Die schönsten russischen Märchen - Volksmund - ebook

Die schönsten russischen Märchen ebook

Volksmund

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Opis

Ihr Reiz des Geheimnisvollen speist sich aus dem Reichtum der russischen Erzähltradition: Märchen voller Fantasie, die schon Generationen verzauberten. Diese großartige Sammlung der schönsten und wichtigsten Märchen aus der Feder bekannter Erzähler präsentiert sie zusammen mit romantischen, zauberhaften und prächtigen Illustrationen des berühmten Ivan Bilibin. »Baba Jaga«, »Bruder und Schwester«, »Der Zarensohn und sein Diener«, »Wassili und der graue Wolf« und viele weitere zeigen eindrucksvoll, welch grandioser Schatz in den Erzählungen liegt. Ein Lesevergnügen für Jung und Alt!

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Bild und Heimat

eISBN 978-3-95958-734-1

1. Auflage

© 2015 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: Marc Eberlin, BEBUG

Umschlagabbildung: Iwan Bilibin

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Snegúrotschka

Es war vor langer Zeit. Da lebte der Bauer Iwan mit seiner Frau Maria auf einem schönen Bauernhof in einem abgelegenen kleinen Dorf, fern von Moskau, weit hinten in der sibirischen Provinz. Sie liebten sich und waren sich von Herzen zugetan. Aber leider hatten sie keine Kinder. Die Zeit verging, und sie wurden alt und immer älter. Sie konnten von dem, was sie anbauten und verkauften, gut leben. Doch das leere Kinderzimmer im Haus machte sie beide traurig. Das Einzige, was ihnen Freude bereitete, war, anderen Kindern beim Spielen zuzusehen. Doch so sehr sie sich auch ein Kind wünschten, es wollte sich einfach keines einstellen.’

Es war wieder Winter geworden und in der Nacht hatte es geschneit. Alle Kinder im Dorf rannten nach dem Frühstück auf die Straße und spielten im Schnee. Iwan und Maria setzten sich ans Fenster und schauten den Kindern zu, wie sie herumtollten. Das lustige Treiben auf der Straße machte sie froh und ließ sie für einen Moment ihr eigenes Leid vergessen. Die Kinder begannen einen Schneemann zu bauen. Iwan sagte zu Maria: »Komm, meine geliebte Frau, lass uns auch einen Schneemann bauen!« Maria freute sich über die Idee ihres geliebten Mannes: »Ja, das wird schön. Aber was hältst du davon, keinen Schneemann zu bauen, sondern ein Schneemädchen? Ich wünsche mir schon so lange ein Mädchen, da können wir uns wenigstens eines aus Schnee machen.« – »Du hast recht, geliebte Frau«, erwiderte Iwan, zog sich an, wartete, bis Maria sich ebenfalls angezogen hatte, dann gingen sie gemeinsam hinaus auf die Straße.

Sie formten aus Schnee einen Körper mit Armen und Beinen und einem Kopf. »Gott zum Gruß«, sagte ein Passant. »Was macht ihr da?« – »Sieh selbst ... darf ich vorstellen? Das ist Snegúrotschka«, antwortete Maria und lachte. Sie formte ein Näschen, einen Mund, Augen, Ohren und betrachtete zufrieden ihr Werk. Zum Schluss gab sie dem Schneemädchen einen Kuss auf den Mund. Und plötzlich – fing es an zu atmen. Iwan schaute erstaunt, wie das Schneemädchen die blauen Augen öffnete und mit seinen roten Lippen freundlich lächelte. Die Snegúrotschka bewegte den Kopf, als ob sie lebendig wär, und strampelte mit Beinen und Armen. »Was geht hier vor? Das ist ein Wunder!«, murmelte Iwan und bekreuzigte sich. »Ach, Iwan, Iwan!«, rief Maria aus und strahlte vor Freude. »Gott hat unsere Gebete erhört und uns ein Kind geschenkt!« Der Schnee fiel von dem Mädchen ab wie die Schale vom Ei, und ein lebendiges kleines Mädchen stand vor ihnen. »Meine geliebte Snegúrotschka!«, freute sich Maria und führte das Mädchen freudestrahlend ins Haus. Iwan war immer noch verblüfft über das Wunder und folgte ihnen langsam.

Seitdem lebte Snegúrotschka bei Iwan und Maria. Sie wuchs schnell und von einem Tag zum andern wurde sie immer schöner. Von da an waren Iwan und Maria glücklich über alle Maßen. Das Haus war immer voller Kinder, die Snegúrotschka besuchten. Die Mädchen spielten verschiedene Spiele und sangen mit ihr, lehrten sie alles, was sie selbst wussten.Snegúrotschka lernte alles außerordentlich rasch. So ging es dreizehn Jahre lang. Als es dann wieder Frühling wurde, überfiel eine große Traurigkeit Snegúrotschka. »Was ist dir?«, fragte Maria sie. »Was hast du denn?«, wollte Iwan wissen. Doch Snegúrotschka schüttelte nur den Kopf.

Sie war jetzt ein sehr kluges dreizehnjähriges Mädchen, schön wie ein Kindertraum. Ihre Haut war weiß wie Schnee, die Augen von der Farbe von Veilchen, ihr blonder Zopf reichte bis zum Gürtel, und sie hatte eine wunderschöne Stimme. Oft sang sie bei der Hausarbeit oder auf dem Weg zur Schule, und immer blieben die Leute stehen, um ihre überirdische Stimme noch einen Moment zu hören. Zudem war sie äußerst freundlich gegenüber jedermann und sehr bescheiden. Im Haushalt half sie Maria bei allen Arbeiten. Ihre Eltern waren sehr glücklich. »Schau, Iwan«, sagte Maria zu ihrem Mann, »was für ein Geschenk wir von Gott bekommen haben.« Iwan antwortete: »Gott sei Dank! Die Freude ist nicht ewig, aber der Kummer auch nicht unendlich.«

Die Märzensonne wärmte schon die Erde. Auf den Wiesen brachen die Grasspitzen durch die Schneedecke und die Vögelchen zwitscherten lustig. Die Mädchen sammelten sich auf einer Wiese außerhalb des Dorfes und tanzten einen Chorowod (traditioneller Rundtanz). Sie sangen: »Schöner Frühling, sag uns doch, woher kommst du geflogen?« Snegúrotschka tanzte nicht mit, sie saß abseits und blickte zu Boden. Bald ging sie nach Hause. Als Maria ihre traurige Miene sah, fragte sie: »Was ist denn mit dir, mein Lieblingskind? Bist du krank? Warum bist du so traurig? Hat dich ein böser Bub gekränkt?« Snegúrotschka antwortete ihr jedes Mal: »Es geht mir gut, liebe Mutter. Mach dir keine Sorgen. Ich bin gesund.«

Der Frühling vertrieb den letzten Schnee mit warmen Tagen. Auf den Wiesen, in den Gärten erblühten die ersten Blumen, die Nachtigall sang ihr Lied. Nur die arme Snegúrotschka suchte Schatten, wie ein Maiglöckchen unterm Baum. Sie war traurig und mied die Freundinnen. Eine einzige Sache bereitete ihr noch Freude: sich in der kalten Quelle unter der Weide zu baden. Eines Tages kamen kalter Wind und dicke Wolken. Große Hagelkörner fielen vom Himmel. Snegúrotschka war so froh darüber, als ob es Perlen wären. Als der Hagel aber unter den Sonnenstrahlen bald zu tauen begann, weinte Snegúrotschka bitterlich, wie eine Schwester um ihre Brüder.

Die Mädchen vom Dorf wollten ein paar Tage später im Wald spazieren gehen. Sie kamen zum Hof von Iwan und Maria und fragten, ob Snegúrotschka mit ihnen gehen könne. Maria aber wollte nicht, dass Snegúrotschka das Haus verlässt. Snegúrotschka­ selbst hatte auch keine Lust, in den Wald zu gehen. Doch weil ihre Tochter so oft traurig war, dachte Maria, dass ein Spaziergang die Snegúrotschka vielleicht auf andere Gedanken brächte. Sie zog Snegúrotschka schön an, küsste sie und sagte: »Geh, mein Lieblingskind. Amüsier dich bisschen mit den anderen Mädchen.« Die Mädchen bat sie, auf Snegúrotschka aufzupassen: »Seid vorsichtig mit ihr. Ihr wisst ja, dass Snegúrotschka meine einzige Freude ist.« – »Machen wir«, antworteten alle voller Vorfreude auf den gemeinsamen Spaziergang, nahmen Snegúrotschka in ihre Mitte und gingen zusammen in den Wald. Dort pflückten sie Blumen, machten Kränze daraus und kleine Blumensträußchen und sangen fröhliche Lieder. Snegúrotschka war mitten unter ihnen und schien auch wieder besserer Laune.

Als es Abend zu werden begann, zündeten die Mädchen ein kleines Feuer aus trockenem Gras und Ästen an. Dann standen sie in einer Reihe und sangen das Lied vom Feuersprung. Sie begannen, eine nach der andern, über das Feuer zu springen. Snegúrotschka war als Letzte dran. Nach und nach sprangen die Mädchen, als sie plötzlich eine klägliche Stimme hörten, die »Ach!« sagte. Sie schauten sich erschrocken um. Niemand war zu sehen. Aber auch Snegúrotschka schien wie vom Erdboden verschwunden. »Wahrscheinlich hat sie sich vor uns versteckt«, sagte eine, und sie begannen sie überall zu suchen. Die Mädchen riefen nach ihr. Niemand antwortete. »Wohin ist sie verschwunden?«, fragten die Mädchen. »Wahrscheinlich ist sie heim gelaufen«, sagte eine andere. Sie packten ihre Sachen zusammen und rannten ins Dorf zurück, aber Snegúrotschka war auch dort nicht. Man suchte sie am nächsten Tag, und auch am dritten. Der ganze Wald wurde abgesucht, jeder Baum und Strauch. Snegúrotschka aber blieb spurlos verschwunden.

Lange weinten Iwan und Maria über ihr verlorenes Glück. So rätselhaft, wie sie gekommen war, so war Snegúrotschka auch wieder verschwunden. Erst viel später stellte sich heraus, dass Snegúrotschka während des Sprunges über das Feuer geschmolzen war. Sie hatte sich in ein durchsichtiges Dampfwölkchen verwandelt und war in den Himmel aufgestiegen. Lange Zeit ging die arme Maria noch in den Wald, suchte überall nach Snegúrotschka und rief sie: »Ach, ach, Snegúrotschka! Mein liebstes Kind, komm doch zu mir zurück.« Oft schien es ihr, als antworte die Stimme von Snegúrotschka: »Ach! Ach«, aber das war nur das Echo auf ihre eigenen Rufe.

Baba Jaga

Es lebte einmal eine kleine, wohlhabende Familie mit Vater, Mutter und einer kleinen Tochter namens Mascha. Eines Tages wurde die Frau unerwartet krank und starb. Nach einer angemessenen Trauerzeit heiratete der Mann wieder. Leider war die zweite Frau ein zänkisches, übellauniges, missgünstiges, aufbrausendes Weib, das den Mann mit allerlei dunklen Künsten dazu gebracht hatte, sie trotz allem zu heiraten. Von Anfang an hatte sie nur böse Worte für Mascha, ihre neue Stieftochter, und schlug sie manchmal sogar. Das kleine Mädchen ging ihr auf die Nerven, sie wollte eigene Kinder mit ihrem neuen Mann haben, und die sollten das Erbe nicht teilen müssen. Also sann sie darauf, wie sie Mascha auf dem schnellsten Weg loswerden könne.

Der Vater musste in dieser Zeit einmal für mehrere Tage verreisen. Mascha weinte sehr, als er wegfuhr, denn sie wusste, jetzt würde es ihr richtig schlecht ergehen. Kaum war der Vater aus dem Haus, schrie die Stiefmutter das Mädchen an: »Lauf sofort zu meiner Schwester, du faules Ding. Ich brauche Nadel, Zwirn und reichlich Stoff, um mir ein neues Kleid zu nähen.« Die Schwester der Stiefmutter aber war die Baba Jaga, die böse Hexe. Mascha wagte nicht zu widersprechen und machte sich auf den Weg.

Unterwegs besuchte Mascha ihre Tante Warwara, die Schwes­ter ihrer verstorbenen Mutter. »Guten Tag, liebe Tante«, sagte Mascha und schaute recht traurig drein. »Grüß Gott, meine geliebte Nichte!«, sagte ihre Tante Warwara, die das kleine Mädchen sehr lieb hatte, nahm sie in die Arme und gab ihr einen Kuss auf die Wangen. »Schön, dass du mich besuchen kommst. Aber was schaust du denn so betrübt drein?« – »Ach Tantchen, die Stiefmutter hat mir einen dringenden Auftrag gegeben. Ich muss zu ihrer Schwester gehen, dort Nadel, Zwirn und reichlich Stoff holen.« Als die Tante erfuhr, wo die Schwester der Stiefmutter wohnte, ging sie zu einem kleinen, schwarzen Schrank und nahm verschiedene Dinge heraus. »Gut, dass du vorher zu mir gekommen bist!«, sagte die Tante und reichte Mascha verschiedene Dinge. »Nimm Band, Brot, Öl und Fleisch. Wenn dich eine Birke mit ihren Ästen schlagen will, so binde ihre Äste mit dem Band zusammen. Wenn das Tor quietscht und knallt und dich nicht passieren lassen will, musst du die Türangeln ölen. Wenn die Hunde dich anbellen und beißen wollen, gib ihnen das Brot. Wenn der Kater dein Gesicht und deine Augen zu zerkratzen versucht, gib ihm das Fleisch.« Die Tante umarmte Mascha nochmals, gab ihr einen weiteren Kuss und versicherte sich, dass das Mädchen alles verstanden hatte. Mascha bedankte sich bei seiner Tante und machte sich beklommen auf den Weg.

Der Weg kam ihr endlos lang vor, er führte sie tief in den Wald hinein, der immer dunkler und unheimlicher wurde. Hinter einem großen Zaun sah sie schließlich eine wundersame Hütte auf Hühnerfüßen stehen. Dort wohnte die Schwester der Stiefmutter, die furchtbare Hexe Baba Jaga, und webte. »Guten Tag, Großmutter«, sagte Mascha. Erst beachtete die alte, hässliche Frau Mascha gar nicht. Dann bemerkte sie sie und sagte unfreundlich: »Was willst du?« Mascha antwortete: »Meine Stiefmutter hat mich zu dir geschickt mit der Bitte um Nadel und Zwirn, damit sie sich ein Kleid nähen kann.« Die Baba Jaga grinste gemein und sagte: »Aber ja doch, du sollst alles bekommen. Aber vorher musst du ein bisschen weben für mich.« Das Mädchen setzte sich an den Webstuhl neben dem Fenster und begann zu weben.

Die Baba Jaga ging bald darauf aus dem Zimmer und befahl ihrer Magd: »Ich geh jetzt ins Bett und mache meinen Mittagsschlaf. Heize du die Waschküche, unsere Banja, und wasche das Mädchen gründlich. Nach dem Mittagsschlaf werde ich das Mädchen auffressen.« Mascha aber hörte ihre Worte durch die offenstehende Tür und erschrak sehr. Als die Baba Jaga sich in ihrer Schlafkammer hingelegt hatte, bat Mascha die Magd: »Bitte, zünde kein Feuer im Ofen an, sondern lass das Holz draußen.« Und schenkte der Magd das Tuch. Als die Baba Jaga nachmittags erwachte, schrie sie: »Mascha?« – »Ja, Tantchen?« – »Webst du, du faules Stück?« – »Aber ja, ich webe, Tantchen«, antwortete Mascha.

Währenddessen kam der Kater der Baba Jaga ins Zimmer und betrachtete Mascha misstrauisch. Die beugte sich zu ihm, streichelte ihn ein bisschen und flüsterte: »Brüderchen Kater, sag mir, wie kann ich von hier fliehen?« Dann gab sie ihm die Hälfte vom Fleisch aus ihrem Korb, damit er ihr nicht das Gesicht zerkratzte. Der Kater, dem das Streicheln und das Fleisch gut gefielen, sagte besänftigt zu ihr: »Hör gut zu. Auf dem Tisch liegen Handtuch und Kamm. Nimm beide und lauf schnell davon, so schnell du kannst. Die Baba Jaga wird dich verfolgen. Du musst laufen wie der Wind. Lege dich ab und zu hin und lege dein Ohr auf die Erde. Wenn du das Trampeln der Baba Jaga schon ganz nah hörst, so wirf den Kamm auf die Erde. An dieser Stelle entsteht sofort ein dichter Wald. Der Wald wird die Baba Jaga aufhalten. Währenddessen musst du in Windeseile weiterlaufen. Wenn du wieder hörst, dass die Baba Jaga näher kommt, dann wirf das Handtuch auf den Boden. Sofort wird an dieser Stelle ein Fluss fließen, das verschafft dir weiteren Vorsprung.« Mascha nahm den Kater auf den Arm und küsste ihn auf den Kopf. »Vielen Dank, Brüderchen Kater«, sagte sie, setzte ihn wieder ab, gab ihm den Rest vom Fleisch, nahm Kamm und Handtuch und schlich sich aus der Hütte.

Vor der Hütte schlugen die gefährlichen Hunde der Baba Jaga an und wollten das Mädchen in Stücke reißen. Mascha gab ihnen das Brot, daraufhin ließen die Hunde sie in Ruhe. Sie kam zum Tor und wollte es öffnen, doch es quietschte schrecklich laut und wollte sich sofort wieder schließen. Das Mädchen goss Öl auf die Türangeln, das Quietschen hörte auf, und das Tor ließ sie freundlich passieren. Außerhalb des Zauns standen viele Birken, die breiteten ihre Äste aus, um Mascha aufzuhalten. Doch das Mädchen knotete die Äste der Birken mit dem Band zusammen. Die Birken konnten sie nun nicht mehr aufhalten. Mascha rannte los, so schnell sie konnte, ohne zurückzuschauen. Inzwischen hatte sich der Kater an den Webstuhl neben dem Fenster gesetzt und begann zu weben. Die Baba Jaga schreckte kurz hoch und schrie: »Webst du, Mädchen? Webst du?« Der Kater antwortete mit verstellter Stimme: »Ich webe, Tantchen, ich webe.«

Doch die Baba Jaga erkannte, dass das nicht Maschas Stimme war. Sie stand auf, lief ins Zimmer und blieb voller Zorn stehen. Da saß der Kater am Webstuhl neben dem Fenster und webte. Die Baba Jaga schrie: »Du Betrüger, du elender Wicht! Wo ist das Mädchen?« Der Kater entgegnete in aller Gemütsruhe: »Die ist weg.« Die Baba Jaga schien vor Wut fast zu platzen. Sie brüllte: »Warum hast du das Mädchen nicht festgehalten? Weshalb hast du ihr nicht das Gesicht zerkratzt? Das wäre deine Aufgabe gewesen. Du hast mich enttäuscht. Und du weißt, was mit denen passiert, die mich enttäuschen.« Der Kater antwortete: »Ach Baba Jaga. Ich diene dir nun schon seit vielen Jahren. Aber noch nie hast du mir etwas zu essen gegeben, außer stinkende alte Reste. Das Mädchen aber hat mir ein Stück köstliches Fleisch geschenkt. Verstehst du den Zusammenhang?« Die Baba Jaga schaute ihn zornerfüllt an und sah so aus, als wolle sie ihn gleich in Stücke reißen. Doch das Mädchen zu fangen war jetzt erstmal wichtiger.

Die Baba Jaga lief zu den Hunden, die vor der Hütte angebunden waren, und schrie sie an: »Warum habt ihr das Mädchen nicht in Stücke gerissen, warum habt ihr sie nicht hundertfach gebissen?« Die Hunde entgegneten gelassen: »Baba Jaga, wir stehen schon seit vielen Jahren in deinen Diensten. Doch du gabst uns immer nur verdorbene Reste zu essen. Das Mädchen aber hat uns frischgebackenes Brot hingelegt. Verstehst du den Zusammenhang?« Die Baba Jaga winkte wütend ab und lief zum Tor: »War­um hast du nicht gequietscht, nicht geknallt? Warum hast du das vermaledeite Mädchen durchgelassen?« Das Tor antwortete ruhig: »Ach Baba Jaga. Ich diene dir schon seit vielen Jahren. Doch du hast mir nicht einmal die Angeln geschmiert. Das Mädchen aber hat frisches Öl über die Zapfen gegossen. Verstehst du den Zusammenhang?«

Die Baba Jaga lief weiter zu den Birken: »Warum habt ihr das Mädchen nicht mit euren Ästen festgehalten?« Die Birken antworteten: »Wir dienen dir schon seit vielen Jahren. Doch du schenkst uns keinerlei Aufmerksamkeit. Das Mädchen aber hat uns ein hübsches Band um die Äste gebunden. Verstehst du den Zusammenhang?« Die Magd war der Baba Jaga hinterhergelaufen, um sich das Spektakel anzuschauen. Da drehte sich die Baba Jaga um und begann nun die Magd zu beschimpfen: »Du dummes Ding! Wieso hast du mich nicht geweckt? Warum hast du nicht gerufen? Warum hast du das Mädchen laufen lassen?« – »Ach Baba Jaga. Ich arbeite schon so viele Jahre für dich. Doch du hast noch nie ein freundliches Wort für mich gehabt. Das Mädchen aber hat nicht nur sehr freundlich mit mir gesprochen, sondern mir obendrein ein Tuch geschenkt. Verstehst du den ...?« Doch bevor die Magd den Satz aussprechen konnte, hatte die Baba Jaga schon abgewunken und war davon gerast.

Die Baba Jaga setzte sich in ihre tieffliegende Reibschale und verfolgte Mascha mit Höchstgeschwindigkeit knapp über dem Erdboden dahinrasend. Mit dem Stößel gab sie Schub, mit dem Besen verwischte sie gleichzeitig ihre Spur. Mascha rannte inzwischen weiter und weiter. Dann kniete sie sich hin, hielt ihr Ohr an die Erde und hörte, wie ein mächtiges Rumpeln und Pumpeln immer näher kam. Die Baba Jaga musste also schon ziemlich in der Nähe sein. Mascha holte den Kamm aus ihrer Kitteltasche und warf ihn rückwärts über die rechte Schulter. Wo der Kamm auf die Erde fiel, wuchs in Windeseile ein hoher Wald aus dem Boden mit dichtem Unterholz. Die Wurzeln der Bäume reichten tief ins Erdreich, die Gipfel reckten sich dem Himmel zu. Schon kam die Baba Jaga angeflogen. Sie versuchte durch den Wald hindurch zu fliegen, doch die Bäume standen zu dicht. Um hindurch zu kommen, musste sie erst mühsam die Bäume einzeln umknicken und die dicksten Äste durchbeißen.

Mascha aber machte keine Pause und lief weiter. Dann kniete sie erneut nieder, legte ihr Ohr auf den Boden und horchte, ob die Baba Jaga endlich aufgegeben habe. Aber stattdessen hörte Mascha schon wieder das Rumpeln und Pumpeln in der Erde, das von der Reibschale und dem Stößel der Baba Jaga herrührte. Die schreckliche Hexe musste schon wieder ganz nah sein! Mascha nahm das Handtuch aus ihrer Kitteltasche und warf es rückwärts über die rechte Schulter hinter sich. Wo es auf die Erde fiel, floss plötzlich ein Fluss, sehr breit und sehr tief. Schon kam die Baba Jaga angeflogen, musste aber am Ufer anhalten, da ihre Reibschale nicht über Wasser fliegen konnte. Sie knirschte vor Zorn mit den Zähnen. Dann zauberte sie eine Herde von Stieren herbei, die den Fluss aussaufen sollten. Die Stiere tranken und tranken. Doch das Wasser wurde nicht weniger. Die Baba Jaga konnte ihre Wut kaum noch beherrschen. Schließlich kniete sie sich selbst ans Ufer und begann zu saufen. Sie schluckte und schluckte und schluckte, ihr Bauch schwoll immer mehr an, bis sie schließlich in tausend Stücke zerplatzte.

Abends kehrte Maschas Vater nach Hause zurück, fand das Haus leer, bis auf seine neue Frau, und fragte sie: »Wo ist denn Maschenka, mein geliebtes Töchterchen?« Die Frau antwortete schnippisch: »Sie ist zu meiner Schwester gegangen, um sie um Zwirn und um eine Nadel zu bitten. Das ungezogene Ding ist aber noch nicht zurückgekommen.« Der Vater war daraufhin sehr besorgt und wollte Maschenka suchen gehen. Da hüpfte das Mädchen fröhlich ins Haus herein, vom Laufen noch ganz außer Atem. »Wo warst du denn?«, fragte ihr Vater sie. »Ach, geliebtes Väterchen. Die Stiefmutter hatte mich zu ihrer Schwes­ter geschickt. Die Schwester aber ist die Baba Jaga, die furchtbare Hexe! Sie wollte mich fressen. Ich bin ihr nur mit knapper Not entkommen. Der Kater, die Hunde, das Tor und die Birken haben mir geholfen, ganz wie es Tante Warwara vorhergesagt hatte.« Als der Vater das erfuhr, nahm er einen eisernen Besen und vertrieb damit das böse, zänkische, hochmütige und heimtückische Weibsbild aus dem Haus. Seitdem wohnte er allein mit Maschenka zusammen, glücklich und in Frieden.

Jemelja oder Auf des Hechts Befehl

In einem Dorf weit im Norden Russlands lebte einmal ein alter Mann, der hatte drei Söhne. Zwei von ihnen, Iwan und Oleg, waren klug und fleißig. Der dritte hieß Jemelja und war nicht besonders schlau, dazu ziemlich faul, aber alles in allem ein netter Kerl. Iwan und Oleg waren bereits verheiratet und arbeiteten den ganzen Tag im Stall und in den Scheunen des elterlichen Hofes. Jemelja aber lag auf der Petschka, dem riesigen, wohlig warmen Kachelofen in der Ecke der Wohnstube und tat überhaupt nichts.

Es war immer noch tiefer Winter. Oleg und Iwan wollten mit dem Schlitten zum Markt in die nächste Stadt fahren und sagten zu Jemelja: »Wir sind morgen den ganzen Tag unterwegs, kümmere dich um die Tiere im Stall und die Vorräte in den Scheunen, hilf unseren Frauen, dann kaufen wir Geschenke für dich.« – »Was für Geschenke?«, wollte Jemelja wissen. »Ein rotes Hemd, eine Mütze und Süßigkeiten«, antwortete Iwan. »Einverstanden«, antwortete Jemelja. Am nächsten Morgen fuhren seine Brüder mit dem Schlitten los zum Markt, um Obst und Gemüse zu verkaufen. Ihre Ehefrauen gingen zu Jemelja und sagten: »Hol uns bitte Wasser, Jemelja!« Doch der blieb auf dem Ofen liegen. »Hab keine Lust«, sagte er und drehte sich um. »Dann kriegst du keine Geschenke«, sagten die Frauen. »Mir egal!«, brummte Jemelja. »Aber du hast es versprochen«, mahnten ihn die Frauen. Da gab Jemelja nach. »Na gut«, sagte er missmutig, kletterte vom Ofen herunter, nahm zwei Eimer und eine Axt und ging zum Fluss hinunter.

Jemelja schlug ein Loch ins Eis und schöpfte Wasser mit den Eimern. Da sah er im Eisloch einen Hecht. Er griff nach dem Hecht und zog ihn aus dem Wasser. Er freute sich über den schönen Fang. »Das wird eine köstliche Fischsuppe geben.« Er wollte den Hecht schon töten, da sprach der auf einmal mit Menschenstimme zu ihm. »Jemelja, lass mich leben! Wirf mich bitte wieder ins Wasser, zum Dank werde ich dir Gutes tun.« Doch Jemelja wollte den Fisch mit nach Hause bringen und den Frauen und seinen Brüdern zeigen, dass auch er in der Lage war, essen zu beschaffen. Also sagte er zum Fisch: »Nein, ich lass dich nicht mehr frei. Meine Brüder, ihre Frauen und Kinder werden mir dankbar sein für den schönen Fisch.«

Da flehte der Hecht ihn an: »Jemelja, wirf mich bitte wieder ins Wasser. Zum Dank werde ich dich glücklich machen, alle deine Wünsche sollen in Erfüllung gehen!« Ungläubig schaute Jemelja den Hecht an. »Wie soll das gehen? Beweis es mir! Wenn du die Wahrheit sagst, werf ich dich wieder ins Wasser.« Der Hecht antwortete: »Sag einfach leise: Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s! Dann sag deinen Wunsch.« Jemelja war immer noch nicht überzeugt, aber er dachte, probieren kann ja nicht schaden, und sagte: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s: Die Eimer voller Wasser gehen allein nach Hause.«

Und wie staunte Jemelja, als die Eimer tatsächlich von selber nach Hause schwebten. Wie er versprochen hatte, warf Jemelja den Hecht ins Eisloch zurück und ging den Eimern hinterher. Die Eimer schwebten ins Haus und stellten sich in der Küche in Reih und Glied auf. Als die Frauen nach Hause kamen, lobten sie Jemelja für seinen Eifer, und die Brüder gaben ihm die versprochenen Geschenke. Ein paar Tage später baten die Schwägerinnen Jemelja, ihnen Holz zu hacken. Zuerst wollte Jemelja den warmen Ofen nicht verlassen, dann aber erinnerte er sich an den Hecht. Er stapfte hinaus auf den tief verschneiten Hof und sagte: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s. Axt, marsch voran und Holz gehackt. Und du, Holz, komm allein ins Haus und schichte dich neben dem Ofen auf!« Gesagt – getan. Blitzschnell hackte die Axt von alleine die großen Scheite zu kleinen Scheiten entzwei, das Holz schwebte ins Haus und stapelte sich fein säuberlich neben dem Ofen auf, bereit, zum Heizen in den Ofen gesteckt zu werden. Die Schwägerinnen waren voll des Lobes für Jemelja, als sie nach Hause kamen. Der aber lachte. Er brauchte nur noch die Zauberworte zu sagen, und die Arbeit erledigte sich wie von selbst.

Ein paar Tage später baten die Schwägerinnen: »Jemelja, wir haben kein Holz mehr. Fahr doch bitte mit dem Schlitten in den Wald und hole einen von den letztes Jahr gefällten Baumstämmen.« Jemelja brummte erst widerwillig, ließ sich dann aber doch überreden. Er griff nach der Axt und einem Strick, ging hinaus auf den Hof, setzte sich in den Schlitten und knallte mit der Peitsche. Dann rief er: »He, ihr Frauen, macht das Tor auf!« Die Schwägerinnen erwiderten: »Jemelja, hast du den Verstand verloren? Du sitzt im Schlitten, du Narr, und hast kein Pferd eingespannt!« Jemelja aber flüsterte leise: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s – Schlitten, fahr los!«

Und zum großen Erstaunen der Frauen fuhr der Schlitten ohne Pferd los und sauste immer schneller davon. So schnell fuhr der Schlitten, dass er zahlreiche Fußgänger, die auf den Straßen und Wegen unterwegs waren, dazu zwang, im letzten Moment in den Straßengraben zu springen, um einen Zusammenstoß mit dem Schlitten zu vermeiden. So kam Jemelja schnell in den Wald. Er befahl dem Schlitten zu halten. Vor ihm lagen die riesigen Baumstämme, die sie letztes Jahr gefällt und im Wald hatten liegen lassen, damit das Holz gut ablagere und trocken werde, zum Heizen und zum Bauen. Der Axt befahl er nun, einen der Baumstämme in Scheite zu zerteilen, so viel, dass der Schlitten hoch beladen war. Dann kletterte er oben auf Holzstapel im Schlitten, setzte sich und flüsterte: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s – Schlitten, fahr zum Hof zurück.« Und schon sauste der hoch beladene Schlitten nach Hause, wo die Schwestern ihn und das Holz jubelnd begrüßten.

Es dauerte nicht lange und der Zar hörte von Jemelja und seinen Heldentaten. Er schickte einen Boten, der Jemelja einladen sollte, zum Zaren ins Schloss zu kommen. Der Bote erschien auf dem Hof, ging in die Stube der Isba (Holzwohnhaus) und sagte zu dem auf der Petschka liegenden Jemelja: »Zieh dich an, ich bring dich zum Zaren.« Doch Jemelja zuckte nur mit den Schultern. »Hab keine Lust«, sagte er und drehte sich um, um weiterzuschlafen. Der Bote wurde wütend und gab ihm einen Tritt. Jemelja flüsterte: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s: Keule, verpass ihm eine ordentliche Tracht!« Die Keule flog durch die Luft und versetzte dem Boten ein paar deftige Schläge. Wehklagend schrie der Bote um Hilfe und rannte fort, so schnell er konnte.

Der Bote berichtete dem Zaren, dieser Jemelja sei ein übler Bursche, er sei in der Nähe des Hofs überfallen und verprügelt worden von Jemelja und vielen seiner Männer. Die Übermacht sei so groß gewesen, dass er nur die Flucht ergreifen konnte. Der Zar war außer sich vor Wut, als er das hörte. Er schickte seinen ältesten Bojaren, den höchsten Würdenträger am Hof, zu Jemelja. Er schärfte dem noblen Adligen ein: »Bring mir diesen Jemelja, den Narren und Verbrecher, hierher ins Schloss, sonst kostet es dich den Kopf.« Der kluge Würdenträger nickte und ging los. Allerdings ging er nicht direkt zu Jemelja, sondern hielt an einem kleinen Lädchen an und kaufte einen großen Sack voller Süßigkeiten. Er fuhr dann mit dem Schlitten zum Hof von Jemeljas Eltern, ging in die Wohnstube der Isba und sagte zu Jemelja: »Unvergleichlicher Jemelja, sieh her, ich habe dir Ehrengaben des Zaren mitgebracht«, und öffnete den Sack voller Süßigkeiten.

Jemelja liebte Süßkram und griff daher gierig nach den Sachen. Der Adlige sagte: »Der Zar würde dich, außerordentlicher Jemelja, gerne kennenlernen und eine Kostprobe deiner enormen Kräfte erleben. Er wartet auf dich.« Doch Jemelja antwortete: »Hab keine Lust. Hier auf dem Ofen ist es besser.« Der Adlige sagte: »Aber Jemelja, an seinem Hof hat der Zar noch viel mehr Süßigkeiten und schöne Geschenke für dich.« Jemelja richtete sich widerwillig auf und sagte: »Na gut, geh du voraus, ich komm gleich nach.« Dann flüsterte er: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s. Ofen, fahre zum Zaren.« Und tatsächlich, die Wand der Wohnstube öffnete sich, und der Ofen selbst setzte sich in Bewegung, samt dem gemütlich obenauf liegenden Jemelja.

Die Trompeter am Hof des Zaren kündigten den Reisenden auf seinem seltsamen Gefährt an. Der Zar schaute zum Fenster hinaus und staunte: »Was ist das für ein Teufelswerk?« Der inzwischen ebenfalls eingetroffene Würdenträger schrie ihm zu: »Das ist Jemelja, der viele Mächte hat und sich auf viele Künste versteht. Er kommt auf seinem Ofen zu dir gefahren.« Die ebenso hochmütige wie wunderschöne Zarentochter, die Zarewna Maria, schaute ebenfalls aus dem Fenster, was da für ein Wunderwerk angesaust gekommen war. Jemelja sah sie seinerseits im Fenster stehen, mit ihren langen blonden Haaren, dem schönen Kleid, ihrer Haut so weiß wie Elfenbein und den Augen vom prachtvollsten Himmelsblau, den roten Lippen, dem wohlgeformten Körper, ihren anmutigen Bewegungen, und verliebte sich im selben Moment unsterblich in sie.

Doch Maria wendete sich schon bald wieder vom Fenster ab, als sie sah, dass es nur ein Bauernlümmel war, der auf einer seltsamen Kutsche ohne Pferde, die aussah wie ein Ofen, angereist war. Jemelja flüsterte: »Auf des Hechts Befehl, nach meinem Willen gescheh’s, die Zarentochter soll sich unsterblich in mich verlieben.« Dann ging er in den Thronsaal, um den Zaren zu begrüßen. Der sagte zu ihm: »Da bist du ja endlich, erstaunlicher Jemelja. Aber was muss ich hören. Viele beklagen sich über dich! So bist du mit einem Schlitten ohne Pferde so schnell über die Chaussee gerast, dass viele Menschen in den Straßengraben springen mussten und sich dabei verletzten. Und meinen Boten hast du mit deinen Spießgesellen verprügelt.« Jemelja schüttelte unwillig den Kopf. »Das ist alles Unfug. Die Leute müssen schon selber achtgeben. Und dein Bote hat mir einen Tritt versetzt, weil ich nicht kommen wollte, und ist dabei gestürzt. Wenn du mir sonst nichts zu sagen hast, dann wünsche ich noch einen schönen Tag. Gehabt euch wohl.«

Dann befahl er dem Ofen, ihn heim zu fahren. Der Ofen kam zurück, Jemelja hüpfte darauf, legte sich hin und schlief sofort ein, während der Ofen ihn zu seinem Dorf zurückbrachte. Im Zarenschloss gab es derweil mächtigen Aufruhr. Schreie und Geheul waren zu hören, Türen knallten, Lakaien liefen aufgeregt durcheinander. Der Zar verlangte irritiert zu wissen, was los sei. Ihm wurde geantwortet: Seine Tochter, Maria Zarewna, sei in Liebe entbrannt zu jenem unseligen Jemelja, sie verzehre sich nach ihm, raufe das Haar und schlage sich die Brust vor Verlangen, mit ihm zusammen zu sein, schreie, dass sie sofort die Frau des einzigartigen, wunderbaren, wirkungsmächtigen, durchsetzungsstarken, einfühlsamen, körperbewussten Jemelja werden wolle.

Der Zar geriet darüber in große Wut. Seine einzige Tochter werde auf keinen Fall die Frau eines Dorftrottels, schrie er. Das komme gar nicht in Frage. Hier seien ganz offenbar zauberische, überirdische oder teuflische Mächte im Spiel. Jener Jemelja sei ganz offensichtlich ein heimtückischer Hexer, der schnellstmöglich vom Angesicht der Erde ausgelöscht werden müsse. Die Zarewna solle jetzt umgehend zur Vernunft zurückkehren, sonst werde er andere Saiten aufziehen. Er habe bereits einen würdigen Gatten für sie auserwählt, Erbe eines großen Reiches, ein stattlicher, repräsentativer Mann. Dieser habe für nächste Woche seinen Besuch angesagt, um endgültig um ihre Hand anzuhalten. Die Zarewna Maria aber weinte und sagte, sie könne ohne den Jemelja, der einen unauslöschlichen, bis ins Innerste eindringlichen Eindruck bei ihr hinterlassen habe, nicht mehr leben.

Der Zar ließ nach Helfern aussenden. Ein Kirchenbischof, eine weise Frau und ein schamanischer Heiler vermochten es jedoch nicht, die Zarewna Maria von ihrer Leidenschaft für den Jemelja zu heilen. Da sah der Zar ein, dass die Partie verloren war. Er entschloss sich, der Sache ein drastisches Ende zu bereiten. Er schickte nach dem Jemelja aus. Der Bote, der in der Isba vorsprach und bis zu Jemelja auf der Petschka vorgelassen wurde, log ihm vor, der Zar habe eine große Belohnung für seine Heldentaten vorbereitet und wolle ihn jetzt mit den höchsten Würden des Zarenreiches ehren. Er solle nur rasch in den Kreml kommen, dort werde heute noch ein großes Fest gefeiert zu seinen Ehren. Jemelja zog sich widerwillig an und wünschte sich zum Kreml, wo er lange vor dem Boten eintraf. Dort wurde er allerdings schon von zehn großen starken Männern erwartet, die ihn überwältigten, mit Eisenketten fesselten und seinen Mund mit einem Knebel verschlossen, so dass er keine geheimen Zaubersprüche mehr sagen konnte. Ebenso verbanden sie ihm die Augen, damit er nichts mehr sehen konnte. Dann ließ der Zar ein großes Fass mit Eisenreifen herbeischaffen. In dieses Fass schloss man den gefesselten Jemelja und die Zarewna ein. Dann versiegelte man es mit Pech und warf es ins Meer.

Die Zarewna war trotz allem einfach nur glücklich, mit ihrem Traummann zusammen zu sein. Sie streichelte ihn zärtlich am ganzen Körper, flüsterte ihm Liebesworte ins Ohr, massierte ihm liebevoll die Schläfen, küsste ihn anmutig hier und da, und nahm auch den Knebel von seinem Mund. Als Letztes entfernte sie das Band, das ihn am Sehen gehindert hatte. Jemelja sah sich um, alles war finster und eng. Dennoch war er zufrieden, mit seiner Traumfrau Arm in Arm zusammen zu sein. In der stockfinsteren Dunkelheit im Fass umarmten sich die beiden und erkannten sich auch ohne große Worte und ohne Licht. Auf Dauer war es allerdings etwas unbequem im Fass, außerdem hatten sie bald Hunger, und die Zarewna musste auch auf die Toilette.