerte, machte den Ladentisch und die Borte, malte, fegte, putzte. Und als alles fertig und Schwung in das Geschäft gekommen war, dem Karen vorstand, ersann er tausenderlei, um selber auch Geld zu verdienen. Er verfertigte selber auch Gegenstände aus Pappe und Leder, Handkoffer, Taschen und Etuis, die im Laden verkauft wurden. Er versuchte ein Exportgeschäft für abgestempelte Briefmarken zu errichten. Und er ging aufs Land zu den Bauern und kaufte alte Möbel und Bilder und Messingsachen, die er dann aufarbeitete und für weit über das Doppelte von dem verkaufte, was er selber dafür bezahlt hatte. Er schrieb eine ungewöhnlich schöne und leserliche Handschrift und verschaffte sich dadurch Abschreibearbeit vom Hardes-Bureau und ein paar Rechtsanwälten des Städtchens. Er reichte ein Gesuch zwecks einer Anstellung als Telegraphenbote ein. Und er hatte sich sogar ein paarmal auf dem Bahnhof eingefunden und den Reisenden angeboten, ihr Gepäck in die Hotels zu befördern. Aber diesem Geschäft hatten doch die bezahlten Packträger und Dienstmänner der Stadt Einhalt zu tun gewußt, indem sie ihn mit ihren kräftigen Spöttereien und Neckereien verfolgten.

 

Aber Geld schrappte er zusammen. Er kargte und sparte auf alle erdenkliche Weise. Kaum gönnte er sich und der Mutter das Essen. Die Alte mußte ihm Rechenschaft über jede Nähnadel ablegen, die im Laden verkauft wurde. Und er zahlte das Wirtschaftsgeld aus. Im ersten Jahr nach dem Umzug hatte Madam Thomsen ein kleines Schulmädchen gehalten, das Besorgungen in der Stadt für sie machen und ihr im Hause helfen mußte. Sein Lohn bestand in zwei Kronen monatlich und dem Mittagessen. Aber eines schönen Tages bekam es den Laufpaß. Emanuel meinte, daß zwei einzelne Menschen ganz gut allein fertig werden könnten. Zwei Kronen monatlich machten vierundzwanzig Kronen im Jahr! Gar nicht zu reden von dem Essen! – Und dann griff er selber zu: wusch die Fußböden auf, fegte die Straße, putzte die Fenster, holte Wasser und Holz und lief auf Besorgungen, mehr seitwärts denn je, während der lange Arm in der Luft umherschwenkte wie der Flügel einer Nähmaschine.

 

Die Leute lachten natürlich. Und er ließ sie lachen.

 

"Wartet ihr nur, bis man wieder auf dem Hof ist!" sagte er und kniff seine kleinen Schweinsaugen auf geheimnisvoll listige Art zusammen. "Dann kommt die Reihe zu lachen an mich!"

 

Denn diese felsenfeste Überzeugung, daß der Tag kommen mußte, an dem er mit Pomp und Ehren wieder auf dem väterlichen Gehöft einziehen würde, hielt ihn aufrecht und machte ihn unempfindlich gegen das Gelächter und die Spottnamen des Städtchens.

 

Aber diese Triebfeder seines Fleißes und seines Tun und Lassens hielt er ängstlich vor allen verborgen; nur Mutter Karen wußte darum. Und damit niemand ahnen sollte, daß er sich im Laufe der Zeiten wirklich ein ziemlich großes Kapital zusammensparte, brachte er sein Geld in einer Bank der Hauptstadt unter. Aber so schlau war er doch, daß er immer ein paar hundert Kronen in der Sparkasse des Städtchens stehen hatte. Und um den Schein aufrecht zu erhalten, nahm er bald zehn oder zwanzig Kronen auf und zahlte bald zehn, bald zwanzig Kronen wieder ein, wenn die Steuer bezahlt werden mußte, oder wenn er ein Geschäft gemacht hatte, das bekannt geworden war. Er war nicht umsonst von bäuerischer Herkunft, und die Leute mußten sich ja klar darüber sein, daß er und die Mutter mehr verdienten, als sie gebrauchten.

 

Aber nicht einmal Madam Thomsen ahnte, wieviel es war.

 

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Manuel war für heute mit seinem Holzhacken fertig. Er stapelte das gespaltene Holz an der Bretterwand des Schuppens auf, fegte die Späne von dem Hauklotz und dem Fußboden und hängte die Axt auf ihre zwei Nägel am Eckbalken. Dann sah er sich einen Augenblick prüfend um, fand, daß alles in Ordnung war, und ging wieder auf den Hof hinaus.

 

Die Sonne war im Begriff, hinter dem hohen Nachbarhaus zu verschwinden. Es fiel wohl noch ein Lichtstreif in die Ecke an der Mauer herab, aber der war schmal und mager.

 

Der Hahn saß schlaff und stumpf und alt in seiner Ecke an der Pumpe mit herabhängenden Flügeln, den Kopf zu Boden gesenkt. Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt, seit er dahin gepflanzt worden war.

 

"Nun, lieber Mortensen," sagte Thomsen und trat an ihn heran, – "heute gibt's keine Sonne mehr. Dann ist es wohl am besten, wenn man wieder in sein kleines Nest kommt."

 

Und er nahm das Tier wieder vorsichtig zwischen beide Hände und trug es in den Schuppen zurück, in die hinterste Ecke unter dem Fenster. Dort lag eine Schicht Sand, und darüber waren Halme und Daunen und welke Blätter gebreitet. Und oben an der Wand, wohl eine halbe Elle über dem Fußboden, war eine Leiste angebracht. Aber es war fünf Jahre her, seit Mortensen nicht mehr darauf hatte sitzen können.

 

Und am siebenundzwanzigsten Mai wurden es genau drei Jahre, seit er zum letzten Male gekräht hatte.

 

In dem Verein "die dänischen Freßsäcke" sollte eine Zusammenkunft stattfinden.

 

Ungefähr in der Mitte der Südstraße an der Ecke der Maren Schmieds-Gasse lag das Hotel "Stadt Gammelköbing". Dort hielt der Verein in einem kleineren Saal zu ebener Erde nach der Gasse hinaus seine Zusammenkünfte.

 

Es fanden jährlich vier Zusammenkünfte statt, drei im Winter und eine im Sommer.

 

Dies war das letzte Fest im Winter. Der Beitrag belief sich auf zweiundwanzig Kronen für das Kuvert, und man machte eine Grundlage von drei steifen Lysholmer Schnäpsen.

 

Die Verpflegung war übrigens bei der Begründung des Vereins ausschließlich national gewesen; daher der Name. Als aber im vorigen Jahr der alte Redakteur Heilbunth zum Vorsitzenden gewählt wurde, setzte er es durch, daß der betreffende Paragraph dahin geändert wurde, daß die Getränke wenigstens international sein konnten, falls eine Stimmenmehrheit dafür erzielt würde.

 

Und die wurde augenblicklich mit allen Stimmen erzielt.

 

Es war ebenfalls Heilbunths Verdienst, daß der Beitrag für das Kuvert von fünfzehn auf zweiundzwanzig Kronen erhöht wurde, und daß kein Mitglied unter fünfzig Jahre alt sein und weniger als zweihundertunddreißig Pfund wiegen durfte.

 

"Wir müssen exklumpsiv sein", sagte er. Die Zahl der Mitglieder war ein wenig schwankend. Zu dieser Zusammenkunft hatten sechs gezeichnet.

 

Alle Zusammenkünfte waren "geschlossen". Wenn der letzte Teilnehmer angekommen war, wurde der Schlüssel der Tür, die zu den Café-Lokalitäten führte, herumgedreht. Und dann fand die Passage nur durch die Tür zum Küchengang statt, durch die die leckeren Gerichte aufgetragen wurden.

 

Auch einen Diener hielt sich der Verein.

 

Und das war Emanuel Thomsen.

 

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Daß Manuel sich um dies Amt beworben, hatte seinen Grund einzig und allein in seinem monomanen Drang, Geld zusammenzuscharren, gleichviel auf welche Weise. Denn er litt im Herzen entsetzliche Qualen bei dem Anblick der seiner Ansicht nach unnatürlichen Verschwendung, die hier entfaltet wurde. Die ungeheuren Mengen von Eß- und Trinkwaren, die aufgetragen und verzehrt wurden, kränkten ihn in tiefster Seele.

 

Aber in noch höherem Grade nahm er Anstoß an den Überresten!

 

Wenn eine halbverzehrte Gans, ein so gut wie unberührter Lammbraten oder ein Rinderbraten, von dem nur eine ganz verschwindende Anzahl Scheiben abgeschnitten waren, wieder in die Küche hinausgetragen wurden, da weinte er blutige Tränen.

 

Daß Menschen aßen und tranken, so daß sie kurz davor waren, zu platzen, das war an und für sich schon gottlos und strafbar genug. Daß sie dann aber noch etwas übrig ließen, was sie doch mit ihrem teuren Geld bezahlt hatten. – – –

 

Das verdiente Zuchthaus!

 

Am Tage nach einer solchen Zusammenkunft lief das kleine Männchen daheim in der Stube hinter dem Laden seitwärts wie ein Taschenkrebs auf und nieder und schlenkerte mit dem langen Arm, so daß Madam Thomsen in dem Lehnstuhl zitterte und bebte und ganz bleich vor Angst wurde.

 

"Man kündigt die Stellung! Man kündigt die Stellung!" gestikulierte Thomsen. – "Sie ist nicht menschenwürdig!"

 

"Ja, kündige du nur, lieber Manuel!"

 

Aber Manuel kündigte nicht.

 

Denn die Stellung brachte ihm an jedem Zusammenkunftsabend fünf Kronen ein. Und außerdem das Essen und Trinken, was regelmäßig die schrecklichsten Magenbeschwerden für ihn zur Folge hatte. So kritiklos schaufelte er hinein.

 

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Es war noch ein Viertel vor acht. Emanuel kam in seinem blauen Cheviotanzug, eine große, schimmerndweiße Küchenschürze um den Leib gebunden, mit einem Eiskühler, in dem der Lysholmer stand, aus dem Küchengang herein. Er trug den Kühler vorsichtig zwischen beiden Händen. Ungefähr, wie wenn er Mortensen trug.

 

Als er den Saal betrat, führte der Wirt gerade drei Handlungsreisende aus dem Café herein. Sie sollten die gedeckte Tafel sehen. Die Ausführung dieser Feste verlieh nämlich dem Hotel einen weithin strahlenden Glanz. Und Herr Hansen gewährte seinen Stammgästen gern einen Einblick in diese Herrlichkeiten, um den Appetit zu reizen.

 

Die drei Reisenden blieben sprachlos in der Tür stehen. Dies erschien ihnen wie ein Traum aus dem Reiche Gottes:

 

Mitten auf dem schneeweißen Gedeck der Tafel stand eine ungeheure Schüssel mit sechs großen, hochroten, strahlenden Hummern. Das Vorgericht. Ein Tier für jeden Bruder. Und um die Hummerschüssel als Mittelpunkt breitete sich dann nach beiden Seiten Schüssel neben Schüssel aus, gefüllt mit allerhand kalten Speisen, die aus Fischen, Säugetieren und Vögeln bereitet waren. Da waren Schollen, deren Dicke mehrere Zoll betrug, mit grünen Zitronen garniert. Da war eine Wildpastete mit Trüffeln. Ein Ochsenfilet. Ein Kalbsbraten. Ein Lamm, das kaum dem Mutterleibe entschlüpft war. Junge Enten, Gänse und Kapaunen. Und an jedem Ende der Tafel stand eine Pyramide aus Kibitzeiern, kunstfertig in feuchtem Sand aufgebaut. Schalen mit Sardinen, Sardellen, Frühstücksheringen, Kaviar, geräucherter Gänsebrust, Straßburger Gänseleberpastete, Lachs und Ochsenzunge bildeten zwischen den größeren Schüsseln zerstreut leckere Ruhepunkte für das Auge. Und da waren sieben Arten Kompotte, Radieschen aus dem Mistbeet, fünf Arten Käse und Butter von der feinsten Sorte.

 

Vor jedem Kuvert standen vier Gläser: Rotwein ( ad libitum), Rheinwein (zu den Fischen), Porter (zum Kaviar) und Madeira (zum Käse). – –

 

Die drei Handelsreisenden hatten die Hände gefaltet.

 

"Ja," sagte der Wirt mit einer breiten Handbewegung, "so ißt man bei mir, meine Herren!"

 

Und mit einem feinen Lächeln fügte er hinzu:

 

"Wenn man dafür bezahlt!"

 

"Darf ich einmal den Wein sehen?" fragte einer der Fremden, ein korpulenter Herr mit rotem Gesicht.

 

"Dort!" sagte der Wirt und zeigte auf einen Tisch in der Ecke, wo die Flaschen in Bataillonen standen. "Das heißt, das ist natürlich nur der Rotwein." fügte er hinzu, "der die Temperatur haben soll. Das übrige befindet sich im Eisschrank. Heute abend servieren wir ja für Kenner!"

 

Herr Hansen war ein verkrachter Hauptstadtrestaurateur. Aber mit "Pli", wie er sich selber auszudrücken pflegte.

 

Draußen im Café schlug die Uhr acht.

 

"Jetzt kommen sie!" sagte Thomsen, der schweigend und verbittert neben dem Anrichtetisch gestanden hatte.

 

"Ja, jetzt kommen sie", wiederholte Restaurateur Hansen. – "Meine Herren, diesen Weg, wenn ich bitten darf." – Er verneigte sich und machte mit der Hand eine Bewegung auf die Tür zu.

 

"Entschuldigen Sie, meine Herrschaften –"

 

Und die drei Reisenden zogen sich zögernd und widerstrebend zurück.

 

Präzise zehn Minuten nach acht Uhr waren die Brüder versammelt. Als der letzte die Schwelle überschritt, eilte Emanuel herzu und drehte den Schlüssel hinter ihm um.

 

Man war in Gesellschaftstoilette, festlich: Diplomatenrock, graue Beinkleider, reines Manschettenhemd und schwarzer Schlips.

 

"Die Versammlung ist vollzählig", meldete der Vorsitzende mit seinem tiefen Baß. – "Die Zusammenkunft beginnt!"

 

Ernst, wie zu einem kirchlichen Fest, stellte man sich in einem Halbkreis vor den Anrichtetisch, wo die Schnapsgläser in sechs Reihen, sternförmig von dem Weinkühler auf der Mitte des Tisches ausgehend, standen. Drei Gläser in jeder Reihe. Spitze, schlanke Gläser auf einem hohen, spiralförmig gedrehten Fuß.

 

Thomsen schenkte vorsichtig den eiskalten Lysholmer in die achtzehn Pokale. Die Flüssigkeit mußte gerade bis an den Rand des Glases gehen, und es handelte sich darum, nichts zu verschütten, wenn man es zu Munde führte.

 

"Der König!" sagte der Redakteur.

 

Die sechs äußersten Gläser wurden in die Höhe gehoben, geleert und mit einem lauten Knall wieder auf den Tisch gestellt. Alles wie auf Kommando.

 

"Die Frauen!"

 

Die nächste Reihe folgte.

 

"Die Freiheit!"

 

Die innerste Reihe wurde geleert. Die Einleitungszeremonie war beendet. Und die eigentlichen Verhandlungen nahmen ihren Anfang.

 

Man setzte sich.

 

Am oberen Ende thronte der Vorsitzende, Redakteur Heilbunth. Groß und mächtig lag er in seinem Stuhl, Ehrfurcht einflößend, imposant, ein Wunderwerk aus Fleisch. Drei Doppelkinne hingen ihm über das weiße Hemd herab, und sein rotes, blankes Gesicht leuchtete unter dem krausen, weißen Haar wie ein Vollmond unter einer Schneewolke hervor.

 

Zu seiner Rechten saß der stellvertretende Vorsitzende, der pensionierte Oberlehrer Clausen. Ein magerer Mann, aber ein starkknochiger Mann, der es dank seiner Länge und seines Knochenbaus mit Leichtigkeit auf die vorgeschriebenen Pfunde brachte.

 

Nach ihm kam der Fabrikant Rössel, dessen mächtiger Vollbart gleich einem graublonden Pelzkragen über seine Rockaufschläge herabfloß. Er war Inhaber der Essigfabrik des Städtchens, und sein Schädel war kahl wie ein Kürbis.

 

Am unteren Ende des Tisches saß Rentier Eriksen, klein, kurzbeinig und mit einem unförmlichen Bauch, der, wie man sich erzählte, von einer komplizierten Maschinerie zusammengehalten wurde, von einem an stählernen Hosenträgern befestigten Ringpanzer. Diese Eigentümlichkeit hatte ihm unter den Brüdern den Namen Luxusbauch verschafft.

 

Dann folgte der Stadtkassierer Lassen. Und an der linken Seite des Vorsitzenden Zollkontrolleur Knagsted. Lassen war groß und gut gewachsen mit einer königlichen Nase und wasserblauen, ein wenig vorstehenden Augen. Knagsted war kleiner, kurzhalsig und breit in den Schultern, gleichsam verdichtet. Sein graumeliertes Kopfhaar war kurz und struppig. Der rotbraune, buschige Vollbart wuchs ihm fast bis unter die Augen. Und aus seinen Nasenlöchern und Ohren guckten dicke Haarbüschel hervor. Die Augenbrauen waren mächtig und nach oben geschweift. Und seine Hände waren bis auf die Finger hinab behaart. Diese ganze Haarfülle verlieh ihm ein hartes und unzugängliches Aussehen. Und im geheimen nannten ihn die Brüder: Esau. –

 

So sah die Versammlung der "Freßsäcke" aus.

 

Als alle sicher zu Platz gekommen waren, erhob bei Vorsitzende, Herr Heilbunth, seine gewaltige Hand, deren Finger aussahen wie Cervelatwürste. Und Emanuel stellte geschickt eine Flasche Rotwein vor jedes Kuvert.

 

Die Gläser wurden gefüllt.

 

"Die Verstorbenen!" sagte der Vorsitzende.

 

Die Pokale wurden geleert.

 

Und der Hummer wurde herumgereicht.

 

Es war eine wahre Augenlust, die Gründlichkeit und den Ernst zu beobachten, mit dem diese ehrwürdigen Greise zu Werke gingen. Es war, als dienten sie einer Gottheit. Andachtsvoll wurde der Essig auf die Opfertiere gegossen. Der Pfeffer schwebte herab wie Weihrauch. Und schweigend verzehrte man geröstetes Brot mit Butter dazu.

 

So haben gewiß die ägyptischen Tempelpriester verzehrt, was das gläubige Volk von den Erstlingserzeugnissen des Landes für Isis und Osiris auftrug.

 

Nach und nach aber wurde das Schweigen gebrochen. Glas auf Glas glitt hinunter. Und die alten Augen fingen an zu leuchten, während die dicken Finger die gefüllten Flaschen umklammerten.

 

"Die Tauben!" brummte der Luxusbauch. "Reichen Sie mir die Tauben!"

 

"Lamm! Lamm!" rief Esau. Er glich einem Menschenfresser in Funktion. Und alle seine Haarbüschel bewegten sich.

 

Fabrikant Rössel und Oberlehrer Clausen griffen jeder nach einer Scholle. Und Redakteur Heilbunth aß blutigen Rinderbraten.

 

Stadtsekretär Lassen aber, der ein Leckermaul war, hielt sich an die kleinen Schalen.

 

Thomsen lief wie ein Taschenkrebs seitwärts und geschäftig rund um den Tisch herum und setzte mit einem langen Arm neue Flaschen hin.

 

Der Humor war im Steigen, und die Stimmen wurden laut. Man trank sich zu, puffte sich mit den Ellenbogen in die Seite und fing an, einander mit längst verjährten Jugendtorheiten zu necken.

 

"Du Lassen," rief Fabrikant Rössel dem Stadtsekretär quer über den Tisch zu, "kannst du dich wohl noch der französischen Marie mit der Hasenscharte erinnern?"

 

Lassen bekam den Kaviar und den Porter in den verkehrten Hals, so daß Zollkontrolleur Knagsted ihn klopfen mußte.

 

"Ho, ho!" grunzte der Redakteur, der Schweiß perlte ihm unter dem weißen Haar von der Stirn. "Das war bei Markussen in der Pileallee!"

 

Es war hier im Städtchen von jeher Sitte gewesen, in die Hauptstadt zu reisen, wenn man über die Stränge schlagen wollte. Und an dieser Sitte hielt man auch jetzt noch fest.

 

"Ja," sagte Lassen, der sich wieder besonnen hatte, "das war Anno zweiundsechzig, mein Junge!" Und er schnalzte mit der Zunge in Erinnerung der schönen Zeiten.

 

"Ja, und da bekamst du deine lange Nase, Stadtsekretär!" sagte Rössel.

 

"Ho, ho!" grunzte der Redakteur von neuem. Er war nämlich mit dem Mädchen durchgebrannt. – "Ja, das waren noch Zeiten!" sagte er. "Da war man noch elastisch!"

 

"Wir sind, hol' mich der Teufel, noch ganz tüchtige Kerle", meinte der Luxusbauch.

 

"Weiß Gott, das sind wir, Eriksen!" nickte der Redakteur. "Prost, du alter Kuponschneider!"

 

"Prost – du Rhinozeros! Du stinkst!"

 

"Was tue ich?"

 

"Ich sage: Du stinkst! Geradeso wie deine Zeitung. Die Druckerschwärze, die du brauchst, taugt nichts!"

 

"Gib ihm eine Maulschelle in meinem Namen, diesem Fettwanst!" Aber sein Gesicht wurde doch noch einen Schatten röter. Die Druckerschwärze war sein wunder Punkt.

 

Und dann schlug Oberlehrer Clausen an sein Glas. Er war der Redner des Vereins.

 

"Brüder!" begann er. "Das Leben ist ein Jammertal." – –

 

"Unsinn!" brummte der Stadtsekretär Lassen.

 

"Halt's Maul, du Kamel!" sagte der Oberlehrer.

 

"Ein Jammertal!" wiederholte er ostentativ. "Aber wir haben einen Winkel gefunden, wohin der Jammer nicht zu dringen vermag!"

 

"Hört! hört!"

 

"Und wer ist es, der uns einmal über das andere wieder in diesen herrlichen Winkel hineinzieht? Das ist unser stolzer wohlproportionierter Vorsitzender!" (Hier legte Heilbunth leise Messer und Gabel nieder.) "Er ist die treibende Kraft unserer Brüderschaft!"

 

"Seine Druckerschwärze stinkt!" murmelte Eriksen. "– – Und obwohl man mit Fug und Recht von ihm sagen kann, daß er tagaus, tagein in drückenden Verhältnissen sitzt – –"

 

"Das war brillant, Clausen! Ganz brillant!"

 

Der Oberlehrer lächelte selbstbewußt.

 

– – – "in drückenden Umständen, so denkt er doch, so wie der selige Horaz, immer nur daran, zu nützen und zu erfreuen! Habe ich nicht recht?"

 

"Ja, aber seine Schwärze stinkt – –"

 

"Halt jetzt den Mund. Eriksen, und laß den Unsinn! – – Was würde ohne ihn wohl aus uns werden, ohne ihn, diesen Ritter sans peur et sans reproche, frage ich euch? Wenn wir kurz daran sind, zu vergehen vor Langeweile und Ehegattin –"

 

"Bravo! Bravo!"

 

Der Oberlehrer lächelte von neuem. – – "vor Langeweile und Ehegattin, da entsendet er seinen Knappen, Herrn Thomsen, damit dieser an unsere Türen pocht –"

 

"Seine Schwärze stinkt – –"

 

"Und wir umgürten uns mit unserem festlichen Gewande und folgen freudig seinem Ruf! – – Ach, Knagsted, kannst du nicht aufhören, fortwährend mit dem Messer auf den Tisch zu klopfen?"

 

Der Zöllner hatte dagesessen und unaufhörlich den Takt zu des Oberlehrers Rede gehämmert, drei lange Schläge und zwei kurze: dum, dum, dum – dumdum! dum, dum, dum – dumdum! Jetzt hielt er inne; aber seine Haarbüschel standen zu Berge.

 

Ein wenig matt fuhr Clausen fort:

 

"Meine Absicht war, wie ihr es wohl alle längst erraten habt – –"

 

"Seine Schwärze stinkt – –"

 

"Nein, es ist ja ganz unmöglich, dabei eine Rede zu halten!"

 

"Jetzt sollst du aber wirklich, hol' mich der Teufel, das Maul halten, Eriksen!" sagte der Stadtkassierer und schlug seinen Nachbar an den Kopf.

 

Der Luxusbauch lachte, so daß er sich schüttelte. Er war ein wenig bezecht.

 

Und abermals legte der Oberlehrer los.

 

"Meine Absicht war, Sie alle zu bitten, mit mir ein Glas auf unseren ausgezeichneten Vorsitzenden zu leeren!"

 

"Seine Schwärze stinkt!"

 

Schnell legte der Stadtkassierer seine Hand auf Eriksens Mund.

 

Clausen erhob seine Stimme:

 

"Allerdings ist er nicht so ganz ohne, aber er ist doch keineswegs gewogen und zu leicht befunden –"

 

"Hi, hi, hi! Brillant!" "Unser klassischer Vorsitzender, Herr Redakteur Heilbunth, lebe hoch!"

 

Man rief ein neunfaches Hurra, und die Gläser wurden bis auf den Grund geleert.

 

Jetzt wurde die Lustigkeit zügellos.

 

"Wein her, Thomsen! Wein her!" schrie man.

 

"Wer will einen Käseknochen mit Fleisch daran haben?"

 

"Ach was, scher' dich zum Teufel!"

 

"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm –"

 

"Einen kleinen Lysholmer, alter Junge!"

 

"Pfui Teufel, der ist ja ganz warm geworden!"

 

"Dänemark soll leben! Prost, ihr Brüder!"

 

"Prost! Prost! Prost!"

 

Man rief und schrie durcheinander. Man lachte und sang und war sentimental, klopfte sich gegenseitig auf die Schulter und umarmte einander. Die alten Augen leuchteten in hellster Freude, und aller Gesichter strahlten. Der Oberlehrer wollte noch eine Rede halten, aber niemand wollte zuhören. Stadtkassierer Lassen versuchte eine Porterflasche auf seiner Nase balancieren zu lassen. Und Rentier Eriksen saß da und kämmte Fabrikant Rössels Bart mit einer Hummerschere.

 

Man konnte vor Lachen, Schreien und Rufen sein eigenes Wort nicht verstehen.

 

"Meine Herren, meine Herren!" brüllte Redakteur Heilbunth, der fett und selig wie ein Falstaff in seinem Präsidentenstuhl lag. "Meine Herren, meine Herren, dies geht über Kreid- und Rotspon!"

 

Im selben Augenblick ergriff Zollkontrolleur Knagsted den roten, kugelrunden Edamer mit seinen behaarten Esauhänden und rollte ihn mit Aufbietung seiner ganzen Kraft über den Fußboden und mitten in alle die leeren Flaschen hinein.

 

Es war, als sollte der Saal zusammenstürzen!

 

Und unten in der entferntesten Ecke an der Tür nach dem Küchengang stand Manuel und sah zu, empört, indigniert, entrüstet, entsetzt – ungefähr wie eine Altarkerze inmitten eines Hexensabbats.

 

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Wenn man durch das Nonnentor auf die Landstraße hinausging und dann in der ersten Richtung zur Rechten abbog, erreichte man nach halbstündiger Wanderung das "Gehöft", den Mühlenhof, Emanuel Thomsens väterlichen Besitz.

 

Und nicht nur Manuels Vater, sondern auch dessen Vater und Großvater hatten auf diesem kleinen Fleckchen Erde gelebt und gewirkt.

 

Es gehörten ungefähr dreißig Tonnen Ackerland zu dem Gehöft und dann der Mühlenbetrieb.

 

Der Mühlenteich oder der "See", wie die Thomsens ihn zu nennen beliebten, lag im Garten hinter dem Wohnhause. Er lag hoch, fast in gleicher Linie mit dem Dachfirst des Hauses und nur durch einen schmalen Hohlweg von dem Gebäude getrennt. Das Wasser floß in einer offenen, ein paar Ellen breiten, hölzernen Rinne über den Weg und stürzte von dort auf das Treibrad herab. Und wenn das Mühlenbrett geöffnet war und die Mühle ging, tönte über den schmalen Hof hin ein brausender, donnernder Lärm, der die Fensterscheiben stoßweise erzittern machte.

 

"Und wenn man einmal so glücklich gewesen ist, seine Kinderjahre an einem solchen Ort zu verleben," sagte Manuel in seiner Unterhaltung mit Mutter Karens Bruder, dem Küster, "und im Lenz der Jugend seine Ohren an das liebliche Rieseln des Wassers und das Rauschen des Rades und das Mahlen der Mühlsteine gewöhnt hat, da wird man sich in den schweren Stunden seiner Männerjahre stets danach zurücksehnen.– – Namentlich," fügte er mit einem Kopfnicken hinzu, "wenn man, wie ich, Onkel Jakob, mit einem etwas trübseligen Charakter geboren ist."

 

Rings um den Mühlenteich herum lag der Garten. Jetzt war er eine Wildnis. Bäume und Büsche wuchsen ungepflegt und unbeschnitten durcheinander. Das Gras der Rasenplätze wucherte über die Wege hinaus, und die wenigen übriggebliebenen Blumen konnten im Frühling, wenn sie hervorsproßten, kaum vor Unkraut atmen. Dieser Garten war der Stolz und das Steckenpferd der Familie Thomsen gewesen.

 

Da waren Lindenlauben mit großen, runden, steinernen Tischen, alte ausgediente Mühlsteine, deren Rillen verschlissen waren. Und um sie herum standen künstlerisch ausgeführte Bänke und Stühle aus Naturholz, krummen Stämmen und Zweigen, die Großvater Thomsen selber zusammengezimmert hatte. Unter einer mächtigen Kastanie lag auf einem durchgesägten Eichenstumpf ein uraltes Taufbecken aus der Lindenberger Kirche. Und mitten an dem Stamm einer Buche saß, fast in Mannshöhe festgewachsen, ein grünspanfarbiger, moosbedeckter Mühlstein, in dessen mittlere Öffnung in längst entschwundenen Zeiten der Baum als kleiner zarter Steckling hineingepflanzt worden war. Der Stein war einstmals als Tisch verwendet worden, aber jetzt waren die Füße längst vermodert und der Baum hatte im Laufe der Jahre die Öffnung ausgefüllt und den Stein ellenhoch in die Höhe gehoben. Große, bunte, halbzertretene Muscheln lagen rings unter den Bäumen zerstreut. Sie hatten einst zierlich die Rasenflächen und Gänge umsäumt. Und wenn man sich hinabbeugte und sorgfältig zwischen dem langen, welken Unkraut suchte, konnte man wohl hin und wieder noch eine Steinaxt oder einen Keil finden, Kleinodien, die die Thomsens aus ihren Feldern und Wiesen ausgepflügt und sorgfältig gesammelt hatten. Denn, wie die benachbarten Bauern zu sagen pflegten, die letzten Besitzer des Mühlenhofes waren "verrückter" und "sonderbarer" gewesen, als Müller und Landleute in der Regel zu sein pflegen.

 

Deswegen war es der Familie auch wohl so ergangen, wie es ihr erging.

 

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Wenigstens einmal alle vierzehn Tage schlich sich der kleine Thomsen spät am Abend auf das Gehöft hinaus. Und am liebsten im Mondschein.

 

Er schlug nicht den geraden Weg ein, wo er Gefahr laufen konnte, Leuten zu begegnen, erkannt und ausgelacht zu werden. Über Gräben und Feldwege schlich er dahin wie ein kleiner, verwachsener, unterirdischer Geist, den Kragen in die Höhe geklappt, den Hut tief in die Augen gedrückt.

 

Auf dem Platz vor der Einfahrt verkroch er sich hinter einem der Heuschober und wartete lange, ob sich auch niemand vor den Gebäuden sehen ließ.

 

Die drei weißen zusammenhängenden Flügel schimmerten im Mondschein. Und durch die gestreiften Vorhänge vor den Fenstern im Wohnhause schien das Lampenlicht.

 

Manuel glitt näher und näher heran. Er betastete die Mauern und untersuchte die Türen und die Luken. An vielen Stellen war der Kalk abgeblättert, und die nackten Steine guckten hervor. Der Teer war von den Stalltüren geschlissen, schief hingen sie in ihren Hängen. Und der himmelblaue Anstrich an den Türen und Fenstern des Wohnhauses war infolge von Wind und Wetter und Unsauberkeit schmutziggrau geworden.

 

Emanuel seufzte im Herzen tief auf.

 

Gleichzeitig aber juckten ihm die Finger, hier zuzugreifen, zu weißen und zu streichen, die Löcher der schadhaften Strohdächer auszubessern und das Unkraut, das das Pflaster des Hofplatzes dicht überwucherte, auszujäten!

 

Drei Besitzer hatte das Gehöft während dieser fünfzehn Jahre gehabt. Der erste war sechs Jahre hier gewesen, der zweite vier. Und jetzt pfiff auch Rasmus Cornelius, der "dritte Schurke", auf dem letzten Loch.

 

Das Gehöft war in schlechten Ruf gekommen. Es war ein "Bankrottgehöft" geworden. Niemand konnte sich dort halten.